Chapter 2

Mehrere Wochen später war das Klima bei Kerima angespannter denn je. David und Mariella beschränkten ihre Streitgespräche nicht mehr nur auf sein Büro, sondern fetzten sich auch außerhalb, sodass es jeder hören konnte. Niemand wusste genau, um was es ging, aber jeder erzählte gern seine Ansicht.

Lisa wollte David so gut es ging zur Seite stehen, da er und Mariella offensichtlich gerade in einer Krise steckten und David das zusehens mitnahm, doch sie konnte nur wenig tun, ohne David direkt Hilfe anzubieten. Und selbst dann wusste sie nicht recht, wie sie ihm helfen konnte.

Viele sprachen Lisa darauf an, und anfangs hatte sie den diplomatischen Weg gewählt und die Leute gebeten, keine Gerüchte zu verbreiten und sich auf die Arbeit zu konzentrieren, doch nach dem 10. Nachhaken von einer Trainee, die Lisa sonst nie eines Blickes gewürdigt hatte, platzte ihr der Kragen und sie blaffte jeden an, der sie auf dieses Thema ansprach.

Nach einem besonders heftigen Streit, der glücklicherweise in Davids Büro stattgefunden hatte, von dem aber dennoch jeder wusste, weil sich der Buschfunk wie ein Strohfeuer ausbreitete, kam Lisa der Gedanke, David hier einmal rauszuholen und ihn auf andere Gedanken zu bringen. Als Mariella weggestürmt war wartete Lisa noch ein paar Minuten, um David etwas abkühlen zu lassen, bevor sie in sein Büro ging und die Tür hinter sich schloss.

David saß in seinem Sessel, hatte der Tür und dem Schreibtisch aber den Rücken gekehrt sodass er Lisa nicht sehen konnte. Sie setzte sich in einen Sessel gegenüber von David's Schreibtisch und wartete darauf, dass er sie entdeckte. Vor nicht allzu langer Zeit wäre sie nervös hier gesessen oder hätte ihn mit Fragen bombardiert, doch jetzt war sie ruhig und komfortabel in Davids Gegenwart und sie wusste, sie musste ihm Zeit geben, sich zu sammeln.

Nach mehreren Minuten drehte er seinen Sessel um und schien überrascht zu sein, sie hier zu sehen. Er hatte nicht gehört, wie sie sein Büro betreten hatte.

„Lisa?"

„David, ich hab das jetzt lange genug mit angesehen und ich denke, du brauchst mal ein bisschen Abwechslung." David schien überrascht zu sein.

„Abwechslung?"

„Ja. Und zwar sofort." Lisa lächelte, als sie sein verblüfftes Gesicht sah.

„Sofort? Aber das geht nicht. Ich habe Arbeit zu tun." Sie hatte gewusst, dass dieses Argument kommen würde und war darauf gut vorbereitet.

„David, du bist nicht mehr Geschäftsführer und so leid es mir auch tut, das zu sagen, die Firma wird nicht untergehen, wenn du einmal einen halben Tag nicht da bist." Lisa war aufgestanden und an den Tisch getreten. Sie blickte nun auf David hinunter, der eine gute Imitation eines Fisches machte.

„Aber…aber" wollte er einlenken, doch Lisa gab ihm keine Chance. Sie ging um den Tisch herum und stand nun neben ihm.

„Nichts aber. Du kommst jetzt mit mir." Sie ergriff seinen Arm und zog ihn aus seinem Stuhl. Obwohl er protestiert hatte, ließ er sich von ihr zur Tür führen. Nachdem Lisa überzeugt war, er würde ihr folgen, ließ sie seinen Arm los und öffnete die Bürotür. Sie schnappte sich ihre Tasche und zusammen gingen sie und ihr Chef zum Aufzug. Als sich die Lifttüren hinter ihnen schlossen, atmete David erleichtert auf. Die Streits mit Mariella hatten ihn angespannt werden lassen, wann immer er Kerima betrat.

