Disclaimer: Die Rechte an allen bekannten Personen, Orten, Zaubersprüchen usw. gehören natürlich J.K. Rowling. Der Rest ist von mir - ich schreibe nur zum Vergnügen, und ziehe keinerlei finanziellen Vorteil hieraus.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und würde mich sehr über Reviews freuen.

(Als ich anfing diese Story zu schreiben, hatte ich den 6. Band noch nicht gelesen, daher erfreut sich Dumbledore hier bester Gesundheit, und Snape ist nicht übergelaufen, und noch immer Lehrer in Hogwarts – ich hoffe, niemand stört sich ernsthaft daran.)

Verteidigung gegen Zaubertränke

Kapitel 1

Severus Snape, Professor für Zaubertränke, saß vor dem ausladenden Mahagonischreibtisch im Büro des Schulleiters von Hogwarts und wartete, unruhig mit den Fingern auf der Tischplatte trommelnd auf das Erscheinen des Selbigen. Dumbledore hatte ihn heute morgen gebeten, am Nachmittag bei ihm vorbeizuschauen - er wolle gerne ein Tässchen Tee mit ihm trinken und bei dieser Gelegenheit eine interessante Neuerung besprechen.

Snapes Blick schweifte gelangweilt im Raum umher und blieb am Anblick der in das Rot der untergehenden Sonne getauchten Silhouette des verbotenen Waldes hängen. Der Zaubertränkemeister wartete schon fast seit einer halben Stunde auf seinen Chef. Die Teezeit, und die ihm zumutbare Wartezeit waren nach seinem Geschmack schon längst verstrichen.

Er hasste Unpünktlichkeit! Er hasste Tee! Und vor allem hasste er Überraschungen!

Den ganzen Tag schon hatte er gegrübelt, worüber Professor Dumbledore wohl mit ihm sprechen wollte. Der Begriff „interessante Neuerung" in Verbindung mit Albus löste bei Snape ein ungutes Gefühl aus.

Die letzten Male, als der Schulleiter solchermaßen betitelte Schnapsideen in die Tat umgesetzt hatte, waren ihm noch bestens in Erinnerung:

Die Einstellung von Gilderoy Lockhart als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste zählte zu jenen Geniestreichen. Keiner, der diesen dilettantischen Gockel in Aktion erlebt hatte, konnte daran zweifeln, dass Lockhart eine extreme Fehlbesetzung gewesen war.

Vor einigen Jahren hatte der Direktor den genialen Einfall gehabt, eine Gruppe schauspiel-begeisterter Schüler solle anlässlich einer größeren Feier, ein Theaterstück aufführen. Neben einigen anderen Lehrern hatte Dumbledore ausgerechnet ihn, Severus, verpflichtet mit den pubertären Monstern Shakespeare´s Romeo und Julia einzustudieren. Von dieser Aufgabe war er allerdings sehr bald wieder befreit worden, da die wenigsten der Darsteller unter dem gnadenlosen Blick und den zynischen Anmerkungen ihres, ach so gemeinen, Zaubertränkeprofessors noch einen vernünftigen Satz herausgebracht hatten.

Eine andere Sache, aus der er sich trotz aller Bemühungen nicht hatte herauswinden können, war ein mehrtägiger Ausflug der fünften Klassen gewesen, bei der er vom Schulleiter als Begleitperson auserkoren worden war. Er hatte dann allerdings vor Ort sein Bestes getan, um Kollegen und Schülern den Aufenthalt gleichermaßen zu vermiesen. Bald darauf wurde sein Name von der Liste der Begleitpersonen gestrichen, nachdem die anderen Lehrer gesammelt bei Dumbledore angetreten waren und gedroht hatten, die nächste Exkursion zu boykottieren, für den Fall, dass „das Ekel" wieder dabei wäre.

