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Grenzen

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Kapitel 3

Grenzen und Regeln

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„Trink."

Instinktiv sperrte sich alles in Lucius dagegen, die Lippen zu öffnen und damit die Tore zu neuer Agonie aufzustoßen. Gleichzeitig wusste er, dass eine Weigerung es auch nicht besser machen würde – schlimmer, falls möglich.

Zitternd öffnete er den Mund. Die Lider aber hielt er fest geschlossen. Er wollte Severus nicht mehr sehen, sein blasses, unbewegtes Gesicht, das kalte Funkeln in den schwarzen Augen.

Eine Hand schob sich in Lucius' Nacken und zwang seinen Kopf hoch. Etwas Kaltes berührte seine geöffneten Lippen. Lauwarme Flüssigkeit rann durch seine Kehle.

Überrascht riss Lucius die Augen auf.

Es war Wasser – einfach nur Wasser.

Severus beugte sich über ihn und sah ihn durchdringend an. Er wirkte angespannt, fast nervös.

„Du erinnerst dich an dein Versprechen? Du wirst alles tun, was ich dir befehle? Wirklich alles?"

Lucius nickte matt.

Severus musterte ihn nachdenklich.

„Zieh dich aus", sagte er leise.

Lucius überlief es eiskalt.

Eine Vergewaltigung? Damit hatte er nicht gerechnet. Sexuell motivierte Gewalt war eigentlich nicht Severus' Stil.

Lucius lauschte in sich hinein und stellte fest, dass es ihm fast gleichgültig war. Die zu erwartenden Schmerzen reichten mit Sicherheit nicht an das heran, was er bisher durchgestanden hatte. Und die Demütigung, die Erniedrigung, die damit verbunden waren, waren ihm mittlerweile fast egal.

Nun, es ist schließlich nicht das erste Mal, dachte er resigniert. Vielleicht gewöhnt man sich ja daran ... mit der Zeit.

Aber er wusste, dass das nicht stimmte. Das hohle Gefühl in seinem Magen sagte es ihm deutlich genug.

Langsam, mit zitternden Fingern, begann er, sich zu entkleiden. Vorerst musste er sich darauf beschränken, seine Robe aufzuknöpfen, da er immer noch am Boden lag und sich nicht so fühlte, als würde er je wieder genug Kraft zum Aufstehen haben.

Severus stand an die Wand gelehnt und sah ihm schweigend zu. Die einzige Bewegung auf seinem starren Gesicht stammte vom flackernden Licht der Fackeln.

Als Lucius alle Knöpfe geöffnet hatte und seinen Peiniger furchtsam ansah, trat Severus zu ihm und zog ihn auf die Füße. Wider Erwarten knickten seine Beine nicht unter ihm weg und so machte Lucius, gestützt von seinem Bewacher, sich daran, dem Befehl vollständig nachzukommen.

Er fühlte sich seltsam leer dabei, als sei er nur eine Marionette, gezwungen, den Kommandos zu folgen, die ein Puppenspieler ihm über an seinen Körper geknüpfte Fäden wortlos mitteilte. Als er mit nacktem Oberkörper dastand und sich bückte, um Schuhe, Socken und lange Unterhosen abzustreifen, musste Severus fester zupacken, damit Lucius nicht fiel.

Dann war er nackt – und das bezog sich nicht nur auf seinen Körper. Alles an ihm war nackt und ungeschützt.

Er hatte Severus nichts mehr entgegenzusetzen: keinen Hass, keinen Stolz, keinen Zynismus, kein Überlegenheitsgefühl. Noch nie hatte er sich so schwach und verletzlich gefühlt – wie eine Schnecke, der man ihr schützendes Haus zertrümmert hatte.

Das Schlimmste war, dass er nicht einmal mehr die Kraft hatte, sich über seine Hilflosigkeit aufzuregen. Da wo Hass, Auflehnung, wenigstens innerer Widerstand hätten sein müssen, war absolut gar nichts. Als wären alle aufrührerischen Gefühle mit einem Fingerschnippen gelöscht und er selbst zu einer leeren Hülle reduziert worden.

„Knie dich hin."

Mechanisch gehorchte Lucius und ließ sich steif und ungelenk auf dem kalten Boden nieder.

„Kopf runter, Hintern hoch, auf alle viere."

Auch das tat er.

Severus trat lautlos hinter ihn.

Dann fühlte Lucius kühle Hände auf seinen Schultern. Severus strich ihm sanft, beinah zärtlich über den Rücken. Die Berührung war ihm nicht unangenehm. Im Gegenteil, er empfand sie als seltsam tröstlich. Lucius war froh, dass er nicht alleine war mit seinem Schmerz und seiner Angst, und es spielte mit einem Mal gar keine Rolle mehr, dass Severus eben derjenige war, der ihm diese Leiden zugefügt hatte und weiterhin zufügte.

Die Hände wanderten weiter über seine Brust, seinen Bauch, erforschten seinen nackten, zitternden Körper.

Allen. Stell dir einfach vor, es wäre Allen.

Lucius schloss die Augen und ergab sich der fremden Berührung. Er verspürte plötzlich keine Angst mehr und wusste nicht, ob seine innere Ruhe aus Erschöpfung entsprang oder daraus, dass ihm Severus' Zärtlichkeiten schlicht angenehm waren. In jedem Fall waren sie unendlich viel besser als die fortgesetzten körperlichen Qualen.

