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Ein Totentanz

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IV. Thomas

Herz aus Eis

SSSSSSS

Lacroix: Und Collot schrie wie besessen, man müsse die Masken abreißen.

Danton: Da werden die Gesichter mitgehen.

(Georg Büchner, Dantons Tod)

SSSSSSS

Schlecht gelaunt eilte Severus Snape die Treppen zu den Kerkern seines Herrn hinab. Was würde er diesmal vorfinden? Er hasste es, wenn er seine ehemaligen Schüler erst von den Steinen zusammenkratzen musste, ehe er sich seiner eigentlichen Aufgabe widmen konnte.

Wie hieß der Junge noch? John? Tom?

Thomas. Tom.

Es war Jiroslav Mayfairs Sohn, zu dem sein Herr ihn diesmal gesandt hatte. Jiroslav würde das hart treffen. Er liebte seine drei Kinder sehr.

Nun, nichts zu machen.

Mayfair war selbst schuld daran, dass die Dinge sich auf diese Weise entwickelt hatten.

Hätte er seinen Stolz und seinen Geltungsdrang besser im Zaum gehalten ...

Severus' Stiefelabsätze knallten auf den hohen unregelmäßigen Stufen, als er die letzte Treppe hinabsprang. Er war wütend, und ein bisschen Lärm zu machen tat ihm gut.

Als er diese Aufgabe übernommen hatte, war es in der Hoffnung geschehen, er könnte dadurch seinen ehemaligen Schülern Leid ersparen.

Von wegen.

Severus schauderte, als er flüchtig an Jery dachte, an das, was er ihm auf Befehl des Dunklen Lords hatte antun müssen.

Nichts konnte er verhindern, gar nichts. Er konnte nur trösten, lindern, das war alles.

Dann stand er auf einem dunklen Gang vor einer Reihe von alten Holztüren. Es war so feucht hier unten, dass sie von Kolonien winziger Pilze besiedelt waren, die ein interessantes Farbspektrum von braungrau bis giftig orange boten. Einige wenige Fackeln blakten matt und trüb vor sich hin, sandten Kreise blassgelben Lichts in die Finsternis.

Severus zückte seinen Zauberstab. „Lumos!"

Er wollte wenigstens sehen, wohin er trat.

Auf seinem Weg durch den Korridor kickte er zwei tote Ratten beiseite und zermalmte fast eine gigantische Spinne, die gleichgültig mitten im Weg hockte. Im letzten Moment stockte er und stieg über das lauernde Tier hinweg.

Zehn Meter weiter stieß er auf die richtige Tür. Seine Tür. Sie war mit einem Totenschädel gekennzeichnet, der giftig grün aus der matt glimmenden Pilzschicht leuchtete. Keine Schlange, dafür zwei gekreuzte Knochen.

Hübsch symbolisch, dachte Severus grimmig.

Er atmete tief durch, tippte die Tür mit dem Zauberstab an und ließ sie lautlos aufschwingen.

Die Zelle war stockdunkel, so dass er als Erstes den Lumos-Zauber verstärkte. Weißblaues Licht erhellte jeden Winkel des kleinen Raumes und erfasste gnadenlos die magere, blasse Gestalt, die sich in der hintersten Ecke an die Wand presste. Nackt, wie Severus mit steigendem Ärger feststellte. Die Augen des Jungen wirkten unnatürlich groß, als er gebannt auf den Todesser starrte, der soeben die barmherzige Finsternis zerstört hatte.

Tom Mayfair, achtzehn Jahre alt, ein verstörtes Kind, die Beine an den bloßen Leib gezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Mausgraues kurzes Haar, schlammbraune Augen, ein bleiches, pickeliges Gesicht, unansehnlich, unauffällig, einer von den mittelmäßigen, unwichtigen Menschen, die man kaum wahrnimmt und sofort wieder vergisst. Er hatte diesen Jungen bis vor kurzem unterrichtet, sieben Jahre lang, und trotzdem konnte Severus sich kaum an ihn erinnern.

Er schloss die Tür hinter sich und ersetzte den Lumos-Zauber durch ein permanentes, wärmeres Licht, das die Zelle auf freundlichere Art erhellte.

„Tom. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Ich werde dir nicht weh tun. Hab' keine Angst", sagte er sanft.

Der Junge nickte ruckartig, mechanisch – er hatte einen Befehl gehört, keine beruhigenden Worte. Einem Befehl musste man gehorchen, so gut man eben konnte.

