i u Geburtstagsgrüße /u /i

Es war eine sternenklare Sommernacht. Überall konnte man das Zirpen der Grillen in den Hecken der Vorgärten Little Morringhams hören. Die drückende Schwüle machte es den Einwohnern des kleinen Dorfes unmöglich, in Ruhe schlafen zu können, und in fast jedem der idyllischen kleinen Häuschen lagen die Bewohner wach in ihren Betten. Trotzdem brannte nur im letzten Haus an der Hauptstraße noch Licht hinter einem der Fenster. Das Haus stand ein wenig abseits und die Nachbarn waren sich einig, dass es den ungepflegtesten Garten im ganzen Dorf hatte. Sowieso war man in Little Morringham der Meinung, dass es im Birkenweg Nummer 16 eindeutig an ästhetischem Bewusstsein fehlte. Aber das war ja kein Wunder, bei einem alleinstehenden jungen Mann. Ihm fehlte eben die „bessere Hälfte", und dass ein Haushalt ohne eine Frau zum Scheitern verurteilt war, wusste schließlich jeder.

Das Haus war recht klein. Von der Straße aus führte ein mit Steinplatten gepflasterter Weg zur Haustür, neben der ein im Laufe der Zeit trübe gewordenes Messingschild hing, auf dem der Name „Potter" eingraviert war. Das gesamte Haus lag im Dunkeln, bis auf ein Zimmer im ersten Stock, in dem ein junger Mann mit zerzaustem schwarzen Haar im schwachen Schein einer Petroleumlampe an seinem Schreibtisch saß und in ein Schriftstück vertieft war, das er vor sich ausgebreitet hatte. Das leise Rascheln des Pergaments und das Kratzen eines Federkiels durchbrachen die Stille im Zimmer, als der junge Mann mit einer Adlerfeder eine Anmerkung in den Bericht kritzelte. Er hielt einen Augenblick inne und überflog mit leicht gerunzelter Stirn noch einmal die letzten Zeilen. Im Halbdunkel an der Wand über seinem Schreibtisch hingen mehrere Photos, aus denen die unterschiedlichsten Leute auf ihn herabsahen oder mit dem Kopf an ihren Bilderrahmen gelehnt ein Nickerchen machten.

Mit einem Seufzer richtete Harry sich auf und streckte sich. Es war nun schon das dritte Mal in Folge, dass er nachts Überstunden schob, und allmählich machte sich der Schlafmangel bemerkbar. Nachdem er die Adlerfeder zur Seite gelegt hatte erhob er sich aus seinem Stuhl und trat an das geöffnete Fenster. Gedankenverloren strich er sich die schwarzen Haare aus der Stirn, auf der die alte blitzförmige Narbe auch nach so vielen Jahren noch immer deutlich zu sehen war. Die ganze Schreibtischarbeit der letzten Zeit wurde ihm langsam wirklich zu viel. Irgendwie hatte er sich die Arbeit eines Auroren anders vorgestellt, als er sich damals für diesen Beruf entschieden hatte. Seit über einer Woche saß er nun schon an diesem Bericht und er war immer noch nicht fertig. Dabei hatte er sofort damit begonnen, als er aus Ungarn zurückgekehrt war. Voller Bitterkeit erinnerte Harry sich daran, wie ihm Bellatrix Lestrange, die er nun schon seit fast neun Jahren verfolgte, so knapp entwischt war und er unverrichteter Dinge nach England zurückkehren musste.

Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eine große weiße Schneeeule aus dem Dunkel der Nacht heraus auf ihn zugeflogen kam. Er trat einen Schritt zurück. Sanft schwebte der Vogel durchs Fenster und landete auf Harrys ausgestrecktem Arm. Lächelnd strich Harry dem Tier über das Federkleid. Hedwig schuhute und zeigte stolz eine tote Maus, die in ihrem Schnabel baumelte.

„Na, warst du erfolgreich?", meinte Harry. Hedwig trötete vornehm und flatterte hinüber zu dem leeren Vogelkäfig. Seufzend fuhr sich Harry durchs Haar.

„Du solltest dich wirklich ranhalten mit der Arbeit", sagte eine Stimme von der Wand über ihm. Harry sah auf.

