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A/N: So nachdem die erste Version dieser Story schon ewig hier rumgegammelt hat, habe ich entschieden sie noch mal zu überarbeiten, vom Ton her leicht abzuändern und ein wenig weiter zu schreiben. Wer mir jetzt vorhalten möchte, dass meine Themenwahl in dieser Sektion etwas einseitig ist, hat zwar völlig recht, aber schließlich kann ja jeder selbst entscheiden was er lesen will.

Bisher plane ich diese Story auch weiter auszubauen. Wie schnell ich dabei bin steht allerdings momentan noch in den Sternen.


Das Spiel

Als ich erwache, ist das erste was ich wahrnehme das schrecklich helle, intensive Licht. Sogar durch meine geschlossenen Lieder brennt es auf meiner Netzhaut und lässt mir Tränen in die Augen treten. Es trägt unzweifelhaft seinen Teil zu den schon vorhandenen Kopfschmerzen bei. Dieses verabscheuungswürdige Ding das sie Sonne nennen muss schon ziemlich hoch am Himmel stehen. Ich versuche vorsichtig mich etwas zu drehen um der Qual zu entkommen, muss aber feststellen, dass meine Bewegungsfreiheit durch Fesseln an den Armen erheblich eingeschränkt ist.

Was ist das Letzte woran ich mich erinnern kann? Ich durchforste hastig meine noch leicht verschwommenen Erinnerungen. Ein Kampf…der Überfall auf das doch nicht so wehrlose Elfendorf. Erbitterter Widerstand schlug uns entgegen. Wir mussten fliehen, der Rückszug so ungeordnet, dass es eine wahre Schande war. Verdammt ich muss gefangen worden sein!

Mein Gedankengang wird durch einen Tritt in die, bis dahin nur dumpf schmerzenden Rippen abrupt unterbrochen.

„Wach auf!" Zischt eine melodiöse Stimme in stark akzentuiertem Drow von irgendwo über mir. Ich stöhne ein bisschen, mehr um Wachheit zu demonstrieren, damit er aufhört mich zu treten als dass ich wirklich vorhätte in Bewegung zu verfallen. Die Entscheidung wird mir jedoch abgenommen als ich schwungvoll am Kragen auf die Füße gezogen werde.

Ich kann in dem gleißenden Licht nicht sehr viel von meinem Gegenüber erkennen, außer einem hellen Fleck, umrahmt von blondem Haar. Außerdem bemerke ich zu meinem großen Ärger dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann und hilflos schwanke. Jetzt erscheine ich zu allem Überfluss auch noch als Schwächling!

Schräg hinter mir sagt jemand etwas in einer unbekannten, aber überraschend angenehm klingenden Sprache und daraufhin wird mir unsanft eine Kapuze über den Kopf gezogen. Viel besser! Alles deutet darauf hin, dass sie mich nicht sofort hinrichten wollen, sondern wahrscheinlich zwecks Verhörs vorher irgendwo hin mitschleppen werden. Wirklich schöne Aussichten. Diesen ganzen Ärger könnten sie sich auch ersparen, denn ich werde ja doch nichts sagen, aber vielleicht bietet sich eine Chance zur Flucht.

Ich bin mir allerdings nicht sicher ob ich eine solche Chance überhaupt erkennen würde in meiner momentan etwas angeschlagenen Verfassung. Ich fühle mich grausam schwach und es wird nicht besser als wir uns in Bewegung setzen. Im Gegenteil, wenn ich nicht nach ein paar Stunden eine Rast bekomme werde ich wahrscheinlich schlicht zusammenbrechen. Jemand muss mich mit einem Zauber getroffen haben, denn ich kann keine äußeren Wunden feststellen, die schlimm genug sind als dass sie diese Schwäche verursacht haben könnten. Es ist nur zu hoffen dass der Effekt nicht allzu lange anhält.

Ich versuche unterwegs unauffällig die Stärke der Gruppe zu bestimmen, gebe aber resigniert auf nachdem ich in diesem Licht kaum etwas erkennen und mich ohnehin kaum konzentrieren kann. Ich bin mir nicht ganz sicher ob die scheinbar gleichberechtigte Anwesenheit von Menschen hier als ungewöhnlich anzusehen ist oder ob sie eine völlig normale Vorgehensweise darstellt. Wieso war überhaupt eine derart große Streitmacht in einem Dorf, das unsere Späher zuvor als schlecht verteidigt und schwach eingestuft hatten? Es macht einfach keinen Sinn. Wer hat uns verraten? Oder war es ein unglücklicher Zufall? Eigentlich glaube ich nicht an Zufälle.

Sie bewegen sich hier im Wald ebenso mühelos wie wir es in den dunklen Stollen unserer Heimat tun und ich komme mir im Gegensatz dazu schrecklich deplatziert und ungeschickt vor. Aber zum Teil ist dies natürlich auch durch meine rapide wachsende Erschöpfung bedingt, genau wie die stärker werdende Übelkeit die sich in mir ausbreitet. Die Menschen sind natürlich noch lauter als ich selbst, aber wer würde sich auch mit denen vergleichen wollen? Ich weiß dass es nicht mehr lange dauern wird ehe ich wirklich nicht mehr weiter kann, aber ich will verdammt sein bevor ich sie um eine Rast anbettle und stolpere stur weiter.

Ha, wenn ihr mich verhören wollt dann bemüht euch mal schön um mich, ist ein paar Stunden später mein letzter Gedanke. Dann wird mir schließlich schwarz vor Augen und ich falle lautlos zu Boden.

Ich erwache wieder mit einem Gefühl das hier etwas nicht stimmt. Ich kann warme Finger fühlen die, knapp unter meinem Kragen, behutsam mein Schlüsselbein entlang gleiten. Zu behutsam für meinen Geschmack. Fast schon genießerisch. Sie verweilen lange und widmen sich nicht wirklich irgendwelchen Verletzungen oder Untersuchungen. Erst als sie sich schließlich langsam zu meinen Ohren hin verirren werde ich jedoch wirklich nervös.

Was ist hier los? Ich reiße ohne Rücksicht auf das immer noch viel zu helle Licht meine empfindlichen Augen auf, nur um in die eines elfischen Magiers zu schauen, der plötzlich sehr ertappt aussieht. Sieh an, sieh an. Da habe ich ihn wohl bei etwas Verbotenem erwischt. Gefangene betatschen ist hier anscheinend nicht erlaubt.

Immerhin hat er noch so viel Selbstbeherrschung nicht erschrocken zurück zu zucken. Nach einer Sekunde ist auch die Überraschung wieder aus seinem Blick gewichen und lässt lediglich einen schwachen lüsternen Schimmer zurück. Unwillkürlich frage ich mich wie es wohl wäre mit ihm zu schlafen. Der Gegensatz von goldener und ebenholzfarbener Haut und das Gefühl des Verbotenen dabei sind nicht ganz ohne Reiz für mich. In der Annahme, dass er nicht entdeckt werden will beschließe ich ihn ein wenig zu reizen und lächle ihn lasziv an. Wer weiß, wenn seine Bedürfnisse groß genug sind könnte er sich vielleicht zu einem Handel überreden lassen…

Er scheint etwas überrascht angesichts meiner Reaktion. Seltsam, hat er denn wirklich erwartet dass ich Angst bekomme wenn er mich einmal kurz begehrlich anstarrt? Das ist in meinem Leben nun wirklich nicht das erste Mal gewesen, obwohl ich zugeben muss dass die Umstände normalerweise wenigstens ein bisschen besser für mich aussehen. Zumindest kann ich üblicherweise meine Chancen besser einschätzen. Oder vielleicht ist es auch etwas anderes das ihn besorgt. Das wird mir klar als er sich nervös umschaut, vielleicht würden seine Gefährten ihn als Verräter ansehen wenn sie erführen dass er mich begehrt. Ob ich ihn unter Druck setzen könnte?

Ich schaue ihn forschend an, durchaus erfreut über diese Möglichkeit. Falls er wirklich so schwach sein sollte hätte sich meine Situation gerade erheblich verbessert. Meine aufkeimende Hoffnung wird leider sofort zerstört, als ich sehe wie sich Kälte in den grauen Augen breit macht. Der Magier muss meine Gedanken erraten haben.

„An deiner Stelle wäre ich jetzt ganz still Drow", sagt er sehr leise und unmissverständlich drohend. „Sonst könnte es passieren dass dir plötzlich die Stimmbänder fehlen."

