Was einem so für Ideen kommen, wenn man zwangsweise im Garten damit beschäftigt ist, Bäume zu beschneiden und mit ein paar besonders dicken Ästen kämpft...


Persona non grata

Drei Jahre war es nun her, daß sie ihn teilweise rehabilitiert hatten. Teilweise hieß in seinem konkreten Falle, daß man die Anklagepunkte gegen ihn hatte fallen lassen, daß aber trotzdem beschlossen worden war, ihn zur Persona non grata zu erklären und ihn aus der magischen Gemeinschaft auszustoßen. Er wurde seiner Privilegien und Ämter enthoben, man hatte ihm seinen Titel aberkannt, seinen Zauberstab zerbrochen, ihm ein lebenslanges Zauberverbot auferlegt und ihn praktisch mittellos in die Muggelwelt geschickt.

Hermine hatte sich oft gefragt, wo er gelandet war. Die Hilfe, die ihm anfangs von einigen wenigen Stellen angeboten worden war, hatte er mit versteinerter Miene abgelehnt und war einfach gegangen.

Nicht wenige vermuteten, daß er längst nicht mehr leben würde, weil man allgemein einem reinblütigen Zauberer in der Muggelwelt nicht viele Überlebenschancen zusprach. Die wenigen, die Snapes Los vor ihm geteilt hatten, waren in der Gosse gelandet und dem Alkohol verfallen oder hatten sich innerhalb kürzester Zeit mit den falschen Muggeln angelegt und so ihr Ende gefunden.

Aber wie es üblich war, wenn man die großen Geister aus der eigenen Gemeinschaft ausstieß, stellte die magische Welt auch in diesem Fall eines Tages fest, daß Severus Snape Fähigkeiten besessen hatte, die plötzlich dringendst erforderlich waren. Der neue Minister persönlich hatte eine unschöne Begegnung mit einem Werwolf gehabt. Angesichts der Tatsache, daß gerade er es gewesen war, der sämtliche Werwesen endgültig „zum Abschuß freigegeben" hatte und es ihn ausgerechnet bei einer seiner gesellschaftlich sehr beliebten Werwolfjagden erwischt hatten, war es regelrecht amüsant, zu beobachten, wie er nun bemüht war, seine „Fehler" in Bezug auf Werwesen öffentlich deutlich zu machen.

Man erinnerte sich plötzlich, daß es einen Zaubertrank gab, der das Schlimmste verhindern konnte und sofort war die Überlegung aufgekommen, daß es zu diesem Trank auch eine Weiterentwicklung geben mußte, die das Werwesen-Dasein gänzlich im Zaume halten konnte – wenn man nur den Mann hätte, der in der Lage war, den entsprechenden Trank zu brauen...

Doch es gab nur einen bekannten Zauberer, der den Geist, die Kompetenz und das Geschick dazu besaß...

In den letzten drei Wochen war die Welt auf den Kopf gestellt worden, um Severus Snape ausfindig zu machen, aber er schien wie vom Erdboden verschluckt.

Hermine haßte den neuen Minister von ganzem Herzen. Er war ein Volltrottel, der die ohnehin schwierigen, politischen Verstrickungen in ein Höchstmaß an Korruption und Vetternwirtschaft verwandelt hatte. Aber sie hatte die Gelegenheit genutzt, daß es plötzlich nicht nur erlaubt, sondern sogar gern gesehen war, wenn man sich auf die Suche nach dem Zaubertrankmeister machte und so hatte sie sämtliche plötzlich zur Verfügung stehenden Informationsquellen genutzt und sich auf ihre eigene Weise ebenfalls auf die Suche gemacht.

... und ihn gefunden...

Als sie, gemeinsam mit der liebenswerten, alten Dame, der die gesamte Anlage gehörte, den unglaublich gepflegten und mit sehr viel Liebe zum Detail gestalteten Garten des kleinen Schlosses betrat, war sie völlig eingenommen, von der Schönheit dieses Ortes.

Ein Stück weit weg, auf der anderen Seite der ebenmäßigen Wiese, die durch den perfekten Englischen Rasen wie gemalt aussah, kämpften drei Männer mit einer Baumwurzel, die sie mit vereinten Kräften aus dem Loch zu ziehen versuchten in dem sie stand. Um die Männer herum lagen die, offenbar vorher schon abgesägten Äste des Baumes, und es galt nun offenbar noch, die rundherum ausgegrabene Wurzel aus dem Erdreich zu entfernen.

