Disclaimer: J. K. Rowling hat diese wundervollen Charaktere geschaffen. Ich befreie sie nur vorläufig aus ihrer erzwungenen Passivität...

Beta-Reader: Vielen, herzlichen Dank für deine Hilfe, DerEisbaer!


Kapitel Vier

Minerva McGonagall erzitterte, als ihr Geist in die Gegenwart zurückkehrte. Es war eine ganz ähnliche Nacht gewesen, klar und frisch, aber ungewöhnlich warm für April, und so wie heute war sie sehr lange aufgeblieben. Albus, Horace und sie hatten lange zusammengesessen, hatten darüber gesprochen was vorgefallen war.

Du meine Güte. Wenn Minerva sich vorstellte, welchen Ausgang dieser Vorfall hätte haben können… Sie wollte gar nicht daran denken.

Eine ihrer größten Ängste war damals beinahe Wirklichkeit geworden, und es war nur dem raschen und überlegten Handeln James Potters zu verdanken, dass nicht mehr geschehen war, natürlich ganz abgesehen davon, dass es niemals überhaupt so weit hätte kommen dürfen.

Himmel! Sie hatte Bedenken über einen Werwolf an der Schule geäußert, aber niemals hätte sie geahnt, dass sie so nahe an einer Katastrophe vorbei schlittern würden.

Damals hatte sie einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, was da eigentlich geschehen war, um die Beklemmung abzuschütteln, die sie befangen hatte.

In gewisser Hinsicht hatte sie, Hauslehrerin von Gryffindor, sich selbst verantwortlich gefühlt, zumindest zum Teil. Schließlich war es das Gryffindor Quartett gewesen. Wie hatte es überhaupt so weit kommen können? Niemand hätte jemals während des Vollmonds so nah an Remus Lupin herankommen dürfen, aber offensichtlich hatten alle Vorsichtsmaßnahmen, die sie zusammen mit dem Schulleiter geplant hatte, komplett versagt. War sie mit ihren Schülern zu nachlässig gewesen?

Rückblickend musste sie zugeben, dass sie wahrscheinlich nicht streng genug mit den vier Jungen gewesen war. Aber im nachhinein war man immer klüger, und sie hatte wirklich keinem von ihnen ernstes Fehlverhalten zugetraut. Nun, zumindest nicht in diesem Ausmaß.

Sie waren nur mit knapper Not davon gekommen, das war Minerva wohl bewusst, und sie schauderte beim Gedanken daran.

Was Minerva und ihre beiden Kollegen am meisten besorgte, war die unverhohlene Feindschaft gewesen, die sich da vor ihnen offenbart hatte. Sie hatten einsehen müssen, dass sie das schwierige Verhältnis zwischen ‚ihren Jungs' und Snape zu schnell als pure kindliche Ablehnung abgetan hatten. Diese Antipathien hatten sich im Laufe der Jahre zu einem regelrechten Hass entwickelt.

Wie kann ich das übersehen haben?, hatte sich Minerva damals gefragt, noch immer fast benommen vor Schock über die Beinahe-Katastrophe. Sie hatte sich diese Frage auch in den folgenden Jahren wieder und wieder gestellt, aber es half nichts. Sie hatte es ganz einfach nicht kommen sehen.

Hätte sie es voraussehen müssen? Minerva hatte sich mit dieser Frage lange und intensiv beschäftigt, und war zu dem Schluss gekommen, dass sie wahrscheinlich in ihrem Urteilsvermögen und ihren Prinzipien zu weichherzig geworden war. Sie war sehr erleichtert gewesen, die vier so beisammen zu sehen, alle Sorgenkinder Gryffindors scheinbar versorgt. Remus und Sirius hatten ihr mehr als einmal schlaflose Nächte bereitet, doch sie hatten beide von der Freundschaft mit James und Peter profitiert. Remus war selbstbewusster geworden, Sirius dagegen hatte sich gut in das Haus Gryffindor eingelebt, gegen das er sich anfangs so vehement gesträubt hatte. Aber auch James und Peter hatte die Freundschaft der Jungen gut getan. Die vier waren unzertrennlich gewesen.

Was hatten sie übersehen, dass die Situation so hatte eskalieren können? Ja, sie waren Bengel gewesen, aber das konnte nun wirklich nicht mehr als ein Streich bezeichnet werden. ‚Versuchter Mord!', hatte der junge Severus Snape es genannt.

Alle waren sie geschockt gewesen, und es war ein schwacher Trost, dass Sirius Black Snape nicht in die Heulende Hütte geschickt hatte, um ihn zu töten – da war sich Albus ganz sicher gewesen. Der Junge hatte die tödliche Gefahr jedoch in Kauf genommen, der er seinen Schulkameraden aus Slytherin ausgeliefert hatte. Das allein war schon genug Grund zur Besorgnis. Wo war dieser Hass entstanden?

Minerva war mehr als besorgt über Blacks schwieriges Verhalten gewesen. Während seines sechsten Jahres hatte der Streit mit seiner konservativen, reinblütigen Familie scheinbar neue Dimensionen angenommen. Der Junge hatte sich sogar mit seinem Bruder Regulus überworfen. Die angespannte familiäre Situation belastete den Jungen. Er war fast immer gereizt und zornig gewesen. Minerva hatte befürchtet, dass er sich in seinem Zorn und Hass verrennen könnte. Sie wusste, was diese Gefühle in der Seele eines Menschen anrichten konnten. Um wie viel gefährdeter war da ein Junge, der kaum der Pubertät entwachsen war?

Entgegen der landläufiger Meinung brauchte es nicht viel, damit ein Zauberer sich in den Dunklen Künsten versuchte. Nicht wenige taten es blauäugig, hatten nicht einmal die schlimmsten Absichten und waren sich der Gefährlichkeit des Pfades nicht bewusst, den sie betraten. Manchmal reichten ein einschneidendes Erlebnis, starke Gefühle und unbesonnenes Handeln – Umstände, die wohl jedem bekannt waren; und wer sich erst einmal im Treibsand der Dunklen Künste verirrt hatte, für den war es schwer, ihren Verlockungen wieder zu entrinnen.