Bei diesen Worten legt er symbolisch die Spitzen seiner Finger an meinen Hals und zu meinem großen Ärger muss ich feststellen, dass mir die Berührung einen gar nicht so unangenehmen Schauer den Rücken hinunterlaufen lässt. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er seine Drohung wahr machen würde, aber ich gebe mich nicht so einfach geschlagen. Außerdem macht gerade das Risiko die Sache spannend und dem Glitzern seiner Augen nach zu urteilen, vermute ich dass wir zumindest die Vorliebe für diese Art von Spielchen teilen.

Sein Drow ist fast akzentfrei. Ich frage mich wie er meine Sprache so gut gelernt hat, aber letztendlich ist das nur besser für mich, meine Beherrschung der Gemeinsprache ist nämlich bei weitem nicht perfekt.

„Es gibt noch andere Dinge die ich mit meinem Mund anstellen kann", biete ich mich schamlos an. Jetzt ist nicht die Zeit um zimperlich zu sein. Ich kann deutlich sehen dass ihn der Gedanke reizt, denn er leckt sich unbewusst die Lippen, aber es scheint das Glück ist heute nicht auf meiner Seite, denn in diesem Moment kommt ein Soldat vorbei um bescheid zu sagen, dass wir nun weiterziehen werden und der Magier entfernt sich nach einem leisen abfällig gezischten „Schlampe," um seinen Platz im Zug einzunehmen.

Mir auch recht, solange er mit sich handeln lässt kann er mir alles Mögliche an den Kopf werfen. Wer ihm wohl die Schimpfworte beigebracht hat?

Während der nächsten Tage bekomme ich leider weder eine Chance aus eigener Kraft zu entkommen, noch bietet sich eine weitere Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Magier. Ich bin ehrlich gesagt überrascht wie wenig sich alle um mich kümmern. Ich hätte eigentlich erwartet gefoltert zu werden, aber trotz der hasserfüllten Blicke die man stetig in meine Richtung wirft, fasst mich niemand an, außer um die Fesseln zu lösen wenn ich eine der kargen Mahlzeiten zu mir nehme und bei ähnlichen Gelegenheiten. Selbst Beschimpfungen sind seltsam rar gesät. Das Licht bereitet mir mit der Zeit weniger Probleme, ist aber auch weiterhin schmerzhaft in seiner Intensität. Wenigstens bin ich jetzt tagsüber nicht mehr völlig geblendet und hilflos.

Es scheint als bewegten wir uns langsam aber stetig auf die ersten Ausläufer eines großen Gebirges zu, welches den ganzen Horizont ausfüllt und ich beginne mich zu fragen wie weit wir noch reisen werden, ob wir unter den Bergen hindurch wollen oder darüber hinweg. Das Erstere wäre mir natürlich bedeutend lieber! Unter der Weite des Himmels fühle ich mich äußerst unkomfortabel und verletzlich, wieder Stein um mich herum zu haben wäre beruhigend. Die weißen Gipfel wirken jedenfalls alles andere als einladend. Ich kann mir kaum vorstellen wie es dort oben aussieht, aber allein der Gedanke an diese Weite lässt in mir ein Gefühl der Verlorenheit aufsteigen, das ich gar nicht mag. Ärgerlich verdränge ich den Gedanken daran.

Mit nichts anderem zu tun als Laufen bleibt mir viel Zeit die Umgebung und Personen um mich herum zu betrachten. Es scheint als würden alle immer nervöser je näher wir dem Gebirge kommen und ich bin mir nicht ganz sicher ob diese Tatsache gut oder schlecht für mich ist. Etwas das denen Angst macht könnte für mich ein potentieller Verbündeter sein, oder aber auch tödlich für uns alle. Ich beschließe mich bereit zu halten und abzuwarten. Etwas anderes bleibt mir auch gar nicht übrig.

Unsere größer werdende Nähe zu den Bergen hat zumindest den Vorteil, dass wir nun häufiger in Höhlen übernachten, was mir persönlich die Illusion von Vertrautheit erlaubt. Nicht viel, aber genug um mich wenigstens ein bisschen aufzuheitern. Inzwischen ist mir klar geworden, dass ich kaum eine Chance haben werde zu entkommen falls nichts Unvorhergesehenes geschieht. Dazu herrscht einfach zu viel disziplinierte Wachsamkeit in dieser Gruppe und obwohl ich sie natürlich innerlich dafür verfluche, bin ich Widerwillens schon ein wenig beeindruckt.

Ich ertappe mich dabei den Magier heimlich zu beobachten, wenn er sich in meiner Nähe aufhält und daran zu denken, ob er sich mir vielleicht doch noch einmal nähern wird löst ein schwaches Flattern in meiner Bauchgegend aus. Wenn ich mir selbst gegenüber ehrlich bin, enttäuscht es mich sogar ein wenig, dass er mich nun gar nicht mehr beachtet.

Das erste deutlichere Anzeichen der steigenden Nervosität unter den Kriegern bekomme ich an diesem Abend persönlich zu spüren, als mir mein zögerliches Verhalten auf den Befehl mich hinzuknien eine schallende Ohrfeige einbringt. Der Soldat wird sofort öffentlich von seinem Vorgesetzten gerügt, aber mir ist klar dass die meisten hier seine Tat im Grunde gutheißen. Besonders nachdem ich ihm ein gehässiges Grinsen hinterherschicke, das er mit einer Grimasse der eisigen Wut beantwortet. Was mir jedoch mehr Sorgen bereitet ist der Anblick von meinem Magier und dem Kommandeur dieses Trupps, die lebhaft diskutieren und dabei immer wieder in meine Richtung schauen. Das kann gar nichts Gutes bedeuten!

Nachdem ich sie nun schon zusammen gesehen habe, überrascht es mich nicht mehr als die beiden mich abends dann ein Stück von allen weg, weiter in die Höhle hinein führen die uns heute als Lagestätte dient. Wollen sie mich also doch schon mal befragen? Sind wir in größerer Gefahr als ich dachte? Höchstwahrscheinlich. Na da wünsche ich ihnen viel Spaß.

Ich bin allerdings doch ein bisschen überrascht als mir der Magier eine schwarze Halbmaske präsentiert. Ja und? Was soll ich denn damit? Ich schaue ihn nur fragend an.

„Was ist das?" Will er von mir wissen. Dämliche Frage.

„Eine Maske", erkläre ich mit spöttisch hochgezogener Augenbraue. Er sieht nicht besonders amüsiert aus und zischt: „Das weiß ich selbst Idiot. Sie wurde als Botschaft hinterlassen in einem zerstörten Dorf. Also sag uns was sie bedeutet, dass die Überfälle von Drow begangen wurden haben wir schon rausgefunden. Du musst etwas darüber wissen also spuck es aus."

Tja, da hat er den falschen gefragt. Die einzigen die ein solches Symbol verwenden würden wären wahrscheinlich die Anhänger von Vhaeraun, dem maskierten Gott und mit dem kenne ich mich nun wirklich nicht aus. Wie auch, wenn ich doch aus der Hauptstadt der Anbeter von Lolth komme, wo jeder der auch nur flüchtiges Interesse an ihm zeigt sofort mit einer äußerst schmerzhaften und langwierigen Hinrichtung rechnen muss? Andererseits, wenn sich hier Drow herumtreiben die Vhaeraun verehren, dann hätte ich keine große Lust ihnen in die Finger zu geraten in meinem Aufzug, großzügig verziert mit Spinnen, der den Namen Lolth geradezu herausschreit. Damit wäre mein Tod praktisch garantiert!

„Keine Ahnung." Versuche ich Zeit zu schinden, während ich angestrengt überlege ob ich mir durch mein Wissen einen Vorteil verschaffen könnte. Das kalte Lächeln auf dem Gesicht des Magiers gefällt mir gar nicht!

„Ich denke du lügst." Meint er liebenswürdig und erstaunlich ruhig, dann wendet er sich an den anderen. „Ich denke immer noch dass wir ihn ein wenig ermutigen könnten indem Arram die Peitsche einsetzt."

Er benutzt dabei die Gemeinsprache, so dass ich zumindest den Sinn seiner Aussage mitbekomme und natürlich sagt mir diese Möglichkeit gar nicht zu.

„Ich lüge nicht!" behaupte ich nun vorgeblich wütend, woraufhin der Magier seinem Kommandanten einen vielsagenden Blick zuwirft, der nur seufzt, resigniert seinen Kopf schüttelt und meint: „Ich gehe Arram holen."

Er wendet sich ab und läuft mit sorgenvoller Miene in Richtung Höhlenausgang.

„An deiner Stelle würde ich jetzt reden du Ratte. Wenn Arram erst mal mit dir fertig ist wird von deinem Rücken nicht mehr viel übrig sein", dringt es an mein Ohr als der Mensch einige Schritte von uns entfernt ist.

