Kapitel 19b – Und noch mehr Erinnerungen (Teil 2)

Lily

Wir kehren wieder ins Denkarium zurück und beginnen mit den zwei letzten Monaten dieses Schuljahres, die letzten hastigen Büffelstunden vor den Examen und James' unzählige Versuche, mich dazu zu überreden, doch mit ihm auszugehen. Diese kommen immer dann in den Erinnerungen vor, wenn Remus oder Sirius sie selbst miterlebt haben. James war so was von plump und ungeschickt, aber er war fünfzehn, es ist nun mal so, dass Jungen mit fünfzehn nicht besondere Eleganz an den Tag legen. Was Sirius und Remus angeht…

Es ist der letzte Tag vor den OWLS Examen. Wir sitzen am Gryffindor-Tisch und nur einige Plätze weg von den Rumtreibern. Es ist so wie üblich, James und Peter sitzen auf der einen Seite des Tisches, Remus und Sirius auf der gegenüberliegenden Seite. Sie unterhalten sich über den freien Tag, der vor uns liegt. Am nächsten Tag wird Verteidigung das erste Fach sein, in dem wir die Prüfung ablegen müssen. Die drei anderen Jungen versuchen Remus davon zu überzeugen, dass er eh der beste in dem Fach ist und dass sie ihm auf keinen Fall erlauben würden, am heutigen Tag auch nur ein Buch anzufassen.

„Aber ich muss doch lernen…" versucht er zu widersprechen.

„Du musst dich schonen. Du weisst, dass der Mond zunimmt und es nur grade zwei Tage sind bis zum ersten Viertel," weist Sirius ihn leise zurecht.

„Ja, und?" fragt Remus etwas bissig.

„Und? Er wird exakt am Abend unserer letzten Examen voll sein! Du wirst erschöpft sein und dich selber halb zu Tode quälen, Liebster! Unter keinen Umständen lasse ich dich heute mehr tun als um den See zu spazieren, oder im Gras oder in unserer Bude herumzuliegen. Keine weiteren Diskussionen erlaubt," sagt Sirius bestimmt.

Er hat seinen Ausrutscher gar nicht bemerkt, aber Remus ist er nicht entgangen. Er schaut Sirius mit offenem Mund an und stottert:

„D.. du hast m… mich ‚Liebster' genannt…"

Sirius wird tief rot! Er schaut Remus schüchtern an, aber der entscheidet sich dafür, Sirius die Führung zu überlassen und gibt nach:

„Okay, aber wenn ich schlechte Noten kriege, dann bist du dran schuld, Padfoot."

„Wirst du nicht, Moony! Du wirst nirgends durchfallen, weil du einfach zu gut bist…" brabbelt er, doch dann gibt er auf, steht auf und verlässt die Grosse Halle in grossen Schritten.

Remus starrt ihm nach. James schaut ihn von der anderen Seite des Tisches an und meint:

„Wäre sicher eine gute Idee, ihm zu folgen, Moony."

Remus schluckt.

„Meinst du wirklich?"

„Wenn du ihn auch magst, dann auf jeden Fall," gibt Peter seine Ansicht preis.

Es ist, als ob in Remus' Gesicht eine Sonne aufgeht. Er steht rasch auf und eilt aus der Grossen Halle, nach Sirius suchend. Wir folgen ihm, als er grade durch die Eingangshalle und –tür verschwindet. Er sucht die Gegend nach Padfoot oder Sirius ab, der bereits am Rande des Verbotenen Waldes entlang trottet. Remus setzt ihm nach und erreicht den Wald in kurzer Zeit. Er ruft nach dem Hund:

„Padfoot! Padfoot! Komm schon, Padfoot, bleib stehen! Lauf nicht davon, bitte!"

Padfoot hält an, schaut sich vorsichtig um und sieht einen heftig schnaufenden Remus hinter sich. Der lässt sich auf den Boden fallen und beginnt, das dichte Fell des Hundes zu streicheln.

„Sirius," flüstert er, „Sirius, komm wieder zurück, bitte! Ich war doch nur ein bisschen erschrocken und konnte kaum glauben, was ich hörte. Komm schon, Siri, komm raus, ich möchte mit dir reden."

Sirius verwandelt sich zurück und Remus sagt:

„Es stört mich gar nicht, wenn du mich so ansprichst, Sirius. Du bist mein bester Freund, und ich liebe dich auch. Hab nie Angst uns zu zeigen, wie sehr du uns magst, das tun nur Leute wie deine Familie. Leute wie die Slytherins. Wir sind alle warmherzig, wir mögen uns und es ist völlig in Ordnung, jemanden mit ‚Liebster' anzusprechen, meine Mum tut das die ganze Zeit!"

Ach du liebes Lieschen, das war nun nicht grade das Beste, was du sagen konntest, Remus, aber es scheint Sirius zu beruhigen und beide kehren ins Schloss zurück um den Tag mit den anderen zu verbringen.

Der nächste Morgen tagt ohne Gnade und er bringt die gefürchteten Examen. Wir sitzen in der Grossen Halle über unseren Tests, die uns den ganzen Vormittag beschäftigen. Sobald es vorbei ist, dürfen wir hinaus in die Sonne, um vor den praktischen Tests am Nachmittag noch etwas Atem zu schöpfen. Ich sehe dabei zu wie Snape, die Nase tief in seinem Examensfragebogen verborgen hinausgeht und zufällig in die gleiche Richtung läuft wie die Rumtreiber grade vor ihm. Die vier haben sich unter einer grossen Buche niedergelassen, während meine Freundinnen und ich eine freie Bank am See gefunden haben. Snape setzt sich unweit von den Rumtreibern ins Gras. Sie scheinen sich zu langweilen und auf einmal sehe ich, wie Sirius und James auf ihn zugehen, obwohl er sich ihnen für einmal nicht in böser Absicht genähert zu haben scheint. Sie fangen an ihn zu verhexen und ich gehe hinüber, um sie davon abzuhalten, bevor sie ihn ernstlich verletzen und nicht nur seinen Stolz. Einige Leute haben sich um das Schauspiel herum gruppiert und selbst zwei Slytherins lachen zusammen mit den Gryffindors über Snapes Ungemach. Ich finde es ekelerregend und mische mich ein, aber als Snape wieder festen Boden unter den Füssen hat, wendet er sich nicht an James und Sirius, sondern an mich, beschimpft mich mit ‚Schlammblut' und dass ich es nicht wert wäre ihm zu helfen, und überhaupt hätte er gar keine Hilfe nötig.

„Na schön, dann werde ich mich auch in Zukunft nicht mehr weiter bemühen, Snivellus," fauche ich, sogar den hässlichen Übernamen benutzend, den James für ihn erfunden hat.

Als ich mich mit meiner Gruppe entferne, hängt James Snape gleich wieder in die Luft und fragt grinsend, auf die herabhängende Robe deutend:

„Will jemand sehen, wie ich Snivvely's Unterhose runterziehe – oder besser gesagt rauf?"

„Igitt, James, das ist ja scheusslich! Selbst mit einem Zauberstab willst du doch sowas nicht anrühren, igitt!" antwortet eines der Mädchen, und sie scheint den anderen aus der Seele zu sprechen.

Bevor noch weiteres geschehen kann, erklingt die Schulglocke, die uns zum Essen hereinruft.

„Die Essensglocke rettet dich, Snivellus," sagt Sirius zu Snape.

James lässt den Slytherin höchst unzeremoniell zu Boden plumpsen und macht sich mit seinen Freunden auf den Weg in die Grosse Halle. Remus folgt ihnen natürlich und schimpft milde mit James:

„Das war nicht grade besonders elegant, James, weisst du… er wird nur noch mehr Gründe suchen und finden um uns das Leben zur Hölle zu machen. Wer weiss, ob er nicht hingeht und du weisst schon was verrät…"

„Sorry, Remus. Es ist nur weil er uns dauernd überallhin folgt. Wir versuchen nur ihn loszuwerden. Er ist eine grössere Nervensäge als Regulus," jammert Sirius.

Während des Essens gehe ich hinüber zum Slytherin-Tisch, weil ich bemerke wie Snape und Regulus die Köpfe zusammenstecken. Dieses Denkarium ist einfach wunderbar. Es ist unglaublich, welche Details ein Hirn unbewusst speichert!

„Ich hab' was Nettes, was du deiner Mutter über deinen verdammten Bruder erzählen kannst, Reg. Viel Vergnügen beim Zuschauen, wie sie ihn darauf behandeln wird. Er ist schwul und er hat was mit Lupin. Wenn du ihr das sagst, kannst du dich auf einen Genuss freuen…"

Also so ist das, so zahlt er Sirius dessen Gemeinheiten heim. Er erzählt Regulus Dinge über Sirius. Wir haben ihn dessen ja schon vorher verdächtigt, aber hier haben wir den Beweis dafür, dass es so ist.

Mehr Erinnerungen über die Examen. Die Siebtklässler brüten über ihren NEWTS, wir Fünftklässler haben die OWLS und alle stöhnen wir über den Druck der Prüfungen. Die Tests waren lang und wir mussten schnell sein, um alle Fragen zu beantworten, aber die Fragen selber waren nicht so schwierig. Es war nur wirklich sehr, sehr viel.

Am letzten Tag der Prüfungen verschwinden die vier Jungen sobald sie können aus der Grossen Halle. Sie verschwinden durch eine Tür, die zu den Hufflepuff-Räumlichkeiten führen, zweigen aber vorher in einen weiteren Korridor ab. Sie besuchen die Küchen, und bitten die Hauselfen um einen Picknickkorb. Mit Essen und Trinken beladen marschieren sie ab ins Gelände und hinunter zur Peitschenden Weide. Sie schauen sich um, aber niemand ist in ihrer Nähe. James fordert Wormtail auf:

„Okay, Wormtail, mach schnell!"

Wormtail schlüpft unten durch und betätigt den Knoten, die drei anderen verschwinden rasch hinter ihm her in den Tunnel, der sich unter der Weide auftut. Sie machen es sich in einem der Räume gemütlich, der eingerichtet ist wie das Wohnzimmer einer alten Lady. Remus erzählt ihnen, dass er diese Tür normalerweise abgeschlossen lässt, um die Einrichtung nicht zu zerstören.

Sie diskutieren die Examen und warten darauf, dass der Mond aufgeht. Remus verlässt sie so gegen fünf, um sich bei Poppy zu verabschieden.

„Ach, Remus. Gut dass du dich daran erinnerst. Nicht später als acht Uhr, ja?"

„Ja, Madam Pomfrey, ich bin schon auf dem Weg hinunter."

„Sehr gut. Pass auf, dass deine Freunde nicht gesehen werden," warnt sie ihn.

Er schaut sie erschrocken an.

„Ich weiss, dass sie mit dir zur Peitschenden Weide gehen, aber es wäre nicht gut, wenn man sie dabei beobachtete. Es wäre schon etwas eigenartig, wenn vier da hingehen und nur drei zurückkehren, nicht wahr?"

„Oh. Ja, natürlich. Wir werden Acht geben."

„Guter Junge, Remus. Ich wünsche dir eine nicht allzu unangenehme Verwandlung."

Poppy umarmt Remus, eine Umarmung, die er mit einem Lächeln erwidert, und dann lässt sie ihn gehen. Es sieht fast wie ein Ritual aus, das die beiden da teilen. In anderen Erinnerungen habe ich gesehen, wie Remus dasselbe Ritual mit seiner Mutter teilt. Er kehrt zur Heulenden Hütte zurück, wo er mit seinen Freunden den Mondaufgang erwartet.

Es ist das erste Mal, seit sie angefangen haben, Remus zu begleiten, dass sie die Heulende Hütte verlassen. Remus schliesst die Falltür nicht. Sobald er sich verwandelt hat, gehen James und Peter voraus, während Sirius den Werwolf zurückhält, bis die beiden schon sehr nahe an der Peitschenden Weide sind. Dann läuft Padfoot los, lässt aber nie zu, dass Moony ihn überholt. Prongs, mit Wormtail zwischen seinem eindrücklichen Geweih auf dem Kopf, verlässt den Gang zuerst, danach springen Padfoot und Moony hinterher. Prongs und Padfoot nehmen Moony zwischen sich.

Es ist faszinierend, diesen Moony zu beobachten. Dies ist das erste Mal seit seinem zehnten Lebensjahr, dass er während eines Vollmonds draussen ist. Er steht erst mal ganz still, hält die Nase in die Luft und schnüffelt. Dann rast er pfeilschnell los in Richtung Hogsmeade, doch Sirius ist noch schneller hinter ihm her und schiebt ihn in Richtung des Verbotenen Waldes. Einmal sicher da drin, finden sie mehr als genug, was Moony die ganze Nacht beschäftigt. Er ist wie der Bär im riesigen Honigkessel. Er rennt herum, setzt sich auf seine Hinterläufe und heult. Sein Geheul kommt in kurzen Schreien, aber er wiederholt sie oft und mit offensichtlichem Vergnügen. Er buddelt erst mit der Schnauze, dann mit der Pfote in der Erde, wälzt sich in den Blätterhaufen auf dem Boden, dabei denkt er nicht einmal daran, sich selber zu verletzen. Padfoot ist immer mit dabei. Remus entlässt wieder und wieder ein Heulen zum Mond hinauf. Doch plötzlich wendet er sich Sirius zu und beginnt, sich mit ihm auf dem Boden zu wälzen und zu balgen. Als Prongs sich nähert, wird er von Moony böse und mit gebleckten Zähnen angeknurrt. Er zieht sich sofort wieder zurück und hält Wache. Moony schaut Peter nicht mal an, aber der ist sicher auch froh darum, der fürchtet sich da oben auf James' Kopf sicher halb zu Tode.

Die ganze lange Sommernacht hindurch rennen sie durch den riesigen Wald, dabei begegnen sie ziemlich vielen der magischen Geschöpfe im Wald. Sirius behält ein Auge auf den Mond, um anhand der Position die Uhrzeit ungefähr im Kopf zu behalten. Er ist es auch, der die anderen auf den Weg zurück in die Hütte bringt. Sie sind alle hundemüde von der Anstrengung, schaffen es aber rechtzeitig wieder in die Hütte. Noch bevor Madam Pomfrey kommt, verschwinden die drei Animagi nach draussen.


Sirius

Die nächste Erinnerung zeigt unseren Abschied voneinander auf dem Bahnsteig 9 ¾ in King's Cross. Ich werde wie immer sofort zum Portschlüssel gezerrt und nach Hause gebracht. Sowie Mutter, Regulus und ich uns in Grimmauld Place befinden, wendet die kleine Kröte sich zu Mutter und sagt zuckersüss:

„Mum, da ist was, das solltest du über Sirius wissen…"

Ich starre ihn wütend an. Mutter wendet sich ihm erwartungsgemäss sofort zu und fragt:

„So? Was ist es denn, mein Lieber?"

Während Regulus ihr zu erzählen beginnt, ziehe ich mich unauffällig mit meiner Truhe zur Tür zurück, aber leider nicht schnell genug.

„Er hat einen Freund, Mum, er ist ein ekelhafter kleiner Schwuler!"

„Was? Sirius!" schreit sie los und fährt mich wütend an:

„Ist das wahr? Ist es denn nicht genug damit, dass du dich mit niedrigstem Abschaum umgibst, mit Muggelliebenden Widerlingen, musst du uns jetzt auch noch damit beschämen, dass du schwul bist?"

Ich lasse den Türgriff los und stelle mich gerade vor sie hin.

„Ja, Mutter, ich bin schwul, na und? Ja, ich habe einen Freund. Ich liebe ihn mehr als mein Leben. Wenn's dir auch nicht passt, es kümmert mich nicht, weisst du!"

Es ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Ja, ich bin schwul, aber ich habe noch keinen Freund, wenn ich ihn auch wirklich mehr als mein Leben liebe. Und ich werde es jedem erzählen, dass ich in Remus verliebt bin, dass ich ihn über alles liebe, mit jeder Faser meines Seins. Obwohl ich noch nicht den Mut gefunden habe, es ihm ins Gesicht zu sagen.

Sie sieht zunächst so aus, als ob sie nicht mehr wüsste, was sie sagen soll. Aber dann erwischt sie mich gleich mit einem Fluch. Es ist ihr bevorzugter Boxfluch, und der erwischt mich härter als ihre Faust es je könnte, so dass meine Arme instinktiv um meinen Körper gehen, zum Schutz vor weiteren Hieben und inneren Verletzungen. Die Boxhiebe scheinen an diesem Tag nicht aufhören zu wollen, ich gehe auf die Knie und rolle mich zu einer Kugel zusammen, aber kein Laut kommt von meinen Lippen. Ich habe so etwas eh erwartet. Es gibt nichts, was ich tun kann, da ich ja meinen Zauberstab nicht benutzen kann. Regulus steht da, mit einem zufriedenen, hämischen Grinsen im Gesicht, dann nimmt er seine Truhe auf als wäre nichts los und verschwindet hinauf in sein Zimmer. So war es immer, wenn er mich bei den Eltern angeschwärzt hat. Er schaut vergnügt zu und verschwindet dann seelenruhig vom Ort des Geschehens. Ich möchte die kleine Ratte so gern erwürgen wie Snape! Nur der Gedanke daran, dass ich nie so etwas tun würde, lässt mich die Schläge stoisch ertragen. Bevor sie aufhören, verliere ich das Bewusstsein.

