Disclaimer: Keiner der Charaktere gehört mir. Sie gehören alle J.K. Rowling.

Beta-Reader: Ich bin noch auf der Suche nach einem guten Deutschen Beta-Leser, aber es sollte auch so gehen.


Kapitel Eins

„Wir sind uns also darüber einig, dass Sie die erforderlichen Schritte für Dumbledores Beerdigung in die Wege leiten werden, Professor McGonagall?", fragte der schon ältere Zauberer schließlich, setzte sich auf und platzierte seine Schreibfeder resolut auf der Schreibtischfläche vor ihm. Die Entschlossenheit in seinem Tonfall und seine etwas erhobene Stimme brachten Minerva dazu, aufzublicken. Für ihren Geschmack war der Mann viel zu sachlich und nüchtern: Rufus Scrimgeour, wie er da saß, umgeben von Ministeriumsbeamten mit betretenen Gesichtern.

Das Büro des Direktors – nein, sie konnte es noch nicht als das ihre betrachten – war voll von Leuten, die ihr vollkommen fehl am Platz erschienen, angesichts der Zeit und der Umstände. Es waren Leute, die nicht mehr Teil der Schulgemeinschaft waren, Leute, die dem verstorbenen Direktor, Albus Dumbledore, nie nahegestanden hatten. Percy Weasley, ihr früherer Schüler und Schulsprecher, war einer von ihnen. Sie war immer stolz auf ihn gewesen, den pflichtbewusstesten und zielstrebigsten der Weasley-Kinder, aber nun ging ihr sein übereifriges Gekritzel auf einem Notizblock gehörig auf die Nerven. Wie konnten sie nur alle so weiter machen, als wäre nichts geschehen?

Aber da tat sie ihnen unrecht, das wusste Minerva. Jedem Einzelnen standen Entsetzen und Schock ins Gesicht geschrieben. Keinen hatten die Geschehnisse dieser Nacht unberührt gelassen. Doch was auch immer sie fühlten, es wurde versteckt hinter einer Maske unbeholfenen Gewusels. Allein die unfassbare Zahl der Ministeriumsmitarbeiter und Auroren, die durch die Gänge des Schlosses patrouillierten, hinterließ den Eindruck, dass die Trauer über den Verlust des Mannes, Albus Dumbledore, die geringste ihrer Sorgen war. Minerva hatte die starke Vermutung, dass jeder Einzelne von ihnen Dumbledore zumindest einmal zum Teufel gewünscht hatte, oder zumindest erhofft hatte, dass er seine Nase aus einer ganzen Reihe von Dingen gehalten hätte. Doch weder die öffentliche Meinung noch der Klatsch hatte Albus Dumbledore je groß gekümmert.

‚Aber, aber, Cornelius', pflegte Albus dem früheren Minister lächelnd zu sagen, ‚wir wissen beide, dass ich kein Mann für die Politik bin, aber lass doch einen alten Mann seine eigene Meinung äußern.' Es war ihm dabei immer durchaus bewusst gewesen, dass er Fudge durch diese harmlosen Worte zur Weißglut brachte.

Die britischen Hexen und Zauberer hatten mit Respekt auf Albus Meinung gehört, manchmal sogar mehr als auf die Worte des Ministers für Zauberei, höchstpersönlich. Die Menschen hatten zu ihm als dem größten Zauberer aller Zeiten aufgesehen – zumindest solange, bis Albus warnende Appelle, man möge angesichts der Rückkehr Voldemorts zusammenstehen, sie alle verschreckten. Diese Nachricht hatte die Zaubergemeinschaft in einer Zeit erreicht, zu der jeder gerade wieder begann, die Schrecken der dunklen Jahre zu vergessen, und auf ein friedvolles Leben hoffte. Gelähmt vor Angst zog man es vor, das Offensichtliche zu ignorieren, ja sogar es zu verleugnen. Das Ministerium wie auch die Presse zogen an einem Strang, versuchten dem Unvermeidlichen zu entgehen. Es hatte ihnen nicht genutzt.

Und nun war Albus Dumbledore tot, der Bezwinger des letzten, finsteren und bösen Zauberers – Grindelwald, der Träger des Merlinordens Erster Klasse, der Big Boss der Internationalen Vereinigung der Zauberer und Oberster Weiser des Hohen Rates der Zauberer, wie sie seiner bei der Beisetzung gedenken würden. Titel und Auszeichnungen, denen Albus nie auch nur irgendeinen Wert beigemessen hatte.

Minerva lächelte traurig bei dem Gedanken daran. Wenn man ihn nach der größten Leistung in seinem Leben fragte, so hatte Albus immer mit einem belustigten Augezwinkern geantwortet: „Ein vorzügliches Ergebnis von zwölf Punkten in einem legendären Ten-Pin Spiel gegen meinen Großcousin, Caradoc." Albus hatte weder nach Ruhm noch nach Macht gestrebt, und doch hatte Cornelius Fudge in ihm seinen größten Widersacher gesehen...

„Minerva!", riss sie die raue Stimme Rufus Scrimgeours aus ihren Gedanken. Etwas irritiert, blinzelte Minerva, schob die letzten Erinnerungen beiseite und zwang sich selbst zurück in die Gegenwart.

„Natürlich, Rufus, natürlich", sagte sie, noch immer geistesabwesend. Sie versuchte sich daran zu erinnern, über was sie gerade gesprochen hatten. Dann endlich gelang es ihr sich in den Griff zu bekommen, und sie schüttelte sich leicht. „Natürlich werde ich dafür sorgen, dass alles für die Zeremonie vorbereitet wird, Minister Scrimgeour", sagte sie fest. Sie hatte die Fassung wiedererlangt, die der Situation angemessen war.