Eine der weniger „monströsen" Ideen, war die Einstellung einer Wildhüterin gewesen, nachdem Hagrid geheiratet hatte und nach Frankreich umgezogen war. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass sich nach Severus´ Meinung, eine Frau für diesen Posten grundsätzlich wenig eignete, war diese Entscheidung gar nicht so schlecht gewesen. Pamela Peephole war zwar dumm wie Brot (darin stand sie ihrem Vorgänger in nichts nach – es sei denn, man wertete den Umstand, dass ihre Kekse nicht ganz so hart waren wie Hagrid´s, als Zeichen von Intelligenz), aber wenigsten war die Frau ganz nett anzuschauen – solange sie den Mund hielt.

Der Anblick ihres etwas üppigen, aber äußerst wohlproportionierten Körpers war sogar so inspirierend, dass die Älteren unter den männlichen Schülern nachts nicht mehr im Schloss herumstreunten, sondern vor dem Fenster der hell erleuchteten Wildhüterhütte versuchten einen Blick auf Pamela zu erhaschen, während sie sich auszog.

Snape hatte die Route seiner nächtlichen Ich-erwisch-euch-alle-Patrouilledementsprechend angepasst und schon einige dieser schamlosen Nachwuchs-Voyeure gestellt. Dabei war es – aus rein überwachungstechnischen Gründen - nicht zu vermeiden gewesen, dass auch er selber die begehrte Entkleidungs-Szene kurz zu Gesicht bekam.

Er war gerade noch dabei, im Geiste die Liste der Direktor-D.-Superideen zu vervollständigen, als er draußen jemand vor sich hinsummen hörte. Die Bürotür wurde schwungvoll geöffnet und herein kam ein strahlender Albus Dumbledore.

„Severus! Wie schön das du schon da bist", sagte Dumbledore herzlich.

(Schon da? Das ist ja wohl der Gipfel!) Snape nickte kurz. „Guten ABEND, Albus,"

„Du wartest doch noch nicht lange?", fragte Dumbledore.

Der Tränkemeister neigte den Kopf leicht zur Seite und hob fragend die Augenbrauen.

„Das kommt darauf an, welchen Zeitraum du in diesem Zusammenhang als lange bezeichnen würdest!"

Dumbledore grinste amüsiert und blinzelte sein Gegenüber über den Rand seiner Brille hinweg an.

„Ich weiß ja, dass ein vielbeschäftigter Mensch wie du besseres zu tun hat, als auf einen alten Mann zu warten aber - Minerva hat mich ein wenig aufgehalten – übrigens mit Beschwerden über dein Verhalten gegenüber den Schülern ihres Hauses. Fällt dir dazu irgend etwas ein?"

Severus verdrehte genervt die Augen.

„Ich wüsste wirklich nicht, was es daran schon wieder auszusetzen gibt." (Mrs. Mc Oberwichtig wird doch immer gleich hysterisch, wenn jemand ihren Gryffindor-Bälgern ein Minimum an Erziehung angedeihen lässt!)

„Oh doch, mein Freund - ich denke, das weißt du genau!", entgegnete Dumbledore.

Der Meister im Tränkebrauen und Vortäuschen zuckte mit gekonnt unschuldiger Miene die Schultern. (Klar weiß ich es, aber ungefoltert werde ich es sicher nicht zugeben!)

„Wir haben dieses Thema schon das ein oder andere Mal diskutiert, Severus. Du erinnerst dich?", fragte der Direktor geduldig.

Snape zögerte einen Moment und tat so, als würde er angestrengt nachdenken: „Vage", sagte er dann, Bedauern vortäuschend.

Dumbledore seufzte resignierend, doch der Blick, den er seinem jüngeren Kollegen zuwarf war durchaus liebevoll. „Verschieben wir dieses leidige Thema auf später und trinken zuerst ein Tässchen – du möchtest doch Tee, mein Junge?"

„Nein, danke, Kaffee wäre mir lieber!" entgegnete Snape schnell. (Und nenn´ mich gefälligst nicht mein Junge!)