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Severus ließ seine Hände langsam über den fremden Körper gleiten. Trotz der merkwürdigen Umstände und trotz seiner tiefsitzenden Abneigung gegen Lucius erregte ihn die Situation.

Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass es seinem Opfer ähnlich ging – obwohl Lucius derzeit wohl kaum in der Position war, körperliche Zärtlichkeiten zu genießen. Vielleicht war er auch einfach nur froh darüber, dass Severus ihm im Moment keine weiteren Schmerzen zufügte.

Severus hatte nicht vorgehabt, Lucius zu vergewaltigen, als er von ihm verlangt hatte, sich auszuziehen. Wie grausam die Tränke und Flüche, die er erfand und anwandte auch sein mochten, sexuelle Gewalt lehnte er ab. In all seinen Jahren als Todesser hatte er sich nie an derartigen Aktionen beteiligt.

Nein, er hatte nur sehen wollen, wie weit Lucius' Gehorsam ging.

Sehr weit, wie er jetzt feststellen konnte.

Severus war sich sicher, dass Lucius nicht bisexuell oder gar schwul war, dass er im Gegenteil homosexuelle Handlungen als etwas Abartiges und Krankes ansah. Zumindest hatte er sich mehrmals mit drastischen Worten in dieser Richtung geäußert. Und der Ekel, die Scham, die Severus in Lucius' Erinnerungen an die sexuellen Schikanen in Askaban gesehen hatte, waren eindeutig gewesen, ebenso wie Lucius' überwältigende Angst vor einer Wiederholung einer derartigen Demütigung. Daher war Severus eine angedrohte Vergewaltigung als bestes Mittel der Unterwerfung erschienen. Er hatte sein Opfer ängstigen, seinen etwa verbliebenen Widerstandsgeist herausfordern wollen.

Doch Lucius ergab sich ohne Gegenwehr in sein Schicksal, schien es fast zu genießen, aus welchem Grund auch immer. Und jetzt, da Severus seinen nackten, wohlgeformten Körper vor sich hatte ...

Nun, Lucius' Attraktivität hatte natürlich unter Askaban und der Folter gelitten. Sein Haar war fettig und verfilzt. Seine Haut war ungesund bleich und mit zahlreichen Blutergüssen und kleineren Wunden übersät, dazu überzogen von einer unappetitlichen, klebrigen Schmutzschicht.

Dennoch, es war ein erregender Körper.

Natürlich muss man erst einmal den ganzen Dreck beseitigen ...

Severus führte einen stummen Reinigungszauber durch.

Ah ja. Deutlich besser.

Zufrieden betrachtete er das Ergebnis seiner Bemühungen.

Ein erregender Körper. In der Tat.

Überrascht stellte Severus fest, dass er diesen Körper spüren, von ihm Besitz ergreifen wollte.

Vielleicht sollte er es ihnen beiden ein bisschen bequemer machen?

Er sah sich suchend in der Zelle um. Dann schwang er seinen Zauberstab. Eine Matratze erschien aus dem Nichts, zusammen mit einem Stapel Decken.

Sehr einladend.

„Komm, steh auf."

Er packte Lucius unter den Achseln, zog ihn auf die Füße und drängte ihn in Richtung Matratze. Lucius ließ sich widerspruchslos auf die Decken sinken.

Dann hob er langsam den Kopf. Sein Blick traf Severus unvorbereitet, und einen Sekundenbruchteil war er versucht, sich einfach abzuwenden. Doch er bezwang sich und erwiderte den Blick.

Eine furchtsame Frage lag in den Augen seines Opfers – und Severus wurde mit einem Mal glühend bewusst, was er zu tun im Begriff stand.

Was auch immer er sich eben vorgemacht hatte, Lucius genoss die Situation keineswegs. Es würde keine einvernehmliche Handlung sein, sondern eine Vergewaltigung. Severus war dabei, sich auf ein Niveau mit Leuten wie Dolohow und Macnair zu begeben.

Etwas in ihm protestierte, schrie ihm zu, dass er immernoch umkehren konnte, dass es noch nicht zu spät war.

Doch der andere Teil seines Selbst wusste, dass er sich längst entschieden hatte.

Er begehrte Lucius.

Er hatte ihn seit Jahren begehrt.

Er würde es tun, was immer sein ohnehin nur noch rudimentär vorhandenes Gewissen dazu zu sagen hatte.

Entschlossen begann Severus, sich zu entkleiden.

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„Auf den Bauch."

Folgsam legte Lucius sich hin.

Er tat, was Severus befohlen hatte, aber die Angst war wieder da. Sie war zurückgekommen, sobald sein Blick auf die Matratze gefallen war. Da war sein Verstand wieder erwacht und ihm war klar geworden, um was es hier wirklich ging.

Plötzlich waren auch alle Gefühle wieder da – Hass, Demütigung, Ekel ...

Früher, vor Allen, hatte Lucius eine geradezu religiöse Scheu vor jeder Art von homosexuellen Handlungen empfunden. Sobald er bei seinen Leuten derartige Regungen bemerkt hatte, ob untereinander oder bei Verhör und Folter von Gefangenen, war er scharf dazwischen gegangen.

