Dragon and Angel

Kapitel 29

Lucius


Angel war froh, dass ihre Mutter sich um ihren Vater kümmerte, und drehte sich zu Lucius. Sie setzte ihren süßesten Gesichtsausdruck auf, von dem sie wusste, dass niemand wiederstehen konnte. „Großvater, erzählst du mir eine Geschichte, bitte?"

„Aber natürlich. Was möchtest du denn gerne hören?" Lucius lächelte seine kleine Enkeltochter an.

Sie gähnte und antwortete: „Such du dir eine aus, aber eine mit Elfen."

„Hmm – Elfen?" Lucius dachte schnell nach, bevor ihm eine passende Geschichte einfiel. „Hast du schon einmal von den Elfen im Rosengarten gehört?"

„Es gibt Elfen im Rosengarten?", fragte Angel mit aller Aufregung, die sie trotz des Schlaftrunks aufbringen konnte, der gerade in ihrem kleinen Körper seine Wirkung entfaltete.

„Ja, natürlich gibt es welche. Wenn du jetzt deine Augen schließt, werde ich dir etwas über sie erzählen", sagte Lucius so sanft und leise, dass Angel gut aufpassen musste, um ihn noch zu verstehen.

Ihre Augen schlossen sich und sie konzentrierte sich auf die tiefe Stimme ihres Großvaters, die sie in den Schlaf driften ließ. Sie hörte gerade noch die ersten Worte der Geschichte, die Lucius sich ausdachte, bevor sie in einen tiefen Schlaf tauchte.

„Ginevra, ich glaube, sie ist eingeschlafen", sagte Lucius zu Ginny, die ebenfalls ihre Augen geschlossen hatte.

„Danke", flüsterte Ginny zurück und lächelte den älteren Mann an.

„Gern geschehen." Lucius beugte dankend den Kopf. „Draco hat seinen Kampf gegen den Schlaftrunk anscheinend auch verloren."

Ginny drehte sich in ihrem Sessel um, um Draco zu betrachten. Anscheinend schlief er friedvoll, ein kleines Lächeln lag auf seinem Gesicht, aber als sie ihn beobachtete, zog sich ein tiefes Stirnrunzeln über sein Gesicht und sein Lächeln wandelte sich in einen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck.

Im weiteren Verlauf des Abends schlief Draco unruhig weiter. Trotz des Schlaftrunks stöhnte oder schrie er oft vor Schmerz auf. Lucius und Ginny saßen zwar an Angels Bett, aber Lucius bemerkte, dass Ginnys Blick immer öfter zu Draco wanderte und weg von ihrer Tochter, die friedvoll schlief. Leise stand er auf und ging um das Bett herum, um sich auf den freien Stuhl neben der rothaarigen Hexe zu setzen.

„Darf ich?", fragte Lucius höflich und deutete mit der Hand auf den freien Stuhl.

„Natürlich."

„Du musst wissen, er ist kein schlechter Mensch", sagte Lucius leise.

„Ich weiß", flüsterte sie.

„Ich werde sein Benehmen heute Morgen nicht einfach dulden, aber du musst zugeben, dass du selbst auch Fehler gemacht hast, indem du ihm Informationen verschwiegen hast", ermahnte Lucius sie sanft.

„Das ist mir klar. Vielleicht hätte ich ihm von den Zwillingen erzählen sollen." Ginny begann, in ihrem Schoß ihre Hände zu wringen.

Lucius Augenbrauen hoben sich fragend. „Nur vielleicht?"

„Nein. Ich hätte es ihm sagen sollen, aber ich tat es nicht und das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern."

„Nein, man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber du musst verstehen, warum Draco so wütend ist. Du hast ihm die Möglichkeit verwehrt, sein eigen Fleisch und Blut kennenzulernen."

„Das kann ich jetzt nicht mehr ändern."

„Du könntest etwas mehr Toleranz zeigen für seine, sagen wir mal, Eigennützigkeit. Er musste nie zuvor an jemand anderes denken außer an sich selbst."

„Ich weiß."

„Er teilt nicht gerne."

„Er hat keine Wahl – es gibt drei von uns."

