A/N: So diesmal ist es eher eine Art Übergangskapitel geworden. Aber die müssen eben auch manchmal sein. Hoffe es ist nicht allzu langweilig.


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Manchmal muss man einfach entspannt sein

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Sobald wir wieder zurück in die bedrückende Enge des kleinen Zimmerchens kommen, kann ich sofort Anlyss' suchenden Blick auf mir spüren. Von der Kante eines Bettes aus starrt er zu mir hinauf, als könnte er in meinem Gesicht lesen was Sszerin mir wohl zu sagen hatte. Sailil, der auf dem anderen Bett sitzt, trägt dagegen wieder diese bewundernswert gleichmütige Miene zur Schau, die so frustrierend schwer zu durchdringen ist. Seine Haltung ist geradezu entspannt zu nennen, was mich etwas überrascht. Aufmerksam verfolgt er, wie Sszerin sich vorsichtig neben Alaundril, die inzwischen auch vollständig erwacht ist, auf deren Bett niederlässt. Sie scheint sich einigermaßen von ihren schweren Verletzungen erholt zu haben und sitzt zumindest aufrecht.

Da ich selbst keine Lust habe Anlyss zu ermutigen, hocke ich mich notgedrungen neben den Heiler, der nicht das kleinste Anzeichen von Überraschung offenbart.

„Jetzt da wir endlich alle anwesend sind", beginnt Sszerin, sobald ich mich niedergelassen habe. „Können wir hoffentlich auch einen sinnvollen Plan für unser weiteres Vorgehen entwickeln."

Nachdem niemand etwas darauf erwidert, aber alle ihn erwartungsvoll ansehen, fährt er fort: „Ich denke wir stimmen alle darin überein, dass es am klügsten wäre zunächst eine Weile hier in der Stadt zu bleiben, wo man uns nicht so schnell aufspüren kann, solange wir uns unauffällig genug verhalten."

Allgemeines Nicken folgt von Alaundril und Anlyss. Ich kann dazu nur unsicher mit den Schultern zucken, aber generell scheint es ein ratsames Vorgehen zu sein, auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt so viel Zeit inmitten all dieser Menschen zu verbringen.

„Sobald wir eine verlässliche Verkleidung aufgetrieben haben, können wir vorgehen wie damals in New Haven", verkündet Alaundril und grinst zufrieden, ungeachtet der Tatsache, dass nur die Hälfte der Anwesenden versteht was sie meint.

Sszerin schüttelt allerdings zögerlich den Kopf.

„Ich denke das wäre nicht so gut in unserer Lage. Wir müssen versuchen jegliche Aufmerksamkeit zu vermeiden, damit wir nicht entdeckt werden, solange Nadal in dieser Umgebung noch so hilflos ist."

Natürlich muss er darauf herumreiten! Mürrisch starre ich zu Boden. Ich werde nicht gerne daran erinnert, wie sehr ich die drei mit meinen fehlenden Fähigkeiten behindere.

Alaundril gibt einen unzufriedenen Laut von sich, der wie eine seltsame Mischung aus Zischen und Grunzen klingt, seufzt dann aber ergeben.

„Schade", sagt sie. „Dann brauchen wir also doch eine ehrliche Arbeit, was?"

„Sieht so aus", murmelt Anlyss zustimmend. Auch er scheint etwas enttäuscht, aber durchaus bereit sich mit der Einschränkung abzufinden.

„Ich werde auf keinen Fall wieder Bier durch irgendwelche dreckigen Kaschemmen schleppen!" meldet Alaundril sich noch einmal nachdrücklich zu Wort.

„Das würde auch kaum zu unserer Unauffälligkeit beitragen", bemerkt Anlyss daraufhin nur trocken. „Du neigst einfach zu sehr dazu die Leute umzubringen wenn sie dir an die Wäsche wollen."

Alaundril schnaubt lediglich verächtlich und ich starre die beiden leicht befremdet an.

„Ich dachte mehr daran deine Fähigkeiten im Personenschutz einzusetzen", mischt Sszerin sich nun ein. „Erinnerst du dich noch an das Haus der tausend Blumen? Sie haben in der Stadt ein ganz ähnliches Etablissement gehabt als ich das letzte mal hier war."