Rufus Scrimgeour war in Hogwarts zwei Jahre unter ihr gewesen. Sie kannten sich recht gut, obwohl sie sich nach der Schule aus den Augen verloren hatten. Rufus war schon immer ein ehrgeiziger Mann gewesen. Sicherlich hatte er nun, als Zaubereiminister, den Höhepunkt jeder möglichen Karriere erreicht. Minerva zweifelte nicht an seiner Befähigung für dieses Amt, ganz im Gegenteil. Allein während des letzten Jahres hatte er mehr Rückgrat bewiesen, als Cornelius Fudge es jemals gehabt hatte. Obwohl die Lage mehr als schwierig war, hatte Rufus Scrimgeour einen klaren Kopf behalten und war zu jeder Zeit Herr der Lage gewesen. Zumindest hatte die Öffentlichkeit sich diese Meinung über ihren neuen Minister gebildet. Minerva selbst war sich nicht so sicher über den Erfolg der drastischen Entscheidungen und Maßnahmen des Ministeriums im letzten Jahr.

„Rufus, Minerva! Nenn mich Rufus. Das ist schon in Ordnung!", entgegnete der Minister glattzüngig und beugte sich über den Schreibtisch etwas näher zu ihr. „Wir waren damals ein gutes Team, und in Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je zusammenzustehen, nicht wahr, Minerva?"

Für einen Moment gestattete es sich Minerva, aus der beruhigenden Stimme des Ministers Trost zu schöpfen. Einen Moment lang war sie versucht, ihre so mühsam aufrechterhaltene Fassung aufzugeben. Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so alleine und vollkommen hilflos gefühlt. Wie konnte sie die Verantwortung tragen, die nun auf ihren Schultern lag? Ja, es war klar gewesen, dass sie irgendwann einmal Albus Nachfolge als Direktorin von Hogwarts antreten würde, doch niemals hatte sie sich vorgestellt, dass es so plötzlich und unter solch tragischen Umständen dazu kommen würde.

Doch dann nahm sie einen tiefen Atemzug und richtete sich auf. „Selbstverständlich... Selbstverständlich, Minister Scrimgeour", antwortete sie bestimmt, und entschloss sich bewusst dagegen, das Angebot des Ministers auf ein ‚Du' anzunehmen. „Wenn das alles ist, Minister? Ich habe eine Schule, um die ich mich kümmern muss." Minerva ignorierte das aufgebrachte Getuschel, das auf ihre Worte hin im Büro aufkam.

„Das ist es, Frau Direktorin", antwortete der Minister knapp und erhob sich ebenfalls. „Ich kann mich auf ihre Zusammenarbeit verlassen, Professor McGonagall?" Seine gelblichen Augen, die denen eines Raubtiers nicht unähnlich waren, trafen forschend auf die ihren. Für den Bruchteil einer Sekunde lag ein deutliches Glitzern in ihnen, so flüchtig dass Minerva sich nicht sicher sein konnte, ob sie es sich nicht eingebildet hatte. Aber es hatte seinen Zweck dennoch erfüllt.

Rufus Scrimgeour hatte nichts von seiner einstigen Entschlossenheit und Zielstrebigkeit verloren, und Minerva würde sich hüten, sich für die Interessen des Ministeriums einspannen zu lassen. Albus hatte immer versucht, Hogwarts so unabhängig wie möglich vom Einfluss des Ministeriums zu halten, und Minerva hatte keinerlei Absicht daran etwas zu ändern.

„Meine ganze Aufmerksamkeit wird auf die Schule gerichtet sein, Minister, wie Sie sicher verstehen werden", antwortete Minerva steif, und das Wispern, das bei den Worten des Ministers abgeflaut war, erhob sich wieder. „Das Wohlergehen der Schüler und die Zukunft der Schule haben momentan absoluten Vorrang. Dies ist mein Fachgebiet, Politik ist das Ihre. Ich denke, wir täten gut daran, es dabei zu belassen, Minister." Ihr Tonfall war jener, den ihre Schüler nur zu genüge kannten. ‚Ende der Diskussion' bedeutete er, und ließ keinen Zweifel daran, dass es keinen Sinn machte zu widersprechen.

Die Schule war bis auf ihre Grundfesten erschüttert worden und würde in den kommenden Tagen all ihre Aufmerksamkeit verlangen. Sicher war inzwischen die Nachricht von den Geschehnissen auch in die vier Gemeinschaftsräume gelangt. Minerva konnte nur hoffen, dass ihre Kollegen es schafften, die Schüler zu beruhigen. Sie hatte Professor Sprout darum gebeten, Remus Lupin zu informieren, damit er sich um die Gryffindors kümmern konnte. Einige von ihnen kannten ihn zumindest noch von seiner Zeit als Hogwarts Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Horace hatte sie zu Slytherin geschickt. Auch das war keine leichte Aufgabe. Das Haus Slytherin war immer äußerst loyal gegenüber... nein, sie erbebte bei dem Gedanken an ihren ehemaligen Kollegen.

„Also, gut." Rufus Scrimgeour verbarg nicht sein Missfallen über die fehlende Kooperationsbereitschaft der Direktorin. Seine Stimme war kalt, seine Augen zeigten deutlich seine Verärgerung. Er griff nach seinem Gehstock und forderte seine Mitarbeiter mit einer gereizten Geste zum Gehen auf.

