Papierkram: Das hier wird eine Geschichte über die letzten drei Jahre des ersten Kriegs - Oktober 1978 bis November 1981. Konsequenterweise werdet ihr viele bekannte Gesichter wiedersehen - die Rumtreiber und Lily, Snape, Dumbledore, um ein paar zu nennen -, und viele bekannte Namen, aber auch ein paar neue. Die Geschichte wird episodenhaft bleiben, aber später zu einem Gesamtbild zusammenlaufen, und sie entspricht vollständig dem Canon.

Harry Potter und alles, was dazu gehört, gehören nach wie vor J. K. Rowling. Außerdem bin ich stark beeinflusst von Robin4s Darstellung der Aurorenzentrale, aber mir ist es gelungen, sie nicht offen zu plagiieren. Hoffe ich ;-).

Bitte hinterlasst mir ein Review und lasst mich wissen, was ihr denkt. Es darf auch Kritik sein; ich bin nicht zimperlich.

Und jetzt, let's go...


Mors Ante Infamiam

Eine Geschichte der vergessenen Helden

Das letzte Mal waren uns die Todesser zwanzig zu eins überlegen und sie haben sich einen nach dem anderen von uns geholt…" - Remus Lupin („Harry Potter und der Orden des Phönix")


Oktober 1978. Ein ganz normaler Tag.

Die Aurorenzentrale beschäftigt zurzeit 41 Auroren im aktiven Dienst." - Tobin Tinybott, Abteilung für Magische Strafverfolgung, Monatsbericht.


Die Ausbildung zum Auroren umfasste drei Jahre.

Das erste davon deckte einen Großteil des theoretischen Unterrichts ab: Basiszauberei, praktische Verteidigung, Duellkunst und das Studium der Dunklen Künste, Zaubertränke, Zauberkunst, Zaubererethik und Zaubererrechtslehre. Das erste Jahr war anstrengend, anspruchsvoll und fordernd - von den dreizehn Rekruten, die 1977 die Aufnahmetests bestanden hatten, waren nun nur noch zehn übrig -, doch es umfasste Basisarbeit, und der junge Rekrut im zweiten Jahr, der gerade an der Wand lehnend auf die neuen Erstklässler wartete, hielt Basisarbeit für langweilig. Man sollte meinen, das zweite Jahr konnte nur besser werden - es konzentrierte sich auf praktisches Training, und Auroren aller Aufgabenbereiche würden in wechselndem Turnus das Feldtraining leiten, selbst Alastor Moody und Jepedina Potter. Aber wie konnte ein Jahr gut werden, das mit den Aufgaben eines verdammten Vertrauensschülers begann?

Der Neunzehnjährige mit dem schulterlangen schwarzen Haar, der ungeduldig die Stirn runzelte und mit den Ärmeln seiner Roben spielt, hatte nie Vertrauensschüler sein wollen, und keiner seiner Lehrer in Hogwarts wäre so verrückt gewesen, ihn für die Aufgabe in Betracht zu ziehen. Trotzdem stand er jetzt hier, von Fenwick beauftragt, die neuen Rekruten einzuweisen, und er würde es gut machen, weil man in der Aurorenzentrale alles gut machte.

Er seufzte, während sich endlich die letzten zukünftigen Auroren um ihn versammelten, und strich sich das Haar aus der Stirn. Nach allen Maßstäben konnte man den jungen Mann gut aussehend nennen, und ein Blick in seine tiefen grauen Augen verriet, zu welchem Charme er fähig wäre, könnte er sich dazu aufraffen - was jetzt mit Sicherheit nicht der Fall sein würde, denn er musste ungläubige Achtzehnjährige herumführen, als sei er ein verdammter Vertrauensschüler aus Hogwarts. Remus hätte das gefallen. Er schwor sich, kein einziges Mal etwas wie „Nicht bummeln!" zu sagen.

Schließlich stieß er sich von der Wand ab, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und positionierte sich mit einer unbewussten Grazie vor den Studenten, die den unfertigen Auror erahnen ließ. Rekruten veränderten sich in ihrer Ausbildung, ob sie wollten oder nicht, wurden von unschuldigen Schülern zu tödlichen Waffen - wer sich nicht veränderte, wurde unbarmherzig ausgesiebt, bevor er sterben konnte.