Es hatte nicht viel gefehlt, dessen war sich Minerva sicher. Sirius hatte einen Charakter, der Snapes an Unausgeglichenheit in nichts nachstand. Sie hatten ihn nicht umsonst alle für schuldig gehalten, nach dieser schrecklichen Nacht in Godrics Hollow. Es war damals nicht zu abwegig gewesen, in Sirius Black einen Todesser und Verräter zu sehen. Natürlich hatte die Nachricht sie alle erschüttert, aber das Beweismaterial war belastend gewesen, und sein Charakter mehr als launenhaft. Ja, sie hatten Sirius für schuldig gehalten, und keiner von ihnen hatte auch nur einen zweiten Gedanken daran verschwendet, ob sein Urteil gerechtfertigt war. Zumindest Minerva hatte es nicht getan.

Sie schüttelte verzweifelt ihren Kopf: Sirius war in Wahrheit unschuldig gewesen. Sie hatten sich geirrt, hatten ihm schrecklich Unrecht getan. Zwölf Jahre Askaban für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte...

Wir hätten es besser wissen müssen, sagte sich Minerva. Sirius hatte sich doch geändert, ganz abgesehen davon, wie unreif er immer noch gewesen war, wann immer es um Snape ging. Aber in dieser Beziehung waren sich die beiden Jungen ebenbürtig gewesen, und nicht einmal als erwachsene Männer konnten sie ihre Antipathien hintan stellen.

Die Ereignisse dieser Nacht hatten Sirius jedoch stark mitgenommen, auch wenn das in Albus Büro noch nicht den Anschein gemacht hatte. Er war immer ein großer Bub geblieben, aber er war reifer geworden. Minerva wollte gar nicht darüber nachdenken, was aus dem Jungen geworden wäre, wenn Albus ihn von der Schule verwiesen hätte.

Sirius war wahrhaftig dafür gestraft worden. Er hatte sein Fehlverhalten jedoch nicht eingesehen, zumindest nicht was Snape betraf. Aus diesem Grund hatte ihn wahrscheinlich auch die Strafe des Schulleiters weit weniger betroffen, als Remus Reaktion. Der junge Werwolf war zutiefst enttäuscht gewesen über den Vertrauensbruch seines besten Freundes.

Oh ja, die bis dahin so unerschütterliche Freundschaft der vier Gryffindors hatte nach dieser schrecklichen Nacht Sprünge bekommen, die scheinbar nicht mehr zu kitten waren. Aber Sirius hatte sich alle Mühe gegeben, die enge Freundschaft zu Remus Lupin wiederherzustellen, sein Vertrauen zurück zu gewinnen. Es hatte lange gedauert, doch dann waren sie noch unzertrennlicher gewesen als zuvor.

Und Snape?

Sie hatte ihn da in Albus Büro am Kragen packen wollen, so wie man manchmal den Zwang verspürte einen Jungen zu packen, der sich gerade beinahe den Hals gebrochen hatte, weil er auf einem Besen, den er aus dem Schuppen seines Vaters gemaust hatte, einen tollkühnen Sturzflug gewagt hatte. Ein irrationaler und instinktiver Zwang, ihn zur Vernunft zu bringen, ihm die Gefahr bewusst zu machen, aus der er gerade nur um Haaresbreite entronnen war. Grundgütiger, was hätte ihm passieren können, als er sich so einfach aus dem Schloss stahl!

Zu sagen, dass Severus Snape mit dem ganzen Vorfall schlecht umgehen konnte, kam einer Untertreibung gleich. Er hatte sich während der folgenden Monate unmöglich verhalten. Er war trotzig und übelgelaunt gewesen, und er hatte jegliche Mitarbeit verweigert. Natürlich hatte er mit seinen Klassenkameraden aus Slytherin nicht über die ganze Angelegenheit sprechen können, ohne zu riskieren, was auch immer Albus ihm angedroht hatte. Es hatte ihn jedoch nicht davon abgehalten, immer und überall Unruhe zu stiften und Gryffindor in Schwierigkeiten zu bringen.

Bei Merlin, welch schreckliche Zeit! Diese letzten Monate bis zum Schuljahresende waren, gelinde gesagt, nervenaufreibend gewesen. Minerva dachte nicht gerne daran zurück. Alle Jungen waren von ihren Hauslehrern an der kurzen Leine gehalten worden – oh nein, Minerva hatte ihnen ihre Enttäuschung nicht vorenthalten – und doch war die Atmosphäre zwischen ihnen kalt gewesen, die Spannung spürbar. Besonders Black und Snape standen permanent kurz davor, sich zu verfluchen. Niemals war Minerva so erleichtert gewesen, als der Hogwarts Express ohne größere Zwischenfälle London, King's Cross, erreicht hatte.

Minerva seufzte, setzte ihre Brille wieder auf und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Sie sollte sich wirklich nicht so viele Gedanken über diese alten Zeiten machen. Sie waren aus und vorbei, und eine Menge Gras war bereits darüber gewachsen.

Für eine Weile arbeitete die Schulleiterin ruhig und zügig, bezauberte die Pergamentrollen, so dass sie sich an die entsprechenden Zauberer und Hexen adressierten. Der Stapel, der die Ministeriumsbeamten enthielt, wurde schnell durch einen weiteren ersetzt: ehemalige und aktuelle Kollegen. Sie kam gut voran. Wenn sie in diesem Tempo weiter machte, dann konnte sie bei Morgengrauen mit der Aufgabe fertig sein.

Und doch schien Minervas Geist entschlossen, noch eine Weile länger bei der Erinnerung an diese Nacht zu verweilen. Erst viel später hatte Minerva begriffen, wie Severus Snape sich gefühlt haben musste: von seinen eigenen Lehrern verraten, die ihn scheinbar ungerecht behandelt hatten.