Einer nach dem anderen bekundete nickend seinen Abschied. In peinlichem Schweigen verließen sie das Büro, vorbei an dem Minister, der mit seinem Gehstock verärgert auf dem bunten Teppich herumstocherte.

Irgendwie tat er Minerva leid. Die gesamte Zauberergemeinschaft würde erschüttert sein, sobald die schauerliche Nachricht publik wurde. Minerva wagte gar nicht über die Panik nachzudenken, die Hexen und Zauberer im ganzen Land ergreifen würde. Die Lage war bereits zum Zerreißen gespannt gewesen, nachdem die Zahl der Vermissten und der Morde im letzten Jahr stark zugenommen hatte. Die Maßnahmen des Ministeriums hatten diese Anspannung nur noch angefacht. Wie würde die Zauberergesellschaft diesen herben Schlag verkraften?

Erst als sie schließlich alleine waren, hielt Scrimgeour in seinem nervösen Gestochere inne und wandte sich erneut an die Direktorin.

„Ich nehme nicht an, dass es mir möglich wäre mit dem jungen Mr. Potter zu sprechen?", fragte er, und seine Augen bohrten sich forschend in die ihren.

„Auf gar keinen Fall!" Minerva versuchte gar nicht erst ihre Entrüstung zu verbergen. „Du konntest doch nicht ernsthaft annehmen, dass ich Dir das gestatten würde, Rufus? Selbst wenn es nicht, wie spät...", sie warf einen Blick auf die kleine silberne Uhr auf dem Schreibtisch, „halb eins in der Nacht wäre!"

„Nun, fragen kostet mich ja nichts, oder?" Scrimgeour zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen, doch er stoppte auf halbem Weg zur Tür. „Er wird aber morgen oder irgendwann in den nächsten Tagen die Fragen der Ermittlungsgruppe beantworten müssen, genau wie alle anderen auch, egal ob Schüler oder Angestellter." Er sprach über seine Schulter hinweg, ohne sich ganz umzudrehen.

„Das werden wir ja dann sehen, Minister. Sicherlich wird sich ein akzeptabler Weg für uns alle finden." Die Direktorin hatte nicht die geringste Absicht zuzulassen, dass Harry Potter oder irgendjemand anderes, ob Kollege oder Schüler, unnötigerweise durch endlose Befragungen belästigt würde. In dieser Zeit der Trauer sollte die Schule nicht mehr als unbedingt nötig gestört werden. Vielleicht konnte sie erreichen, dass Nymphadora Tonks und Kingsley Shaklebolt mit Harry sprachen. Zumindest kannte er diese beiden.

„Gute Nacht, Frau Direktorin!", verabschiedete sich Scrimgeour säuerlich von ihr und verließ das Büro. „Ich sehe Sie dann bei der Beisetzung."

„Gute Nacht, Minister!" Minerva nickte schwach, als sie sich wieder in den Sessel hinter ‚ihrem' Schreibtisch sinken ließ. Diese Nacht, die einen so fürchterlichen Anfang genommen hatte, konnte unmöglich eine ‚gute' Nacht genannt werden.

Eine Weile saß Minerva McGonagall, Hogwarts neue Direktorin, einfach nur da und starrte vor sich hin. Sie fühlte sich so leer, erfüllt nur von Trauer und Verzweiflung. Dieser Tag, die letzten paar Stunden, hatten alles verändert. Wie konnte die Welt sich weiter drehen? Wie konnte Sie weiter machen?

Ruhe hatte sich über das Büro gelegt. Nach einiger Zeit waren selbst die hastigen Schritte und das unterdrückte Flüstern auf den Gängen verstummt. Mit einem Mal war sich Minerva der absoluten Stille bewusst. Selbst Fawkes, Albus treuer Begleiter, hatte seinen Gesang beendet.

Irgendwie machte die Stille alles noch viel realer. Albus Dumbledore war tot, ihr Mentor, ihr langjähriger guter Freund. Ein mächtiger Zauberer, der jede mögliche Karriere hätte verfolgen können, der jedes Amt hätte bekleiden können, der uneingeschränkte Autorität hätte erlangen können – wenn er es gewollte hätte. Und doch hatte es sich Albus Dumbledore zur Lebensaufgabe gemacht, die Jugend auszubilden und zu lehren, nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in sozialen Werten. Ein Mann, der von Verstand, Energie und Humor nur so sprühte. Ein Mann mit einem großen, weiten Herzen.

Während ihres Treffens mit dem Minister und seiner Delegation, hatte Minerva nicht viel auf Fawkes Klagelied geachtet. Es war schwer genug gewesen. Nur mit Mühe war sie in der Lage gewesen, zu berichten, was Harry ihr über den Vorfall auf dem Astronomieturm erzählt hatte. Natürlich würde es Untersuchungen geben.

Nach der Befragung, hatten Scrimgeour und sie eine lange Diskussion über Albus Dumbledores Beisetzung geführt. Rufus Scrimgeour war nicht so sehr dagegen gewesen, Albus hier in Hogwarts beizusetzen. Albus war immerhin einer von Hogwarts wichtigsten und langgedientesten Direktoren gewesen und hatte die Schule erfolgreich durch schwere Zeiten geführt.

