3.

Aufblende

xxx

Es hatte keinen Zweck, es zu leugnen...

Seto Kaiba war weit unten, direkt in der Hölle angekommen.

Und er liebte es.

Er sank in die weiche Lehne zurück und öffnete lange Zeit die Augen nicht. Auch wenn es unmöglich war, es durch die Verkleidung des Ferrari deutlich zu erkennen, hörte er das leise Prasseln von Regen gegen die Scheiben. Es passte zusammen...der Ausbruch des Gewitters draußen, und der Ausbruch, der ihm seine Selbstkontrolle fortgerissen hatte, hier im Schutz des Wagens.

Er lauschte seinem eigenen Keuchen, spürte das Surren seiner schmerzenden Muskeln, das Zucken seiner von diesem tückischen kleinen Mund bis aufs Äußerste zerriebenen Nerven, und fühlte sich ausnahmsweise wie ein Körper, wie Fleisch, und nicht wie ein eisgekühltes, präzises Computerprogramm.

Das war selten. Und es fühlte sich ausgezeichnet an.

Wenn Seto Kaibas solche Worte benutzt hätte, hätte er sich gesagt, es war ein himmlischer Moment. Aber Seto Kaiba benutzte solche Worte nicht, und der Moment war, wie alles Schöne, nicht von Dauer.

Es verging einige Zeit, bis sein Verstand allmählich durch den blutroten lustvollen Nebel wieder zu ihm durchbrach, aber er kam unaufhaltsam.

Mit seinem Verstand kehrten die Gedanken zurück, und er fühlte das alte, vertraute Gefühl der Scham eiskalt seinen Rücken hochkriechen.

O nein. Nein. Nein. Wieso hatte er es zugelassen...? Zugelassen, dass sich seine eigenen Bedürfnisse vor die seines Bruders schoben? Wie hatte er es zulassen können, ihn so zu...benutzen...?

Setos Selbsthass, sein ältester und engster Gefährte – trotz Mokuba – quälte ihn leise und anhaltend. Seinen kleineren Bruder zu begehren, war eine Sache. Seinen Mund als Abschussrampe für die eigenen Triebe zu missbrauchen, eine komplett andere.

Er wusste, dass er selbst verloren war, dass er für ein normales, erfülltes Leben, für die Liebe restlos verloren war. Er wusste, dass für ihn keine Liebe existieren konnte – wusste es, seit er bemerkt hatte, dass seine Augen so kalt und tot waren wie die des Mannes, der ihn erzogen hatte, dass Gefühle ihn nur als vage Schatten berührten, und dass ihm der Anblick des Weißen Drachen, wenn er ein anderes Monster niedermachte, eine bessere Erektion verschaffte als streichelnde Hände es vermochten. Und das der einzige Mensch, der in ihm einen Funken Lust entzünden konnte, sein eigener kleiner Bruder war, den zu beschützen er sich vorgenommen hatte.

Seine Seele – falls man davon sprechen konnte – war für immer beschmutzt, verdorben, krank, seit er den Fuß über Gozaburos Türschwelle platziert hatte.

Aber er hatte immer geglaubt, dass er Mokuba davor retten konnte. Den einzigen Menschen, der ihn zumindest ahnen ließ, was Liebe bedeutete.

Und nun war es soweit. Er hatte das einzige ansatzweise reine Gefühl in seinem Herzen im Schmutz zertreten. Er hatte den einzigen unbefleckten Menschen, den er kannte, mit in die Abgründe seiner verdrehten Leidenschaften gezogen. Er hatte Mokuba mit seinem eigenen Dreck beworfen, und nun erstickte sein Bruder daran.

Seto wagte es nicht, zu der kleinen Gestalt herunterzublicken, die noch immer zwischen seinen Beinen am Boden kauerte. Entsetzt und beschämt hörte er den Schatten unter sich leise husten und ein Geräusch ausstoßen, das sich verdächtig nach „Yech!Yech!Yech!" anhörte. Zu allem Überfluss merkte er auch, dass der Kleinere sich bemühte, so leise wie möglich zu Husten, um seinen älteren Bruder nicht zu stören.

Mokuba, dachte Seto mit einem Stich im Herzen. Das war so typisch für ihn.

