Hallo ihr Lieben

Ein weiterer Sonntagnachmittag, gefüllt mit Aufgaben und guten Vorsätzen. Aber ich bin trotzdem wieder vor dem Computer gelandet, weil ich es einfach nicht lassen kann, mein Finger sinnlich über die Tastatur gleiten zu lassen, oder auf sie einzuschlagen. Ich starte hier ein kleines Experiment, dass sich so hauchzart an der Fanfiktion langbewegt, dass es schon keine mehr sein muss, es aber immer noch sein kann. Inspiration ist alles. Das erste Kapitel verrät noch nichts, aber das Zweite wird euch erleuchten. Meine kleine Gedankenspielerei zum "Was wäre wenn...", dass wir ja alle in uns tragen und dass unsere schönsten Geschichten als Keim in sich trägt.

Be inspired...

Passende Musik gibt es von Cindy Lauper "True Colors" für den ersten Teil
und von den Pointer Sisters gibts "Fire" für den Zweiten.

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Rabenherz

„Schreibst du jetzt was oder nicht?", verlangt meine Tastatur von mir zu erfahren. Sie klingt reichlich quengelig. Ihre Streicheleinheiten waren heute rar. Sie fühlt sich vernachlässigt, ich höre es klar heraus und wenn sie Augen hätte, würde sie mißtrauisch zur Jacke hinüberschielen, die bereits auf der Sessellehne räkelt. Bereit zum Aufbruch.

Ich ignoriere sie und starre aus dem Fenster, wo die Dunkelheit einer neuen Nacht gerade über den Horizont schwappt, während der Monitor meines Computers grell nichts sagend in mein Inneres brennt. Doch heute ist da nichts zu finden. Alles leer. Ausgeräumt.

„Ein Gedicht, ein Gedicht! Wenigstens ein kleines.", flehen die Tasten weiter.

Ich antworte nicht.

So verrückt bin ich nun auch wieder nicht, dass ich mich mit meiner Tastatur unterhalten müsste.

Aber Schreiben kann ich auch nicht. Um präzise zu sein, das Problem ist, dass ich im Moment nichts fühlen kann, über das ich schreiben will. Nur die Leere, die immer da ist und damit nicht erwähnenswert. Unbedeutend.

Ich brauche nicht noch mehr Gedichte über die Leere. Darüber haben wir alle schon zu oft geschrieben. Die immerwährende Leere in mir, in der Welt, in den Gedichten der Menschen. Die Leere in meinem Herzen. In meinem Leben.

Für die Leere ist immer reichlich Platz vorhanden.

Ich gähne.

Es ist ja nicht so, dass es nichts gäbe, womit sich diese Leere füllen ließe. Ganz im Gegenteil. Es gibt eher viel zuviel davon, so dass man ratlos vor all diesen Möglichkeiten die Schultern zuckt, erschlagen von der Vielfalt wie ein Verhungernder in einem Steakhouse. Man fühlt sich auf widerwärtigste Art verlacht und kann sich einfach nicht entscheiden. Denn alles fühlt sich auf unheimliche Weise falsch an und einzig die Leere scheint richtig.

Vielleicht sind wir auch in unsere innere Leere verliebt, weil sie uns ein asketisches Gefühl von Reinheit vermittelt und uns so vor uns selbst irgendwie wichtig und besonders erscheinen läßt.

Und das ist wirklich verrückt.

Dagegen ist mit seiner Tastatur zu sprechen echt banal.

Ich schalte den Rechner aus und seufze. Heute habe ich für Beides nichts übrig. Weder für Gedichte, noch für Verrücktheiten. Im Grunde bin ich todmüde und würde am liebsten auf der Stelle wie tot ins Bett fallen, aber kaum dass ich mich in den weichen Kissen vergraben habe, bin ich Nacht für Nacht wieder hellwach. Rastlos.

Heute falle ich garnicht erst darauf herein. Es ist doch immer das Gleiche. Eine ausdauernde Aneinanderreihung schlafloser Träume, wie Kurzfilme im Gehirn, die man war nicht sehen will, die aber immer laufen, sobald man die Gedanken zur Ruhe kommen läßt und die Schutzschilde fallen.

Meinen Fernseher habe ich schon vor Monaten ausgewildert. Er streift jetzt durchs Nachbarhaus, von Wohnung zu Wohnung und verbreitet dort seine Botschaften. Bei niemandem bleibt er lange. Er ist genauso rastlos wie ich. Ein wenig tut er mir auch leid. Immerhin hatten wir auch unsere schönen Momente. Liebesfilme und Krimis, Thriller und Komödien. Aber irgendwann wurde das immer weniger und alles andere immer mehr. Bis ich es nicht mehr ertragen konnte.

Seitdem gibt es in meiner Wohnung keine Terroristen mehr, keine Vergewaltiger und keine Vergewaltigten. Und hier muss jetzt auch niemand mehr verhungern, während ich eine Tafel Schokolade esse und trotzdem versuche ein guter Mensch zu sein.

Doch die Filme in meinem Kopf laufen weiter. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Ohne Werbeunterbrechung. Und so kapituliere ich und verabschiede mich vollständig von der Vorstellung unbeschwerter traumloser Tiefe. Mir fehlt heute der nötige Kampfgeist um es mit Dämonen aufzunehmen und das Leben hier drinnen ist so verbraucht wie die Luft.

Ich lösche alle Lampen, öffne die Fenster und inhaliere tief. Die satte, regenfeuchten Nachtluft beschert mir ein euphorisches Schwindelgefühl und ich lache in die Dunkelheit.

Dann wirbele ich auf der Stelle herum, gleite in die Schutzschicht meiner Jacke, die sich um mich legt wie eine zweite Haut und trete die Flucht nach vorne an. Lasse die trügerische Sicherheit meiner Höhle hinter mir und fege ins Treppenhaus, wie der Nachtwind durch die Papiere auf meinem Schreibtisch.

Flucht nach vorne...

tbc