Meine Waffe

"Light… mein Gott… RAITO!!" Misas Schrei klingt in meinen Ohren, bevor ich mich von ihr runter rolle und neben ihr ins Bett falle. Ihre laute Art habe ich schon immer gehasst. Jedes Mal wenn wir Sex haben schreit sie das halbe Haus zusammen. Ab und an kommt mir der Gedanke, sie einfach zu knebeln… sie würde es sicher als nette kleine Abwechslung auslegen und es wäre eine gewaltige Erleichterung für meine Ohren.

"Light…", seufzt sie zufrieden und kuschelt sich an mich. Sie klingt erschöpft, sollte sie auch besser sein. Dann habe ich für den Rest der Nacht meine Ruhe. Ich selbst fühle mich angenehm müde und möchte eigentlich nur noch schlafen. Bedauerlicherweise ist sie in Momenten wie diesem ganz besonders anhänglich, ihr Kopf ruht auf meiner Brust und sie streicht mit den Fingern abwesend über meine nackte Haut. Am liebsten würde ich sie aus dem Bett werfen.

Zu allem Überfluss ertönt jetzt von der Tür aus eine Stimme: "Seid ihr endlich fertig? Dem Schrei nach zu urteilen würde ich mal sagen ja." Ryuk kommt durch die Tür und kaut genüsslich einen Apfel. Wenigstens hat er den Anstand, sich irgendwohin zu verziehen, wenn es mal wieder soweit ist.

Misa errötet und vergräbt ihr Gesicht an meiner Brust. "So ein Shinigami kann ganz schön nerven", nuschelt sie.

Ich frage mich manchmal, warum sie noch am Leben ist. Natürlich ist sie nützlich, ihre Augen sind unersetzlich. Außerdem hilft sie mir, die perfekte Fassade aufrecht zu erhalten, denn in meinem Alter wäre es wohl unnormal, keine Freundin zu haben. Trotzdem, wenn man bedenkt, was für einen Aufwand ich betrieben habe, um Rem loszuwerden, damit ich Misa töten kann, wann immer ich will, ist es schon eigenartig, dass sie nach drei Jahren immer noch bei mir ist. Ich hätte nie gedacht, dass sie so lange überleben würde.

Aber sie ist noch da. Und ihre Liebe zu mir ist noch genauso stark wie früher. Sie würde alles für mich tun. Ich bin das Zentrum ihrer Welt und für ein bisschen von meiner geheuchelten Zuneigung würde sie alles geben.

Immer wenn sie mich fragt: "Liebst du mich?", dann antworte ich mit einem gedankenlosen Ja, obwohl ich eigentlich Nein meine. Die Worte bedeuten mir nichts und ich sage es, um sie bei Laune zu halten. Und dazu braucht es sowieso sehr wenig. Ich schnauze sie an, wenn sie mich zu einer ungünstigen Gelegenheit stört. Ich habe nie von mir aus versucht, sie in meiner Nähe zu halten, sie zu berühren, sie zu küssen. Immer ergreift sie die Initiative. Jede andere hätte es längst begriffen, aber Misa ist so anhänglich wie am ersten Tag.

Es ist mir unverständlich, wie jemand so unterwürfig sein kann. Misa hat ihr Leben in meine Hände gelegt, in dem Moment, als sie mir ihren Namen nannte und mir ihr Death Note übergab. Was ich ihr auch befehle, sie tut es. Sie ist meine Marionette, meine Waffe, und sie ist glücklich damit. Ich kann das nicht verstehen. Vielleicht, weil wir so gegensätzliche Persönlichkeiten sind. Ich lasse mir von niemandem etwas sagen, etwas anderes als die Nummer eins zu sein kam für mich nie in Frage. Und sie ist ein Mitläufer, und sie ist glücklich damit. Sie betet Light Yagami noch mehr an als Kira.

"Light?" Sie sieht mich aus großen Augen an. "Worüber denkst du nach?"

"Nichts", antworte ich schlecht gelaunt. Sie muss ja nicht wissen, dass ich über sie nachdenke. Ich wundere mich ja selbst, woher plötzlich die sentimentalen Gedanken kommen. Ich bin nicht nett, das weiß ich. Ich behandle sie schlecht, aber sie lebt, und das ist mehr, als jemand erwarten kann, der so viel über mich weiß. Das alles dient zum Wohle des größeren Ganzen. Misa mag ihre ganz eigenen, egoistischen Motive haben, Kira zu helfen, aber das macht nichts. Sie ist hier und es ist gut, so wie es ist. Wenn ich sie nicht brauchen würde, würde ich sie töten.

Jedenfalls hoffe ich das. Ich könnte auf ihre Zudringlichkeiten verzichten, wenn ich beschäftigt bin. Und auf ihre Freudenschreie, wenn ich von der Arbeit komme. Ich könnte sehr gut ohne ihre kindischen Fragen leben. Aber vielleicht wäre es schwer, ganz ohne sie zu sein.

Misa würde mir fehlen.

Die Erkenntnis trifft mich schwer, aber das ist eine Tatsache. Sie ist mir wichtig, sie ist ein Teil meines Lebens geworden. Sie ist mein Alibi, meine Waffe, der Mensch, der am meisten an mich glaubt. Aber das ist nicht alles. Sie gehört mir. Sie gehört zu meinem Leben, so ist es einfach. Unbewusst lege ich den Arm um sie.

"Liebst du mich?", fragt sie mich.

Ich schaue sie lange an. Sie legt verwundert den Kopf schief. Ich glaube, ich sehe sie zum ersten Mal wirklich. Ich sehe alles, was sie für mich aufgegeben hat und ich sehe, dass sie an meiner Seite war, die ganze Zeit. Verfüge über mich, wie es dir beliebt, sagte sie damals zu mir. Und genau das habe ich getan. Sie hat sich mir ausgeliefert, mit Haut und Haaren. Sie gehört mir, sie gehört an meine Seite, bis zum Ende.

"Nein", antworte ich und eigentlich meine ich Ja.

Ihre Augen öffnen sich weit und grenzenloser Schmerz erscheint darin. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, sie zu trösten. Meine Liebe ist nicht zärtlich und ganz sicher nicht selbstlos. Ich liebe mich selbst immer noch mehr als sie. Wenn ich dadurch mein Leben nur um ein paar Stunden verlängern könnte, würde ich sie töten. Und sie würde bereitwillig für mich sterben.

Nur einen Atemzug dauert es, dann blinzelt Misa den Schmerz weg und lächelt mich an. "Das macht nichts", sagt sie und legt ihren Kopf wieder an meine Brust. "Ich liebe genug für uns beide."