„Willkommen in der Abteilung für Magische Strafverfolgung, oder AMS", begann er und versuchte, seinen Ärger über die gesamte Aufgabe nicht zu zeigen. „Ich bin Sirius Black, Rekrut im zweiten Jahr. Ich werde euch einweisen - und ihr hört besser gut zu, weil ich nichts wiederholen werde - und dann liefere ich euch bei Benjy Fenwick ab." Und bin euch dann hoffentlich los, fügte er in Gedanken etwas sehnsüchtig hinzu. „Fenwick wird für zwei Jahre euer Ausbildungsleiter sein, bis ihr einem Mentor zugeteilt werdet, vorausgesetzt natürlich, dass ihr und er noch hier seid und lebt. Mitkommen."

Ohne zu warten, ob sie der Aufforderung folgten - niemand hatte je darauf gewartet, dass er Aufforderungen folgte -, drehte er sich vom Lift weg und ging den Gang hinunter. „Zauberergamot." Er wies schräg nach links. „Büro für Missbrauch der Magie." Er wies schräg nach rechts und nahm gleichzeitig den Faden wieder auf. Wie immer unfähig, länger als eine Minute ruhig zu bleiben, wandte er sich ab und zu um, gestikulierte oder ging ein paar Schritte rückwärts, um Reaktionen zu beobachten. „Fenwick ist euer Ansprechpartner für alle Fragen, die man nicht nachschlagen kann. Er lebt hier in der Zentrale, bei den Unterrichtsräumen, er beobachtet euch bei jedem Schritt, und er erstattet Moody Bericht. Ihr werdet essen, wenn er isst, schlafen, wenn er schläft, und für ihn springen, bevor er accio rufen kann. Ihr werdet lernen, um seine Gnade zu betteln, wenn ihr Mist baut, und vor dem Schlafengehen für seine selige Mutter beten."

Ohne innezuhalten wandte Sirius sich nach rechts und stieß die Flügel einer hohen Tür auf. Die sechzehn Erstklässler folgten ihm schweigend in das Großraumbüro, das den Kern der Zentrale darstellte, und sofort schlug ihnen ein Summen an Aktivität entgegen. Sirius marschierte zu einer ungestörten Ecke, bevor er stehen blieb und seine Leute wieder ansah. Die meisten schienen zuzuhören, was gut war. Langsam begann er warm zu werden.

„Rechts durch den Flur geht es zu Jepedina Potters Büro. Sie ist die Leiterin der Aurorenzentrale, und vor eurem zweiten Jahr wird sie euch nicht ansehen. Alastor Moody" Er gestikulierte in Richtung von Moodys Büro. „und Amelia Bones" Ihr Büro lag wenige Schritte entfernt in Richtung des Flurs (im Flur, hätte man die Architektur des Ministeriums mit der von Muggeln vergleichen können). „teilen sich den Rang des Zweiten im Kommando. Bones hat Verwaltung, Ermittlung, Spionage. Moody hat Feldeinsatz, Innere Sicherheit, Ausbildung. Keiner von euch fliegt raus ohne Moodys Einverständnis, aber glaubt mir, das hat nichts Beruhigendes."

Sie hingen an seinen Lippen. Ganz wie in alten Zeiten. Innerlich grinste er.

„Links geht es zu den Briefings- und Gemeinschaftsräumen, zum Zellenbereich und zu Apparationsbereich eins und zwei. Die Apparationsbereiche sind für den Privatgebrauch gesperrt und dienen ausschließlich als Ausgangs- und Endpunkt für Auroreneinsätze. Sie werden permanent überwacht. Reinapparieren ist relativ einfach. Rauskommen kann schwierig werden."

Er erlaubte sich ein fieses Grinsen, bevor er in die andere Richtung wies. Auch dieser Bereich nahm theoretisch den gleichen Raum ein wie mindestens ein Flur und wahrscheinlich ein großer Teil des Zauberergamots, aber Sirius hatte den Glauben an Muggelphysik ohnehin niemals kultiviert. Ein oder zwei der neuen Rekruten blinzelten irritiert - höchstwahrscheinlich Muggelstämmige, und zweifellos gute Beobachter.