Damit ist auch die Erinnerung durch. Die nächste ist wohl noch schlimmer. Ich weiss, was jetzt kommt. Es ist mein Vater, der mich zu zwingen versucht, mich den Todessern anzuschliessen. Ich war immer davon überzeugt, dass er so erpicht darauf war, dass entweder Regulus oder ich den Todessern beitreten würden, um zu vermeiden, dass er selbst es musste. Er ist nicht der Schlauste unter dem Himmel, aber schlau genug, dass er wusste was es zu bedeuten hätte, sollte er sich je beugen und vor dem Schlammblut auf die Knie gehen: pure Sklaverei. Denn mein Vater wusste sehr wohl, dass Riddles Vater ein Muggel war. Und er war schliesslich ein Black. Kein Black würde sich vor einem Schlammblut verbeugen. Da er zwei Söhne hatte, konnte er einen problemlos entbehren, der andere konnte dann die Familie weiterführen. Da er natürlich lieber Regulus als Erben haben wollte, sollte ich dazu gezwungen werden, ein Todesser zu werden, ich sollte sein Beitrag zur Sache werden.

Und da kommt's auch schon. Ich sehe mich selber auf dem Boden meines Zimmers erwachen, von einem der vielen Male, an dem ich nach dem Ende meines fünften Schuljahres bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen wurde. Die Aussicht auf wirklich gute Noten für meine Schulleistungen ist ihnen egal, interessiert sie nicht einmal. Regulus, der seine üblichen Noten heimgebracht hat, die ihn grade eben in die nächste Klasse befördern, scheint viel wichtiger. Dass er sogar eine Warnung erhalten hat, dass er nächstes Jahr nur unter grossem Vorbehalt in die nächste Klasse versetzt wird, scheint auch nichts auszumachen. Ich bin mir fast sicher, dass Regulus es geschafft hat, diese Warnung irgendwie aus seinem Schulbericht zu entfernen, bevor die Eltern ihn zu sehen bekamen.

Die Tür öffnet sich und Vater tritt ein. Er wirft einen eiskalten Blick auf mich und fragt mit noch frostigerer Stimme:

„Nun? Hast du genug? Wirst du dich jetzt benehmen? In wenigen Stunden wirst du dich den Rängen des Dunklen Lords anschliessen, steh jetzt auf und bereite dich vor!"

Da ich mich nicht einen Millimeter bewege, versucht Vater den Enervate Zauber, mit wenig Erfolg. Immerhin, ich kann mich aufrichten, aber ich sage trotzig:

„Nein, ich werde mich den Todessern ganz bestimmt nicht anschliessen, Vater, darauf kannst du lange warten. Du kannst mich nicht zwingen! Es ist ausserdem ein Verbrechen und ich bin kein Verbrecher und will auch keiner werden."

„Ich werde dich lehren, mir zu widersprechen Sirius Black. Crucio!"

Für etwa zwei Minuten werde ich unter der Folter gehalten. Ich wälze mich auf dem Boden und schreie. Dann verlässt Vater mich und versperrt die Tür von aussen. Für einen Moment bin ich unfähig, mich auch nur zu bewegen, so sehr fühle ich die Schmerzen und den Schock immer noch. Doch dann registriert mein Hirn die Tatsache, dass ich hier eingesperrt bin und gezwungen sein werde, wenn ich es nicht irgendwie schaffe, aus dem Haus zu entkommen. Jetzt ist es mir egal, ob ich verbotenerweise zaubere, aber ich mache einen Hechtsprung zu meiner Truhe, um meinen Zauberstab hervorzuholen. Seit ich ‚nach Hause' gekommen bin, habe ich die Truhe kaum berührt, daher werde ich fürs Packen keine Zeit verschwenden müssen. Ich schaue nach Toms Käfig, rufe ihn von seiner Stange her und schicke ihn zu James.

„Ich komme gleich nach dahin, Tom, bitte geh! Flieh!"

Ich öffne das Fenster, um die Eule hinauszulassen. Dann schaue ich mich im Zimmer um und greife, was ich von meinem Zeug noch benötige und stopfe alles in die Truhe. Zum Glück ist es eine mit diesen wunderbaren Vergrösserungs- und Federgewichtszaubern. Ich schmeisse den Inhalt meines Schrankes hinein und alles, was ich sonst noch behalten will, dann nehme ich meinen Wecker, den ich zu einem Portschlüssel programmiere. Ich erinnere mich bitter daran, dass wir mal einen Witz darüber gemacht haben, dass es vielleicht mal nötig sein würde, mein Elternhaus fluchtartig verlassen zu müssen. Darauf sahen wir nach, wie man einen Portschlüssel verzaubert und hier bin ich nun… ich setze mich auf meine Truhe, damit die mitkommt, nehme den Wecker und berühre ihn mit dem Zauberstab:

„Portus!" flüstere ich und im nächsten Moment verschwinde ich von meinem Zimmer und lande auf der Eingangstreppe vor der Haustür der Potters. Ich hatte bisher nur Bilder davon gesehen, aber die haben als Vorlage für die Programmierung längstens gereicht. Dann verliere ich das Bewusstsein.

Die nächste Erinnerung kommt, als ich mein Bewusstsein wieder erlange. James, der mit gekreuzten Beinen neben mir auf dem Bett sitzt, grinst und freut sich:

„Padfoot! Endlich! Mum hatte schon grosse Sorge um dich… ich gehe und sage ihr, dass du aufgewacht bist."

Nie war ich mehr erleichtert, James' grinsende Visage zu sehen als in diesem Moment. Er rast aus dem Zimmer, nur um Minuten später mit einer lächelnden Tante Dorea zurückzukehren.

„Hallo Sirius! Ich bin sehr erleichtert, dass du wach bist. Du warst ganze zwei Tage bewusstlos und es war schon ein ziemliches Stück Arbeit, dich nach dem Cruciatus-Fluch zu behandeln. Wie fühlst du dich jetzt?" fragt sie.

Ich schlucke.

„Okay, glaube ich. Tut alles ein bisschen weh. Und mir ist etwas schwindlig."

„Das ist in Ordnung, dann haben die Zaubertränke gewirkt. Es wird in etwa einem weiteren Tag vorüber sein. Charlus wird jedoch noch ein paar Fragen zu diesem Fluch haben, Sirius, ist das in Ordnung?"

„Ich denke. – Gab's eine Eule wegen meiner Magie?"

„Ja, natürlich, aber keine Angst. Als wir denen sagten, dass du offenbar einem Cruciatus-Fluch in die Arme gelaufen bist, war es klar, dass du so schnell wie möglich weg musstest und die Sache wurde als Selbstverteidigung eingestuft. Wird nicht mal eine Anhörung geben. Du bist also aus dem Schneider."

Ich bin noch mehr erleichtert, was sie klar erkennt, denn sie lächelt und verwuschelt meine Haare.

„Du kommst wieder auf die Beine, Sirius, und jetzt bleibst du erst mal hier."

Sie nimmt mich in die Arme und ich murmle meinen Dank in sie hinein:

„Danke, Tante Dorea! Ich will nie wieder dorthin zurückgehen!"

Ein Sprung zur nächsten Erinnerung. Nun ist es Mr. Potter, der an meinem Bett sitzt. Wir sind allein und er schaut mich mit ernstem Gesicht an:

„Ich brauche noch deine Geschichte, Sirius, selbst wenn es wehtut, sie zu berichten. Meine Frau hat festgestellt, dass du alle Anzeichen zeigtest, die Opfer von Cruciatus-Flüchen normalerweise aufweisen. Sie ist überzeugt, dass dich jemand diesem Fluch ausgesetzt hat. Was ist geschehen?"

„Mein Vater wollte, dass ich ein Todesser werde. Er hat versucht, mich durch endlose Schläge dazu zu bringen, dass ich zustimme. Als das immer noch nicht reichte, hat er mich dann mit dem Cruciatus erwischt…"

Mr. Potter nickt und sagt:

„Das war so in etwa das, was ich erwartet habe, Sirius. Du weisst, dass wir das anzeigen müssen, nicht wahr? Es war kein Problem, dich wegen der Zauberei Minderjähriger vom Haken zu bekommen, wir konnten durch deinen Zustand leicht beweisen, dass du dich nicht anders aus deiner Lage befreien konntest als durch den Gebrauch von Zauberei. Die Schulbehörden wissen nur, dass du einen Zauber benutzt hast und wir haben ihnen nicht gesagt, welchen Zauber. Wir haben ihnen gesagt, dass du mit dem Fahrenden Ritter hier angekommen bist, denn wir konnten denen ja nicht mitteilen, dass du einen Portschlüssel gemacht hast. Das würde dich dann wirklich in Schwierigkeiten bringen. Aber die Anwendung eines Cruciatus-Fluches ist ein Offizialdelikt, wir müssen jeden anzeigen und strafrechtlich verfolgen, der einen Unverzeihlichen Fluch anwendet."

„Bitte! Können wir nicht einfach sagen, dass er mich lebensbedrohlich verflucht hat, aber nicht, womit? Ich habe Angst, was passieren könnte, wenn jemand versuchen wollte, meinen Vater zu überführen. Ich bin überzeugt, dass er sich rausreden könnte. Sie wissen doch, wieviel Einfluss Vater aufs Ministerium hat."

„Leider weiss ich das. Bist du sicher?"

Ich nicke.

„Solange ich nicht wieder dorthin zurückkehren muss…"

„Nein, ich denke, dass wir das zu verhindern wissen. Vielleicht wollen sie das auch gar nicht mehr so sehr, denn bisher hat noch keiner versucht, unser Haus einzurennen und dich zurückzufordern. Ich stimme dir bei, dass eine Anzeige vermutlich unter den Teppich gekehrt würde, traurig aber wahr. In ein paar Monaten wirst du sowieso volljährig, und bis dahin bist du bei uns mehr als willkommen, lieber Junge. Du verdienst es, von dieser Familie wegzukommen. Mein Sohn hat mir gesagt, dass es für dich dort immer schon sehr schwierig gewesen ist?"

Ich sehe, wie mein jüngeres Selbst den Kopf hängenlässt und flüstert:

„Das wäre die Untertreibung des Jahrhunderts, Sir."

Mr. Potter hebt mein Kinn und schaut mir in die Augen:

„Ist dies schon mehr vorgekommen, Sirius?"

„Nicht der Cruciatus, aber sonst allerlei… ich war schon oft tagelang bewusstlos," gebe ich zu.

Mr. Potter seufzt, dann beugt er sich vor und nimmt mich in die Arme.

„Nie wieder, Sirius," verspricht er, „Du wirst nie wieder unter diesen Monstern zu leiden haben. Wir werden sehen, wie sie reagieren werden, denn die werden wohl bald wissen, wo du bist. Dorea ist bereit, ihnen ihre Meinung tüchtig zu geigen. Wie du weisst, ist sie die Tante von beiden deiner Eltern, bisher haben sie sie noch nicht vom Stammbaum gestrichen also werden ihre Worte doch eine Kleinigkeit wert sein."

Gleich die nächste Erinnerung ist der Besuch von Onkel Alphard, der schon zwei Tage später im Haus steht, nachdem er meine Eule erhalten hat. Er ist sofort da und spricht mit mir und dann mit Tante Dorea, die sich uns in meinem Zimmer anschliesst.

„Dorea, du hast ja keine Ahnung, wie froh ich bin, dass Sirius aus diesem Haus raus ist! Er wurde von Anfang an miserabel behandelt und mich haben sie so gut sie konnten, ferngehalten, so dass ich ihm nicht wirklich helfen konnte. Ich werde für seinen Unterhalt vollständig aufkommen, alles, was er für die Schule braucht und so und bitte sage es mich, ich gebe dir auch gerne etwas für seinen Aufenthalt hier. Kleider, Bücher, Spielsachen, egal was. Damit sind nun zwei der fünf Kinder seiner Generation in Sicherheit."

„Das ist lieb von dir, Alphard, aber er fällt uns nicht zur Last, wir kommen gerne für ihn auf. Über die Jahre habe ich einige schlimme Geschichten darüber gehört, wie sie Sirius behandelt haben. Du hast ganz recht, er verdient die Erholung."

„Sag's mir nur ruhig. Ich komme zumindest für sein Taschengeld auf. Ich bin sicher, dass du lieber hier bei deinem besten Freund bleiben möchtest, nicht wahr, Sirius?"

„Wenn ich darf, Onkel Alphard! Aber ich möchte auch mit dir im Kontakt bleiben."

„Natürlich, mein Lieber. Jetzt, wo du aus diesem entsetzlichen Haus endlich raus bist, werde ich dich gerne regelmässig besuchen. Ich muss nächste Woche auf eine Geschäftsreise in die Schweiz reisen, wenn du und James Lust habt, dürft ihr mich gerne begleiten."

„In die Schweiz? Das ist da, wo Remus in den Sommerferien immer wohnt," verrate ich.

„Ach ja? Na, dann schreib ihm doch 'ne Eule und frag ihn, ob ihr zwei ihn besuchen könnt. Ich nehme euch dann gerne mit dahin. Weisst du auch, wo genau Remus wohnt?"

„Er sagte, dass es ganz in der Nähe der Hauptstadt ist."

„Bern. Ich habe geschäftlich in Zürich zu tun, aber das ist nicht weit weg. Es sollte kein Problem sein, euch dort abzuladen, wenn Remus' Eltern einverstanden sind."

Tante Dorea sieht nachdenklich aus. Vielleicht überlegt sie, ob ein Vollmond in der Zeitspanne liegt, aber ich sehe, wie ich sie beruhige:

„Keine Angst, Tante Dorea, es gibt keinen in den nächsten zwei Wochen, er ist grade vorbei."

Sie versteht, nickt und lächelt.

„Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Mr. und Mrs Lupin etwas gegen euren Besuch haben könnten, Sirius. Willst du, dass ich die Eule schreibe?"

„Bitte, Tantchen!"

„Dann tue ich es auch. Wir bleiben in Verbindung, Alphard?"

„Aber natürlich, Tantchen. Ich muss am Montag weg und werde eine Woche später zurückkehren, falls die Verhandlungen zu einem guten Abschluss kommen werden."

„Sehr schön. Ich schicke also Fanny den Brief."

Das war natürlich eine wunderbare Wende in meinem Leben! In den nächsten Tagen erhole ich mich mit Hilfe einiger potenter Zaubertränke meiner Grosstante gänzlich von den Flüchen und dann kommt die Eule der Lupins zurück, die den Potters mitteilt, dass James und ich herzlich eingeladen sind, einige Ferientage bei ihnen zu verbringen.

Es macht Spass, uns beiden Jungen beim Freudentanz durch die riesige Eingangshalle von Seaview Manor zuzusehen. Auch Mr. Potter schaut schmunzelnd dabei zu.

Dann erscheint Onkel Alphard wieder und bringt uns per Portschlüssel direkt zu den Lupins. So direkt, dass wir mitten in ihrem Wohnzimmer landen! Sie heissen uns drei herzlich willkommen und bedanken sich bei meinem Onkel dafür, dass er uns sicher zu ihnen transportiert hat. Remus steht da und strahlt über alle Backen, denn seine sonst eher einsamen Sommerferien haben grade sehr viel mehr Inhalt erhalten. Er zieht uns hinauf in sein Zimmer, wo ein zusätzliches Bett aufgestellt worden ist, damit wir alle drei in seinem Zimmer übernachten können.

„Wir haben meinen Onkel, meine Tante und meine Cousine zu Gast, das bedeutet, dass wir alle drei hier drin hausen müssen – einer von euch beiden muss mit mir mein Bett teilen, aber das ist zum Glück gross genug," bemerkt Remus.

„Das kann Sirius tun, du weisst doch, wie sehr ich schnarche…" erklärt James sofort.

Dann bekommen wir Bilder von einem sehr netten Urlaub mit Remus zusammen zu sehen. Wir lernen seine Cousinen Céline und Sabine, sowie seinen Cousin Yves kennen, die alle in Beauxbatons zur Schule gehen. Und wir lernen die Ritters kennen, Mrs Lupins ältere Schwester und deren Mann, sowie deren Tochter Melina. Remus' Onkel ist ein Diplomat und ein Muggel. Normalerweise lebt die Familie im Ausland, aber im Sommer sind sie oft zuhause und wohnen dann entweder bei Mrs Lupins Schwester Carine oder bei den Lupins. Leider ist Melina ein Squib, aber sie macht nicht den Eindruck, dass es sie heftig stört. Wir ziehen sie deswegen auch nicht auf, denn sie ist ein feines Mädel. Sie ist nur ein paar wenige Monate jünger als Remus und ich. Da sie und ihre Eltern die beiden Gästezimmer im Haus bewohnen, sind James und ich dazu verdonnert, bei Remus zu schlafen, was uns aber überhaupt nicht stört. Damit sich alle verstehen, gibt Mrs Lupin James und mir einen Zaubertrank, der uns die Sprache erschliesst.

Wir sieben sind die ganze Zeit unterwegs, im Wald, beim Besenfangen, wir hören Remus' Muggelmusik, gehen in die Stadt, den Tierpark und ins Schwimmbad. An einem Tag macht Mrs Lupin mit uns einen Ausflug in die Berge und wir machen auch eine Fahrt auf dem Thuner See.

Es war ein absoluter Traum für mich. Ich war noch nicht einmal je gross in England herumgekommen und jetzt befand ich mich auf einmal in der Schweiz, das war wirklich wie direkt aus dem Märchentraum. James und ich fürchteten den Tag, an dem wir wieder nach England zurückkehren mussten, weil es uns beiden bei diesen freundlichen Menschen so gut gefiel. Nach dem Austausch einiger Eulen erklärt sich Mr. Potter bereit, uns eine weitere Woche später abzuholen.

Noch mehr Spass. Wir sprechen mit Remus' Cousin und Cousinen über unsere jeweiligen Schulen und vergleichen sie. Der Unterricht scheint einigermassen ähnlich zu sein, aber was sie von der Schule erzählen, klingt grossartig! Wir besuchen sie auch bei sich zu Hause, lernen ihre Eltern kennen und bekommen ihre Schulroben zu sehen.