Daraufhin hellt sich Alaundrils Gesichtsausdruck sofort auf.

„Wunderbar!" befindet sie zufrieden. „Besorg mir die passende Verkleidung und ich gehe sofort hin."

Sszerin nickt.

„Ich habe auch schon eine Idee wohin ich gehen könnte um Arbeit zu finden, also wäre es wohl am besten wenn du dich erstmal um eine Behausung bemühst Anlyss. Danach können wir uns alle zusammen darum kümmern dich ebenfalls irgendwo unterzubringen."

„Also gut. Ich werde sehen ob ich auf die Schnelle etwas finde. Etwas vorläufiges", ergänzt Anlyss selbst. „Solange, bis wir besser Fuß gefasst haben."

Die beiden Anderen nicken auch dazu ihre Zustimmung.

Sehr viel schneller als ich erwartet hatte, scheint damit auf einmal alles geklärt. Irgendwie hatte ich mit mehr Diskussionen gerechnet nachdem Sszerin vorher von diversen Optionen gesprochen hatte, aber alle scheinen sich über ihre Aufgaben bereits im Klaren. Nur ich weiß mal wieder nicht genau, was ich denn als nächstes zu tun habe. Das interessiert hier allerdings niemanden, denn Anlyss ist bereits aufgesprungen und strebt zur Tür hinaus.

„Später wieder hier?" fragt er im gehen und erntet ein neuerliches Nicken.

Ich kann ihm nur nachschauen, frustriert darüber wie wenig ich beigetragen habe und mit dem unangenehmen Gefühl, dass ich hätte ahnen sollen, dass diese Entscheidungen einfach über meinen Kopf hinweg getroffen werden.

„Wir können diesen Raum noch bis in den späten Nachmittag hinein nutzen", unterbricht Sszerin meine mürrischen Gedanken. „Daher schlage ich vor, dass du mit Sailil zusammen hier bleibst, bis wir euch abholen können." Resigniert nicke ich nun auch einfach. Es ist auf jeden Fall einfacher als mit dem Priester zu streiten. „Falls etwas unvorhergesehenes geschehen sollte", fährt Sszerin auch schon fort und spricht diesmal nur zu mir, „versuch dich zum Hafen durchzuschlagen. Dort gibt es große Lagerhäuser, die sich zumindest als temporäre Verstecke eignen, bis wir dich finden können."

Diesmal wird mein Nicken von einem unsicheren Stirnrunzeln begleitet. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich hier in Schwierigkeiten gerate? Bisher hat immerhin auch alles ohne Probleme geklappt. Wie genau Sszerin mich denn finden will, frage ich nicht. Ich glaube ohnehin nur halb daran, dass die drei überhaupt nach mir suchen würden. Bevor Anlyss mich so stur durch den Wald zum Lager der Weißlinge gezerrt hat, um Sszerin und Alaundril zu retten, wäre ich davon allerdings noch viel weniger überzeugt gewesen. Mittlerweile weiß ich einfach nicht mehr genau was ich erwarten kann. Ich kann nicht einmal entscheiden, ob ich wirklich will dass sie mich suchen. Das Gefühl, als würde alles was ich bisher an grundsätzlichen Wahrheiten kannte sich langsam auflösen, ist kein besonders gutes. Alles ist unsicher und wandelbar und ich irre desorientiert zwischen den verschiedenen Realitäten herum ohne zu wissen was auf mich zu kommt. Ein Umstand, den ich mehr und mehr verabscheue, dem ich aber nicht entkommen kann. Zu meinem großen Unmut ist Sailil wohl in der nächsten Zeit der einzige, der mich aus diesem unerträglichen Zustand wieder heraus bringen könnte.

Mit diesem inneren Widerwillen starre ich ihm dann auch entgegen, sobald Sszerin zusammen mit der nur noch leicht hinkenden Alaundril den Raum verlassen hat.

Sailils Blick bekommt etwas kalkulierendes, während er mich seinerseits beobachtet, bleibt aber sonst so ruhig wie immer. Er schafft es diese Ruhe so lange aufrecht zu erhalten, bis ich entnervt schnaube.

„Also gut", murre ich. „Womit fangen wir an?"