Er schaffte es nicht, herunterzusehen und diesen offenen, lavendelfarbenen Augen zu begegnen. Er wollte den Ausdruck auf Mokubas Gesicht nicht sehen. Er fürchtete, er würde Angst entdecken...oder Reue...oder eins der anderen Gefühle, die er selbst im Augenblick durchlebte.

Nach einer Weile rührte sich der dunkle Umriss zu seinen Füssen, und dann merkte Seto, wie die kleine Gestalt sich erhob und sich kraftlos neben ihm auf dem Rücksitz zusammenrollte.

Er hörte Mokubas leise, unregelmäßige Atemzüge neben sich. Er fühlte die Hitze des verschwitzten Körpers.

Ein Teil von ihm wollte diesen zerbrechlichen Körper an sich reißen, ihn an seine erkaltete Brust pressen und nie wieder loslassen – als hätte er nicht den letzten Rest Schönheit zwischen ihnen vernichtet, indem er in den Hals seines kleinen Bruders abgespritzt hatte.

Aber der andere, viel stärkere Teil flüsterte ihm ein, dass es unmöglich war, diesen heißgeliebten Körper mit den Händen anzufassen, die ihn noch eben mit Gewalt auf seinen harten Schwanz heruntergepresst hatten. Diesen Händen, die allem Gerede von Liebe und Zärtlichkeit spotteten.

Du hast es versucht, kleiner Bruder, dachte er. Und du siehst, was dabei herauskommt.

Seto hätte weinen können – wenn seine Augen das hergegeben hätten, aber das taten sie schon Ewigkeiten nicht mehr.

Sie schwiegen in der Dunkelheit. Eine unbestimmte Masse Zeit quälte sich an Seto vorbei, während er in seiner selbsterschaffenen Hölle brannte.

Plötzlich hörte er neben sich einen Laut – ein kleines, helles Geräusch, das eine Vielzahl von verworrenen Gefühlen in ihm lostrat. Ein Geräusch, das er von allen am allerwenigsten erwartet hatte.

Mokuba lachte.

Und da war keine Furcht in seiner Stimme, keine Trauer, keine Verstörtheit. Es war ein klares Lachen, etwas verlegen, aber hell und rein und fast unbeschwert.

Eine verschwitzte Hand stahl sich an Setos Wange und fuhr langsam daran auf und ab. Die Bewegung war so liebevoll, dass sich Setos Abscheu vor sich selbst noch ungeahnt verschärfte. Mokubas Fähigkeit, ihn zu lieben – die Bestie, die er war – schmerzte ihn mehr als alles andere.

Mokuba krächzte: „Ich...schätze, ich muss aus diesen verdammten Sachen raus."

Dieser trockene Kommentar kam so unerwartet, dass Seto sich schließlich doch umwandte.

Erstaunlicherweise wurde er durch seinen Lieblingsanblick belohnt. Das Gesicht seines kleinen Bruders zierte ein schiefes Grinsen, die Wangen blühten in zartem Rosa, in den klaren Augen stand ein vertrauensvolles Funkeln.

Mokuba sah nicht aus, als wäre er mit Dreck beworfen worden. Er sah überhaupt nicht aus, als stünde er an einem Abgrund. Er sah heiter und froh und verliebt aus.

Und für eine Sekunde begann Seto zu hoffen, dass die letzte Seite ihrer Tragödie noch nicht umgeblättert war – und noch vielmehr, dass es vielleicht keine Tragödie werden musste. So verrückt das auch war.

Als sein älterer Bruder ihn nur stumm ansah, wandte Mokuba sich schließlich verlegen ab und begann, sich wortlos aus den besudelten Kleiderresten zu schälen.

Er streifte das zerfetzte Hemd ab, und Seto konnte nicht anders, als einen eingehenden Blick auf den katzenhaft geschmeidigen Oberkörper zu werfen. So unähnlich sie sich auch sonst sahen, ihr Körperbau war ähnlich...beide waren sie nicht breit oder muskulös, aber ihre Körper waren trotzdem stark und beweglich. Seto hatte breitere Schultern, aber Mokuba war biegsamer. Seto fragte sich unweigerlich, wie weit diese Biegsamkeit wohl reichte...er versuchte, den Gedanken zu verdrängen, aber es ging nicht.

Nachdem er das Hemd – das nun ohnehin nur noch einem lädierten Putzlappen ähnelte – achtlos in den hinteren Teil des Wagens verfrachtet hatte, machte Mokuba sich daran, seine Hose loszuwerden, die ihrerseits kaum noch zu retten war.

