Zwischenspiel

„Taurus 1 an Falkenauge, alles ruhig auf unserer Position."

„Verstanden Taurus 1, setzen sie ihre Patrouille fort."

Mcallister behielt die Konsole im Auge, er wurde zusehends nervöser. Irgend etwas stimmte nicht. Seine Aufklärungseinheit hatte den Auftrag bekommen einen Nebel am Rande des NTF-Gebietes in Epsilon Pegasus zu untersuchen. Sie sollten verdächtigen Transfers in der Umgebung nachgehen und Daten über einen neuen Jägertyp sammeln, welcher zuletzt bei Kämpfen zwischen Siedlern und Neoterranern aufgetaucht war. Doch sie hatten nichts entdeckt, weder verdächtige Transfers, noch Jäger, nicht einmal auf Sperrgeschütze zur Sicherung des Gebietes waren sie gestoßen. Der Centurio war ein erfahrener Offizier, der schon an genügend Schlachten in Gamma Velorum und auch in den Lost Lands teilgenommen hatte um ein Gespür für drohende Gefahr zu erlangen, und er wußte genau, dass, wenn das Oberkommando es für nötig erachtete seinen Aufklärer mit zwei Jagdstaffeln zu schützen diese auch nötig waren, also war die scheinbare Ruhe kein Grund für ihn sich zu entspannen.

Er wünschte sich in einem der Jäger zu sitzen, anstatt an Bord dieses Awacs auf den Schutz anderer angewiesen zu sein. Dort draußen hätte er wenigstens das Gefühl gehabt auf das Geschehen Einfluß nehmen zu können. Auch wenn ihm der Verstand sagte, dass seine Reflexe im Alter nachgelassen haben, und er auf diesem Posten besser aufgehoben war als in einem Sternenjäger zerriss es ihn förmlich nicht mehr tun zu können als die Bildschirme im Auge zu behalten und Befehle an seine Crew und die Begleitjäger zu erteilen. Er entschied ein wenig seiner nervösen Energie abzubauen und die einzelnen Stationen im Schiff auf ihre Kampfbereitschaft zu kontrollieren, auch wenn das Schiff aufgrund seiner spärlichen Bewaffnung in einem realen Gefecht nicht viel ausrichten konnte, gaben ihm diese Routinemaßnahmen das Gefühl wenigstens etwas Sinnvolles zu tun. Im Notfall würde man ihn über seinen Kommunikator erreichen können.

Sein Kontrollgang verlief unspektakulär. Die diensthabende Schicht wirkte aufmerksam, und zeigte im Höchstfall jene unterschwellige Nervosität, welche sich einstellt, wenn man im Feindgebiet operiert. Die beiden Flakgeschütze waren in einwandfreien Zustand, vollbewaffnet und jederzeit feuerbereit, sämtliche Systeme funktionierten reibungslos. Wäre nicht sein Bauchgefühl gewesen, er hätte keinen Grund gehabt an einem störungsfreien Ablauf ihrer Mission zu zweifeln.

Mcallister nahm wieder im Kommandosessel Platz. Er betrachtete die Bildschirme und Anzeigen, als könnten sie ihm Antworten oder Beruhigung geben. Und tatsächlich, irgendetwas schien nicht zu stimmen. Die Jäger flogen ihre vorgegebenen Patroullien, und auch die Werte der Umgebungsscans zeigten keine besonderen Auffälligkeiten, doch etwas war anders...

Aus einem Bauchgefühl heraus vergrößerte er einen der Scanvektoren. Er wusste nicht was genau ihn störte, auf dem visuellen Bildschirm war nichts zu sehe, und so begann er die einzelnen Werte zu überprüfen. Strahlung, Partikelkonzentration, Neutrinowerte... Das war es! Die Neutrinowerte, sie hatten ihn gestört, sie waren eindeutig zu hoch, in einem Radius von ungefähr 100 Metern um eine Asteroidengruppe. Er vergrößerte den entsprechenden Bereich noch einmal. Es waren 11 kleinere Asteroiden. Sie waren zunächst nicht weiter auffällig, jedoch bewegten sie sich nicht. Dies konnte keinen natürlichen Ursprung haben. Mcallister entschied sich für eine Untersuchung.

