Lohengrins kleines Problem"

oder

Warum Lohengrin nicht beim ersten Ruf des Heerrufers erschien"

von Michelle Mercy

Die Figuren gehören Richard Wagner und nicht mir. Außerdem weise ich darauf hin, daß ich die Lübecker „Lohengrin"-Inszenierung, die zur Inspiration diente, sehr schätze und verehre.

„Wo willst du jetzt um diese Zeit hin?" fragte Parsifal seinen Sohn.

„Wir haben einen Notfall in Brabant, Papa," antwortete Lohengrin nervös. „Gibst du mir bitte den Schlüssel für den Express-Schwan?"

„Der Express-Schwan ist in der Inspektion," belehrte Parsifal seinen Sprößling. „Du wirst den Neuen nehmen müssen."

„So ein Mist." Lohengrin stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf. „Der ist so störrisch und noch überhaupt nicht eingefahren."

„Nimm den neuen Schwan, oder laß es bleiben." Parsifal nahm seinen Sohn näher in Augenschein. Lohengrins Kleidung wirkte sehr zusammengesucht. Er trug neben schwarzen Hosen und Schuhen ein T-Shirt mit Wappen, eis offenen weißes Hemd darüber und einen langen weißen Mantel. „Was hast du da überhaupt an? So verläßt du mir nicht das Haus!"

„Aber, Papa," wollte Lohengrin einwenden, kam jedoch nicht dazu weiterzusprechen.

„Du gehst jetzt sofort auf dein Zimmer und ziehst dich um," befahl sein Vater.

„Aber, Papa, ich muß doch dieses Mädchen in Bedrängnis retten," widersprach Lohengrin.

„Das kann warten," sagte Parsifal streng. „Wir sind es unserem Ruf schuldig. Ich habe hier noch nie einen Ritter in nicht angemessener Kleidung vom Hof fahren lassen, und ich werde bei meinem Sohn nicht damit anfangen.

„Aber wenn ich zu spät komme, Papa..."

„Solange du deine Füße unter meinen Gral legst, tust du, was ich sage."

Lohengrin gab auf. Er wußte, wenn er weiter mit seinem Vater diskutierte, würde er am Ende mit der Gralsschildkröte nach Brabant fahren müssen. „Ja, Papa."

„Und höre auf, deine T-Shirts aus dem Souvenir-Shop von Montsalvat mitgehen zu lassen," rief Parsifal seinem Sohn nach, während dieser sich umziehen ging und seinen Mantel dabei frustriert hinter sich herzog.