„Durch den Gang hier auf der anderen Seite kommt ihr zur Bibliothek, zu den Trainings- und Unterrichtsräumen, in die Archive und Labore und zu Fenwicks Wohnung - aber ganz unter uns, die ist nicht so interessant." Sirius konnte ein knappes Grinsen nicht unterdrücken. Ja, er hatte sich vorgenommen, die Streiche zu einem Teil seiner abgeschlossenen Schulzeit werden zu lassen und das hier ernst zu nehmen, und er nahm es ernst. Aber das verblüffte Gesicht seines Lehrers war es wert gewesen, und sie hatten ihn nicht mal erwischt. „Wir gehen später rüber. Mitkommen."

Schon etwas besser gelaunt drehte er sich um und schritt an ihnen vorbei durch das Büro. „Außer als Durchgang zum Unterricht ist das Aurorenbüro für euch tabu. Das hier ist die einzige Gelegenheit für euch für ein Jahr, euch umzusehen, also nutzt sie. Seid ihr doch mal hier und das Chaos bricht aus, geht aus dem Weg, gafft nicht und verschwindet, bevor Moody euch davonjagt."

Er umrundete einen Bürozellenblock und winkte Lydia Corday, die manchmal das Training leitete und nun leicht zurücklächelte, während sie ihnen nachsah, bevor sie ihren Rundgang fortsetzten. Er sprach schnell, um es hinter sich zu bringen. Wenn sie nicht folgen konnten, hatten sie sich ohnehin den falschen Beruf gesucht. „Dasselbe gilt für den Flur zu Missbrauch der Magie - der ist Abkürzung für Fluchbrecher, die in die Zentrale müssen. Zuständig für die Fluchbrecher ist Anette Martin, nervt sie nicht, die Frau hat Drachenblut. Wenn es schon unbedingt sein muss, geht zu Vance. Sie mag Rekruten. Beantwortet immer Fragen. Auch dumme."

Die schnellen Blicke, die ein paar seiner Schäfchen tauschten, sagten ihm, dass einige von ihnen schon ihre eigenen Erfahrungen mit Anette Martin gemacht haben mussten. Gut, sie waren erst zwei Tage hier, aber Sirius wusste aus eigener Erfahrung, dass das völlig ausreichen konnte.

„Sobald ihr Auroren seid, werdet ihr hier eure Zeit verbringen, es sei denn, ihr seid im Feld", fuhr er rasch fort und machte eine umfassende Geste. Sie hatten den Raum fast zur Hälfte durchquert. Beinahe jeder sah sich neugierig um. Sirius konnte nicht umhin, nach hübschen weiblichen Gesichtern unter den Neuen Ausschau zu halten, während er sprach. Die Brünette war viel versprechend. „Im Büro erledigt ihr Ermittlungsarbeit, Verwaltungsarbeit, Aktenarbeit, Recherche und Berichte. Ab dem zweiten Jahr wird man euch hier einsetzen. Besorgt euch frühzeitig eine Flotte-Schreibe-Feder. Es gibt immer mehr Arbeit als Auroren, also spart Zeit, so viel ihr könnt, und arbeitet so effizient wie möglich."

Sirius hielt erneut inne. Die Brünette stieß gegen ihren Vordermann, als er ebenfalls abrupt stehen blieb, und sah ihn erwartungsvoll an. Vielleicht doch nicht. Er bevorzugte deutlich schnellere Frauen. „Also angenommen ihr sitzt über einer Ermittlung. Ihr wisst, dass euer Ziel heimlich im Keller den Apendutio-Trank bunkert, habt aber keine Ahnung, was der Apendutio-Trank macht. Was ist der schnellste Weg zur Antwort?"

Er hob eine Augenbraue und nickte einem jungen Mann zu, als er zögernd den Mund öffnete. „Nachschlagen?", fragte der Erstklässler misstrauisch, als ahne er irgendwie, dass es das nicht sein konnte. Deutlich wurde jedenfalls, dass keiner der Neulinge je von diesem Trank gehört hatte, und das war gut für sie, denn es war ein fieses Zeug. Die Slytherin hatten das mal im sechsten Jahr feststellen müssen.