Der Grund für seine Abneigung gegen sexuelle Gewalt als Folterelement lag in Lucius' eigenen Erfahrungen. Ein einziges Mal, mit Anfang zwanzig, zornig, betrunken und angefeuert von mehreren ebenso betrunkenen Kameraden, hatte er sich zu einer Vergewaltigung hinreißen lassen. Er hatte es bald bitter bereut – nicht nur deshalb, weil sein hartherziger Vater eine dem Vergehen entsprechende Strafe organisiert hatte. Bei Lucius' Opfer hatte es sich um ein Mitglied ihres Haushaltes gehandelt, und als Vergeltung für seine Tat war es zu dem Vorfall mit Dolohow und Macnair gekommen, den Lucius' bis zu seiner Zeit in Askaban erfolgreich aus seiner bewussten Erinnerung verdrängt hatte.

Beide Erfahrungen, sowohl die als Täter als auch die als Opfer, hatten Anteil an seiner späteren rigorosen Ablehnung sexueller Gewalt. Eine Vergewaltigung durch einen ihm unterstellten Todesser, gleich ob das Opfer männlich oder weiblich war, hätte er nie geduldet oder gar initiiert – auch wenn er sonst in der Wahl seiner Verhör- und Foltermethoden keineswegs zimperlich gewesen war.

Durch Allen hatte sich seine Einstellung zu männlicher Homosexualität geändert. Er hatte seinen Ekel davor verloren, auch wenn nach wie vor nichts in ihm dazu drängte, sich in dieser Weise zu betätigen. Doch eine Vergewaltigung war etwas völlig anderes als ein aus der Not geborenes Sich-Einlassen auf homosexuelle Handlungen. Eine Vergewaltigung war nach wie vor das absolut Erniedrigendste, was Lucius sich vorstellen konnte. Immer noch, trotz eines Jahres Askaban mit all seinen Nebenwirkungen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Severus sich auszog und seine Kleider ordentlich über den Stuhl legte.

Typisch. Selbst in dieser Situation noch ein unerträglicher Pedant.

Dann näherten sich die Schritte seinem Lager, und Lucius schloss gequält die Augen. Ein haariges Bein streifte seinen Körper, als Severus über ihn hinweg stieg.

Severus ließ sich neben ihm auf die Matratze sinken. Eine kalte Hand fuhr ihm über den Rücken.

Diesmal war Lucius die Berührung nicht mehr angenehm – sie jagte einen eisigen Schauer über seinen Körper und griff mit hässlichen Klauen nach seinem Herzen.

Lucius verkrampfte sich noch mehr.

„Entspann' dich, Lucius. Ich will dir nicht weh tun", sagte Severus in seiner sanftesten Stimme, die Lucius wie purer Hohn vorkam.

Er will mir nicht wehtun. Welche Ironie, dachte er bitter.

Gegen seinen Willen begann er, heftig zu zittern. Er fühlte, wie eine der Decken über ihn gebreitet wurde, aber das Zittern kam nicht von der Kälte.

Dann war die Hand wieder da, zwei Hände diesmal, und er spürte, wie Severus sich über ihn beugte. Etwas Weiches, Feuchtes berührte ihn zwischen den Schultern, am Hals, im Nacken.

Er küsst mich. Ekelhaft.

Trotz seines Widerwillens wagte Lucius nicht, sich zu rühren. Er hatte nicht gelogen – er würde in der Tat alles tun, um den Qualen der Folter zu entgehen. Auch wenn er sich dafür so weit erniedrigen musste, dass er anschließend nicht mehr in den Spiegel schauen konnte. Aber darin hatte er mittlerweile ja Übung.

Danke, Askaban, dachte er sarkastisch.

Die Berührungen wurden drängender, fordernder, Hände und Lippen wanderten tiefer, die Decke wurde beiseite geschoben – und dann lag Severus plötzlich auf ihm. Er war schwerer, als Lucius erwartet hatte, und für einen Moment war er ganz von dem Problem in Anspruch genommen, wie er atmen sollte, wenn achtzig Kilo Lebendgewicht ihm die Luft aus den Lungen pressten.

Diesen Augenblick der Ablenkung nutzte Severus. Lucius sog erschrocken die Luft ein. Es tat weh, natürlich. Er biss die Zähne zusammen und hielt den Atem an.

„Nicht verkrampfen!", befahl die sanfte Stimme. „Ruhig weiteratmen."

Lucius versuchte es und stellte fest, dass der Schmerz etwas nachließ.

Er bemühte sich verzweifelt, an etwas anderes zu denken. Doch ihm fiel nichts ein, was Kraft genug gehabt hätte, ihn von dieser beschämenden Situation abzulenken. Er konnte nicht entfliehen, musste erneut diese äußerste Verletzung seiner körperlichen und seelischen Grenzen bewusst durchleiden und erlebte hilflos, wie sein letzter Rest von Stolz und Selbstachtung von dem zuckenden Körper über ihm zu Staub zermahlen wurde.

Lucius schloss die Augen und wünschte sich weit weg. Weg von seinem beschmutzten, gequälten Körper. Weg von seiner zerbrochenen und zerstörten, erbärmlichen Restexistenz. Weg von den Trümmern, die von seinem Selbst übrig geblieben waren.