„Ich dachte, du schläfst", sagte er zu dem Portrait in dem einfachen Holzrahmen. Der schwarzhaarige Mann, der darauf zu sehen war, schnaubte.

„Dein Eulenvieh macht vielleicht einen Lärm! Da kann doch kein normaler Mensch schlafen!", meinte er und gähnte demonstrativ. Harry grinste in sich hinein.

„Ich bin sicher, Hedwig tut es leid, Sirius", meinte er.

„Das will ich hoffen!", erwiderte das Portrait seines Paten mit leicht gekränkter Stimme, doch es zuckte verdächtig um seine Mundwinkel, „aber ich hab es ernst gemeint: der Bericht sollte möglichst bald fertig werden. Du willst doch nicht morgen den ganzen Tag an deiner Arbeit hocken!"

„Nein, das sicher nicht!", seufzte Harry und ging wieder hinüber zu seinem Schreibtisch.

„Also, wenn du nichts dagegen hast, schlafe ich noch ein Weilchen", sagte Sirius von seinem Portrait herunter.

„Mm...", brummte Harry nur. Er war schon wieder in seine Arbeit versunken.

„Danke für die ausführliche und äußerst wortreiche Antwort", meinte Sirius und lehnte sich mit einem Kopfschütteln zurück an den Rahmen seines Bildes.

Harry nahm seine Adlerfeder zur Hand und strich einen ganzen Absatz aus dem Bericht. Er runzelte die Stirn. Das hatte er doch schon an einer anderen Stelle geschrieben. Seine Konzentration ließ in der letzten Zeit wirklich etwas zu wünschen übrig. Sirius hatte Recht; je schneller er den Bericht fertig stellte, desto besser.

Gerade tauchte er seinen Federkiel in das große Tintenfass, das in die Tisch eingelassen war, als ihm etwas gegen die Schläfe knallte und mit einem seltsam quietschenden Geräusch auf seinen Bericht purzelte. Verdattert rieb sich Harry den Kopf und blickte hinunter auf den Tisch, wo der Übeltäter sich gerade etwas torkelnd aufrichtete und sein Gefieder raschelnd ordnete.

„Pig?", fragte Harry verblüfft und sah auf das kleine tennisballgroße Federbündel hinab. Pig, eigentlich Pigwidgeon, schuhute selbstzufrieden. Er saß auf einem großen weißen Briefumschlag, auf den in ordentlicher smaragdgrüner Schrift geschrieben stand:

Mr. Harry Potter

Birkenweg 16

Little Morringham

Kopfschüttelnd zog Harry den Umschlag unter Pigwidgeons kleinem Körper hervor, woraufhin dieser verdutzt über den vollgekritzelten Bericht purzelte. Harry musterte die ordentlich geschriebene Adresse mit leicht gerunzelter Stirn. Seit wann hatte Ron so eine schöne Schrift? Mit seinem hölzernen Brieföffner, dessen Griff die Form eines brüllenden Löwenkopfes hatte und in den mit verschlungenen Buchstaben die Worte „Harry Potter – Retter der Welt!" eingraviert waren (ein Geschenk der Creevey-Brüder; als Harry versucht hatte, das „Retter der Welt" wegzuzaubern, hatte der Brieföffner plötzlich begonnen, laut und ohrenzerfetzend zu kreischen, woraufhin Harry es bei dem Schriftzug belassen hatte), riss er das Kuvert auf und zog das zusammengefaltete Stück Pergament hervor. Seine übermüdeten Augen wanderten Zeile für Zeile über die im Gegensatz zur Adresse krakeligen Buchstaben:

Hi Harry!

Alles Gute zum Geburtstag! Dein Geschenk gibt's morgen. Ach ja, hatte ich dir eigentlich bescheid gesagt, dass wir die Kinder mitbringen? Falls nicht, sag Hermine nichts davon, sonst schimpft sie wieder mit mir. Also, wir kommen ja dann morgen alle. Hoffentlich bereitet dir das keine Umstände. Halt die Ohren steif.

Ron

PS: Die Adresse lass ich lieber Hermine schreiben, ich weiß nicht, wie zuverlässig Pig dein Haus findet, Merlin hat leider nen gebrochenen Flügel. Weiß auch nicht, wie Sirius und James das wieder hinbekommen haben.