Minerva hatte jedoch all ihre Durchsetzungskraft aufbringen müssen, um sicherzustellen, dass die Beisetzungsfeier einfach gehalten wurde. Nicht einmal bei seinem Tod hielt sich das Ministerium zurück, Albus Dumbledore für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Aber dem hatte Minerva endgültig ein Ende gesetzt. Der Ritus würde hier auf den Ländereien von Hogwarts abgehalten werden, nahe des Sees, wo es Albus immer so gut gefallen hatte. Es würde keine große Zeremonie geben, keine langen Nachrufe von Leuten, die sich selbst für wichtig hielten, und keine bedeutungslosen Reden von anderen, die nach einem kleinen bisschen vom Ruhm des verstorbenen Albus Dumbledore gierten. Das war alles, was Minerva jetzt noch für ihn tun konnte.

Minerva seufzte schwer und blickte auf das Portrait des schlafenden Albus Dumbledore. Seine Brille war ihm die Nase herunter gerutscht, und die Spitze seines Bartes erzitterte mit jedem Atemzug. Sie lächelte traurig. Albus Dumbledore schnarchte.

„Wie können wir ohne dich weiter machen?", fragte sie und schüttelte verzweifelt ihren Kopf. Kurz streiften ihre Augen Fawkes leere Sitzstange, dann legte Minerva ihre Stirn in ihre Handflächen, die Ellenbogen auf der glatten Schreibtischoberfläche abgestützt.

Der Orden des Phönix schien in dieser verdammungswürdigen Nacht auch seinen Talisman verloren zu haben. Würde der Orden überhaupt weiter bestehen bleiben? Ihr Gründer, ihr Anführer war tot. Würden sie in der Lage sein, die Gruppe beisammen zu halten? Wie konnten sie weitermachen, nun da sie nicht nur ihren Anführer, sondern auch ihren Spion verloren hatten? Gab es überhaupt noch Hoffnung?

„Das Denkarium!", schoss es ihr plötzlich in den Sinn. Vielleicht hatte Albus ihr etwas, irgendeine wichtige Information, in seinem Denkarium hinterlassen.

Sie stand auf, ging hinüber zu dem Erker, in dem Albus es aufbewahrte und hob vorsichtig seinen steinernen Deckel an. Das Fehlen jeglicher Schutzzauber verhieß nichts Gutes. Und tatsächlich war das Bassin leer, keine silbrige Flüssigkeit wirbelte darin. Nicht einmal die kleinste aller Erinnerungen war hier versteckt.

Verzweiflung übermannte sie und Minerva stützte sich für einen Moment auf dem kleinen Tisch zu beiden Seiten des Denkariums auf und starrte in das leere Becken.

Und was hast du dir überhaupt erhofft hier zu finden, Minerva? Einen Abschiedsbrief?

Nein. Warum sollte Albus auch irgendetwas dieser Art hinterlassen haben? Er hatte natürlich nicht erwartet, dass dies sein letzter Gang von Hogwarts werden sollte. Nur sieben Stunden zuvor hatten Minerva und die anderen Hauslehrer Albus hier in seinem Büro besucht. Er hatte ihnen gesagt, dass er für einige Stunden abwesend sein würde und Harry mit sich nähme. Und er hatte sie dazu aufgefordert wachsam zu sein, nur um ganz sicher zu gehen.

Albus hatte ihnen nichts über den Zweck oder das Ziel ihres Trips erzählt. Er war sowieso recht verschwiegen gewesen, während der letzten Monate. Alles, was der Schulleiter dem Orden offenbart hatte, war, dass er Harry auf seine Aufgabe vorbereiten würde, dass er dem Jungen alles beibringen würde, was er über Tom Marvolo Riddle wusste. Und offenbar hatte er auch Harry zum Stillschweigen verpflichtet.

Jetzt da sie darüber nachdachte, fiel Minerva ein, dass Severus – sie erschauderte allein beim Gedanken an den Namen des Mörders – also, dass Severus recht aufgebracht über Albus Geheimnistuerei gewesen war. Sie hatte den Hauslehrer von Slytherin selten so stur, ja fast respektlos dem Direktor gegenüber erlebt. Doch Albus hatte ihm recht deutlich zu verstehen gegeben, dass es im Leid tue, dass er aber keine Details mitteilen könne. Und Snape hatte das widerwillig akzeptiert, wenn auch recht grimmig. Hatte er da schon seine abscheuliche Tat geplant?

Bei Merlin! Sie konnte es noch immer nicht begreifen.

Albus hatte immer ein recht enges Verhältnis zu Severus Snape gehabt, hatte den jüngeren Zauberer regelmäßig zu Treffen bei Tee und Scones eingeladen. Minerva hatte sich also nichts dabei gedacht, als er Severus nach dem Treffen der Hauslehrer noch dabehalten hatte. Der Direktor hatte Snapes Meinung immer hoch geschätzt, ganz besonders, wenn es um Dinge ging, die den Orden betrafen. Der jüngere Zauberer war immerhin ihre einzige Quelle für verlässliche Informationen über Voldemorts Schachzüge.

‚war gewesen...' musste man sagen. Es war allerdings erst vor wenigen Stunden klar geworden welcher Seite gegenüber Snape loyal gewesen war, seitdem er in Voldemorts Reihen zurückgekehrt und wieder als Spion tätig war. Angesichts der jüngsten Ereignisse, erschien nun natürlich alles in einem anderen Licht...

Hatte Albus Snape irgendetwas erzählt? War ihr Gespräch der Auslöser für den Angriff gewesen?

Wenn dem so war, so wusste Minerva nichts davon, und es war ohnehin zu spät.

Ein leiser Seufzer entfuhr ihr. „Pass gut auf die Schule auf, Minerva!", hatte Albus gesagt. „Ich sehe dich spätestens morgen beim Frühstück."

