Kapitel 4 – alte Feinde, neue Freunde

Besprechungssaal der Station Quasar IV – 13.49 Uhr, 22. September 2370, irgendwo in Andromeda

„Das…das kann nicht sein, dass ist unmöglich!" stotterte Sam, immer noch auf das Schiff, was eben auf dem Sprungknoten kam, starrend. Es war tatsächlich eine Sathanas-Klasse der Shivaner. Viele Fragen schossen ihm momentan durch den Kopf, doch die zwei wichtigsten waren wohl: Was machen Shivaner hier in der Andromeda-Galaxie und greifen sie uns an?

„Komm schon, nix wie raus hier!" rief Susan und zerrte Sam am Arm Richtung Tür. Die meisten Wissenschaftler waren schon hektisch und in Panik nach draußen gestürzt.

‚An das gesamte Jäger- und Bomberpersonal: Finden sie sich sofort im Hangar ein und machen sie ihre Maschinen startklar. Dies ist keine Übung, ich wiederhole, dies ist keine Übung!' dröhnte es aus den Lautsprechern in der Decke. Beide wussten, das es jetzt ernst war.

„Los, beeilen wir uns, ich fühle mich gar nicht wohl, wenn dieses Teil mit seinen 4 Strahlenkanonen auf uns zielt!" Susan lief voran, Sam hinterher. Die engen Gänge der Station waren voll von wild umher laufendem Personal aller Arten, das rote Licht wirkte jetzt noch bedrückender als im Besprechungsraum. Nichts wie zum Hangar.

„Was zum Teufel ist hier los?" Steven kam mit Jonathan gerade von den vorderen Geschützen, an denen sie gearbeitet und sie repariert hatten. Die linke Lifttür der Brücke schloss sich hinter den beiden und Min begann zu sprechen.

„Schau doch am besten selbst…" Der Bildschirm sprang um, man sah die Sathanas in ihrer vollen Größe. Den beiden Ankömmlingen klappten symbolisch die Kinnladen bis auf den Boden, beide nahmen langsam ihre Plätze ein.

Die Lifttür zischte wieder, diesmal war es Sao, sie half Mitch unten im Maschinenraum bei der Reparatur von Sally's primären und sekundären Systemroutern.

Bevor sie auch nur ein Wort sagte, fiel ihr das Bild des Hauptschirms auf. Sie blieb stumm, starrte nur nach vorne. Man bedenke, dass die gesamte Crew der Defiant sozusagen noch Frischlinge waren…nun waren sie plötzlich Millionen von Lichtjahren von Zuhause weg und standen einer der mächtigsten Zerstörungswaffen der Shivaner gegenüber.

„Waffenstatus?" fragte Steven mit bedachter Stimme.

„Die Geschütze funktionieren in 3 Minuten wieder, der Reboot-Prozess läuft."

„Min, wo sind Susan und Sam?"

„Ich habe sie bereits zurück gerufen, sie müssten bald von der Station starten…warte…" Es piepte, Jon stand auf und ging an Susans Station. „Wir werden gerufen…von der Station. Ich stelle durch."

Das Bild zeigte Commodore Malokowich auf dem Kommandozentrum von Quasar IV.

„Captain Nankam, die Waffensysteme der Station reichen bei Weitem nicht aus, um dieser Sathanas gefährlich zu werden, sie müssen sie vernichten, mit allem was sie haben, sonst ballert sie uns zu Klump!" Der Commodore war ziemlich außer sich, da er wie alle hier noch nie in so einer Situation hier war.

„Bei allem Respekt, Commodore, sie wissen doch ganz genau, wie stark die Hüllenpanzerung bei dieser Schiffsklasse ist, sollen wir da 5 Jahre drauf schießen?"

„Müssen wir vielleicht nicht…" unterbrach Jon.

„Wie meinen sie das?" fragte der Commodore sichtlich verwirrt.

„Nun, der Krieg gegen die Shivaner ist erst rund 3 Jahre her und nach meinen Scans zu urteilen ist diese Sathanas noch das gleiche Modell wie damals."

„Und wie soll uns das helfen, junger Mann?" Steven drückte mit seinem Blick zu Jon genau dasselbe aus.

„Nun, ich glaube man sollte die Feuerkraft der Defiant nicht unterschätzen. Wenn wir unser Feuer mit ein paar Bomberstaffeln koordinieren und auf einen der Waffenarme zielen, können wir die Sathanas vielleicht verscheuchen…"

„Ok, egal was wir tun, wir tun es besser JETZT!" Sao setzte sich in der Zwischenzeit an Susans Station um die Sensoren zu überwachen. „Es sind soeben Jäger und Bomber von der Sathanas gestartet, mit Kurs auf die Station und die Energiewerte der Strahlenkanonen steigen schnell!"

„In Ordnung Defiant, " sagte der Commodore grübelnd, „versuchen wirs, ist wohl unsere einzige Chance."

„Sie müssten einen Satz Koordinaten empfangen, geben sie diese an ihre Bomberjungs durch." Jon hatte die von ihm errechneten Koordinaten gerade gesendet.

„Defiant, wir richten uns nach ihnen, viel Glück." Ein zuversichtliches Nicken, dann zeigte der Schirm wieder die Sathanas.

„Also los, Min, bring uns in Schussposition. Jon, Geschütze in den HP-Mode schalten, wir brauchen jetzt alles, was drin ist." HP-Mode stand für High Power-Mode und bedeutete, dass die Kanonen auf 150 ihrer Spezifikation betrieben würden, was aber zu unvorhergesehenen Ausfällen oder Systemschäden führen könnte.

„Du weißt aber, was das für die Kanonen bedeutet?"

„Ja, die Kanonen können wir auf der Station reparieren lassen, aber ganz ohne die Station hätten wir ein Problem!" Er lehnte sich zurück, starrte auf den Schirm.

„Die ersten Staffeln der der Station sind soeben gestartet…und ich empfange das IFF von Susan und Sam, sie kommen!"

„Danke Sao. Sally, mach den Hangar bereit für ihre Ankunft." Alle waren angespannt, es lag eine merkwürdige Atmosphäre in der Luft der Brücke. Als sich ein paar Jäger und Bomber der Shivaner zu nah an die Defiant heranwagten, zerbröselte Jon sie mit den seitlichen Anti-Jäger Strahlgeschützen, doch das störte die Shivaner scheinbar gar nicht, die Sathanas flog weiter unbeirrt aber glücklicherweise sehr langsam auf die Station zu. Trotzdem würde sie bald in Waffenreichweite sein…

„Was machen die da?" fragte sich Susan im Cockpit ihres Perseus. Sie hatte freie Sicht auf die Defiant und ihre Scanner zeigten an, das sie sich seitlich der Sathanas näherte.