Harry konnte nicht anders als zu schmunzeln. Typisch Ron! Natürlich hatte er nichts davon erwähnt, dass er und Hermine mitsamt den sechs Kindern bei ihm aufkreuzen würden. Aber dann würde es eben etwas enger als geplant werden, Ginny und ihm würde schon etwas einfallen. Seufzend faltete Harry das Pergament zusammen. Pig hockte immer noch etwas unbeholfen auf dem Schreibtisch und blickte ihn vorwurfsvoll an. Er war auch nicht mehr der Jüngste, und die lange Reise, die er zurückgelegt hatte, schien ihm ziemlich zugesetzt zu haben. Gnädig nahm Harry ihn in die Hand und trug ihn zu Hedwigs Käfig hinüber, wo Pig sich erst einmal an der Tränke gütlich tat.

Als Harry sich umwandte um sich wieder seiner Arbeit zu widmen, schweifte sein Blick zufällig aus dem Fenster und blieb an zwei Gestalten hängen, die auf sein Haus zuflogen. Er seufzte. Einen Augenblick später schwirrten zwei weitere Eulen ins Zimmer; eine Schleiereule mit grau geflecktem Federkleid und eine braune Waldohreule. Beide trugen einen Brief mit sich. Harry nahm erst der Schleiereule und dann der Waldohreule ihre Lieferung ab, woraufhin beide zu Hedwigs Käfig flatterten und dem armen Pigwidgeon einen gehörigen Schreck einjagten. Harry griff wieder zu dem Brieföffner und riss den ersten Brief auf. In ordentlicher smaragdgrüner Schrift stand da:

Lieber Harry!

Wir wünschen dir von ganzem Herzen einen schönen Geburtstag und viel Freude und Erfolg im neuen Lebensjahr. Anbei legen wir einen Talisman, der dich vor negativen Energien beschützen soll.

Herzliche Grüße aus Irland senden dir

Lavender und Seamus

Etwas ratlos beäugte Harry den „Talisman", der aus dem Briefumschlag gerutscht war. Er hing an einer Lederkette und bestand aus etwas, das aussah wie das getrocknete und konservierte Gehirn eines Gnomen. Etwas angeekelt ließ er die Kette wieder zurück in den Umschlag gleiten und griff hastig nach dem zweiten Brief. Als er das Kuvert öffnete und den Inhalt herauszog, zuckte er zusammen. Er hielt eine unangenehm pinkfarbene Karte in den Händen, auf der ein Ferkel in einem rosa Tutu zu sehen war, das mit quiekender Stimme sang: „Happy Birthday to you!" Rasch öffnete Harry die Karte und presste das Bild mit dem singenden Tutu-Schwein auf die Tischplatte, sodass die Stimme nur noch dumpf: „Hoppü Borthdoy to yo!" quiekte. Hochkonzentriert darauf bedacht, nicht auf das grauenhafte Gekreisch zu achten, begann Harry zu lesen:

Happy Birthday, liebster Harry!

Wir hoffen, dass du einen schönen Geburtstag verbringst und gaaanz viele tolle Geschenke bekommst. Außerdem wünschen wir dir viel Glück und Segen in deinem neuen Lebensjahr und dass die Sterne immer günstig für dich stehen.

Die allerliebsten Geburtstagsgrüße senden dir

Parvati und Dean

PS: Hoffentlich gefällt dir unsere Karte!

PPS: Anbei liegt ein Horoskop, das ich selbst erstellt habe!

Harry entfaltete den kleinen Zettel, auf dem in einer Tabelle sämtliche Informationen bezüglich seines Lebens im kommenden Monat eingetragen waren. Mit hochgezogenen Augenbrauen studierte er sein Horoskop und stellte amüsiert fest, dass ihm am morgigen Tag der Angriff eines tollwütigen Hippogreifen bevorstand, er am 12. August vergiftet werden würde und schließlich zehn Tage später seine große Liebe treffen würde. Zumindest besser als eingemachtes Gnomen-Hirn an einem Lederbändchen!, dachte er und stopfte das Horoskop samt der quiekenden Ferkel-Karte zurück in den Umschlag, woraufhin der Gesang augenblicklich stoppte.