Seto beobachtete ihn, wie er sich mit selbstvergessener Anmut aus seinen Sachen pellte, und staunte. Er hatte seinem kleinen Bruder sicher schon mehrere tausend Male beim An- und Auskleiden zugesehen, ohne sich etwas dabei zu denken – warum war ihm vorher nie aufgefallen, dass Mokuba es so hinreißend machte, dass er Eintritt hätte verlangen können...?

Aber nein, das war das Beste daran. Mokuba konzentrierte sich vollkommen darauf, seinen störrischen Hosenverschluss zu öffnen, und merkte nicht einmal, dass der Ältere sich an seinem Anblick ergötzte. Soviel ahnungsloser Sex war einfach zu viel für Seto. Er verspürte einen leisen, süßen Stich in der Leistengegend und ahnte, dass sie weitertreiben würden, was auch immer sie da begonnen hatten. Hatte Mokubas Lächeln seine Scham fürs erste vertrieben, lockte sein Auskleiden Setos Spieltrieb wieder heraus.

„Du weißt überhaupt nicht, wie toll das aussieht, oder?" murmelte Seto heiser. Er merkte, wie das nachtschwarze Verlangen wieder von ihm Besitz ergriff.

„Uh?" Mokuba fuhr vom Kampf mit seiner Hose auf und wandte sich seinem Bruder zu. Die Ahnungslosigkeit in seinem Blick war hinreißend. „Was meinst du...?"

„Du hättest nicht zufällig was dagegen, das da..." Seto spürte, wie das Vergnügen ihm den Hals austrocknete. Es machte ihn verlegen, so etwas zu sagen – diese Art von Freude zuzugeben – aber es war wohl zwecklos, sich zu verstellen. „Das da etwas langsamer zu machen...?"

„Was! Oh...!" Mokuba bemerkte das wohlige Gurren in Setos Stimme, und begriff. Er blickte überrascht zwischen seinen Händen auf dem Hosenschlitz und Setos Gesicht hin und her, und das Rosa auf seinen Wangen wurde zu einem satten Rot.

Er lachte schüchtern. „Ich...na schön."

Unbeholfen unter den Blicken seines Bruders, versuchte er, dem Ausziehen eine erotische Note zu verleihen. Es missglückte ihm ziemlich. Irgendwie angespornt, aber zögernd, was der Ältere wohl sehen wollte, begann er erst, sich die Hose von den schlanken Hüften zu schieben, dann schienen ihm aber seine Socken einzufallen. Er versuchte, seine geringelten Socken so schnell wie möglich loszuwerden, was wiederum von der Hose erschwert wurde, die auf halber Höhe seine schlanke Schenkel bedeckte.

Es war nicht zu vergleichen mit der Sinnlichkeit von eben, als er so unwissend angefangen hatte, sich auszuziehen. Aber Seto kostete es trotzdem aus. Er wusste, dass Mokuba sich nur seinetwegen in diese Verlegenheit stürzte, und es war furchtbar rührend. Außerdem war es keine schlechte Rache für die Folter, die er Seto mit seinem Mund verabreicht hatte.

Schließlich hatte sich Mokuba von Hose und Socken befreit, und zum Vorschein kam...

Seto kniff die Augen zusammen. Was war das...?

Normalerweise hatte sein kleiner Bruder unschuldige kindliche Boxershorts in unmöglichen Mustern an, aber das war...das da...nun, es WAR eine Shorts, aber es war ziemlich schwarz und ziemlich seiden und ziemlich knapp und...

„Mokuba..." Es war das erste Mal, das Seto diesen Namen sagte, nachdem er eben über seinen kleinen Bruder hergefallen war. Und er stellte erleichtert fest, dass es sich nicht fremd und verachtenswert anhörte, es zu sagen. Es hörte sich schön und vertraut an – wie immer.

„Äh...?" Mokuba sah abwesend auf und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Versuch, für seinen Bruder zu strippen, schien ihn sehr in Anspruch zu nehmen.

Seto streckte den Finger aus und deutete auf das fremde Kleidungsstück. „Du hast...das da...hast du das extra neugekauft?"