„Keine Ahnung, sie scheinen auf diesen hässlichen Pott zuzufliegen, aber was soll das bringen?"

„Gute Frage, ich glaube nicht, das die Defiant genug Feuerkraft hat, um der Sathanas gefährlich zu werden." Sie blickte nach links aus ihrem Cockpitfenster.

Über 60 Jäger und Bomber waren aus dem gigantischen Hangar der Station gestartet, und die Beiden waren mitten drin. Noch nie haben sie einen so großen Einsatz so hautnah miterlebt, irgendwie schon ein überwältigendes Gefühl, vor allem wenn man bedenkt, was auf dem Spiel stand.

„Achtung, wir bekommen Gesellschaft…" brummte Sam. Natürlich war auch die Sathanas nicht gerade mit wenigen Jägern bestückt und sie ließ wahrscheinlich alles, was sie hatte auf die Station los. Die Frachter hatten sich mittlerweile in einen toten Winkel des shivanischen Schlachtschiffes gebracht, nämlich direkt hinter die Station. Dies war eine durchaus logische Entscheidung, wenn man bedenkt, dass dieses Schiff die Frachter mit nur einer Salve erledigen könnte.

„Mehrere feindliche Staffeln, ich seh sie. Sie wollen die Bomber abfangen."

„Mal ehrlich Susan, was würdest du jetzt lieber machen, dich in ein deinen Stuhl auf der Brücke setzen oder…"

„Schnappen wir sie uns!" sagte sie energisch, wobei etwas Wut wegen ihrer aktuellen Situation natürlich auch dabei war.

„Das wollte ich hören, beschützen wir die Bomber!"

Beide erfassten Alpha 1, das Führungsschiff der ersten Bomberstaffel, zogen ihre Perseus nach links und nahmen Formation ein. Nachdem der Pilot informiert wurde, machten alle ihre Waffen scharf, auch die anderen Eskorten dieser Bomberstaffel. Und dann begann es.

Schlachtfeld um die Sathanas – 14.02 Uhr, 22. September 2370, irgendwo in Andromeda

Wenn man gewisse Aspekte mal außen vor lässt, war es ja eigentlich ganz schön, irgendwie auch spektakulär. Überall bunte Farben, vor Licht nur so strotzende Explosionen, majestätische Jäger, die ihre Bahnen zogen, leuchtende Triebwerke und das Licht reflektierende, glänzende Schiffshüllen. Wäre da nur nicht die Gefahr zwischen all diesen Sachen…

„Alpha 1 an Defiant 1 und 2, was soll das? Ihr fliegt ja als ob ihr noch nie einen Kampf mitgemacht habt! Verschwindet, oder die Shivaner zerbröseln euch euren Arch!" Klare Worte des führenden Piloten der Alphastaffel. Und er hatte ja Recht, denn es war ihr erster ‚echter' Kampf. Auch wenn alle während der Akademie- und Ausbildungszeit sehr gute Schützen und Piloten waren, spielt ein echter Kampf mit scharfen Waffen in einer anderen Liga, erst recht gegen den Erzfeind der GTVA, die Shivaner. Und Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall.

Beide hörten natürlich den Kommentar, konzentrierten sich aber voll auf das Steuern ihrer Perseus-Jäger. Und das war auch bitter nötig, denn Shivaner gab es nun wirklich genug, die auf sie schossen.

„Mich hats erwischt!" brüllte Sam plötzlich über Funk zu Susan. „Ahh verdammt! Meine Laser sind offline, Mist!" Eine Rakete traf den hinteren, durch Laserfeuer bereits geschwächten Schild und durchschlug ihn teilweise.

„Los, lass uns hier verschwinden, dass sind zu viele! Die Jungs schaffen das auch ohne uns." antwortete Susan hörbar überfordert.

Auch wenn es sich beide kaum eingestehen, obwohl Susan eher als Sam, waren sie nun mal blutige Anfänger und hatten in einer solchen Schlacht nur wenig verloren. So taten sie also das einzig Richtige in dieser Situation: Rückzug zur Defiant.

„Kann mir mal jemand erklären, was die Beiden da machen? Sind die verrückt?" Steven schaute besorgt über Sao's Schulter auf ein Display an der Sensorenstation.

„Sie scheinen sich der Alpha-Staffel angeschlossen zu haben, um die Bomber zu eskortieren…" Sie schüttelte während dieser Worte etwas entrüstet den Kopf. „Wir müssen sie da rausholen, sofort!"

„Richtig…Sally, pfeif die Beiden sofort…"

„Warte…" unterbrach ihn Sao. Die beiden markierten grünen ‚Blops' bewegten sich plötzlich auf die Defiant zu. „Sie kommen, Sam wurde getroffen, wie es scheint. Sally, gib ihnen Rückendeckung mit unseren kleinen Strahlkanonen!"

„Verstanden." bestätigte Sally ruhig.

„Min, wann sind wir in Position?"

„Gleich Steven, gleich…knappe Minute." Dann würde es sich entscheiden. In gewisser Weise lagen die Leben auf der Station und den Frachtern in den Händen der Defiant-Crew.

Der Commodore starrte ebenfalls auf den Schirm, er zeigte die Defiant, die sich langsam, aber stetig der Sathanas näherte.

„Das muss klappen, es muss einfach…" murmelte er. Im Gedanken betete er.

„Status unserer Schiffe?" Sein Blick wand sich einem Offizier zu, der wild auf einer Konsole der Kommandobrücke herum tippte.

„Minimale Verluste, Bomber im Anflug auf die Koordinaten." antwortete der Lieutenant.

Die Sekunden verstrichen, Susan und Sam waren schon fast bei der Defiant. Dann begann das Schauspiel.

„Sir, unsere Bomber haben so eben das Signal von der Defiant bekommen, sie werfen ihre Ladung ab. Sehen sie, die Defiant feuert!"

„Gentlemen, drücken sie alle Daumen, die sie haben. Wenn das nicht klappt, haben wir ein Problem."