„Aber nicht doch – Kaffee ist so ungesund! Der macht dich bloß hibbelig! Nimm doch lieber Tee!", meinte Dumbledore belehrend. Mit einem kleinen Schlenker seines Zauberstabes platzierte der Ältere je eine kitschig-verschnörkelte Tasse, gefüllt mit dampfendem Tee vor sich und seinen Gast, der die seine sogleich angewidert betrachtete. Es war nicht unbedingt der ungeliebte Inhalt der Tasse, der Snape aus der Fassung brachte, sondern vielmehr die auf der Außenseite rundherum hoppelnden, schwänzchenwackelnden Häschen.

„Zucker? Milch?", bot Dumbledore an.

„Nein, danke! Nicht nötig!"

„Möchtest du ein paar Kekse?"

„Nein, danke!"

„Wie wär´s mit einem Schokofrosch?"

„Nein!"

„Ein Zitronenbonbon vielleicht?"

(NEIIIIIN!) Severus schüttelte energisch den Kopf und macht eine abwehrende Handbewegung. Ungeduldig wippte er unter dem Tisch mit dem Fuß. So lief das jedes Mal ab, bei Besprechungen mit dem Schulleiter. Es war einfach zum Verrücktwerden!

„Nun gut, wenn ich dir wirklich nichts anbieten kann, komme ich am Besten gleich zum eigentlichen Grund meiner Einladung", sagte Dumbledore schließlich.

„Dafür wäre ich wirklich sehr dankbar, Albus", entgegnete Snape erleichtert.

„Wie du ja weißt, wird uns Professor Moleburrow in ein paar Monaten verlassen. Ich muss zugeben, sehr traurig bin ich darüber nicht", sagte Dumbledore kopfschüttelnd. "Seit er letztens beinahe das halbe Schloss in die Luft gesprengt hätte, ist mein Vertrauen in seine magischen Fähigkeiten rapide gesunken. Es ist jetzt übrigens sicher, das er nach Afrika geht, als Leiter einer Ausgrabungsexpedition."

„Dann hat er also doch noch einen Dummen gefunden, der ihm sein bescheuertes Hobby finanziert?", bemerkte Snape spöttisch. „Wenigstens kann er bei der Knochen-Buddelei nicht ganz so viel Unheil anrichten, da seine Arbeit dann größtenteils auf bereits tote Personen beschränkt ist", fügte er mit sarkastischem Grinsen hinzu.

„Severus, das ist makaber!", tadelte Dumbledore ihn. „Aber ganz unrecht hast du damit nicht, das gebe ich ja zu. Wie dem auch sei", fuhr er fort, "wir müssen für das nächste Schuljahr jemand Neuen finden, der Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet."

Der Schulleiter machte eine kleine Pause und rührte gedankenverloren in seinem Tee.

„Weißt du, ich habe Harry Potter die Stelle angeboten – er überlegt noch", sagte er beiläufig.

Snape, der sich bis dahin, betont uninteressiert, mit übereinandergeschlagenen Beinen lässig im Sessel zurückgelehnt und die Bilder an der gegenüberliegenden Wand fixiert hatte, fuhr ruckartig hoch und starrte seinen Chef entsetzt an.

„Das war nur ein Scherz! Ich wollte testen, ob du mir überhaupt zuhörst!" rief Dumbledore lachend. „Harry wäre zwar meiner Einschätzung nach ein geeigneter Anwärter für diesen Posten – das hat er im Kampf gegen Voldemort schließlich ausreichend unter Beweis gestellt – aber seit dieser Zeit hat er die Nase voll vom Kämpfen. Er konzentriert sich lieber auf seine Kariere als Profi-Quidditch-Spieler und neuerdings auch, wie man hört, auf eine sehr hübsche Verlobte. Und selbst, wenn dem nicht so wäre, würde ihn wahrscheinlich die Aussicht, mit dir wieder unter einem Dach leben zu müssen, nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Stimmst du mir da zu, Severus?"

Dumbledore bedachte Snape mit einem herausfordernden Blick.

„Ich stimme zu - und sei versichert, das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit!" entgegnete dieser giftig. „Der Tag an dem Potter und seine Gefolgschaft die Schule verlassen haben, war einer meiner erfreulichsten!"