Das Rot auf Mokubas Gesicht wechselte in ein ausgeprägtes Violett. „Ähm..." Er vermied es, seinen älteren Bruder anzusehen. „Ich wollte zu meinem ersten Mal nicht in Simpsons-Shorts antreten," Gestand er, eingehend den Boden betrachtend.

Seto musste sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen. Anders als Mokubas Lachen hörte sich seins immer etwas grimmig an, er konnte nichts dagegen tun. Und er wollte seinen kleinen, motivierten Verführer nicht unnötig erschrecken.

„Du...hast meinetwegen sexy Unterwäsche eingekauft...?"

Der Gedanke, wie sein kleiner Bruder scharfe Unterwäsche aussuchte, um ihm zu gefallen, brachte ihn fast um – auf eine heitere Weise. Er nahm sich vor, sich diese Szene später von Mokuba detailreich schildern zu lassen. Später. Wenn ihm nicht mehr so furchtbar heiss war.

„Nicht deinetwegen!" verteidigte der Kleinere sich empört. „Das hab ich nur für mich...damit ich mich wohl fühle und..."

Seto liess Mokuba eine Weile vor sich hinstammeln. Die offensichtliche Scham stand ihm einfach zu schön zu Gesicht. Während er mit halbem Ohr zuhörte, verliebte er sich in den hübschen nackten Bauchnabel, der ihm über dem Bund der Shorts entgegenblitzte.

„...ich brauchte sowieso neue Unterhosen, und ich dachte, ich kann doch mal was kaufen, was irgendwie erwachsener ist, bild dir nicht ein da – "

Mokuba verstummte und atmete zischend die Luft ein. Seto war nähergerückt und hatte seinen Finger spielerisch in den Bund der Shorts eingehakt.

Sein kleiner Bruder verharrte stumm. Sein warmer, flacher Bauch zuckte leicht, als Seto über seinen Bauchnabel strich. Die ebenmäßige Haut unter seiner Hand strahlte Hitze ab. Mokubas Augen waren riesengroße, hungrige Kreise in dem feinen Gesicht.

Seto lächelte, als er merkte, was nur die Berührung seiner Hand in dem Kleineren auslöste. Er kannte Sex zwar bisher nur vage aus Büchern und dem Internet, aber er wollte doch sehen, ob er seinen kleinen Bruder so verrückt machen konnte wie dieser ihn. Er schuldete Mokuba noch etwas für die kleine Lehrstunde von eben. Zeit für einen Rollentausch.

„Lass mich das für dich machen," bot er höflich an, und mit einer einzigen Bewegung seiner Hand hatte er das störende Wäscheteil abgestreift.

Amüsiert hörte er, wie Mokuba ein leises erschrockenes Quietschen unterdrückte, als er sich seiner plötzlichen Nacktheit bewusst wurde. Aber er hatte nicht viel Zeit, seinen älteren Bruder entgeistert anzusehen, denn dieser hat vollkommen andere Pläne.

Innerhalb eines Augenblickes war er über dem Kleineren und presste ihn mit sanfter Gewalt in die weiche Sitzbank.

Seto Kaiba war sich noch nie so reich vorgekommen wie in diesem Moment – vielleicht abgesehen von ihrem allerersten Kuß vor einer Woche. Dieser bebende Körper, der sich ihm lüstern entgegenpresste, kam ihn vor wie der gewaltigste Reichtum, den er sich wünschen konnte.

Der Duft, der von der nackten, heissen Haut unter ihm aufstieg, war betörend. Er küsste den trockenen Schweiss von Mokuba herunter und brachte Geräusche aus ihm heraus, von denen er bisher nicht mal wusste, das sie existierten. Seine Hände legten sich auf die feinen, straffen Schenkel und spreizten sie sanft um seine eigenen. Der Kleinere kam all diesen Bewegungen nach, als habe er keinen eigenen Willen mehr – oder vielmehr, als hätten sie beide nur noch einen Willen.

Seto nahm sich Zeit, er erkundete den kleineren, hingestreckten Körper mit Händen und Lippen. Bald zitterte sein kleiner Bruder so stark, dass er kaum sprechen konnte, als er es versuchte.

„Seto...du...nicht...fair...!"

Mit ehrlichem Bedauern hörte Seto auf, Mokubas Brustwarze mit leichten Zungenschlägen zu reizen, und fragte: „Und warum nicht, bitte?"