Die vier Bugstrahlkanonen begannen sich aufzuladen, alles sah normal aus, wie beim letzten Abfeuern auch. Das grüne Plasma sammelte sich in den Geschützen, Materiepartikel wurden von vorne angesaugt und fusionierten mit dem Plasma zu glühenden Bällen. Jetzt kam die schwierige Phase.

„Energieoutput auf 100, ich gehe weiter rauf." sagte Jon. Vereinzelte Blitze bildeten sich jetzt um jedes der vier Geschütze, während das Glühen immer größer wurde und das Summen immer lauter.

„110!"

Mehr Blitze, in kürzeren Abständen.

„120, Systeme stabil."

Langsam sah es richtig gefährlich aus.

„130...Nr.1 fluktuiert leicht, aber in den Toleranzen."

Angespannte Luft, man fühlte förmlich die Kraft der Geschütze um sich herum schwirren.

„140! Reaktoroutput auf Maximum!"

Plötzlich begann das Licht zu flackern, Energiefluktuationen durchzogen das ganze Schiff.

„150, feuerbereit!"

Steven holte tief Luft. Er hatte sich mit dem kleinen Kontrollpanel links von seinem Stuhl den oberen linken Arm der Sathanas, auf den sie zielten, näher herangeholt. Die anfliegenden Bomben waren deutlich zu sehen.

„Daumen drücken, Leute." Er fuhr mit seiner linken Hand streichelnd über die Lehne seines Stuhls, dachte ‚nun zeig mal was du drauf hast, Baby…'.

Der Moment war gekommen. „Feuer!"

Die Piloten sahen es, die gerade ihr Leben im Nahkampf gegen die Shivaner riskierten. Der Commodore sah es von seinem Kommandozentrum aus. Die Frachterkapitäne von ihren jeweiligen Brücken ebenfalls.

Die vier Strahlen schossen nach vorn, perfekt auf einen Punkt fokussiert, den oberen linken Arm der Sathanas. Dank des HP-Modus war jeder Strahl noch von Blitzen umrungen, während er das Vakuum des Alls durchschnitt und auf der Sathanas einschlug.

Panzerungsteilchen lösten sich unter der enormen Zerstörungskraft ab und wurden davon geschleudert, während sich die Torpedos näherten und jede Sekunde einschlugen.

Die Explosion war gigantisch, mehrere Torpedos schlugen nacheinander ein und setzten ihre zerstörerische Wirkungen in Kombination mit dem Feuer der Defiant frei. Niemand sah etwas Genaueres, bis sich der Blendeffekt zu lichten begann…

Brücke der GTCv Defiant – 14.19 Uhr, 22. September 2370, irgendwo in Andromeda

Steven sackte in seinen Stuhl zusammen, als er sah, was passiert war. Nämlich nichts. Es hatte wirklich nicht funktioniert, der Arm war noch dran. Als ob es die Sathanas überhaupt nicht gejuckt hätte. Und wenn es schon schlecht lief, dann richtig…

„Und…und jetzt?" Sao sah ihn zweifelnd an. Sie wusste was jetzt folgen würde. Er wusste es, alle wussten es. An den Spitzen der vier Arme formten sich summend weißrote Lichtkugeln, Sekunden später schossen die tödlichen Strahlen der Sathanas auf die Station zu. Ohne Gnade bohrten sie sich in deren Hülle, schnitten Deck für Deck durch wie ein Messer den Käse. Die Anzeige der Hüllenintegrität der Station ging schnell, sehr schnell in die Knie. Doch darauf achtete momentan keiner, der Anblick solch zerstörerischer Feuerkraft auf dem Hauptschirm war einfach fesselnd. Die Hülle der Station kollabierte, tausende von Menschen würden in den nächsten Sekunden ihr Leben lassen. Noch während die Explosionen Hüllenplatte um Hüllenplatte zerrissen, zog ein lautes Piepen Saos Aufmerksamkeit auf sich.

„Nein…" murmelte sie, „weitere Sprungsignaturen im Kommen. Mehr Shivaner."

6 weitere Geschader shivanischer Jäger kamen an und dezimierten die Jäger der GTVA zusehens, während zwei Rakshasa-Korvetten mit ihren Bug-Strahlkanonen die Frachter zerstörten. Alles ging so wahnsinnig schnell, das die Crew mit dem Verarbeiten der ganzen Informationen gar nicht hinterher kam, gut das Sally die Steuerung der Jägerabwehr-Geschütze übernommen hatte…

„Moment, da…da ist noch etwas…" sagte Sao leicht stotternd, als sie die Daten eines weiteren Sprungknotens auf 8 Uhr entdeckte. Ein Schiff kam heraus, etwa so groß wie die Defiant. Seine Bauart war unbekannt, sicher war jedoch, es ist nicht shivanisch.

Allerdings zog ein helles Zucken Sao's Aufmerksamkeit wieder von der Anzeige weg, denn soeben ging die Station in einem gleißenden Feuerball auf, so etwas Gigantisches hatte keiner von ihnen je gesehen. In einer gewissen Weise war es sogar schön.

Das andere unbekannte Schiff eröffnete mit einer Art blauen Mini-Strahlkanone das Feuer auf die anrückenden shivanischen Jäger und Bomber, die den Anti-Jäger-Strahlgeschützen der Defiant zum Verwechseln ähnlich sahen.

Eine kleine Anzeige aufs Min's Station blinkte, nur mit Mühe konnte er seinen Blick vom Hauptschirm lösen.

„Was ist das jetzt schon wieder?" fragte Steven, mit Mühe die Fassung behaltend, als er das Schiff von der Größe einer Korvette auf dem Bildschirm hatte auftauchen sehen. Durch den Subraumsprung hatte es noch ziemlich viel Geschwindigkeit drauf und schoss so einige hundert Meter links an der Defiant vorbei.

Als die Explosion der Station ihren optischen Reiz verlor und langsam verschwand, fassten sich alle wieder so gut es ging und konzentrierten sich auf ihre Stationen.

„Keine Ahnung, es ist etwa so groß wie wir, aber definitiv nicht shivanisch!" Sao's Worte waren schon eine kleine Erleichterung, denn wie sie alle auf dem Schirm sahen, feuerte das Schiff auf die Shivaner.

„Steven, dieses Schiff hat uns einen Datensatz geschickt, es scheinen Sprungkoordinaten zu sein."