„Anscheinend hat es nichts mit dir oder den Kindern zu tun, sondern viel mehr mit anderen Männern. Von dem, was ich heute gesehen habe, will er dich und die Kinder nicht mit anderen Männern teilen", informierte Lucius sie von seiner Interpretation von Dracos Verhalten.

„Das habe ich bemerkt. Er war noch nie gut darin gewesen, Sachen zu teilen, aber dieses Mal geht es nicht nur um mich. Ich muss die Kinder beschützen."

„Draco ist nicht gefährlich. Es gibt keinen Grund, die Kinder vor ihm zu beschützen", meinte Lucius.

„Du bist sein Vater, du siehst ihn aus einer anderen Perspektive."

„Und du bist die Mutter seiner Kinder", entgegnete Lucius.

„Das bedeutet momentan nicht sehr viel."

„Ich glaube, du hast ihm mehr als einmal mit deinem ganzen Körper vertraut."

„Das hat nichts mit dieser Situation zu tun", sagte Ginny ihm harsch.

„Ah – Vertrauen ist alles", sagte er wissend.

„Mag sein, aber sein Benehmen von heute ..." Ginny seufzte schwer.

„Benehmen kann man ändern."

„Schau, ich weiß, er ist nicht gefährlich, aber er ist egoistisch. Ich muss die Kinder davor beschützen", machte Ginny ihre Meinung deutlich.

„Und du bist nicht egoistisch?"

Ginny runzelte die Stirn. „Ich glaube nicht."

„Wirklich? Einem Vater für beinah fünf Jahre seine Kinder zu verwehren ist nicht ein wenig egoistisch?"

„Er hat mich verlassen. Nicht umgekehrt", sagte Ginny verteidigend.

„Wann hast du herausgefunden, dass du schwanger bist?"

„Etwa sieben Wochen, nachdem ich meinen Abschluss auf Hogwarts gemacht habe."

„Nachdem er dich verlassen hatte, ist dir dennoch nie die Idee gekommen, dass du ihm Bescheid geben könntest."

„Doch, aber ich hatte Angst."

„Wovor?"

„Was, wenn er mich zurückgewiesen hätte? Ich meine, er hatte mich doch verlassen. Und unsere Familien haben sich noch nie vertragen. Es hätte nie funktioniert."

„Er hat dich geliebt. Er liebt dich immer noch, Ginevra. Und ich glaube, unsere Familien kommen recht gut miteinander klar. Es ist erstaunlich, wie Enkelkinder es schaffen, alte Kontrahenten zu versöhnen. Eure Beziehung hat bis heute Fortschritte gemacht, nicht wahr?"

Ginny schüttelte den Kopf. „Er liebt mich nicht."

„Oh doch. Das hat er schon seit Hogwarts. Ich wusste, dass es da jemanden gab, der sein Herz gestohlen hatte, aber ich wusste nicht wer. Wie dem auch sei, ich sprach mit ihm, nachdem ich euch in der Winkelgasse gesehen hatte, und ich wusste sofort, dass du es warst, in die er verliebt gewesen war."

Langsam liefen Tränen über Ginnys Wangen hinab. „Er glaubt, ich wäre eine schlechte Mutter."

„Nein, das tut er nicht. Er war durcheinander, das ist alles." Er bot ihr sein Taschentuch an.

„Ich hab nicht auf sie aufgepasst. Ich hätte sie im Auge behalten sollen ... dann wäre das alles nicht passiert." Ginny unterdrückte ein Schluchzen.

Lucius rutschte ein wenig hin und her, legte einen tröstenden Arm um die junge Hexe und zog sie an seine Brust. Als sie die warme Berührung an ihren Schultern spürte, brach ihr Wille, stark zu sein, und sie brach schluchzend an seiner Brust zusammen. Lucius tröstete sie, bis sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. Er beruhigte sie, klopfte ihr auf die Schulter und sagte ihr, dass alles wieder in Ordnung käme.

„Narcissa sagte immer, dass sie sich nach dem Weinen besser fühlte. Es ist ein bisschen so, als würde man damit seine Seele reinigen", meinte Lucius, damit Ginny sich nicht so unbehaglich fühlte.

„Danke", sagte sie leise.

„Geht es dir jetzt besser?"

„Ein wenig." Ginny schenkte ihm ein kleines Lächeln.