Mokuba versuchte zu lächeln, was ihm in seinem momentanen Zustand nicht leicht zu fallen schien. „Ich...nackt...du...nicht..." brachte er schließlich keuchend hervor.

„Da hast du recht," bekannte Seto. „Das ist nicht fair." Er richtete sich auf und trennte sich von den Resten seines zerrissenen Hemdes. Er spürte Mokubas begierige Hände auf seinen Hüften, die ihm halfen, seine Hose und den übrigen Rest überflüssiger Kleider auszuziehen.

Seto schloss die Augen und stöhnte leise, als seine Haut erstmals in den Genuss kam, Mokubas nackter Haut zu begegnen.

Einen Augenblick kosteten sie nur das aus.

Ihre beiden nackten Körper, die sich umschlossen – ohne Kleider, und was noch wichtiger war, ohne Scham und Furcht.

Seto hörte ein leises Wimmern an seinem Hals, als die Beine des anderen sich fest um ihn schlangen und sich etwas warmes, hartes an seinen Bauch drückte. Er tastete sich herunter und berührte es, umfasste es. Er bewegte seine Hand, und der Kleinere kam ihm leichten Bewegungen seiner Hüften entgegen.

Seto beugte sich vor und küsste den Kleineren auf den Mund. Vielleicht ein bisschen hart, aber er war zu erregt und nervös, um sich zurückzuhalten.

Die fiebrige Art, wie Mokuba mit wundgeschwollenen Lippen den Kuss erwiderte, zeigte keine Spur von Zögern. Das Herz in dem schmalen Brustkorb flatterte so wild, dass Seto es unter seiner Haut spürte.

Setos eigene Erregung steigerte sich mit den kleinen Berührungen, und bald hatte er den Punkt erreicht, an dem ihn seine Bedenken allmählich verließen, an dem er an nichts anderes denken konnte als daran, den geschmeidigen Körper unter sich zu besitzen...ein unvertrauter, aufregender Gedanke.

Ein Gedanke, den es schon oft gegeben hatte...aber nie hatte er ihn so weit zugelassen, bis eben...bis Mokuba zum ersten Mal Hand an ihn gelegt hatte.

Er wusste, wie diese Nacht enden sollte...und er würde nicht mehr davor zurückschrecken, auch wenn er allein bei dem bloßen Gedanken daran von nachtschwarzem, süßem Entsetzen erfasst wurde.

Behutsam tastete er sich zwischen die Beine des anderen zu dieser einen, empfindlichen Stelle vor, fand sie – Mokuba hielt kurz den Atem an, fuhr zusammen, entspannte sich dann wieder und...schnurrte.

Seto ließ seine Finger herumspielen, erkundete, wie viele unterschiedliche Tonarten er von Mokubas Lippen locken konnte. Wie sich herausstellte, waren es einige.

Seto war bereit. Bereit, das...eine...zu tun, was sein kleiner Bruder sich von ihm wünschte. Erwartete.

Weil er sich Seto hingeben wollte. Weil er ihn liebte – aus Gründen, die Seto selbst noch immer nicht verstand. Aber er war bereit, sie zu akzeptieren.

Und Mokuba...

...warf den Kopf hin und her, seufzte, das schwarze Haar über die dunkelblauen Sitze ausgebreitet...die Augen mal zu, dann wieder offen und verschleiert...

...Mokuba war sowas von bereit.

Und Seto beschloss, ihre Vereinigung – denn um nichts geringeres ging es hier – vorzubereiten.

Mokuba machte ein leises Geräusch des Bedauerns, als sein Bruder sich fürs Erste von ihm löste. Seto selbst kam es wie eine schmerzliche Amputation vor, die fiebrige Umarmung zu verlassen, aber zunächst...es hörte sich komisch an, aber zunächst kam der praktische Teil.

Es war ein furchtbar peinliches, zugleich aber auch seltsam feierliches Schweigen zwischen ihnen, nur unterbrochen von ihrem leisen Keuchen.

Der Kleinere stützte sich auf den Ellenbogen und beobachtete seinen älteren Bruder, wie er sich etwas von diesem Zeugs auf sein aufgerichtetes Geschlecht tat, das sie besorgt hatten.

Seto wäre es lieber, dabei nicht beobachtet zu werden... Aber was er tat, sollte irgendwie den Schmerz des ersten Eindringens lindern, und es musste sein. Allein der Gedanke, seinem Bruder nur ein bisschen wehzutun, ließ seine Beine schwach werden.