Alle drei Männer, die sie nur von hinten sah, waren relativ groß, von der Arbeit unter freiem Himmel braungebrannt und auch auf die Entfernung konnte Hermine sehen, daß die harte Arbeit ihnen ansehnliche Körper beschert hatte. Die Männer trugen nur Arbeitshosen. Zwei hatten ihre Hemden neben sich auf den Asthaufen geworfen, der dritte hatte sich sein Hemd um die Hüfte geknotet.

„Eins, zwei, drei!", rief einer von ihnen immer wieder und auf drei zogen sie jedes Mal mit aller Kraft. Als sie es beim letzten Ruck endlich schafften, fielen sie alle drei durch das plötzliche Nachgeben des Zuges nach hinten weg und blieben lachend einen Moment liegen. Anscheinend von der Anstrengung erst einmal erledigt.

„Mister Snape!", rief die alte Dame neben Hermine zu den drei Männern hinüber und Hermine sah verwirrt zu den Gärtnern. Sollte etwa...

Als der größte der drei Männer den Oberkörper anhob und sich zu der alten Dame umdrehte, glaubte Hermine, in Ohnmacht zu fallen. Alles in ihr drehte sich und sie suchte mit der Hand nach irgendetwas, woran sie sich festhalten konnte.

Sie hatte etwas völlig anderes erwartet!

Es war Snape, daran bestand kein Zweifel. Die Nase, die Augen, das schmale Gesicht... aber alles andere! Seine dichten Haare waren, im Vergleich zu den schulterlangen, die er früher hatte, regelrecht kurz geschnitten, wie auch die der anderen beiden neben ihm, die nun ebenfalls zum Haus hinübersahen, als Snape gerufen worden war.

Snape hatte immer krank ausgesehen. Nun strotzte er vor Kraft und Gesundheit und erst jetzt begriff Hermine, daß er gerade, ebenso wie seine Kollegen, laut gelacht hatte, als die Wurzel, die nun besiegt neben dem Loch auf der Wiese lag, dafür gesorgt hatte, daß sie allesamt auf ihrem Allerwertesten gelandet waren.

Mit einer weichen Bewegung sprang er auf und kam mit weiten Schritten auf das Haus zu.

Auf halber Strecke jedoch, als er sah, wer neben der alten Dame stand, wurden seine Schritte abrupt langsamer und seine gerade eben noch so offene, freundliche Miene erstarrte. Er gab sich nicht die Blöße, ganz stehenzubleiben, aber seine Schritte waren zögerlicher und erst bei den letzten Metern hatte er das Tempo der ersten Schritte wiedererlangt.

Er zog sich auf dem letzten Stück des Weges das verknotete, braune Hemd von den Hüften, rieb sich damit einmal durch das verschwitzte Gesicht, schlug es dann aus, zog es wieder an und ließ es locker über der Hose hängen, ohne es zu schließen.

Er blieb vor der Schloßherrin stehen und würdigte Hermine keines Blickes.

„Was kann ich für Sie tun, Lady Talbec?", fragte er höflich deutete eine Verbeugung an, indem er kaum sichtbar einmal mit dem Kopf in ihre Richtung nickte.

„Wir haben einen Gast, der gerne mit Ihnen sprechen würde."

Noch immer sah Snape Hermine nicht an.

„Muß das sein, Mylady? Wir haben noch viel zu tun und wenn wir bis zum Fest die neuen Bäume gepflanzt haben sollen, läuft uns die Zeit davon."

Der alten Dame war eindeutig klar, daß Snapes Ablehnung wenig mit seinem Arbeitseifer zu tun hatte.

„Mister Snape...", lächelte sie freundlich aber bestimmt „machen Sie sich bitte ein wenig frisch und kommen Sie dann in den kleinen Salon. Miss Granger hier...", sie deutete zu Hermine „hat einige Fragen an Sie."

„Mylady...", er zögerte, und dann wandte er den Blick direkt zu Hermine. „...ich wünsche nicht, mit dieser Person zu reden. Sie gehört zu den Kreisen, in denen ich nicht erwünscht bin."