Severus verfluchte in Gedanken die beiden Personen, die sich zuletzt mit Tom „beschäftigt" hatten: Dolohow und Macnair. Es war nur zu klar, was sie, zusätzlich zu den allgemein üblichen Quälereien, mit dem Jungen angestellt hatten. Kein Wunder, dass er danach verstummt und erstarrt war. Abgesehen von der Angst tat ihm wahrscheinlich alles weh. Und er schämte sich augenscheinlich so sehr, dass er wohl am liebsten in der Wand verschwunden wäre.

„Tom, du bist nicht der Erste, dem das passiert ist. Du kannst nichts dafür, also muss es dir auch nicht peinlich sein."

Er machte drei Schritte auf Tom zu und streckte die Hand nach ihm aus. Der Junge zuckte sofort zurück, so heftig, dass er mit dem Kopf gegen die Steine schlug. Severus blieb stehen und ließ die Hand wieder sinken.

„Ich tue dir nichts. Niemand wird dir mehr weh tun."

Vorsichtig, ganz langsam, näherte er sich dem Gefangenen. Tom starrte ihn furchtsam an, offenbar gelähmt vor Angst, gab aber keinen Laut von sich.

Severus ließ sich vor ihm auf ein Knie sinken und sah ihm fest in die Augen. „Du hast Schmerzen. Ich möchte dir helfen. Okay?"

Tom nickte schwach, mied dabei seinen Blick.

Severus streckte erneut die Hand aus und berührte ihn vorsichtig am Arm. Er musste dem Jungen zeigen, dass er ihm nicht weh tun würde, dass seine Berührungen keine Gefahr bedeuteten. Worte drangen nicht richtig zu ihm durch.

Tom begann zu zittern, als er ihn anfasste, versuchte aber nicht, seiner Hand auszuweichen. Wobei das nicht unbedingt ein Vertrauensbeweis war. Wahrscheinlich hatte es Schläge gehagelt, sobald er versucht hatte, sich Dolohow und Macnair zu entziehen.

Plötzlich begann der Junge, heftig zu husten. Der Husten schüttelte seinen dürren, weißen Leib wie eine fremde Macht, die heimtückisch seinen Körper gekapert hatte und ihn nun auseinanderreißen wollte. Zwischen dem Husten keuchte und würgte er, und dann begann er, zähen gelben Schleim zu spucken.

Lungenentzündung, stellte Severus fest. Böse Lungenentzündung.

Er war fast eine Woche nicht zum Dunklen Lord gerufen worden. Gut möglich, dass der Junge schon seit Tagen in diesem feuchten, eiskalten Loch lag. Nackt, schmerzgepeinigt und verängstigt, sehr wahrscheinlich auch halb verhungert und verdurstet, in absoluter Finsternis. Und ohne zu wissen, ob jemals wieder ein Mensch die Tür zu seiner Zelle öffnen würde.

Ich bringe sie um, dachte Severus voll Abscheu. Alle beide.

Er zog ein sauberes Taschentuch hervor und wischte Tom behutsam den ausgehusteten Schleim von Gesicht und Brust. Der Junge war erschöpft zur Seite gesackt, die Augen fest geschlossen.

Severus ließ mit einem Schlenker seines Zauberstabes ein Glas Wasser erscheinen, fasste Tom an den Schultern und lehnte ihn aufrecht gegen die Wand.

Kein Protest, keine Gegenwehr.

Ausgelaugt. Gebrochen.

Sacht strich Severus dem Jungen über die Wange. „Trink einen Schluck Wasser. Das wird dir gut tun."

Toms Lider flatterten. Als er die Augen aufschlug, war sein Blick starr ins Leere gerichtet. Severus hielt ihm das Glas an die Lippen, und Tom leerte es langsam, mühevoll. Sein Blick wurde dabei klarer, der Ausdruck seiner Augen wacher und intelligenter.

Wahrscheinlich total ausgetrocknet.

Prüfend nahm Severus die Haut an Toms Unterarm zwischen die Finger. Sie war schlaff und faltig.

Jetzt endlich erwiderte Tom seinen Blick, immer noch furchtsam, aber deutlich beherrschter und verständiger.

Severus bemühte sich, ein beruhigendes Lächeln auf sein starres Gesicht zu zaubern, was ihm offensichtlich gelang: Der Junge erwiderte das Lächeln. Sehr unsicher, zittrig, aber er erwiderte es.

„Hallo, Tom. Schön, dass du wieder da bist", sagte Severus mit einem Anflug von Ironie. „Ich nehme an, du kennst mich noch?"

Tom nickte stumm.

„Sprechen kannst du, oder?"