Ein gleichgültiges Schulterzucken folgt auf meine Frage.

„Wie viel weißt du schon?" will der Heiler von mir wissen.

Diesmal ist es an mir mit den Schultern zu zucken.

„Ein paar grundlegende Worte. Sonst nichts. Ich hatte nicht erwartet jemals länger als ein paar Nächte an der Oberfläche ausharren zu müssen."

„Du bist nicht gerne hier."

Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Aber um das nicht zu erkennen müsste man wahrscheinlich auch blind, taub und schwachsinnig sein. Ich werfe Sailil einen finsteren Blick zu.

„Ich glaube kaum, dass es dir anders gehen würde, wenn man dich auf einmal überraschend in Menzoberranzan abgesetzt hätte", bemerke ich spitz.

Der Heiler zuckt lediglich unbeeindruckt mit den schmalen Schultern. Schon wieder. Diese scheinbare Gleichgültigkeit macht mich wütend, aus Gründen die ich selbst nicht ganz verstehe.

„Das hatte ich nicht abwertend gemeint", belehrt er mich. „Sobald du dich mehr an diese Umgebung gewöhnt hast und dich nicht mehr so hilflos fühlst, wird deine Abneigung langsam verschwinden."

Wie schön, dass sich wenigstens einer vor uns da so sicher zu sein scheint! Ich kann nicht sagen, dass mir seine Art diese Dinge so direkt auszusprechen besonders gut gefällt. Ich würdige seine Aussage jedenfalls nicht mit einer Antwort und starre lediglich mürrisch zu ihm hinüber.

Nach einer kleinen Weile des Schweigens, seufzt Sailil leise.

„Ich wünschte wir hätten wenigstens etwas zum Schreiben", murmelt er halb zu sich selbst.

Nicht dass uns das viel nützen würde.

„Ich kann nicht lesen", eröffne ich ihm frostig und rufe damit einen kurzen Ausdruck grenzenloser Überraschung bei ihm hervor.

„Oh", macht der Heiler und scheint zum ersten Mal etwas aus dem Konzept gebracht. Endlich! Wie immer fängt er sich aber schnell wieder. „Damit können wir uns später auseinander setzen", befindet er. „In diesem Fall fangen wir wohl erst einmal mit ein paar grundlegenden Vokabeln an."

Und genau dies tun wir dann auch. Für die nächsten zwei Stunden. Der Heiler ist bemerkenswert geduldig, denn ich habe einige Probleme mit einem seltsamen Laut der fast einem Zischen gleichkommt, aber irgendwo anders im Mundraum produziert wird als ich es gewohnt bin. Sailil versucht zwar mir zu erklären, wo und wie man angeblich seine Zunge krümmen soll um diesen grässlichen Laut zu produzieren, aber so sehr ich mich auch bemühe, ich kriege es einfach nicht hin. Am Ende verliere ich noch vor ihm die Geduld und weigere mich schließlich es weiter zu versuchen, auch wenn ich genau weiß wie kindisch das ist. Im Grunde regt es mich sogar nur noch mehr auf, genau zu wissen wie dumm ich mich gerade verhalte.

Langsam macht sich auch der Hunger immer deutlicher bemerkbar. Etwas, das ich unter normalen Umständen durchaus ignorieren könnte. Aber das wir nicht einfach diesem Raum verlassen können um Abhilfe zu schaffen frustriert mich sehr und trägt nicht unbedingt zu meiner guten Laune bei. Ich bin zwar kein Sklave mehr, aber immer noch ein Gefangener meiner momentanen Lebensumstände. Wieso kann ich dies nicht ebenso gleichmütig hinnehmen wie Sailil es offenbar kann? Der streckt sich nämlich gerade lang auf einem der beiden Betten aus, nachdem er eingesehen hat, dass ich im Moment nicht mehr zu weiteren Sprachversuchen zu bewegen bin und wirkt dabei wie eine zufriedene Katze, die sich auf ihrem Lieblingsplatz zu einem Nickerchen niederlässt. Neidisch kaue ich auf meiner Unterlippe herum.

„Du scheinst ziemlich gelassen für jemanden, dessen ganzes Leben gerade so eine Umwälzung erfahren hat", werfe ich ihm unvermittelt, böse an den Kopf, bereits wieder wütend, weil mir genau diese Gelassenheit nach wie vor schmerzlich fehlt.