Hermine wurde wieder schwindelig, angesichts dieses zugleich so vertrauten und doch auch so fremden Mannes vor ihr. Er strahlte nach wie vor mit jeder Faser die geistige Kraft und Energie aus, die er immer schon besessen hatte – aber in Kombination mit dem kraftvollen – und wie Hermine an dem Ziehen in ihrem Bauch feststellte, auch sonst ganz erstaunlichen – Körper, nahm er ihr den Atem.

Hermine fragte sich, ob er ihre Verwirrung sehen konnte. Und, wie sollte es anders sein... änderte sich sein Blick plötzlich und der Verachtung, die ihr gerade eben noch entgegengeschlagen war, mischte sich nun vages Interesse hinzu. Er hatte selbstverständlich bemerkt, daß an ihrer Reaktion irgendetwas nicht normal war.

Zu Hermines beinahe noch größerem Erstaunen, wandte sich nach diesem Satz von Snape Lady Talbec plötzlich ganz und gar nicht mehr so freundlich wie gerade eben noch zu ihr um und fragte nur: „Aha? Ist das wahr?"

Hermine wünschte sich ein Loch, in dem sie versinken konnte. Noch bevor sie etwas sagen konnte, ergänzte Snape: „Wenn sie jetzt hier aufgetaucht ist, kann das nur den Grund haben, daß ich, trotz meines Status', etwas für diese Leute tun soll."

„Ist das so?", fragte Lady Talbec mit eindringlichem Blick.

Wo war nur dieses Loch, wenn man es brauchte?

„Ja... das heißt... nein... ich meine...", stotterte sie.

Snape legte den Kopf in den Nacken und sah für einen kurzen Moment genervt in den Himmel.

„Bei den Göttern, Granger, sagen Sie, was sie wollen und dann verschwinden Sie wieder!"

„Man will Ihnen anbieten, in Ihre alten Rechte wieder eingesetzt zu werden, wenn Sie einen bestimmten Auftrag übernehmen, der mit ihrer alten Profession zu tun hat.", erklärte sie umschreibend.

„Er soll also einen Trank brauen? Oder gibt es einen neuen Schwarzmagier der das Zepter an sich reißen will?", fragte Lady Talbec so frank und frei heraus, daß Hermine nach Luft schnappte.

Die alte Dame war eindeutig ein Muggle, aber sie wußte ebenso eindeutig über die Geschehnisse in der magischen Welt bescheid.

„Ich kenne die Geschichten der Menschen, die für mich arbeiten, Miss Granger. Sie sind handverlesen und ich will wissen, wem ich mich anvertraue.", sagte Lady Talbec sehr bestimmt.

Hermine war im gleichen Moment klar, daß man mit der so harmlos wirkenden Lady nicht aneinandergeraten sollte und ihr Satz machte auch klar, daß Snape und die anderen Männer wohl keineswegs nur ihre Gärtner waren.

Der verwirrende Snape mit dem kurzen, blauschwarzglänzenden Haar, vor ihr, machte die junge Gryffindor zusehends nervöser.

Er seufzte noch einmal in höchstem Maße genervt auf, bevor er sich wieder der Schloßherrin zuwandte.

„Mylady, ich denke, es ist das Beste, wenn ich mich in der Tat kurz frisch mache und mit dem Gast ein paar Worte rede."

In einer rührend beschützenden Geste, legte Lady Talbec ihre kleine Hand auf Snapes Arm und sagte ruhig: „Nur, wenn das für Sie in Ordnung ist, Severus."

Er legte kurz beschwichtigend seine Hand auf ihre und nickte, bevor er an ihnen vorbeiging und im Haus verschwand.

Hermine fühlte sich wie der schlimmste nur denkbare Eindringling.

Sie schämte sich dafür, daß sie, wie so viele andere, geglaubt hatte, sie würde ihn in einer hundsmiserablen Verfassung finden, vielleicht dem Alkohol verfallen, in kriminellen Kreisen verkehrend, heruntergekommen... stattdessen hatte sie dieses Bild von einem Mann gefunden, das wie die Lichtvariante des Schattenwesens wirkte, das sie aus ihrer Zeit in Hogwarts und danach, kannte.