Offenbar interpretierte Tom die Frage als Vorwurf, als Vorspiel zu einer Bestrafung, und kroch wie ein geprügelter Hund in sich zusammen. „Ja, Sir", flüsterte er. Seine Stimme klang heiser. In seinen Augen flackerte es panisch.

„Du musst mich nicht mit Sir anreden", sagte Severus, sehr sanft und leise. „Wir sind nicht mehr in Hogwarts. – Leider", fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Hier bin ich einfach Severus für dich, ja?"

Nicken. Immer noch gespannte Wachsamkeit.

„Schau, Tom, ich will dir nichts vormachen. Ich bin nicht hier, um dich zu retten. Aber ich werde tun, was ich kann, um deine Schmerzen zu lindern und dir die Angst zu nehmen."

Der Junge wurde noch eine Spur bleicher. Doch er wirkte gefasst. „Ich weiß ...", brachte er mit rauer Stimme hervor. „Ich weiß, dass mir keiner mehr helfen kann. Sie haben's mir gleich gesagt. Sie haben gesagt, sie wollen noch ein bisschen ... noch ein bisschen Spaß mit mir haben, ehe sie meine ... meine Überreste meiner Mutter auf den Komposthaufen kippen."

Severus verhinderte erfolgreich ein Entgleisen seiner Gesichtszüge, doch seine Gedanken waren schon wieder bei Dolohow und Macnair und den Dingen, die er gerne mit ihnen anstellen würde.

„Mein Vater ... Er war die ganze Zeit dabei; er hat alles gesehen. Aber ... aber er hat kein Wort gesagt. Nicht ein Mal! Er hat nicht versucht, mir zu helfen. Er stand einfach nur da und hat zugesehen, wie sie ... wie sie es ..." Die Worte waren geradezu aus ihm hervorgesprudelt, drängelnd, sich überstürzend, doch jetzt stockte Tom, als wäre er an eine unüberwindbare Barriere gestoßen. „Sie haben ... sie ..."

„Ist schon gut, Tom", sagte Severus in beruhigendem Tonfall. „Ich weiß, was sie mit dir gemacht haben." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Und ich bin mir sicher, dass sie deinen Vater dazu gezwungen haben."

Der Blick des Jungen war schmerzerfüllt.

Absolut sicher. Wahrscheinlich haben sie ihm gedroht, dich umzubringen, wenn er eingreift." Severus sah, dass Tom ihm verzweifelt gern glauben wollte. Aber ...

„Aber er wusste, dass sie mich töten würden! Er war doch dabei, als sie's gesagt haben! Dann war's doch egal, ob er versucht, mir zu helfen. Er hätte es doch nicht schlimmer machen können für mich!" Toms Augen füllten sich mit Tränen.

Severus hatte bis jetzt auf intensiveren Körperkontakt verzichtet, um den Jungen nicht in Panik zu versetzen. Aber nun zog er Tom in seine Arme, in der Hoffnung, dass der Junge dies nicht als erneuten Übergriff empfinden würde.

Toms Körper versteifte sich. Rasch nahm Severus seinen Umhang ab und breitete ihn über den Jungen. Vielleicht würde Tom sich darunter sicherer und weniger verletzlich fühlen. Tatsächlich spürte er kurz darauf, wie sich der Körper des Jungen zumindest etwas entspannte.

Severus holte tief Luft. „Auch wenn du es vielleicht nicht glauben kannst", sagte er mit fester Stimme, „es hätte schlimmer werden können für dich. Weit schlimmer, wenn dein Vater sich eingemischt hätte. Dein Vater hätte dir geholfen, wenn er nicht solche Angst gehabt hätte, dir durch sein Eingreifen noch mehr zu schaden. Ganz sicher."

Tom schniefte leise.

„Tom, hör zu. Ich möchte mich um deine Verletzungen kümmern. Dazu muss ich dich aufdecken und anfassen, okay?"

Tom nickte verkrampft.

Severus schlug den Umhang zurück. „Steh auf, bitte."

Tom erhob sich zögernd. Severus stellte sich vor ihn. Als Erstes sprach er einen Reinigungszauber, damit er die Wunden nicht unter dem Dreck der Kerkerhaft suchen musste, und einen Wärmezauber, damit der Junge nicht länger fror. Dann ließ er seine Hände behutsam über Toms Körper wandern. Ihm war klar, dass die Untersuchung für den Jungen unangenehm sein würde, aber es gab keine andere Möglichkeit.

Es sei denn, du willst ihn sofort töten ...