„Was?" Just in diesem Moment leuchteten die Triebwerke der unbekannten Korvette stärker als zuvor. Sie beschleunigte und verschwand in einem hellen Subraumknoten, der sich kurz darauf schloss.

Ruckler und Stöße ließen Steven für einen kurzen Moment das Gleichgewicht verlieren, glücklicherweise fiel er rückwärts in seinen Stuhl. Die Erschütterungen kamen von den ersten einschlagenden Raketen, denn mittlerweile kamen massenweise Jäger und Bomberstaffeln auf die Defiant zu, selbst ihre verbesserten und zahlreicheren Abwehrgeschütze waren damit überfordert.

„Wir können hier sowieso nichts mehr machen." waren Jons Worte mit gesenkter Stimme. Und er hatte Recht. Die Station zerstört, die Frachter verloren und Shivaner so weit das Auge reicht.

„Brücke an Maschinenraum, Mitch, haben wir genug Saft für einen Subraumsprung?"

Etwas verzerrt klingend antwortete er. „Ich glaube ja, Steven…als wir unser Feuerwerk vorhin veranstaltet haben, hat der Reaktor das nicht so gut verkraftet, aber ich denke ich bekomme die Energie zusammen. Warte…so, das dürfte reichen, los, wo immer du auch hin willst!"

„Danke, Min, los!" Er wusste was jetzt zu tun war. Wie automatisiert flogen seine Finger über seine Konsole und trafen wie lasergelenkt die richtigen Tasten. Kurz darauf beschleunigte die Defiant mit einem Ruck und verschwand im Subraum.

„Sie müssten gleich ankommen."

„Gut, haben sie eine Ahnung, wer die sind, Commander?"

„Nicht wirklich, Sir. Jedenfalls sind sie keine Shivaner."

„Sirs, wenn ich sie unterbrechen dürfte, der Subraumkanal öffnet sich, das Schiff kommt durch."

Der Captain und sein Commander nahmen in ihren Stühlen auf der Brücke platz. Ihr Blick richtete sich auf den Hauptschirm, auf dem sich ein Subraumtunnel öffnete. Die GTCv Defiant schoss heraus und bremste ab.

„Captain, alle Teams melden Bereitschaft." meldete ein Lieutenant.

„Gut, dann los."

„Schau dir das an, das ist doch unmöglich!" Aber Min's Blick täuschte ihn nicht. Er sah tatsächlich eine Hecate-Klasse vor seinen Augen. Steven und die Anderen waren genauso überrascht. Während des Subraumssprunges kamen Susan und Claire auf die Brücke, Sam ging zu Mitch in den Maschinenraum.

Er holte tief Luft.

„Langsam schockt mich hier gar nichts mehr. Wo sind wir, Susan?" Sie saß wieder an ihrer Station.

„Keine Ahnung, keine Daten, ich…verdammt noch mal, die Energiewerte dieser Hecate sprengen meine Skala! Dieses Schiff…"

„Warnung, Annäherungsalarm! Zwei Transporter nähern sich, sie sind auf einem Andock-Kurs. Je eine Staffel Jäger eskortiert sie. Achtung, eingehender Ruf. Nur Audio." Sally fiel Susan mit diesen Worten dazwischen. Steven nickte Susan zu, sie stellte durch.

Die Stimme klang kräftig, tief und etwas drohend. Und sie machte schnell klar, was Sache war.

„An das unbekannte Schiff, deaktivieren sie ihre Waffen und bereiten sie sich darauf vor, geentert zu werden. Bei Widerstand werden sie vernichtet. Es wird keine weitere Warnung geben."

„Und…was jetzt?" Claire's Stimme klang etwas ängstlich. „Wir müssen hier weg!"

„Wie denn…" murmelte Jon fluchend. „Der Sprung-Antrieb ist nicht geladen, und wenn wir uns bewegen…bei den Energiewerten will ich die lieber nicht reizen auf uns zu feuern!" Seine Fäusten schlugen mit aller Gewalt auf den Rand seiner Konsole. Seine Wut musste raus. Seine Verzweiflung auch.

„Aber was sollen wir denn dann machen? Uns einfach entern lassen? Wir müssen uns doch wehren, irgendwie!" Sao stellte mit diesen Worten auf den Lippen direkt neben Stevens Stuhl. Er packte ihre linke Hand mit seiner Rechten. Sao's Blick senkte sich, sie schaute ihm direkt in die Augen.

„Du weißt genauso gut wie ich, dass das nichts bringt." Seine Augen schauten sie so innig an wie am ersten Tag ihrer frischen Liebe. Sie spürte förmlich, wie nervös er war, wie besorgt um sie. Er hatte Angst, sein Puls war schnell und Adrenalin brachte seinen Körper in Wallung, als er sie anschaute und berührte. Ein merkwürdiges Gefühl, welches er bisher nicht kannte, durchflutete seinen Körper von oben bis unten.

„Ich will dich nicht verlieren. Keinen von euch."

Andockschleuse 2, Steuerbord – 14.34 Uhr, 22. September 2370, irgendwo in Andromeda

„Andockklammern verriegelt." surrte die Computerstimme. Einige Bestätigungslampen blinkten grün. Mit einem Knopfdruck zündete Commander Marc Morris kleine Sprengladungen, die die äußere Wand des Schotts effektvoll, aber für ihn nicht sichtbar, nach innen wegsprengten.

„Fertig!" sagte er mit harscher Stimme zu dem hinter ihm stehenden Team. Er schwitzte leicht unter seiner Panzerung, während er sein Gewehr entsicherte.

„Waffen auf Betäubung, wir wissen nicht, was uns erwartet. Seid vorsichtig, wie besprochen!" Seine Finger huschten über ein kleines Display, daraufhin öffnete sich die massive Tür des kleinen Transporters und das Team stürmte in den Dekompressionsbereich der Andockschleuse.

„Colin!" Morris Gewehr zeigte auf eine Konsole neben der inneren Schleusentür. Lt. Colin Ipswitch stellte sich daneben, zückte eine Apparatur, riss die Verkleidung der Konsole herunter und schloss das System nach einigen Sekunden kurz.

„Gute Arbeit, vorwärts, Bereich sichern!"

Die 35 Elitesoldaten dieses Transporters stürmten von der Steuerbord-Seite in die Defiant, Team Beta kam von Backbord. Jason Harwyn zückte seinen mobilen Scanner und legte los.

