Alternatives Ende 3 - Das womöglich noch undankbarere Ende

Wie versprochen leistete Severus seinen Kollegen am nächsten Morgen Gesellschaft. Erstaunlicher Weise tat es gut, die alten Gesichter wieder zu sehen, selbst Remus Lupin, dem er ja früher nicht wohl gesonnen war, begrüßte er fröhlich.

Schon lange nicht mehr hatte er ein so gutes Frühstück gehabt. Ihm wurden viele skeptische Blicke zugeworfen, als er hemmungslos rein haute, war er doch früher ein nicht besonders guter Esser gewesen.

Die Zeit bis zur abendlichen Zeremonie verbrachte er, indem er einen langen Spaziergang durch das Schloss unternahm. Er hatte all die verborgenen Winkel, die vielen Treppen und Geheimgänge und die sich bewegenden Rüstungen sehr vermisst. Des Öfteren empfing er einen leicht überraschten Gruß aus dem einen oder anderen Gemälde.

Schließlich beschloss er, der Direktorin und somit auch Albus Dumbledore einen kleinen Besuch abzustatten.

Das Büro der Schulleiterin hatte sich nur wenig verändert, es standen noch immer dieselben merkwürdigen Apparaturen herum, die leise sirrende Geräusche von sich gaben. Nur zwei Dinge fehlten, damit der Eindruck perfekt war: Die Schale mit den bunten Naschereien und ein vergnügter Albus Dumbledore, der sich mit einem langen Finger einen Zitronendrop daraus fischte.

Der Tag verging wie im Fluge und als der Abend nahte, war Severus tatsächlich ein wenig aufgeregt. Immerhin wären für ihn alle Schüler neu und er war unheimlich gespannt, ob es nicht das eine oder andere viel versprechende Gesicht unter ihnen gab.

Als sich die zukünftigen Erstklässler vor dem Lehrertisch einreihten, fielen Severus sogleich zwei rote Haarschöpfe ins Auge. Die Weasleys mussten also wieder Nachwuchs gezeugt haben. Seine Mundwinkel zuckten nach oben. So viele Kinder wie Molly und Arthur hatten, würden da sicher noch weitere sommersprossige Gesichter auf ihn zu kommen.

Der erste Rotschopf, ein Mädchen, stellte sich als der Sohn von Bill und Fleur Weasley heraus, was man nicht nur an dem französischem Vornamen zu erkennen war – Lucie Pauline – sondern auch an dem leichten Anflug einer veelahaften Ausstrahlung. Sie kam nach Ravenclaw, wo bereits zwei andere rothaarige Schüler saßen, wie Severus schockiert feststellen musste.

Bei dem anderen neuen Weasleysprössling handelte es sich um einen Jungen mit einem ihm nur allzu bekannten Nachnamen: Potter. Severus rieb sich nervös die Schläfen. Das konnte ja heiter werden … Als sich der Junge umdrehte und auf den Schemel mit dem Hut zuging konnte er es genau erkennen: Dasselbe Gesicht wie Potter Senior, ebenfalls eine Brille lediglich die Haarfarbe unterschied ihn von seinem Vater.

Als der Junge jedoch nach Slytherin gesteckt wurde, entspannte sich Severus ein wenig. Vielleicht würde er ihm eine Chance geben.

Wenig später erschien das Festmahl. Die Ausmaße dieses hatte Severus in den letzten zehn Jahren verdrängt. Umso heftiger traf ihn der Schock angesichts dieser fantastischen Speisen. Er langte noch hemmungsloser zu, als noch heute Morgen beim Frühstück. Grinsend dachte er er, dass, wenn er so weitermachte, er irgendwann genauso dick sein würde wie sein Ex-Kollege Slughorn.

Das Highlight der Auswahlzeremonie war eine kleine Aufführung der Hausgeister, die seltsame Tänze und Gänsehaut erzeugende Gesänge zum Besten gaben. Ein angenehmes Schaudern überkam Severus und er fühlte sich einmal mehr wie neu geboren.

Völlig überfressen und hundemüde wankte er einige Stunden später in seine privaten Räume, in Sehnsucht an sein weiches, großes Bett. Vorher putzte er sich noch im Halbschlaf die Zähne und wusch sich kurz sein Gesicht, ehe er in seinen Lieblingspyjama schlüpfte.

Doch bevor er es schaffte, sich ins Schlafzimmer zu schleppen, geschah etwas, mit dem er nie wieder in seinem ganzen Leben gerechnet hatte.

Sein linker Unterarm brannte wie Feuer.

Entsetzt riss er seinen Ärmel hoch und besah sich das Dunkle Mal, dass eigentlich schon längst wieder verschwunden gewesen war. Es glühte dunkelrot. Severus schüttelte entsetzt den Kopf. Das konnte nicht wahr sein, der Dunkle Lord war tot, endgültig besiegt! War es also ein alter Todesser, der ihn rief? Der womöglich Rache nehmen wollte?

Er schüttelte abermals seinen Kopf. Unmöglich, sie alle verrotteten in Askaban.

Mit der Zeit wurde der Schmerz unerträglicher und er tat das, was unvermeidlich war. Er beschwor eine simple schwarze Robe zu sich – seine Todesserverkleidung war längst vernichtet worden – und machte sich auf den Weg zur Appariergrenze.

Nymphadora Lupin lief ihm in der Eingangshalle über den Weg und zeigte sich verwundert darüber, dass er noch einmal das Schloss verließ. Severus murmelte etwas von „Eberkopf … Hosgmeade" eher er im Dunkeln verschwand.

Hinter dem Schlossgelände apparierte er, indem er sich auf sein Dunkles Mal konzentrierte, voller Angst vor dem, was auf ihn wartete.

Als die Außenwelt wieder Gestalt annahm fand er sich in einem Haus wieder, was ihm noch nie sehr angenehm gewesen war: Der Grimmauldplatz Nummer 12. Was zum Henker hatte das zu bedeuten?

„Sehr klug von dir zu erscheinen, Snape", sprach eine kalte Stimme aus dem Schatten. „Ich hatte nichts anderes von dir erwartet."

Diese Stimme kam ihm vage bekannt vor, doch er konnte nicht sagen, woher.

„Wer bist du?", fragte er mit zitternder Stimme. „Und weshalb rufst du mich durch das Dunkle Mal?"

„Schweig!", zischte die Stimme. „Du hast nur zu sprechen, wenn ich es sage! Crucio!"

Severus schwanden die Sinne. Sein ganzer Körper war in einem weiß glühendem Käfig gefangen. Er schrie vor Pein, wälzte sich auf dem Boden, krümmte sich – und der Fluch wurde von ihm genommen.

Er spürte warmen Atem auf seinem Gesicht und die Stimme, die ihm jetzt leise etwas ins Ohr flüsterte: „Du wirst mir dienen, so wie du meinem Vorgänger gedient hast, Snape, hast du verstanden?"

„Ja, ja, habe ich", stotterte Severus, sein Sinne noch immer Vernebelt. Der Schweiß lief ihm in die Augen. Er war nicht mehr an den Cruciatus gewöhnt.

„Nein, das hast du nicht. Ich bin der neue Dunkle Lord, Snape."

Er riss entsetzt die Augen auf. Plötzlich erkannte er diese Stimme.

„Potter?", flüsterte er fassungslos.

Ende