Warum habe ich jetzt das Gefühl, unser Verhalten rechtfertigen zu müssen?, fragte sie sich. Habe ich damit nicht schon vor Jahren abgeschlossen? Anscheinend war dem nicht so.

Albus hatte sich diese Entscheidung sicher nicht einfach gemacht. Er hatte sich in einem Dilemma befunden. Jede härtere Bestrafung von Sirius Black – eine vorübergehende Beurlaubung oder sogar ein Schulverweis, die ihm im Rahmen der Schulordnung beide zur Verfügung standen – hätten unweigerlich zu einer Aufdeckung von Remus Lupins Lykanthropie geführt, und infolgedessen auch zu Maßregelungen durch das Zaubereiministerium. Alles, was Albus riskiert hatte, um dem talentierten Jungen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, wäre zwecklos gewesen. Sein Versuch, einen Meilenstein hin zu gleichen Rechten für die Werwolfspopulation zu setzen, wäre gescheitert. Ganz abgesehen davon, dass Remus auf keinen Fall in der Lage gewesen, wäre mit den Konsequenzen umzugehen, nicht zu diesem Zeitpunkt.

Wir haben das Richtige getan, sagte sich Minerva. Warum zweifle ich gerade jetzt daran? Es war die einzig mögliche Lösung.

Ja, Albus hatte sich das alles gut überlegt, und seine Entscheidung war gerecht, ja, sogar gnädig gewesen – und das für alle Parteien. Und doch war diese Nacht eine der Gelegenheiten gewesen – eine der wenigen – in denen Albus Fehler gemacht hatte. Minerva war sich darüber bewusst. Der erste Fehler war seine Entscheidung gewesen, mit den Jungen nicht einzeln zu sprechen, ein weiterer vielleicht, dass er Sirius Black nicht noch härter bestraft hatte. Der größte Fehler jedoch war, dass er Severus Snape mehr oder weniger zum Stillschweigen erpresst hatte. Ja, es war Erpressung gewesen, auch wenn Albus überzeugende Reden nur selten als solche erkennbar waren.

Es war Minerva erst viel später klar geworden, wie sich diese Nacht wohl auf den Slytherin-Jungen ausgewirkt hatte. Ihr späterer Kollege hatte ihr gegenüber nie irgendetwas zugegeben, aber aus einigen seiner Reaktionen konnte Minerva schließen, dass er das alles nicht allzu gut verarbeitet hatte.

Minerva war sich darüber im Klaren, dass es nur zwei Möglichkeiten gegeben hatte: entweder Remus Lupins Verbleiben in Hogwarts aufzugeben oder seine Infektion geheim zu halten, und somit jeden zu Stillschweigen zu verpflichten. Es war ihr auch bewusst, dass Severus Snape dem niemals freiwillig zugestimmt hätte, und dass jeder Versuch ihn zu überzeugen bedeutet hätte, das Unmögliche möglich machen zu wollen.

Albus hatte später sogar mehrmals versucht, mit Severus Snape zu sprechen, ebenso wie Horace. Aber da war es schon zu spät gewesen: Soweit Albus ihr erzählt hatte, waren diese Gespräche so abgelaufen, dass er wie gegen eine Wand sprach und Snape es mürrisch aussaß und nicht die geringste Einsicht zeigte. Oh, sie konnte sich die Situation lebhaft vorstellen. Immerhin hatte auch sie selbst Severus Snape ganz gut kennen gelernt. Was man ihm sagte, schien zum einen Ohr hinein und aus dem anderen gleich wieder heraus zu kommen, und dazu kam ein Gesichtsausdruck, der so teilnahmslos war, dass einem der Sinn danach stand den, Jungen mal kräftig zu schütteln, um auch nur irgendeine Reaktion zu erhalten. Nicht einmal Horace war es gelungen, zu Severus Snape durchzudringen.

„Da ist sowieso schon Hopfen und Malz verloren", hatte Minerva gesagt. Sie war erleichtert, dass Remus Lupin keine schwerwiegenden Konsequenzen zu erwarten hatte. Und war es nicht irgendwie auch Severus Snapes Schuld gewesen, zumindest zum Teil? Er hatte kein Recht dazu gehabt, an der Hütte zu sein, und wenn sie ganz ehrlich war, so gab Minerva ihm einen Großteil der Schuld – heute mehr denn je.

Minerva McGonagall seufzte; sie hatte nicht immer so darüber gedacht. Natürlich hätte der Junge niemals in diese Gefahr kommen dürfen. Es war auch nicht seine Schuld, sondern die des Lehrerkollegiums, weil sie es nicht geschafft hatten, die Schule besser vor dem Werwolf in der Hütte zu schützen.

Aber es blieb dabei: Snape war nach der Bettruhe unrechtmäßig auf dem Schulgelände unterwegs gewesen. Und heute? Es fiel ihr schwer, Mitleid mit dem jungen Severus Snape zu empfinden. Himmel! Der Junge war zum Mörder von Albus Dumbledore geworden! Wie konnte sie ihm da noch vorurteilsfrei begegnen?

Mit einem Mal merkte Minerva, dass sie schon wieder ihre Arbeit unterbrochen hatte… um an ihn zu denken. Sie starrte leeren Blickes zum Bücherregal auf der anderen Seite des Zimmers, setzte sich bequemer hin und wischte sich niedergeschlagen übers Gesicht.

Sie versuchte noch immer zu begreifen, wie es mit Snape so weit hatte kommen können. Im Laufe der Jahre hatte sie ihre Meinung über den jüngeren Zauberer mehrmals in die eine oder andere Richtung ändern müssen. Und nun schien es so, als müsste sie es ein weiteres, ein letztes Mal tun. Es gefiel ihr nicht.

Aber es half alles nichts. Minerva erzitterte und war sich plötzlich der schrecklichen Attribute allzu bewusst, die von nun an untrennbar mit dem Namen Severus Snape verbunden waren: Todesser. Mörder.