Gerade als ich zu einer sarkastischen Erwiderung ansetze erschüttert ein kraftvoller magischer Stoß den vorderen Teil der Höhle. Die Energie ist so stark, dass sogar hier hinten noch Steine von der Decke fallen. Sie sind nicht sehr groß, aber auch ein faustgroßer Brocken kann einiges an Schaden anrichten wenn er die richtige Stelle trifft. Und wirklich, einer dieser Steine trifft den Magier am Nacken, woraufhin er bewusstlos zusammenbricht. Ein Anblick der mein Herz erfreut.

Na schön, was mache ich jetzt? Wenn da vorne wirklich ein Angriff stattfindet, der von denen geführt wird, die diese Maske hinterlassen haben, dann sollte ich mich besser möglichst unauffällig aus dem unmittelbaren Geschehen entfernen. Ich versuche durch den ganzen aufgewirbelten Staub etwas zu erkennen, kann jedoch nur schemenhafte Gestalten ausmachen. Was ich hören kann ist wesentlich aufschlussreicher, es ist nämlich meine eigene Sprache, gesprochen mit den melodiösen Stimmen, die nur zu meinem eigenen Volk gehören können.

Das entscheidet es. Ich muss hier schnellstens weg. Dummerweise bin ich wehrlos, gefesselt und ohne Waffen, weshalb ich wahrscheinlich den Magier auch in Sicherheit bringen sollte, damit er uns verteidigen kann. Wenn er denn rechtzeitig aufwachen sollte heißt das.

Der Angriff ist in vollem Gange und ich habe ständig die Befürchtung gleich von irgendetwas Unangenehmem getroffen zu werden während ich meinen unfreiwilligen Verbündeten auf sehr umständliche Weise weiter in die Höhle hineinschleppe. Die immer noch auf meinem Rücken gefesselten Hände behindern mich dabei nicht wenig und sobald ich an eine einigermaßen geeignete Stelle komme zerre ich ihn hinter einen großen Stalagmiten, der uns hoffentlich vorerst verbirgt.

Als ein großer Teil der Decke auf einmal nachgibt fange ich innerlich an wütend zu fluchen, jetzt müssen wir uns erst durch einen verdammten Haufen Geröll graben bevor wir hier raus kommen. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte! In meiner Wut trete ich dem bewusstlosen Elf kräftig in die Rippen, was ihn zu einem dumpfen Stöhnen veranlasst. Wenn er aufwacht kann er sich über einen prachtvollen Bluterguss an seinem Rippenbogen ärgern. Aber ihn zu sehr zu verletzen wird mir nicht weiterhelfen. Wenigstens ist jetzt die Gefahr entdeckt zu werden vorerst gebannt.

Für eine Weile starre ich verbittert auf den lästigen Steinhaufen und winde mich in meinen Fesseln, die ich lieber so schnell wie möglich loswerden sollte, wenn ich nicht dem unheimlichen Magier hilflos ausgeliefert sein will sobald er wieder erwacht. Zu meinem Leidwesen gelingt mir dies nicht. Gerade als ich mich fast aus den engen Schlingen gezwängt habe wirft mich ein gut platziertes Kommandowort an die harte Steinwand, an der ich daraufhin leise stöhnend hinabgleite und halb ohnmächtig am Boden liegen bleibe. Da ist mein Plan wohl nach hinten losgegangen. Wie ich Magier hasse!

Ich merke zwar wie er die Fesseln wieder neu bindet, kann mich aber vor lauter Benommenheit nicht koordiniert genug bewegen um dies zu verhindern. Verdammter Bastard!

„Was ist passiert?" Will er bemerkenswert gelassen wissen, sobald er fertig ist und mich unsanft auf den Rücken gedreht hat. Dank ihm werde ich bald eine dicke Beule an der Stirn haben. Na was ist wohl passiert?

„Es gab einen Angriff. Die Decke ist eingestürzt", maule ich ihn knapp an.

„Das sehe ich auch du Idiot. Wer hat uns angegriffen? Drow?"

Ich zucke hilflos mit den Schultern und gebe gleichzeitig ein vages „Hmhm, kann sein." Von mir. Die Kampfgeräusche die vorher noch gedämpft durch den Stein drangen sind mittlerweile verstummt. Ich frage mich wer gewonnen hat. Mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck schaut er auf mich herab.

„Tja Ratte. Scheint als wäre heute dein Glückstag." Er gestikuliert zu dem Haufen. „Was schätzt du wer von beiden sitzt jetzt da hinter und feiert seinen Sieg?"

Daraufhin muss ich lachen.

„Na ich hoffe mal für dich es sind deine Leute. Wenn da jetzt nämlich Drow sitzen, sind wir beide tot falls sie uns entdecken."

„Beide? Wieso?"

Scheint als müsste ich ihn doch über meine Vermutungen aufklären.

„Du wirst doch nicht ernsthaft glauben, dass meine Leute wegen einem einfachen Fußsoldaten eine Jagd quer durch feindliches Gelände starten. Nein, die die da draußen sind haben mit mir nichts zu tun und mögen mich genauso wenig wie dich. Ist auch kein Wunder wenn man bedenkt, dass sie wahrscheinlich Anhänger einer feindlichen Gottheit sind, die in meiner Heimatstadt für ihren Glauben mit dem Tod verfolgt werden."

Das stimmt ihn scheinbar nachdenklich für eine Weile, auch wenn ich irritierenderweise nicht das kleinste Anzeichen von Besorgnis an ihm erkennen kann.

„Du könntest sie nicht davon überzeugen dich am leben zu lassen?"

Ich zucke wieder missmutig mit den Schultern.

„Ich schätze kaum dass sie mir zuhören werden."

„Zuhören? Hättest du denn etwas zu sagen?"

Langsam geht er mir auf die Nerven mit seiner Fragerei.

„Was sollte ich denn schon sagen?" Fauche ich ungehalten. „Das ich plötzlich konvertieren will? Das glaubt mir ja doch keiner."

Er grinst. Wie kann er in so einer Situation noch grinsen? Irgendwas stimmt hier nicht. Dieses Gefühl verstärkt sich enorm als er sagt: „Nein, ich schätze du hast wohl recht. An deine Konvertierung wird so schnell keiner glauben."

Plötzlich hält er inne und lauscht. Ich kann zwar keinen einzigen aufschlussreichen Laut vernehmen, aber bei ihm scheint das anders zu sein, denn sein Grinsen wird auf einmal noch um einiges breiter. Als hätte die kurze Pause gar nicht stattgefunden nimmt er dann das Gespräch wieder auf.

„Es gibt allerdings andere Möglichkeiten…"

Während er dies sagt legt er die schwarze Halbmaske an, die sich noch in seiner Tasche befunden haben muss. Meine Augen werden groß vor Staunen und es tritt einer der wenigen Momente in meinem Leben ein, wo ich ausnahmsweise mal nicht ein einziges Wort herausbekomme. Ein Priester? Er ist ein Priester?! Dies muss der Fall sein, denn niemand sonst würde es wagen offen eine solche Maske zu tragen. Das ist etwas womit ich nie gerechnet hätte. Welcher Oberflächenelf bekennt sich denn freiwillig zu Vhaeraun?

Er reißt mich aus meiner überraschten Starre indem er mich auf einmal am Kragen packt und kraftvoll zu sich hochzieht, bis ich auf wackligen Füßen stehe, so nah dass sich unsere Nasen schon fast berühren.

„Ich könnte mich vielleicht für dich einsetzen", flüstert er und ich kann seinen warmen Atem auf meiner Wange fühlen. Die Bedingungen die er stellen wird kann ich praktisch an seinen Augen ablesen, die diesmal deutlich sein Verlangen zeigen. Er muss sich ziemlich sicher sein darüber wer den Kampf gewonnen hat wenn er sich auf diese Weise offenbart. Ich reagiere vorerst nur mit einem nervösen Schlucken und warte ab ob er nicht doch noch etwas spezifischer werden wird. Ein Wunsch den er mir netterweise auch gleich erfüllt.

„Willige ein dich an mich zu binden und ich sorge dafür, dass du lebst."

Mich binden und ihm ausliefern? Der Gedanke ist nicht sehr angenehm. Der, demnächst zu sterben, ist allerdings noch um einiges schlimmer.

„Welche Art von Bindung?" Versuche ich meinen Spielraum auszuloten. Das ich nicht sofort zustimme scheint ihm nichts auszumachen, denn er bleibt völlig ruhig. Mich allerdings macht seine Nähe ein wenig nervös, besonders weil er jetzt auch noch anfängt mein Ohr zu lecken, was meiner Konzentrationsfähigkeit nicht gerade zuträglich ist. Zu sehr gleicht es den schuldigen Fantasien mit denen ich mir in den letzten Nächten die Zeit vertrieben habe. Es macht mir auf einmal Angst wie ungemein bereitwillig mein Körper in dieser Lage auf die Annährung reagiert. Ich weiß es jedoch besser als dass ich mich jetzt noch zu wehren versuche.