Ihn überkam eine unendliche Gleichgültigkeit. Was scherte es ihn, was mit seinem Körper geschah, mit seinem Geist, mit seiner Seele. Da war nichts mehr, das es sich zu retten lohnte. Er würde sich unterwerfen, vollkommen, rückhaltlos, und vielleicht würde ihm diese Unterwerfung das Einzige einbringen, was er sich jetzt noch wünschte: den Tod.

Severus stöhnte auf und sackte über ihm zusammen. Lucius spürte eine fahrige, streichelnde Hand in seinem Haar, auf seinen Schultern – und es war ihm egal.

Eine Minute blieb Severus noch auf ihm liegen. Dann ließ er sich schwer atmend neben Lucius auf die Matratze gleiten.

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Als er wieder zu Atem gekommen war, sah Severus zögernd zu seinem Opfer hinüber.

Er fühlte sich unwohl – das heißt, sein Verstand und sein geschrumpftes Gewissen fühlten sich unwohl. Sein Körper fühlte sich im Gegenteil ausgesprochen gut an.

Ihre Blicke trafen sich – und Severus starrte Lucius schockiert an.

Er hatte mit vielem gerechnet: Zorn, Ekel, Scham ...

Aber nicht damit.

Lucius lächelte. Es war ein sehr zaghaftes, unsicheres Lächeln, ein Lächeln, das vor allem Demut und Beschwichtigung enthielt – aber nicht nur. Noch etwas anderes, Verstörendes lag darin – totale Selbstaufgabe.

Severus schluckte mühsam.

Er hatte vor einer halben Stunde die Folter abgebrochen, aus einem für ihn atypischen Gefühl des Mitleids heraus. Da war Lucius zwar am Ende seiner Kräfte, aber noch nicht seelisch gebrochen gewesen. Doch was Severus' Folterkunst nicht erreicht hatte, wovor er im letzten Moment zurückgescheut war, das hatte seine zerstörerische Liebe – Liebe?, fragte er sich beklommen. Wie komme ich auf Liebe?! – vollbracht. Neben ihm lag ein unterworfener, zerstörter Mensch, dem man, dem er selbst soeben den letzten Rest Selbstachtung genommen hatte.

Severus wandte betroffen den Blick ab. Hastig stand er auf, kleidete sich mit zitternden Fingern an. Dann raffte er Lucius' Sachen vom Boden auf und warf sie ihm zu.

„Zieh dich an." Auch seine Stimme bebte.

Irritiert stellte Severus fest, dass das seltsame Lächeln blieb, als Lucius langsam und etwas steif seine Kleider anlegte, den Blick ausdauernd zu Boden gerichtet.

Verdammt.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Severus hatte seine Tat nicht geplant und deshalb auch nicht über ihre Konsequenzen nachgedacht. Er hatte eine seiner elementarsten Regeln gebrochen, die wichtigste aller Regeln: niemals einem anderen Menschen zu nahe zu kommen, weder körperlich noch auf andere Weise. Diese Regel war lebenswichtig, denn sie verhinderte, dass ein anderer Mensch ihm zu nahe kam. Und jetzt, wo er seine Regel gebrochen hatte, wusste er, dass sie in der Tat existentiell gewesen war: In ihm begann sich bereits eine merkwürdige Art von Zuneigung für Lucius zu regen.

Oh Scheiße ...

Das durfte nicht sein. Das war einfach nicht drin. Er würde Lucius wieder foltern, ihn vielleicht töten müssen. Was dann?

Scheiße.

Das hier hätte einfach nicht passieren dürfen. Er hätte sich nie zu einer derartigen Intimität hinreißen lassen dürfen.

Es hat dir Spaß gemacht ...

Severus sah widerwillig zu seinem Opfer hinüber.

Lucius stand abwartend da, unsicher, furchtsam, den Blick nach wie vor demütigt gesenkt.

Scheiße, verdammt.

Er begann, sich auf eine beunruhigende Weise verantwortlich zu fühlen. Natürlich war er das auch – er war dafür verantwortlich, Lucius zu quälen und zu brechen. Aber jetzt, wo er sein Ziel erreicht hatte, fühlte er plötzlich eine neue Art von Verpflichtung ...

Wer war heute für die zweite Schicht eingeteilt? Dolohow? Das ging auf gar keinen Fall. Dolohow war ein sadistischer Dreckskerl. Gut möglich, dass er Lucius ebenfalls vergewaltigen würde – nur, dass die Sache sich dann für Lucius noch wesentlich unangenehmer gestalten würde als bei ihnen beiden eben.

Außerdem will ich nicht, dass jemand anders ihn anfasst ...

Was habe ich da gerade gedacht?

Das darf doch nicht wahr sein ...

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Lucius drehte geistesabwesend die Tasse in seinen Händen. Severus hatte ihm einen Tee gebracht – einen Tee, keinen Foltertrank –, und er schlürfte vorsichtig von dem heißen Gebräu.

Er war Severus dankbar. Ausgesprochen dankbar. Der Tränkemeister hatte seine Unterwerfung erkannt und sie kommentarlos akzeptiert. Derzeit wurde von Lucius nichts weiter verlangt, als still auf dem Boden zu sitzen und seinen Tee zu trinken.

Matratze und Decken hatte Severus wieder verschwinden lassen – es wäre ihm sicher schwer gefallen, einem zufällig hereinstolpernden Todesser den Grund ihrer Existenz zu erklären. Auch den Reinigungszauber hatte Severus umgekehrt, um keine neugierigen Fragen zu provozieren.