Sirius schüttelte wohlwollend den Kopf. „Falsch. Ihr fragt Caradoc Dearborn. He, Caradoc!", rief er über ihre Köpfe hinweg. „Wozu taugt der Apendutio-Trank?"

Seine Klasse wandte sich kollektiv um und sah einem dürren, hoch gewachsenen Zauberer entgegen, der sich in seiner nahen Bürozelle erhob und fragend herübersah. Seine fahle Haut und die schwarzen langen Haare hatten Sirius immer an den unsäglichen Schniefelus erinnert, obwohl Dearborn sich sichtbar ab und zu die Haare wusch und sein Bestes tat, sein Aussehen von dem der Snapes zu distanzieren - heute durch eine weite, schillernd gelbe Robe mit wundervollen violetten Rüschen. Er musste nicht einmal nachdenken, bevor er mit seiner hohen, melodischen Stimme antwortete. Nein, bis auf die Haare und Zaubertränke hatten die beiden definitiv nichts gemeinsam.

„Gegenmittel für Akne bei Alraunen, verursacht Hautausschlag, explodiert im Kontakt mit Schwefel.", spulte er ab, lächelte etwas verlegen in Richtung der neuen Rekruten und versank wieder hinter den Trennwänden seiner Zelle. Zufrieden wandte Sirius sich seinen Rekruten zu.

„Innerhalb einer Minute habt ihr festgestellt, dass euer Ziel absolut harmlos ist, und kostbare Zeit gespart. Für Zaubertränke immer zu Dearborn. Er wäre Professor in Hogwarts, wenn der Job irgendwas Befriedigendes für sich hätte." Sirius kräuselte die Lippen. Es hatte ja wider Erwarten etwas, die Neuen herumzuführen, aber es sollte klar sein, dass er dauerhaft nichts davon hielt. „Für Flüche zu Dorcas Meadowes. Zauberkunst auch Dearborn. Taktik..." Er zögerte. Bell war seit zwei Tagen tot. „...Moody.", entschloss er sich schließlich. Ihr Pech, wenn sie Moody wirklich fragten. „Verwandlungen, Frank Longbottom, oder als Geheimtipp unter Rekruten - geht zu James Potter im Fluchbrecherbüro. Und was die Dunklen Künste angeht, werdet ihr nicht fragen müssen. Man erwartet von euch in spätestens drei Monaten, dass ihr genauso viel darüber wisst wie Lord Voldemort selbst." Schalk funkelte in seinen Augen, als ein paar von ihnen zusammenzuckten. Willkommen in der Realität, dachte er schadenfroh.

„Weiter geht's", fuhr er fort und brach in Richtung Unterrichtsräume auf. Mit etwas Glück nur noch fünf Minuten, dann hatte er es hinter sich und konnte endlich Shacklebolt über die Mulciber-Akte ausfragen. „Wir betreten jetzt den Ort, an dem ihr zwei Jahre lang leben werdet. Erst die Bibliothek. Vergesst die Verbotene Abteilung in Hogwarts..."

Seine Stimme wurde leiser, als sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen, und Fabian Prewett, Frank Longbottom und Benjy Fenwick sahen den Erstklässlern amüsiert nach.

„Er wird es hassen, mal Mentor zu sein", bemerkte der rothaarige Prewett-Zwilling mit einem sommersprossigen Grinsen.

Longbottom nickte weise, dann schüttelte er den Kopf. „Was hat er getan, um so eine Strafe zu verdienen?", fragte er und sah mit erhobenen Augenbrauen auf Fenwick hinab, der nur mit den Schultern zuckte.

„Eine Lektion in Geduld hat noch niemandem geschadet", erwiderte der Ausbildungsleiter, wandte endlich den Blick von der Tür und sich in Richtung Trainingsräume um. „Außerdem glaubt ihr gar nicht, was er mit meiner Wohnung angestellt hat..."