Aber eben das wollte Severus nicht. Sein ehemaliger Schüler sollte nicht im Gedanken an Folter, Vergewaltigung und Erniedrigung durch die Todesser sterben, nicht im Gefühl völligen Verlassenseins durch seinen Vater, mit der eiskalten Furcht im Herzen, die ihm die Tage seiner Haft in diesem dunklen, dreckigen Loch in die Seele geätzt hatten. Severus würde ihm etwas Besseres geben, etwas, woran Tom sich in den letzten Minuten seines Lebens festhalten konnte.

Doch zunächst musste er Art und Grad der Verletzungen feststellen.

Er fing mit dem Kopf an und arbeitete sich von dort aus nach unten. Eine frische Platzwunde am Hinterkopf, da wo Tom vorhin im verzweifelten Versuch, vor ihm zurückzuweichen, gegen die Wand geprallt war. Ein paar Beulen und Schürfwunden. Würgemale am Hals. Ein gequetschter Kehlkopf. Kein Wunder, dass seine Stimme merkwürdig klang. Die rechte Schulter war offenbar ausgekugelt gewesen und wieder eingerenkt worden. An der linken Hand zwei gebrochene Finger. Hämatome, Prellungen, Quetschungen überall. Zwei gebrochene Rippen – erstaunlich, dass Tom so ruhig geblieben war, als Severus ihn in den Arm genommen hatte. Eine weitere Rippe angebrochen.

Der Junge hielt den Atem an, als Severus' Hände unaufhaltsam tiefer wanderten, er vor Tom auf die Knie sank.

„Ist gut. Ich bin ganz vorsichtig."

Obwohl Angst vor Schmerzen wahrscheinlich nicht der Grund für Toms Anspannung war, oder zumindest nicht der einzige.

Severus fuhr mit der Untersuchung fort.

Risse im Bauchfell, die sicher weh taten, aber keinen weiteren Schaden angerichtet hatten.

„Haben sie dich in den Unterleib getreten?"

Nervöses Nicken.

„Dolohow?"

„Ja."

Typisch. Brachialgewalt war Antonins Spezialität. Severus hätte gar nicht hinsehen müssen. Er wusste auch so, wie es weiter unten aussehen würde. Tom war nicht das erste Opfer Dolohows, das er zu Gesicht bekam.

Severus war nicht nur Meister der Zaubertränke, Magier der subtilen und effizienten Folter und Henker im Namen seines Herrn, er wurde auch häufig als Heiler herangezogen. Hauptsächlich für verletzte Todesser, aber auch für Gefangene. Wobei es bei Letzteren meist darum ging, sie noch ein bisschen länger am Leben zu erhalten – gegen ihren Willen.

Severus wandte seine Aufmerksamkeit wieder Toms Körper zu.

Die üblichen Quetschungen am Geschlecht. Hämatome an den Beinen. Ein Haarriss im rechten Schienbeinknochen.

Soweit die Vorderseite.

„Dreh dich um, bitte."

Tom kam der Aufforderung so zögernd nach, als müsse er seinen Körper durch zähen Sirup bewegen.

Kratzspuren und Bisswunden im Nacken. Hämatome an den Schultern, auf dem Rücken. Wieder die gebrochenen Rippen. Nicht zu vergessen die Lungenentzündung, Austrocknung und Nahrungsmangel. Und dann sein Hintern. Wie erwartet. Sie hatten ihn buchstäblich zerfetzt.

„Okay, das war's schon."

Severus breitete seinen Umhang auf den Steinen aus – nicht ohne vorher einen Reinigungszauber über den Boden gesprochen zu haben.

„Leg dich auf den Bauch, bitte."

Tom sah ihn furchtsam an.

Severus schüttelte nur den Kopf. Der Junge zögerte noch einen Moment, doch dann ließ er sich auf dem Umhang nieder und streckte sich auf dem Bauch aus.

„Ich benutze die Hände, nicht den Zauberstab, da du im Grunde am ganzen Körper Verletzungen hast", erklärte Severus. „Da brauche ich die Heilenergie nicht so genau zu fokussieren. Atme tief und ruhig und versuch, dich etwas zu entspannen. Es tut nicht weh."

Severus schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Kopf, seinen Scheitel. Er öffnete sich, machte einen Weg frei für die fremde Kraft, die er nutzen wollte. Ein violettes Licht trat durch seine Schädeldecke, flutete seinen Körper und sammelte sich in seinen Händen. Er spürte, wie sie immer wärmer wurden und vor Energie zu vibrieren begannen.

Schließlich öffnete er die Augen und legte die Hände auf Toms Hinterkopf. Er spürte und sah, wie das Licht prickelnd aus seinen Fingerspitzen quoll, hörte, wie die Energie sich sirrend wie ein Sommermückenschwarm auf den anderen übertrug.