„Ich werde dir ausnahmsweise ein faires Angebot machen, weil du mich aus der Steinschlagzone gebracht hast", flüstert der Magier und beißt dann leicht zu, so dass ich ein lustvolles Stöhnen ob der berauschenden Mischung von Schmerz und Erregung nicht mehr unterdrücken kann, obwohl ich mich kurz danach Ohrfeigen könnte dafür derart die Kontrolle verloren zu haben in einer solchen Situation.

„Zweihundert Jahre gehörst du mir, danach steht es dir frei zu tun was immer dir in den Sinn kommt."

„Zweihundert Jahre."

Wunderbar, jetzt höre ich mich auch noch an wie ein Echo, aber ich kann scheinbar einfach nicht ordentlich denken wenn er so überwältigend nah ist, mich gegen die Wand der Höhle drängt und auf diese schrecklich kribbelig machende Art und Weise an meinem empfindsamen, ungeschützten Hals saugt.

„Also", ein verführerisches Raunen, das mich unfreiwillig erschauern lässt. „An deiner Stelle würde ich mich jetzt entscheiden Drow. Es dauert nicht mehr lange bis sie hier sind."

„Ahhh…" hilfloses Stöhnen. Verflucht ich habe eigentlich gar keine andere Möglichkeit und so schlimm wird es hoffentlich auch wieder nicht werden, zumindest im Moment scheinen sich unsere Wünsche perfekt zu ergänzen. Die Vorstellung ihm hilflos ausgeliefert zu sein ist überraschend erregend.

„Ja ich höre?"

„Einverstanden", keuche ich, woraufhin er mich mit einem harten, besitzergreifenden Kuss belohnt, bei dem mir unwillkürlich die Knie weich werden. Vielleicht werden die nächsten Zweihundert Jahre ja sogar besser als ich dachte.

Kurz darauf sind sie da. Eine Gruppe von ungefähr zwanzig Drow, soweit ich das feststellen kann aus der unterwürfig knienden Position in der ich mich momentan befinde. Alles um nur ja nicht bedrohlich zu wirken. Na ja ich habe schon schlimmeres hinter mir. Vor einer aufgebrachten Priesterin zu knien ist wesentlich schlimmer, denn so unberechenbar wie die sind weiß man nie ob man den nächsten Tag noch erlebt. Wenigstens sind inzwischen meine Hände frei, ein ungewohntes Gefühl nachdem ich die letzten Tage fast ausschließlich in Fesseln verbracht habe.

„Was ist das Anlyss?"

Der aggressive Unterton des Sprechers bewirkt, dass ich mich automatisch anspanne und beinahe zusammenzucke als der Magier mir beiläufig eine Hand auf die Schulter legt.

„Der gehört mir", erklärt er kühl und völlig ruhig.

„Ein Sklave? Wo um alles in der Welt hast du den bitte her?" Will der Anführer des Angriffstrupps, von dem ich leider nicht mehr als ein Paar weiche Lederstiefel sehen kann, entgeistert wissen.

„Ist mir zugelaufen", kommt prompt die flapsige Antwort des Priesters. Er muss sich seiner Position wirklich sehr sicher sein wenn er einen solchen Ton anschlägt.

„Wir werden ja sehen was Yazzrin dazu sagt", knurrt der Andere aggressiv. Wie es scheint herrschen gewisse Spannungen zwischen diesen beiden.

„In der Tat", bestätigt der Elf, der so unverhofft mein Leben übernommen hat, gelassen. Dann tippt er mir auf die Schulter.

„Komm", ordert er knapp und entfernt sich, woraufhin ich hastig aufspringe um ihm zu folgen. Dabei bleibt mir jedoch genug Zeit den wütenden Anführer dieses Trupps mit einem flüchtigen Blick zu streifen. Er ist recht durchschnittlich, sowohl was sein Aussehen als auch die Ausrüstung betrifft die er trägt, doch erste Eindrücke können täuschen und diese scheinbare Harmlosigkeit macht mich erst recht misstrauisch. Die pure Wut die in seinen blutroten Augen steht lässt sich jedenfalls nicht übersehen.

„Wir werden nachsehen ob Haril überlebt hat und Lust hat sich ein wenig zu unterhalten."

Das unangenehme Grinsen meines neuen Herrn ist sehr viel weniger beunruhigend, wenn es nicht direkt auf mich gerichtet ist. Haril ist, soweit ich weiß, der Kommandant der menschlich-elfischen Verteidiger. Besser gesagt war er es bis vor kurzem noch. Jetzt ist er eigentlich nicht besser als ich selbst. Im Grunde ist er sogar schlechter dran, denn ich habe wenigstens die leise Hoffnung in zweihundert Jahren meine Freiheit wieder zu erlangen. Wie schnell sich Schicksale doch ändern können denke ich versonnen, während wir unseren Weg durch die überall herumliegenden Leichen und stöhnenden Verwundeten suchen. Auf seinen Gesichtsausdruck im Lichte der hinterlistigen Täuschung eines seiner engsten Vertrauten freue ich mich bereits jetzt.

Dort hinten in der Ecke hockt er, leicht zusammengekrümmt und versucht seine Schmerzen zu verbergen. Ich kann noch nicht genau sehen wo er verwundet ist, aber es scheint sehr unangenehm zu sein, denn er hält sich so still wie möglich.

„Eirian?" Krächzt er entgeistert als er seinen vermeintlichen Freund auf sich zukommen sieht. Komplett mit Maske und selbstgefälligem Lächeln.

„Anlyss", verbessert ihn der Verräter unbewegt in der Gemeinsprache. „Eirian ist tot Haril mein Freund. Du hast ihn niemals zu Gesicht bekommen."

Seine Reaktion fällt sogar noch interessanter aus als ich es mir erhofft hatte. In den nächsten Sekunden werde ich Zeuge, wie er zunächst rot anläuft, in dieser unnachahmlich menschlich unbeherrschten Art und sich schließlich mit einem wütenden Aufschrei dem überlegen grinsenden Elfen entgegenwirft. Die Tatsache, dass er gefesselt und verwundet ist nimmt ihm dabei einen Großteil seiner Bedrohlichkeit und sorgt für amüsierte Blicke seitens der Drowsoldaten, die um uns herum noch damit beschäftigt sind ihre Verwundeten zur Versorgung aufzusammeln und ihre Beute aufzuteilen.

Da Anlyss eine auffordernde Kopfbewegung in meine Richtung macht, sehe ich keinen Grund mich länger zurückzuhalten und verpasse dem Menschen unerwartet einen kräftigen Tritt in die blutige und offensichtlich verletzte Seite, der ihn laut aufheulen und mich selbst befriedigt grinsen lässt. Dumm von ihm dass er sich nicht ordentlich umgeschaut hat vor seiner kopflosen Attacke. Jetzt schaut er allerdings doch und die Überraschung auf seinem bärtigen Gesicht verbreitert mein Grinsen nur noch. Ihn dort hilflos und besiegt am Boden zu sehen ist der beste Anblick den ich seit Tagen hatte!

Ein weiterer Tritt in die Seite lässt ihn gequält aufstöhnen und bringt frisches Blut zum Vorschein. Angezogen von diesem Anblick wie eine Meute Aasfresser beginnen sich die ersten der Kämpfer zu sammeln um an diesem Spektakel teilzuhaben, doch ich nehme sie nur am Rande wahr. Wundervollerweise gehört der Mensch nämlich in diesem Augenblick noch ganz mir und so habe ich die große Freude ihm meine Faust ins Gesicht zu schlagen als er kraftlos nach mir tritt. Das Geräusch brechender Knochen entschädigt mich völlig für den Schmerz in meinen eigenen Knöcheln als seine Nase auf einmal einen neuen Umriss annimmt. Ich kann seinen Schmerz praktisch riechen, selbst wenn er versucht die Laute zu unterdrücken und lediglich ein dumpfes Grunzen über seine Lippen kommt. Zu schnell als dass er sich wegdrehen könnte bohre ich einige Finger in die Wunde in seiner Seite und bringe ihn schließlich doch dazu einen kleinen Schrei auszustoßen. Ein freudiger Schauer rieselt mir den Rücken hinab.

„Halt. Wir brauchen ihn noch."