„Hmm...", der alte Zauberer schüttelte nachdenklich den Kopf. „Wo nimmst du nur, nach all den Jahren, noch diesen Zorn her? Meinst du nicht, dass es an der Zeit wäre, einmal darüber zu reden?", fragte er besorgt.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst!" sagte Snape abweisend.

„Falls du es dir anders überlegst: Du weißt, ich bin immer für dich da! Ich bin dein Freund, Severus, vergiss das nicht!" sagte Dumbledore ernst.

Snape verschränkte die Arme vor der Brust und starrte angestrengt auf seine Teetasse. Dieses Gespräch nahm eine Wendung, die ihm durchaus nicht behagte. Er hoffte inständig, dass Albus einen seiner weniger hartnäckigen Tage hatte und das Thema fallen lassen würde. Nach einigen Minuten unangenehmen Schweigens, wurde seine Hoffnung erfüllt.

„Nun gut! Du hast dich, wie in der Vergangenheit, auch diesmal wieder auf die freiwerdende Stelle für Verteidigung beworben."

Dumbeldores Ton war, wie sein Gesichtsausdruck, wieder unverbindlich-freundlich.

„Ich habe deinen Antrag, wie immer, wohlwollend in Betracht gezogen. Vom Fachwissen her wärst du selbstverständlich eine geradezu ideale Besetzung. Das Problem ist, wie wir beide wissen, dein aufbrausendes Temperament und deine radikalen Methoden im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere mit den Schülern. Andererseits hast du, als es darauf ankam deutlich bewiesen, dass du zur Teamarbeit fähig bist. Ohne deinen selbstlosen Einsatz hätten wir es kaum geschafft, Voldemort endgültig zu besiegen."

Der alte Zauberer machte eine kleine Pause, strich nachdenklich mit der Hand über seinen langen weißen Bart und beobachtete Snape, der immer noch stumm die Tasse anstarrte.

„Mir ist klar, Severus, dass deine Rolle als Spion dir in der Vergangenheit sehr viel abverlangt hat. Angesichts des Misstrauens und der Furcht mit der die Menschen dir so lange Zeit begegnet sind, ist deine Verbitterung nur zu gut zu verstehen. Andererseits dürfte, spätestens an Voldemorts Todestag, selbst der letzte Zweifler erkannt haben, auf welcher Seite du stehst."

Dumbledore warf dem Gegenübersitzenden einen eindringlichen Blick zu, bevor er weitersprach: „Jetzt musst du aber auch wieder lernen, auf andere zuzugehen! In Zeiten des Friedens - mögen sie uns noch lange erhalten bleiben - sind andere Prioritäten zu setzen, als im Krieg. Und um ein friedliches Zusammenleben mit seinen Mitmenschen zu erreichen, muss sich jeder Einzelne an gewisse Regeln halten, Rücksicht auf die Bedürfnisse Anderer nehmen und, da wo es nötig ist, auch Kompromisse eingehen. In dieser Hinsicht wirst du noch sehr an dir arbeiten müssen!"

Wiederum unterbrach er seinen Vortrag für einen Moment und schaute Snape abwartend an. Nachdem von diesem kein Einspruch erfolgte fuhr Dumbledore fort: „Wobei mir selbstverständlich nicht entgangen ist, dass du dich in letzter Zeit schon etwas gebessert hast," sagte er anerkennend, „insgesamt wirkst du heute wesentlich entspannter als noch vor einigen Jahren und an guten Tagen könnte man deine Manieren durchaus als erträglich bezeichnen. Diese Entwicklung ist auch an deinen Kollegen nicht unbemerkt vorübergegangen – zumindest beschweren sie sich nicht mehr ganz so oft wie früher..."

Bei diesen Worten lächelte Dumbledore verschmitzt; hatte er die jüngste Beschwerde doch erst unmittelbar vor diesem Gespräch entgegennehmen müssen.