Die beiden verließen das Geschäftsgebäude und Lisa ging in Richtung Park los. David ging wortlos neben ihr her, was für sie einen großen Vertrauensbeweis bedeutete. David musste immer alles wissen und dass er jetzt mit ihr ging, ohne einen blassen Schimmer zu haben, was sie mit ihm vorhatte, bedeutete Lisa viel.

Nach einigen Minuten passierten sie eines der Eingangstore des Parks, doch Lisa ging den Parkweg zielstrebig weiter, noch nicht an ihrem Ziel angekommen. Gerne kam Lisa hier her, um einfach durch die Natur zu schlendern und sich die Blumen anzusehen oder die Menschen zu beobachten, doch heute war ihre Aufmerksamkeit auf David gerichtet. Dieser schien die wundervolle Farbenpracht um sich herum gar nicht wahrzunehmen, er blickte stoisch geradeaus und folge ihrer Führung.

Nach einem kurzen Marsch waren sie an ihrem Ziel angekommen. Ein Teil des Parks war abgegrenzt und mit großen Strohballen und Holzwänden gespickt. Als Lisa vor dem Gebäude stehen blieb, riss das David aus seinen Grübeleien. Er schaute sich erschrocken um und sein Blick blieb an dem Plakat hängen, das in einem Schaufenster hing.

„Paintball?" fragte er ungläubig. Lisa lachte kurz auf.

„Das beste Mittel, einmal alles zu vergessen und sich so richtig zu amüsieren."

„…Aber…aber unsere Klamotten…?" Lisa schnappte sich wieder seinen Arm und zog ihn durch die Eingangstüre, während sie es ihm erklärte.

„Wir können uns Overalls, Schuhe und Schutzbrillen ausleihen. Dazu bekommen wir ein Tasche voller mit Wasserfarbe gefüllter Munition." David war wirklich sprachlos und so konnte sie für sich und ihn alles ausleihen und schob ihn in Richtung Männerumkleide. Sie selbst verschwand in der Frauenumkleide und wenige Minuten später stand sie auf dem Feld hinter dem Haus. Sie wartete ungeduldig, dass David erschien und richtete ihre Munitionstasche so, dass sie sie später nicht stören würde. Als sie schon dachte, David hätte die Chance ergriffen und sei abgehauen, trat er aus der Tür und hielt seine eigene Tasche in seiner Hand. Unsicher blickte er über das Feld, das still vor ihnen lag. Um diese Zeit kam hier selten jemand vorbei, es war gerade 11 Uhr Vormittags.

„Lisa, ich weiß nicht, ich glaube nicht, dass ich so was mag. Vielleicht sollten wir einfach…" Weiter kam er nicht, denn Lisa hatte ihm eine Munitionskapsel über den Kopf geschlagen und sein ganzes Haar war nun leuchtend grün. Laut lachend rannte Lisa von ihm weg, um Schutz hinter einem Strohballen zu suchen.

David war fassungslos. Lisa, seine schüchterne Assistentin, hatte ihm gerade neongrüne Farbe über den Kopf gehauen. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er wütend auf sie sein sollte, oder einfach lachen sollte. Doch bevor er sich entscheiden konnte, kam ihm ihre ausgelassene Art gerade eben in den Sinn. Er hatte sie noch nie so gesehen. Sie schien glücklich und sorgenfrei zu sein. Nun, wenn ihr dieses Spiel half, vielleicht würde es ihm auch helfen. Mit einem Kampfschrei und einem „Das bedeutet Krieg!" rannte er auf ihren Strohballen zu und die Schlacht begann.

Lisa und David jagten sich so lange gegenseitig über das Feld bis sie erschöpft und lachend nebeneinander ins Stroh fielen. Beide fühlten sich total kaputt, aber auch sehr glücklich. Sie lachten, als sie sahen, wie bunt sie waren und diskutierten darüber, wer nun gewonnen hatte. Am Ende drohte Lisa ihm mit ihrer letzten Patrone, leuchtend pink, und David räumte ein, dass sie beide Sieger waren. Lisa ließ von ihm ab und als sie genug Energie gesammelt hatten, um sich wieder bewegen zu können, rappelten sie sich auf und gingen in die Umkleidekabinen.