So saß Lucius also wieder auf den kalten Steinen, seine Haut mit der klebrigen Schmutzschicht von mehreren Tagen Kerkerhaft und Folter überzogen, gehüllt in die gleichfalls verdreckte und zerrissene Häftlingskleidung Askabans, den Rücken an die feuchte Kerkerwand gelehnt.

Er fühlte sich seltsam fremd in seinem schmerzenden Körper, und selbst von seinem verwirrten Geist schien er ein ganzes Stück abgerückt zu sein. Der Tee verbreitete eine angenehme Wärme in seinem Magen, die sich immer weiter ausbreitete und ihm irgendwie zu Kopf stieg. Es war keineswegs ein normaler Tee, wie ein Teil von Lucius mit leichtem Unbehagen feststellte. Der andere Teil registrierte, dass der Trank weder Schmerzen noch Ängste verursachte, sie im Gegenteil zu betäuben schien, und war damit sehr zufrieden.

Der kalte Steinboden, die blakenden Fackeln, das leise Kratzen einer Feder auf Pergament versanken in warmem, grüngoldenem Wasser, und er versank mit ihnen, ließ sich fallen und treiben, und driftete an einen stillen und freundlichen Ort hinab.

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Es klopfte.

Severus fuhr hoch. Die Schreibfeder taumelte lautlos zu Boden.

Verflucht! Wohin waren seine Ruhe und Selbstbeherrschung verschwunden?

Er atmete tief durch und hob die Feder auf.

„Herein!"

Die Tür öffnete sich. Dolohow trat in die Zelle, einen abstoßenden Ausdruck sadistischer Vorfreude auf dem Gesicht.

Du wirst Lucius nicht anrühren. Nur über meine Leiche.

„Hallo Severus! Ablösung. Kannst dich aufs Ohr hauen", verkündete Dolohow vergnügt. Sein Blick wanderte gierig zu Lucius hinüber, der seltsam abwesend und entspannt durch den Neuankömmling hindurchstarrte. „Was grinst du so dämlich?", fuhr Dolohow ihn an, und machte drohend einen Schritt auf den Gefangenen zu.

In Sekundenschnelle war Severus zwischen ihnen, verstellte Dolohow den Weg.

„Er steht unter Drogen. Er kann dich weder sehen noch hören", sagte er knapp.

Er hatte Lucius einen starken Beruhigungstrank verabreicht, der sein Opfer für einige Stunden von körperlicher und seelischer Qual befreien würde. Gleichzeitig ersparte der Trank es Severus, sich mit einem wachen, verängstigten und vollkommen aus der Bahn geworfenen Lucius auseinanderzusetzen – und mit dem, was er ihm angetan hatte.

„Oho!", sagte Dolohow erfreut. „Heißt das, ich kann alles mit ihm machen, was ich will, und er wird sich nicht dagegen wehren, weil er es überhaupt nicht mitbekommt?" Er leckte sich lüstern die Lippen.

Severus biss angeekelt die Zähne zusammen. Er zählte langsam bis zehn, um sich daran zu hindern, seinen Zauberstab zu ziehen und diesen schmierigen Widerling in das zu verwandeln, was er eigentlich war: ein Haufen Rattendreck.

Als Severus seinen Zorn einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatte, sagte er mit schneidend kalter Stimme: „Nein, es bedeutet, dass du wieder gehen kannst, Dolohow. Ich habe ihm den Trank erst vor zehn Minuten verabreicht, und ich werde die Wirkung über mindestens fünf Stunden beobachten. Ich bleibe heute Nacht hier."

„Mann, Severus", knurrte Dolohow enttäuscht, „ich will auch ein bisschen Spaß haben. Deine Experimente sind sicher wichtig, aber er sieht ja noch nicht mal aus, als ob er Schmerzen hätte ..."

Severus verdrehte innerlich die Augen. Warum konnte Dolohow nicht einfach abhauen?

„Es braucht etwas Zeit, bis die Wirkung eintritt", entgegnete er gereizt.

In der nächsten Sekunde fragte er sich verblüfft, warum er sich eigentlich gegenüber diesem Idioten erklärte. Für einen Moment hatte er tatsächlich vergessen, dass er seit Lucius' Gang nach Askaban die Rechte Hand des Dunklen Lords war. Er war nur ihrem Herrn Rechenschaft schuldig, niemandem sonst. Schon gar nicht jemandem wie Dolohow ...

„Hör zu, Antonin", sagte Severus leise. In seiner Stimme schwang ein drohender Unterton mit. „Ich habe es satt, meine kostbare Zeit mit dir zu vergeuden. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Sag' den anderen, dass ich die nächsten fünf Stunden nicht gestört werden will. Und jetzt raus hier."

Dolohow erbleichte – ob aus Angst oder Wut vermochte Severus nicht zu sagen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Sein Untergebener verbeugte sich brüsk, machte auf dem Absatz kehrt und schloss die Tür hinter sich mit so viel Schwung, dass sie in den Angeln bebte.

Severus atmete erleichtert auf. Er hatte jemanden zusammenstauchen können. Jetzt fühlte er sich schon deutlich besser, fast wieder wie er selbst.

Er war, verdammt noch mal, der ranghöchste Todesser, niemandem verantwortlich außer dem Dunklen Lord.