Mitten in die Ferientage in der Schweiz platzen die Eulen, welche die Resultate unserer OWLs mit sich bringen. Wir finden sie, als wir zum Frühstück an den Tisch kommen.

„Worauf wartet ihr, ihr Jungs, macht sie schon auf!" fordert Mrs Lupin uns auf.

„Was ist denn da drin?" fragt Melina neugierig.

„OWLS!" stöhnt Remus.

„Komm schon, Remus, du hast doch keine Angst vor deinen Noten, oder?" neckt Melina ihn.

Sie mag ja ein Squib sein, aber offensichtlich hat sie genügend Zeit im Lupin-Haushalt verbracht um zu wissen, was die OWLS bedeuten. Remus starrt sie wütend an und seufzt, doch dann macht er den Umschlag mit einem Messer auf und zieht den Inhalt heraus. Drei Pergamente kommen zum Vorschein. James ist schon eine Etappe weiter und liest seine grade durch.

„Ja! Ich habe acht Stück geschafft!" ruft er.

„Ist das gut?" erkundigt sich Melina.

„Das ist ziemlich gut, Melina. Ich habe auch acht, James!" sagt Remus, nun schon viel ruhiger.

„Was sind deine Noten?" fragt James.

„O in Verteidigung, Geschichte und Zauberkunst, E in Transfiguration, Arithmantik und Alte Runen, A in Zaubertränke und Astronomie."

„Zaubertränke? Du hast einen OWL in Zaubertränke? Wow, Remus, das ist grossartig!" rufe ich, während ich grade meine eigenen Zensuren begutachte.

„Und du, Padfoot?" fragt James.

„Zehn. O in Verteidigung, Transfiguration, Zauberkunst, Zaubertränke und Arithmantik, E in Alte Runen, Astronomie, Geschichte, Pflege magischer Geschöpfe und Kräuterkunde," verrate ich.

Sie starren mich alle an. Das sind zehn OWLS und von denen sind fünf mit O und fünf mit E benotet.

„Wow, Sirius! Wäre nicht erstaunt, wenn du mit dieser Leistung Evans hinter dir gelassen hast, wäre ich nicht erstaunt," sagt James anerkennend.

Auch Mrs Lupin macht mir ein Kompliment: "James hat recht, das ist eine wirklich feine Leistung, Sirius."

"Kann ich nur beistimmen, Sirius, damit gehörst du sicher zu den Klassenbesten," findet auch Mr. Lupin.

"Danke! Ich bin wirklich komplett überrascht. Ich dachte mir, dass die Prüfungen sehr gut gelaufen sind, aber nicht so gut! Vor allem nicht in Alte Runen und Kräuterkunde."

"Jedenfalls für das Bisschen, was du gearbeitet hast…" grummelt Remus.

"Du brauchst dich aber nicht zu beklagen, Liebster, du hast ebenfalls ausgezeichnet abgeschnitten. Schau dir nur mal dein Notenblatt an! In den wenigen Fächern, in denen du keinen OWL geschafft hast, fehlte ja nur ganz wenig. Jetzt kannst du dich auf deine NEWTS-Fächer konzentrieren und darin dafür umso besser abschneiden," tröstet Mrs Lupin ihren Sohn.

"Knapp daneben ist auch vorbei, Mum. Ich hab sie verpatzt und das ärgert mich!"

"Ach komm schon, du hast fantastische Noten und viele dieser Prüfungen waren ganz kurz vor dem Vollmond," insistiere ich.

"Das ist einer der Gründe, warum ich mich ärgere," gibt Remus zu, "aber lass dir deine Freude nicht dadurch verderben, du warst grossartig. Ich bin froh, dass wenigstens einer von uns Evans die Stange gehalten hat."

"Das sollte mein Spruch sein, Moony!" protestiert James.

Ich grinse. Doch dann denke ich an was anderes und sage, diesmal richtig ärgerlich:

"Zu denken, dass Regulus' Aussicht, grade mal genügend Punkte zusammengekratzt zu haben, um in die nächste Klasse versetzt zu werden meine Eltern mehr begeistert als mein Top-Score in den OWLS sagt einiges über sie aus, nicht wahr? Ich glaube, die müssen völlig unnatürliche Eltern sein…"

"Warte nur bis zur offiziellen Rangfolge," sagt James kichernd.

"Ich bin auf alle Fälle im obersten Viertel mit diesen Noten. Was schaffen die meisten Leute? Fünf, wenn's hoch kommt, sechs OWLS."

Die nächste Erinnerung zeigt James und mich auf dem Rückweg zu den Potters. In einer weiteren sehen wir, wie James und ich in seinem Zimmer sitzen und einfach nur plaudern. Das nächste Schuljahr sollte wieder etwas weniger stressig sein und so überlegen wir uns, welche Fächer wir wählen sollen. Dann fragt James mich plötzlich:

"Du magst Remus, nicht wahr?"

"Natürlich mag ich Remus, James. Das tun wir doch alle, oder nicht?"

"Peter und ich mögen ihn nicht auf die selbe Art wie du, Siri."

"Was willst du damit sagen?" frage ich und stelle mich dumm.

Es war nicht schwer, Snapes Drohung abzuwimmeln, allen meine sexuelle Orientierung bekanntzugeben, ich hätte meinen Kopf geradehalten und es einfach abschütteln können. Aber James spricht davon, Remus zu mögen, also muss er ja einen gewissen Verdacht geschöpft haben, dass ich in meinen zweiten besten Freund verliebt bin. Ich spüre, wie die Röte in meinem Gesicht aufsteigt.

"Ich hab gesehen, wie ihr beiden euch gegenseitig anschaut. War nicht schwer festzustellen, dass es so ungefähr die selbe Art ist, wie ich Lily anschaue," sagt James etwas trocken.

"Wir schauen uns gegenseitig an? Remus guckt mich an?"

"Sirius! Bist du so dämlich oder tust du nur so? Du hast grade zehn satte OWLS kassiert und merkst nicht mal, dass dein bester Freund dich 'so' anschaut? Komm schon!"

"Nein, habe ich nicht gemerkt. Wäre aber nicht unglücklich, wenn er es täte," gebe ich zu.

James grinst.

"Na also! Willst du, dass ich ihn ein bisschen aushorche, wenn wir wieder in der Schule sind?"

"Du meinst, ihn fragen, ob er mich auch mag, oder was?"

"Ja. Obschon ich da schon ziemlich sicher bin. So wie ich ihn kenne, wagt er es vielleicht bloss nicht, dich anzusprechen. Du weisst doch wie er ist. Er hat vermutlich tödliche Angst, dich als Freund zu verlieren, wenn er es anspricht und du anders denkst."

"Bei Merlin, James, was glaubst du wohl, was mein Problem ist? Genau das! Ich will nicht etwas von mir geben und dann feststellen, dass ihm das vollkommen gegen den Strich geht."

Die Erinnerung endet nachdem James mir versichert, dass vermutlich nichts dergleichen passieren wird. Wir befinden uns wieder einmal in der Küche bei den Lupins in der Schweiz. Remus ist mit seiner Mum alleine.

"Ist etwas zwischen dir und Sirius, Liebster?" fragt seine Mutter ihn.

Das war wohl grade, nachdem wir zurückgereist sind. Melina ist nicht da, somit haben Mutter und Sohn genügend Privatsphäre, um offen sprechen zu können.

"Nein!" protestiert Remus etwas zu hastig und zu laut.

"Aber du hättest gern wenn etwas wäre, nicht wahr?" fragt sie weiter.

Remus lässt den Kopf hängen. Dann seufzt er und gibt zu:

"Ja, aber das heisst nicht, dass er je… ich will diese Freundschaft nicht aufs Spiel setzen, Maman. Wenn ich was anspreche - du weisst, wie die Blacks sind, die haben ihm bestimmt eingehämmert, wie unnatürlich und falsch das ist…"

Mrs Lupin lächelt.

"So, wie ich Sirius in den vergangenen Tagen kennengelernt habe, würde ich sagen, dass es nicht mehr braucht, als ihm sowas zu sagen, damit er hingeht und genau das tut… vermutlich denkt er, dass es die beste Sache der Welt ist, nur weil seine Eltern sich darüber aufregen."

Remus schaut wieder auf. Dann grinst er, schluckt und stimmt schliesslich bei:

"Stimmt, das würde er tun. Aber Mum, was ist, wenn…" Remus bricht ab.

"Wenn was, Liebster?"

"Wenn ich lieber mit einem Jungen zusammen wäre, statt mit 'nem Mädchen, wärst du dann böse?"

"Nein, Remus, ich wäre nie auf etwas böse, was dich glücklich macht. Du hast es schon so schwer genug, glücklich und unbeschwert zu sein, und die Kreise, in denen du dich unbefangen bewegen kannst, sind sehr klein. Dass du dich in einen Jungen anstatt in ein Mädchen verliebt hast, macht da gar nichts. Und ich mag Sirius."

"Er ist nett, nicht wahr?" Remus fragt und sein Gesicht nimmt einen verträumten Ausdruck an.

Mrs Lupin lacht und klopft ihm auf den Rücken.

"Du wirst es schon richten, Remus, das tust du ja immer. Ich bin sehr stolz auf dich, weisst du das?"

"Danke, Mum."

"Habt ihr schon abgemacht, wann ihr eure Schulsachen einkaufen wollt?"

"Noch nicht. Wir warten bis nach dem Vollmond."

"Auch gut."

Nach dieser folgen weitere Erinnerungen zwischen Remus und seinen Cousins und Cousinen, sowie von meinen und James' Erinnerungen. Onkel Alphard kommt ein paar Mal zu Besuch, aber selbst ich merke, dass er nicht gut aussieht. Obwohl er der jüngste Bruder meines Vaters ist, sieht er aus als wäre er schon fast am Sterben. Er bestätigt es mir, als er mir Geld bringt, mit dem ich meine Ausrüstung für Hogwarts einkaufen kann. Ich brauche neue Schulroben, muss mein Zaubertränkekit auffüllen, die Schulbücher, Federn und anderes kleines Material einkaufen. Er überreicht mir eine Börse, die fast hundert Galleonen enthält.

"Das ist für dein Schuljahr und deine Schuleinkäufe, Sirius. Glaubst du, dass es reicht?"

"Das ist mehr als genug, Onkel Alphard! Für die Einkäufe brauche ich vielleicht zehn Galleonen."

"Der Rest gehört dir, Sirius. - Weisst du schon, wann ihr in die Diagon Alley gehen werdet?"

"Ja, nächsten Dienstag in einer Woche."

"Sehr gut. Kannst du mir dann etwa zwei Stunden widmen? Ich möchte dich und Andromeda zu meinem Anwalt mitnehmen."

Ich schaue ihn mit geweiteten Augen an, aber er lächelt nur.

"Es ist nur eine Vorsichtsmassnahme, um sicher zu sein, dass Andromeda und du erhaltet, was euch zusteht. Ich möchte vermeiden, dass irgendjemand sonst aus dem Black Clan seine gierigen Finger nach dem ausstreckt, was ich in den letzten Jahrzehnten erarbeitet habe. - Das ist jedoch eine wichtige Sache, Sirius. Ich bin ziemlich krank. Im Laufe der Jahre habe ich gar manchen Käfer aufgelesen, und nicht alle daraus resultierenden Krankheiten konnten vollständig geheilt werden. Sie haben einige meiner inneren Organe soweit geschwächt, dass nicht einmal mehr die Magie mich heilen kann. Aus diesem Grund weiss ich nicht, wie lange es mir vergönnt ist, dir beizustehen. Deshalb will ich vorher sicherstellen, dass du von deiner Familie unabhängig werden kannst. Die Potters sehen gut zu dir und sie haben versprochen, es auf jeden Fall zu tun, bis du Hogwarts verlässt und vermutlich auch noch länger! Aber jetzt sei nicht schon vorzeitig traurig, ich bin ja noch da und ich versuche, so lange da zu sein, wie du mich brauchst, ja?"

Ich schaue das einzige Familienmitglied, dem ich Vertrauen und Respekt entgegenbringen kann und das ich liebe mit ängstlichem Blick an. Jetzt, da ich endlich direkten Kontakt mit ihm haben kann, will ich ihn nicht verlieren! Aber ich verspreche ihm, ihn an diesem Dienstag um zwei Uhr nachmittags bei Florean Fortescue zu treffen.

"Ausgezeichnet, Sirius, ich werde Andromeda bitten, dich dort abzuholen."

In der nächsten Erinnerung treffen wir Remus und seine Eltern im Tropfenden Kessel, um gemeinsam einkaufen zu gehen. Remus scheint sich vom letzten Vollmond schon wieder erholt zu haben. Er lächelt wie immer und wir warten alle auf Peter, dann gehen wir auf die Jagd nach unseren Schulsachen.

"Ich kann nur bis um zwei. Können wir ein spätes Mittagessen bei Fortescue einschalten? Mein Onkel Alphard hat mich gebeten, zu seinen Anwälten zu kommen," teile ich den anderen mit.

"Ja, natürlich! Mum hat's mir schon gesagt. Wir gehen dann einfach heim und dein Onkel begleitet dich nach Hause," versichert mir James.

"Ah, gut!"

"Was will denn dein Onkel mit dir?" fragt Peter.

"Ich glaube, es hängt mit seinem Testament zusammen. Er möchte Andy und mir einiges erklären. Ihr kennt doch meine Cousine Andy? Sie ist Bella's älteste Schwester und die einzige in ihrer Familie, die normal ist," erkläre ich.

"Oh."

"Also, dann lasst uns gehen!"

Wir machen uns auf den vertrauten Weg durch die Läden in der Gasse und kaufen unsere Sachen. Schliesslich lassen wir uns alle auf einen Sitz bei Florean Fortescue fallen und dort findet Andy uns etwas vor dem vereinbarten Zeitpunkt. Sie hat ihren Mann dabei und stellt uns ihre kleine Tochter vor, Nymphadora, die inzwischen eine niedliche kleine Bohne von sieben Jahren ist. Ich habe sie bis jetzt noch nicht einmal kennengelernt! Andy stellt alle einander vor und setzt sich an den Tisch.

"Wir haben im Tropfenden Kessel gegessen, aber ein kleines Dessert hat ja noch Platz," meint sie lachend.

Nymphadoras kleines Näschen rümpft sich zufrieden und dann blinzeln wir alle, denn im nächsten Moment hat sie nicht mehr schwarze, sondern knallblaue Haare.

"Was ist das denn?" frage ich und deute auf das Kind.

Andy verzaubert das Haar wieder schwarz und wendet sich zunächst an ihre Tochter:

"Dora, was habe ich dir gesagt? Du darfst das in der Öffentlichkeit nicht tun, nicht einmal unabsichtlich!"

"Sorry, Mum."

Andy erklärt uns, dass ihre Tochter ein Metamorphmagus ist und erklärt, dass das bedeutet, dass die Kleine sich in alles einfach verwandeln kann, was sie will.

"Aber es ist noch sehr schwer für sie, es zu kontrollieren und sich nicht in aller Öffentlichkeit plötzlich völlig zu verändern."


Remus

Dies hier ist Sirius' Erinnerung. Manchmal ist es schwer zu sagen, wer die jeweilige Erinnerung beigesteuert hat, aber als wir Sirius und Andy folgen, ist es sofort klar. Ich sehe ihm nach, Sehnsucht in meinen Augen, aber ich tue so als ob nichts wäre.

"Kennst du den Weg, Andy?" fragt Sirius.

"Ja, Sirius, deshalb ist Onkel Alphard auch direkt hingegangen. Komm, es ist nicht sehr weit."

Sie folgen zunächst der Diagon Alley, und nach etwa der Hälfte zweigt Andy ab in eine Nebengasse, wo sie am vierten Haus anklopft. Die Tür wird geöffnet und Andy stellt ihre Begleiter vor:

"Wir werden erwartet. Mein Name ist Andromeda Tonks-Black, dies sind mein Mann Edward Tonks und meine Tochter Nymphadora. Und dies ist mein Cousin Sirius Black."

"Guten Tag, meine Damen und Herren, bitte treten Sie gleich hier ein, denn Sie werden in der Tat erwartet. Ich glaube, die Herren haben ihre Vorkonferenz soeben beendet," begrüsst ein junger Zauberer sie. Ich erkenne vom Gesicht her einen ehemaligen Schüler von Hogwarts, ein Ravenclaw, der etwa zwei Jahre zuvor abgegangen ist.

"Danke sehr."

Die Gruppe wird direkt in ein Konferenzzimmer geleitet. Ausser Sirius' Onkel befinden sich dort bereits drei andere Herren unterschiedlichen Alters. Zwei sind definitiv als sehr alt zu bezeichnen; der dritte ist so etwa in Alphard Blacks Alter, um die sechzig. Sie erheben sich alle, als die jüngeren Familienmitglieder den Raum betreten.

Onkel Alphard begrüsst zunächst Andromeda mit einem Kuss auf ihre Hand und ihre Wangen.

"Es ist wie immer ein Vergnügen, dich zu sehen, meine Liebe. Wie geht es dir?"

"Hallo, Onkel Alphard. Mir geht's blendend, nicht so wie dir, will mir scheinen…"

"Ja, leider sieht's nicht sehr gut aus. Es tut mir doch ein bisschen weh, dass ich diese schnöde Welt offenbar vor meinen vermaledeiten Brüdern verlassen muss, aber da gibt's offenbar leider nichts dran zu rütteln. Es ist wie es ist. Diese drei Herren hier sind meine Anwälte, welche soeben mit mir ausbaldowert habe, was ich besitze, und wie wir das am besten auf euch zwei verteilen. Darf ich vorstellen? Mr. Lynton, Mr. Quigley und Mr. Blake. Liebe Freunde, gerne stelle ich euch meine bezaubernde Nichte Andromeda Tonks-Black vor, ihren Gatten Edward und ihre Tochter Nymphadora vor, sowie meinen lieben Neffen Sirius Black. Sie werden die Haupterben meines Vermögens sein."

