Kapitel 23

Die Luft im Raum schien plötzlich dünn zu werden.

Zum einen lag dies daran, dass Picard es als unangenehm empfand, dass Will bereits jetzt über seine veränderte Beziehung zu Beverly im Bilde war - zum anderen echoten die Worte des Ersten Offiziers unangenehm in seinem Kopf.

Der Captain brauchte einen Moment um die Tragweite vollständig zu erfassen.

"Die Föderation schickt uns Zivilisten? Jetzt schon?", entfuhr es ihm dann.

Riker wusste, dass keine Antwort von ihm verlangt wurde. Er schwieg und bemühte sich keine Miene zu verziehen.

Picards Stimme klang dennoch ungehalten.

"Die Föderation hat uns nicht einmal darüber informiert, dass diese Leute auf dem Weg zu uns sind - und nun stellen sie uns vor vollendete Tatsachen. Da muss ein Irrtum vorliegen. Der Planet ist doch noch völlig zerstört!"

Riker nahm wahr, dass der Captain völlig aus dem Gleichgewicht schien. Er war nicht gerade glücklich darüber, seinen Vorgesetzten - der tatsächlich auch ein Freund war - ausgerechnet in dieser Situation eine solche Nachricht zu überbringen.

Riker schnaubte leise: "Sir, die Föderation hat es wohl für nötig befunden, uns vor vollendete Tatsachen zu stellen. Natürlich habe ich die Foxfire auf die Verwüstung des Planeten hingewiesen..."

Picard nickte kurz, um ihn zum Weitersprechen zu animieren.

Als dieser dennoch schwieg, fragte er knapp: "Was haben sie erwidert?"
Riker hob nun die Augenbrauen: "Nun, sie haben mich darauf hingewiesen, dass die handwerklich begabten Zivilisten als erstes umgesiedelt würden. Ebenso wurde dafür gesorgt, dass unter den ersten neuen Siedlern Architekten, Bauleiter, Vermesser und Statiker, sowie Arbeiter wären. Sobald diese Leute auf dem Planeten Notunterkünfte bezogen hätten, wäre unsere Anwesenheit hier nicht mehr von Nöten. Sir, ich habe mir erlaubt, Kontakt mit der Sternenflotte aufzunehmen, um mir die Befehle von dort bestätigen zu lassen - ich bekam diese Bestätigung...und auch unsere neuen Kommandos."

Picard bemühte sich um eine ruhige Stimme: "Sie haben richtig gehandelt, Nummer Eins. Es war gut, dass sie sich nicht allein auf die Aussagen der Foxfire verlassen haben und schnell handelten. Wie lauten unsere weiteren Befehle?"

Riker zögerte abermals. Er wusste, dass die Antwort dem Captain noch weit weniger gefallen würde, als das, was er ihm bisher mitteilen musste.

"Wir sollen, nachdem die Siedler ihre Unterkünfte bezogen haben, umgehend zur Erde fliegen und Sie haben Weisung, sich mit der Föderation in Kontakt zu setzen. Admiral Miller möchte Sie unter vier Augen sprechen. Ich frage mich nur..."

Riker hatte sich unterbrochen, offensichtlich hatte er etwas ausgesprochen, das er eigentlich nur denken wollte.

"Sprechen Sie, Nummer Eins", wies Picard ihn an, und sein Ton klang nach einem Befehl.

"Ich frage mich, warum Starfleet unsere Befehle Zivilisten mit auf den Weg gibt. Warum erfahren wir erst, dass Admiral Miller Sie unter vier Augen sprechen möchte, nachdem wir uns bei Starfleet rückinformieren? Warum hat er sich nicht direkt an Sie gewendet?"

Picard schoss ein Gedanke durch den Kopf: 'Weil es ihm lieber gewesen wäre, wenn er sich gar nicht erst mit mir auseinandersetzen müsste.' Laut sagte er jedoch: "Ich bin ebenso ratlos wie Sie, Will. Aber ich beabsichtigte diesen Zustand zu ändern."

Der erste Offizier nickte knapp, um diese Worte des Captains zu unterstreichen.

Riker sah kurz zu Beverly Crusher, die das Gespräch schweigend verfolgt hatte. Er nickte auch ihr kurz zu, bevor er sich in Picards Richtung gewandt, mit einem knappen "Sir", zurückzog.

Die Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als Beverly sich an Picard wandte: "Ich werde mich um die medizinische Ausstattung der Siedler kümmern. Wir sehen uns später?"

Sie hatte es tatsächlich wie eine Frage klingen lassen.

Picard sah ihren unruhigen Blick. Dies alles war so neu. Jahrelang hatten sie als gute Freunde zusammen gearbeitet. Schon vor einer halben Ewigkeit hatte er sich in sie verliebt. Und nun? Nun war alles neu und ungewohnt. Doch das Schlimmste war, dass sie in dieser sensiblen Phase keine Zeit für ihre Gefühle hatten. Sie hatten keine Zeit füreinander und nun würde sie gehen und sich vermutlich fragen, ob dieser Kuss ein Fehler gewesen war.