Vielleicht würde es ihm sogar möglich sein, seinen Herrn zu Gunsten von Lucius zu beeinflussen.

Wenn er es sehr vorsichtig und geschickt anstellte ...

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„Wach auf, Lucius."

Lucius blinzelte benommen. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er mit Watte gefüllt wäre, und auch sein Körper lag taub, schwer und fremd auf dem kalten Kerkerboden. Undeutlich war ihm bewusst, dass Severus ihn mit irgendetwas betäubt haben musste. Einem Trank wahrscheinlich. Richtig, der Tee.

Ein dürrer Schatten beugte sich über ihn. Severus. Auf seinem Gesicht lag ein besorgter Ausdruck.

Besorgt? Severus? Meinetwegen?

Allmählich kam die Erinnerung wieder, langsam, kriechend. Die Angst ... die Folter ... und dann wogte eine Hitzewelle durch seinen Körper, stieg ihm glühend ins Gesicht, als ihm schlagartig bewusst wurde, dass da noch etwas gewesen war.

Als hätte er ihm den Gedanken von den Augen abgelesen – was durchaus wahrscheinlich war, so offen und verletzlich, wie Lucius sich fühlte –, senkte Severus rasch den Blick.

Er schämt sich. Nicht zu fassen ...

Lucius stellte fest, dass er sich ebenfalls schämte – obwohl er dazu sicher weniger Grund hatte als sein Peiniger.

Inzwischen war es ihm nicht mehr gleichgültig, was Severus mit ihm gemacht hatte. Severus hatte ihn gequält, erniedrigt, und er hatte sich schließlich aufgegeben, sich völlig unterworfen. Aber jetzt fühlte er sich nicht mehr so gleichmütig wie nach dieser ... Sache. Vielleicht lag es daran, dass er sich etwas erholen und neue Kräfte hatte schöpfen können – wenn es auch nicht sehr viele Kräfte waren.

Unsicher richtete Lucius sich auf.

Er fühlte sich immer noch seltsam leer, ausgehöhlt, betäubt, doch er konnte wieder klar denken. Severus hatte ihn tagelang scheinbar mitleidlos gefoltert, ihn verspottet und gedemütigt. Doch vorhin, da war er fast sanft mit ihm umgegangen. Fast ... liebevoll.

Es war auf eine fordernde, egoistische, erniedrigende Weise geschehen, und dennoch war Lucius sicher, Sehnsucht und ... ja, eine grobe und ungeschickte Art von Zuneigung gespürt zu haben.

War es möglich, dass Severus ihn – es fiel ihm schwer, das Wort in diesem Zusammenhang auch nur zu denken – liebte? Dass Severus ihn all die Jahre geliebt, zumindest aber begehrt hatte, dieses ihn irritierende Gefühl hinter Kälte und Sarkasmus verbergend?

Als sie jünger gewesen waren, war Severus' Interesse an ihm unverkennbar gewesen. Aber Lucius hatte ihn damals so grob zurechtgewiesen, und es war danach noch so viel anderes zwischen ihnen geschehen, dass er immer davon ausgegangen war, dass die einzigen Gefühle, die Severus noch für ihn hegte, negativer Art waren.

Lucius hatte Severus erniedrigt und verhöhnt, jahrelang, jahrzehntelang, schon seit ihrer Schulzeit. Nichts als Verachtung und Spott hatte er für den hässlichen, exzentrischen Halbblüterjungen aufbringen können – zumal er rasch hatte feststellen müssen, dass Severus ihm sowohl im Orden als auch auf persönlicher Ebene gefährlich werden konnte. Lucius hatte mit Leidenschaft gegen den jungen Konkurrenten intrigiert und ihm damit schwer geschadet.

Lucius' Gefühle gegenüber dem erwachsenen Severus waren nur wenig positiver gewesen. Zwar hatte ihm dieser über die Jahre mit seinen unbestreitbaren magischen Fähigkeiten und seiner untadeligen Haltung einen gewissen Respekt abgenötigt, der sich zu einem Gefühl der Verpflichtung gewandelt hatte, als Severus Narcissa mit seinen Tränken durch eine schwierige und für Mutter und Kind lebensbedrohliche Schwangerschaft gebracht hatte. Auf Drängen Narcissas hatte er Severus daraufhin sogar das Patenamt für Draco angetragen.

Gleichzeitig jedoch verdächtigte er Severus, diese Tränke so manipuliert zu haben, dass Lucius und Narcissa nur dieses eine Kind hatten bekommen können. Die Beziehung zwischen ihm und Severus war daher auch nach Dracos Geburt angespannt geblieben und von gegenseitigem Misstrauen und Feindseligkeit geprägt gewesen. Severus hatte Lucius' häufige Beleidigungen und Angriffe auf seine Position im Orden hinnehmen müssen, nur mit verbalen Spitzen und der ein oder anderen Intrige zurückschlagen können, weil Lucius in der Rangfolge der Todesser über ihm gestanden hatte.

Nun hatten sich die Machtverhältnisse verkehrt.

Er hat in den letzten Tagen den aufgestauten Zorn von fünfundzwanzig Jahren an mir ausgelassen. Aber irgendwann war sein Rachedurst befriedigt – und dann ...

