Ryuuzaki

Es gibt ein Gefühl, das ist gefährlicher als alles andere. Gefährlicher als Hass, Liebe, Schmerz oder Gier. Wenn man stark genug ist, kann man Hass unterdrücken. Man kann Liebe in sich tragen und nähren, ohne dass sie einen auffrisst. Schmerz kann man ertragen und Gier ablenken. Aber die Sehnsucht vereint all diese Gefühle und noch mehr in sich. Man kann sich gegen eines wehren, aber doch nicht gegen sie alle. Das musste ich schmerzlich lernen und diese Erkenntnis werde ich vielleicht mit meinem Leben bezahlen.

Das Tückische an der Sehnsucht ist, dass man sie anfangs zumeist verkennt. Ich für meinen Teil verwechselte sie mit einer merkwürdigen Anziehung, vielleicht auch mit Liebe. Wenn ich darüber nachdenke, begann es sehr früh. Yagami Light, dem ich das Chaos in meinem Inneren zu verdanken habe, weckte mein Interesse in dem Moment, als ich ihn das erste Mal sah, nämlich über die Überwachungskameras, die ich im Haus seines Vaters installiert hatte. Zuerst interessierte er mich, weil er so perfekt war. Kira muss ein Perfektionist sein, sonst hätte er die Morde an den FBI Agenten nicht so lückenlos planen können. Mein Gefühl sagte mir gleich, dass dieser Junge es wert war, ihn genauer zu beobachten.

Vielleicht war es ein Fehler, ihm persönlich entgegenzutreten. Die ersten Eindrücke, die ich von unserem Zusammentreffen erhielt, waren die eines interessanten, gutaussehenden, ruhigen, harmlosen Studenten. Schon immer strahlte er eine Gelassenheit und Klugheit aus, die nicht zu jemandem seines Alters passen wollte.

Ich beging einen weiteren, schrecklichen Fehler. Ich holte ihn ins Team, um ihn im Auge behalten und weiter analysieren zu können. Zu der Zeit muss es begonnen haben.

Jeder Tag den wir gemeinsam in meinem Büro verbrachten erhärtete meinen Verdacht, selbst als ich ihn auf eigenen Wunsch einsperren ließ, konnte und wollte ich von meinen Verdächtigungen nicht Abstand nehmen. Er veränderte sich, während der Gefangenschaft. Ich weiß noch das Datum, selbst die Uhrzeit, als sich irgendetwas in seinen Augen veränderte und ich das beängstigende Gefühl hatte, ein völlig anderer Mensch säße in dieser Zelle.

Ich war gezwungen, ihn freizulassen, als die Morde trotz der Beobachtung geschahen. Und ich beging den wohl größten Fehler meiner Laufbahn, als ich ihn mit Handschellen an mich fesselte, um ihn 24 Stunden am Tag unter Beobachtung halten zu können.

Wie schon gesagt, zuerst hielt ich es für bloße Anziehung, als ich mich wiederholt dabei ertappte, wie ich ihn beobachtete, mir seltsame Gedanken über ihn machte. Erst dachte ich, es wäre seine Brillanz, nicht unähnlich meiner eigenen, die mich faszinierte. Aber dann fielen mir diese kleinen Details auf, die mit seiner geistigen Kapazität so gar nichts zu tun hatten. Die wunderbare Farbe seiner Augen, zum Beispiel. Ich hätte ihn stundenlang ansehen können, ohne dass mir langweilig geworden wäre. Automatisch prägte ich mir sein Gesicht ein, jede Einzelheit, die Form seiner Nase, den Schwung der Lippen, das Fallen seiner Haare. Ich hätte ihn aus dem Gedächtnis malen können, ohne auch nur ein kleines Detail seiner Erscheinung zu vergessen.

Also kam ich zu dem Schluss, es sei Verlangen, vielleicht sogar Liebe. Bisher hatte ich solche Gefühle nie jemandem entgegengebracht, deswegen wunderte es mich nicht sonderlich, dass mein Verlangen einem Mann galt. Mein Verstand lieferte mir nicht nur dafür tausend Gründe, sondern auch für die Tatsache, dass es sich bei dem Objekt meiner Begierde gleichzeitig um meinen Hauptverdächtigen handelte. Du bist einsam. Nie zuvor hast du so viel Zeit mit einem Fremden verbracht. Es ist normal, dass dein Herz dir Gefühle vorgaukelt, das liegt nun mal in der Natur des Menschen.

Weil diese Gefühle so neu für mich waren, ließ ich mich darauf ein. Natürlich ließ ich ihn nicht wissen, was ich empfand, aber für mich selbst ließ ich sie zu, beobachtete, analysierte sie, um vielleicht zu gegebener Zeit auch mit einem geeigneten Gegenschlag aufwarten zu können. Aber je mehr ich mich damit befasste, desto stärker wurde es. Ich ertappte mich dabei, wie ich seine Hände anstarrte, während er etwas am Computer tippte, und mir heiß und innig wünschte, er würde mich nur einmal mit diesen Händen berühren. Ich wollte, dass er mich umarmt, mich berührt, mich küsst, mich liebt.

Ich, L, sehnte mich nach Light Yagami, so sehr, dass ich manchmal glaubte, mein Herz würde zerspringen. Als ich die Sehnsucht als solche erkannte, war es längst zu spät. Ich konnte nicht mehr zurück, ich hatte keinen Weg gefunden, sie zu bekämpfen.

Ich war einfach zu schwach.

Inzwischen kann ich kaum noch klar denken, weil er immer in meiner Nähe ist und immerzu meine Gedanken beherrscht. Er ist es jetzt meistens, der die Ermittlungen vorantreibt. Ich sitze daneben und denke darüber nach, was ich tun kann, um diesen entsetzlichen Schmerz zu lindern. Er muss es wissen, gerade jemand wie er muss doch spüren, dass etwas mit mir nicht stimmt. Nie hat er auch nur ein Wort darüber verloren, aber ich glaube, er weiß es. Ganz bestimmt.

Und wenn er Kira ist, wird er dieses Wissen zweifellos benutzen, um mich zu vernichten. Jetzt gerade ist er einfach nur ein normaler Student, das weiß ich. Aber er war Kira und wenn ich richtig liege, wird er seine Macht irgendwie zurückerlangen. Was werde ich tun, wenn die Unschuld wieder aus seinen Augen verschwunden ist? Werde ich die Kraft haben, ihn als Kira zu enttarnen? Was werde ich tun?

Sehnsucht ist ein sehr gefährliches Gefühl. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich mir überlege, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, Light vor der Todesstrafe, vor dem Gesetz, zu beschützen, wenn er wirklich Kira sein sollte. Manchmal kommt mir ein so grauenhafter Gedanke, dass mir kalter Schweiß ausbricht und ich das Zittern meiner Hände verbergen muss. Manchmal frage ich mich, ob Light, Kira, es wohl erlauben würde, dass ich mich ihm anschließe und wir sein Werk Seite an Seite vollenden.

Ich kenne mich selbst nicht mehr.