Irgendwo donnerte eine Tür zu, und strahlend weiße Zähne blitzten kurz im dunklen Gesicht Kingsley Shacklebolts auf, als er die Lippen zu einem kurzen Grinsen verzog. Er musste nicht aufsehen, um das Geräusch zu identifizieren. Alastor Moody war kaum eine Minute zuvor wütend auf Amelias Büro zumarschiert, ein vor Eulenmist triefendes Memo in seiner Hand. Das Übliche. Nichts, was mehr als ein Grinsen verdiente.

Gemächlich fuhr der hoch gewachsene Auror mit der glänzenden Glatze fort, seine Akten zu sortieren, sorgfältig die Notizen von den Berichten zu trennen und auf einen Extrastapel zu legen. Kingsley hatte kein Problem mit Papierkram. Er vermutete, dass darin der Grund lag, dass Amelia Bones ihn ständig damit überhäufte, aber auch damit konnte er leben. Ein gemütlicher Tag in der Sicherheit der Aurorenzentrale konnte nicht falsch sein. Er teilte nicht Meadowes' Maxime, die einen Tag ohne einen neuen Todfeind für reine Verschwendung hielt.

Schließlich packte er die Dolohow-Akte sorgfältig in eine Mappe und klemmte sie unter den Arm, bevor er seine Bürozelle verließ und in Richtung des Ablagefachs neben dem Quergang zu Missbrauch der Magie schlenderte. Der weiträumige, unübersichtliche Hauptraum, in dem Kingsley sich schon lange nicht mehr verirrt hatte, lag recht verlassen da, stellte er fest. Zwitschernde französische Waldeulen schossen wie immer mit ihren Memos durch die Gegend, doch das Hintergrundrauschen flatternder Flügel, kritzelnder Federn, murmelnder Stimmen und unterdrückter Flüche hielt sich heute in Grenzen. Als er Podmores Zelle passierte, sah er ihn lustlos auf einem Sandwich herumkauen und seiner Feder einen Bericht diktieren, ohne ihn auch nur zu bemerken. Zeit für die Mittagspause.

Fenwick lehnte neben der Ablage und war in eine rege Unterhaltung mit Meadowes vertieft, die wild gestikulierte. Scheinbar ging es um Quidditch. Pfützenfurt hatte wieder verloren - kein Wunder bei dem Sucher.

„Ah, Shacklebolt - gut, dass ich dich sehe", grüßte ihn Fenwick, als Kingsley sich an ihm vorbei drängte, um seine Akte in Bones' Fach zu legen und das Thema Dolohow erneut ergebnislos abzuschließen.

„Fenwick. Was gibt's?" Fragend sah Kingsley den älteren Auroren an, der bereits nach einer Mappe gegriffen hatte, die während des Gesprächs auf dem Ablageschrank in Vergessenheit geraten zu sein schien, und darin zu blättern begann.

„Moody und ich sind mit den neuen Drittklässlern durch..." Die intensiven stahlblauen Augen des Blondschopfes suchten eine Seite ab. Was auch immer Fenwick tat, er tat es mit höchster Konzentration - eine notwendige Eigenschaft für einen Auroren, die der Ausbildungsleiter jedoch auf sein ganzes Leben ausdehnte. Die breite Fluchnarbe quer über seiner Wange bewies, wie nützlich das sein konnte. „Du bekommst Chang.", fuhr er fort. „In Ordnung für dich?"

„Sicher." Kingsley zuckte mit den Schultern. „Chang wollte ich haben."

„Ist es schon wieder so weit?", mischte Meadowes sich ein und verhakte lässig die Finger in den Taschen ihrer Robe. „Was bin ich froh, dass ich dieses Jahr keinen bekomme! Nervt euch nicht, immer so einen Frischling im Rücken zu haben?" Ihre Augen blitzten, als sie Kingsley ansah. „Ach, ich vergaß. Ist ja dein erstes Mal." Sie feixte. „Wie fühlt man sich denn als frisch gebackener Mentor?"