Schauer liefen ihr über den Rücken, und Minerva fror bis ins Mark. Das Büro schien auf einmal so kalt. Minerva McGonagall stand auf. Sie wickelte sich ihr Wolltuch enger um die Schultern und trat hinüber zum Kamin. Mit einer schnellen Bewegung ihres Zauberstabs entzündete sie ein prasselndes Feuer.

Eine Weile stand sie nur bewegungslos da und starrte in die tanzenden Flammen, die wie hungrige Zungen an den Holzscheiten leckten. Minerva spürte die Hitze auf ihrer Haut. Sie durchströmte ihren Körper und erfüllte ihn mit einer wohligen Wärme.

Viele Abende hatte sie in einem der Plüschsessel vor diesem Kamin verbracht. Jetzt strich sie zärtlich über die samtbezogene Rückenlehne, ließ ihre Finger über die kunstvollen Holzschnitzereien gleiten. Da waren Efeuranken zu sehen, die sich um Zentauren, Einhörner und jede Menge weiterer magischer Wesen ringelten. Diese Sessel waren verschlissen und altmodisch, und doch unvergleichlich gemütlich.

Sie erinnerten sie schmerzlich an den Zauberer, der hier regelmäßig gesessen hatte.

Eine Kanne heißen Tees zwischen ihnen, so hatten Albus und sie hier oft für Stunden gesessen und über Stundenpläne und Quidditch-Veranstaltungen gesprochen, über den Schulalltag wie er den Schulleiter und seine Stellvertreterin betraf.

Sie erinnerte sich noch an die Gelegenheit, bei der Albus sie zum ersten Mal hierher eingeladen hatte. Sie war damals unheimlich aufgeregt gewesen. Eine junge Hexe, die erst seit wenigen Wochen ihre Stelle als neue Lehrerin für Verwandlung in Hogwarts inne hatte. Der große Albus Dumbledore, ein bekannter und starker Zauberer, ihr Vorgänger und nun Schulleiter von Hogwarts hatte sie zum Tee eingeladen. Nicht zu einer Teerunde mit allen Kollegen, nein, zu einem ganz persönlichen Treffen. Sie bewunderte den Schulleiter, ihr großes Vorbild, und war so besorgt gewesen, dass sie seinen Erwartungen vielleicht nicht gerecht werden könnte.

Albus war es gewesen, der sie davon überzeugt hatte, sich um die Position als Verwandlungslehrerin zu bewerben. Sie war so überrascht gewesen als die Eule den Brief ihres früheren Lehrers brachte. Niemals hätte sie von sich den Lehrerberuf in Betracht gezogen. Doch es war dieser Brief, Albus Dumbledores Ermutigung, gewesen, der sie aus ihrem eintönigen Alltag im Ministerium herausriss, heraus aus einer grauen, sterilen Arbeitsnische in der Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen heraus und hinein in diesen Bienenstock von einer Schule.

Ihr Leben hatte damals eine entscheidende Wendung genommen, und es war Albus gewesen, der sie, als sie noch eine junge Lehrerin war, durch zweifellos schwierige Zeiten begleitet hatte. Er war zu ihrem Mentor geworden und später zu ihrem Freund. Dieser Abend im Advent 1956 war nur der erste einer ganzen Reihe gewesen, der Beginn einer engen Freundschaft. Und all das sollte jetzt mit einem Mal vorüber sein?

Minervas Finger umgriffen schraubstockartig die Lehne des Armsessels, während sie ihren Kopf senkte und tief ein und aus atmete, um die Tränen zurückzudrängen, die ihr in die Augen schossen. Wieder ergriff Trauer ihr Herz. Der Verlust ihres Freundes zerrte so stark daran, dass sie den Schmerz körperlich spüren konnte. Ein Schluchzer entfuhr ihrer Brust, doch sie unterdrückte ihn auf halbem Weg, schloss ihre Augen und nahm einige tiefe, lange Atemzüge um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie durfte sich jetzt nicht gehen lassen.

„Auch am Ende des dunkelsten Tunnels ist Licht, Minerva", hörte sie mit einem Mal Albus Stimme, warm und tröstend und so lebendig, dass ihr Herz für einen Moment aufhören wollte zu schlagen. Instinktiv drehte sie sich um zu ihm, doch der Raum war leer, und nur die geisterhaften Schatten der Flammen huschten über die Wände, vollführten ihre derwischartigen Tänze auf Möbeln und Gegenständen.

Ihre Augen verengten sich, suchten aufmerksam das allerletzte in der Reihe der Portraits nach einer Bewegung oder irgendeinem anderen Zeichen von Wachsein ab. Doch es gab keines.

„Albus?", fragte sie zaghaft, ahnend, dass das was sie zu hören geglaubt hatte eine Täuschung gewesen war. Und doch klammerte sie sich fast wie verzweifelt an die schwache Hoffnung, dass das Portrait tatsächlich erwacht sein könnte. „Albus, bist du wach?", fragte sie erneut, diesmal lauter, und diese irrationale, selbstquälerische Hoffnung ließ ihre Stimme sich überschlagen.

„Natürlich ist er nicht wach, Hexe!"

Minerva zuckte bei der plötzlichen Unterbrechung zusammen und ihre Hand fuhr unwillkürlich in ihren Ärmel und griff den Zauberstab. Irgendwie hatte sie sich tatsächlich alleine in dem Büro geglaubt; alleine mit Albus zumindest.

„Du hast doch nicht allen Ernstes geglaubt, dass er gleich wieder auf den Beinen ist, wo er doch erst vor ein paar Stunden zum Portrait geworden ist?", meldete sich die Stimme wieder zu Wort, die Minerva nun als das unfreundliche Knurren von Phineas Nigellus Black erkannte. „Ach du liebe Zeit, das hat sie!"

Minerva steckte ihren Zauberstab zurück in seine verborgene Tasche. Sie konnte gut darauf verzichten, dass der unsympathische Mann ihre Nervosität bemerkte. Sie spähte hinüber zu dem düsteren, unheimlichen Zauberer, dessen Portrait ein paar Positionen von dem Albus' entfernt hing. Der Magier war ihr wohlbekannt. Nicht umsonst sprach man von Phineas oft als dem unbeliebtesten Schulleiter Hogwarts. Der Mann besaß einfach keinen Anstand.