„Sieht gut aus, Sir. Von hier drin stört die Panzerung unsere Scans nicht mehr. Mmhh…"

„Was ist?"

„Sir, im Umkreis von 200 Meter ist kein Lebenszeichen zu entdecken."

„Was? Das ist unmöglich! Dieses Schiff müsste mindestens 3000-4000 Personen an Bord haben. So viele Leute können sich hier nicht verstecken. Nun gut, wir…" Er wurde von einem merkwürdigen Geräusch unterbrochen, er klang wie ein Kratzen. Alle zuckten etwas zusammen.

„An die Enterkommandos. Mein Name ist Steven Nankam, kommandierender Offizier dieses Schiffes. Wir wollen eine friedliche Lösung unserer Situation. Sie finden die komplette Crew dieses Schiffes auf Deck 22, Sektion 11a, in der Mannschaftsmesse 1. Wir sind unbewaffnet und wollen eine konfliktfreie Lösung!"

„Mmhh trauen sie denen, Marc?" fragte ihn seine rechte Hand, Lt. Commander Elizabeth Connor.

„Ich weiß nicht so recht. Das ganze Schiff leer, nur diese paar Leute drauf? Irgendwas stimmt hier nicht…wie auch immer, wir schauen uns das trotzdem mal an. Colin, wie kommen wir dahin?"

Colin stellte sich schnell neben seinen Boss und hielt ihm sein mobiles Datenpad vor die Nase. Darauf war gut beleuchtet ein Lageplan dieses Decks zu sehen.

„Ich war so frei und habe mir den Plan des Schiffes aus deren Computer besorgt. War sogar ziemlich einfach, als ob die wollten, das wir den finden."

„Langsam fange ich an, diesem Nankam zu glauben. Colin, sie gehen voraus. Los geht's Leute, größte Vorsicht!"

Die Mannschaftsmesse war ein etwa 45455 Meter großer Raum. Hier versammelte sich normalerweise die Crew einer Deimos-Korvette, um zu plaudern, was zu trinken oder auch für die Mahlzeiten eines Tages. Es gab davon mehrere auf dem Schiff, damit es nicht so ein Gedrängel bei den Mahlzeiten gibt. In der Messe 1, in der sich alle nun aufhielten, gab es einen leicht erhöhten Bereich, auf dem meistens die hohen Tiere an Bord speisten. Natürlich standen massenweise Tische und bequeme Stühle herum, die den Platz des quadratischen Raumes perfekt nutzten. Die Beleuchtung war auf normalen Niveau, während Steven & Co. ungeduldig an der langen Bar saßen. Nur Sao nicht, sie überwachte an einer Konsole hinter dem Tresen die „Gäste", die sich bereits auf diesem Deck befanden und sicherlich gleich hier sein würden.

Jon nahm einen großen Schluck Whiskey, der zwar so schmeckte, aber keinerlei Alkohol enthielt. Syntherol hieß das Stichwort. Er knallte das jetzt leere Glas mit etwas viel Schwung auf den Tisch.

„Tss…wo sind wir nur gelandet…" murmelte er, die anderen verstanden es kaum. „Schaut euch das an…Millionen Lichtjahre von daheim entfernt, die Station konnten wir nicht retten, Shivaner hinter uns und zum perfekten Abschluss des Tages noch Fremde, die uns entern wollen! Eigentlich hatte ich mir unsere Reise etwas anders vorgestellt!"

„Das haben wir wohl alle, " sprach ihn Mitch an, „jedoch wird dein Gejammer daran nichts ändern, wir sind nun mal, wo wir sind." Seine Stimmlage war noch ruhig, als er das sagte, jedoch sprang Jon, der schon immer etwas aggressiver war, sofort darauf an, in dem er ihn grimmig anschaute und lauter wurde.

„Ach ja, dem lieben Herrn Chefingenieur ist die Situation wohl egal, was? Mr. Coolman oder wie? Wir werden die Erde und unsere Familien nie wieder sehen!"

„Aufhören…" murmelte Claire unhörbar.

„Wir werden hier draußen verrecken, entweder durch die da oder durch die Shivaner, ist im Endeffekt aber egal, wir werden draufgehen! Alle!"

„AUFHÖREN!"

Claires Schrei hallte durch das gesamte Deck. Danach war für ein paar Sekunden Stille. Jon blickte neben sich, sie stand direkt vor ihm.

„Dein verdammtes Gelaber kannst du dir sparen! Glaubst du es geht uns anders als dir? Aber machen wir deswegen so einen Aufstand? Wenn wir die Hoffnung aufgeben, jemals wieder nach Hause zu kommen, dann werden wir es auch nicht schaffen. Aber solange ich noch laufen und dieses Schiff noch fliegen kann, werde ich die Hoffnung nicht aufgeben. ICH NICHT!"

Die ganze Anspannung, die sich in ihr durch die letzten Ereignisse angestaut hatte, entlud sich nun. Selten sah man von Claire einen derartigen Gefühlsausbruch, sie war immer ruhig und gelassen. Aber tief in ihrem Innersten war sie genauso zerbrechlich und emotional wie alle Anderen hier auch. Für einige Sekunden blickten die beiden sich tief in die Augen. Jon sah die Wut in Claires Blick, in ihrem ganzen Gesicht. Und dann passierte es.

„Und jetzt reiß dich zusammen!" Ihre Hand holte Schwung und traf Jon komplett unvorbereitet im Gesicht. Die Ohrfeige war keinesfalls kräftig, aber heftig genug, um Jon wachzurütteln. Die Anderen saßen nur da und beobachteten, keiner getraute sich, einzugreifen.

„Ich…ich…" stotterte er. Sie drehte sich weg und ging wieder zu ihrem alten Sitzplatz weiter vorne am Tresen.

„Claire, warte, ich…" Er ging ihr nach und redete mit gesenkter Stimme weiter. „Tut mir Leid." Welch seltene Worte aus seinem Mund. „Ich…ich bin manchmal ein selten dämlicher Vollidiot."

„Nicht nur manchmal…" murmelte sie, ohne sich umzudrehen.

„Ich weiß…aber diese Situation…ich bin einfach etwas überfordert…und…hab die Beherrschung verloren. Entschuldige…Ich weiß doch, dass wir alle im selben Boot sitzen. Und wir werden dieses Boot wieder nach Hause steuern, versprochen. Und jeder, der sich uns in den Weg stellt, bekommt von mir persönlich eins auf'n Deckel." Er pausierte kurz. „Freunde?"