Dann waren unter Hass und Verachtung andere Gefühle zum Vorschein gekommen – Gefühle, die Severus vielleicht ebenfalls schon jahrzehntelang unterdrückt hatte. Er hatte sein sexuelles Begehren an Lucius gestillt, als dieser ihm völlig ausgeliefert gewesen war. Und dabei war möglicherweise etwas noch tiefer Verborgenes in Severus erwacht.

Wieder sah Lucius fragend zu Severus auf.

Endlich erwiderte Severus seinen Blick, zögernd, widerwillig.

Da war tatsächlich Scham in den schwarzen Augen, Scham und Abwehr.

Aber darunter lag etwas anderes.

Zuneigung. Wärme. Versteckt, aber eindeutig vorhanden.

Lucius hatte sich nicht getäuscht.

„Hör zu, Lucius", sagte Severus leise. Seine Stimme klang rau und unsicher. Er räusperte sich nervös, hielt den Blickkontakt aber aufrecht. „Ich werde mich nicht bei dir entschuldigen für das, was ich getan habe. Weder für die Folter, noch für die ..." – er stockte kurz – „ ... noch für die Vergewaltigung. Ich ... habe dir nur zurückgegeben, was ich jahrelang von dir bekommen habe."

Lucius würgte es in der Kehle.

Vergewaltigung.

Jetzt, wo es ausgesprochen war, legte sich das Wort wie eisiger Nebel über ihn.

Man gewöhnt sich nicht daran. Nie!

Vergewaltigung.

Das Wort tat weh. Auch sein Körper tat weh.

Er wandte den Blick ab.

Doch da neigte Severus sich plötzlich zu ihm herab und küsste ihn auf den Mund. Es war ein harter, zorniger Kuss, und Severus richtete sich danach rasch wieder auf und drehte Lucius brüsk den Rücken zu.

Lucius strich sich verwirrt mit den Fingern über die Lippen.

Nervosität, fast schon Furcht, schwang deutlich hörbar in Severus' Stimme, als er leise in Richtung Wand sagte: „Hör mir zu, bitte. Es ist wichtig. Draco ist hier. Seit mehreren Tagen schon."

Lucius sog scharf die Luft ein.

Draco.

Der Gedanke an seinen Jungen löschte alles andere aus. „Wie geht es ihm?", fragte er hastig.

„Er ist in Ordnung. Sie ... wir haben ihn nicht gefoltert oder dergleichen. Er ist eingesperrt, aber unter verhältnismäßig luxuriösen Bedingungen. In einigen Stunden soll er vor den Dunklen Lord gebracht werden."

Lucius hatte plötzlich wieder Angst – Angst um seinen Sohn.

„Was hat er mit Draco vor?" Seine Stimme sprang unwillkürlich eine Oktave in die Höhe.

„Ich weiß es nicht. Er ist immer noch wütend, vor allem auf dich. Aber ... ich werde alles tun, um euch hier herauszubekommen. – Lebend, wenn möglich", setzte Severus sarkastisch hinzu.

Lucius starrte ihn ungläubig an.

Um euch da herauszubekommen? Euch?!

„Warum?", fragte er mit bebender Stimme.

Severus wirbelte abrupt herum. Seine Augen funkelten unheildrohend.

Lucius zog den Kopf ein und drückte sich instinktiv fester gegen die Wand. Er sah deutlich, wie Severus' Hand in Richtung Zauberstab zuckte, und hielt erschrocken den Atem an.

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!", fauchte die Rechte Hand des Dunklen Lords. In diesem Moment war es der Stellvertreter ihres Herrn, der ihn zurechtwies, eindeutig. Nichts war mehr von Sanftheit oder Zuneigung zu spüren.

Lucius starrte gebannt in die zornig blitzenden Augen und bereitete sich innerlich auf die für seine Unbotmäßigkeit zu erwartende Bestrafung vor. Demütigt lächelnd sah er zu seinem Peiniger auf.

Da verschwand die Maske vom Gesicht des anderen. Vor Lucius stand wieder der Severus, den er während der letzten Stunden kennengelernt hatte: unsicher, nervös, auf der verzweifelten Suche nach Wärme und Zuneigung.

Lucius wagte wieder, zu atmen und rückte erleichtert ein Stück von der Wand ab.

Severus ging vor ihm in die Hocke und sagte leise: „Du hast mich schon richtig verstanden, Lucius. Ich werde euch beide hier herausholen. Was Draco betrifft – ich habe Narcissa einen Eid geleistet. – Den Unauflösbaren Eid", fügte er nach einer Pause hinzu.

Lucius stieß überrascht den Atem aus. „Das ist nicht dein Ernst!"

Er hatte alle Vorsicht vergessen. Der Unauflösbare Eid war neben der Lebensschuld die mächtigste Form magischer Verpflichtung, unbedingt bindend, unter Umständen ein Leben lang.

„Mein voller Ernst." In den schwarzen Augen war keinerlei Regung zu erkennen. Severus klang wieder vollkommen beherrscht. „Du warst in Askaban, der Dunkle Lord hatte Draco mit der Tötung Dumbledores beauftragt und Narcissa hat Todesängste um den Jungen ausgestanden. Eines nachts stand sie zusammen mit Bellatrix vor meiner Tür und hat mich buchstäblich auf Knien angefleht, Draco zu beschützen. Sie hat den Eid von mir verlangt – und ich habe eingewilligt."