Also fuhr er schweigend fort, und sah aus dem Augenwinkel zu, wie Mokubas Ausdruck sich veränderte.

War bis eben keine Furcht im Gesicht des Kleineren, nun war sie da. Er lachte unsicher – es klang rau und heiser, überhaupt nicht nach Mokuba, aber das musste die Aufregung sein – und drückte sich schutzsuchend in die Ecke des Wagens. Seine Augen ruhten nervös auf der Erektion des anderen, und es versetzte Seto einen leisen Kick, aber auch einen Stich.

„Du wirst mir damit wehtun, stimmt´s?" hörte er Mokuba flüstern.

Sie sahen sich an. Eisblaue Augen, lavendelfarbene Augen. Seto wäre nie der Gedanke gekommen, seinen kleinen Bruder anzulügen. Er ahnte, nein, er wusste, dass er Mokuba nun wehtun würde. Es ging nicht ohne Schmerz. „Es wird wehtun, denke ich. Aber Mokuba, ich..."

Er stockte. Er hatte sagen wollen „Mokuba, ich liebe dich..." Aber er konnte nicht. Er wusste irgendwie, dass Mokuba ihn liebte...er wusste irgendwie, dass er Mokuba liebte...aber was das bedeutete, das vermochte er nicht zu bestimmen. Er wusste kaum etwas von der Liebe. Das Wort war leer für ihn.

Während der Kleinere scheu zu ihm aufsah, versuchte Seto, ein Wort zu finden, welches das für ihn ausdrückte...das Wort, das am ehesten dazu geeignet war, seine tiefe Zuneigung auszudrücken. Schließlich fand er es.

„Mokuba...ich respektiere dich. Ich werde dir nie mit Absicht wehtun. Ich würde nie etwas tun, was du nicht willst, oder was dir schadet."

Er neigte sich zu seinem zitternden Bruder hinunter und strich ihm eine schweißfeuchte Haarsträhne aus der Stirn.

„Wenn es...wenn es irgendwie zu schlimm wird, musst du es mir sagen. Ich höre sofort auf." Er stutzte. „Obwohl es mich wahrscheinlich umbringt, wenn ich nun aufhören muss," Gestand er schief lächelnd.

Mokuba kannte Seto genug um zu wissen, dass das Wort „Respekt" das Äußerste an Zuneigung ausdrückte, das der Ältere kannte. Die schlanken Arme verschränkten sich wieder sanft um Setos Schultern, die Beine kreuzten sich um Setos Rücken, das Gesicht unter ihm war immer noch ängstlich, aber vertrauensvoll. „O - okay."

Ohne zu wissen, wie er dieses Vertrauen in seinem Leben zurückzahlen sollte, legte Seto seine Hände an die schmaleren Hüften des anderen und begann, ihn langsam an sich zu ziehen und gleichzeitig zuzustoßen...

Ein Zucken lief durch Mokubas Gesicht, die Lippen verzerrten und die Augen weiteten sich, der Griff um Setos Schultern wurde hart. Er biß sich auf die Lippen, um einen Schrei zu unterdrücken, als ihm die unvermeidlichen Tränen kamen.

Seto musste sich zwingen, aufzuhören...er hätte für immer weitermachen können...aber er hatte die Wahrheit gesagt. Mokubas Wohl war wichtiger als alles andere. Wichtiger als das wohlige, sehnsüchtige Zucken seiner eigenen Nerven. „Tut es weh? Soll ich...?"

Zur selben Zeit halbblind vor Lust und verrückt vor Angst, beobachtete er, wie Mokuba zu lächeln versuchte, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Es war ein herzzerreißendes Bild. „Es...tut...verdammt weh...aber...nicht nur...hör nicht auf bitte..."

„Ich liebe dich, weißt du?" hörte Seto sich plötzlich sagen. Er erkannte seine eigene Stimme kaum. Sie war zärtlich, leise und – ehrlich.

Er hatte diesen Gedanken ausgesprochen, bevor er ihn bemerkt hatte. Die Tatsache, dass Mokuba nicht nur bereit war, die Schmerzen zu verkraften – wie er immer alles verkraftet hatte, was Seto ihm auferlegte – sondern dass er ihn, Seto, dazu brachte, seine Furcht zu verlieren, obwohl er sich selber fürchtete...plötzlich hatte Seto das Gefühl, er wusste, was Liebe bedeutete.