„Sobald ich es weiß, sage ich es dir als erstes.", erwiderte Kingsley trocken. Wie auch Fenwick gehörte Meadowes zu den alten Hasen, zu den berüchtigten Seniorauroren, die überlebt hatten - bisher zumindest -, auch wenn sie höchstens eine Dekade älter als er selbst sein konnte. Kingsley selbst hätte auf die Auszeichnung durchaus verzichtet. Ältere Auroren hatten größere Erfahrung, bekamen bessere Titelseitenstories, aber sie hatten auch mehr Todfeinde. Andererseits musste er zugeben, dass ihm gefallen würde, irgendwann in den inneren Kreis zu gehören. Zu den alten Kämpfern. Sein zukünftiges Mentorendasein war ein wichtiger Schritt. „Also", wandte er sich wieder an Fenwick. „Wann ist die Zeremonie?"

Fenwick verzog das Gesicht, ein interessanter Anblick mit dieser Narbe. „Naja. Die Drei, die die Tests nicht bestanden haben, sind schon weg, alle Mentoren sind verteilt, Crouch hat alles unterschrieben, also theoretisch am Fünfzehnten, wie immer..."

„Aber?", hakte Meadowes pflichtbewusst nach.

„Aber Frank bekommt einen Rekruten, also will Bones ihn auf der Zeremonie, und Moody braucht Frank am Fünfzehnten für irgendeine Mission." Fenwick zuckte mit den Schultern, während Kingsley und Meadowes verheißungsvolle Blicke in Richtung des Büros am anderen Ende der Zentrale warfen.

„Das war es also", kommentierte Meadowes grinsend. „Ich hab mich schon gewundert, warum Alastor diesmal den Klatscher gemacht hat."

Kingsley warf einen Blick auf die Wanduhr am Eingang. „Er ist schon fünf Minuten drin", stellte er fest.

„Dann kann es nicht mehr lange..." Meadowes unterbrach sich, als ein Geräusch wie Donner durch die Zentrale rollte; sie unterdrückte sichtlich ein triumphierendes Lachen. Hörte man genauer hin, konnte man es als einen tiefen, grollenden Bass identifizieren, der seinen Zorn wie Merlin selbst entrollte. Wenn Kingsley sich anstrengte, konnte er fast die Bürotür vibrieren sehen.

Fenwick erging es vielleicht ebenso. Jedenfalls lehnte er sich wieder gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust, während er die Tür misstrauisch beäugte. „Moody gewinnt", urteilte er nach einem Moment sorgsamen Abwägens.

„Keine Chance", widersprach Meadowes sofort. Ihr dunkles, zentimeterkurzes Haar erzitterte protestierend, als sie den Kopf schüttelte. „Die Zeremonie ist immer am Fünfzehnten. Er wird seine Mission verschieben."

Fenwick schnaubte kurz. „Moody verschiebt keine Mission wegen einer Tradition. Um unser Mittagessen - Kingsley, was sagst du?"

Skeptisch lauschte der schwarze Auror dem entfernten Streit. Worte konnte er nicht heraushören, nur, dass Moodys Grollen Bones' helle, klare Stimme völlig wegfegte. Aber das war normal und hatte nichts zu bedeuten. „Moody", urteilte er schließlich. „Potter würde ihm Recht geben, und Bones weiß es." Jepedina Potter pflegte sich selten in die Streitigkeiten ihrer beiden Stellvertreter einzumischen, aber manchmal wurde es nötig, und sei es nur, um die Bürotüren zu retten.

„Gemacht."

Meadowes schüttelte beiden vorfreudig die Hand, bevor sie sich zum Gehen wandte. „Also, sagt mir bescheid, wenn sie sich gegenseitig zerfleischt haben. Ich muss jetzt rüber zu Crouch, mal wieder Leibwache spielen für... Oh Mist."

Die Aurorin hatte sich kaum in Richtung Zauberergamot gewandt, als sie innehielt und loshetzte. Kingsley und Fenwick folgten alarmiert ihrem Blick. Über dem Durchgang zum Bereitschaftsraum sprühte eine Engelsstatue mit aller Kraft rote Funken aus dem Mund und fuchtelte mit den Armen. Jemand war in Apparationsbereich 2 angekommen.

Die beiden Männer warfen sich einen besorgten Blick zu, während sie Meadowes folgten. Alices Team war doch gerade erst aufgebrochen...