Nein, er hatte nicht damit gerechnet zu sterben, von seinem... seinem eigenen Schützling ermordet zu werden. Es war einfach nicht fair. Albus Dumbledore war von einem Mann ermordet worden, dem sie, dem er vertraut hatte.

Wieder und wieder musste sich Minerva vor Augen führen, was geschehen war. Selbst wenn sie sich selbst mitten in einem furchtbaren Albtraum wähnte, von dem sie jeden Moment zu erwachen hoffte, so war es doch die Wirklichkeit. Wie schmerzhaft auch immer, es war die schreckliche Wahrheit.

Albus Dumbledore war tot.

Es tat so weh, und es war gar nicht nur der Verlust eines guten Freundes, eines großen Zauberers. Was ihren Schmerz tausendfach verschlimmerte, war die Tatsache, dass er ermordet worden war... ermordet von einem der ihren. Was konnte mehr Schmerz bereiten als gebrochenes Vertrauen?

Vertrauen.

Was war Vertrauen in Kriegszeiten schon wert, konnte man fragen. Schlimmer noch, wo blieb Vertrauen in einem Bürgerkrieg, in dem Hexe sich gegen Hexe wandte, und Zauberer gegen Zauberer? Wenn man nicht mehr erkennen konnte, wer Freund und wer Feind war?

Ohne Vertrauen konnte niemand leben. Solch eine Zeit hatte die Zauberwelt während des letzten Krieges und seinen Nachwehen schmerzlich erfahren müssen. Nachbarn denunzierten Nachbarn, Freunde verrieten einander, und nicht einmal Eltern vertrauten mehr ihren eigenen Kindern. Vielen Menschen war Unrecht geschehen, viele hatten durch dieses Misstrauen Schaden genommen.

Ja, Albus hatte Recht gehabt. Misstrauen rief nur noch mehr Misstrauen hervor.

Und doch hättest du es besser wissen müssen, Minerva!', warf sie sich vor. Severus Snape war immerhin ein Todesser. ‚Ist da nicht immer ein Körnchen Argwohn geblieben? Hast Du nicht immer an seiner Loyalität gezweifelt?', fragte sie sich, als wolle ihr Unterbewusstsein im Nachhinein ihre Enttäuschung vermindern.

Aber es stimmte nicht. Sie hatte tatsächlich an ihn geglaubt, und das machte ihren Schmerz umso größer.

Wie konntest du ihm vertrauen, Minerva?

Albus vertraute ihm…

„Warum, Albus? Warum?" Sie drehte sich zu dem Portrait um. "Warum hast Du ihm vertraut? Wie konnte das alles geschehen?"

Aber Albus Portrait schnarchte nur laut im Schlaf, und seine Brille rutschte etwas weiter seinen Nasenrücken hinunter, aber es erwachte nicht. Sie konnte von ihm keine Antwort auf ihre Fragen erwarten.

Ein weiteres Zitat kam ihr in den Sinn, eines, das Albus oft erwähnt hatte, wenn sie früher über Severus Snape, in letzter Zeit aber über Draco Malfoy gesprochen hatten.

‚Der einzige Weg einen Menschen vertrauenswürdig zu machen, ist, ihm zu vertrauen.'

Albus Dumbledore hatte unerschütterlich auf Severus Snape vertraut. Nicht ein einziges Mal hatte Minerva ihn an dem Mann, dem Todesser, zweifeln sehen. Wenn Albus je an Severus Snape gezweifelt hatte, so hatte er es immer bei einer persönlichen Sache zwischen Snape und ihm belassen. Ja, Albus war immer schon ein respektvoller, ehrenhafter Mann gewesen, großherzig und verzeihend. Hatte er zu oft verziehen?

Es hatte einige Zeit gedauert, aber auch Minerva hatte mit der Zeit gelernt, Severus Snape zu vertrauen, nicht zuletzt aufgrund von Albus unerschütterlichem Glauben an den Slytherin. Und doch hatte der diesen Glauben betrogen, hatte sich als nicht vertrauenswürdig erwiesen. Er, der Albus Dumbledore so viel verdankte, hatte am Ende sein wahres Ich gezeigt, hatte seine Maske gesenkt und sein wahres Antlitz offenbart. Das Gesicht des Feindes.

Severus Snape hatte Albus Dumbledore ermordet.

Auf einmal richtete sich Minerva auf. Sie konnte ihre Enttäuschung nicht länger ertragen. Sie ging hinüber zu dem hohen Fenster und starrte nach draußen in die Nacht. Der Himmel war wolkenlos und der Halbmond tauchte die Ländereien unter ihr in ein blasses, silbriges Licht. Eine Nacht wie jede andere, und doch eine, die sich von allen anderen vorher und allen noch kommenden unterschied...

Was hatte Horace vor kaum drei Stunden gesagt?

‚Ich habe ihn unterrichtet. Ich glaubte ihn zu kennen!'

Minerva schüttelte ihren Kopf. Sogar wenn sie noch heute morgen beim Frühstück jemand gefragt hätte, ob sie Severus Snape kenne, hätte Minerva den Fragesteller mit kritisch zusammengekniffenen Augenbrauen angesehen. Ihn über ihre viereckigen Brillengläser herab fixierend hätte sie mit ihrem Schottischen Akzent geantwortet: „Natürlich kenne ich Severus Snape, was nicht bedeutet, dass ich ihn durchschaue!"