Es war nicht einmal mehr schwer, es zu sagen.

Mokuba schaffte es, zu lächeln. Es sah nicht mehr qualvoll aus. „Ich weiß...Nii-sama."

Sie küssten sich...und ergaben sich in ihr eigenartiges, einzigartiges Schicksal, ohne noch einmal zu zögern.

Seto erlebte – voller Erstaunen, fast Ehrfurcht – was sein eigener Körper alles fühlen konnte, erlebte, wie die einzelnen Muskeln und Nerven zu einer Einheit verschmolzen, während er sich bewegte.

Was noch entscheidender war, er erlebte, wie Mokuba sich allmählich an dieses Gefühl herantastete, wie das hervorgepresste, schmerzliche Keuchen zu einem rauen, dunklen Stöhnen wurde.

Sie sahen sich an, während sie sich ineinander bewegten. Es war keine Qual mehr, sich in die Augen zu sehen, alles war ausgesprochen, alle Geheimnisse waren aufgedeckt.

Und Seto hatte nicht mehr das Gefühl, sie würden zur Hölle fahren...es war andersherum – der Rest der Welt mochte zur Hölle fahren. Sie hatten alles, was sie brauchten.

Ihre Bewegungen veränderten sich, sie wandelten sich von abgehackt und mühsam zu einem gegenseitigen, fast stürmischen Erwidern. Mehrere Male musste Seto keuchend innehalten und sich beherrschen, um sich nicht auf der Stelle zu ergießen.

Der Augenkontakt hielt, bis Mokuba sich irgendwann schließlich mit einem Ruck an den starken Körper seines Bruders drückte, das Stöhnen zu einer Serie von kleinen Schreien wurde, um dann zu verstummen – als sie beide, einer gleichzeitigen Eingebung folgend, ihre Zähne in die Schulter des anderen schlugen, um die Wucht des Höhepunktes zu verkraften.

vows are spoken to be broken

feelings are intense words are trivial

pleasures remain so does the pain

words are meaningless and forgettable

all I ever wanted

all I ever needed

is here

in my arms

words are very unnecessary

they can only do harm

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Rückblende

Mokuba, in seinem Bett, starrte lange die Tür an, die sein Bruder hinter sich zugeschlagen hatte, als wolle er alle Bande zwischen ihnen mit dieser Tür kappen.

Der Atem des kleineren Kaiba ging in kurzen, schnellen Stößen. Er fühlte sich seltsam betäubt – um nicht zu sagen, gelähmt. Es war, wie einen Alptraum mitzuerleben, ohne etwas tun zu können. Man konnte nur still Zeuge sein, wie das eigene Leben in Scherben zu Boden ging.

Natürlich schlief er noch immer nicht, als seine Tür aufging und ein vertrauter Geruch näherkam, ein vertrauter Schritt...

Seto.

Mokuba beschloss, taktisch die Augen zu schließen.

Er spürte ein leichtes Federn seines Bettes und wusste, dass er neben ihm saß. Eine Hand tastete im Dunkeln nach ihm. Er verspürte den starken Wunsch, sie zu umfassen, aber er hielt sich zurück, regungslos.

Ein leises, forschendes Geräusch. „Mokuba...?"

Hmm...?" Mokuba versuchte, so verpennt wie möglich zu wirken, obwohl sein Herz irgendwo oberhalb seines Halses raste.

Setos Stimme, wie sie nur selten war. Sachte, leise, besorgt. „Tut...tut es noch weh...?"

Mokuba schlug die Augen auf. Was? Dass er ihm das Herz gebrochen hatte? Natürlich tat das weh! „Was meinst du, Nii-sama?" fragte er bemüht bescheiden.

Die Hand seines älteren Bruders blieb auf der Decke liegen, auf der Höhe von Mokubas Herzen. Mokuba fragte sich, ob Seto das Herzflattern fühlen konnte.

Deine Brust...kannst du atmen?"

Mokuba konnte atmen. Inzwischen sogar ziemlich gut. Er würde einen blauen Flecken auf dem Brustbein bekommen, aber Seto hatte nicht so hart zugestoßen, wie er anscheinend glaubte.

Mokubas Instinkt aber sagte ihm, dass es zu früh war, Seto das wissen zu lassen. Stattdessen röchelte er mitleiderregend.