Sacht strich er über den Körper des Jungen, verharrte, wo er eine Störung wahrnahm, und ließ das violette Strahlen so lange auf jeder einzelnen Verletzung ruhen, bis er fühlte, dass die Stelle mit Heilenergie gesättigt war. Dabei murmelte er Beschwörungsformeln, ein monotoner Singsang, der den Kontakt zur Quelle des Lichts aufrecht erhielt.

Schon nach kurzer Zeit hatte Tom sich völlig entspannt. Die Berührung wanderte tiefer, über seinen Rücken, verharrte lange auf seinem malträtierten Hintern, erreichte seine Beine.

„Dreh dich um", hauchte Severus. Seine Stimme klang verändert, war warm, fast liebevoll.

Tom rollte sich auf den Rücken, und Severus machte auf seiner Vorderseite weiter. Der Körper des Jungen war nun fast völlig in ein schillerndes, violettes Licht gehüllt wie in eine Decke.

Lange ließ Severus seine Hände über den entzündeten Lungenflügeln liegen. Das Violett wurde tiefer und dichter und sank in Toms Körper hinab wie eine Tintenwolke, die sich über die entzündeten Lungenbläschen legte. Weiter wanderten Licht und Hände über Bauch und Unterleib, Geschlecht und Beine.

Severus war ganz von dem fremden Glühen erfüllt. Das heilende Leuchten war in ihm und schien durch seine Haut nach außen zu wabern. Es lag über Tom wie ein schützendes Gewand.

Severus legte die Handflächen aneinander und verneigte sich in Richtung seines Patienten, der mit offenen Augen, aber wie in tiefer Trance ausgestreckt am Boden lag. Dann breitete Severus die Arme aus, spreizte die Finger und ließ das Licht zurück in die Atmosphäre fließen. Spinnwebfeine Strahlen tanzten aus seinen Fingerkuppen, erfüllten den Kerker mit ihrem heilsamen Feuer und versickerten zwischen den Steinen.

Dann war es vorbei. Erschöpft, aber von tiefer Zufriedenheit erfüllt, ließ Severus sich zu Boden sinken, streckte sich aus und spürte dem letzten verglimmenden Prickeln in seinen Fingerspitzen hinterher. Nach ein paar Minuten seufzte er tief und stemmte sich auf die Füße, um nach dem Jungen zu sehen.

„Tom?", fragte er leise und freundlich.

„Ja?", murmelte Tom verschlafen.

„Ich wollte nur sicher gehen, dass du nicht weggeschwebt bist."

Ein breites, völlig entspanntes Lächeln lag auf Toms Gesicht.

Träge zog Severus seinen Zauberstab. Eine Matratze und ein Stapel Decken materialisierten in der Zelle.

„Komm, sonst tut dir nachher alles weh von den Steinen."

Severus wickelte Tom in seinen Umhang, hob ihn vorsichtig hoch, legte ihn auf die Matratze und deckte ihn sorgfältig zu. Der Junge grunzte protestierend, als er hochgehoben wurde, und schlief ein, kaum dass sein Körper die weiche Unterlage berührt hatte.

Lächelnd zog Severus sich eine Decke heran, streckte sich neben Tom aus und zog den Jungen in eine freundschaftliche Umarmung.

Dann schlief er ebenfalls ein.

SSSSSSS

„Severus?"

„Hmmm?"

Eine Hand berührte ihn zaghaft an der Wange, strich ihm das Haar aus der Stirn.

„Was ist passiert, bevor wir eingeschlafen sind?", fragte eine brüchige Jungmänner-Stimme.

Severus war mit einem Schlag hellwach. Er richtete sich auf den Ellenbogen auf und sah den Sprecher an. Neben ihm saß ein magerer, pickeliger Junge, gehüllt in einen schwarzen Wollumhang, und starrte ihn verunsichert an.

Tom.

„Nichts", erwiderte Severus wahrheitsgemäß.

„Ich ... fühle mich so eigenartig."

„Ich hoffe, du fühlst dich gut. Ich habe eine Menge Energie in deine Heilung investiert. Erinnerst du dich nicht?"

„Nicht richtig. Da war ein violettes Licht ... Wärme ... Du hast mich angefasst ..."

Severus' Mundwinkel zuckten amüsiert, als er beobachtete, wie Tom die Röte ins Gesicht stieg.

Du meine Güte.

„Es gibt mehr als nur eine Art, jemanden anzufassen", versicherte er mit mildem Spott in der Stimme. „Meine Absichten dabei waren durchaus ehrenhaft. Und nur, weil wir auf derselben Matratze geschlafen haben, heißt das noch lange nicht, dass wir auch miteinander geschlafen haben."