"Na, da wird sich der Rest des Clans ja freuen," murmelt Sirius, aber begrüsst höflich die bereits Anwesenden.

Alphard und Andromeda lachen beide. Dann sagt Alphard fröhlich:

"Und wir setzen uns heute genau deshalb zusammen, um ihnen diese Freude zu bereiten, Sirius, und zu verhindern, dass ihr beide beim Lesen des Testaments Überraschungen begegnet. Ich weiss nicht, inwiefern du über die Erbgesetze in der magischen Welt Bescheid weisst, Sirius, aber ich bin leider dazu verpflichtet, allen nahen Angehörigen etwas zu hinterlassen, sonst kann mein Testament von ihnen angefochten werden. Das wollen wir auf jeden Fall verhindern. Es gibt ein Minimum, was vererbt werden muss, und das ist ein Knut und die Verwandtschaftsgrade, die berücksichtigt werden müssen schliessen meine Geschwister und deren Kinder mit ein, nicht aber deren verheiratete Partner, da ich keine eigenen Kinder habe. Es wird ja so ein trauriger Tag sein, wenn ich ihre Gesichter nicht selber sehen kann, wenn sie das erfahren. Aber vielleicht bin ich ja in meinem Rahmen dann schon erwacht und kann es so miterleben."

Mr. Lynton scheint der Chef der Anwälte zu sein, der, immer noch schmunzelnd, die Sitzung eröffnet, nachdem er alle Teilnehmer begrüsst und zum Setzen aufgefordert hat.

"Nun denn, lassen Sie mich diese Sitzung eröffnen. Unser junger Mr. Quigley da drüben wird das Protokoll führen. Dies ist eine Sitzung, anlässlich derer wir die künftigen Erben von Herrn Alphard Black, Esquire, über ihr zukünftiges Erbe in Kenntnis setzen. Mr. Blacks Absicht ist es, das Erbe für die beiden Haupterben, Mrs Andromeda Tonks-Black und Mr. Sirius Black sicherzustellen und die beiden vor seinem Tod genau über Umfang und Art des Erbes zu informieren. Sein Testament hat er am heutigen Freitag, dem fünfzehnten Tag des Monats August Anno Domini 1976 in den Räumen dieser Kanzlei verfasst und unter Zeugen beglaubigt. Ich werde es nun für die beiden anwesenden Parteien, sprich Mrs Andromeda Tonks-Black und ihre Familie, sowie Mr. Sirius Black lesen."

Es folgt eine lange Periode, in der das ganze Testament vorgelesen wird. Neben den beiden Haupterben wird eine ziemlich lange Reihe von persönlichen Legaten vergeben, und aus dieser Liste und den Angaben, welche die Teile für Sirius und Andy betreffen, kann ich ersehen, wie vermögend Sirius' Onkel ist. Nach Abzug dieser persönlichen Legate, bei denen es sich zumeist nicht um Geld, sondern um Gegenstände aus seinem Nachlass handelt, verteilt Alphard seine Immobilien und sein Geld je zur Hälfte an Andromeda und Sirius. Wegen seiner zahlreichen Geschäftsverbindungen gibt es auch noch jede Menge kleiner Details, welche genauen Aufschluss über die Vollstreckung des Testaments geben.

Nach einer halben Stunde des Lesens ist das Ende aber erreicht. Der Anwalt schaut von dem Dokument auf und erkundigt sich, ob jemand Fragen hat. Andy und Ted haben einige davon und alle werden beantwortet. Auch Sirius hat eine Frage:

"Sollte Onkel Alphard sterben, bevor ich volljährig bin - wer wäre dann für meinen Teil des Erbes verantwortlich? Meine Eltern?"

"Bei Merlin, nein! Wir stellen das hier sicher nicht an, um ihnen auch nur einen Blick auf den Nachlass zu erlauben. Ihr Anteil wird in diesem Fall von den Potters verwaltet, die auch bestimmen können, welchen Zugang Sie zu Ihrem Erbe vor ihrer Volljährigkeit erhalten sollen. Sie werden dies alles in Zusammenarbeit mit uns tun."

"Ah! Sehr gut. Solange meine Eltern nur nicht ihre schmutzigen, gierigen Finger danach ausstrecken können. Ich finde, dass sie eh schon mehr haben, als sie verdienen."

"Wir erwarten, dass das Testament auf alle Fälle noch angefochten werden wird, und zwar wahrscheinlich von Ihren beiden Elternpaaren. Wir sind aber sicher, dass die Formulierung wasserdicht ist und mit den Mindestlegaten, welche das Gesetz vorschreibt und die wir bereits vor Ort überreichen werden wird kein Anwalt, der einigermassen bei Verstand ist, einen Auftrag zur Anfechtung annehmen und vor Gericht bringen. Das würde garantiert seine Karriere ruinieren," sagt Mr. Lynton mit einem Zwinkern im Auge wie Dumbledores, allerdings sehr wahrscheinlich ohne die untergelegte Legilimentik.

Sirius versteht und grinst.

"Dann bin ich zufrieden und hoffe, dass wir uns über die Vollstreckung noch viele Jahre keine Gedanken zu machen brauchen. Ich behalte nämlich lieber noch etwas meinen Onkel als sein Geld."

Daraufhin schaut Alphard Sirius mit sehr zärtlichem Blick an. Das war wirklich sehr nett gesagt. Sirius erreicht auf alle Fälle die Herzen der Anwälte, denn die strahlen ihn alle ebenso an.

"Das ist auch wirklich viel netter, nicht wahr? Herzlichen Dank für Ihr Erscheinen, ich denke, wir haben getan, was wir konnten, um zu vermeiden, dass Sie in der Zukunft um Ihr Erbe betrogen werden könnten."

Alle stehen von ihren Plätzen auf und die Besucher werden zur Tür begleitet und einzeln höflich verabschiedet.

"Mr. Black, es war wie immer ein Vergnügen, für Sie und mit Ihnen zu arbeiten. Ich hoffe, wie der junge Master Black, dass ich diesen Text noch lange nicht wieder lesen muss."

"Danke, Mr. Lynton, das hoffe ich selber natürlich auch."

Alphard wartet, bis sich auch die anderen verabschiedet haben, dann geleitet er sie durch die Diagon Alley zum Tropfenden Kessel. Sie beeilen sich nicht, sie verbringen die Zeit gerne miteinander.

In den nächsten Erinnerungen von Sirius taucht Onkel Alphard denn auch häufig auf. Sirius freut sich überaus, seinen Onkel oft zu sehen und erzählt ihm alles über die Muggelbücher, die er in der Zwischenzeit gelesen hat, und wie er an sie herangekommen ist. Mein Name wird des Öfteren erwähnt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der alte Herr sich seine Gedanken darüber schon gemacht haben wird.

"Wie haben deine Eltern nach deiner Flucht reagiert, Sirius?"

"Erstaunlicherweise gar nicht. Es ist, als ob gar nichts passiert wäre, keine Briefe, keine Heuler, kein gar nichts. Vielleicht ist Vater klar, dass ich ihn zu dem Cruciatusfluch anschwärzen könnte. Selbst wenn er viel Geld investiert, kann ihn das nach Azkaban schicken."

"Das, oder sie haben endlich rausgefunden, dass sie dich nicht enterben können. Muss ein recht harter Schlag für Leda gewesen sein und ein dicker Brocken zum Schlucken, denn sie können daran auch nichts ändern. Die Familie Black hat nämlich Familienstatuten, welche sehr strikte Vorschriften enthalten. Nur eine vollzählige Geschwistergruppe des jeweiligen Familienoberhauptes kann Änderungen bestimmen und auch nur einstimmig. In unserem Fall sind das dein Vater Arcturus, Onkel Cygnus und ich. Und unsere Schwester Vega, wäre sie noch am Leben."

Ich kann sehen, wie sich auf Sirius' Gesicht ein Grinsen ausbreitet.

"Da hat die kleine Kröte Regulus aber wohl einen bösen Schlag erhalten, er war doch so scharf darauf, alles zu erben."

"Nun, so wie's aussieht, bekommst du dennoch den Löwenanteil. Die Blacks waren schon immer sehr wohlhabend, Sirius, aber es gab Zeiten, da hingen sich die Familienmitglieder buchstäblich an der Gurgel, dass sie sich gegenseitig andauernd enterbt haben, bis nur noch ein männlicher Vertreter da war, der für Nachkommen sorgen konnte. Der war vernünftig genug, mit den Familienanwälten diese sehr strengen Familiengesetze aufzustellen. Weiterhin war er so klug, die Möglichkeiten sehr stark einzuschränken, die der Familie blieb, um diese Vorschriften überhaupt ändern oder löschen zu können. Diese Vorschriften verlangen, dass kein einzelnes Familienoberhaupt etwas ändern kann ohne die Zustimmung aller seiner Geschwister. Ist ein Geschwister bereits verstorben, gibt es keine Möglichkeit für diese Generation mehr, etwas zu verändern. Es darf nur dann geschehen, wenn dieses Geschwister vor seiner Volljährigkeit verstorben ist. In unserem Fall ist ein Änderungsantrag unmöglich, weil unsere Schwester Vega im Kindbett gestorben ist und volljährig war."

"Also könnte ich nichts ändern, ausser wenn ich Regulus dazu bringe, zuzustimmen?"

"Sehr richtig. Aber du hast eh kein Interesse daran, etwas zu ändern und auf diese Weise kann auch er keinen solchen Änderungsantrag stellen. Es bedeutet auch, dass du deinem Vater als Familienoberhaupt nachfolgst, sowie er seinen letzten Atemzug tut."

"Ausgezeichnet! Danke für diese Erklärungen, Onkel Alphard."

"Das tue ich sehr gerne, Sirius. Ich bin froh, hast du dich zu dem jungen Mann entwickelt, auf den ich gehofft hatte. Ich habe gleich nach deiner Geburt gespürt, dass du anders als mein Bruder und seine schreckliche Frau bist! Es tut mir leid, so übel von deiner Mutter zu sprechen, aber sie ist weit schlimmer als dein Vater, selbst wenn er es war, der den Cruciatus-Fluch auf dich ausgesprochen hat."

"Da erzählst du mir nichts Neues," murmelt Sirius.

Alphard grinst.

"Du kannst mir glauben, dass die Blacks nicht immer so waren, Sirius. Sie waren immer stolz darauf, alter magischer Adel zu sein, aber das alleine ist ja nichts Schlimmes. Schlimm wird es erste, wenn Angehörige der Familie sich bewusst auf eine höhere Stufe als andere stellen, weil sie glauben, dass ihr reines Blut alleine sie schon dazu berechtigt, und sie ansonsten keine Leistungen erbringen müssen. Ich bemerke, dass deine ausgezeichneten schulischen Leistungen, dich auch auf diesem Gebiet von deiner Familie absetzen, und dass du eine Gruppe von wunderbaren Freunden um dich geschart hast. Bleib ihnen treu, denn sie werden dir deine fehlende Familie vollständig ersetzen!"

"Das werde ich tun, Onkel Alphard. Vielen Dank für deine Unterstützung und Hilfe!"

"Auch das ist sehr gerne geschehen, Sirius. Ich freue mich darauf, dich in den Weihnachtsferien wieder zu sehen."

In der nächsten Erinnerung sehen wir uns am Bahnhof King's Cross, auf dem wir den Blacks begegnen, die Regulus zum Zug bringen. Sie starren Sirius wütend an, aber reagieren ansonsten gar nicht auf ihn. Nachdem er mit seinen Freunden ein Abteil bezogen hat, erklärt er ihnen grinsend, warum sie so wütend sind:

"Sie sind wütend, weil sie herausgefunden haben, dass sie keine Möglichkeit haben, mich zu enterben, obwohl sie mich aus der Familie ausgeschlossen haben. Sie müssten mich erst umbringen, damit Regulus erben kann. Das hat mir Onkel Alphard erklärt."

"Aber jetzt bist du dafür in Gefahr, von deiner eigenen Familie ermordet zu werden," bemerkt Peter angstvoll.

"Das glaube ich eher nicht. Erstens ist Vater ein Feigling und zweitens ist mein Zerwürfnis mit der Familie schon zu allgemein bekannt. Es wäre zu offensichtlich. Es würde ihnen ja nicht eben viel nützen, wenn Regulus nach Azkaban käme, oder? Ich gehe davon aus, dass Vater es Regulus überlässt, mich später um die Ecke zu bringen. Er wollte vor allem deshalb, dass ich ein Todesser werde, damit die mich für ihn umbringen, und er nicht selber beitreten muss. Das war für mich klar wie dicke Tinte. Scheiss-Voldemort! Als ob ich vor so einem im Staub herumkriechen will! Blacks kommandieren, die nehmen keine Befehle entgegen. Und Reg ist genau derselbe Feigling wie Vater."

James grinst.

"Also willst du die Welt mal lieber in eigener Regie regieren?"

"Spinnst du? Ich will nur leben! Die Welt zu regieren wäre mir viel zu anstrengend. Und ausserdem drecklangweilig!"

Ein Sprung zur nächsten Erinnerung zeigt uns am Abend im Schlafsaal, wo wir unsere Stundenpläne diskutieren, die jetzt für die meisten von uns unterschiedlicher ausfallen als zuvor. Peter hat nur noch fünf Fächer, wir sind nur noch in Zauberkunst, Transfiguration und Verteidigung mit ihm zusammen. Sirius hat Geschichte und Kräuterkunde abgelegt, das bedeutet, dass er den gleichen Stundenplan hat wie ich, mit dem einem Unterschied, dass er Pflege Magischer Geschöpfe hat und ich Geschichte. James hat immer noch Wahrsagen, anstatt Alte Runen. Abgesehen davon hat er dieselben Fächer wie Sirius. Wir haben aber alle drei noch immer sehr viel Arbeit, denn wir haben alle noch sieben Fächer!

Lily ist ebenfalls fast überall mit uns zusammen. Wie Sirius hat sie zehn OWLS geholt, aber er hat ein Ausgezeichnet mehr geschafft als sie. Sie raucht zwar vor Wut, dass ausgerechnet einer von uns besser abgeschnitten hat als sie, aber Sirius hat in den OWLS von diesem Jahr den dritten Platz erreicht, womit er Snape um sieben Plätze hinter sich gelassen hat. Diese Klassierung hat ihn in beste Stimmung versetzt. Es ist keine Überraschung, dass es zwei Ravenclaws sind, die sich die Spitzenplätze teilen, beide haben einen OWL mehr als Sirius und beide hatten sechs Ausgezeichnet. Ich bin auf Rang neun, immer noch ein Rang besser als Snape. James ist auf Platz acht, er hat ja ein E mehr als ich. Ich bin aber trotzdem zufrieden, ich habe die Spitzenposition in Verteidigung. Sirius ist Erster in Transfiguration und teilt sich den Spitzenplatz in Zaubertränke mit exakt gleicher Punktzahl mit Snape und Lily.

Das Schuljahr beginnt. Ich habe besondere Freude an Alten Runen und Arithmantik und da beide Fächer nicht zu den beliebtesten gehören, hat's dort nicht allzu viele Schüler, die dafür eine umso bessere Lernerfahrung machen dürfen. Wir bekommen einige Erinnerungen zu sehen, sowohl von Sirius' Warte aus wie von meiner, denn wir mochten diese Fächer beide sehr.

Dann stolpern wir über eine meiner Erinnerungen. James erwischt mich alleine in unserem Schlafsaal und hält mich davon ab, gleich hinauszugehen.

"Remus, darf ich dich was fragen?"

"Natürlich. Was möchtest du denn wissen?" frage ich, mich ihm wieder zuwendend.

"Magst du Sirius immer noch? Richtig mögen, meine ich jetzt…"

Ich sehe meinem jüngeren Selbst zu, wie es rot wird.

"Was? … was meinst du mit 'immer noch'?"

James grinst und erinnert mich:

"Du erinnerst dich doch noch an den Tag, an dem Sirius dich aus Versehen 'Liebster' genannt hat, oder nicht? Wir rieten dir doch, ihm zu folgen…"

"Oh. Das. Also das hast du damals gemeint?"

"Natürlich! Wir hofften, dass ihr beide danach zusammenfinden würdet, aber es scheint, als wäre nichts passiert. Ich dachte bloss, ich frage mal nach…"

"Sagst du's Sirius?" höre ich mich selber fragen.

"Und wenn ich's tue?"

"Ich weiss nicht. Ja, ich mag ihn. Würde dich das sehr stören?"

"Kein Problem. Ich meine, es ist nicht mein Ding, aber es stösst mich auch nicht ab, wenn andere…"

"Aber wenn du's Padfoot sagst, dann will er vielleicht nicht mehr mit mir befreundet sein…" werfe ich besorgt ein.

"Remus, wir sind deinetwegen Animagi geworden! Selbst wenn Sirius nicht auf dem anderen Ufer schwimmen sollte, dann wird er trotzdem dein Freund bleiben. Vielleicht wäre es am Anfang etwas peinlich, aber er würde dich bestimmt nicht fallenlassen. Ich weiss, dass er dich wirklich mag, ich würde mir an deiner Stelle keine Sorgen machen."

Ich sehe mich seufzen, als James mich gehenlässt. Wieder eine neue Erinnerung.

James findet Sirius in der Bibliothek, in der dieser gerade für ein paar Tricks für einen neuen Streich Bücher wälzt. Wir benötigen einen Zaubertrank und ein paar spezifische Zaubersprüche, also liest Sirius sich durch die Bücher und teilt James mit, was er für Zaubertrankzutaten braucht. James ist derjenige, der sich normalerweise in den Schülervorräten und manchmal auch bei Slughorn bedient.