Sie drehte sich herum und schaute ihn an. Erst ernst, aber nach ein paar Sekunden durchzog ein leichtes Grinsen ihr Gesicht.

„Schon immer gewesen, du Raufbold." Die kurze, aber nötige Umarmung folgte.

Nachdem das geklärt war, drehte sich Jon um und reichte Mitch die Hand. „Sorry, du kennst mich ja…" Mitch musste ebenfalls Grinsen. „Vergiss es einfach. Wir sind alle etwas angespannt."

„Das ging ja grade noch mal gut…" flüsterte Sao in Stevens Ohr.

„Kannst du aber laut sagen. Wo sind eigentlich unsere Freunde?"

„Warte, ich schau mal…"

In diesem Moment öffnete sich die Tür der Mannschaftsmesse, alle starrten sofort in diese Richtung. Doch alles, was sie sahen, war eine kleine Kugel, die langsam in den Raum gerollt kam. Sie blieb nicht weit vom Tresen weg liegen und piepte leise in unrhythmischen Melodien. Sie war komplett schwarz, man konnte auf diese Entfernung auch keine Öffnungen oder Ähnliches erkennen. Ein kräftiger werdendes Summen war zu hören.

„Achtung, die inneren Sensoren messen steigende Energiewerte von dieser Kugel." sagte Sally in gewohnt ruhigem Tonfall. Plötzlich katapultierte sie sich in etwa 2 Meter Höhe und sendete einen gleißen hellen Lichtblitz aus.

‚Hättest du uns das nicht etwas früher sagen können?' waren Stevens letzte Gedanken, bevor sich die Wirkung entfaltete. Reihenweiße fielen alle von ihren Stühlen und sackten ohnmächtig zusammen.

unbekannter Raum – 17.50 Uhr, 22. September 2370, an Bord der ATD Leviathan

Ein Geräusch…lauter werdend…ja, definitiv ein tiefes, brummiges Summen. Die niederfrequenten Schallwellen bohrten sich in sein Hirn und ließen es infernalisch erbeben. Ohne auch nur dem Hauch einer Chance, sich dagegen zu wehren, wachte er langsam auf. Als das erste Licht in seine Augen fiel, bemerkte er die Kopfschmerzen, die auf Grund des Summens garantiert nicht besser wurden. Er registrierte eine merkwürdige Position. Sein langsam erwachender Körper lag auf einer recht bequemen Liege, die allerdings fast aufrecht stand, so dass er auf die Wand des Raumes blicken konnte. Seine Arme standen im rechten Winkel von seinem Körper ab und waren an die Liege gefesselt, seine Beine ebenfalls. Ein weiterer Ring zog sich um seinen Bauch und presste ihn fest an die Liege. Er hatte seine normalen Sachen noch immer an, jedoch verspürte er einen leichten Schmerz im Rücken.

Seine Augen waren nun langsam wach genug, um ihm einen guten Eindruck des Raumes zu vermitteln. Als er sich so umsah, die Lichter hoch oben in den Ecken, das sterile Ambiente und die dunkle Scheibe vor ihm, verfestigte sich der Gedanke, dass er sich definitiv in einer Art Verhörzimmer befand…das Summen verstummte.

„Ahh, sie sind wach, wie ich sehe." tönte eine Frauenstimme aus mehreren Lautsprechen um ihn herum. Er kannte sie nicht und sie klang auch nicht besonders freundlich.

„Dann können wir wohl anfangen…Also, Mr. Nankam, sofern dies ihr richtiger Name ist, woher kommen sie? Und bitte die Wahrheit, ich kann es nicht leiden, wenn man mich belügt."

„Was soll dass…machen sie mich sofort los, ich…"

„Zszszs…Mr Nankam, so wird das aber nichts mit uns beiden. Sie müssen meine Fragen schon beantworten, wenn ich sie losmachen soll. Eine Hand wäscht die andere, sie verstehen?"

Ihm blieb keine andere Wahl, als wie sich auf ihr Spielchen einzulassen, er sah keine Möglichkeit, hier raus zukommen.

„Na gut. Wo wir herkommen, wollten sie wissen?"

„Exakt, Mr. Nankam." antwortete sie mit überheblicher Stimme.

„Aus einer anderen Galaxie, der Milchstraße."

Sie lachte herzhaft. „Sie sollen mich nicht amüsieren, sondern mir die Wahrheit sagen. Ihr Schiff hat nicht annähernd die Technologie an Bord, um sie von einer anderen Galaxie hier her zu bringen. Und mal abgesehen davon habe ich von der Milchstraße noch nie etwas gehört! Und jetzt halten sie mich nicht länger zum Narren, sonst werde ich ungemütlich!"

„Das ist aber die Wahrheit! Wir sind mit der Station und 3 Frachtern hier her geschleudert worden, wir wissen selber noch nicht genau, warum. Wir wollen einfach nur wieder nach Hause, in unsere Heimat, verstehen sie das nicht? Helfen sie uns, bitte!"

„Ihre Heimat…ich frage sie noch einmal, wo kommen sie her!" Ihre Stimme klang bedrohlicher als vorher.

„Ich sagte es ihnen doch bereits, aus der Milchstraße! Ich bin ein Mensch, unsere Rasse stammt von einem Planeten namens Terra, oder auch Erde genannt!"

„Was?" sagte die Frauenstimme leise. „Sagten sie gerade Erde?"

„Ja, verdammt noch mal, die Erde, von diesem Planeten stammen wir!"

„Das, das ist…unmöglich, sie lügen! Das kann nicht sein!"

‚Was ist denn mit der los?' fragte sich Steven, man könnte ja glatt denken, sie hätte schon mal von der Erde gehört…

Plötzlich eine weitere Stimme, definitiv männlich. Etwas leiser, da die Stimme nicht direkt ins Mikro sprach, konnte man sie auch nur schlecht verstehen. „…losmachen…DNA-Test…bestätigt…Beeilung…" Mehr konnte Steven nicht verstehen. Dann war Ruhe, die Lautsprecher wurden abgeschaltet. Das Summen eines kleinen Motors schallte plötzlich durch den Raum und brachte seine Liege in eine waagerechte Position, die Fesseln klackten und ließen ihn frei.