Unsanft reißt mich Anlyss' Stimme aus dem beginnenden Blutrausch und ich brauche einen kurzen Moment um mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Einen tiefen Atemzug lang blicke ich in die schmerzerfüllten blauen Augen des Menschen, die noch immer eine Spur der entsetzten Überraschung in sich tragen. Töricht von ihm sich so auf andere zu verlassen. Er verdient sein Entsetzen.

Stumm stehe ich neben dem Magier, den Kopf leicht gesenkt, aber nicht mit der völligen Unterwürfigkeit eines willenlosen Sklaven. Er scheint es mir durchgehen zu lassen, zumindest für den Moment. Wir werden sehen wie eng die Grenzen sein werden, denen ich mich in Zukunft fügen muss. Als dieser Andere mich als Sklave bezeichnete hat er allerdings nicht widersprochen... unwillig muss ich mir eingestehen, dass ich nicht die geringste Ahnung habe wie genau seine Vorstellungen unseres zukünftigen Verhältnisses aussehen. Aber wer weiß schon was im Kopf eines Magiers und Vhaeraunpriesters vorgehen mag?

„Sorgt dafür, dass er am Leben bleibt und dass seine Wunden verbunden werden." Befiehlt Anlyss einem der Soldaten, der sich daraufhin sofort gehorsam mit einem Nicken in Bewegung setzt. Wahrscheinlich um einen Heiler zu holen.

„Und wir haben noch einiges zu besprechen", wendet er sich gleich darauf mir zu, mit einem Ton und Blick, der kaum Zweifel darüber aufkommen lässt was wir „besprechen" werden. Dies löst natürlich einiges an Gewisper in meiner näheren Umgebung aus und die teils neidischen, teils gehässigen Blicke der anderen Krieger kann ich nur zu leicht interpretieren, nachdem ich bereits einen kleinen Vorgeschmack von den Vorlieben dieses speziellen Magiers bekommen habe. Bemüht gleichmütig zucke ich mit den Schultern. Er grinst. Irgendwie war die Entscheidung zur Unterwerfung leichter als ich dort an die Höhlenwand gepresst stand und kaum denken konnte wegen all den kribbelnden Berührungen. Die beginnende schlechte Vorahnung, die mich in diesem Moment überkommen will, verdränge ich hastig.

Mit einem innerlichen Seufzer wische ich unauffällig das Blut des Menschen an meiner ohnehin verdreckten Hose ab und folge dem vorausgehenden Anlyss, bis wir wieder im Freien angelangt sind. Einige geschäftige Gestalten sind dabei mit geübten Griffen ein Lager unter freiem Himmel zu errichten. Die Höhle ist wahrscheinlich auch kein geeigneter Ort mehr für längere Aufenthalte, nachdem ihre Stabilität durch die Erschütterungen so gelitten hat. Ein Umstand der Bedauern bei mir hervorruft, da ich nun wieder der unendlich scheinenden Weite des Himmels ausgesetzt bin. Ich schätze daran werde ich mich nun wohl oder übel gewöhnen müssen.

Der Priester bewegt sich zielstrebig auf eines der gerade entzündeten Feuer zu und grinst dem dort wartenden Krieger entgegen, dessen neugieriger Blick mich kurz streift, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Anlyss zuwendet.

„Wo warst du während des Angriffs? Ich habe deine Anwesenheit vermisst", sagt er statt einer Begrüßung, scheint jedoch dabei eher neugierig als vorwurfsvoll.

„Oh, ich habe mich sicherheitshalber hinter einem großen Haufen Geröll versteckt um mir nicht die Hände schmutzig machen zu müssen", entgegnet der Angesprochene grinsend. „Wenigstens wird Laty'rll das wahrscheinlich so darstellen wollen."

Ich schätze dieser Laty'rll ist derjenige mit dem Anlyss bereits vorhin aneinander geraten ist. Also jemand vor dem ich mich in meiner Position besser in acht nehmen sollte.

„Ich hatte Glück", fährt Anlyss dann, in sehr viel ernsterem Ton fort. „Wären die Umstände anders gewesen läge ich nun vielleicht unter dem Geröllhaufen."

Ich überlege müßig, ob das nicht vielleicht sogar die eigentliche Absicht hinter dem Steinschlag war. Leider weiß ich nicht genug über Laty'rll und seine Verbündeten um die Situation verlässlich einschätzen zu können, beschließe aber diesen Umstand so bald wie möglich zu ändern. Schließlich ist es im Moment vorerst auch in meinem Sinne Anlyss weiterhin am Leben zu erhalten, das machen mir schon allein die vielen misstrauischen und teilweise auch offen feindseligen Blicke klar, die sich im Augenblick mit fast fühlbarer Intensität in mein Rückrat bohren. Das Wort Spinnenküsser macht leise gezischt seine Runde und bildet einen unüberwindlichen Wall zwischen mir und diesen Kriegern.

„Weißt du wo Ssanval ist? Ich brauche seine Hilfe für eine Bindung."

„Eine Bindung!"

Der neugierige Blick kehrt mit vielfacher Intensität zu mir zurück.

„Ich möchte Unklarheiten vermeiden und es am liebsten so schnell wie möglich arrangieren."

„Ehe jemand anderes seine gierigen Finger nach ihm ausstreckt?"

Die Belustigung in seiner Stimme ist nicht zu überhören als er eine anzügliche Geste in meine Richtung wirft und angesichts einer solchen Anspielung lasse ich die beiden mit Absicht die deutliche Grimasse sehen die sich mir bei einem solchen Bild aufdrängt, auch wenn ich im Moment gar nicht angesprochen bin und sie mich kaum beachten.

„Das würde ich nicht empfehlen", antwortet Anlyss täuschend sanft. „Also? Wo ist er?"

„Da hinten." Der Krieger deutet in Richtung eines noch im Bau befindlichen Zeltes. „Hilft bei den Verwundeten."

Mit einem letzten zufriedenen Nicken wendet sich mein Priester ab um in die angegebene Richtung zu verschwinden, woraufhin ich gezwungenermaßen folge. Ob ich es schaffen könnte an einen Heiltrank zu kommen? Die Beule an meiner Stirn pocht unangenehm und auch der Rest meines Körpers lässt mich ebenfalls unmissverständlich wissen, dass er es nicht sonderlich schätzt gegen Höhlenwände geschleudert zu werden. Allerdings liegt diese Sache nun wohl mehr oder weniger in Anlyss' Ermessen.

Ssanval ist zwar gerade dabei sich zwischen zwei Verwundeten das Blut von den Händen zu waschen, scheint jedoch nicht abgeneigt seine Arbeit im Vorzug einer spannenderen Beschäftigung an jemand anderes zu delegieren. Da keiner der Verwundeten mehr in unmittelbarer Lebensgefahr schwebt wagt es auch niemand zu protestieren und ehe ich mich versehe finden wir uns auf einer kleinen, ruhigen Lichtung gerade außer Sichtweite des Lagers wieder.

Misstrauisch betrachte ich Ssanval. Es geschieht nicht jeden Tag dass man einem Magier begegnet, der aus dem Stehgreif eine derart komplizierte Sache wie eine persönliche Bindung fertig bringt. Aber dieser hier kann es offensichtlich und es sieht ganz so aus als müsste ich Anlyss bald offiziell Herr nennen. Der hungrige Ausdruck, den ich in seinen Augen erkennen kann, als ich vor ihm knie und die Worte über meine Lippen zwinge, die mich für zwei Jahrhunderte meine Freiheit kosten werden, lässt mich in kribbelnde Unruhe ausbrechen. Wenigstens hält er sein Wort und begrenzt wirklich die zeitliche Dauer unseres zukünftigen Verhältnisses, eine kleine Geste der Gnade, mit der ich fast nicht mehr gerechnet hatte. Schließlich bin ich im Moment in keiner Position auch nur ein einziges Wort des Protestes anzubringen und dass ist uns beiden sehr wohl bewusst.

Kaum habe ich die letzte Silbe ausgesprochen, da kann ich fühlen wie die Magie Halt über mich gewinnt, mich gefügig macht. Das Gefühl gleicht in etwa der Agonie die flüssige Lava in meinen Adern auslösen würde und mein letzter Gedanke vor der gnädigen Ohnmacht gilt der Hoffnung, dass ich so etwas niemals wieder erleben muss.

Als ich erwache ist glücklicherweise von den schrecklichen Schmerzen nichts mehr zu spüren. Bis auf die Verletzungen die ich mir zuvor zugezogen habe scheint sich meine allgemeine Verfassung nicht verändert zu haben. Nur die neuen, silbrigen, aber auf verstörende Weise wie eine alte Tätowierung aussehenden Muster, die sich nun um meine Handgelenke winden, sind neu. Noch während ich sie begutachte, schaue ich aus dem Augenwinkel instinktiv nach Anlyss, der ein Stück entfernt in eine fesselnde Unterhaltung mit dem anderen Magier vertieft zu sein scheint. Nach einem kurzen Seitenblick winkt er mich herüber.