"Sirius, du brauchst dich nicht davor zu fürchten, einen Freund zu verlieren. Sprich mit ihm und tu's bald!"

Sirius schaut auf und strahlt.

"Wirklich? Was hat er gesagt?"

"Dass er dich mag. Und dass er so über dich denkt wie du über ihn. Such besser eine Gelegenheit, um bald mit ihm zu sprechen!"

"Vielen Dank, Kumpel. Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann, James."

"Bin froh, dass ich dir helfen kann. Wünschte nur, dass jemand mir helfen könnte, denn Lily hat so viel für mich übrig wie eh und je… gar nichts."

"Gib ihr Zeit, James. Es wurde uns ja strikte verboten, Snape zu verhexen, also können wir ja so tun als ob wir uns benähmen."

"Stimmt, wird unserem Image bei den Altvorderen gut tun. Hast du's gefunden?"

"Hab ich! Hier, es gibt einen Zaubertrank, mit dem sich deine Haut so anfühlt, als ob du andauernd schaudern würdest. Hinterlässt aber keinen dauernden Schaden! Ist nur noch die Frage zu klären, wie man den den Slytherins füttert. Wir wollen ja sehen, wie sie die Sache spüren, also sollen sie's am Tag und nicht in der Nacht zu spüren bekommen. Der kleine Bill Weasley hat sich angeboten, ihnen etwas davon in der Küche in die Getränke zu stecken. Braucht ja nur ein bisschen was in ihren Saftkrügen…"

"Das ist aber mal ein vielversprechender kleiner Junge!"

"Feiner Knabe wie ich schon je einen kennengelernt habe, James. Ein Zweitklässler. Ich habe ihm eine ganze Tüte voller Honeydukes-Süssigkeiten versprochen, wenn er's macht. Bringen wir ihm dann von unserem ersten Hogsmeade-Ausflug," erklärt Sirius grinsend.

"Ausgezeichnet! Bin auch der Meinung, dass wir das Resultat unseres Tuns sehen wollen. Bill kann es am frühen Morgen in die Küche bringen. Wie soll es sich denn auf der Haut anfühlen?"

"Oh, es ist harmlos! Angeblich wie Wellen, die sanft am Ufer plätschern. Je nach Konzentration des Tranks, soll es bis zu zwölf Stunden andauern. Wahrscheinlich ist es nach einer gewissen Zeit mehr im Kopf als wirklich auf der Haut. Wenn man eine ganze Kanne in den Saft gibt, wird's länger dauern und wenn man nur ein paar Tropfen erwischt, dauert's ein paar Minuten. Wir können es ja an uns selber testen."

"Gut. Dann den Zauber, den Remus gefunden hat, auf das Essen. Glaubst du, dass Bill das hinkriegt?"

"Auf alle Fälle. Der Kleine ist ein Wunderkind mit Zaubersprüchen. Er hat mir gesagt, dass er in Zauberkunst und Verteidigung der Klassenbeste war. Scheint ein tüchtiges kleines Kerlchen zu sein."

"Super! Dann lehre ich ihn den Zauber. Lass uns in den Schlafsaal zurückkehren."

Die nächste Erinnerung zeigt uns, wie Sirius den Zaubertrank braut. Ein sehr junger und noch kleiner Bill Weasley mit kurzen roten Haaren, blauen Augen und Sommersprossen im Gesicht fläzt auf einem der Sessel im Zimmer und schaut Sirius aufmerksam beim Brauen zu. James und Peter sind auch da, ich selber sitze lesend auf der tiefen und breiten Fensterbank.

"Nur noch eine Zutat, wie diese hier - und fertig ist die Chose. Wir müssen ihn jetzt erkalten lassen. Ich nehme ein bisschen raus, damit es schneller kühlt. Wer will's versuchen? Nur ein oder zwei Tropfen, sollte kaum länger als eine Minute wirken," lädt Sirius ein.

Niemand scheint sich besonders dafür zu interessieren. Sirius grinst, nimmt ein paar Tropfen auf seine Zunge und schluckt den Zaubertrank. Nachdem die Wirkung fast sofort eingesetzt hat, grinst er noch breiter.

"Hey, das ist grossartig! Es tut nichts weh, nichts brennt, nichts juckt, fühlt sich bloss so an, als ob du unter der Dusche stehst und dauernd Wasser an dir herunterläuft. Das einen Tag lang zu spüren wird allerdings ziemlich nervtötend sein, davon bin ich überzeugt. Kommt, probiert es selber! Das ist spassig!"

Bill wagt sich heran und Sirius gibt ihm zwei Tropfen mit einer Pipette. Bill fängt an zu kichern und windet sich.

"Er hat recht, wirklich nichts Schlimmes. Warum hat denn einer diesen Zaubertrank entwickelt, Sirius?"

"Keine Ahnung. Aber du würdest eh kaum glauben, was es so alles für irre Zaubertränke gibt! Wir haben selbst einen gefunden, mit dessen Hilfe man den Haarwuchs der Nasenhaare ankurbeln kann! Kaum zu glauben, was?"

James, Peter und ich selber lassen uns schliesslich auch breittreten, den Trank zu versuchen. Kann ja nicht schaden, wenn wir erst mal wissen, was wir den anderen antun. Ich grinse und gebe zu:

"Okay, niemand wird uns wegen seelischer Grausamkeit für dies hier anzeigen wollen. Aber was ist mit dem Zauber?"

"Oh, nichts Schlimmeres. Nur, dass damit zusätzlich die Farbskala im selben Rhythmus wie die Wellen auf der Haut erscheinen. Und auch nur auf ihrer Haut, das wird schön blöd aussehen, wenn es über ihre Köpfe und Hände läuft."

"Einverstanden. Wann tun wir's?"

"Geht's morgen früh, Bill?"

"Klar. Kann einer von euch mich wecken kommen? Wenn ich nämlich meinen Wecker stelle, dann wachen alle anderen auch auf und wollen wissen, was ich im Schild führe."

"Machen wir. Ich komme dich wecken," verspricht James.

Dann bringt er Bill den Zauber bei.

James ist nicht der Einzige, der dabei herzlich lacht. Er keucht:

"Wenn Molly das in eurem Buch liest, dann wird sie noch Jahre hinterher sauer auf Bill! Ich wette, dass Bill das auch schon längstens vergessen hat."

Da bin ich mir nicht so sicher, denn der jung Bill Weasley war von den Rumtreibern sehr beeindruckt und er verbrachte einige Zeit mit uns als wir in unserem sechsten und siebten Schuljahr waren. Ich glaube nicht, dass er das vergessen hat.

"Ich werde ihn bestimmt vorher auf die Stelle hinweisen und warnen, aber er wird sich wahrscheinlich bloss schieflachen," verspreche ich James.


James

Die Erinnerung des nächsten Morgens kommt auch gleich als nächstes.

Es erscheinen nach und nach alle am Frühstückstisch. Bill grinst nur ganz wenig, so wie wenn er sich einfach freute, uns zu sehen. Wir zeigen schon gar keine Emotionen irgendwelcher Art, wir sind einfach wie wir immer sind, schwatzend und lachend. Wie zufällig setzen wir uns neben den Zweitklässlern rund um Bill hin und warten auf den Beginn der Show. Die fängt an, als die ersten Slytherins grade ihre ersten Becher mit Kürbissaft geleert haben. Bill hat perfekt gearbeitet. Der Zauber auf dem Essen arbeitet mit grosser Zeitverzögerung und zusammen mit dem Zaubertrank im Saft, damit die Slytherins nicht gleich bemerken, dass etwas faul ist. Aber sobald die Wirkung eintritt, hat schon die Hälfte des Hauses den Zaubertrank geschluckt und den Zauber mit dem Essen eingenommen. Sie starren einander an als sie die Farben bemerken und die ersten Mädchen beginnen zu quietschen. Ich beobachte mich selber, wie ich unter dem Tisch auf Bills kleine Hand klatsche.

Ausser den Slytherins grinst natürlich jeder in der Grossen Halle. Die Lehrer haben begriffen, dass es sich um einen Schülerstreich handelt und versuchen herauszufinden, was die Slytherins haben. Da aber offensichtlich ausser den Farben nichts an den Schülern verkehrt und schon gar niemand verletzt ist, teilt McGonagall den Slytherins mit, sie sollten halt die Zähne zusammenbeissen und einfach warten, bis es durch ist. Sie hat genug dieser Streiche gesehen um zu wissen, dass die Wirkung nach einiger Zeit verschwindet. Ich grinse, weil wir dieses Mal wieder einmal ungeschoren davonkommen.

Mit zufriedenen Gesichtern machen wir uns auf den Weg in unsere Klassenzimmer. Selbst Lily scheint sich über die bunten Gesichter der Slytherins zu amüsieren. Snape will an ihr vorbei und herrscht sie an:

"Aus dem Weg, Schlammblut!"

"In der letzten Zeit einen Regenbogen oder zwei zu viel gesehen, Snivellus?" fragt sie spöttisch.

Und jeder, der das hört, lacht laut auf. Ich liebe sie noch mehr! So viel nämlich zur Heiligen Evans. Wir betreten das Zaubertränkeklassenzimmer, gehen an Slughorn vorbei zu unseren üblichen Plätzen. Sechs Gryffindors sind jetzt noch in dieser Klasse. Lily arbeitet normalerweise mit Dari zusammen, Remus und Sirius haben seit jeher in Zaubertränke immer zusammen gesessen und da Peter nicht mehr in der Klasse ist, arbeite ich mit Melanie zusammen. Sie ist ein bisschen weniger laut als Lily und Dari, aber sie ist gut in Zaubertränke und so arbeiten wir gut zusammen.

"Die Instruktionen für den Blutersatztrank sind an der Tafel, ihr könnt euch gleich ans Werk machen," verkündet Slughorn fröhlich und jeder macht sich daran, die Zutaten zusammenzusammeln.

Wir arbeiten alle ruhig an unseren Zaubertränken. Ich sehe, wie Sirius Remus unterstützt. Remus ist ausgezeichnet in der Theorie, aber praktisch hat er wegen seiner übersensiblen Nase weit mehr Mühe. Dass wir immer zu zweit an einem Zaubertrank arbeiten hilft viel. Denn ein stärkerer Schüler wie Sirius kann seinen schwächeren Partner darin immer unterstützen. Bei uns Gryffindors besteht schon gar keine Frage, dass die stärkeren mit den schwächeren zusammenarbeiten und Slughorn ist so nett, dass er das immer unterstützt. Aber er setzt nie selber zwei Schüler zusammen, er lässt allen die freie Wahl, mit wem sie zusammen arbeiten. Ich schaue mich zwischendurch bei den Slytherins um und stelle fest, dass Snape und Bellatrix Black zusammenarbeiten, die beiden stärksten in Zaubertränke im ganzen Haus. Wilkes und Avery sitzen ebenfalls zusammen, aber die kleben seit je aneinander. Typisch! Die könnten alle ihren schwächeren Kollegen helfen, denn einige von den Slytherins sind eine Katastrophe am Brautisch. Wir haben schon längst keine ihrer Zaubertränke mehr hochgehen lassen, dafür sorgen sie schon selber. Erstaunlicherweise ist Lestrange einer von ihnen, keine Ahnung, was er überhaupt in dieser Klasse sucht.

Ich schaue, wie sich mein jüngeres Selbst auf den blubbernden Zaubertrank vor ihm konzentriert. Er kommt gut voran, der Zaubertrank klärt sich die vorgeschriebenen drei Male und nimmt am Ende eine knallrote Farbe an. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem Melanie die letzte Zutat, zu Puder zerstossene Mandragorawurzel, in den Kessel gibt. Nun müssen wir nur noch ein paar Minuten blubbern lassen und dann können wir das Feuer ausmachen. Danach sitzen wir geduldig wartend hinter unseren fertigen Zaubertränken. Remus und Sirius, Lily und Dari erreichen diesen Punkt ebenfalls bald. Fast zur selben Zeit erreichen auch Snape und Black ihr Ziel, gefolgt von Wilkes und Avery. Die übrigen Slytherins scheinen Probleme zu haben. Slughorn kommt vorbei, füllt kleine Glasröhrchen mit Proben, die er kurz prüft, dann beschreibt er sie und wendet sich wieder allen zu:

"Sehr gut gemacht, die meisten von euch! Miss Evans und Miss Sanchez, Mr. Black und Mr. Lupin, Mr. Potter und Miss Chaucer, Mr. Snape und Miss Black, Mr. Wilkes und Mr. Avery - bitte füllt eure Blutersatztränke in diese Behälter, sie sind so gut, dass wir sie Madam Pomphrey in den Krankenflügel geben können, wo sie sie bei Bedarf einsetzen kann. Der Rest von euch - ihr könnt eure Kessel direkt ausleeren und auswaschen."

Einige grosse Glasbehälter kommen angesegelt und die Aufgerufenen füllen sorgfältig die Zaubertränke hinein.

Er mag ja ein paar recht üble Charakterzüge gehabt haben, unser Sluggy, aber er war ein gerechter und guter Lehrer, der alle unterwiesen hat, nicht nur die Slytherins.

Wir kommen zur nächsten Erinnerung. Es ist offensichtlich ein Wochenende im Oktober, denn wir sind am frühen Morgen draussen. Ich sehe mich gerade mit dem Besen über der Schulter zum Quidditchfeld verschwinden. Peter ist nirgends zu sehen, Sirius und Remus sind alleine. Sie spazieren am Waldrand entlang. Sobald man sie vom Schloss und den angrenzenden Ländereien nicht mehr sehen kann, verwandelt sich Sirius und fängt an, im trockenen Laub herumzurasen und sich zu wälzen. Er hält die Schnauze auf den Boden und schnüffelt und wenn er die Blätter aufwirft, flattern seine Schlappohren. Remus schaut ihm zu und lacht.

"Du bist wirklich ein perfekter Hund, Padfoot. Unglaublich! Soll ich für dich Stöckchen werfen?" fragt er scherzend.

Sirius stellt ein Ohr auf, dann rast er los und kehrt kurze Zeit später mit einem Stock im Maul schwanzwedelnd wieder zurück. Er setzt sich hin und lässt den Stock fallen, dann schaut er Remus erwartungsvoll an. Remus muss sich die Hände in die Seiten drücken, weil er vom Lachen Seitenstechen bekommt.

"Das kann ja wohl nicht dein Ernst sein, Sirius, ich habe einen Witz gemacht!"

Aber Padfoot stellt nur seinen Kopf schräg und stupst mit der Schnauze in Remus' Hüfte, leckt seine Hand und schaut ihn erneut an.

"Ach, du bist ja ein verspielter Welpe, sonst gar nichts," ruft Remus resigniert, nimmt den Stock hoch und wirft ihn weg.

Padfoot rast hinterher. Remus hat den Stock ganz schön weit geschmissen und er schaut beeindruckt zu, wie der riesige Hund elegant nur so über das Gras fliegt. Er bringt den Stock für ein weiteres Rennen zurück. Dieses Mal ist er zusammen mit dem Stock schon weg und läuft fast so schnell wie der Stock fliegt. Es macht Spass, ihnen zuzusehen. Remus geht langsam, bis er das Eingangstor erreicht, wo er umkehrt und entlang des Waldes wieder zum Schloss zurückkehrt. Sirius hat sich ausgetobt und verwandelt sich wieder zurück.

"Brr… jetzt brauch ich 'ne Dusche," sagt er.

"Würde ich auch sagen. Komm, wir gehen ins Badezimmer der Präfekten."

Sie eilen zurück und finden das Badezimmer leer. Zuerst spielen sie vergnügt in der riesigen Wanne, noch in ihrer Unterwäsche, doch dann schlägt Remus vor, sich unter der Dusche noch richtig zu waschen. Danach ziehen sie sich weiche Bademäntel an, aber bevor Remus das Bad verlassen kann, hält Sirius ihn sanft zurück.

"Remus, da ist etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte… können wir uns hier noch einen Moment auf die Bank setzen?"

"Natürlich…"

Sie setzen sich und Sirius schaut erst mal auf seine nervösen Hände hinunter.

"Ich weiss, dass das jetzt gleich seltsam klingen wird, aber denk darüber mal nach, bitte. - Dir ist sicher auch aufgefallen, dass mich all die Mädchen, die was von mir wollen alle ziemlich kalt lassen, nicht wahr?"

Remus nickt.

"Das ist… ich… na ja, es ist… ich stehe nicht auf sie… Mädchen, weisst du?"

"Bist du schwul? Ziehst du Jungen vor?"

"Nicht mal das. Nur einen Jungen. - Dich, Remus."

Remus schaut jetzt aber sofort auf. Das Lächeln auf seinem Gesicht wird deutlicher und er stellt seinen Kopf nur grade ein bisschen schräg. Dann gibt er zu:

"Das trifft sich gut, weil… Na ja, ich dachte, dass du nicht auf die abfährst, aber sicher war ich mir nicht. Ich - nein, Moony, na ja, wir beide natürlich, aber Moony wusste es schon viel länger, aber ich wusste es schon seit einem Jahr, dass ich dich liebe. Deshalb war es ja so furchtbar, als du es Snape… es tat doppelt weh, weil ich damit leben musste, dass Moony den Partner, den er sich ausgesucht hatte, nicht unser Partner werden wollte, und er hat in mir ganz schön getobt, weisst du."

"Da hatte ich dich schon lieb… ich dachte, du würdest nie wieder auch nur mein Freund sein wollen, Remus! Ich dachte ich würde zerbrechen. Aber ich konnte nicht aufhören, an dich zu denken, und wenn ich auch sonst nicht viel weiss, ich weiss eines sicher, nämlich dass ich dich liebe und immer lieben werde."