Er lachte leise, als Tom noch eine Spur röter wurde. Ein grünes Jüngelchen, wirklich.

Ein grünes Jüngelchen, ja. Bis vor ein paar Tagen zwei deiner Kollegen ihren „Spaß" mit ihm hatten.

Severus wurde schlagartig ernst. Er hatte kein Recht, sich über Tom lustig zu machen.

„Wie fühlst du dich sonst? Abgesehen von eigenartig, meine ich?"

Tom zögerte einen Moment. „Hungrig", sagte er dann mit einem fragilen Lächeln.

„Hungrig ist gut. Warte mal ..."

Severus arbeitete sich aus den Decken heraus und angelte nach seinem Zauberstab.

Wie leichtsinnig.

Tom hätte ihm den Stab jederzeit abnehmen und ihn beispielsweise in eine Kröte verwandeln können. Oder Schlimmeres.

Es schien sich grundsätzlich in beunruhigendem Maße auf Severus' Wachsamkeit und Selbstkontrolle auszuwirken, wenn er intensiven Gebrauch von seinen Heilkräften machte.

Mit einem reumütigen Seufzen schwang er seinen Zauberstab, um Frühstück aus der Küche herabzubeschwören. Ein beladenes Tablett erschien in der Luft.

„Ich fürchte, für dich ist Diät angesagt. Etwas anderes als Brei und Brühe wird dein Körper kaum bei sich behalten, nachdem du tagelang nichts gegessen hast."

Er ließ das Tablett zu Boden sinken. Zwei Becher Kräutertee, zwei Tassen Brühe, zwei Schalen Haferschleim.

„Sag mal, Tom", fragte Severus beiläufig, während er etwas lustlos seinen pappgrauen Haferschleim löffelte, „irre ich mich, oder hat dein Vater vor seinem – nun, nennen wir es einmal eigenmächtiges Handeln ... vor seinem eigenmächtigen Handeln also, tatsächlich beim Dunklen Lord um deine Aufnahme in den Orden ersucht?"

Tom ließ die Tasse mit Brühe sinken und nickte unglücklich.

Jiroslav Mayfair, du bist noch dümmer, als ich immer gedacht habe.

Der Rest des Essens verlief schweigsam.

Severus dachte nicht zum ersten Mal über die Unvernunft vieler Eltern nach. Eltern, die ihre unbegabten Sprösslinge unbedingt bis zum U.T.Z. durchpeitschen wollten. Eltern, die darauf bestanden, dass ihre Kinder einmal „etwas Besseres" werden sollten, auch wenn diese überhaupt kein Interesse daran hatten. Eltern, Väter vor allem, die ihre Söhne und, seltener, Töchter auf Biegen und Brechen zu ihren Nachfolgern formen wollten, sie aus Dummheit und Ehrgeiz vor den Thron des Dunklen Lords schleppten, auch wenn es sich bei ihren Kindern keineswegs um geborene Todesser handelte.

Väter wie Jiroslav Mayfair.

Oder wie Tobias Snape. Auch wenn Severus' Vater als Muggel ihn natürlich nicht direkt dem Dunklen Lord übergeben hatte, hatte er indirekt seinen Anteil an Severus' Eintritt in den Orden gehabt.

Den Löwenanteil.

Doch auch andere hatten fleißig daran gearbeitet, Severus in die Dunkelheit zu treiben. So lange, bis er schließlich geglaubt hatte, keine Wahl mehr zu haben, und sich den Todessern angeschlossen hatte. Nun trug er seit zwanzig Jahren eine Maske, die mittlerweile so fest mit ihm verwachsen war, dass sie erst zu seinem zweiten, dann zu seinem bevorzugten ersten Gesicht geworden war. Er wusste kaum noch, wo sie aufhörte und er selbst begann.

Der andere Severus Snape, der Heiler, der warmherzige, mitfühlende Mann, der er auch sein konnte, war immer weiter zurückgedrängt worden, bis er sich schließlich nur noch stundenweise hinter verschlossenen Türen zeigen durfte – und nur vor denen, die dem Tod geweiht waren. Nur vor Menschen, die nach der Begegnung mit dieser Seite seiner Persönlichkeit keinen mehr treffen würden, dem sie von dem merkwürdigen Wesen unter dem eisigen schwarzen Panzer erzählen konnten.

Gedankenverloren strich Severus über seinen linken Unterarm.