„Gut. Also glaube mir, wenn ich dir sage, dass nichts davon deine Schuld ist", sagte Lucius ihr aufrichtig.

„Ich hätte auf sie aufpassen sollen", brachte Ginny hervor.

„Ich nehme an, du wusstest nicht, dass die Kinder mit Dracos Besen spielten?"

„Nein", antwortete Ginny schockiert.

„Tja, du kannst sie nicht vierundzwanzig Stunden am Tag beaufsichtigen, Ginevra. Das ist nicht möglich und auch nicht normal. Sie würden sich niemals gut entwickeln, wenn ihnen die Möglichkeit verwehrt bleibt, Sachen selbst zu erforschen. Merlin allein weiß, dass Draco sich in alle Arten von Schwierigkeiten gebracht hatte. Narcissa war jeden Abend außer sich, bis ich heim kam. Vielleicht hat Drake seine Liebe zu Abenteuern von ihm geerbt." Lucius sagte dies leise, aber doch in einem formalen Tonfall.

„Trotz all dem denkt Draco immer noch, ich wäre eine schlechte Mutter."

„Wie ich dir schon gesagt habe – er war aufgebracht. Wir alle sagen und tun Dinge, die wir nicht so meinen, wenn wir aufgebracht sind."

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll."

„Ich schon. Ihr müsst euch beide mal alleine zusammensetzen, ohne die Kinder, und alles ausdiskutieren, das vorgefallen ist, seit ihr zu Schulzeiten zusammen gewesen wart."

„Was, wenn er das nicht will?"

„Er wird es tun. Er liebt dich und ich glaube, er bereut seine Taten von heute Morgen bereits."

„Das bezweifle ich", antwortete Ginny kurz angebunden.

Lucius ignorierte ihre Worte und fuhr fort: „Ich schlage vor, ihr verbringt ein Wochenende zusammen, vielleicht in einem unserer anderen Landhäuser. Die Kinder sind natürlich im Manor herzlich willkommen. Narcissa und ich würden uns sehr freuen, wenn die zwei ..."

Ein plötzliches Stöhnen seitens Draco unterbrach ihre Unterhaltung. Er klang, als ob er schlimme Schmerzen durchmachte. Ginny machte eine kleine Bewegung, da sie fast zu ihm gegangen wäre, ließ sich aber wieder zurück in ihren Sessel fallen. Dies blieb von Lucius nicht unbemerkt, und er dachte, es wäre an der Zeit, die Dinge etwas voranzutreiben.

„Könntest du möglicherweise sehen, ob es Draco gut geht? Ich fürchte, wenn er mich dabei erwischt, wie ich mich um ihn kümmere, könnte er dies nicht gerade als angenehm empfinden", erklärte Lucius in der Hoffnung, dass sie seine Gründe akzeptierte.

„Natürlich", antwortete Ginny zögerlich.

„Danke. Ich bin mir sicher, es gefiele ihm besser, wenn du dich um ihn kümmerst als ich."

Ginny erhob sich langsam von ihrem Stuhl und ging auf Dracos Bett zu. Sie bemerkte, dass auf seiner Stirn die Schweißperlen standen und sein Gesicht ziemlich gerötet war.

„Ich bin in einer Minute zurück."

„Stimmt etwas nicht?", fragte Lucius. Sein Gesichtsausdruck war besorgt.

„Nein, ich glaube nicht. Ich will nur ein Handtuch holen, das ich befeuchten kann. Er sieht ein wenig fiebrig aus. Wenn ich ihn abkühlen kann, kann er sich vielleicht besser ausruhen."

Ginny war nicht lange weg, als sie auch schon mit einem Handtuch und einer Schüssel voll Wasser zurückkehrte. Sie stellte die Schale auf den kleinen Nachttisch neben Dracos Bett, tauchte das Handtuch ein und wrang es aus. Sehr sanft, damit sie ihn nicht unnötig störte, legte sie ihm das Handtuch auf die Stirn. Draco stöhnte wieder und sie ging mit ihrem Gesicht sehr nah an seines heran.

„Schhh – entspann dich einfach, Draco", flüsterte Ginny und strich ihm mit dem Handtuch beruhigend über die Stirn.