"Oh Sirius! Ich liebe dich auch. Ich hatte so gehofft, dass du es ansprichst, aber ich dachte immer, dass du's auch nie wagen würdest, wie ich selber. Ich war feige, ich konnte es einfach nicht… hatte zu viel Angst, deine Freundschaft zu verlieren… und das war mir zu wertvoll…"

Er kann nichts mehr weiter sagen, denn Sirius dreht sich ihm voll zu und zieht ihn in seine Arme, um ihn zu küssen. Es ist nur ein Kuss auf den Mund, aber ein paar Sekunden später vertiefen sie den Kuss bereits. Fünf Minuten später sitzt Remus auf Sirius' Schoss und die beiden knutschen fast selbstvergessen. Aber als sie dann doch mal nach Luft schnappen müssen, fragt Remus:

"Rauf in den Schlafsaal?"

"Ja, bitte!"

Mit etwas Mühe sammeln sie ihre Sachen zusammen, dann laufen sie hinauf in den Gryffindor-Turm und hinauf in ihren Schlafsaal, in dem sie Peter antreffen. Als er sieht, dass die beiden sich an den Händen halten, ergreift der jedoch die Flucht.

"Ich lasse euch wohl lieber alleine, was? Wisst ihr, wo James ist?"

"Quidditchfeld. Trainiert schon wie ein Irrer," ruft Sirius und Peter verschwindet. Es dauert einen Moment, bis sie verschnauft haben, dann fragt Sirius:

"Dein Bett oder meines?"

"Meines. Das ist am weitesten weg von den beiden anderen," gibt Remus zurück.

Sie werfen noch ihre Kleider in den Wäschekorb und gehen langsam zu Remus' Bett. Dort machen sie die Gürtel ihrer Bademäntel auf und lassen sie von ihren Schultern gleiten. Beide strahlen einander an. Sie sind ein sehr hübsches Paar. Sirius zieht Remus näher an sich heran und hält ihn fest, dann pflanzt er einen kleinen Kuss auf Remus' Stirn.

"Ich liebe dich, Remus," sagt er leise.

"Ich liebe dich auch, Sirius," antwortet der kleinere Remus.

Sie klettern ins Bett und sind schon bald wieder heftig am Knutschen. Dieses Mal lassen sie jedoch ihren Händen freien Lauf auf dem Körper des anderen. Remus denkt grade noch daran, die Vorhänge um sein Bett zu schliessen, dann liegen sie in einem rötlich eingefärbten Halbdunkel und dann geht das Knutschen erst richtig los. Sirius rollt sich auf Remus und reibt seine Erektion an derjenigen von Remus, während sie sich küssen. Sie sind beide noch jung und unerfahren, daher dauert es auch gar nicht lange, bis beide kommen. Sirius lässt seinen Kopf neben Remus aufs Kissen fallen und beide schlafen ein.

Als sich die nächste Erinnerung einpegelt, sehen wir sie am Abend vor dem Schlafengehen. Sirius und Remus ziehen wie üblich ihre Pyjamahosen an und Sirius informiert Peter und James:

"Mein Bett kann von jetzt an als Schrank benutzt werden…"

Dann klettert er hinter Remus her in dessen Bett und zieht seinen neuen Freund an sich. Remus schaut nochmal kurz auf und wünscht den anderen gute Nacht, dann zieht er die Vorhänge zu.

"He, benutzt gefälligst Silenziumzauber, da drüben!" ruft Peter ihnen noch nach.

"Machen wir - wenn wir welche nötig haben," versichert Remus ihm.

Kurz danach ist das Licht aus und die Jungen schlafen.


Dienstag, 4.1.2000 / Sirius

Wir haben Glück, dass die Schule erst am nächsten Montag wieder beginnt, so bleibt uns noch eine volle Woche Ferien. Beim Checken der Quidditch-Programme sehen wir, dass die Harpies am Samstag gegen Puddlemere United spielen und reservieren sofort eine Loge und Karten. Am Donnerstag kehren wir in den Merry Den zurück und werden dann per Floo zum Spiel in Wales gehen.

Und heute nehmen wir die Gelegenheit wahr, noch mehr unserer Erinnerungen unter die Lupe zu nehmen. Addie möchte auch gerne mitgucken, Harry taucht auch noch auf und so sind wir gleich eine grössere Gruppe, aber mehr Augen entdecken mehr Details, die wir dann auch notieren können. Es ist eine interessante Sache, denn mehrere Augen sehen die Dinge ganz unterschiedlich und behalten sie auch ganz unterschiedlich. Es kommt nicht selten vor, dass wir sogar unterschiedlicher Meinung sind über das, was wir gesehen haben. Das ist ein Beweis für die Theorie, dass Augenzeugen immer unverlässliche Zeugen sind, da unser Erinnerungsvermögen uns andauernd täuscht.

Remus und ich pflücken ein paar Monate unserer Erinnerungen und kopieren sie in das Denkarium. Gemeinsam gehen wir hinein und schauen uns an, was grade kommt.

Unser sechstes Schuljahr ist erst gerade angelaufen. Remus und ich haben zusammengefunden. Wir sehen zu, wie wir beiden den Gryffindor-Turm am Montag danach verlassen. Wir haben es ausserhalb unseres Schlafsaales noch niemandem offiziell gesagt, aber wir kommen Hand in Hand die Treppe herunter und natürlich werden wir sofort bemerkt. Einige unserer Hausmitglieder starren uns zunächst an, dann grinsen sie und einige johlen.

"He! Schaut euch mal unser jüngstes Pärchen an? Sind sie nicht niiiiedlich?"

Ich bemerke einige Mädchen aus der vierten und fünften Klasse, die stöhnen, als sie uns entdecken. James, der direkt hinter uns herkommt, grinst.

"Sirius! Du bist schwul?" ruft Katherine Boyle.

Sie ist eins der Mädchen, das seit einiger Zeit an mir Interesse gezeigt hat. Ich erinnere mich, dass ich ziemlich froh war, sie los zu sein. Remus starrt sie auch ziemlich giftig an und legt demonstrativ seinen Arm um meine Hüften. Er scheint ihr klarmachen zu wollen, dass ich jetzt ihm gehöre. Ich reagiere, indem ich meinen Arm um seine Schultern lege und einen Kuss auf seine Stirn drücke.

"Sieht wohl so aus, Kath, tut mir leid. Und ich bin grade für den Rest meines Lebens gelandet, danke!"

"Wie kannst du es wagen, Remus zu stehlen? Er gehört uns!" protestieren ein paar andere Mädchen.

"Sorry, er gehört jetzt mir. Aber wahrscheinlich gehöre ich noch viel mehr ihm, denn er ist ein sehr besitzergreifender kleiner Mann!"

"Schande über euch beide! Wen sollen wir denn jetzt anhimmeln?" fragt ein anderes Mädchen, aber schon mehr scherzhaft, sie will einfach am kollektiven Necken teilnehmen.

Ich glaube, dass ist eine der Qualitäten der Gryffindors, die mir in diesem Haus so gefällt. Dieses Plänkeln, die Wärme, die Art, andere so zu akzeptieren wie sie sind und die Offenheit, das sind die Dinge, die mir hier so ein Gefühl des Zuhauseseins vermittelt haben. Ich liebte es! Es war, was ich brauchte, um mir ein Minimum an Kraft zu geben, wenn ich mein eigenes kaltes und unfreundliches Zuhause wieder sehen musste. Das Lachen und das Witzemachen, die ständige Interaktion zwischen allen Klassen, das waren die Dinge, die mich vom ersten Tag an in das Haus hereingezogen hatten. In Gryffindor war ich nicht mehr ein Aussenseiter wie in meiner eigenen Familie, ich gehörte von Anfang an dazu.

Ich schaue uns zu, wie wir den Turm verlassen und durch die Korridore und Treppenhäuser hinunter in die Grosse Halle gehen. Neuigkeiten reisen auch hier schnell und als Remus und ich unsere Plätze am Tisch einnehmen, scheint die Nachricht bereits überall zu kursieren, dass wir uns zusammengetan haben. Von den Ravenclaw und Hufflepuff-Tischen kommen neugierige Blicke. Die Slytherins starren und dann fängt Regulus an, "Buuuh!" zu schreien, worauf einige andere Slytherins sofort ebenfalls buhen. Wir beiden versuchen, sie nicht zu beachten und bedienen uns mit unserem Frühstück. Aber ich sehe jetzt, wie Dumbledore Slughorn einen Wink gibt, und der Professor steht auf und geht hinüber zum Slytherin-Tisch.

Das bringt sie augenblicklich zum Schweigen. Er mag freundlich sein, aber er ist immer noch der Hauslehrer von Slytherin und legt Wert darauf, die Qualitäten des Hauses aufrechtzuerhalten. Er hat weit mehr Autorität als sein übliches lustiges Gehabe erscheinen lässt.

"Black, würden Sie uns bitte erklären, warum Sie sich hier in dieser abscheulichen Art und Weise aufführen?" fragt Slughorn zuckersüss.

"Weil mein Bruder nicht nur ein Blutverräter ist, sondern jetzt auch noch die Familie weiter zu beschmutzen versucht, indem er sich einen männlichen Liebhaber zulegt!" antwortet Regulus in aller Ruhe.

"Hat er Ihre Familie nicht verlassen?" fragt Slughorn weiter.

"Ja, er hat die Familie verlassen," gibt Reg unter Zähneknirschen zu.

Er kann Slughorn ja nicht gut sagen, dass ich trotzdem der Erbe bleibe.

"Warum regen Sie sich dann so auf? Das sind fünfzig Punkte Abzug für Slytherin für eine absolut unnötige Vorstellung von übertriebenem Familienstolz, Mr. Black, und Sie melden sich heute Abend bei mir zum Arrest."

Damit dreht Slughorn sich um und kehrt zu seinem Platz am Lehrertisch zurück. Die Schüler seines Hauses schauen ihn entgeistert an. Slughorn hat seine Slytherins nie bevorzugt behandelt, aber er hat es sonst auch vermieden, sie in der Öffentlichkeit zu bestrafen. Daher herrschte eine volle Minute oder noch länger absolute Stille in der Grossen Halle. Schliesslich sehe ich, wie Lily seelenruhig Messer und Gabel wieder zur Hand nimmt und sich ihren verlorenen Eiern auf Toast widmet. Aber ich bin ziemlich sicher, dass auf ihrem Gesicht ein zufriedenes Grinsen steht.

Die Rumtreiber schauen sich alle an und grinsen auch. Nach fünf Minuten klingt es in der Grossen Halle wieder wie immer, wenn die Schüler beim Essen sitzen.


Harry

Wenn das Snape gewesen wäre, dann hätte er mit Sicherheit einen Grund gefunden, um den Slytherins für ein solches Verhalten Punkte zu geben. Mir fällt auf, dass die Erinnerungen, die wir gerade sehen, in eine Zeit fallen, in der es offenbar sehr ruhig gewesen ist und denke, dass Remus und Sirius das auch verdienten, bevor wenige Jahre später die wahre Hölle auf sie wartete.

Sie sitzen zusammen auf den gemütlichen Sofas und Sesseln vor dem grossen Kamin. Remus lehnt sich an Sirius und hält das Buch hoch, das sie beide lesen. Da er der kleinere der beiden Jungen ist, scheint er für gewöhnlich auf Sirius' Schoss zu sitzen. Dabei sehen sie nicht anders aus als die zahlreichen anderen Pärchen, die es in Gryffindor offenbar gibt. Ich bemerke auch, dass ein Plattenspieler auf einem Sideboard jede Menge Muggel-Rockmusik in den Gemeinschaftsraum trompetet. Ich erkenne sogar einige der Bands, die da spielen: Led Zeppelin, Deep Purple, Uriah Heep, die Allman Brothers und viele andere Rockbands der Siebziger sind vertreten. Es ist kaum Pop zu hören, was mich erstaunt. Zuerst nahm ich an, dass Mum als Präfektin dem Ganzen sicher bald Einhalt gebieten würde, weil es sie beim Lernen stört, doch dann stelle ich zu meinem grössten Erstaunen fest, dass etliche dieser Platten ihr wohl sogar selber gehören. Würde mich in diesem Fall nicht wundern, wenn sie die Kiste im magischen Umfeld überhaupt erst zum Laufen gebracht hätte. Und dann erinnere ich mich daran, dass Sirius und Remus mir damals sogar davon erzählt hatten, als wir von England in die Schweiz fuhren. Ich schaue hinüber zu ihm und sehe ihn grinsen.

"Was für eine wunderbare Zeit das war, Lily! Es war erstaunlich, wie du dich damals seit den Sommerferien verändert hattest. Wir konnten dich da direkt schon richtig gut ausstehen…" sagt er lachend.

Sie ist fast ein bisschen verlegen.

"Tut mir leid, dass ich vorher so eine Zicke war. Ich war schon manchmal ein bisschen sehr selbstgerecht, nicht wahr?"

"Nur so ein Bisschen…" sagt Dad und zieht sie an sich.

"Schrecklich! Wir vergaben dir aber in dem Augenblick, in dem du auf dem Kaffeetisch im Gemeinschaftsraum zu tanzen begannst…" gibt Sirius ungerührt zurück.

Jetzt wird sie richtig rot. Tanzen auf dem Kaffeetisch? Meine Mum? Das kann ich kaum glauben, aber Sirius schubst mich an und sagt:

"Wart's nur ab!"

Eine der nächsten Erinnerungen zeigt uns die Rumtreiber, die auf dem vierten Stock vor einem grossen Spiegel stehenbleiben und darin verschwinden, sowie die Luft rein ist. Sie scheinen ihre Schulsachen gleich nach dem Unterricht deponiert zu haben und nun sind sie auf dem Weg durch die Tunnel der Geheimgänge nach Hogsmeade.

Dad und Peter sind vornedran, Sirius und Remus folgen, wie immer Händchenhaltend. Der Korridor sieht ziemlich heruntergekommen und staubig aus, aber die vielen Fussspuren im Staub verraten mir, dass der Gang des Öfteren benutzt wird. Die vier laufen eine Wendeltreppe hinunter, die sie bis tief unter das Schloss führt. Dann folgen sie einem Korridor, von welchem weitere Gänge abzugehen scheinen und erreichen eine Tür an dessen Ende. Dad gibt ihr ein Passwort und macht sie auf. Jetzt befinden sich die Jungen in einem Gang, der fast gleich aussieht wie jener vom dritten Stock aus, allerdings ohne die Rutschpartie. Wir gehen mit ihnen bis zum Ende des Tunnels, der offenbar in den Keller der Drei Besen mündet. Wie praktisch! Die vier Jungen schleichen sich durch den Keller hinaus und als sie hinter der Bar ankommen, steckt Dad seinen Kopf durch einen Vorhang, der das Treppenhaus von der eigentlichen Bar abtrennt.

"Psst, Madam Rosmerta!"

Madam Rosmerta dreht sich um und grinst. Sie zwinkert mit ihren Augen, schaut sich um und nickt nach dem Hintereingang des Pubs. Dad nickt und die Jungen betreten eine kleine Kammer hinter der eigentlichen Bar. Einen Moment später kommt Madam Rosmerta und fragt:

"Und was soll's denn sein für euch Jungens?"

"Drei Kisten Butterbier und gibt's auch eine mit Whisky?" fragt James.

"Den habt ihr aber nicht von mir!" sagt sie deutlich und geht, um das Gewünschte zu holen.

"Hier! Zwei Flaschen sind mehr als genug für euch Jungvolk. Besser wäre es, wenn ihr nur das Butterbier trinkt. Das macht zwölf Sickles, bitte sehr."

Dad gibt ihr das Geld und die vier Jungen transportieren ihren Einkauf zum Schloss zurück. Eine Stunde später haben sie die beiden Whiskyflaschen sicher in ihrem Schlafsaal versteckt und begeben sich hinunter in die Grosse Halle, die schon mit den Halloween-Dekorationen und dem Festmahl wartet. Nach dem Festmahl flüstern sie einigen Freunden eine Information über den Whisky in ihrem Schlafsaal zu und dass sie alle zur Party eingeladen sind, um den verbotenen Stoff zu vertilgen. Zu meinem Erstaunen ist auch Mum mit von der Partie. Neben den Rumtreibern ist noch Mums Freundin dabei und drei Siebtklässler. Die Flaschen werden herumgereicht und für ihr Alter bekommen sie mehr als genug von dem Zeug ab, um ganz schön angetrunken zu sein. Remus frisst Sirius in seinem Schwips fast auf. Sirius sitzt mit gekreuzten Beinen auf Remus' Bett und hat Remus auf seinem Schoss. Sie geniessen ein ausgedehntes Knutschfest, das so intensiv ist, dass ich sehe, wie Sirius Addies Augen abdeckt.

Wir grinsen alle. Addie quietscht beleidigt und macht uns darauf aufmerksam, dass sie von Remus und Sirius - und diversen anderen auch - schon genug live zu sehen bekommt und sie das hier wohl kaum mehr schockieren kann. Sirius ist amüsiert, erklärt ihr aber:

"Es ist trotzdem noch ein bisschen viel für dich, mein Schatz, damit wartest du besser noch ein paar Jährchen!"

"Ja, aber das dauert so lange!"

Solche Erinnerungen tauchen jetzt immer mehr auf. Was Sirius schon erwähnt hat, kommt am Heilig Abend. Nur sieben Schüler bleiben über die Feiertage in Hogwarts, Remus, Sirius, Dad, Mum, zwei Fünftklässler und ein Siebtklässler. Sie spielen die üblichen Teenagerspiele und teilen sich wieder zwei Flaschen Feuerwhisky. Mum hat die Musik eingeschaltet.

Remus gibt mir einen Schubs und sagt grinsend:

"Wenn Child in Time anfängt, musst du auf deine Mutter achten!"