Sie hörte Blacks fortwährende Hetzrede von Anklagen und Beleidigungen schon gar nicht mehr, sondern dachte über diese neue Information nach. Sie hatte sich nie wirklich Gedanken über die Beschaffenheit der Portraits gemacht oder über die Zauber, die hinter ihnen wirkten um das Abbild der Zauberer und Hexen am Leben zu erhalten. Jetzt, da sie darüber nachdachte, erschien ihr Phineas Argumentation tatsächlich überzeugend. Natürlich brauchte es seine Zeit bis das Portrait sich vollständig ausgebildet hätte und bis sich die Aura des Verstorbenen darin entwickeln konnte.

„... immer von jedem herumkommandiert zu werden!", riss Phineas Stimme sie aus ihren Gedanken. „Hmph! Jetzt kann er es einmal am eigenen Leib erfahren!", beendete der erregte Zauberer seine Tirade. „Geschieht ihm ganz recht, dem alten Kauz!" Dann schloss er seine Augen und sank in seinem Stuhl zurück.

Minerva starrte ungläubig die Wand mit den Portraits an. Das Büro war wieder ganz still. Albus und die anderen Portraits schliefen tief und fest. Sie konnte nur hoffen, dass er bald erwachen würde und ihr Trost und Zuspruch spenden würde, wenn er ihr schon nichts anderes sagen konnte.

Minerva seufzte und wollte sich gerade umdrehen, um zum Schreibtisch zurückzukehren, als Phineas Nigellus noch einmal ein Auge öffnete. „Und stör mich nicht noch einmal!", schnappte er und warf ihr einen scharfen Blick zu, seine schwarze, buschige Braue ausdruckstark erhoben. Dann schlief er wieder ein, als wäre nichts geschehen.

Der Zauberer war schwierig. Wahrscheinlich versuchte er ihre Entschlossenheit auszutesten, wie ein widerspenstiges Kind seine Grenzen erprobte. Aber irgendwie würde sie auf seine Mitarbeit zählen müssen. Seine Dienste waren zu wichtig, als dass sie es sich leisten konnte, sich mit dem eigensinnigen Mann zu überwerfen.

Mit einem letzten Blick auf Albus Portrait setzte sich Minerva wieder hinter den Schreibtisch und nahm ihre Arbeit wieder auf.

Sie konzentrierte sich jetzt noch mehr auf die anstehende Aufgabe und lenkte sich so noch einmal wirkungsvoll von den furchtbaren Erinnerungen ab. Fast alle Namen der Professoren waren ihr bekannt: Entweder waren sie einmal Kollegen gewesen, oder sie selbst war von ihnen als junge Hexe unterrichtet worden. Jede Karte, jeder Name war in ihrem Geist mit einem Gesicht verbunden, das vor ihrem inneren Auge auftauchte, das Erinnerungen an angenehme, aber auch an schwierige Zeiten wieder wach werden ließ.

Der Kartenstapel war groß, noch höher sogar als der vorherige, der die Ministeriumsangestellten enthalten hatte.

Bereits die erste Karte schien geradezu exemplarisch dafür zu stehen, wie viele Generationen von Hogwartslehrern mit dem verstorbenen Schulleiter Albus Dumbledore in Verbindung gebracht werden konnten.

Duncan Anderson, wohnhaft in Aboyne, Aberdeenshire war einst in Hogwarts Arithmantiklehrer gewesen. Der kleine, untersetzte Mann, der Minerva immer eher an einen Handwerker als an einen Wissenschaftler erinnert hatte, war ein direkter Nachfahre einer Schottischen Mathematikerfamilie. Sein Urgroßvater, der auch bei den Muggeln als Davie-Do-a'-Thing bekannt war, hatte seinerzeit die Hafeneinfahrt von Aberdeen von einem großen Steinblock befreit. Und Duncan selbst hatte sich einen Namen als Herausgeber einer ganzen Reihe von Schriften zur Vereinbarkeit von Wahrsagen und moderner Arithmantik gemacht.

Minerva hatte ihn nur einmal getroffen. Das war bei einem Fest gewesen, das im Jahre 1958 in Hogwarts zu Ehren von Cuthbert Binns fünfundsiebzigstem Todestag veranstaltet worden war. Wenn man Albus Erzählungen Glauben schenken durfte, so war Duncan Anderson ein engagierter und beliebter Lehrer und hoch geschätzter Kollege gewesen. Es hatte ihm gar nicht gefallen, in den Ruhestand zu treten, doch sein hohes Alter und seine fortschreitende Narkolepsie hatten ihn schließlich dazu gezwungen. Albus hatte ihr oft Anekdoten davon erzählt, wie er und seine Mitschüler versucht hatten, die ausgeklügeltsten Zauberapparate zu konstruieren, die den Professor aufwecken sollten, wenn er wieder einmal im Unterricht eingeschlafen war.

Wenn sie darüber nachdachte, so konnte sich Minerva den jungen Albus Dumbledore ganz genau vorstellen, wie er im Arithmantik Unterricht saß und nur darauf wartete, dass sein Professor einschlafen und damit die komplizierte Konstruktion aus Apparaten und Zaubersprüchen auslösen würde. Ja, Albus hatte es wohl schon immer faustdick hinter den Ohren gehabt.

Minerva lächelte traurig. Vor ihrem inneren Auge sah sie Albus mit lebhaft glitzernden Augen, als sei er lebendig. Wie konnte er nicht mehr am Leben sein? Jeden Moment erwartete sie, seine Schritte auf der Wendeltreppe zu hören, erwartete, dass die Tür sich öffnen und Albus lebendig und wohlauf eintreten würde; doch nie wieder würde das geschehen.