Lucius sah zu, wie Ginny Draco pflegte. So, wie sie sich um ihn kümmerte, konnte er sagen, dass sie nicht nur für ihn sorgte, sondern ihn aus tiefstem Herzen liebte.

Ginny strich mit dem feuchten Handtuch sanft über sein Gesicht. Sie konnte spüren, wie er sich unter ihrer Berührung entspannte. Sein Stöhnen verklang langsam und anscheinend tauchte er in einen tieferen Schlaf hinab. Trotz der Tatsache, dass er jetzt nicht mehr so verzweifelt aussah, konnte Ginny sich nicht wieder in den anderen Teil des Zimmers zu ihrem früheren Sessel bewegen. Sie rief leise einen Stuhl herbei und stellte ihn neben sein Bett, damit sie sich bequem setzen konnte.

Etwas später schlief Ginny langsam ein. Ihr Kopf lag auf ihren Händen, welche auf Dracos Bettkante abgestützt waren. Lucius war in seinem Stuhl ebenfalls eingeschlafen. Die Beine hatte er auf den Fußteil von Angels Bett gestützt. Kurz vor dem Morgengrauen wurde Ginny wach, da sie spürte, wie jemand sanft mit seiner Hand über ihr Haar strich. Langsam hob sie ihren Kopf und sah, dass Draco wach war.

„Ich wollte dich nicht aufwecken", flüsterte Draco.

„Ist schon gut. Wie geht es deinem Arm?", fragte Ginny leise, damit sie Lucius und Angel nicht aufweckte.

„Ist erträglich."

„Brauchst du irgendetwas?"

„Brauchen? Nein." Draco grinste sie an. „Das ‚Wollen' ist aber ganz ein anderes Thema."

Ginny seufzte schwer. Sie hatte schon viele Male erlebt, wie Draco den Malfoy-Charme einschaltete, damit er nicht in Schwierigkeiten kam, und kannte die eindeutigen Zeichen in und auswendig. Sie grinste zurück. „Schön, ich spiele mit. Was möchtest du, Draco?"

„Ich möchte, dass du dich zu mir legst, damit du ordentlich schlafen kannst", sagte Draco zuversichtlich.

„Draco, ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist", sagte Ginny zögerlich.

„Warum nicht?" Er zog solch eine Schnute, dass er beinah wie Drake aussah, wenn er nicht das bekam, was er wollte.

„Wir müssen uns zuerst unterhalten und sieh mich nicht mit diesem Gesicht an. Es funktioniert nicht, frag doch Drake."

„Wir werden uns auch unterhalten, Gin. Später, wenn wir alle wieder zu Hause sind. Aber jetzt will ich dich wirklich nur dicht bei mir spüren." Er legte seine Hand an ihr Gesicht und streichelte ihr über die Wange.

Ginny genoss diese Berührung und konnte spüren, wie ihre Entschlossenheit, böse auf ihn zu sein, zur Gänze wegschmolz.

„Komm schon", flüsterte Draco ihr lächelnd zu.

Sie stand auf, kletterte vorsichtig auf das Bett und legte sich neben ihm hin. Dracos guter Arm war um ihre Schultern gelegt und ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Sie spürte, wie er ihr einen sanften Kuss auf den Kopf drückte.

„Bequem?", fragte er.

„Mmm ...", antwortete Ginny und lächelte in die Decke hinein.

„Gin?"

„Mmm ..."

„Sieh mich an", flüsterte er.

Ginny hob ihren Kopf ein wenig, damit sie ihm ins Gesicht blicken konnte.

„Ich liebe dich", flüsterte Draco, und ohne auf eine Antwort zu warten, nahm er ihren Mund in einem verlangenden Kuss gefangen.

Auf der anderen Seite des Zimmers wurde diese Szene von zwei wachsamen Augenpaaren verfolgt.

„Großvater, knutschen Mummy und Daddy rum?", fragte Angel leise und musste ein wenig kichern.

„Angelique, das ist keine sehr damenhafte Frage", antwortete Lucius, aber er konnte sein eigenes Lächeln kaum unterdrücken, denn das, was sie gerade sahen, war in der Tat ein gutes Beispiel, wie man herumknutschte.