Kaum hatte er die beiden Briefe zur Seite gelegt, als auch schon die vierte Eule zum Fenster hereinschwebte. Es handelte sich um einen ziemlich unbeholfen aussehenden Waldkauz, der einige Schwierigkeiten hatte, auf dem Schreibtisch zu landen und mit seinen tollpatschigen Flügelschlägen Harrys Bericht von der Platte fegte. Während er die Blätter einsammelte beschloss Harry, es für diese Nacht mit der Arbeit gut sein zu lassen und verstaute den Bericht in einer Schublade seines Schreibtisches. Dann wandte er sich dem Waldkauz zu, der ihm nun auf einem Bein hopsend einen Umschlag hinstreckte. Rasch nahm Harry dem Tier den Brief ab und öffnete ihn. Ein paar getrocknete, aromatisch duftende Kräuter fielen mit hinaus und Harry wusste, von wem dieser Brief kam, noch bevor er begann zu lesen:

Lieber Harry!

Wir wünschen dir alles Gute zu deinem 29. Geburtstag! Eigentlich hatten wir vor, auch zu kommen, aber jetzt, wo das neue Schuljahr in Hogwarts näher rückt, haben wir hier in unserem Laden in der Winkelgasse alle Hände voll zu tun. Außerdem weigert sich Oma, auf Rosemarie aufzupassen. Sie sagt, ich sei schließlich alt genug und solle meine Tochter nicht so vernachlässigen. Na ja, trotzdem einen schönen Geburtstag!

Neville und Hannah

PS: Vielleicht kannst du mit den Kräutern etwas anfangen. Das ist Laborare Beneus, mit heißem Wasser aufgebrüht ergibt es einen Tee, der dich an langen Arbeitstagen wach hält und den fehlenden Schlaf ausgleicht, statt ihn nur zu verdrängen, wie gewöhnlicher schwarzer Tee. Das Kraut ist ziemlich schwer zu bekommen, aber Susan hat Hannah erzählt, dass du ziemlich viel zu tun hast in letzter Zeit, und da wir noch etwas von Laborare Beneus im Lager hatten, dachte ich, dass es sich vielleicht gut als Geburtstagsgeschenk eignet.

Harry betrachtete die getrockneten Kräuter und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Neville hatte wirklich einen Treffer gelandet. Dieses Laborare Beneus schien genau das zu sein, was er im Moment brauchen konnte. Vorsichtig ließ er den Brief und das Kraut zurück in den Umschlag gleiten. Sein Blick huschte hinüber zu Hedwigs Käfig, um den sich nun nicht weniger als fünf Eulen tummelten. Hedwig selbst hockte empört auf der Spitze des Käfigs und raschelte bedeutungsschwer mit ihren Flügeln, als wolle sie ihren Kollegen klar machen, wer hier der Herr im Haus war. Etwas ratlos kratzte Harry sich am Kopf. Besorgt huschten seine Augen zu dem kleinen Pigwidgeon hin, der ein wenig eingeengt schien und lautstarken Protest verkündete. Rasch erhob sich Harry und pflückte das kleine Federknäuel aus der Gruppe der Eulen heraus.

„Du fliegst wohl besser wieder zu Ron und Hermine, was?", meinte er. Pig schuhute zufrieden in seiner Hand. Kopfschüttelnd trat Harry zum Fenster und ließ den Vogel in die Nacht verschwinden. Fröhlich vor sich hin zwitschernd flog Pig davon. Kaum war der Vogel aus seinem Sichtfeld verschwunden, sog Harry überrascht die Luft ein und duckte sich erschrocken. Gerade noch rechtzeitig, denn schon sirrten drei Eulen über ihn hinweg und landeten auf seinem Schreibtisch. Rasch ging Harry zu ihnen hinüber und nahm nacheinander die Briefe entgegen, die sie ihm eifrig entgegenstreckten. Harry riss den ersten Brief auf und zog das zusammengefaltete Stück Pergament hervor.

Hi Harry!

Also, erst mal alles Gute zum Geburtstag! Wir waren uns nicht mehr ganz sicher, ob du jetzt 28 oder 29 wirst, aber das Alter spielt ja auch eigentlich keine Rolle. Jedenfalls hoffen wir, dass du dich an deinem Geburtstag gut amüsierst. Lass mal wieder was von dir hören!