So, wie Severus es erzählte, klang es logisch, fast selbstverständlich. Aber das war es nicht. Wenn er den Unauflösbaren Eid brach, würde Severus sterben.

Und das tat er – für wen?

Für Draco? Für Narcissa? Oder – für mich?!

„Ich kann es dir nicht erklären", sagte Severus leise. „Erst dachte ich, ich tue es für Narcissa. Sie und ich waren uns immer sympathisch, obwohl dir das nicht gefallen hat, ich weiß. Dann dachte ich, ich tue es für Draco. Er ist mein Patensohn und Schüler meines Hauses. Auch wenn er anstrengend sein kann, fühle ich mich ihm verbunden. Aber jetzt ..." Er sah Lucius unsicher an. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Eid nicht vielleicht um ... um deinetwillen geleistet habe."

Severus presste die Lippen aufeinander, bis sie nur noch ein blutleerer dünner Strich waren. „Ich weiß einfach nicht, was plötzlich über mich gekommen ist!", stellte er mit einem ärgerlichen Kopfschütteln fest.

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Severus sah Lucius Hilfe suchend an.

Was ist nur in mich gefahren, verdammt noch mal?! Warum erzähle ich ihm das alles?

Lucius erwiderte den Blick lange, forschend. Er schien zu prüfen, ob es sicher war, ein offenes Wort zu wagen.

„Du riskierst dein Leben, um Draco zu retten", sagte Lucius schließlich, leise und eindringlich. In seinen Augen flackerte es merkwürdig. „Das ist für mich das Wichtigste. Ich kann dir das niemals zurückzahlen."

Severus schüttelte den Kopf. Er wollte den Mund öffnen, um diese kitschige, unangemessene Dankeserklärung abzuwürgen, doch Lucius fuhr rasch fort: „Du willst auch mir helfen. Dafür danke ich dir. Auch wenn dein Verhalten vorhin mich ... Auch wenn du eine Grenze überschritten hast, die ..."

Severus ergänzte den Satz in Gedanken: Auch wenn ich eine Grenze überschritten habe, deren Verletzung dich erniedrigt, gedemütigt und gebrochen hat. Auch wenn ich eine Grenze überschritten habe, die ich niemals hätte überschreiten dürfen. Nicht gegen deinen Willen. Niemals.

„Ich kann deine Gefühle nicht erwidern, Severus. Ich habe ..." Lucius lächelte verkrampft und startete einen neuen Versuch. „Ich bin nicht ... nicht homosexuell. Nicht einmal bisexuell. Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe einen Sohn. Ich liebe Narcissa. Aber ... da mir sonst nichts mehr geblieben ist, wodurch ich dir meine Dankbarkeit ausdrücken könnte ..."

Er beugte sich plötzlich vor und küsste Severus auf den Mund; sanft, zärtlich.

Severus erstarrte. Im ersten Moment hätte er Lucius fast von sich gestoßen. Dann lief ein sehnsüchtiger Schauer über seinen Rücken und er gab den Kuss zurück – hungrig, aber liebevoll.

Als Lucius sich schließlich von ihm löste, sah Severus ihn höchst verunsichert an. In Lucius' Augen stand immer noch dieses seltsame Flackern.

Severus schüttelte ungläubig den Kopf. „Wir sollten das lieber ganz schnell vergessen", sagte er heiser. „Alles. Andernfalls ..."

Er hatte nur eine äußerst vage Vorstellung von dem, was andernfalls geschehen würde. Aber er war sicher, dass es nichts Gutes sein konnte.

Lucius fuhr sich langsam mit der Zunge über die Lippen. Er war sehr blass und sah ebenso verwirrt aus, wie Severus sich fühlte.

Schließlich senkte Lucius den Blick und nickte zögernd. „Ja. Du hast natürlich Recht. Wir sollten das vergessen ... Obwohl ich nicht weiß, ob ich alles vergessen kann, was hier zwischen uns passiert ist."

Lucius sah rasch auf; nervös, angstvoll.

Entsetzt erkannte Severus, dass Lucius seinen Wunsch, die Sache zu vergessen, tatsächlich als Befehl interpretiert hatte und jetzt fürchtete, er könnte diesem Befehl vielleicht nicht zur vollen Zufriedenheit seines Gebieters nachkommen.

Severus spürte, wie sich die Scham durch seinen Körper fraß und sein bleiches Gesicht zum Glühen brachte.

Doch in die Scham mischte sich noch etwas anderes.

Trauer. Verlust.

Es hätte anders sein sollen zwischen ihnen. Und es war seine Schuld, dass Lucius nun so vor ihm stand: unterworfen, verängstigt, zerstört, ein bleicher Schatten des stolzen, schwierigen und doch so faszinierenden Menschen, in den er sich schon vor vielen Jahren unbewusst verliebt hatte.

„Komm jetzt", murmelte Severus und zog Lucius auf die Füße. „Komm. Ich werde dich zu Draco bringen. Du musst dich um deinen Sohn kümmern. – Bereite ihn besser auf alles vor", sagte er gepresst. „Und ... du dich auch," fügte er fast unhörbar hinzu.

SSSSSSS

Ende.

SSSSSSS

Anmerkungen: Wer sich dafür interessiert, wie es mit Severus und Lucius weitergeht oder wer wissen will, was aus Marcus geworden ist, findet in „Jenseits von Hogwarts" die Antwort.

SSSSSSS