8 Jahre vor dem Ringkrieg:

Faramir nimmt einen verwundeten Haradrim-Krieger gefangen. Doch der Gefangene entpuppt sich als Frau. Faramir verliebt sich und das Schicksal nimmt seinen Lauf...

Kapitel 1: Ein wunderschöner Feind

Seufzend blickte Faramir zum Himmel empor. Es würde bald Abend werden. Den ganzen Tag lag er nun schon auf der Lauer in den Wäldern Süd-Ithiliens, nahe des Flusses Poros, der eine natürliche Grenze zu Harondor bildete, dem umstrittenen Grenzland zwischen Gondor und Haradwaith. Die Kundschafter hatten dem jungen Heermeister gemeldet, dass in Kürze eine beachtliche Armee von Haradrim den Fluß an der Furt überschreiten werde. Aber inzwischen dehnte sich diese Zeitspanne zu Stunden hin und Faramir taten alle Knochen weh vom Kauern in den Büschen. Er warf einen Blick zu Mablung, der mit reglosem Gesicht neben ihm hockte. Bestimmt ging es ihm ähnlich.

Dann endlich kamen die ersten Haradrim-Krieger über den Fluß. Sie bewegten sich fast so lautlos wie Gespenster. Ihre goldenen Rüstungen funkelten in der Abendsonne. Darunter trugen sie scharlachrote Kleidung. Ihre Köpfe hatten sie mit schwarzen Tüchtern verhüllt, so dass man nur die Augen sehen konnte. Faramir konnte das Banner der Feinde sehen, dass der Krieger trug, welcher an der Spitze des kleinen Heeres marschierte: eine schwarze Schlange auf rotem Grund. Bewaffnet waren die Haradrim ähnlich wie die Waldläufer: mit Lanzen und Bögen.

Faramir fühlte, dass er zu schwitzen begann: es war an ihm, den Befehl zum Angriff zu geben. Er musste entscheiden, wann der richtige Augenblick gekommen war. Mablung blickte ihn erwartungsvoll an. Faramir ließ nun einen Vogelruf ertönen – das war das Zeichen! Und schon schwirrten ringsum Pfeile aus den Büschen. Die ersten Haradrim fielen getroffen nieder. Ein Chaos brach unter der feindlichen Armee aus. Die Krieger aus Haradwaith suchten sich Deckung. Faramir verschoß rasch viele Pfeile. Fast jeder Schuß von ihm war ein Treffer. Nicht umsonst war er der beste Bogenschütze Gondors. Zahlenmäßig waren die Waldläufer den Haradrim unterlegen. Bevor es zum Nahkampf kam, mussten möglichst viele Feinde durch Pfeile aus der sicheren Deckung getötet werden.

Wieder musste Faramir eine Entscheidung treffen. Als er sah, dass zahlreiche Feinde von Pfeilen getroffen waren, gab er durch einen kurzen Hornstoß das Zeichen zum Nahkampf. Er war der Erste, der das sichere Gebüsch verließ. Nun hatte er sein Schwert gezogen und stürmte auf die Feinde zu. Ihm folgten seine Waldläufer. Der Hauptmann der Haradrim rief seine Krieger zusammen. Sie begannen sich zu formieren und attackierten nun auch die Waldläufer mit Pfeilen. Doch es war zu spät – die Waldläufer waren bereits viel zu nahe. Faramir schlug mit einem Schrei dem ersten Feind den Bogen aus der Hand und tötete ihn dann mit einem gezielten Schwertstreich. Er verabscheute es, andere Menschen umzubringen, doch dies hier war Krieg und es galt, Gondor zu verteidigen. Faramir kämpfte verbissen weiter. Mit dem Schwert konnte er ebenfalls geschickt umgehen. Nur sein Bruder war noch geschickter damit. Die Waldläufer drängten nun die Feinde aus Haradwaith mehr und mehr zurück. Schließlich ergriffen die Haradrim die Flucht über den Fluß. Ihr Hauptmann war gefallen, durch Faramirs Hand getötet. Die Waldläufer jubelten und Faramir hob triumphierend das zerrissene Banner der Feinde. Nun galt es, sich um die Toten und Verwundeten zu kümmern. Zwei Waldläufer waren gefallen: Turgon aus Imloth Melui und Maradir aus Minas Tirith.

Bedrückt kniete Faramir bei ihnen nieder und küsste jedem von den Beiden die bleiche Stirn.

„Ruhe in Frieden, Sohn Gondors", sagte er leise dazu.