Ich hol dir den Arzt!" fuhr Seto erschrocken auf. „Ich hol ihn sofort...! Scheiße, es tut mir leid!"

Eine Entschuldigung aus dem Mund Seto Kaibas war selbst zwischen den Brüdern ein seltenes, kostbares Ereignis. Das war der Moment, die Hand auf der Decke zu greifen und festzuhalten.

Mokuba sprach nicht. Er lag nur da und betrachtete das verschlossene Gesicht seines Bruders mit funkelnden, dunklen Augen. Einer seiner Finger strich sanft über die schützende Hand des Älteren.

Dein..." Seto stutzte und legte den Kopf schräg, als würde er lauschen. „Dein Herz macht Probleme, Mokuba. Es schlägt unregelmäßig."

Der kleine Kaiba musste lächeln. Das war keine Taktik. Er musste einfach. „Stell dich nicht dumm, großer Bruder. Steht dir überhaupt nicht. Du weißt, warum mein Herz das macht..."

Seto machte einen halbherzigen Versuch, seine Hand wegzuziehen, aber ein leichter Druck genügte, und sie blieb an ihrem Platz. „Mokuba...ich wollte dich nicht schlagen. Aber was du gesagt hast, ist immer noch Wahnsinn..."

Und sind wir dafür nicht die Richtigen?" flüsterte Mokuba. „Für...Wahnsinn...?"

Sein Bruder erwiderte nichts. Sie verharrten eine Weile stumm, so wie sie waren. Mokuba genoss, wie sein Herz gegen die warme Hand schlug, die sich an seiner Brust ziemlich wohlzufühlen schien. Keiner, keiner außer ihm wusste, wie warm Seto Kaibas Hände sein konnten.

Er fühlte sich so gut aufgehoben, so wohl, dass er schließlich fürchtete, er würde einschlafen, bevor in dieser Sache das letzte Wort gesprochen war.

Er nahm den Rest Mut, den er noch hatte, zusammen und sagte:

Seto?"

Was?"

Vorschlag?"

Setos Blick war nicht frei von Argwohn. Das Kaiba-Radar funktionierte. „Ok."

Wir..." Mokuba richtete sich in den Kissen auf. Das hatte zum Ergebnis, dass die Hand von seiner Brust rutschte...

...und in seinem Schoss liegenblieb, wo sie ebenso willkommen war.

Wir küssen uns..." fuhr Mokuba fort. Setos Mund öffnete sich in Protest, aber der kleinere Kaiba hob den Finger. „Nein, sag noch nichts! Hör´s dir bis zum Schluss an! Wir küssen uns. Auf den Mund. Dieses eine Mal. Und wenn...und wenn es sich falsch anfühlt...wenn einer von uns auch nur den kleinsten Zweifel hat...dann reden wir nie wieder darüber. Ich schwöre dir, ich werde nie mehr damit anfangen..."

Er hatte nur halb erwartet, dass Seto darauf einging. Aber seine Worte wurden durch ein Glitzern in den Augen des Älteren belohnt. Es ermutigte Mokuba, weiterzusprechen.

Du musst zugeben, Nii-sama...", sagte er mit einem Hauch Kleiner-Bruder-Stolz, „Das ist ein ziemlich vernünftiger Vorschlag."

Seto lachte grimmig und ließ das Wort verächtlich im Mund kreisen wie einen wirklich schlechten Tütenrotwein. „Vernunft...?"

Aber er sah aus, wie er sonst nur aussah, wenn man ihm ein spannendes, riskantes neues Spiel anbot...er sah...verführt aus.

EIN Kuss!" hakte er streng nach.

Ein Kuss. Nur einer."

Mokuba wartete unbewegt. Er dachte, Seto würde irgendwas sagen...den Vorschlag kommentieren...

Aber plötzlich, ohne ein weiteres Wort, presste Seto seinen Oberkörper an den seines Bruders, suchte seine Lippen, fand sie, und küsste sie, als wäre er sonst verdurstet.

Kastanienbraune Haare wühlten sich in pechschwarze Haare. Haut traf auf Haut. Zwei Münder küssten sich, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Es war alles zu spät – und es war gut so.

In dieser Nacht also hatten sie sich zum ersten Mal geküsst...und sie hatten seitdem nicht wieder aufgehört.

LE FIN (YAY!)