Es würde ihm nicht leicht fallen, Tom zu töten, nach all der Mühe, die er in seine Wiederherstellung investiert hatte. Wenn niemand Severus auf die Finger sah, dann entglitten ihm die Dinge manchmal. Er hätte den Jungen schon vor Stunden töten sollen, denn natürlich wurde es mit jeder gemeinsam verbrachten Minute schwerer.

Tom war wirklich ein Pechvogel. Die Schuld lag einzig und allein bei seinem Vater. Jiroslav hatte versagt, nicht Tom. Sein Vater hatte die Mitgliedschaft im Orden für seine eigenen Zwecke genutzt, hatte den Dunklen Lord systematisch hintergangen. Eine Zeit lang hatte dieser sich das angesehen, Jiroslav die ein oder andere eigentlich unmissverständliche Warnung zukommen lassen, und sich schließlich für eine besonders grausame Art der Disziplinierung entschieden. Statt seinen ignoranten Gefolgsmann direkt zu bestrafen, hatte er dessen Sohn entführen lassen und diesen an Jiroslavs Stelle zu Folter und Tod verurteilt. Tom hatte nicht um seiner eigenen Fehler willen leiden müssen, sondern damit sein Vater litt. Jiroslav, hilflos zum Schweigen und Zusehen verdammt. Sein Sohn war für ihn unfreiwillig durch die Hölle gegangen.

Während der letzten Stunden hatte Severus versucht, ein bisschen von dem wiedergutzumachen, was die anderen Todesser Tom angetan hatten. Er fühlte sich verantwortlich für jeden ehemaligen Schüler, nicht nur für die Slytherins, auch wenn all die Ravenclaws, Hufflepuffs und Gryffindors das sicher nicht vermutet hätten.

Aber jetzt war die Zeit gekommen, zu der er seinen Auftrag erfüllen musste.

„Tom", sagte Severus ernst. „Wir machen jetzt einen kleinen Ausflug, okay?"

Er sah den Jungen nicht an, verwandelte rasch eine dunkelblaue Decke in eine ebenso gefärbte Robe, die Tom nach Augenmaß ungefähr passen musste. „Zieh das an, bitte."

Tom gehorchte. Stumm gab er Severus den Umhang zurück und schlüpfte in die Kleider. „Passt", sagte er mit brüchiger Stimme. „Hübsche Farbe."

Rasch ließ Severus Matratze, Decken und Tablett verschwinden.

Der Junge machte einen etwas wackligen Eindruck, deshalb ergriff Severus ihn am Arm und führte ihn schweigend zur Tür.

„Wo gehen wir hin?", fragte Tom. Seine Stimme machte einen kleinen Hüpfer nach oben.

„Raus aus dem Schloss. In den Wald."

Die Tür schwang lautlos auf, und Severus drängte den Jungen mit sanfter Gewalt auf den Gang hinaus. Er konnte nur hoffen, dass –

„Ah, Severus, hier unten treibst du dich also rum", dröhnte eine wohl vertraute, ölige Stimme in seinem Rücken.

Tom erstarrte und stemmte die Füße in den Boden.

„Noch immer mit unserem kleinen Zuckerärschchen zu Gange? Mensch, schick hast du ihn gemacht ... Bist du etwa die ganze Nacht da drin gewesen? So viel Ausdauer hätte ich dir" –

„Antonin!", zischte Severus, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme bebte vor Abscheu. „Fass noch einmal einen meiner ehemaligen Schüler so hart an, tu noch einmal auch nur einen Handschlag mehr, als der Dunkle Lord dir befohlen hat, und ich schwöre dir, du wachst eines Nachts in deinem Bett auf, weil ich dich mit deinen eigenen Geschlechtsteilen ersticke."

Er drehte sich betont langsam zu Dolohow um. „Haben wir uns verstanden, Antonin?"

Dolohows Gesicht hatte eine ungesunde Färbung angenommen. „Vollkommen!", fauchte er zurück. „Ich werde unserm Lord melden, dass du deine Nächte lieber mit Knäblein vertändelst, als für ihn Tränke zu brauen. Ich werde" –

„Silencio!"

Hinter dem Schweigezauber lag so viel Wut, dass Dolohow krachend gegen die Wand geschleudert wurde.

„Halt dein dreckiges Maul! Mach' Meldung, wenn du willst, und ich werde dir einen Trank verabreichen, dass dir die Eingeweide zu den Ohren rausquellen! – Komm, Tom. Raus hier", fügte er freundlich hinzu.

Tom starrte ihn mit einer Mischung aus Faszination und Furcht an. Er ließ sich widerstandslos durch die Gänge führen, treppauf, treppab.