Ich erinnere mich jetzt an die Musik - es ist Deep Purple.

Das Stück, welches Remus vorhin erwähnt hat, setzt mit ein paar weichen Akkorden auf der Orgel ein. Nach wenigen Tönen steht Mum auf und beginnt zu tanzen. Ganz offensichtlich hat sie schon ordentlich von dem Schnaps intus, denn es scheint sehr spät zu sein und sie sind den grössten Teil des Abends nur herumgesessen und haben gealbert. Sie hüpft auf den Tisch und fängt an, sich zu bewegen, dabei schiebt sie alles, was ihr im Weg ist, einfach über den Rand hinaus. Dad schafft es grade noch, eine der Flaschen zu retten und die anderen greifen nach den Bechern und Gläsern, aber einige fallen trotzdem zu Boden. Ein Tagesprophet und ein paar Bücher folgen und dann hat Mum den Tisch zu ihrer Verfügung. Sie tanzt mit geschlossenen Augen! Die anderen schauen ihr erst nur zu, doch dann beginnen auch Sirius und Remus zu tanzen. Schon bald sind alle in Bewegung, Mum wunderbarerweise immer noch auf dem Tisch, bis sie eine falsche Bewegung macht und Dad sie grade noch auffangen kann.

Die Erinnerung endet, als sie alle so nach und nach wegtreten.

Um sie beim Aufwachen am nächsten Morgen wieder aufzunehmen. Die Schüler finden sich auf den Sofas und Teppichen im ganzen Gemeinschaftsraum verstreut wieder. Die Hauselfen haben brav rund um sie herum schon wieder saubergemacht. Remus ist der erste, der erwacht. Er schaut zu Mum hinüber, die ihren Kopf von einem Sofakissen hebt und stöhnt. Wie es scheint, haben sie mehr als einen über den Durst getrunken. Mum langt sich an den Kopf, dann wird sie sehr schnell sehr blass und katapultiert sich hoch, nur um gleich anschliessend ohne weiteren Kommentar die Treppe zu den Mädchenschlafsälen hinaufzulaufen. Vermutlich war ihr ziemlich übel.

Sie hat aber damit die sechs anderen im Gemeinschaftsraum aufgeweckt. Alle entscheiden sich dafür, in ihren Betten noch etwas weiterzuschlafen, bevor sie ihre Geschenke aufmachten.


Lily

Oh, diese ersten paar Kater! Jedes Mal schworen wir uns, dass wir keinen Alkohol mehr trinken wollten, aber wir wiederholten diese Partys immer und immer wieder. Es waren die einzigen Weihnachtsferien, die ich in Hogwarts verbrachte, aber sie waren erinnerungswürdig! Wir waren nur zwei Gryffindor-Mädchen, die in Hogwarts verblieben. Die andere war eine Siebtklässlerin, die weit weniger steif war als ich. Wir hatten in diesen Ferien viel Spass. Bis drei Tage nach Weihnachten verschiedene Briefe für Sirius eintrafen.

Wir sitzen zusammen beim Frühstück, als wie üblich die Post-Eulen eintreffen. Eine wichtig aussehende Schleiereule bringt einen Brief für Sirius. Als er ihn ansieht, wird er blass.

"Siri? Was ist los?" fragt Remus besorgt.

"Dieser Brief ist von Onkel Alphards Notaren, Remus. Und dieser hier ist von Andy!"

"Willst du, dass ich sie für dich aufmache, Liebster?" fragt Remus sanft.

Sirius gibt sie ihm beide wortlos und nickt. Ich kann schon die Tränen sehen, die sich in seinen Augen bilden. Offensichtlich erwartet er schlechte Nachrichten. Ich habe Sirius über seine Cousine Andy sprechen hören und weiss daher, dass es sich um eine Cousine und nicht um einen Cousin handelt. Remus liest leise vor:

"Lieber Sirius

Es tut mir sehr leid, dass ich dir diese Zeilen schreiben muss. Ich weiss, dass du und ich ihm ein viel längeres Leben gewünscht hätten, aber gestern Nacht ist Onkel Alphard gestorben. Ich war bis zum Ende bei ihm und obwohl ich wusste, dass es geschehen würde, wurde ich dennoch überrascht, dass es so bald war! Ich habe geweint und geweint, Siri, und ich weine immer noch, da ich dies schreibe! Er war ein so guter Mann! Wir werden ihn beide immer vermissen, nicht wahr? Ich erwarte nicht, dass ich mich so elend fühlen werde, wenn mein Vater einmal stirbt, ist es nicht schrecklich, sowas auch nur zu denken?

Wie auch immer, ich war bei ihm, das musste ich einfach tun, ich konnte ihn doch nicht alleine in diesem grossen Haus liegen lassen wie er mir vor ein paar Tagen noch sagte. Wir wussten, dass du und James in Hogwarts seid und er hat mir ausdrücklich verboten, dich wegzurufen. Er wollte dir nicht den Spass vermasseln. Und ich wollte es dir ersparen, ihn sterben zu sehen, Siri!

Aber jetzt solltest du wohl doch direkt nach London kommen, Sirius. Ich werde dich morgen Nachmittag um zwei im Tropfenden Kessel erwarten. Ich bin sicher, wenn du Dumbledore den Brief von Onkel Alphards Anwälten zeigst, lässt er dich gehen. Du solltest bei der Beerdigung und der Lesung des Testamentes dabei sein, selbst wenn du weisst, was du erhältst. Die Beerdigung wird übermorgen sein und die Lesung des Testaments am Tag danach. Dann kannst du nach Hogwarts zurückkehren.

Ich hab dich lieb!

Deine Cousine Andromeda"

Remus lächelt und fügt hinzu:

"P.S. Dora lässt dich herzlich grüssen und hat es hier sogar selber unterschrieben, Siri."

Sirius weint lautlos. Aber die Tränen laufen ihm sichtbar über die Wangen und als Remus aufschaut, sieht er McGonagall, die besorgt zum Tisch kommt.

"Black, was ist denn passiert?" fragt sie mit der sanftesten Stimme, zu der sie fähig ist.

"Sein Onkel ist letzte Nacht gestorben, Professor, er war der einzige Erwachsene in seiner Familie, mit dem er ein gutes Verhältnis hatte und der ausserdem für ihn gesorgt hat, seit er von zu Hause weg ist," erklärt Remus, während er den zweiten Brief öffnet.

Er fliegt kurz darüber und erklärt Sirius:

"Enthält die Information, das Datum für die Beerdigung und verlangt deine Anwesenheit zur Verlesung des Testaments, Sirius."

McGonagall setzt sich neben Sirius und fragt:

"Möchten Sie zu der Beerdigung gehen, Mr. Black? Ich fürchte, das bedeutet, dass sie Ihrer Familie dann wieder begegnen müssen."

"K… kann Remus mit mir kommen, Professor? Ich werde Ted und Andromeda bei mir haben, daher werde ich ihnen nicht alleine gegenübertreten müssen, aber ich möchte Remus mit dabei haben."

"Und kann ich auch gehen, Professor? Meine Eltern werden es gewiss erlauben, ich bin mir sogar sehr sicher, dass sie ebenfalls zu der Beerdingung gehen werden.

McGonagall lächelt. Sie weiss, wie nahe sich die beiden Jungen stehen und verspricht:

"Sirius, Sie können selbstverständlich gehen. Ich werde mit den Lupins und Potters nachher ein Feuergespräch führen, um zu sehen, was sie zu sagen haben, aber wenn sie es erlauben, dann können Sie selbstverständlich auch gehen. Das ist eine nette Geste, Potter."

"Ich weiss, dass Sie wahrscheinlich meine Eltern nicht so schnell erreichen können, Professor, aber ich möchte auch gehen… ich bin wie sie volljährig und meine Eltern würden es auf jeden Fall erlauben," höre ich mein jüngeres Selbst sagen.

McGonagall ist völlig baff. Bis hierhin stand ich den Rumtreibern ja so fern wie der Mond der Erde, aber ich bin überzeugt, dass es den Betroffenen etwas bedeutet, wenn man sie bei so was wie einer Beerdigung unterstützt. Sirius schaut mich ganz überrascht an und lächelt durch seine Tränen.

"Danke, Lily," sagt er leise.

"Dann warnen Sie Mrs Tonks besser vor einer Invasion, Black," meint McGonagall, wie immer Herrin der Lage.

"Kein Problem. Wir wohnen im Haus meines Onkels, das ist riesig! Dort wird auch das Testament gelesen werden. Mehr als genug Platz in diesem Haus. Und niemand sonst von der Familie wird dort wohnen, nur vielleicht Tante Dorea und Onkel Charlus."

"Sehr gut. Ich teile euch meine Entscheidung morgen früh mit."

McGonagall dampft ab und die Rumtreiber stehen auf, um Sirius in den Gemeinschaftsraum zurückzubegleiten. Sirius weint sich den halben Morgen lang in den Schlaf. Remus sitzt neben ihm und hält ihn fest. Er schaukelt ihn leise, bis Sirius eingeschlafen ist. James und Remus packen einige Sachen ein, damit sie am Morgen schon reisefertig sind. Sie wissen beide schon vorher, dass ihre Eltern ihnen die Teilnahme an der Beerdigung gestatten werden.

In der nächsten Erinnerung finden wir uns am nächsten Morgen wieder. Professor McGonagall informiert die drei, dass sie Sirius begleiten dürfen.

"Ihr sollt alle in vier Tagen, am Silvester, wieder hier in Hogwarts sein. Mrs Tonks erwartet euch alle vier um zwei Uhr im Tropfenden Kessel. Ihr könnt hinunter zu den Drei Besen gehen und dort den öffentlichen Floo-Kamin benutzen."

Wir gehen alle schon vor dem Essen und sind dann natürlich zu früh. Wir bleiben aber im Tropfenden Kessel und essen dort zu Mittag. Andromeda kommt pünktlich an und nimmt Sirius in die Arme, bevor sie uns begrüsst. Er hat immer noch verweinte Augen und schnuffelt, dann fliessen die Tränen erneut.

„Oh Andy! Ich hatte mich schon so gefreut, ihn im Sommer wiederzusehen!" schluchzt er.

Sie streichelt ihm zärtlich über den Rücken und hält ihn fest. James geht hinüber zu Tom, um unser Essen zu bezahlen. Andy teilt uns die Floo-Adresse mit. Wir gehen eines nach dem anderen durch den Floo und finden uns in einem, wie es scheint, sehr grossen Stadthaus wieder. Andy appariert und informiert uns:

„Ted, Dora und ich sind schon vor zwei Monaten eingezogen. Wir werden das Haus ja erben, und wir wollten ihn hier nicht alleine lassen, todkrank wie er war! Die Hauselfen haben ihn zwar rührend versorgt, aber wir fanden doch, dass er nicht so allein sein sollte. Ich meine, dass es ihn gefreut hat, dass wir da waren und grade Dora hat ihn immer sehr aufgeheitert. Wann immer sie in seinem Zimmer aufgetaucht ist, haben seine Augen gestrahlt! Sie vermisst ihn auch schon und fragt immer wieder nach ihm. Also, wir haben für jeden von euch ein Zimmer vorbereitet, hier geht's lang!"

Sie geht vorneweg die Treppe hinauf in den ersten Stock, dann noch eine Etage weiter, und dann durch einen Korridor.

„Hier ist eins, das ist deins, Sirius, hier ist eines, das hier und dieses hier. Sucht euch eins aus!"

„Ich brauche kein Extrazimmer, ich schlafe bei Sirius, Andromeda," erklärt Remus.

Andy grinst.

„Was! Ist er endlich rausgerückt? Oder hast du den ersten Schritt gemacht? Das ist wirklich wunderbar! Kann's kaum erwarten, Tante Ledas dummes Gesicht zu sehen. Und das meiner Mutter! Erwarte nicht, dass sie sich drüber freuen…"

„Werde ich nicht. Ich weiss, was Sirius im letzten Sommer durchgemacht hat, als er nach Hause ging. Regulus konnte es gar nicht abwarten, seiner Mutter zu erzählen, dass Sirius schwul ist," flüstert Remus.

„Oh je… ich weiss gar nicht, wie wir beide zu so netten Menschen aufwachsen konnten, bei so miesen Verwandten, Sirius! Das grenzt schon an ein Wunder," witzelt Andromeda.

Sirius grinst durch die Tränen.

„Ja, frage ich mich auch. Schau dir nur Reg an…"

„Und Bella! Sie ist die grösste Pest, die einem begegnen kann…"

Die nächste Erinnerung beginnt – der Tag der Beerdigung ist angekommen. Wir sind in der Reihe derer, die Onkel Alphards rituelle Verbrennung begleiten. Die Asche wird in einer Urne in der Familiengruft in der Diagon Alley beigesetzt. In der Gruft stehen Reihen von Särgen und in der Wand gibt es Nischen, in denen Urnen Platz finden. Offenbar ist es auch in der magischen Welt so, dass ein Teil der Toten verbrannt und ein Teil erdbestattet werden. Die Zeremonie ist erstaunlich kurz und als ich zu Sirius hinüberblicke, merke ich, dass er darüber mehr als froh zu sein scheint, denn der gesamte Black-Clan ist aufgetaucht, vermutlich in Erwartung dessen, was sie von ihm zu erben erwarten. Sie erinnern mich an einen Schwarm Krähen. Sirius gleicht zwar seinem Vater sehr, aber er ist auch deutlich sichtbar anders, vor allem, weil er so licht und hell ist, so offen, während seine Familie einen Eindruck von Strenge und Dumpfheit hinterlässt. Selbst Regulus ist da, aber er macht Sirius eine hässliche Grimasse und mir gegenüber setzt er sich deutlich ab. Mrs Black macht eine scheussliche Szene über meiner Anwesenheit. Irgendwie scheint sie zu riechen, dass ich eine Muggel-geborene bin. Andromeda hat jedoch die Leitung der Zeremonie und ist erstaunlich erfolgreich darin, ihre Tante zum Schweigen zu bringen.

Unter den vielen Trauergästen sind auch James' und Remus' Eltern. Sie begrüssen uns freundlich und es ist nett, sie kennenzulernen. Nach der Beisetzung gibt es ein Essen in einem der Restaurants in der Diagon Alley, doch nur die Freunde von Alphard und die ihnen Nahestehenden sind eingeladen. Dabei spreche ich mit den Potters und Lupins und stelle fest, dass es auch viele nette Menschen unter reinen Zauberern gibt. Wie bei jedem Begräbnis wird die Stimmung zunehmend freundlicher und es werden Geschichten erzählt, durch die auch ich den Menschen Alphard Black etwas kennenlerne.


Sirius

Mutter schreit Lily an! Ich kann nicht viel mehr tun, als sie mit meinen Blicken um Entschuldigung zu bitten, aber Lily wendet sich einfach von ihr ab und missachtet die alte Hexe. Und dann kommt Andy und bringt Mutter zum Schweigen:

„Du brauchtest nicht herzukommen, Tante. Du hast ihm nicht einmal mehr erlaubt, Grimmauld Place zu betreten, du hast alle seine Porträts im Haus verbrannt, und nun kommst du hier angetrampelt und glaubst, das Recht zu haben, über die Gäste herzufahren? Und erwartest auch noch einen freundlichen Empfang? Hau ab hier, wenn du Onkel Alphards Freunde nicht akzeptieren kannst! Oder halt auf der Stelle deine dumme Klappe!"

Andys Direktheit bring Mutter tatsächlich für einige Zeit zum Schweigen. Die Beerdigung findet statt und ist zum Glück sehr kurz, wofür ich dankbar bin. Wir gehen weiter in ein Restaurant in der Diagon Alley, wo die Stimmung sich nach und nach etwas aufhellt. Onkel Alphard hatte eine Menge Freunde, die meisten davon so kauzig wie er selber, und von denen hören wir nun eine Menge Geschichten über Alphard, durch die wir ihn besser kennenlernen können.

Dann füllt sich das Haus am nächsten Nachmittag, als die ganze Familie hochnäsig in den grossen Salon strömt, sowie etwa drei seiner engsten Freunde. Die Anwälte sind schon seit kurz vor Mittag da, wir haben sie zum Essen im Haus eingeladen. Der Salon ist vorbereitet, dass alle diejenigen, die für die Lesung des Testaments eingeladen worden sind, und die glauben, etwas zu erben, Platz finden. Für die Dauer der Lesung bleiben meine Freunde im kleinen Salon unter sich. Andy empfängt die Leute an der Tür und schickt sie in den grossen Salon. Ich sitze schon auf meinem Platz und sehe sie eintreffen, wie ihre gierigen Blicke über das Zimmer streichen, aber ich beachte sie gar nicht. Im Gegensatz zu all diesen Idioten weiss ich ja schon, was im Testament steht. Schliesslich machen sich die Anwälte bemerkbar, als sie annehmen, dass alle anwesend sind. Einer von ihnen hat eine Börse bei sich, in dem sich dann wohl die Knuts befinden, mit denen die Blacks abgefunden werden sollen, die sonst nichts bekommen.

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Wir haben uns hier aus dem traurigen Anlass des Hinschieds von Alphard Black und der Anhörung seines Testamentes versammelt. Mein Kollege, Mr. Quigley, wird nun die Lesung beginnen," verkündet Mr. Lynton, der sich zu diesem Zweck erhoben hat.