„Falkenauge an Taurus 1. Wir brauchen eine visuelle Untersuchung von Vektor A4. Seien sie vorsichtig, es ist mit nicht definierbarem Feindkontakt zu rechnen."

„Verstanden Falkenauge, ändern Kurs."

Angespannt betrachtete der Centurio den Flug der Jägerstaffel. Die 12 Sethjäger näherten sich dem Zielvektor. 3000 Meter, 2000, 1000, 500... noch immer war nichts Auffälliges zu sehen, vielleicht war es doch nur seine Paranoia gewesen, die ihn Gespenster hatte sehen lassen.

„Hier Taurus 1. Sind jetzt auf 250 Meter am Zielgebiet. Bis jetzt keine Annormalitäten. Warten sie. Ich empfange gerade etwas, Energiewerte, sie stammen von einem der Asteroiden. Das könnten Geschützsignaturen sein. Ich wiederhole, ich empfange..."

Das waren die letzten Worte von Taurus 1. Der Jäger zerbarst in einem grellen Lichtblitz, der von dem nächstliegenden Asteroiden ausging. Fassungslos musste Mcallister mit ansehen, wie aus den vermeintlichen Himmelskörpern Massen an Jägern quollen, so schnell, dass den verbliebenen Jägern in deren Nähe keine Gelegenheit blieb eine erfolgreiche Verteidigung zu organisieren. Mcallister kannte den Jägertyp genau: shivanische Abfangjäger der Mara-Klasse. Wie war das möglich? Alle Aufzeichnungen, welche das Expeditionskorp der Föderation nach der Rückkehr in den terranisch-vasudanischen Raum gefunden hatte ließen darauf schließen, dass die Shivaner im Capellasystem abgeschnitten wurden. Das Hauptquartier musste davon erfahren.

„Mr. Boyle, senden sie eine Priorität 1 Nachricht an HQ. Shivanischer Überfall an letzter Position, starke Jagdverbände und weitere nicht näher bekannte gegnerische Kräfte."

„Sir, der Gegner sendet einen Breitbandstörimpuls, keine Langstreckenkommunikation möglich, nur eingeschränkte Jägerkommunikation."

Verflucht. Das war eine sorgfältig vorbereitete Falle, doch für wen? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht für einen einsamen Awacs und seinen Jagdschutz. Auf dem Schirm sah Mcallister, wie sich die Felsbrocken auflösten und die darin befindlichen Großkampfschiffe zum Angriff übergingen. 1,2,3... 7 Kreuzer der Cain-Klasse, dazu 3 Liliths und sogar eine Molochkorvette. Definitiv keine Falle für einen einzelnen Aufklärungsverband. Es musste eine Möglichkeit geben eine Nachricht zu übermitteln. Dieser Verband musste ausgeschaltet werden, bevor er Schaden anrichten konnte. Mcallister kam eine Idee.

„Boyle, wie steht es um unsere Jäger?"

„Taurusstaffel größtenteils vernichtet, der Rest sucht sein Heil in der Flucht. Hekatestaffel geht zum Gegenangriff über und wird bald auf den Feind treffen."

Mcallister sah, dass der Großteil der gegnerischen Jäger abdrehte um der Hekatestaffel zu begegnen, während 3 der Maras die zwei übriggebliebenen Seths der Taurusstaffel verfolgten. Diese versuchten bis zum Awacs vorzustoßen, jedoch wurde der erste von ihnen alsbald aufgerieben. Nur noch Taurus 11 versuchte dem Gemetzel zu entkommen.

„Boyle kontaktieren sie diesen Jäger und fliegen sie ihm so weit wie möglich entgegen, wir müsssen ihm zur Flucht verhelfen, er ist unsere einzige Chance das Oberkommando zu erreichen."