„Was zum…" murmelte er, während sich seine Gliedmaßen in Bewegung setzten. Als er stand, fasste er an seinen Nacken und spürte das noch immer vorhandene Implantat.

‚Sally, kannst du mich hören? Hallo?'

‚Ja Steven, ich bin da. Sie scheinen die Komm-Frequenzen der Implantate noch nicht entdeckt zu haben.'

‚Gut, das könnte uns helfen.' Wenigstens etwas klappte hier noch.

‚Wo sind die anderen und wie geht es ihnen?'

‚Das kann ich dir leider nicht sagen, ich hatte noch keinen Kontakt mit ihnen und kann sie auch nicht orten, sie müssen also bewusstlos sein. Ohne aktive Gehirnwellen auch keine Ortung. Tut mir Leid.'

‚Macht nichts, ich finde sie schon. Ich bin momentan in einer Art Verhörzelle, aber die haben mich grade frei gelassen. Ich hoffe, ich bekomme gleich ein paar Antworten.'

‚Gut, ich halte mich empfangsbereit. Bei mir ist alles ruhig, bis auf die zwei Entertrupps keine weiteren Eindringlinge. Ach und Steven, ich wollte dir noch etwas sagen. Meine inneren Sensoren haben die Entertrupps gescannt, während sie an Bord waren. Ihre Panzerung war sehr stark, aber zumindest scheinen sie uns nicht so ganz unähnlich zu sein. Pass trotzdem auf dich auf.'

An der rechten Wand des Raumes fuhr eine Tür-große Platte nach hinten und dann zur Seite.

‚Mach ich, es geht jetzt los hier, bis später.'

Zwei bis zur Unkenntlichkeit vermummte Wachen in schwarzen Kampfanzügen und Lasergewehren standen vor ihm und visierten ihn an.

„Wow, langsam Leute, alles ok, ganz ruhig!"

„Verhalten SIE sich ruhig, dann wird ihnen nichts passieren." Vor lauter Schreck merkte er gar nicht sofort, dass zwei weitere Personen den Raum betraten. Diese waren nicht vermummt, wie Offiziere gekleidet und kamen schnell näher. Und das Beste war, sie versetzten ihm gleich den nächsten Schock, als er ihnen ins Gesicht sah.

Aufenthaltsraum B7– 18.42 Uhr, 22. September 2370, an Bord der ATD Leviathan

„Dieses Warten macht einen fertig…" grummelte Mitch vor sich hin. „warum redet hier keiner mit uns? Stecken uns hier in den Raum und sagen nichts…"

„Das hast du uns vor 10 Minuten schon gefragt…" war Sao's leicht genervte Antwort. Alle bis auf Steven waren in diesem Raum versammelt. Der Einrichtung nach zu gehen, war es ein kleiner Aufenthaltsraum, ausgestattet mit einer Bar und diversen Tischen und Stühlen. Der Raum war rechteckig und hatte an einer Seite ein breiten Panoramafenster, durch das man nach draußen blicken konnte.

„Wir sind jetzt schon fast 3 Stunden hier drin, irgendwann muss hier mal jemand auftauchen, bleibt ruhig…" Claire sagte diese beruhigenden Worte, während sie die Aussicht aus dem Fenster genoss. Viel mehr konnte man momentan sowieso nicht machen. Es gab hier nur ein Ventilationssystem in der Decke, aber das war so klein, da hätte nicht mal ein Hund durchgepasst. Und die Tür war verriegelt, das hatte Sam schon schmerzlich herausfinden müssen, als er mit vollem Schwung dagegen lief…

Die Betäubungsgranate war ziemlich effektiv, erst gegen 16.00 Uhr waren sie wieder aufgewacht. Und seitdem, mehr oder weniger saßen sie hier, und warteten.

„Ob man das trinken kann?" Min hielt ein Glas direkt vor seinem Kopf und starrte in die darin enthaltene Flüssigkeit. „Hast du Angst, das Gift drin ist? Glaub mir, wenn die uns los werden wollten, hätten sie schon mehr als eine Gelegenheit dazu gehabt. Von daher, schlucks runter."

Da hatte Jon wohl Recht, also zögerte Min nicht mehr lange, und schüttete alles in seine trockene Kehle. Stinknormales Wasser. „Bedient euch Leute, ist nur Wasser."

Gerade als Sam zugreifen wollte, mahnte Sao plötzlich alle zur Ruhe. Sie klebte mit ihrem linken Ohr förmlich an der kalten Zimmertür. Draußen vernahm sie ein Gespräch, welches immer näher zu kommen schien. Sie konnte kaum etwas verstehen, doch es wurde immer lauter. Das „Ja Sir!", scheinbar von einer Wache, hörte sie jedoch gut. Dann ein paar Piep-Geräusche, die auf das Bedienen einer Konsole schließen ließen. Sie entfernte sich schnell von der Tür und sagte „Achtung, da kommt jemand!".

Als die Tür sich öffnete, waren alle erstmal froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, besonders natürlich Sao.

„Steven!" freudig lächelnd fiel sie ihm um den Hals, ohne zu merken, wer hinter ihm stand. Als sie ihn für ein paar Sekunden fast zu zerquetschen drohte, bemerkte sie die kräftige Person hinter ihm. Und ließ etwas entsetzt los.

„Was zum…Steven?" Die anderen staunten nur, als sie die Person anschauten.

„Ganz ruhig Leute. Er ist das, wofür ihr ihn haltet. Ein Mensch."

Nach einem kurzen Moment der absoluten Stille begannen die ersten Gespräche und alle nahmen Platz. Viele Fragen wurden geklärt, aber es taten sich im Laufe des Gesprächs auch viele Neue auf. Wie ein Mensch, beziehungsweise eine ganze Zivilisation, die Andro-Terraner, nach Andromeda kommt?

Aken Bosch. Dieser Name war allen ein Begriff. Jener Verräter war der Anführer der NTF im 2. shivanischen Krieg und hatte versucht, mit Hilfe des Projektes ETAK Kontakt zu den Shivanern aufzunehmen. Eines Tages verschwand er jedoch mit vielen Gefolgsleuten und einem shivanischen Transporter. Und er wurde nie gefunden.

„Sie wollen also sagen, dass ihre ganze Zivilisation hier Nachfahren von Aken Bosch sind?"

fragte Min ungläubig.