Sie hatte gerade im letzten Jahr des Krieges so eng mit ihm zusammengearbeitet, daß man das, was sie verbunden hatte, beinahe als Freundschaft hätte bezeichnen können. Aber halt nur beinahe, denn letztendlich war ihr Verhalten ihm gegenüber genauso armselig gewesen, wie das der anderen. Auch wenn sie ihn heimlich sicherlich mehr vermißt hatte, als jeder um sie herum.

Doch, obwohl er mehr als jeder andere bewiesen hatte, daß er sich den jeweiligen Umständen anpassen konnte, hatte sie ihm nicht zugetraut, einen Weg zu finden, der ihm ein gutes Leben ermöglichte.

Aber ein eben solches schien er zu führen.

Wenn sie daran zurückdachte, wie er früher ausgesehen hatte und dann sah, wie es ihm nun ging, bezweifelte sie zutiefst, daß das, was die magische Welt ihm anbieten konnte überhaupt ausreichen würde, um ihn zur Rückkehr zu bewegen.

Mehr noch...

Sie wußte, daß man seine Hilfe zwar brauchte, kannte die magische Welt aber gut genug, um zu wissen, daß man ihm trotzdem nur Verachtung entgegenbringen würde und ihn mit Sicherheit den Status eines „gerade eben so geduldeten" Zauberers geben würde.

Sie sah die alte Dame neben sich an, die Hermine nun sehr viel prüfender anblickte, als noch vorhin und dann sah Hermine zu den beiden Männern hinüber, die sich inzwischen darangemacht hatten, die Wurzel auf eine Karre zu bringen, mit der man sie wegfahren konnte.

Sie sah den Garten...

Sie sah das Haus...

War es fair, ihm Hoffnungen zu machen, er könne ein besseres Leben in seiner alten Welt führen, wenn Hermines Herz ihr ganz klar verriet, daß es ihm hier unendlich viel besser ging als dort, wohin ihr Angebot ihn bringen würde?

Nein... es war nicht fair...

In ihrem Bauch zog sich schmerzhaft etwas zusammen und einer plötzlichen Regung folgend, wandte sie sich an Lady Talbec.

„Bitte, richten Sie Mister Snape Grüße aus und sagen Sie ihm, daß es mir leid tut, hergekommen zu sein."

Mit den letzten Worten hatte sie sich umgedreht und war ins Haus hineingelaufen, um zum Haupteingang zurückzugehen.

Sie wollte weg hier.

Nur weg!

Das Haus war recht groß und sie fand den Ausgang nicht gleich, sondern verlief sich in einer kleineren Zimmerflucht. Doch dann sah sie die große Tür, riß sie auf und rannte aus dem Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Sie rannte so schnell sie konnte durch den kleinen Park, der sich auch vor der Schloßanlage erstreckte, als sie seine Stimme hinter sich hörte.

„Miss Granger!"

Sie rannte noch ein kleines Stück weiter, doch dann wurde sie langsamer und blieb schwer atmend stehen, wagte aber nicht, sich umzuwenden.

Einen Moment später war er bei ihr, trat um sie herum und sah sie an.

Er trug ein sauberes Hemd und eine saubere Hose und sah mit seinem, noch immer verwirrend ordentlichen Haarschnitt und seinem gepflegten Äußeren aus, als sei er der Besitzer der Anlage und nicht nur ein Angestellter.

„Was soll das? Warum finden Sie erst heraus, wo ich bin, kommen her und rennen dann einfach so wieder davon?"

Über Hermine schlugen Gefühle zusammen, die sie auf dieser Mission nicht erwartet hatte. Ihr Leben lang hatte sie dagegen ankämpfen müssen, als Schlammblut bezeichnet zu werden und hatte sich immer gewünscht, von reinblütiger Abstammung zu sein. Doch nun schämte sie sich zum ersten Mal dafür, Magierin zu sein. Sie wollte nicht zu denen gehören, die Snape ausnutzen und dann wieder wegwerfen wollten.

Die Scham stieg ihr in Form von hektischen, roten Wangen ins Gesicht und sie konnte nicht sprechen.

Der Ausdruck von Snapes Augen änderte sich. Eine seltsame Form von Sorge trat hinein, die es vor drei Jahren dort niemals gegeben hätte.