Die Toten mussten an Ort und Stelle begraben werden. Ein Transport nach Minas Tirith war unmöglich, da man viele Tagesreisen von der Hauptstadt entfernt war. Seufzend erhob sich Faramir und betrachtete die Anzahl der Verwundeten. Es waren etwa zehn Männer, die leichte bis schwere Blessuren davongetragen hatten. Auf jeden Fall musste man das nahe Dorf Gwanûr-Hauth aufsuchen, um dort die Verwundeten versorgen zu lassen.

Die Waldläufer begannen auch die toten Haradrim in einem Massengrab zu verscharren. Nachdenklich sah Faramir dabei zu. Plötzlich merkte, dass einer der Toten sich plötzlich bewegte.

„Halt!" rief er seinen Männern zu und kniete neben dem vermeintlich Gefallenen nieder.

Er konnte ein leises Stöhnen hören. In der Schulter des feindlichen Kriegers steckte ein abgebrochener Pfeilschaft. Faramir nahm dem Mann die Gesichtsmaske ab und fuhr überrascht zurück: es war eine Frau! Ein wunderschönes, junges Mädchen mit olivfarbener Haut und Augen, die so schwarz wie Kohle waren. Verwirrt blickte das Mädchen seinen Feind an. Faramir nahm ihr jetzt auch die turbanartige Kopfbedeckung ab. Eine schwarze Lockenmähne quoll darunter hervor.

„Ist es möglich? Die Haradrim schicken sogar Frauen in den Krieg!" rief er seinen Männern zu, mit denen er sich auf Sindarin unterhielt.

„Ich wurde nicht geschickt, sondern ich bin freiwillig mit in den Krieg gezogen", sagte das Mädchen empört.

Faramir sah sie erstaunt an: sie sprach einwandfreies Sindarin, wenn auch mit einem harten Akzent.

„Du sprichst unsere Sprache?" fragte er ganz verdattert.

Das Mädchen zischte irgendetwas Unfreundliches in ihrer Muttersprache und wurde dann bewusstlos.

„Wir nehmen sie mit", entschied Faramir kurzentschlossen.

Madril, der alte, erfahrene Unterhauptmann, trat jetzt zu seinem Heermeister.

„Ihr wisst, Faramir, dass Euer Vater keine Gefangennahme von Feinden wünscht. Ihr werdet Ärger mit ihm bekommen."

„Dies hier ist eine Ausnahme", erklärte der junge Mann entschlossen. „Es handelt sich um eine Frau – womöglich um eine Fürstentochter, wenn sie so gut Sindarin spricht."

Madril verstummte: Faramir war der Heerführer. Seinem Befehl durfte man sich nicht widersetzen. Trotzdem hatte er diesmal starke Bedenken. Er liebte und achtete den jungen Heermeister, so wie alle Waldläufer, aber er kannte auch den Zorn Denethors, den besonders sein Zweitgeborener immer wieder zu spüren bekam.

§

Es dauerte mehrere Stunden, bis man mit den Verwundeten Gwanûr-Hauth, ein Dorf in Süd-Ithilien erreicht hatte. Dort gab es ein großes Haus aus Stein, wo eine Heilerin namens Inwe wohnte. Da die Verwundeten so zahlreich waren, mussten sie in den Stallungen von Inwe und ihrem Gemahl untergebracht werden. Faramir achtete darauf, dass auch die Wunde der Gefangenen gut versorgt wurde. Inwe, die Heilerin, war höchst erstaunt eine Frau unter den Verwundeten vorzufinden.

„Was für ein törichter Einfall, Frauen in den Krieg zu schicken", murmelte sie fassungslos vor sich hin, während sie geschickt die Pfeilspitze aus der Schulter der dunklen Schönheit zog.

„Ich werde herausfinden, warum sie in den Krieg zog", sagte Faramir leise zu Inwe.

Die Verwundete, die immer noch in tiefster Ohnmacht lag, wurde auf Geheiß des jungen Heermeister in das Haus von Inwe gebracht. Sie sollte dort in einer kleinen Kammer untergebracht werden. Vorsorglich verriegelte Faramir die Kammer. Er wollte nicht, dass die Haradrim-Frau womöglich einen Fluchtversuch unternahm.

Die Bediensteten von Inwe hatten mittlerweile eine große Tafel mit Speisen gedeckt für Faramir und seine Unterhauptmänner. Doch der junge Heermeister zog es vor, zusammen mit seinen Männern draußen zu speisen, wo sie ihre Zelte aufgestellt hatten.

„Ist sie schon aufgewacht, Herr Faramir?" fragte Mablung neugierig. „Woher sie wohl unsere Sprache kann?"

„Noch schläft sie", meinte Faramir mit düsterer Miene. „Alles andere wird sich noch herausstellen – oder nicht."