Das war es eben. So seltsam es auch schien, selbst nachdem sie für mehr als fünfzehn Jahre Kollegen gewesen waren, nachdem sie für fast die selbe Zeit unter einem Dach gelebt hatte – obwohl dieses auch mehr als 500 pubertierende Jugendliche beherbergte – würde Minerva nicht so weit gehen zu behaupten, dass sie den Hauslehrer von Slytherin wirklich kannte, ob sie ihn verstand dabei ganz außer acht gelassen. Sie kannte ihn seit er ein kleiner Junge gewesen war, hatte ihn aufwachsen und zum Mann werden sehen, und doch...

Aber ja, auch sie hatte geglaubt ihn zu kennen – so gut man Severus Snape, das unergründliche Mysterium aus den Kerkern, eben kennen lernen konnte. Über die Jahre hinweg hatte sie einen oder zwei Blicke hinter diese Maske von Ablehnung und Verdrießlichkeit werfen können. Es war nicht so einfach den Zaubertränkemeister kennen zu lernen.

Nein, er hatte es wirklich niemandem leicht gemacht, ihn kennen zu lernen, und Minerva hatte Jahre gebraucht, um scheinbar nur Splitter seines undurchsichtigen Charakters zu erfassen.

Doch ihr gefiel, was sie hinter dieser Maske gesehen hatte: einen klugen, jungen Zauberer, der einen Sinn für Humor hatte – einen sehr trockenen Humor, zugegebenermaßen, aber ebenso scharfsinnig – einen Mann, der eine beachtliche Gewissenhaftigkeit für einen Job an den Tag legte, den er rundweg verabscheute, einen Mann mit Prinzipien und mit einer wahrhaft verlässlichen Ergebenheit zu Albus Dumbledore und der Schule.

Ja, sie hatte ihren Kollegen aus dem Hause Slytherin kennen gelernt, zumindest hatte sie das geglaubt. Sie hatte gelernt seine plötzlichen Stimmungsschwankungen vorherzusehen, hatte Freude an feurigen Wortwechseln mit ihm gefunden, hatte es hin und wieder sogar geschafft, ihn aus seinen Kerkern zu locken, um an Gesellschaftsabenden des Lehrerkollegiums teilzunehmen. Nicht wenige davon endeten mit langen Gesprächen über Gott und die Welt, die oft bis zum Morgengrauen andauerten. Was auch immer Minerva noch hätte versuchen können, sie bezweifelte, dass sie es geschafft hätte Severus Snape noch besser kennen zu lernen. Der Mann schien einzig dafür zu leben, unergründlich zu sein. Im Nachhinein hatte sich das für ihn ohne Frage ausgezahlt...

Verdammt sei dieser Mann!

Hatte sie ihn überhaupt gekannt? Oder war alles nur ein irreführendes Versteckspiel seinerseits gewesen?

Das konnte einfach nicht sein. Oder etwas doch?

Minerva starrte hinaus in die Nacht und ließ ihre Augen über die Ländereien schweifen. Die dunklen Konturen des Verbotenen Waldes zu ihrer Linken, die weiten Rasenflächen, die sich hinüber zum See erstreckten. Seine Oberfläche kringelte sich in Millionen kleiner Wellen, die im Mondschein glitzerten. Irgendwo dort in der Ferne lag Hogsmeade. Am ersten September konnte man das entfernte Pfeifen, das die Ankunft des Hogwarts Expresses ankündigte, sogar in ihrem Büro hören

Eine Reihe flackernder Feuer näherte sich über den großen See. Ihr Licht erstreckte sich über die dunkle Wasserfläche wie Hunderte kleiner Kerzen. Die Erstklässler kamen.

Zum letzten Mal ging Minerva McGonagall im Geiste ihre Aufgaben durch. Nein, sie hatte nichts vergessen. Die Rollen mit den Namen der neuen Erstklässler hatte sie vorsichtig unter den Arm geklemmt, und Albus würde den Sprechenden Hut mit hinunter in die Große Halle bringen. Alles war für das Willkommensfest bereit.

Ein Stockwerk tiefer konnte sie bereits hören, wie die älteren Schüler in die Große Halle strömten. Sie unterhielten sich lebhaft, lachten, und genossen es merklich, wieder zurück in der Schule zu sein.

Ah, Minerva, da bist du ja!", grüßte Albus sie, als sie das Vorzimmer neben der Großen Halle betrat. Er trug eine violette Robe, die mit rosafarbenen und gelben Schmetterlingen und Hummeln bestickt war. Das war etwas Neues, selbst für den exzentrischen Direktor. Minerva war wohl nicht ganz in der Lage gewesen, ihre überraschte Skepsis zu verbergen, denn Albus sagte mit einem Augenzwinkern: „Violett und Rosa sind die Modefarben in diesem Herbst, Minerva, wusstest du das nicht? Dir würde es auch einmal gut tun über einen Farbwechsel in deinem Kleiderschrank nachzudenken, meine Liebe." Damit setzte er den Sprechenden Hut auf einem niedrigen Hocker ab und wandte sich zur Tür. „Ich überlasse die Erstklässler dann dir. Ein Starker Jahrgang ist es."

Es war in der Tat ein starker Jahrgang. Ein Dutzend Schüler mehr, und sie hätten aus der Kammer in eines der Klassenzimmer im Erdgeschoss ausweichen müssen. Minerva musterte die Schüler, als diese im Gänsemarsch den kleinen Raum betraten. Es war jedes Mal wieder ein bewegender Moment einen neuen Jahrgang in Hogwarts zu begrüßen. Doch sie setzte eine strenge Mine entschlossener Aufmerksamkeit auf. Es würde zu gar nichts führen, wenn sie zu nachsichtig mit ihnen war. Für die meisten jungen Hexen und Zauberer war dies das erste Mal, dass sie ihr Zuhause für längere Zeit verließen. Während einige noch eine feste Hand benötigten, um sie bei ihren ersten Schritten in neu erworbene Freiheiten im Zaum zu halten, so gab es andere, denen eine wohlwollende Strenge und vor allem Beständigkeit dabei half, in ihr neues Leben hineinzuwachsen.