Äußerlich regungslos ließ Snape die Ausführungen seines Direktors über sich ergehen. In seinem Inneren jedoch wuchs die Verärgerung von Minute zu Minute. Es war jedes mal die selbe langatmige Prozedur: Gefasel über seine Vorzüge, Gefasel über seine Schwachpunkte. („Blabla...ich würde ja gerne...blabla...aber leider...blabla ...große Verantwortung...blabla...das verstehst du doch!") Dann wurde ihm wieder ein neuer, unfähiger, angeblich besser geeigneter Kollege vor die Nase und auf die begehrte Stelle gesetzt und er durfte mit ansehen wie dieser, womöglich noch miserabler als der Vorgänger, seinen Lehrauftrag erfüllte. Er war die ganze Sache so leid! „Sag endlich NEIN und lass mich gehen", bat er Dumbledore in Gedanken.

Der Schulleiter war jedoch, wie befürchtet, noch lange nicht fertig.

„Wie gesagt, du hast dich in den letzten Jahren durchaus positiv entwickelt. Dennoch glaube ich, dass du noch ein paar Dinge verändern solltest. Vielleicht täte dir gelegentlich ein Tapetenwechsel ganz gut", sagte er mit einem schelmischen Grinsen.

Der Zaubertränkemeister setzte ein misstrauisches Gesicht auf während er abwägte, was sein Chef damit andeuten wollte.

„Wie wär´s mit einem freundlichen Blumenmuster für die Wände deines Kerkers – das würde die düstere Stimmung der Räume bestimmt etwas aufhellen. Und vielleicht auch die ihres Bewohners!" kicherte Dumbledore.

Ungläubig starrte Snape sein gackerndes Gegenüber an. Manchmal war ihm sein Freund und Mentor fast unheimlich. Vor allem, wenn dieser den Wechsel, von einem ernsten Gespräch zur totalen Albernheit, vom souveränen Schulleiter zum senilen Narren, so nahtlos vollzog, wie gerade eben.

„Severus", die Stimme seines Vorgesetzten, dessen Albernheits-Anfall scheinbar schon vorüber war, riss ihn aus seinen Überlegungen, „hörst du mir nicht mehr zu?"

„Doch, natürlich, Albus! Entschuldige bitte!"

Der weißhaarige Zauberer, der jetzt wieder die seinem Amt gebührende Autorität ausstrahlte, dozierte weiter:

„Ich erwähnte gerade, dass Fingerspitzengefühl notwendig ist, um Verteidigung angemessen unterrichten zu können. Das Thema Dunkle Künste weckt bei vielen Schülern ohnehin Ängste. Man muss als Lehrer sensibel damit umgehen, um nicht noch mehr Unsicherheit zu verursachen. Fühlst du dich dieser Herausforderung wirklich gewachsen?"

„Ja, sicher", seufzte Snape, der immer noch auf das endgültige NEIN wartete, ergeben. (Sensibilität und Fingerspitzengefühl gegenüber Schülern sind mein Spezialgebiet!)

„In Ordnung, Severus", sagte Dumbledore mit ruhiger Stimme, „dann bekommst du den Posten."

Snape riss erstaunt die Augen auf. Er glaubte sich verhört zu haben.

„Ist das wieder einer deiner Scherze?", fragte er misstrauisch.

Dumbledore lächelte ihn gutmütig an. „Das ist kein Scherz, mein Freund! Du wirst im kommenden Schuljahr Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten! Oder willst du das jetzt plötzlich nicht mehr?"

„OH DOCH! ICH WILL!", versicherte Snape eilig.

„Dann ist es ja gut", meinte Dumbledore lächelnd, fuhr aber dann in ernstem Ton fort: "Ich bin der festen Überzeugung, dass du mittlerweile die nötige Reife erlangt hast, um diese Aufgabe zu meistern. Du wirst deine Sache gut machen! Ich vertraue dir, Severus! Du wirst mich nicht enttäuschen!"

Bei diesen Worten blickte der alte Zauberer dem jüngeren so tief in die Augen, dass der Mühe hatte, dem Blick standzuhalten. Doch schon einen Moment später wanderten des Direktors Mundwinkel unaufhaltsam nach oben.

„Schließlich hast du auch keine Verlobte, auf die du dich konzentrieren müsstest", gluckste er.