Die erwartungsvollen Mienen verändern sich ausnahmslos zu tiefroten Köpfen, als die versammelte Black-Familie hört, was Alphard über sie denkt. Am Ende der Lesung öffnet Mr. Lynton die Börse und händigt die Knuts aus. Von jedem Familienmitglied, welches so abgefunden wird, verlangt er eine Unterschrift als Quittung. Andy hat mir erzählt, dass es eine ziemlich übliche Methode ist, auf diese Weise Familienmitglieder abzustrafen, die einem weniger als nichts bedeuten. Meine ‚Familie' weiss nun, dass sie kaum was ausrichten kann, um an sein Geld heranzukommen. Es hält Vater, Mutter, Onkel Cygnus und Tante Augusta natürlich nicht ab, sowohl Annahme des Knuts wie die Unterschrift der Quittung zu verweigern, daher nehme ich an, dass sie das Testament anfechten werden. Lynton überreicht ihnen jedoch ruhig eine Kopie davon und zwinkert Andy und mir lustig zu. Er hat uns versichert, dass sie keinen Rechtsverdreher finden werden, der dieses Testament anfechten wird, keiner wird es überhaupt annehmen und vor Gericht bringen. Dem Testament angeheftet ist nämlich eine lange Liste von Namen all derer, die einen Knut bekommen haben. Die Unterschriften von denjenigen, welche den Knut angenommen und quittiert haben, sind schon bereits in der Kopie enthalten.

Als die Familie das Haus verlassen hat, können wir alle aufatmen. Mr. Lynton reicht mir einen Gringotts-Schlüssel.

„Mr. Black, ich freue mich, Ihnen diesen brandneuen Schlüssel zu Ihrem eigenen Verlies bei Gringotts zu überreichen. Das Bargeld in Alphard Blacks Verlies wurde bereits auf Sie und Mrs Tonks überschrieben. Ich werde noch die Anzahl Knuts zurückbehalten, welche abgelehnt wurden, aber ich glaube nicht, dass Sie diese vermissen werden," sagt er mit einem spitzbübischen Lächeln, während er auch Andromeda einen Schlüssel gibt.

„Ich werde Sie beide natürlich darüber auf dem Laufenden halten, was Ihre Verwandten unternehmen werden, um das Testament anzufechten. Höchstwahrscheinlich werden sie es bei verschiedenen anderen Kollegen vorlegen, die ihnen dann allesamt von einem Weiterziehen ans Gericht abraten, denn es deckt alle rechtlichen Vorschriften ab. Keiner, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, wird den Fall annehmen, nicht einmal die zwielichtigen Typen in der Knockturn Alley. Nach einem Jahr und einem Tag läuft die Frist ab, wenn beim Gericht keine Einsprachen eingegangen sind."

Danach verlassen uns die Anwälte und ich geselle mich wieder zu meinen Freunden. Ich bin nicht glücklicher darüber, dass ich meinen Onkel verloren habe, aber wenigstens werde ich jetzt unabhängig sein, ich bin volljährig, also kann ich mir eine eigene Bleibe suchen, wenn ich die Schule verlasse. Ich werde auch Musse haben, um mir gut zu überlegen, was ich mit meinem Leben anfangen will! Abgesehen davon, dass ich es mit Remus verbringen will, natürlich.

Die nächste Erinnerung, die hervorkommt, ist vom Abend nach der Verlesung des Testaments. Wir diskutieren unsere nächste Zukunft, bevor wir zu Bett gehen. Remus macht sich natürlich Sorgen um die NEWTS und noch mehr darüber, wie er danach als Werwolf an eine gute Arbeit kommen will. Er erwartet grosse Schwierigkeiten, überhaupt eine Stelle zu bekommen.

„Am Ende bist du dann vielleicht am besten dran, wenn du in der Muggelwelt Arbeit suchst, Liebster. Ich verstehe gut, dass du etwas tun und nicht zum Sozialfall verkommen willst. Ich möchte dich auch wirklich nicht in einer solchen Situation sehen, Liebster. Du solltest alles tun können, wozu du fähig bist, du bist doch so gut bei allem, was du tust! Aber immer dann, wenn du wieder mal ohne Arbeit bist, dann lass mich für dich sorgen! Ich will es immer dann tun dürfen, wenn es nicht zu vermeiden ist. Ich weiss, dass es für dich sehr hart sein wird. Aber ich möchte da sein und dich wieder aufpäppeln, wann immer das Leben dich mies behandelt. Ich will für dich da sein!" verspricht mein jüngeres Selbst Remus.

Es war mein vollkommener Ernst damals. Jedes meiner Worte war vollkommen ernst gemeint, und Remus wusste, dass es mein Ernst war. Jetzt wissen wir, was passiert ist, dass ich mein Versprechen nicht einhalten konnte. Ich fürchte mich schon davor, seine Erinnerungen von der Zeit, in der wir getrennt waren zu sehen. Ich behalte mir vor, diese Erinnerungen erst zu sehen, bevor ich unseren verbliebenen Freunden im Orden den Vorwurf mache, ihn fallengelassen zu haben. Leider halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Remus selbst sich zurückgezogen hat. Er hätte ihnen zwar wohl vertraut, aber er konnte keine Almosen annehmen, und er betrachtete jede Hilfe, die nicht von mir kam als ein Almosen.

Dabei lassen wir es für heute bewenden. Wir haben wieder eine Menge notiert und überfliegen das Geschriebene. Wir haben uns jetzt eine gewisse Routine erarbeitet, mit der wir die Erinnerungen notieren. Jeder fügt das hinzu, woran er sich erinnert und das Gesamtbild wird eine recht objektive Perspektive auf unsere Erinnerungen werfen.

Aber wir wollen auch einiges von unserem Tag mit unseren Kindern verbringen und verschieben den nächsten Besuch auf die Zeit, in der die Kleinen schlafen. Wir schliessen uns also der Bande zum Aperitif an. Sie haben Freunde dabei, die zum Essen auch gleich dableiben. Wir werden denen vorgestellt, die wir noch nicht kennen und finden alle am langen Tisch Platz.

Mahlzeiten mit so vielen anderen zu teilen garantiert einen grossen Schatz an Gesprächsthemen. Natürlich gehört auch die Politik dazu, doch in diesem Bereich sind wir wieder in etwas ruhigeren Gewässern, nachdem auch Fudge die politische Bühne verlassen hat. Madam Bones tut ihr Bestes, um das Ministerium aufzuräumen. Dabei hat sie schon einige Abteilungen durchkämmt und einiges an Verbesserungen erreicht.

Wir setzen uns an den Tisch. Ich habe Dennis neben mir in seinem Hochstühlchen. Er fängt grade an, selber Löffel und Gabel zu benutzen, dabei ist er aber schon noch sehr unsicher und das Ergebnis ist normalerweise eine ziemliche Ferkelei, aber sie müssen's ja lernen, da gehören Ferkeleien einfach dazu. Damit er zwischen seinen Versuchen, etwas auf der Gabel zu balancieren auch wirklich etwas in den Mund bekommt, stopfe ich ihm ab und zu etwas mit dem Löffel hinein. Aber ich lasse ihm viel Zeit für seine Versuche.

„Daddy, guck!" ruft er und zeigt auf das, was er mit seiner Gabel aufgenommen hat.

„Sehr gut, jetzt musst du's nur noch in den Mund kriegen," antworte ich.

Er versucht's und bevor alles wieder runterfällt, helfe ich ihm ein bisschen. Er kaut und strahlt dabei. Jedes Mal, wenn ihm etwas Neues gelingt, beschenkt er uns mit einem strahlenden Lächeln. Und ich werde gleichzeitig traurig, wenn ich an die Erinnerungen meiner Kindheit denke. Genauso hätte ich strahlen sollen, wenn mir was Neues gelang, doch die Kälte meiner Eltern liess weder fröhliches Grinsen meinerseits noch irgendwelche Ermutigungen ihrerseits zu. Es ist schwer, diese Gedanken wegzustecken, doch ich versuche mein Bestes. Ich kann ja die Vergangenheit nicht ändern. Ich kann nur mein Bestes tun, damit meine Kinder es leichter haben, gute Menschen zu werden. Die bösen Erinnerungen an den Missbrauch, den ich in meiner Jugend erlitt, stehen mir dabei als warnendes Beispiel immer vor den Augen.

Auch Addie ist davon betroffen. Sie hat sich aber innert sehr kurzer Zeit schon zu einem fröhlichen Kind entwickelt. So und so viele Generationen adligen Geblüts hinterlassen ihre genetischen Spuren und dazu kräftig ermutigt, hat sie in der letzten Zeit ihre Qualitäten durchscheinen lassen. Was mir dabei besonders gefällt, ist dass sie dabei weder eingebildet noch arrogant geworden ist. Im Moment sitzt sie zwischen Ginny und Draco und erzählt den beiden einige Müsterchen von den Erinnerungen im Denkarium. Es scheint ihr jetzt nicht mehr schwerzufallen, mit anderen unbefangen zu sprechen. Es war eine natürliche Angst, die entstand, weil sie ausser Vater und Kreacher keine anderen Wesen kannte. Kinder haben eine unglaubliche Selbstheilungskraft und finden Mittel und Wege, sich vor zu traumatischen Erlebnissen zu schützen, wie ich am eigenen Leib erfahren habe. Aber wie ich selber braucht auch Addie bald mal mehr Kontakt mit anderen Kindern ihres eigenen Alters, sonst wird sie es vielleicht schwer haben, Freunde zu finden. Denn zur Zeit verbringt sie die meiste Zeit ihres Lebens mit Erwachsenen oder sehr viel kleineren Kindern.

Ups! Während ich hier sinniere, hat Denny schon fröhlich ein paar Gabeln voll Essen auf seinem Lätzchen deponiert. Ich ziehe meinen Zauberstab und mache erst mal sauber, dann gebe ich ihm die Gabel zurück und lasse ihn erneut probieren. Jeden Tag machen die Kleinen kleine Fortschritte. Als wir ihnen vor zwei Monaten zum ersten Mal Löffel und Gabel zum Gebrauch gegeben haben, kamen etwa drei, vier Löffel voll von uns auf jeden, den sie selber gefüllt und zum Mund gebracht haben. Jetzt ist es schon etwa halbe-halbe. Sie werden's bald mal lernen, auch wenn es noch ein bisschen unordentlich zugeht. Sie sind sich noch zu sehr daran gewöhnt, ihr Essen mit den Händchen aufzunehmen.

„Versuch's nochmal, mein Süsser!" fordere ich ihn auf.

Er macht's und es geht schon besser, vielleicht deshalb, weil ich aufpasse. Aber er grinst und dieses Grinsen lässt mein Herz jedes Mal schmelzen! Ich muss mich dagegen wappnen, sollte es ihm mal in den Sinn kommen, dieses Grinsen einzusetzen, wenn er Unfug angerichtet hat! Ich werde ihn vermutlich zusammenstauchen und dann den Raum verlassen müssen, um irgendwo herzlich über seinen Unfug zu lachen, wo er's nicht mitbekommt, dass es mich amüsiert. Es wird nicht angehen, ihn durch Lachen noch zu bestärken, denn wenn er nur halbwegs nach mir kommt, wird er keine Ermunterung brauchen, um jede Menge Unfug zu stiften.

Nach dem Essen gibt's eine Tasse oder zwei guten Kaffees, Tee für gewisse Leute im Raum, und wir bewegen uns langsam weg vom Tisch. Mit dem grossen Billardtisch im Zimmer ist es ziemlich natürlich, dass viel Billard gespielt wird. Einer der Besucher beherrscht das Dreiballspiel, und erklärt es den anderen, bald spielen einige Leute Billard. Remus und ich schauen zu, wie die Augenlider unserer Kleinen schwer werden und sie müde werden. Es ist Zeit, sie ins Bett zu bringen. Seraina kommt schon von selber zu mir und schmust sich an. Das ist immer ein sicheres Zeichen dafür, dass sie schlafen gehen will. Ich nehme sie auf den Schoss und sie drückt sich an mich.

„Daddy, Saina müde…" murmelt sie.

Ich finde es lustig, wie sie ‚Saina' sagt, weil sie ihren eigenen Namen noch nicht richtig aussprechen kann. Denny sagt es auch, so dass es mich nicht wundern wird, falls es zwischen ihnen hängenbleiben sollte.

„Also sagst du Gutenacht zu allen und ich bringe dich ins Bettchen, meine Süsse?" frage ich.

Sie nickt.

„Okay, dann geh und verteile deine Küsschen!"

Seraina verlässt meinen Schoss und schleppt sich herum, um Papa, Mama und Onkel James, der ganzen Bande, Addie und ihren Geschwistern Küsschen zu verteilen, dann hebe ich sie auf, um sie zu Bett zu bringen. Denny hält es einiges länger aus als Seraina, aber er schläft morgens auch länger aus. In ihrem Schlafverhalten sind unsere beiden einander überhaupt nicht ähnlich.

Sobald ich ihr ihre kleine Geschichte vorgelesen habe, sagt sie murmelnd:

„Chawa lingua, Daddy!"

Wir haben ein paar Lieder in der Sprache Rätoromanisch gelernt, aus der ihr Name stammt, und sie liebt die über alles. Chara Lingua heisst das Lied, dessen erste Zeilen lauten "Chara lingua della mamma, tü sonor rumantsch ladin…" (Geliebte Muttersprache, schönes Romanisch aus dem Ladin…), und weil es eine so hübsche Melodie hat, will sie es fast jeden Abend hören. Es hat nur drei kurze Strophen und ist dazu hübsch langsam, was es zu einem guten Gutenachtlied macht. Seraina scheint diese Sprache gut zu gefallen, auch wenn sie die Worte nicht versteht. Am Ende des Liedes ist unsere Kleine für gewöhnlich eingeschlafen. Es gibt nicht genügend Worte um auszudrücken, wie sehr ich meine Kinder liebe. Und wenn ich sie schlafen sehe, empfinde ich diese Liebe am meisten, denn es ist der friedvollste Anblick, den ich mir vorstellen kann. Was auch immer der Tag an Ärger mit ihnen gebracht haben mag, wenn ich sie schlafen sehe, ist aller Ärger wie weggewischt. Ich frage mich, ob meinen Eltern je bewusst wurde, wie viel sie verpasst haben, gebe mir aber gleich selber die Antwort ‚nein', weil sie sonst Regulus und mich nicht aufgezogen hätten wie sie es getan haben. Addie ist zum Glück vom Übelsten verschont geblieben. Manchmal hat Vernachlässigung auch ihr Gutes.

Es gibt auch ein richtiges Wiegenlied, das in der Schweiz sehr bekannt geworden ist, nämlich ‚Dorma bain' (schlaf gut), das kommt auch schon ab und zu auf der Wunschliste. Seit wir einige Zeit in Graubünden verbracht haben und ihren Namen dessen Sprache Rätoromanisch entnommen haben, haben wir uns auch ein bisschen in die Kultur und Sprache vertieft. Es ist eine interessante Sprache, da sie ein direktes Überbleibsel der römischen Besiedelung der Gegend ist. Überall da, wo im Graubünden romanisch gesprochen wird, sind die Menschen überwiegend katholisch und die Kirchen stammen fast alle aus der romanischen Periode zwischen 700 und 1000 oder dem Barock zwischen 1650 bis 1750. Das Leben in den Bergen hat die Lebensweise geformt, die meisten Bauern betreiben Viehzucht. Sie benutzen die Alpen, um die Kühe den Sommer über grasen zu lassen, während von den tiefer gelegenen Weiden Heu für den Winter gewonnen wird. Wie Seraina finde auch ich den Klang der Sprache sehr schön. Es gibt eine alte Tradition des Chorsingens im Bündnerland, weshalb es auch eine Fülle von Liedern gibt, aus denen wir auswählen können. Einige dieser Lieder sind auch ausserhalb der Region sehr populär geworden.

Lily hat die Musik in mein Leben gebracht und ich liebte sie von Anfang an. Für meine Eltern gab es keine Musik. Das war kein Vorurteil der Reinblüter, so viel weiss ich, aber sie konnten keine Musik ausstehen. Ist ja klar, schliesslich heisst es nicht umsonst, wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn schlechte Menschen kennen keine Lieder, und meine Eltern waren durch und durch schlecht! In der Primarschule lernte ich dann singen, unsere Lehrerin brachte uns einige Lieder bei. Ich erinnere mich daran, wie gern ich da gesungen hatte. Es kommt erst so langsam wieder zurück. Das Keyboard, das Lily nach Hogwarts gebracht hat, um Addie Musikunterricht zu erteilen hat uns allen geholfen, wieder selber Musik zu machen. Es ist eigentlich mehr ein Elektropiano und ich habe damit schon einige der Lieder wieder gelernt, die ich mal konnte und füge noch eine Menge neue zum Repertoire.

Es macht riesigen Spass!

Remus war von Kind an durch seine Mutter an viel Musik gewöhnt und liebte sie schon immer. Sie liess immer Musik von Schallplatten laufen, alles Mögliche von französischen Chansons bis zum Pop und Rock der 60er und 70er Jahre. Sie spielte auch viel Klassik, sang und spielte selber Akkordeon.

Als ich ins Wohnzimmer zurückkehre, macht sich Remus grade mit Denny auf den Weg nach oben. Ich gebe einem schläfrigen kleinen Jungen einen Gutenachtkuss und sehe Remus nach. Eine halbe Stunde später ist mein Lebenspartner zurück und wir können zwei weitere Stunden in unseren Erinnerungen buddeln.

Trotz des Verlustes meines geliebten Onkels war mein sechstes Schuljahr wohl die unbeschwerteste Zeit meines frühen Lebens. Remus und ich entdeckten unsere Liebe füreinander und unsere Körper. Lily wurde eine Freundin, zwar noch nicht gleich James' Liebste, aber doch eine gute Freundin. Die Schule ging glatt, es gab keine grösseren Sorgen als den Ausgang des nächsten Quidditch-Spiels, Tests und die Prüfungen am Jahresende. Durch die Erinnerungen dieses Schuljahres zu gehen tut gut und wird einiges an Kraft geben, um die Erinnerungen an die grauenvollen Jahre zu ertragen, die uns gleich nach dem Schulaustritt erwarteten.