Für den Moment waren sie alle recht eingeschüchtert, überwältigt von der neuen Umgebung. Und doch konnte man schon bestimmte Charaktere ausmachen.

Da gab es diejenigen, die sich erwartungsvoll in die erste Reihe drängelten, einige von ihnen hatten sogar schon ihre Zauberstäbe gezückt. Ein nachdrückliches ‚Zauberstäbe weg, Jungen und Mädchen!', schaffte Abhilfe.

Andere, zumeist Mädchen, waren genauso gespannt, doch hielten sich etwas im Hintergrund, wo sie neugierig auf Zehenspitzen tippelten, um zu sehen, was sich vorne abspielte.

Daneben konnte man sehr leicht die Muggel-Geborenen ausmachen, obwohl die Schüler bereits alle in ihren Schuluniformen gekleidet waren. Sie betrachteten alles mit unverkennbarer Verblüffung, ja auch Bangigkeit.

Es hatten sich auch bereits Gruppen gebildet. Die lange Zugfahrt war eine gute Gelegenheit um schon einmal erste Bekanntschaften zu schließen, obwohl die meisten davon in den ersten Wochen gleich wieder auseinandergerissen und durcheinander gewirbelt wurden, wenn das Haus die wichtigste Rolle bei den jungen Hexen und Zauberern einnahm.

Und doch gab es auch die Schüler, die im Hintergrund standen, alleine, zu schüchtern oder zu ängstlich um schon Freundschaften zu schließen. Ihre Namen würden den Vertrauensschülern gegeben werden, damit sie ein Auge auf sie hatten. Die meisten gewöhnten sich rasch ein, sobald der Schulalltag erst einmal begonnen hatte. Das Haus gab ihnen normalerweise bald ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Zwei von ihnen, zwei Jungen, die gegenüberliegende Ecken des Raumes besetzten, fielen Minerva auf. Der eine hatte wache, aufmerksame Augen, die jedoch von einem Schleier der Besorgnis getrübt waren. Er sah unterernährt und übermüdet aus. Eine Locke seines braunen, zerzausten Haars bedeckte nur teilweise einen alten, blass-roten Kratzer an der Schläfe des Jungen.

‚Ah', dachte sie, ‚Remus Lupin. Der arme Junge!' Albus hatte sie alle darüber in Kenntnis gesetzt, dass er einen mit Lycanthropie geschlagenen Schüler aufnehmen würde. Ja, er war gewiss ein Junge, auf den es galt ein besonderes Augenmerk zu haben.

Minervas Überlegungen bestätigten sich, als keine fünfzehn Minuten später Lupin, Remus nach Gryffindor geschickt wurde, und der dünne Junge misstrauisch hinüber zum Tisch seines neuen Hauses ging. Er nahm neben einem anderen Erstklässler Platz, der etwas abseits der anderen Gryffindors saß.

Minervas Augen ruhten eine Weile auf den beiden Jungen. Sie war skeptisch gewesen über Albus Entscheidung einen Werwolf in Hogwarts studieren zu lassen, aber Remus Lupin sah nicht so aus, als ob er ihnen Schwierigkeiten machen würde. Über Jahre als Lehrerin hinweg hatte sie einen recht guten Sinn dafür entwickelt, Menschen zu beurteilen; zumindest dachte sie das.

Eben dieser Sinn sagte ihr, dass der andere Junge ihr wahrscheinlich eine ganze Reihe schlafloser Nächte bereiten würde. Dem Black-Jungen stand Unruhestifter praktisch auf die Stirn geschrieben. Zugegebenermaßen war sie selbst nicht weniger überrascht gewesen, über die Entscheidung des Sprechenden Hutes, Sirius Black nach Gryffindor zu schicken, als der Junge es offensichtlich war. Sein augenblicklicher Gesichtsausdruck konnte jedoch am ehesten mit etwas wie Empörung beschrieben werden, Empörung, grenzend an ausgesprochenen Zorn. Nun, ein Black in Gryffindor das war nun wirklich etwas Neues.

Die Auswahlzeremonie ging jedoch weiter und Minerva musste ihre Aufmerksamkeit wieder der langen Pergamentrolle zuwenden, und die Schüler nach vorne rufen. Es ging zügig voran. Wieder sah sie sich die Schüler genauer an, die in ihr Haus gewählt wurden. Gerade folgte ihr Blick einer weiteren Erstklässlerin, Catriona Smith, zu deren Platz, und so bemerkte sie nicht sofort die aufkommende unangenehme Stille, die sich in der Halle ausbreitete. Erst als diese einem aufgeregten Flüstern und Kichern wich, fiel Minerva die Verzögerung auf.

Der kleine Hocker vorne war noch immer leer, und keiner der Erstklässler, die in der Mitte versammelt standen, bewegte sich. Ein rascher Blick auf die Schriftrolle bestätigte den Namen, den sie gerade ausgerufen hatte, und Minerva McGonagall sah die Erstklässler wieder forschend an. Snape, Severus – es war kein ihr bekannter Name, und nach 15 Jahren des Unterrichtens nahm sie an, einen Großteil der Zaubererfamilien zu kennen.