„Was ist los mit ihnen?", fragte er in einem gänzlich anderen Ton.

Hermine hielt seinem Blick nicht länger stand und senkte die Augen.

„Es war ein Fehler, Professor, daß ich hergekommen bin."

„Ich bin kein Professor mehr und wenn Sie mir nun endlich sagen, warum Sie hier sind, könnten Sie mir freundlicherweise selbst die Entscheidung überlassen, ob es ein Fehler war."

Er hatte den Kopf ein wenig geneigt, so daß er sie ansehen konnte, obwohl sie den Blick gesenkt hatte.

„Der Minister wurde von einem Wehrwolf gebissen und urplötzlich ist man sich der Wichtigkeit eines Zaubertrankmeisters bewußt, der einen Trank brauen kann, der gegen die Auswirkungen dieses Unglücks hilft. Obendrein will man sie mit der Aufgabe betrauen, einen Trank zu entwickeln, der noch weiterführende Verbesserungen des Wer-Zustandes bewirken kann. Man will Ihnen ein Labor in London zur Verfügung stellen, sowie ein Team, das Ihnen bei der Arbeit helfen soll. Sie würden Ihren Zauberstab wiederbekommen und sämtliche Einschränkungen Ihrer Rechte wären aufgehoben, solange Sie an dem Trank arbeiten und erfolgreich sind."

Hermine hatte die Fakten ohne Luft zu holen heruntergerattert. Beim letzten Teilsatz war ihre Stimme leiser und beinahe murmelnd geworden und natürlich war Snape die Einschränkung sofort bewußt.

„So, so... solange ich an dem Trank arbeite und erfolgreich damit bin..."

Die Bitterkeit in seiner Stimme schnitt Hermine beinahe real in die Haut.

Er wandte sich von ihr ab und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, ließ die Hände dann auf dem Hinterkopf liegen, ging ein paar Schritte von ihr weg, und gab urplötzlich einen kurzen, unendlich entäuscht klingenden Schrei von sich.

Dann sah Hermine, daß er die Arme wieder senkte, einmal tief Luft holte, sie mit einem Ruck wieder auspustete, bevor er sich ihr wieder zuwandte.

Erstaunlicherweise betrachtete er sie plötzlich von oben bis unten, als werde ihm jetzt erst bewußt, wer da vor ihm stand.

„Warum überbringen Sie mir diese Nachricht? Warum nicht jemand vom Ministerium? Warum ausgerechnet Sie, Granger?"

Hermine überlegte kurz und intensiv. Warum eigentlich? Und im gleichen Moment war ihr der Grund plötzlich bewußt. Der Grund, den sie selbst vorher nicht begriffen hatte, obwohl all ihre Vorbereitungen für dieses Treffen ihn ihr längst hätten klar machen müssen...

Sie hob den Kopf und sah ihn direkt an.

„Weil ich verhindern wollte, daß man Sie in einem völlig desolaten Zustand findet und auch noch den letzten Rest Ihrer Ehre beschmutzt, indem man Ihnen gönnerhaft die Rückkehr anbietet, um dann veröffentlichen zu können, wie großzügig man mit Ihnen umgegangen ist, obwohl in Wirklichkeit Sie derjenige wären, der wieder einmal den anderen den Arsch rettet. Wenn ich Sie in schlechtem Zustand vorgefunden hätte, hätte ich dafür gesorgt, daß absolut Niemand Sie findet."

Sie war näher auf ihn zugegangen und ihre Rede wurde, jetzt da ihr ihre Beweggründe endlich selbst bewußt waren, immer feuriger.

„Weil es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, was man mit Ihnen getan hat! Weil die magische Welt Sie verraten und verkauft hat! Weil man wohl der Meinung war, daß jemand, der dermaßen loyal gewesen ist, sich auch nicht wehren wird, ein weiteres Opfer zu bringen!"

Ihre Stimme wurde immer lauter und inzwischen stand sie direkt vor ihm und warf ihm ihre Worte ins jetzt absolut fassungslose Gesicht.