Lee und Alicia

PS: Die Karten sind für das nächste Spiel der Holyhead Harpies gegen die Appleby Arrows. Wir dachten, dass du und Ginny euch das vielleicht ansehen wollt.

Mit glänzenden Augen zog Harry die beiden Eintrittskarten aus dem Umschlag. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal ein richtiges Quidditchspiel gesehen hatte? Es musste wohl zwei oder drei Jahre her sein, damals war er Zeuge gewesen, wie die Chudley Cannons zum ersten Mal seit 1892 wieder die englische Quidditchmeisterschaft gewannen, mit Ron als Hüter. Ein atemberaubendes Spiel war es damals gewesen, vier ganze Tage hatte es gedauert, denn der Schnatz war zwar des Öfteren aufgetaucht, doch der Sucher der Cannons war leider ziemlich schlecht, im Gegensatz zu den Treibern, die seinen Gegenspieler mehrere Male im letzten Moment durch einen gut gezielten Klatscher davon abhielten, den kleinen geflügelten Goldball zu fangen. Mit einem Grinsen dachte Harry an dieses denkwürdige Ereignis zurück. Er betrachtete die Eintrittskarten. Am 27. August sollte das Spiel stattfinden. Harry zückte seinen Zauberstab und tippte mit der Spitze kurz auf eine Stelle des kleinen Kalenders, der in einer Ecke seines Schreibtisches stand. Sofort erschienen dort in purpurroter Schrift die Worte: „Quidditchspiel Harpies vs. Arrows; mit Ginny"

Nachdem er sowohl den Brief als auch die Eintrittskarten sicher wieder im Umschlag verstaut hatte, machte sich Harry daran, den zweiten Brief zu öffnen. Zum Vorschein kam eine zweite Glückwunschkarte, allerdings ein wenig schlichter als die, die er von Pavarti bekommen hatte.

Lieber Harry,

Herzlichen Glückwunsch zum 29. Geburtstag! Alles Gute, viel Glück und hoffentlich etwas weniger Arbeit. Gönn dir doch wenigstens an deinem Geburtstag mal eine Pause. Wir dachten uns, dass du sicher Verwendung für einen Taschenkalender hast, bei deinem ganzen Stress, denn er wird dich, ob du willst oder nicht, zumindest an deine Mittagspause erinnern (was du ja offensichtlich selbst nicht tust). Entspann mal ein bisschen!

Susan und Justin

Harry runzelte die Stirn. War es ihnen aufgefallen, dass er öfter als gewöhnlich über seinen Berichten brütete? Wer würde nicht härter arbeiten, wenn es darum ging, einen der letzten Todesser zu stellen? Und Bellatrix Lestrange war die Mörderin seines Paten! Susan müsste das doch verstehen. Sie war es doch gewesen, die sich nicht mehr als drei Stunden Schlaf gegönnt hatte, als es darum ging, denjenigen, der ihre Tante auf dem Gewissen hat, zu finden. Aber vielleicht hatte sie recht. Er hatte seine Chance gehabt. Er hätte Bellatrix ein für alle Mal kriegen können. Doch er hatte es nicht geschafft, obwohl es, wie Harry zum wiederholten Mal feststellte, so knapp gewesen war. Seufzend legte er den Brief beiseite und nahm den Taschenkalender zur Hand, von dem Susan geschrieben hatte. Es war ein kleines Büchlein, eingebunden in braunes Leder, das mit einer kleinen goldenen Schnalle verschlossen werden konnte. Ein Zettel steckte darin, auf dem so etwas wie eine Gebrauchsanweisung stand:

„Der Withminster-Taschenkalender – zuverlässig und einfach zu handhaben. Tragen Sie einfach am betreffenden Datum ein Ereignis ein, an das Sie erinnert werden möchten und eine zugehörige Uhrzeit, und schon sind all Ihre Terminprobleme gelöst."

Versuchen konnte Harry es ja einmal, allerdings hätte er eher einen Kalender gebraucht, der seine Termine verringerte, koordinieren konnte er sie auch selber. Aber er war in diesem Moment eindeutig zu erschöpft, um den Kalender auszuprobieren.