Während ich eilfertig aufstehe und dabei hastig einige kleine Zweige und Laub von meinen Kleidern wische, frage ich mich unwillkürlich was er wohl nun mit mir vorhat und wie weit die Kontrolle geht die ihm die Bindung über mich gibt. Könnte ich mich zumindest ein wenig widersetzen wenn ich es wollte und bereit wäre eine Strafe zu riskieren? Zumindest diese Wahl zu haben ist mir auf einmal unglaublich wichtig. Wie es scheint lernt man schnell die kleinen Freiheiten zu schätzen wenn die großen erst einmal außer Reichweite geraten sind.

Gerade noch rechtzeitig erinnere ich mich daran eine angemessen respektvolle Verbeugung auszuführen nachdem ich bei den beiden angelangt bin. Schließlich muss ich ja nicht sofort Anlyss' Unmut herausfordern. Er schaut mich forschend an.

„Bist du erholt von der Prozedur? Keine seltsamen Schmerzen oder ähnliches?"

Ich schüttle den Kopf. Alle Schmerzen die ich im Moment habe sind völlig normal wenn man in meinem Zustand ist, was ich mir jedoch verkneife zu erwähnen. Das gehässige Grinsen in seinem Gesicht macht ohnehin mehr als klar dass ihm die Situation bewusst ist.

„Wunderbar", befindet Anlyss zufrieden und befiehlt dann scharf: „Ausziehen."

Ich werfe ihm zwar einen unwilligen Blick zu, wage aber vorerst nicht mich zu weigern. Schnell sind meine Kleider abgelegt. Die kühle Luft überzieht meine Arme mit einer Gänsehaut, während ich missmutig die intensive Musterung der beiden Magier über mich ergehen lasse.

„Nett", bemerkt Ssanval schließlich und schnippt mit einem Finger nachlässig gegen meine Brustwarze. Ich gebe vor das nicht zu bemerken, auch wenn ich dafür einige Beherrschung aufbringen muss. „Ein bisschen Körperschmuck wäre bestimmt unterhaltsam an ihm."

Von diesem Vorschlag bin ich gar nicht begeistert, aber Anlyss scheint die Idee leider zu gefallen, denn er grinst und führt mit neuem Interesse die Betrachtung meines Körpers fort. Wenn ich Pech habe, überlegt er nun wo das erste Piercing seinen Platz finden wird.

„Er scheint nicht besonders angetan von deinem Vorschlag, oder was hat diese beleidigte Miene sonst zu bedeuten Sklave?" Hakt Anlyss spöttisch nach.

„Solche Dinge behindern nur beim kämpfen", murmle ich undeutlich und starre angestrengt auf einen Punkt irgendwo zwischen meinen Zehen, wohlwissend, dass ich in dieser Angelegenheit keinerlei Entscheidungsfreiheit haben werde.

„Ah", macht mein neuer Herr und Meister wenig aufschlussreich, bevor er mich im Nacken packt und nah zu sich heranzieht, um mir belustigt ins Ohr zu schnurren: „Und wer sagt dass du in nächster Zeit Anlass haben wirst zu irgendwelchen Auseinandersetzungen? Wenn du dich mit den Kriegern anlegst wirst du alleine und als Sklave sowieso den Kürzeren ziehen. Das würde ich an deiner Stelle tunlichst vermeiden. Wenn du jemand höhergestelltes angreifst kannst du mit einer öffentlichen Bestrafung rechnen."

Er tritt zurück und entlässt mich aus dem festen Griff. Mein Körper bedauert ein wenig die nun fehlende Wärme, aber insgeheim bin ich froh dass er so schnell wieder von mir abgelassen hat. Meine Reaktionen sind mir immer noch unheimlich. Und dass obwohl ich nun wirklich keine unschuldige Jungfrau bin.

„Ich muss noch ein paar Dinge mit Laty'rll besprechen. Sein Timing lässt einiges zu wünschen übrig. In der Zwischenzeit kann Ssanval deine Hilfe sicherlich gut gebrauchen. Wenn ich fertig bin komme ich dich wieder abholen."

Damit wendet er sich auch bereits ab und verschwindet, nach einem letzten Kopfnicken in Richtung seines Kollegen, schnellen Schrittes gen Lager. Dem verbliebenen Magier werfe ich einen schnellen Blick zu, bevor ich mich hastig nach meinen Kleidern bücke. Fehlt mir nur noch, dass er mich den ganzen Tag nackt in der Kälte herumscheucht. Er lässt mir zwar keine Zeit mich anzuziehen, sondern läuft sofort los zurück zum Krankenlager, aber ich bin geschickt genug das auch während des Laufens zuwege zu bringen. Zumindest macht er keine Anstalten meine Bemühungen zu unterbinden.

Es ist nicht mehr allzu viel zu tun. Alle die jetzt noch versorgt werden müssen haben nur oberflächliche Verwundungen und so tue ich nicht viel mehr als Verbände und Salben herumzutragen zu jedem der sie gerade benötigt. Zu meiner großen Erleichterung sind alle beschäftigt genug um mich kaum zu beachten. Schließlich sind alle Kämpfer geheilt oder verbunden und Ssanval schickt mich los um am nahe gelegenen Bach die blutigen Instrumente der Heiler zu säubern.

Am Bachufer bin ich das erste mal seit Wochen allein. Ein seltsames Gefühl in dieser, mir immer noch fremden, Umgebung. Ob ich auf mich allein gestellt wohl überleben könnte in diesen weitläufigen Wäldern voller unbekannter Wesen? Eine Weile starre ich gedankenvoll auf die großen Pflanzen am anderen Ufer, deren Blätter sich in ständiger, ruheloser Bewegung zu befinden scheinen. Am Ende wird mir jedoch schnell klar, dass ich wohl keine Chance bekommen werde mich einer solchen Probe zu stellen und ich ärgere mich mittlerweile maßlos, dass ich mich von Anlyss so habe überrumpeln und verwirren lassen, dass ich auf diesen Handel eingegangen bin. Schon jetzt bedauere ich meine Entscheidung.

Was wird noch von mir übrig sein nach zweihundert Jahren? Immer mehr wird mir klar, dass ich einen fatalen Fehler damit begangen habe mich so einfach zu ergeben. Mich freiwillig zu binden! Ich habe mich viel zu sehr mit der Rolle des hilflosen Gefangenen abgefunden. Mit einem leisen Stöhnen schlage ich die Hände vors Gesicht, momentan überkommen von schwarzer Fassungslosigkeit. Wie konnte ich nur? Gleich darauf schaue ich mich wieder wachsam um. Hat jemand diesen peinlichen Ausbruch mitbekommen? Nein, zum Glück nicht. Ich bin noch immer allein. Selbstbeherrschung ist alles was mir jetzt noch bleibt.

Ich zwinge meine Aufmerksamkeit zurück zu meiner Aufgabe und versuche nicht mehr darüber nachzudenken was ich so leichtfertig weggeworfen habe. Jetzt ist es ohnehin zu spät um noch etwas ändern zu wollen.

Völlig auf die gleichförmigen Bewegungen des Schrubbens konzentriert klaube ich automatisch eine Spinne aus der Luft, die sich unvorsichtig zu mir herunter gelassen hat und setze sie abwesend zu meiner Rechten in den Sand. Ich zucke heftig zusammen als sie gleich darauf ein jähes Ende unter einem Stiefel findet. In meiner Heimatstadt stünde auf eine solche Handlung ein qualvoller Tod! Alarmiert schaue ich auf. Direkt in das feixende Gesicht eines der Soldaten. Normalerweise hätte sich niemand so einfach an mich heranschleichen können, aber hier inmitten all der ungewohnten Geräusche und dem Gluckern des Wassers funktioniert das offensichtlich doch. Ein Umstand der große Besorgnis in mir weckt.

„Sowas solltest du dir abgewöhnen Spinnenliebchen", belehrt der Soldat mich verächtlich und verschmiert mit einer nachdrücklichen Drehbewegung seiner Ferse die Überreste des Tieres noch ein wenig im Sand. Etwas bei dessen Anblick sich mir ganz instinktiv die Nackenhaare aufstellen vor Unbehagen. Lange Jahrzehnte unter den wachsamen Augen Priesterinnen Menzoberranzans hinterlassen bei jedem ihre Spuren. Den Drang in Erwartung von göttlicher Vergeltung die Schultern hochzuziehen unterdrücke ich nur mühsam.

Nachdem er sich offenbar genug über meine Beklommenheit amüsiert hat, beginnt der Soldat nun langsam um mich herum zu stolzieren.