„Und das macht dich eifersüchtig?" kontert Sailil sofort mit einer Gegenfrage und macht dabei keine Anstalten seine entspannte Haltung aufzugeben. Auf einmal verspüre ich den starken Drang ihn zu schlagen. Er durchschaut mich mühelos und das facht nur meinen Ärger an.

Und wieso eigentlich nicht? Was kann er mir schon entgegen setzen? Bisher hat er nicht wirklich den Eindruck gemacht, als könnte er sich gegen irgend jemanden durchsetzen. Ist es da nicht seine eigene Schuld wenn er unter den Folgen so einer geradezu herausfordernden Bemerkung zu leiden hat? Eigentlich sollte er es doch besser wissen, in so einer Situation.

Mit diesem Gedanken schnelle ich von meinem Sitzplatz auf dem Bett hoch, fest entschlossen, dem unverschämten Heiler hier und jetzt eine Lektion zu erteilen. Meine Absicht war es, Sailil zunächst hart am Handgelenk zu packen, um ihn daran hoch zu ziehen, aber bereits dieses erste Manöver endet für mich mit einer unangenehmen Überraschung. Bevor ich auch nur ansatzweise meine Bewegung zuende geführt habe, ist mir der Heiler mit unerwarteter Geschwindigkeit entgegen gesprungen und hat seinerseits mein Handgelenk ergriffen. Ich bin derart unvorbereitet auf einen solchen Gegenangriff, dass ich nur überrascht blinzeln kann, als sich seine andere Hand im Zuge der gleichen Bewegung kurz auf meine Stirn legt. Noch viel unerwarteter ist allerdings die plötzliche Entspannung, die daraufhin alle meine Muskeln ergreift und dazu führt, dass Sailil mich beinahe auffangen muss, damit ich nicht einfach zu Boden krache. Er schafft es mich ziemlich präzise herum zu zerren und noch im Fall auf das andere Bett zu schubsen, das hinter ihm steht.

Während ich noch völlig schockiert zu ihm hoch starre, lässt er sich äußerlich ruhig, aber mit einem deutlichen Stirnrunzeln neben mir auf der Matratze nieder.

„Ich hatte ja erwartet, dass du irgendwann versuchen würdest mich auf irgendeine lächerliche Weise einzuschüchtern, aber dass es gleich unbedingt während der ersten paar Stunden sein muss, war mir nicht klar", murrt er mich an und scheint nun doch etwas von seiner Ruhe zu verlieren. Gerade jetzt wäre ich allerdings froh über das genaue Gegenteil. Nun ja, ich habe mir das wohl selbst zuzuschreiben.

Ich bin so geschockt von dieser plötzlichen Wendung des Geschehens, dass ich zunächst gar nichts sagen kann und nur beschränkt blinzelnd zu dem verärgerten Heiler hoch starre. Der Gedanke, dass er mich durchaus hier liegen lassen könnte, um auf nimmer Wiedersehen in den wimmelnden Tiefen dieser Stadt zu verschwinden, kommt mir reichlich spät. Nicht dass ich im Moment auch nur das Geringste dagegen unternehmen könnte. Diese unnatürliche Entspannung meiner Muskeln hält auch weiterhin an und zwingt mich dazu ziemlich hilflos vor mich hin zu gurgeln, weil ich gerade offenbar nicht einmal meine Lippen zu einer nachdrücklichen Bewegung bringen kann. Sogar zu blinzeln verlangt mir einiges an bewusster Willensanstrengung ab.

Sailil starrt noch immer ungehalten auf mich hinab, was mich nun doch zunehmend nervös macht. Da er keine Anstalten macht, sofort aus dem Raum zu verschwinden, drängen sich mir inzwischen auch noch andere, sehr viel unangenehmere Szenarien auf. Auf einmal bekommt meine gegenwärtige Wehrlosigkeit sehr besorgniserregende Untertöne. Ich hätte ihn zwar nicht unbedingt als gewalttätig eingeschätzt, aber man weiß ja nie.