Noch bevor sie den Flur zu den Apparationsräumen erreicht hatten, überholte sie Potter, die aus dem Nichts aufgetaucht war, an ihnen vorbei sprintete und nicht darauf achtete, dass sich unzähmbare schwarze Locken aus ihrem kurzen Zopf gelöst hatten. Sie fluchte, als sie die breite Flügeltür verschlossen vorfand, und als sie Sekunden später ein Zauber von innen entriegelte, war sie sofort wieder in Bewegung. Kingsley und seine beiden Kameraden folgten ihr ohne zu zögern. Die Statur hatte auch andere aufgescheucht, aber die meisten hielten besorgt im Vorraum inne.

Das erste, was Kingsley sah, war Blut, und er musste blinzeln, um einen Überblick über die Szene zu erhalten. Alice Longbottom kniete neben Ackerly, beachtete nicht die Schürfwunden, die die rechte Seite ihres Gesichts überzogen, und half dem stämmigen Auroren, sich aufzurichten - sein Arm hing nutzlos an der Seite herab. Die breitschultrige Gestalt Ace McKinnons lehnte mit fahlem Gesicht an der Wand, eine Hand gegen die Brust gepresst, als wolle er gebrochene Rippen stützen, die Wangen mit Blutspritzern übersäht, und atmete schwer. An Linda O'Shays Kopf - Alices Rekrutin im letzten Jahr, Kingsley kannte sie kaum - rauchte etwas, ansonsten schien sie unverletzt, obwohl sie jetzt wütend zusammen sackte und mit der Faust auf den Boden hieb.

Potter hatte zielsicher auf den reglosen Körper Theodore Vances zugehalten und nach seinem Puls gefühlt, obwohl die Tatsache, dass Longbottom nicht schon an seiner Seite war, Kingsley bereits alles sagte - oder die Blutlache, die sich unter ihm bildete und die von einer breiten Halswunde ausging, obwohl bereits kein Herzschlag mehr die Flüssigkeit sprudeln ließ.

Die hoch gewachsene Aurorin mit der so jugendlichen, sportlichen Figur wirkte alt, als sie mit zusammengekniffenen Lippen zu Alice aufsah. „Was ist passiert?", flüsterte sie.

Alice schnitt eine Grimasse und wandte sich erst ihrer Vorgesetzten zu, als sie Ackerly einen letzten besorgten Blick zugeworfen hatte, doch dem Frischling schien es recht gut zu gehen. Als junger Auror im Feld zu sterben war leicht, wurde unter Alices Führung jedoch stets ein wenig schwerer.

„Es war ein Hinterhalt", erwiderte sie seufzend und rieb sich die Augen, als sei sie müde. Als sie die Wunden auf ihren Wangen berührte, zuckte sie zusammen. „Sie wussten, dass wir kommen. Hätte Alastor nicht den Zeitplan geändert, wären wir alle tot."

„Ich wusste, dass wir ein Leck haben", knurrte Moody, der hinter Kingsley aufgetaucht war.

„Jetzt nicht, Alastor" Potter klang scharf, doch sie sah sich nicht einmal nach ihrem Stellvertreter um, und ihre Miene wurde sanfter, als sie zu Theodore hinabsah und mit der Hand seine Augen schloss.

Kingsley atmete tief durch und presste die Lippen aufeinander. Theodore hatte die Ausbildung mit ihm absolviert, so lange war das noch nicht her. Er hatte das volle, braune Haar aller Vance, und sein ordentlicher Zopf lag nun am Boden wie eine tote Schlange. Im Kampf war er stets in Bewegung gewesen, hatte auf hinterhältige Tricks zurückgegriffen, die einem Slytherin würdig gewesen wären. Theodores Schwäche war seine Schwester: Nahmen sie gemeinsam an einer Mission teil, wurde er jedes Mal so nervös und zittrig, dass Potter schließlich anordnete, sie so oft wie möglich zu trennen. Vance war ein Profi gewesen und hatte das Talent seiner Schwester nicht angezweifelt - aber sie in Gefahr zu sehen hatte er nie ausgehalten.

„Ich sage es Emmeline", sagte er leise in die Stille hinein und wartete kaum auf Potters Nicken, bevor er sich umwandte und in Richtung des Fluchbrecherbüros davonging.


Tbc...