Minerva fuhr mit der Arbeit fort: ehemalige Lehrer, angefangen beim alten Anderson bis hin zum hinkenden Zingstfield; Bibliothekare – das blecherne Kreischen von Martha Rhabarber klang in Minervas Ohren wieder; Hausmeister und Heiler. Der bei weitem größte Teil der Karten trug die Beschriftung: „Ehemaliger Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste". Ihre Namen waren zahlreich: Sheltenham, Leeuwenhoek, Ogarov, Quirrell, Lockhart und Umbridge, um nur einige zu nennen. Die meisten von ihnen trugen einen Zusatz zu ihrer Adresse, der ‚verstorben' - diese erhielten natürlich keinen Brief - ‚Adresse unbekannt' oder ‚Kein Eulenpostservice möglich' lautete.

Die wenigsten von ihnen hatte Minerva je richtig kennen gelernt. Ihre Gesichter verschwammen in ihrer Erinnerung zu unkenntlichen Masken, die Erinnerungen an sie verblassten. Minerva arbeitete sich zügig durch diese Gruppe, sie wollte nicht länger als unbedingt nötig an diesem verdammten Abschnitt verweilen. Sie würde sich nicht als abergläubisch bezeichnen, aber der Lauf der Jahre hatte ihr gezeigt, dass diese Stelle tatsächlich verflucht war. Tom Vorlost Riddle hatte ganze Arbeit geleistet!

Minerva zwang sich, nicht an den allerletzten in der Reihe der Verteidigungslehrer von Hogwarts zu denken, zu schmerzhaft waren die Gefühle, die mit seinem Namen verbunden waren. So wurde dann auch die letzte Karte unter dem Buchstaben S rasch auf den kleinen Beistelltisch verbannt, die Informationen, die sie enthielt, blieben unbeachtet.

Damit war die letzte Karte wegsortiert, ein weiterer Stapel abgearbeitet. Minerva fragte sich, wie viele der Hexen und Zauberer, die sie gerade angeschrieben hatte, zu Albus Beisetzung kommen würden, und ob auch der gealterte Duncan Anderson sein kleines Cottage am Ufer des Dee verlassen würde, um in die Highlands nach Hogwarts zu reisen.

Sie dachte nicht gerne an die Beerdigung, noch nicht. Sie konnte es nicht, nicht jetzt, da der Schmerz und der Verlust noch viel zu frisch waren; und doch, während die Stunden verrannen, kam auch der Tag von Albus Beisetzung immer näher. Allein der Gedanke daran ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Erneut blickte Minerva durch den Raum hinüber zu Albus Portrait und machte sich widerwillig bewusst, dass sie den Mann nie wieder sehen würde. Keine Zitronenbonbons mehr, keine in kryptische Phrasen verpackt Lebensweisheiten.

„Albus, ich werde dich so vermissen", flüsterte sie, „Ich vermisse dich jetzt schon."

Das Feuer prasselte noch immer munter, und doch fühlte Minerva kalte Schauer ihren Rücken hinunter jagen. Es war jedoch keine physische Kühle, die sie fühlte, sondern ein emotionaler Schauder, welcher der schrecklichen Kälte, die von Dementoren ausging, sehr ähnlich war. Und war das nicht auch genau das, was sie fühlte? Sie erlebte die schlimmste, die furchtbarste Erinnerung noch einmal; ein wahr gewordener Albtraum.

Aber da war nichts, was sie dagegen tun konnte. Es gab keinen Zauberspruch, der das Grauen verjagen konnte. Sie musste sich ihren Dämonen stellen, musste sie hinter sich lassen oder lernen mit ihnen zu leben. Und es galt jetzt damit anzufangen.

Entschlossen packte Minerva die fertigen Briefe beiseite. Mit ihren kalten, klammen Fingern musste sie das dünne Pergament mehrmals greifen, bevor sie es wirklich zu fassen bekam. Eine heiße Tasse Tee könnte da vielleicht Wunder wirken, dachte sie bei sich. Nicht nur um sie aufzuwärmen, sondern auch um ihre angegriffenen Nerven zu beruhigen.

Sie zückte ihren Zauberstab aus den Falten ihres Überwurfs. Zweimal tippte sie damit auf das silberne Tee-Service neben ihrem Arbeitsplatz und bestellte so eine Kanne Tee aus der Küche. Dann stand sie auf, um den nächsten Stapel Karteikarten aus dem Regal schweben zu lassen.

Die Mitglieder des Lehrerkollegiums wurden gefolgt von Personen, denen man Medaillen für ‚Besondere Dienste an der Schule' verliehen hatte, Schülern, Schulsprechern und Vertrauensschülern.

Ironischerweise trug eine dieser Karten noch immer dem Namen Tom Vorlost Riddle. Die Karte berichtete von seiner Zugehörigkeit zum Hause Slytherin, von seiner Zeit als Vertrauensschüler und Schulsprecher und seinem – zu Unrecht verliehenen – Preis für Besondere Dienste an der Schule.

Es war schon ironisch, wie diese Karte einige harmlose Fakten erwähnen, und doch nichts über die Person, die dahinter stand, aussagen konnte.

Minerva starrte eine Weile auf das ausgeblichene Pergament. Sie erinnerte sich an den Zauberer, der nur ein Jahr jünger war als sie selbst. Tom war ein Genie gewesen, gutaussehend und mysteriös noch dazu. Viele der Mädchen hatten für ihn geschwärmt, doch er war nie an ihnen interessiert gewesen, hatte sie nur ausgenutzt und wieder fallengelassen wie eine heiße Kartoffel, sobald sie ihm nicht mehr von nutzen waren.

Tom Riddle. Nur wenige wussten von der Verbindung zwischen Tom Riddle und Lord Voldemort, über das Verschwinden des hochbegabten Jungen und die Erstehung eines größenwahnsinnigen, mächtigen Zauberers. Auch hierüber sagte die Karte nichts.

Dieser Name, den er sich selbst gegeben hatte – Lord Voldemort – tauchte nirgends auf… ein Phantom, nicht greifbar, und doch so mächtig.