Da wir die anderen erst in frühestens zwei bis drei Stunden zurück erwarten, bliebe ihm durchaus genug Zeit um die eine oder andere Rachephantasie auszuleben. Beunruhigt erinnere ich mich daran, wie ich ihn nachdrücklich durch das Farnfeld geschubst habe, als wir gestern geflohen sind.

„Jetzt, wo ich mir deiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein kann", reißt mich der schmale Elf dann unvermittelt aus meinen aufblühenden Sorgen, „möchte ich gerne einige Dinge klären."

Er beugt sich noch etwas näher über mich, bis sich unsere Nasen beinahe berühren. Diese grimmige Miene passt nicht wirklich zu ihm.

„Ich habe wirklich keine Lust ständig gegen dich anzukämpfen, Nadal. Falls du also vorhattest dein dämliches Benehmen von gerade eben auch in Zukunft beizubehalten, schlage ich vor, dass du dir das möglichst schnell anders überlegst, denn ich habe keineswegs die Absicht mir soetwas von dir gefallen zu lassen."

In der kurzen Pause, die Sailil nach dieser knappen Ansprache einlegt, bricht mir unvermittelt der kalte Schweiß aus, denn irgendwie erwarte ich, dass er seinen Worten mit Taten Nachdruck verleiht. Ich kann scheinbar nicht mehr kräftig schlucken und bekomme zunehmend das Gefühl als würde sich ein unangenehmes Gewicht auf meine Lunge legen. Nicht einmal nach Luft schnappen kann ich mehr. Meine wachsende Panik hilft in dieser Situation nicht unbedingt weiter. Ich winde mich innerlich und warte auf Vergeltung, die aber nie kommt. Fast rechne ich damit, dass er mich nun doch einfach hier liegen lassen wird und bin beinahe froh, dass ich nicht dazu fähig bin um Gnade zu betteln. Tatsächlich verbringe ich noch fast eine Minute damit vergeblich in Panik auszubrechen.

So lange, bis Sailil scheinbar doch ein Einsehen hat und mir mit dem Zeigefinger kurz auf die Stirn tippt. Jetzt kehrt zumindest die Kontrolle über meine Gesichts- und Nackenmuskeln zurück.

„Was hast du mit mir angestellt?" will ich atemlos wissen und ignoriere geflissentlich wie kläglich ich dabei klinge.

„Ich habe deine Muskeln entspannt. Das ist ein sehr praktischer Trick, den ich meistens dazu benutze jemanden still zu halten während ich Knochen richte oder Wunden behandle."

Er legt nachdenklich den Kopf schief und schaut auf mich herab.

„Allzu lange sollte man diesen Zustand allerdings nicht aufrecht erhalten. Das ist schlecht für die Nerven."

„Oh", mache ich reichlich dümmlich. Aber mehr fällt mir dazu im Moment wirklich nicht ein. Der harmlose Heiler hat sich als gefährlicher entpuppt als ich erwartet hatte und mich einfach überrumpelt. Wirklich sehr peinlich! Der unangenehme Gedanke kommt mir, dass ich diesmal dafür verantwortlich bin, wenn er jetzt verschwindet und uns seine Leute auf den Hals hetzt. Der vage Anflug von Schuld, der dabei in mir aufsteigt, verwirrt mich nur noch mehr.

Seltsamerweise macht Sailil aber sogar jetzt keinerlei Anstalten auch nur aufzustehen.

„Hast du dich jetzt wieder beruhigt?" fragt er stattdessen.

Stumm nicke ich, woraufhin er mir erst noch einmal prüfend in die Augen schaut und dann aber doch leicht mit drei Fingern auf meine Stirn tippt.

So schnell wie es weg war, so schnell kehrt jetzt auch das Gefühl in meine Glieder zurück. Sehr unheimlich wie einfach das für den Heiler zu bewerkstelligen scheint. Obwohl es eigentlich keinen Grund mehr dafür gibt, schnappe ich automatisch nach Luft, als sei ich gerade aus einem tiefen Teich wieder aufgetaucht. Sailil zieht sich diskret auf das freie Bett auf der anderen Seite des Raumes zurück und beobachtet mich von dort aus, während ich die Fetzen meiner Fassung so schnell wie möglich wieder einzusammeln versuche.