„Weil ich Angst hatte, daß Sie in Verzweiflung Ihren brillianten Verstand versoffen haben, weil ich unglaubliche Angst hatte, daß die Muggelwelt sie fertiggemacht hat und Ihnen Ihre eigene Sippe nun den letzten Stoß verpassen will. Weil ich Vorkehrungen getroffen habe, daß Sie in einem friedlichen Umfeld für immer abtauchen können, ohne von dieser Pest, die sich Ministerium nennt, heimgesucht zu werden."

Sie hasste es zwar, daß sie so dicht am Wasser gebaut war, daß diese Situation ihr wieder die Augen feucht werden ließ, aber wenigstens liefen keine Tränen, während sie ihm weiter ihre brennenden Worte entgegenrief.

„Weil ich zu den Feiglingen gehöre, die genau wußten, was Sie getan haben und trotzdem nicht bis zum letzten Atemzug für Ihre komplette Rehablilitation gekämpft haben und ich Ihnen das, verflucht noch einmal, schuldig war. Weil wir so eng mit Ihnen zusammengearbeitet haben, daß wir wie eine Mauer hätten vor Ihnen stehen müssen, anstatt ihr Einverständnis zu dem Urteil zu akzeptieren!"

Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie den nächsten Satz sagte.

„Weil ich mich für die gesamte magische Welt, für dieses billige, schäbige Angebot zu Tode schäme und der Meinung bin, daß Sie es mindestens verdient haben, daß es Ihnen wenigstens ein Freund überbringen sollte, auch wenn Sie mich sicherlich keinesfalls als Freundin ansehen. Aber ich kann Ihnen versichern, daß in den letzten drei Jahren kein Tag vergangen ist, an dem ich nicht an Sie gedacht und an dem ich Sie nicht unendlich vermißt hätte und an dem ich mir nicht mit ganzem Herzen gewünscht habe, daß es Ihnen so gut geht, wie es Ihnen hier zu gehen scheint."

Über den letzten Teil ihrer flammenden Rede war sie selbst so verwundert, daß sie verstummte und ihn mit großen Augen ansah.

Er hatte ihr atemlos zugehört und mit jedem Satz aus ihrem Mund waren seine Augen größer und verwunderter geworden. Sein Gesicht war dicht vor ihrem und als sie endlich verstummte, umfasste er ohne ein weiteres Wort ihren Kopf und preßte einen innigen, von Leidenschaft, Dankbarkeit und Freude gleichermaßen durchzogenen Kuß auf ihre Lippen.

Der erstaunte Schrei den Hermine jetzt eigentlich von sich gegeben hätte wurde in dem Kuß erstickt und ohne nachzudenken, schlang sie ihre Arme um seinen Hals, während seine Hände von ihrem Kopf abließen, um sie nun ebenfalls noch dichter an sich heranzuziehen.

Hermines Beine wurden weich und sie ließ sich ganz in seine Umarmung fallen, schmolz dahin und begriff erst in diesem Moment die ganze Wahrheit hinter ihrer Motivation, ihn zu suchen.

Als sie sich atemlos voneinander lösten und sich ansahen, ohne die Umarmung zu beenden, sah er sie mit einem beinahe schelmischen Blitzen in den Augen an, daß sie wissen ließ, daß die Zeiten in denen Severus Snape der Spielball der magischen Ministerien war, endgültig vorbei waren.

„Meinen Zauberstab könnte ich gut wieder gebrauchen. Aber wenn ich helfen soll, werde diesmal ich die Bedingungen stellen und ich werde meine Arbeit hier auf keinen Fall niederlegen. Dafür habe ich Lady Talbec viel zu viel zu verdanken.", erklärte er ihr mit einem außerordentlich bestimmtem Ausdruck.

„Du willst wirklich zurückkommen?", fragte sie restlos erstaunt.

Er lachte.

„Ich hatte mir geschworen, daß ich nur unter einer Bedingung zurückkehren würde – einer Bedingung, die so unmöglich war, daß ich damit ausschließen wollte, daß es jemals dazu kommt. Ich wollte nur zurückkehren, wenn einer aus dem Goldenen Trio persönlich kommen und mich holen würde."

Er hob sie hoch und lachte erneut, weil sie vor Erstaunen den Mund nicht mehr zubekam.

„Wenn das möglich ist, Hermine, dann ist alles andere auch möglich..."

oOo

ENDE