„Das würde mir gerade noch fehlen!", schnaubte Snape. Nachdem aber Dumbledores Zusage ihn noch völlig überwältigte, nahm er dem Älteren diesmal seine Albernheit nicht wirklich übel.

„Spaß beiseite!", sagte der Schulleiter, immer noch über das ganze Gesicht grinsend. „Nachdem bis zum Beginn des neuen Schuljahres noch fast ein halbes Jahr Zeit ist, hast du ausreichend Gelegenheit, dich auf deinen neuen Unterrichtsstoff vorzubereiten."

„Darauf bin ich, wie dir bekannt sein dürfte, seit 20 Jahren vorbereitet", sagte Snape vorwurfsvoll.

„Schon gut, Severus! Ach, hatte ich es eigentlich erwähnt: Einer der Gründe für meine Entscheidung war der, dass die Nachbesetzung für Zaubertränke gesichert ist und zwar auf nahezu gleich hohem Niveau", sagte Dumbledore mit geheimnisvoller Mine.

„Wie meinst du das? Bekomme ich einen Zeitumkehrer und unterrichte beide Fächer?", fragte Snape mit gespieltem Erstaunen.

„Aber nein! Wo denkst du hin! Du bist nicht der einzige Zaubertränkespezialist mit Niveau. Was ich damit sagen wollte ist, dass ich deine Nachfolgerin für äußerst kompetent halte", erklärte der Direktor etwas ungehalten.

(NachfolgerIN?) „Kenne ich die werte Dame?", erkundigte sich Snape und zog die Augenbrauen fragend in die Höhe.

„Selbstverständlich! Sie ist eine der herausragendsten Hogwards-Absolventinnen, die wir je hatten." antwortete Dumbledore stolz. „Einen großen Teil ihres Fachwissens über Zaubertränke hast du ihr selber beigebracht. Ich glaube, sogar du hast mir gegenüber einmal erwähnt, dass du sie auf diesem Gebiet für sehr begabt hältst."

Snape schwante Übles!

„Wir reden doch nicht etwa von Miss Hermine Granger, der engen Vertrauten und Beraterin des allseits berühmten Mister Potter?", seufzte er und vergrub theatralisch das Gesicht in seinen Händen.

„Erraten!" rief Dumbledore gutgelaunt und klatschte in die Hände. Danach fuhr mit seiner Lobeshymne fort:

„Eine bessere Besetzung für den Posten als Miss Granger kann ich mir gar nicht vorstellen. Sie hat nach ihrem Schulabschluss an unserer Universität in Edinburgh studiert – unter anderem Zaubertränke – aber auch auf der Muggel-Uni einige Kurse belegt. Ich glaube das ging mehr in Richtung Psychologie", sagte Dumbledore mit verklärtem Gesichtsausdruck, "sehr interessant, so was wird ja in unserer Welt nicht gelehrt, weil alle immer glauben, man könne jedes Problem mit dem Zauberstab lösen. Im Umgang mit Schülern und Kollegen wird ihr diese Ausbildung auf jeden Fall sehr nützlich sein."

Der Direktor achtete nicht auf die befremdete Miene seines Gegenübers und schwärmte unbeirrt weiter: „Wie mir berichtet wurde, hat Hermine bei beiden Hochschulen hervorragende Abschlussnoten erzielt. Anschließend hat sie sich nicht gleich um eine feste Anstellung beworben", berichtete er angeregt weiter, „sondern erst einmal, gegen eine geringe, oder manchmal auch gar keine, Bezahlung bei verschiedenen Stellen Praktika absolviert, unter anderem im St.-Mungo-Hospital.

Dumbledore sah seinen jüngeren Kollegen aufmunternd an, als würde er tatsächlich erwarten, aus Snapes Mund ebenfalls etwas Anerkennendes über die ehemalige Jahrgansbeste zu hören. Nachdem ihm dieser illusorische Wunsch nicht erfüllt wurde, fuhr er selber mit der Belobigung fort: „ Sie hat mir in ihrem Bewerbungsschreiben erklärt, dass es ihr erst einmal wichtiger erschienen war, ihren Horizont zu erweitern, bevor sie sich auf eine Laufbahn festlegte. Diese Einstellung ist heutzutage selten und imponiert mir wirklich sehr."