Also machte sich Harry daran, den letzten Brief zu lesen:

Lieber Harry,

Alles Liebe und Glück zum Geburtstag! Wir hoffen, dass du viel Spaß hast (natürlich auch mit unserem Geschenk, das aber eher von praktischer Natur ist) und dir einen netten Tag machst.

Padma und Anthony

Harry war verblüfft. Etwas Praktisches? Sein Blick wanderte über den Schreibtisch und er entdeckte ein kleines blaues Päckchen, das er zuerst gar nicht wahrgenommen hatte. .Heraus fiel eine weiße Flasche, auf die mit großen, silbernen Lettern „Seidenglatts Haarshampoo" gedruckt war. Harry musste grinsen. Er hätte sich denken können, dass er und Padma etwas unterschiedliche Auffassungen von praktischen Dingen hatten und legte das Shampoo auf den immer größer werdenden Stapel von Geschenken und Karten. Zu seinem Bedauern musste er dabei feststellen, dass Parvatis rosa Ferkel keineswegs aufgehört hatte zu kreischen und er probierte, die Karte unter Hedwigs Käfig zu schieben, was ihm allerdings wegen der zahlreichen, heftig protestierenden Eulen nicht gelang.

Harry beschloss, am nächsten Abend mit seinem Bericht fortzufahren. Seine Gäste würden sicher nicht allzu lange bleiben. Also hatte er abends noch genug Zeit. Er begann, die vollgekritzelten Pergamentrollen, das gläserne Tintenfass und die Tutu-Schwein-Karte in eine seiner Schreibtischschubladen zu räumen, als ihm ein unangenehmer, verschmorter Geruch in die Nase stieg. Rasch richtete er sich auf und genau in diesem Moment surrte ein riesiger Uhu zum Fenster herein. Harry erschrak etwas bei seinem Anblick, denn die braun-grauen Federn des Tieres waren stellenweise versengt, als sei der Uhu aus Versehen durch Feuer geflogen. Sanft landete er auf einem Stapel Bücher vor Harry. Der Uhu streckte das Bein aus und Harry begann, den Brief zu lösen, was gar nicht so einfach war, denn er war mit Draht befestigt. Wer zum Teufel schickte Uhus und band die Post mit Draht fest, als hätte er schon mit einem Flug durchs Feuer gerechnet?

Hallo Harry,

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Tut mir leid, dass ich mich so kurz fassen muss, aber wir haben hier grad einen Norwegischen Stachelbuckel reingekriegt, du kennst die Viecher ja. Und hier der ist ausgewachsen, also nicht halb so zahm wie Norbert! Gestern hab ich fast meine linke Hand verloren, sie schwillt immer noch gehörig an. Hoffe mal, es ist nichts ernstes.

Hoffentlich feierst du morgen ordentlich, viel Spaß dabei.

Tschüss,

Charlie

Das erklärte die Sache wohl und Harry war froh, dass er sich zur Zeit nur mit Berichten herumschlagen musste und nicht mit einem Drachen. Harry seufzte und streckte sich. Er ließ Charlies Brief in die Schublade mit den restlichen Geburtstagsglückwünschen gleiten. Dann warf er der Gruppe Eulen einen Blick zu.

„Ich möchte ja nicht unhöflich erscheinen, aber eigentlich hatte ich jetzt vor, schlafen zu gehen", sagte er zu den Tieren. Aus ihren großen runden Augen blickten sie ihn an, dann breiteten sie, eine nach der anderen, ihre Flügel aus und schwebten aus dem Fenster hinaus in die Nacht. Nur Hedwig blieb zurück. Harry gähnte. Er blies die Flamme der Petroleumlampe aus und verließ sein Arbeitszimmer, nachdem er Hedwig gute Nacht gewünscht hatte. Kaum hatte er sich ins Bett gelegt, da war er auch schon eingeschlafen, träumte von rosa Ferkeln, die „Happy Birthday" quiekten, einem Drachen, der das Laborare Beneus zu Staub verbrannte und hunderten von Eulen, die sein Haus belagerten, um ihm zu verkünden, wie sein Horoskop für den nächsten Monat aussah.