„Jawohl Sir, stelle Kontakt her."

„Hier Taurus 11." Eine sichtlich nervöse Pilotin meldete sich am anderen Ende des Komms, ihrer Stimme nach war dies einer ihrer ersten Einsätze, und sie war einer Panik nahe.

„Taurus 11, bleiben sie ruhig und hören sie mir zu. Wir geben ihnen Deckung. Fliegen sie in unsere Richtung und dann so schnell wie möglich zum Sprungtor, achten sie nicht darauf was hinter ihnen geschieht. Kontaktieren sie so schnell wie möglich das Hauptquartier und berichten sie was geschehen ist. Wir werden ihnen Daten mit taktischen Informationen aufspielen, sorgen sie dafür, dass sie unbedingt die Föderation erreichen. Haben sie das verstanden Taurus 11?"

„Sir, jawohl Sir. Was ist mit ihnen?"

„Das ist unwichtig Taurus 11, führen sie ihre Befehle aus, das hat oberste Priorität. Falkenauge Ende."

Alsbald hatte der Awacs sich zwischen den Jäger und seine Verfolger postiert. Die Flakgeschütze begannen mit ihrer Arbeit. Alsbald verging der erste Mara in einem Feuerblitz. Der zweite folgte ihm als er auf gleicher Höhe mit Mcallisters Schiff angelangt war. Der verbliebene Shivaner erwies sich als schlauer und tauchte unter dem Bug hindurch ab, und brachte sich somit außerhalb des Waffenradius. Es begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Waffen mussten neu ausgerichtet werden, bevor der Mara außer Reichweite war. Mcallister befahl, dass das Schiff selbst eine 180 Grad Rolle vollführen sollte. Dieses war ungewöhnlich und führte dazu, dass zahlreiche Systeme beschädigt wurden, und die meisten Crewmitglieder blaue Flecke und Schürfwunden davon trugen, bevor die Trägheitsdämpfer wieder einsetzten, doch es gelang auf diese Weise die Waffen aufs Ziel zu richten, bevor es die Reichweite der Waffen verließ. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Einer ganzen Reihe aufblitzender Schildtreffer folgte ein wohlbekanntes Aufflackern am Antrieb des Feindjägers. Ein weiterer Treffer versetzte ihn ins Trudeln, bevor er schließlich dem Schicksal seiner beiden Kameraden folgte. Zufrieden sah der Centurio auf den Schirm. Taurus 11 hatte bereits mehrere Kilometer zwischen sich und das Kampfgeschehen gebracht, und es schickten sich keine weiteren feindlichen Schiffe an, der Seth zu folgen.

Mcallister sah, dass die Hekatestaffel vollständig aufgerieben war. Sie hatten tapfer gekämpft. Auch waren die ersten feindlichen Kreuzer nun beinahe in Schussposition. Hier würde niemand mehr entkommen, doch zum Glück war das auch nicht mehr nötig. Sie hatten ihren kleinen Sieg errungen, nun konnten sie wenig mehr tun als so viel Schaden wie möglich anrichten.

„Nun Boyle, dann wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht noch ein paar von diesen Monstern mit in den Tod reißen können. Setzen sie Kurs auf den nächstliegenden Cainkreuzer, Höchstgeschwindigkeit. Mr. Boyle, es war mir eine Freude mit ihnen zusammengearbeitet zu haben."

„Centurio, das kann ich nur zurückgeben. Maschinen volle Kraft."

Der Awacs vollführte das Manöver so überraschend, dass der Besatzung des gegnerischen Kreuzers keine Zeit zum Reagieren blieb. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie der Awacs ich ihnen näherte und ihr Schiff mit in den Tod reißen würde. Augenblicke später vergingen beide Schiffe in einem kurzen Feuerball. Mcallister hatte seine Rache genommen und starb zufrieden.