Die Erinnrung kommt zurück

„Verkauft!"

Der Ruf des Auktionators schoss durch die staubige Luft und das schummrige Licht des heruntergekommenen Opernhauses.

Die alte Frau, die ihr Gesicht hinter einem schwarzen Schleier verborgen hatte, zuckte zusammen, als ob man sie geschlagen hätte. Nicht nur wurde sie von schmerzvollen Erinnerungen heimgesucht, seit sie die Oper betreten hatte, sondern sie hatte auch eine ausgeprägte Abneigung gegen Geschrei.
Das nächste Objekt, ein Plakat von ‚Hannibal', verband diese beiden Dinge auf höchst makabre Weise.

Sie ließ ihre Gedanken zurückwandern in eine Zeit, in der die Bühne nicht als Podium für einen übergewichtigen Auktionator hergehalten hatte, in der die roten Samtsitze in ihrer vollen Pracht erstrahlt waren, gemeinsam mit den goldenen Figuren und den zahllosen Kerzen.

Sie erinnerte sich an das pulsierende Leben, sowohl auf der Bühne als auch dahinter. Sie erinnerte sich an die Diven mit ihren Allüren, die sie in ihren vielen Jahren hier gesehen hatte, an die Bühnenarbeiter, die oftmals ein ganzes Stück zu nah an ihre Ballettmädchen gekommen waren und dann die Konsequenzen in Gestalt einer höchst unerfreuten Ballettmeisterin tragen mussten. Nicht viele hatten es zweimal versucht.

Sie dachte daran, wie sie ihre Mädchen für unzählige Stücke trainiert hatte, und wie oft sie enttäuscht worden war. Nicht eines der Mädchen war willens gewesen, für den Erfolg Opfer zu bringen, nicht eine war tatsächlich bereit gewesen, blutende Füße zu riskieren. Sie hatten nur an ihr Gekicher gedacht, und daran, sich eine schöne Zeit zu machen. Nicht einmal ihre eigne Tochter war eine Ausnahme gewesen.

Mit Schmerz erinnerte sie sich der Vorfälle, die zum Niedergang der Oper geführt hatten.

Sie erinnerte sich noch klar an das Gefühl von Hilflosigkeit, das damals gedroht hatte, sie zu ertränken.

Als hätten ihre Gedanken die Geister der Vergangenheit zum Leben erweckt, bemerkte sie plötzlich den alten Mann in dem Rollstuhl und nahm seine Anwesenheit mit einem leichten Nicken zur Kenntnis, bevor sie ihre Aufmerksamkeit dem nächsten Verkaufsobjekt zuwandte.

Wieder musste sie um Haltung kämpfen, wieder musste sie darum kämpfen, die Traurigkeit und die Verzweiflung zu verbergen, die sie überkam, während sie zusah, wie man ihre Vergangenheit an den meistbietenden verschacherte. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr hier gewesen, doch als sie von der Auktion erfahren hatte, hatte sie sich auf seltsame Weise verpflichtet gefühlt, zu kommen und ein letztes Mal Abschied zu nehmen.

Der Affe ... Worte konnten nicht ausdrücken, was dieser Affe ihr einst bedeutet hatte. Ohne darüber nachzudenken hob sie die Hand zum Gebot, entschlossen, zumindest einen Teil ihrer Vergangenheit zu retten.

Doch dann fiel ihr Blick auf das Gesicht des alten Mannes. Seine Augen flehten sie an. Gegen ihren Willen spürte sie ihr Herz vor Mitleid schmelzen. Sie schüttelte stumm den Kopf, als man sie um ein weiteres Gebot bat.

Die Freude in seinen Augen, als er den Affen entgegennahm, war jenseits aller Worte.
In diesen Moment wurde ihr klar, das sie zusammen mit diesem Affen die Oper und ihre gesamte Vergangenheit aufgegeben hatte.
Ein letztes Mal stiegen Bilder vor ihren Augen auf, Bilder von blutenden Füßen, von begeistertem Applaus. Von rauschenden Farben und atemberaubenden Illusionen.

Dann war es vorbei.

Es war alles vorbei.

Sie war keine Ballerina mehr, und auch keine Ballettmeisterin. Sie hatte sich bereits abgewendet, um ihre Vergangenheit für immer hinter sich zu lassen, als sie hörte, wie das nächste Objekt zum Verkauf aufgerufen wurde, und sie gefror mitten in der Bewegung.

Sie hatte Unrecht gehabt. Es war noch nicht vorbei.

Als nächstes zum Verkauf stand der Kronleuchter.