Dumbledore lehnte sich zufrieden in seinem Sessel zurück.

„Ich halte unsere Miss Granger für eine hochintelligente junge Dame, mit sehr viel gesundem Menschenverstand, und ich bin sicher sie wird eine phantastische Zaubertrank-Professorin abgeben", beendete er schließlich sein Statement.

Snapes Gesichtsausdruck spiegelte deutlich wieder, dass er mit dieser Meinung nicht konform ging. Er suchte krampfhaft nach einem guten Gegenargument, dass der Schulleiter nicht sofort vom Tisch wischen würde.

„Miss Granger ist noch sehr jung. Ich bin nicht sicher, ob sie dem Druck der Verantwortung, die so ein Professorenposten mit sich bringt, standhalten wird", gab er schließlich mangels besserer Ideen, wenig überzeugend zu bedenken. "Außerdem ist fraglich, ob die Schüler sie als Autoritätsperson akzeptieren werden, nachdem einige sie noch als Mitschülerin kennen dürften."

„Unsinn, Severus!" entgegnete Dumbledore in väterlich-vorwurfsvollem Ton. „Seit Hermine uns verlassen hat sind fast sieben Jahre vergangen. Die Letzten aus der Schüler-Generation, die sie noch als Mitschülerin kannten, verlassen uns in einigen Monaten. Oder hast du vor, alle siebten Klassen bei der Abschlussprüfung durchfallen zu lassen?", fügte er milde lächelnd hinzu.

„Nein natürlich nicht!" versicherte der Tränkemeister. (Obwohl – schön wär´s schon!)

Waren wirklich schon so viele Jahre vergangen, seit Potter & Co. das Schloss verlassen hatten? Die Zeitspanne, während der er das zweifelhafte Vergnügen hatte, diese Bande zu unterrichten, und nebenbei hin und wieder Potters´ Leben zu retten, war Snape ungleich länger vorgekommen.

„Und, glaube mir, ihrer Verantwortung als Lehrerin wird sie gewiss besser gerecht werden, als so manch anderer!" fuhr der Schulleiter fort, währen er den Jüngeren abschätzend musterte.

Der ging jedoch auf die Provokation nicht ein, augenscheinlich weil er damit beschäftigt war, seine Fingerspitzen einer eingehenden Musterung zu unterziehen.

„Ich hoffe", sagte Dumbledore mit Nachdruck, „es versteht sich von selbst, dass du unserer neuen Kollegin anfangs mit Rat und Tat zur Seite stehst."

„Bei so viel Intelligenz, gebündelt in einem einzigen Frauenhirn, wird das doch sicher kaum nötig sein", entgegnete Snape patzig.

Der Schulleiter sah in verärgert an. „Severus – ich erwarte, dass du kooperierst! Deine üblichen Ausreden werde ich diesmal nicht akzeptieren!" Der sonst so freundliche Ton des weißhaarigen Zauberers war deutlich härter geworden.

Dennoch war Snape, wider besseren Wissens, noch nicht bereit nachzugeben. „Miss Alleswisserin wird sicher keinen Wert auf Einmischungen von meiner Seite legen!" murmelte er missmutig ohne den Blick von seinen Händen zu heben.

„SEVERUS SNAPE!", wetterte Dumbledore. Alles väterliche war aus seiner Stimme verschwunden. „DU WIRST PROFESSOR GRANGER UNTERSTÜTZEN, WO IMMER SIE UNTERSTÜTZUNG BENÖTIGT! HABE ICH MICH KLAR GENUG AUSGEDRÜCKT?"

Snape straffte unwillkürlich den Rücken und hob endlich den Kopf. Der scharfe, durchdringende Blick aus den stahlblauen Augen seines Vorgesetzten machte ihm wieder einmal klar, dass er nicht etwa einem leicht senilen älteren Herrn, sondern einem der mächtigsten Zauberer seiner Zeit gegenübersaß.