David war als erstes fertig geduscht und angezogen und wartete auf Lisa vor dem Haus. Bei den Duschen hatte es ein Regal gegeben, in dem man sich verschiedene Shampoos, Duschgels und andere Hygieneartikel herausnehmen konnte, damit man die Farbe abbekam. David konnte sich gar nicht genug wundern, wie sehr er sich heute amüsiert hatte. Der Tag hatte schlecht angefangen und war dann so schlimm geworden, dass er nicht mehr gewusst hatte, ob er all diesen Druck noch lange aushalten würde. Doch Lisa, seine fantastische Assistentin, hatte das gemerkt und beschlossen, dass er es wert war, gerettet zu werden. Oft dachte er daran, wie er Lisa am Anfang ihrer Zusammenarbeit behandelt hatte und das sie doch immer zu ihm gehalten hatte und ihm geholfen hatte, wo es nur ging. Zugegeben, sie war nicht besonders hübsch, und darauf hatte David immer als erstes bei einer Frau geachtet, doch das machte sie mit ihrer Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft mehr als wett. Ohne sie hätte er die letzten Monate wohl nicht überlebt und ihm wurde bewusst, dass er sich für nichts jemals richtig bedankt hatte. Er beschloss, das bald nachzuholen, als die Frau seiner Gedanken auch schon aus der Tür kam. Sie lächelte ihn an und er erwiderte es. Zusammen machten sie sich auf den Weg durch den Park.

Sie schlenderten nebeneinander her und bestaunten die Vielfalt der Blumen und die Formen der Zierbäume. Sie beschlossen, etwas essen zu gehen, denn beide hatten nach der Anstrengung des Mittags einen Bärenhunger. Sie wählten ein kleines Cafe nahe des Parks aus und hatten ein ausgelassenes spätes Mittagessen.

Die ganze Zeit redeten sie über alles, das ihnen so in den Sinn kam, doch beide vermieden die Themen Kerima und Mariella und so verflog der gemeinsame Nachmittag schnell.

Als es Abend wurde, begleitete David Lisa zur Bahn, mit der sie nach Göberitz fahren würde. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, blickte David Lisa ernsthaft an.

„Lisa, danke. Ich kann dir gar nicht sagen, wie toll dieser Nachmittag mit dir war. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Spaß hatte und das alles habe ich nur dir zu verdanken. Du bist wirklich ein Engel." Lisas Lächeln wurde etwas heller.

„Schön, dass es dir gefallen hat. Ich wollte dir helfen, einfach mal zu entspannen und deine Sorgen zu vergessen. Ich hoffe, das ist mir ein wenig gelungen?" Lisa war sich nicht sicher, dass die Erwähnung seiner Probleme ihm nicht die Laune verderben würde, doch er lächelte weiter.

„Das ist dir 100%ig gelungen. Ich hab nicht einmal an Kerima oder Mariella gedacht." Doch nun verschwand seine gute Laune und auch Lisas Lächeln verschwand von ihrem Gesicht.

„Tut mir leid…" Wollte sich Lisa entschuldigen, doch David unterbrach sie.

„Lisa, Stopp. Da ist nichts, für das du dich entschuldigen müsstest, im Gegenteil. Ich entschuldige mich, dass ich uns die Laune verdorben habe. Ich fühle mich nur so hilflos im Moment und weiß nicht, was ich tun soll. Und bei diesem Problem kannst du mir leider auch nicht helfen." David blickte auf den Zug.

„Du solltest einsteigen, er fährt gleich los." Auch Lisa bemerkte das und verabschiedete sich schnell.

„Machs gut, David. Bis morgen." Lisas Lächeln war vorsichtig.

„Bis morgen, Lisa." David erwiderte das Lächeln.

„Komm gut nach Hause." Lisa nickte ihm kurz zu und als sie eingestiegen war, fuhr der Zug auch schon los.