„Genau das, junger Freund." Der etwa 50-jährige Mann lehnte sich zurück und sprach gelassen weiter. Sein Gesicht war durch Furchen und ein paar tiefe Falten gekennzeichnet, die auf Kriegserfahrung hindeuteten.

„Wir entwickelten uns aus ihm, wissen aber so gut wie nichts darüber, woher er kam. Nur ein paar Datenfragmente sind uns erhalten geblieben, aber es sind eben nur Fragmente, keine ganze Geschichte. Aber so wie ich das sehe, können sie uns dabei helfen."

Sam, das alte Geschichts-Ass, legte sofort los, und erklärte Admiral Christopher Atkinson das, was er und seine Freunde während ihrer Ausbildung über Aken Bosch gelernt hatten.

Sichtlich geschockt darüber, das der Gründer ihrer Zivilisation ein Verräter gewesen sein soll, schaute er Sam an.

„Mit ihren Worten bringen sie gerade unsere Geschichtsbücher in große Schwierigkeiten. Unsere Historiker werden sicher hellauf begeistert sein…"

„Das kann ich mir vorstellen…aber trotzdem…wie kam Aken Bosch bitte mit einem einfachen shivanischen Transporter bis hier her, nach Andromeda? Und wie konnte sich in dieser kurzen Zeit eine Gesellschaft wie ihre daraus entwickeln, das ist doch unmöglich!" fragte Claire berechtigt. Dieses Schiff wäre noch vor einem sechzehntel des Weges aus Altersschwäche in seine Einzelteile zerfallen. Und Aken Bosch wäre selbst da schon längst Staub.

„Das kann ich ihnen recht einfach erklären. Ich nehme an, sie haben noch nichts von dem Silent Gate gehört?" Stille. „Dachte ich mir. Wir wissen nicht viel darüber, nur das dieses Tor Schiffe im Bruchteil einer Sekunde von hier bis zur…wie nannten sie sie…Milchstraße…schicken kann. Bei falscher Benutzung allerdings, kann man in der Zeit zurückgeschleudert werden. Genau das scheint Aken Bosch damals passiert zu sein, und wir konnten uns in den letzten 2200 Jahren etwa parallel zu ihnen entwickeln. Das Tor an sich scheint eine Technologie der Alten zu sein, sie arbeitet fast ohne messbare Energiewerte und die Transporttunnel sind selbst während der Benutzung nur schwer zu entdecken."

„DIE Transporttunnel? Sie sprachen in der Mehrzahl?"

„Gut aufgepasst, junge Dame." sagte er zu Sao. „Zwei konnten wir bis jetzt entdecken."

„Und genau dieses Tor zur Milchstraße könnte uns nach Hause bringen." warf Steven hoffnungsvoll ein. Ein Funken Hoffnung während dieser dunklen Stunden.

„Nur haben wir dabei ein Problem: Die Shivaner. Der Admiral hat mir vorhin schon einige Karten gezeigt. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist nicht die Milchstraße die Heimat der Shivaner…sondern Andromeda."

„Soll das etwa heißen, die Shivaner, die uns zwei Kriege eingebracht haben, die wir nur knapp überlebt haben, waren nur eine Art Vorhut oder so was in der Art?"

„Naja, Jon, nicht gerade eine Vorhut, aber sagen wir mal so, wenn die Shivaner wirklich gewollt hätten, wären wir schon längst Staub. In gewisser Weise haben wir das wohl den Andro-Terranern zu verdanken, die schon seit hunderten von Jahren gegen die Shivaner kämpfen."

Der Admiral ergriff mit ernster Mine wieder das Wort. „Und da kommen sie ins Spiel. Wenn wir uns mit ihrer GTVA, wie Captain Nankam sie nannte, verbünden, werden wir zu einer sehr ernst zu nehmenden Gefahr für die Vernichter. Darum hat es für unser Militär von nun an höchste Priorität, das Silent Gate zur Milchstraße zu erobern und Kontakt mit ihren Leuten aufzunehmen."

Diese Worte liefen wie Öl jeden Gehörgang der Defiant-Crew hinunter. Gerade hatten sich ihre Chancen, nach Hause zu kommen, verhundertfacht. Es gab noch viele Fragen, die beantwortet werden wollten, aber es gab auch genug Zeit, um eben diese Antworten zu bekommen. Der Admiral erzählte weiter von den Alten, die die selbe, lang ausgestorbene Zivilisation war, die Steven und seine Freunde aus der Milchstraße auch kannten. Die Andro-Terraner haben sich deren Technologie im Laufe der Jahrhunderte immer besser zu nutze gemacht und konnten sich so den Shivanern widersetzen. Als der Admiral das Thema anschnitt, wie die Defiant hier her gekommen war, klärte sich auch das mit Hilfe von Sally schnell auf. Auf der Station Quasar IV, die ja mit ihnen hier gelandet war, wurde mit ionisierten Tachyonen in Verbindung mit Verteronstrahlung experimentiert, die Sally in der Zwischenzeit anhand der Scannerdaten identifiziert hatte. Sally sah den Zusammenhang, den die anderen nicht sahen. Am 21. September sollte laut Terminplan von der Station Earthgate das gebaute Subraumtor zur Erde das erste Mal getestet werden, was in ihrer Datenbank vermerkt war. Genau zu dieser Zeit war die Defiant in der Nähe der Station Quasar IV. Wer hätte schon wissen können, das der aufgebaute Subraumtunnel nicht stabil genug wäre, um der Verteronstrahlung zu widerstehen…denn eben diese Zog den Subraumtunnel von Ross 128 direkt nach Delta-Serpentis. Normalerweise wäre nichts passiert, denn der Subraumtunnel befindet sich, wie der Name schon sagt im Subraum. Doch die Tachyonenstrahlung erzeugte unvorhergesehene Risse in eben diesem, die den Tunnel austreten ließen. Und was das zur Folge hatte, wissen wir alle.

Der Admiral war sichtlich interessiert an der Technologie der Schiffs-KI, nachdem diese ihm auf beeindruckende Art und Weise ihre Kombinationsfähigkeit demonstiert hat.

„Ich muss sagen, das war ein sehr interessantes Gespräch. Aber meine Damen und Herren, wir haben Arbeit vor uns. Die Shivaner werden unsere ganze Kraft zu spüren bekommen…und sie werden mit dabei sein!"