Minerva zitterte. Es hatte einen Grund, dass die Zaubererwelt seinen Namen nicht aussprach. Die damit in Verbindung gebrachten Verbrechen waren einfach zu grausam.

„Die Furcht vor dem Namen macht die Furcht vor der Sache selbst nur noch größer", klang Albus Stimme in ihren Ohren. So oft hatte er sie dazu ermutigt, den beunruhigenden Namen auszusprechen, doch Minerva konnte sich auch nach so langer Zeit nur in ihren stärkeren Momenten dazu bringen, dies zu tun.

„Voldemort", sprach sie in das dunkle und stille Büro und ihre Stimme war zittrig und zögernd, so als ob der Name allein den bösen Geist dahinter heraufbeschwören könnte.

Minerva schob die Karte schnell von sich weg auf den Beistelltisch, als sei sie vergiftet. Immerhin war das nur eine Karte von vielen...

Die übrigen Karten riefen angenehmere Erinnerungen wach: Sie trugen die Namen von erfolgreichen Männern und Frauen, die einst die kleinen Betten in den Schlafräumen der Erstklässler belegt hatten, die ihrem Haus beim Quidditch zugejubelt hatten, die über die Wunder der Magie gestaunt hatten; Generationen von Hexen und Zauberern, die hier in Hogwarts ausgebildet worden waren, deren Karrieren hier in den selben alten Klassenräumen ihren Anfang genommen hatten, die auch genutzt wurden.

Auf einmal wurde sich Minerva der Verantwortung sehr bewusst, die nun auf ihren Schultern lag. Sie fühlte nicht nur die Verantwortung die jeder Lehrer gegenüber seinen Schülern hat, den Auftrag sie zu unterrichten, sie in ihrer Entwicklung von naiven Kindern zu reifen und kritisch denkenden Erwachsenen zu begleiten und zu führen. Diese Aufgabe hatte Minerva schon vor vierzig Jahren, als sie ihren Dienstvertrag unterschrieben hatte, gerne und mit Freuden angenommen. Es hatte zugegebenermaßen Zeiten gegeben, in denen das leichter und andere, in denen es schwerer gewesen war, aber ihre Arbeit hatte ihr immer Freude gemacht.

Nein, in diesen Tagen – und das bereits seit einiger Zeit – bedeutete es auch ein besonderes Augenmerk auf die moralische Bildung der Schüler und, was noch viel schwerer auf Minerva lastete, die Verantwortung für die Sicherheit der Schüler.

Hogwarts war nicht mehr die sichere Trutzburg, die es einmal gewesen war. Das letzte Jahr hatte ihnen das nur allzu deutlich vor Augen geführt. Es gab kein die und wir mehr, keine leicht abzugrenzenden Fronten. Der Feind befand sich nun innerhalb dieser scheinbar uneinnehmbaren Mauern, der Kampf hatte eine unvorhergesehene Wendung genommen.

Doch vielleicht war diese Wendung gar nicht so unvorhersehbar gewesen, wie Minerva sich jetzt glauben machen wollte. Es war von Anfang an klar gewesen, dass Hogwarts ein vorrangiges Ziel sein würde, und auch in Bezug auf die Schüler war niemand blauäugig gewesen. Früher oder später hatte Voldemort Nutzen aus den Kindern seiner Gefolgsleute ziehen müssen. Doch niemand hatte diesen,... diesen Albtraum erwartet.

Minerva war niemand, der unangenehmen Aufgaben aus dem Weg ging. Auch wollte sie die Verantwortung nicht von sich abwälzen, die auf ihre Schultern gelegt worden war, aber das hieß nicht, dass sie sich keine Sorgen über das machen würde, was man von ihr erwartete. Schwere Zeiten standen bevor und der eine Mann, der ihr immer Ratgeber und leuchtendes Vorbild gewesen war, lebte nicht mehr.

Im Augenblick war Minerva sich nicht allzu sicher, ob sie eine würdige Nachfolgerin für Albus Dumbledore sein würde. Würde sie die richtigen Entscheidungen treffen? Besaß sie die gleiche Weitsicht, die Albus immer an den Tag gelegt hatte? Sie war ganz sicher nicht so redegewandt und diplomatisch wie Albus, auch hatte sie nicht das Gefühl eine Führungsfigur zu sein. Würde ihr Bestes ausreichend sein, die anstehenden Probleme zu meistern?

Minervas Grübeleien wurden durch ein hörbares Plop unterbrochen, das sie auffahren ließ. So übermüdet und angespannt wie sie war, zückte Minerva sofort ihren Zauberstab und sprang auf, um dem Eindringling in einer Position entgegenzutreten, die es ihr ermöglichen würde, je nach Bedarf anzugreifen oder sich zu verteidigen.

Nichts von alldem war erforderlich.

Chubby, der Oberhauself von Hogwarts, war auf dem kleinen runden Teppich in der Mitte des Raumes aufgetaucht und balancierte ein Silbertablett mit einer dampfenden Teekanne vor sich. Das Tablett schwankte bedenklich, denn der Hauself schien von Minervas abrupter Reaktion genauso überrascht zu sein, wie sie es über sein plötzliches Auftauchen gewesen war.

Sie rettete sie beide vor dem drohenden Unfall, indem sie das Tablett geschwind, aber vorsichtig, zum Schreibtisch herüber schweben ließ. Sie konnte es jedoch nicht verhindern, dass etwas von dem Tee über den Rand der Kanne schwappte, denn Chubby ließ in seiner Verwirrung erst nach einem oder zwei Augenblicken das Tablett los.

„Chubby tut es leid, Schulleiterin! Chubby tut es leid!", sprudelte es aus dem kleinen Hauselfen heraus, der sich so tief verneigte, wie es seine rundliche Figur erlaubte. „Chubby weiß, dass er die Schulleiterin nicht stören darf, ohne Grund! Chubby wird es besser machen, das nächste Mal!"

„Oh, hör doch auf, Chubby!", unterbrach Minerva diesen Wortschwall ziemlich rüde, doch war sie dabei verärgerter über ihre eigene Schreckhaftigkeit, als über das Verhalten des Hauselfen.