Als es auch nach einer Weile noch so scheint als würde er nichts sagen wollen, bemerke ich: „Du bist immer noch hier."

Das ist zwar mehr als offensichtlich, aber so unerwartet für mich, dass sich eine Erwähnung trotzdem lohnt. Sailil scheint das anders zu sehen und zuckt ziemlich gleichgültig mit den Schultern.

„Nenn es von mir aus eine Laune", lässt er sich schließlich dazu herab eine Erklärung abzugeben, die sein Benehmen nicht gerade weniger rätselhaft macht.

„Eine Laune", wiederhole ich trocken, absolut nicht davon überzeugt.

Der Heiler hebt schmale Brauen.

„Ich hatte versprochen dir etwas beizubringen", erklärt er „und da du es offensichtlich sehr nötig hast und ich meine Versprechen generell gern halte, sehe ich keinen Grund jetzt schon zu gehen."

Er grinst. Meine Verwirrung findet er wohl sehr amüsant. Unzufrieden mit dieser Begründung runzle ich die Stirn, finde aber keine passende Erwiderung. Stumm brüte ich eine Weile nur vor mich hin und ärgere mich darüber so ein leichtes Opfer gewesen zu sein. Hat meine Zeit mit Anlyss mich dazu gemacht? Oder war ich immer schon so leicht zu durchschauen? Kein angenehmer Gedanke. Immerhin, bietet diese plötzliche Wendung auch einige sehr praktische Nebeneffekte, geht mir auf, sobald ich meinen verwundeten Stolz endlich einigermaßen überwunden habe.

„Wenn du sowieso nicht vorhast abzuhauen", beschließe ich daher pragmatisch, „können wir auch aus dieser winzigen Zelle für eine Weile verschwinden und uns etwas zu essen besorgen."

Sailil quittiert diesen Vorschlag mit einem kurzen, glockenhellen Lachen.

„Wenn du versprichst es vorerst für dich zu behalten", sagt er dann, sofort wieder ernst.

Es ist nicht wirklich eine Drohung, aber nach der einprägsamen Demonstration, die ich gerade erleben durfte, bin ich auch nicht sonderlich erpicht darauf sofort wieder auf Konfrontationskurs zu gehen.

Diesmal ist es an mir mit den Schultern zu zucken. Wenn der seltsame Heiler unbedingt weiterhin unter Bewachung stehen will, kann mir das schließlich gleich sein. Ich habe sowieso keine wirkliche Kontrolle in dieser seltsamen Situation. Wenigstens muss ich dann meine Tage nicht einsam in einem Zimmer eingesperrt verbringen, weil man mir unter den Bewohnern dieser Stadt alleine noch nicht trauen kann. Auch wenn ich mir noch nicht so sicher bin, ob ich Sailils Gesellschaft dem tatsächlich vorziehen sollte.

„Wenn du das wirklich so willst", antworte ich, so gleichgültig wie möglich. „Mir ist es ziemlich egal."

Dem Wirt, der uns wenig später unten im Schankraum mit einem undefinierbaren Eintopf versorgt, sind wir offenbar auch egal. Jedenfalls nachdem Sailil gezahlt hat. Daran hatte ich gar keinen Gedanken verschwendet. Was ist nur mit mir los? Ich vergesse die einfachsten Dinge. Beunruhigt starre ich auf den Teller herab, den ich oben im Zimmer zum essen auf den Knien balanciere.

Aus dem Augenwinkel beobachte ich dabei, wie Sailil angewidert die knorpeligen Fleischstücke auf dem Rand seines Tellers stapelt und muss unerwartet grinsen. Ein bisschen pingelig was sein Essen angeht, was? Das habe ich mir nie leisten können. Er bemerkt meine Erheiterung fast sofort.

„Du kannst das gerne haben, wenn du willst", murrt er mit beleidigtem Unterton.

Ich setze eine betont gleichgültige Miene auf, als ich ihm meinen Teller entgegen halte, muss aber letzten Endes doch wieder grinsen, als er mit spitzen Fingern und gerümpfter Nase die Klumpen in meinen Eintopf befördert. Er faulenzt nicht nur herum wie eine Katze, er ist auch genau so wählerisch was sein Essen angeht. Das ist beinahe niedlich. Vielleicht mag ich ihn doch.