„Ich gebe dir zwanzig Jahre", informiert er mich nach eingehender Betrachtung, mit nüchterner Berechnung. Ich reagiere darauf lediglich mit einer finsteren Grimasse. Was soll ich auch sagen? Anlyss kennt er wahrscheinlich besser als ich.

„Sein letzter ist nach zehn Jahren wahnsinnig geworden", plaudert der andere mit einem hässlichen Grinsen weiter, „aber du scheinst ja ein wenig widerstandsfähiger zu sein. Kein Wunder wenn man ständig vor der Spinnenhure kriechen muss. Wahrscheinlich hast du schon mehr als genug Übung im Stiefellecken."

Mittlerweile würde ich ihm am liebsten sagen er solle sich wegscheren und gefälligst jemand anderes mit seinen dämlichen Bemerkungen belästigen, aber in meiner untergeordneten Position kann ich mir das kaum erlauben. Ihn einfach zu ignorieren wage ich allerdings auch nicht und so schaue ich angespannt zu wie er näher kommt und sich dann direkt neben mir in eine hockende Stellung fallen lässt.

„Aber vielleicht gefällt es dir ja auch", spekuliert er mit anzüglichem Blick und fasst zielstrebig nach meinem Ohr, woraufhin ich dann doch kurz die Beherrschung verliere und mit einem Zischen zurückweiche. Eine solch aufdringliche Berührung kann er sich nur bei einem wehrlosen Sklaven erlauben. Jeder Freie würde das Recht haben sich mit allen Mitteln dagegen zu wehren.

Das reflexartige Zucken meiner Hand hätte auch normalerweise in einem wohlgezielten Schlag geendet. Hier und jetzt unterdrücke ich den automatischen Impuls mit knirschenden Zähnen. Selbst diese angedeutete Abwehr reicht allerdings, um ihm einen Vorwand zu geben mir nachzusetzen und mir hart einen meiner Arme auf dem Rücken zu verdrehen. Ich winde mich zwar in seinem Griff, aber weil ich ihn nicht wirklich angreifen darf, hat er mich schnell unter sich auf dem Bauch. Der Geruch des feuchten Sandes steigt mir in die Nase und ich fühle wie langsam die Kälte durch meine Kleider sickert. Ein scharfer Kontrast zu dem soliden, warmen Körper auf meinem Rücken.

„Also ich denke es gefällt dir", spottet er, greift mit der freien Hand wieder nach meiner empfindlichen Ohrspitze und drückt diesmal brutal zu, so dass ich ein schmerzliches Keuchen nicht mehr zurückhalten kann.

„Also ich denke du solltest dich um deinen eigenen Dreck kümmern", zische ich, zu wütend um mich noch um die Folgen zu scheren. Gleich darauf wird mein Gesicht unsanft in den Dreck gepresst, während über mir hämisches Gelächter ertönt. Die Beule an meiner Stirn protestiert schmerzhaft gegen diese Behandlung. Aber was dabei am meisten schmerzt ist mein Stolz. Dieses Leben wird schwieriger als ich dachte.

Näher kommende Stimmen aus Richtung des Lagers retten mich aus dieser unangenehmen Position und wie ein Schatten ist auf einmal der angriffslustige Krieger von meinem Rücken verschwunden. Ein Lachen ertönt, nun schon um einiges näher. Es klingt nach Anlyss. Ich setze mich auf, spucke den Sand aus der in meinen Mund gelangt ist und versuche mir schnell das Gesicht sauber zu wischen bevor er mich erblickt. Schaffen tue ich dies jedoch nicht und gleich darauf steigen unter seinem irritierten Blick sorgenvolle Gefühle in mir auf.

„Wieso bist du noch nicht fertig?"

„Entschuldigt Herr", beginne ich hastig „ich war ungeschickt und bin gefallen und…"

Ein überraschtes schmerzerfülltes Aufheulen unterbricht meine Worte sobald diese Lüge heraus ist, denn auf einmal scheint es mir als habe es sich jemand zur Aufgabe gemacht mein Rückrat herauszureißen. Die Bindung! Anlyss starrt mit überkreuzten Armen ärgerlich auf mich herab, während mir abrupt und nachdrücklich klar wird, dass ich ihn niemals werde anlügen können ohne mich zu verraten. Eine Reaktion auf solche Schmerzen kann man gar nicht verbergen.

Ssanval, der ihn begleitet hat, bemerkt meinen entsetzten Blick angesichts dieser unsanften Enthüllung und lacht mich aus.

„Damit hat er nicht gerechnet", grinst er schadenfroh und setzt selbstgerecht hinzu: „Aber schließlich habe ich nicht umsonst einen exzellenten Ruf wenn es um Bindungen geht."

„In der Tat", grollt Anlyss, noch immer mehr auf mich konzentriert und sichtlich ungehalten. Letztendlich tut er jedoch nichts als mir barsch zu befehlen endlich meine Aufgabe zu beenden und mich danach in seinem Zelt abzuliefern, bevor er wieder für einige Zeit verschwindet. Ich wünsche mir sehr dass er noch lange braucht bis er wieder zurück ist, aber entkommen kann ich diesem Augenblick wohl nicht.

Ich erwäge kurz einen Versuch etwas Ordnung in sein Gepäck zu bringen um mich durch Beschäftigung wenigstens ein bisschen von meiner Lage abzulenken, aber letztendlich wage ich es nicht seinen Besitz ohne Erlaubnis zu berühren. Mit zusammengepressten Lippen zwinge ich mich schließlich zur Ruhe und knie mich neben die schmale Matte aus zusammengeflochtenen, mir unbekannten Pflanzenfasern, die mit einigen Fellen bedeckt ein komfortables Lager darstellt. Mit der Praxis eines an lange Wachdienste gewöhnten Soldaten verdränge ich alle Gedanken an die Zukunft, die schmerzenden Stellen überall an meinem Körper sowie meinen wachsenden Hunger und konzentriere mich auf die Wahrnehmungen meiner scharfen Sinne. Je eher ich mich an die fremden Geräusche gewöhne desto besser.

Als irgendwann doch die Plane des Zelteingangs zurückgeschlagen wird, muss ich bewusst meinen Atem kontrollieren um nicht meine unwillkürlich aufwallende Angst zu verraten. Ich verharre reglos auf den Knien und lausche angestrengt auf das leise Rascheln der weiten Roben, das mir verrät wo Anlyss sich befindet.

„Du bist keinen Tag in meiner Obhut und schon versuchst du mich anzulügen", konstatiert seine eisig beherrschte Stimme schräg hinter mir. „Glaub nicht dass ich dir das einfach durchgehen lasse."

Eine Weile sagt danach keiner von uns beiden etwas. Wartet er auf eine Antwort oder eine Entschuldigung? Darauf dass ich mich verteidige? Unruhig graben sich meine Finger in den schmutzigen Stoff meiner Hose. Ich setze an etwas in dieser Richtung von mir zu geben, doch noch während ich Luft hole schlägt er mir von hinten die flache Hand über den Mund.

„Schweig!" herrscht er mich ärgerlich an und ich kann seine Wärme über meinen ganzen Rücken spüren als er sich hinter mir niederlässt. Die Magie seiner Ausrüstung sendet ein seltsames Kribbeln über meinen Körper, als sie mich streift.

„Ich glaube nicht dass ich in nächster Zeit das Bedürfnis haben werde deine Stimme zu hören, wenn du dann doch nur Lügen von dir gibst."

Auf einmal hat seine Stimmung wieder gewechselt und nun kann ich deutlich den ruhigen aber bösartig belustigten Unterton in seinen Worten wahrnehmen. Bevor ich spekulieren kann was er damit meint, legt er mir leicht die Fingerspitzen auf den Hals und murmelt etwas. Einen Augenblick überkommt mich momentane Panik, doch zunächst geschieht scheinbar gar nichts. Erst sein nächster Satz lässt in mir eine unangenehme Vermutung aufkommen.

„Stumme Sklaven sind ohnehin vertrauenswürdiger denkst du nicht auch", murmelt er mir zufrieden ins Ohr und erhebt sich wieder. Meine bisherige Beherrschung wird vom Schock durchbrochen und ich hebe unüberlegt meinen Blick um ihn ungläubig anzustarren. Scheinbar ohne mein Zutun formt mein Mund fragende Worte, die nicht erklingen. Er hat mir wirklich die Stimme genommen und der Ausdruck sadistischer Befriedigung in seinem Gesicht, macht mir nur umso mehr deutlich, dass es rein gar nichts gibt was ich dagegen tun könnte.