„Natürlich, Schulleiterin, natürlich!" Chubby hatte aufgehört sich zu verbeugen. Seine Augen fixierten aufmerksam das detaillierte Muster des bunten Teppichs, während er sich Schritt für Schritt langsam entfernte und Entschuldigungen und Versprechen, es das nächste Mal besser zu machen, vor sich hin murmelte. Seine schlappen, faltigen Ohren hingen traurig nach unten.

Oh Merlin, dachte Minerva, als ihr bewusst wurde, wie ihre Worte wohl auf den Hauselfen gewirkt haben mussten. Mit Albus Tod und ihrer Nachfolge als neue Schulleiterin von Hogwarts waren die Hauselfen nun an sie gebunden und, sie hatte diesen Antrittsbesuch gerade gehörig vermasselt. Sie würde sich besser zusammennehmen müssen. Ihre knappe und trockene Art, so gut sie auch immer gemeint sein mochte, war nicht die Art von Verhalten, welche die Hauselfen gewohnt waren, und sie würde damit wahrscheinlich auch bei Hexen und Zauberern keinen Blumentopf gewinnen.

„Warte, Chubby!", bat sie den Haus-Elfen nun in sanfterem Tonfall und entfernte die Teeflecken auf dem Teppich mit einer kurzen Bewegung ihres Zauberstabs. „Vielen Dank für den Tee! Ich weiß ihn sehr zu schätzen."

Die kleine Gestalt hielt inne, hob dann zögernd ihren Kopf und sah sie aufmerksam an, als ob sie herausfinden wollte, was wie von diesem plötzlich veränderten Tonfall zu halten hatte. Langsam richteten sich die Ohren des Hauselfen auf. Sie sind wirklich lächerlich groß, dachte Minerva, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

Der Hauself schien dies als positives Zeichen zu deuten. Er lächelte verlegen und trat einen Schritt nach vorne, wieder in Richtung auf den Schreibtisch. Minerva versuchte ihm das freundlichste und ermunterndste Gesicht zu zeigen, dass sie aufsetzen konnte. „Möchtest Du mir etwas mitteilen, Chubby? Du kannst mir alles sagen", sagte sie und nickte ihm aufmunternd zu.

Der kleine Geselle streckte seinen gekrümmten Rücken und strich sich das karierte Geschirrtuch glatt, bevor er zu sprechen begann. „Die Hauselfen von Hogwarts heißen die neue Schulleiterin willkommen und schwören ihr ihre Treue", verkündete Chubby ernst, und Minerva fühlte wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, als ihr die Bedeutung dieses Schwures bewusst wurde.

Noch nie hatte ihr zuvor etwas ihre neue Position deutlicher vor Augen geführt, als die Worte dieses kleinen, alten Hauselfen: Weder die förmliche Anrede seitens ihrer Kollegen, noch die der Schüler und ganz gewiss auch nicht die Bitte des Ministers um Zusammenarbeit.

Diesem Moment schien etwas heiliges innezuwohnen. Die Hauselfen hatten sie offiziell als Dumbledores Nachfolgerin akzeptiert und ihr sogar die Treue geschworen. Könnte es ein größeres Symbol für ihr Vertrauen geben? Natürlich waren die Hauselfen zunächst an die Schule gebunden, aber das minderte Minervas Rührung nicht im Mindesten. Sie fühlte sich warm ums Herz bei diesen Worten, die ihr so viel bedeuteten.

"Vielen Dank, Chubby", sagte sie und sah in die großen, vertrauensvoll dreinblickenden Augen des Hauselfen. „Ich danke Dir für Deinen Treueeid. Sag auch den anderen Hauselfen meinen Dank!"

Noch einmal verbeugte sich der Hauself tief, dann sah er auf und erhob erneut seine schrille und scheppernde Stimme. „Wir Hauselfen sind traurig und ängstlich, weil der alte Zauberer nun seine Augen für immer geschlossen hat, aber wir wissen, dass wir immer der Schule dienen müssen, und das tun wir gerne. Das muss die Schulleiterin wissen. Wir werden nicht weglaufen!"

Die letzten Worte hatte der Hauself mit zitternder Stimme, doch mit entschlossenem Blick, gesprochen. Nun konnten seine Augen die Tränen nicht mehr halten und große Tropfen rannen die zerfurchten Wangen hinab und fielen geräuschvoll auf den kleinen Teppich.

Minerva berührte dieses Zeugnis von Angst, Trauer und Loyalität zutiefst, und sie spürte, wie ihre eigene Fassung ebenfalls zu bröckeln drohte. „Vielen Dank, Chubby", brachte sie erneut heraus und ihre Stimme war brüchig. „Der verstorbene Schulleiter wäre stolz auf dich!"

Es waren die einzigen Worte des Trostes, die sie ihm in ihrer eigenen Trauer bieten konnte, doch sie schienen dem kleinen Hauselfen zu genügen, der sie aus tränenerfüllten Augen anstrahlte, sich noch einmal verbeugte und dann mit einem weiteren Plop verschwand.


A/N:
Die Nacht schreitet voran und so auch Minerva und ihre Gedanken. Wie hat es Euch gefallen?

"Fear of the name increases fear of the thing itself." (direct quotation from 'Harry Potter and the Philosopher's Stone', chapter 17, p. 320; paperback UK edition). Frei übersetzt von haley ;-)

Noch einige Fakten am Rande: David Anderson, auch bekannt als 'Davie do a' thing' ist eine historische Persönlichkeit. Er lebte im 17. Jhdt. in Aberdeen, und war für seine Exzentrizität und seine Kreativität bekannt. Sein Cousin war ein weiterer bekannter Bürger der Stadt Aberdeen mit Namen Anderson: Alexander Anderson, ein wohlbekannter Mathematiker seiner Zeit, der sich mit Geometrie und Algebra befasste. Ich musste diese beiden einfach in meine Geschichte einbauen. g