„Natürlich, Albus, ganz wie du befiehlst!" presste er mühsam beherrscht hervor, während er sich zwang, den Augenkontakt nicht als erster abzubrechen.

Der Direktor starrte Severus noch mehrere Sekunden lang über die halbmondförmige Brille hinweg an. Erst als er sicher war, dass kein weiterer Wiederstand von seinem Untergebenen zu befürchten war nahm er das Gespräch wieder auf.

„Ich bin sehr froh, das du das einsiehst, mein Freund", sagte er fast sanft, doch sein Gesichtsausdruck war immer noch respekteinflößend. „Eins noch – Miss Granger wird natürlich den bisherigen Unterrichtsraum im Kerker weiterbenutzen. Das danebenliegende Büro – nämlich deines – wirst du an sie abtreten und dich selbst in dem Büro neben dem Raum für Verteidigung einrichten!"

Dumbledore warf dem soeben ausquartierten Kollegen einen kurzen warnenden Blick zu. Als dieser wieder Erwarten keine Einwände äußerte, fuhr er fort: „Das Labor im Keller wird Hermine selbstverständlich auch übernehmen. Bei Bedarf könnt ihr darin auch gemeinsam arbeiten – groß genug ist es ja schließlich."

Dieser Vorschlag ließ Snape nun doch ziemlich säuerlich das Gesicht verziehen. Er fand den Gedanken, seinen langjährigen Arbeitsraum mit jemandem teilen zu müssen (und noch dazu mit Miss Ich-weiß-alles-besser) schlichtweg grauenvoll. Es stand ohnehin zu befürchten, dass seine Ex-Schülerin ihm des Öfteren über den Weg laufen würde, da ihr (sein!) Büro in der Nähe seiner Wohnräume lag. Ein weiterer schrecklicher Gedanke machte sich breit. Er wird doch nicht etwa verlangen... ?

„Wo wird sie wohnen, Albus?" fragte er mit leicht panischem Unterton.

„Keine Sorge, Severus", beschwichtigte ihn Dumbledore schmunzelnd, „ich werde sie nicht im Kerker einquartieren! Abgesehen davon, dass die junge Dame sicher nicht unter der Erde wohnen will und dort unten ohnehin nicht mehr genug Platz wäre, kann ich dir das schließlich nicht zumuten."

Dumbledore war wieder ganz der alte: gütig und verständnisvoll.

„Ich respektiere deinen Wunsch nach Einsamkeit durchaus, auch wenn du diesbezüglich nach meinem Empfinden etwas übertreibst."

Snape, der vor Spannung die Luft angehalten hatte, atmete spürbar erleichtert aus. Wenigstens ein Minimum an Privatsphäre würde ihm erhalten bleiben.

„Wir werden unsere neue Zaubertrank-Professorin oben unterbringen, in den Räumen, die Professor Moleburrow zur Zeit noch bewohnt", fuhr der Direktor fort. „Ich habe vor, eine magische Verbindungstreppe zwischen dieser Wohnung und dem Büro im Kerker zu kreieren, so das unser Herminchen schwuppdiwupp von oben nach unten oder umgekehrt wechseln kann. Damit werde ich ihr sicher eine Freude machen!" fügte er vergnügt hinzu.

Snape, der immer noch froh war seine vertrauten Privaträume nicht aufgeben zu müssen, schluckte den Kommentar, der ihm dazu spontan einfiel hinunter und nickte nur zustimmend.

„Ich denke, für den Moment haben wir alles notwendige besprochen", sagte Dumbledore schließlich. „Wir sehen uns dann beim Abendessen in der großen Halle - du kommst doch, Severus?"

Snape warf seinem Chef einen leicht verwunderten Blick zu, so als hätte er die Möglichkeit heute Abend etwas zu essen noch gar nicht in Betracht gezogen. „Ja, sicher - bis später", sagte er zerstreut und stand auf.

Der Schulleiter sah seinem Zaubertränkemeister nachdenklich hinterher, als dieser langsam Richtung Türe ging. Die Hand auf der Türklinke, drehte sich Snape noch einmal um.

„Albus?"

„Ja, mein Freund?"

„Danke!"