Picard sah ein, dass er sie gehen lassen musste. Er nickte ihr zu und kam sich vor wie ein Idiot. Er verabschiedete sie als Captain, obwohl er nichts lieber getan hätte, als sie in die Arme zu schließen und sie vergessen zu machen, dass sie seine Bordärztin war - er wollte die Frau an seinem Körper spüren. Und doch trat sie durch die Tür und ließ ihn zurück, damit er über wichtigere Dinge nachdenken konnte, als darüber, seine langjährige Liebe endlich unter seinen Händen spüren zu wollen.

Er sah noch einige Zeit auf die Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte, dann seufzte er laut und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

Picard versuchte sich wieder auf das Problem zu konzentrieren, das sich vor ihm aufgetürmt hatte.

Admiral Miller.

Er bezweifelte stark, dass der Admiral ihm etwas bei dem Treffen unter vier Augen erklären würde.

Vielmehr glaubte er, dass er ihn zu erneutem Stillschweigen anhalten würde und ihn dazu ermahnte, nichts als seine Pflicht zu tun - denn schließlich hatte Riker Recht - hätte Miller das Gefühl, ihm irgendeine Erklärung für etwas geben zu müssen, dann hätte er vor diesem Zeitpunkt bereits Kontakt mit ihm aufgenommen.

Er musste dennoch herausfinden, was sich innerhalb Starfleets abspielte. Sein Magen zog sich unsanft zusammen, als ihm klar wurde, wie sehr er nur als Spielfigur diente. Es war Zeit, dies zu durchbrechen, wenn die Notwendigkeit dazu gekommen war, und eine Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass es bald notwendig sein würde. Die gleiche Stimme erwies sich jedoch auch als schlechter Berater, indem sie ihm zuwisperte: "Du wolltest dich doch auch mit Beverly Crusher beschäftigen."

Wie schon so oft im Leben, blendete er diesen Teil der Stimme aus.

oooooooooooooooooooooooooooo

Wesley Crusher lag nun schon seit einer halben Stunde von Krämpfen und Schmerzen geschüttelt in seinem Quartier. Er hatte auf seinem Bett gelegen und gelesen, als er plötzlich das Gefühl hatte, bei lebendigem Leibe zu verbrennen.

Nach einer halben Ewigkeit hatte das Gefühl nachgelassen. Er war aufgestanden, um ins Bad zu gehen, als plötzlich die Schmerzen von Neuem einsetzten. Sie schienen immer heftiger zu werden. Er war zu Boden gestürzt und wand sich dort, immer nur an dem einen Gedanken festgeklammert, dass es irgendwann wieder aufhören würde - auf die ein oder andere Art.

Wäre er wenigstens ohnmächtig geworden, aber er wusste, diese Gnade würde ihm nicht zuteil, denn sein Körper war nicht mehr menschlich. So sehr man ihn auch untersuchte und Scans vornahm, die Veränderung, die in ihm vorgegangen war, als er ein Reisender wurde, konnte man nicht greifbar machen, aber er konnte sie fühlen.

Im Moment fühlte er jedoch nur den Schmerz.

Im Laufe der Zeit hatte sich das Gefühl des Verbrennens gewandelt. Wenn er es beschreiben sollte, dann fühlte es sich nun an, als würde man ihm mit einem Ruck einen Knochen nach dem anderen aus dem Leib ziehen.

Sein Kommunikator haftete nutzlos an seiner Brust. Er wollte niemanden rufen, damit er ihm beim Leiden zusähe. Niemand konnte etwas für ihn tun - niemand konnte ihm helfen. Es würde vorbeigehen. Immer wieder würde es vorbeigehen. Und eines Tages würde es so schlimm sein, dass es das letzte mal wäre.

Eines Tages wäre es vorbei - für immer.

Der Gedanke war seltsam tröstlich zwischen den Wogen aus Panik, Schmerz und Verzweiflung.

Plötzlich sah er eine Bewegung. Jemand hatte sein Quartier betreten und bewegte sich in seine Richtung. Als er vor ihm stand, kniete der Eindringling sich nieder.

Das Gesicht des Reisenden tauchte vor Wesley auf. Die Augen strahlten ein Verständnis aus, das man unmöglich in Worte fassen konnte.

Die Schmerzen ließen langsam nach und waren innerhalb weniger Minuten völlig verschwunden.

Der Reisende half Wesley auf und geleitete ihn zum Sofa.

"Waren Sie das? Haben Sie gemacht, dass es aufhört?", fragte Wesley atemlos.

Der Reisende schüttelte traurig den Kopf.

"Nein, das war lediglich Zufall. Ich kann es nicht beeinflussen. Ich wünschte, ich könnte es."

Wesley nickte resigniert. Also gab es wirklich keine Hoffnung auf Erleichterung für ihn.

"Aber Sie haben meinen Schmerz gespürt, nicht wahr?"

Nun nickte der Reisende: "Wir sind verbunden. Ich spüre aber nur einen Bruchteil von dem, was du empfindest und ich wusste, dass du nicht möchtest, dass dich jemand so sieht - aber als es nicht aufhörte...es dauerte sehr viel länger diesmal. Ich weiß, was du empfindest", endete der Reisende.

Wesley strich sich die Haare aus der schweißnassen Stirn.

"Was nutzt mir das?", fragte er bitter in die nun entstehende Stille hinein.

tbc