„Ausziehen", kommandiert er dann scharf, noch bevor ich mich auch nur ansatzweise von diesem plötzlichen Einschnitt erholt habe. „Wollen doch mal sehen ob dieser Körper auch hält was er verspricht."

Meine Bewegungen entbehren ihrer gewohnten Flüssigkeit als ich gehorche und das abstoßende Gefühl der Hilflosigkeit schnürt mir die Kehle zu. Bisher war ich mir immer meiner Fähigkeit sicher, mich anzupassen und notfalls alles überleben zu können, aber wenn Anlyss nicht nur mein Körper sondern sogar meine Stimme gehört, was bleibt mir dann noch? Hätte er mir nicht ebenso gut auch das Augenlicht nehmen können? Das ist eine Möglichkeit die mir Schauer des Entsetzens den Rücken hinab jagt. Bei meinem Volk werden Wesen mit solchen Behinderungen ausnahmslos getötet. Wer will sich schon mit nutzlosen Krüppeln belasten? Ich bin in jeder Hinsicht von diesem Elfen abhängig, der mich jetzt prüfend mustert. Und ich bin selbst daran schuld.

Drow neigen nicht dazu Tränen zu vergießen, doch in diesem Moment bin ich nahe davor meiner hoffnungslosen Frustration und der Furcht vor der Zukunft auf diese Weise Ausdruck zu verleihen. Es dauert zum Glück nur einen Augenblick bis ich mich wieder besser in Gewalt habe. Wenn ich also nun auf Anlyss angewiesen bin, beschließe ich mit einem gewissen Fatalismus, sollte ich wahrscheinlich besser alles tun um ihn milde zu stimmen.

Mit diesem Gedanken zwinge ich ein einladendes Lächeln auf meine Lippen. Ich weiß, dass ich durchaus attraktiv bin, auch wenn man mich nicht als herausstechend und außergewöhnlich gutaussehend bezeichnen würde. Wohlproportionierte, trainierte Muskeln und glatte ebenholzfarbene Haut, die bisher kaum Narben aufweist, gepaart mit dem ungewöhnlich weichen, schneeweißen Haar, das ich wie die meisten Krieger kurz trage, geben kaum einen Anlass zur Beanstandung. Meine, für einen Drow recht durchschnittliche, Größe bedeutet, dass ich zu Anlyss aufschauen muss wenn wir uns gegenüberstehen, aber ich denke kaum, dass ihm das missfallen wird.

Sein spöttisches Grinsen zeigt zwar, dass er meine Absichten ohne weiteres durchschaut, aber er hat offensichtlich auch nichts dagegen zunächst einmal auf das implizierte Angebot einzugehen. Auf seine herrische Geste hin mache ich mich daran ihn ebenfalls zu entkleiden.

Das feine Netz aus alten Narben auf seinem Rücken und die beiden etwas gröberen, die sich um seine Handgelenke winden, lassen mich kurz stutzen. Ich weiß jedoch: Diese Geschichte geht mich nichts an und daher gebe ich vor gar nichts gesehen zu haben. Aber ich bin erleichtert, als er mich grob rückwärts auf die Felle stößt und ich sie nicht mehr ansehen muss. Die Narben sind mir unheimlich, während sie gleichzeitig eine seltsame Faszination auf mich ausüben. Trotzdem denke ich kaum dass ich jemals erfahren werde woher sie stammen.

Überhaupt sind meine Gefühle was Anlyss betrifft seltsam ambivalent. Er ist zwar wenig rücksichtsvoll, aber gegenüber einem Sklaven erwarte ich das auch nicht von ihm. Und die langsam aufflackernde Erregung, die mich trotz allem überkommt, lässt mich mein Schicksal wieder etwas bereitwilliger annehmen. Wie schafft er das? Es ist beinahe so als hätte er mehr Kontrolle über meinen Körper als ich selbst.

Er hält inne und schaut nachdenklich auf mich herab, als überlege er was wohl der nächste Schritt in diesem Spiel sein soll. Seinen Gesichtsausdruck kann ich absolut nicht einordnen. Erregung ist zwar vorhanden, vermischt sich aber mit anderen Dingen, die ich nicht benennen kann. Diese Unsicherheit hinterlässt ein leicht flaues Gefühl bei mir, doch im Grunde kann ich nur abwarten, was diese Nacht bringen wird.

„Und?" Fragt er mich dann überraschend in lauerndem Ton. „Bedauerst du schon dich darauf eingelassen zu haben?"

Das er meine Hände momentan über meinem Kopf niederdrückt limitiert meine Möglichkeiten zu antworten. So eingeschränkt kann ich nicht einmal die hoch entwickelte Zeichensprache meines Volkes verwenden. Einen Augenblick bin ich kurz davor nachdrücklich meinen Kopf zu schütteln um ihn nicht zu verärgern, aber dann wandle ich die Bewegung um und ende mit einem seltsamen Zwischending aus Halbnicken und Schulterzucken. Schließlich ist mir immer noch bewusst, dass ich ebenso gut mit den Menschen tot in der Höhle liegen könnte und nicht hier auf weichen Pelzen. Im Vergleich dazu ist sogar diese Wendung der Ereignisse annehmbar und die unvermeidlichen Folgen einer Lüge sind mir noch sehr frisch im Gedächtnis.

Der skeptisch gehobenen Augenbraue nach zu urteilen, war meine Antwort wenig aufschlussreich, aber auf eine Erklärung legt Anlyss ganz offensichtlich keinen Wert. Er zuckt lediglich mit den Schultern und fährt dann dort fort wo er gerade aufgehört hat. Auch wenn er etwas abgelenkt wirkt, geht er sehr zielstrebig und methodisch vor. Schnell hat er die empfindlichen Stellen an meinem Körper gefunden die mich hilflos Aufkeuchen lassen wenn er sie kräftig zwickt. Wenn ich meine Stimme noch hätte, wären schon bald etliche unelegante Winsel- und Quietschgeräusche zu hören. So bleibt mir nur mich nutzlos zu winden und mit den Zähnen zu knirschen, während es sich so anfühlt als würde mir Anlyss langsam die Brustwarze zerquetschen. Dass er dabei ständig mit halbem Ohr auf die Geräusche außerhalb des Zeltes lauscht finde ich unerwartet irritierend.

Er ist geschickt genug die Schmerzen mit anhaltender Stimulation zu verbinden, so dass ich auch weiterhin erregt bleibe. Mein einziger Versuch selbst etwas zu tun wird mit einer prompten, wenn auch nachlässigen Ohrfeige geahndet. Danach behalte ich meine Hände lieber bei mir und lasse ihn verfahren wie immer er möchte.

Ich bin beinahe überrascht, als er mir immerhin erlaubt seinen Penis mit Speichel zu befeuchten. Nicht dass das sehr viel hilft, denn mehr Rücksicht gibt es nicht und es ist klar wessen Befriedigung dieser Akt dienen soll. Meine ist es nicht. Eigentlich ist es mehr eine Bekräftigung seiner Besitzansprüche als irgendetwas anderes. Jedenfalls scheint es mir so. Nur der Form wegen, mit halber Aufmerksamkeit benutzt zu werden hinterlässt ein seltsames Gefühl der Leere in meiner Brust, über dass ich mich noch eine ganze Weile ärgere. Selbst als Anlyss längst still schlafend neben mir auf den Fellen liegt, deren Komfort ich auf sein scharfes Kommando hin entbehren musste, lässt mich diese störende Emotion nicht los. Missmutig rolle ich mich fester zusammen, um nicht zu viel kostbare Wärme an den kühlen Boden abzugeben und versuche vergeblich die vielfältigen Schmerzen meines Körpers zu ignorieren.

Wahrscheinlich sollte ich eher froh sein dass Anlyss sich so verhält. Mehr Aufmerksamkeit kann leicht zu einer äußerst schlechten Sache für mich werden. Aber weshalb sollte er sich die ganze Mühe machen, sich sogar mit diesem Laty'rll anlegen, wenn er sich eigentlich gar nicht für mich interessiert? Selbst wenn sie befreundet sind wird Ssanval eine Gegenleistung erwarten für die Bindung die er ausgeführt hat. Habe ich mir das Begehren nur eingebildet, das Anlyss heute in der Höhle und auch davor gezeigt hat?

Ratlos starre ich an die Zeltdecke, die sich sanft in der gelegentlichen Böe wiegt und frage mich beklommen wie nun meine Zukunft aussehen soll. Was kann ich tun um meine Situation zu verbessern? Das ich keine Ahnung habe wie die soziale Struktur dieser Gruppe aufgebaut ist schiebt den meisten Überlegungen schnell einen Riegel vor, bis ich es schließlich frustriert aufgebe und beschließe zunächst mehr Information zu sammeln.