Severus Snape", rief sie erneut, dieses Mal etwas lauter, doch in einem freundlichen Tonfall.

‚Ist er auf dem Weg verloren gegangen, so wie es vor Jahren mit dem kleinen Whitehorn-Mädchen passiert ist?', fragte sie sich und beobachtete noch immer die Schüler, die nun unruhig wurden und begannen einander fragend anzusehen. Auch die älteren Schüler wurden lauter, und Minerva ermahnte sie mit einem scharfen ‚Bitte! Ruhe jetzt!', bevor sie den Jungen noch einmal aufrief. Inzwischen war die Aufmerksamkeit aller auf die kleine Gruppe Erstklässler in der Mitte der Großen Halle gerichtet.

Langsam bildeten die verbleibenden Erstklässler einen Halbkreis, und ein Mädchen schob einen dünnen, schmächtig aussehenden Jungen nach vorne. Dieses strähnige, schulterlange, tiefschwarze Haar, diese dunklen Augen – er erinnerte sie an irgendjemanden, doch an wen, das konnte Minerva nicht ausmachen. Es war der andere Erstklässler, den sie vorher im Vorzimmer hatte abseits stehen sehen. Dem kleinen Remus Lupin so ähnlich, und doch ganz anders.

Während scheue Zurückhaltung Remus Lupins ansonsten offene und wachsame Augen verschleierte, strahlte von Severus Snape etwas ganz anderes aus. Da war auch Zurückhaltung, ja, doch schien sie viel mehr ein Zeichen von Argwohn und Misstrauen zu sein. Der Junge schien hin und her gerissen zwischen Neugierde – denn da lag ein interessierter Schimmer auf seinem Gesicht – Furcht vor dem Neuen und Unbekannten, und Feindseligkeit. Ja, ganz gewiss war es Feindseligkeit, denn Severus Snape zuckte schroff mit den Schultern, um die Hand des Mädchens loszuwerden, und zischte ihr etwas zu. Von einer Sekunde auf die nächste, hatte sich sein Gesichtsausdruck zu einem kalter Unnahbarkeit gewandelt, und der Junge richtete sich auf und warf die schmalen Schultern nach hinten, bevor er nach vorne schlurfte. Sein Widerwillen war offensichtlich und als Severus Snape das Lehrerpodest erreichte, blickte er äußerst missmutig drein.

‚Du meine Güte!', dachte Minerva, als sie den Jungen kritisch musterte. ‚Hat ihm denn nie jemand gezeigt, wie man sich richtig anzieht?' Die Schulrobe des Jungen war falsch geknöpft, sein rechter Schnürsenkel offen. Er hatte seinen Blick starr auf den Boden gerichtet, als sie ihn zu dem Hocker führte. Weint er etwa?

Nun, Mr. Snape!' Sie legte ermutigend eine Hand auf seine Schulter. Er zuckte zusammen, kaum dass ihre Hand ihn berührte, hielt abrupt inne und sah sie an. Für einen Moment glaubte sie etwas wie Furcht in seinem Gesicht zu erkennen, doch was immer es war, es wurde augenblicklich von einem finsteren Blick abgelöst, und er schüttelte unwillig ihre Hand ab. Ja, seine Augen glitzerten verdächtig, seine Miene war leicht verzogen, unwillig, und er blinzelte, als ob er es verhindern wollte, dass Tränen fielen. Für einen Moment starrte er sie ernst an, bevor er sich hastig abwandte und einige Schritte von ihr wegtrat.

‚Oh, ja. Du bist auch so ein schwieriger, junger Mann, nicht wahr?', dachte Minerva, und flehte im Stillen darum, dass er nicht auch nach Gryffindor geschickt würde.

Sie trat zur Seite und beobachtete, wie er auf den Hocker kletterte. Dann schien plötzlich alles auf einmal zu passieren: Während er den Hut aufsetzte, zog Severus Snape laut die Nase hoch, und rieb sie mit dem Stoff seiner Robe auf seinem Handrücken ab. Minerva selbst musste sich beherrschen, um ihre Missbilligung nicht offen zu zeigen. War er wirklich so aus der Fassung? Oder nur ausgesprochen schlecht erzogen?

Hinter ihr brach die gesamte Schülerschaft in schallendes Gelächter aus, aber Minerva ließ sich dadurch nur für einen Moment ablenken, bevor sie sich wieder Severus Snape zuwandte, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der mürrische Gesichtsausdruck zorniger Röte wich. Seine linke Hand verkrampfte sich um den Stoff seiner Robe in seinem Schoß, die andere schoss in seine Tasche, und im nächsten Augenblick hatte Severus Snape seinen Zauberstab in der Hand.

Der Entschlossenheit in seinem Gesicht nach zu urteilen, zweifelte Minerva keine Sekunde daran, dass er kurz davor stand den Drittklässler aus Hufflepuff, der ihm am nächsten saß, zu verhexen; und das mit Erfolg. Glücklicherweise, folgte jedoch der Aufforderung des Direktors „Ruhe, bitte!", sofort der Ruf des Sprechenden Hutes:

Slytherin!"


A/N: So, das war das erste Kapitel. Obwohl ich felsenfest an Snape glaube, haben mich die Ereignisse auf dem Astronomie-Turm doch ganz schön geschockt. Vielleicht ist dies mein Weg, damit umzugehen… Ich hoffe Euch hat das Kapitel gefallen. ‚Erinnerungen' ist meine erste Geschichte. Es würde mich also freuen, Euer Feedback zu hören.

Vielen Dank!