Schließlich standen sie vor einer schmalen Tür mit einer schimmernden blauschwarzen Oberfläche, auf der ständig sich wandelnde Zeichen ineinander flossen. Severus intonierte einen speziellen Öffnungszauber. Nach einem Moment schwang die Tür lautlos nach innen auf.

„Der Apparationsraum", erklärte Severus. „Der einzige Ort im Schloss unseres Herrn, von dem aus man durch einen Kanal im magischen Schutznetz disapparieren kann. – Komm."

Kaum das die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, waren sie auch schon verschwunden.

SSSSSSS

„Frühling", sagte Severus lächelnd, als Tom sich verblüfft auf der kleinen Waldlichtung umsah, in deren Mitte sie soeben erschienen waren.

Die Bäume trugen erst spärlich Laub, das in der milden Morgensonne magisch leuchtete. Unter den Bäumen zogen sich dichte Blütenteppiche von weißen Buschwindröschen und strahlend gelbem Scharbockskraut durch die Blättermatten des vergangenen Jahres. Auf der Lichtung drängte junges Gras und Kraut durch das braungelbe Gestrüpp. Die Himbeersträucher schmückten sich mit zartgrünem und silbergrauem Blattwerk. Blassgelbe Himmelsschlüssel prangten in dichten Büscheln auf der Wiese. Ein kleiner Bachlauf verschwand unter der goldgelben Pracht der Sumpfdotterblumen. Die dornigen Schlehensträucher blühten weiß und sandten einen betäubenden Duftstrom in den blassblauen Frühlingshimmel. Schmetterlinge taumelten wie zum Leben erwachte Blumen über die Wiese. Ein Klangteppich von Vogelrufen lag über dem Wald, explodierende Lebensfreude, Beginn eines neuen Jahreskreises.

„Wow!", sagte Tom überwältigt. „Ich vergesse jeden Winter wieder, wie schön der Frühling ist."

Severus lachte leise, zustimmend.

„Wahnsinn. Als ich das letzte Mal im Wald war, lag noch Schnee ..."

Einladend deutete Severus auf einen umgestürzten Baumstamm, und Tom ließ sich auf das sonnenwarme Holz sinken.

„Wo sind wir hier?", fragte er, den Blick auf die farbenprächtige Szenerie gerichtet.

„Irgendwo in England. Weit weg vom Dunklen Lord", sagte Severus lächelnd.

„Kommst du oft her?"

„So oft ich kann."

„Bringst du häufiger jemanden mit?"

„Nur die, die hier sterben werden."

Tom drehte langsam den Kopf und sah ihn an. Es war weniger Furcht als Neugierde, die sich in seinen braunen Augen spiegelte. Jetzt, in der warmen Frühlingssonne, wirkten sie auch nicht mehr schlammig und trüb, sondern strahlten in der Farbe regennasser Fichtenzapfen. Das mausgraue Haar glühte mit einem silbrigen Schimmer. Der Junge machte einen entspannten, fast vergnügten Eindruck, wie Severus zwischen Erstaunen und Befriedigung feststellte.

„Weißt du," flüsterte Tom, „das hier ist es, was ich mir eigentlich gewünscht habe. Ich hab' immer davon geträumt, von zu Hause abzuhauen und im Wald zu leben. Schon seit ich zwölf war oder so. Später hat sich der Traum dann verwandelt ..."

Er sah Severus nachdenklich an. „Seit ich wusste, dass mein Vater mich als Todesser sehen wollte, habe ich mir gewünscht, im Wald zu sterben. – Danke, dass du diesen Ort mit mir teilst. Danke, dass ich hier sterben darf, Severus."

Nervös tastete Severus in seiner Robe herum. Toms Worte schnürten ihm die Kehle zu.

Er mochte diesen Jungen. Er mochte ihn mit jeder Minute mehr. Tom Mayfair, so durchschnittlich, wie ein junger Mensch nur sein konnte, von langweiligem, unattraktivem Äußeren, von mittelmäßiger Intelligenz und Begabung, unauffälliger Schüler, unglückseliger Todesser-Nachwuchs, hatte ihm sein Herz aus Eis gestohlen.

Severus' suchende Finger schlossen sich um kaltes Glas. Widerwillig zog er ein kleines Fläschchen aus dem Umhang. Prüfend hielt er es ins Licht. Der Trank leuchtete in zartem Lila.

„Was ist das?", fragte Tom freundlich interessiert. Ein Hauch von Furcht schwang unter der Fröhlichkeit mit.

„Erinnerst du dich noch an den Trank, den ihr zur Vorbereitung auf die Z.A.G.-Prüfungen brauen solltet? Der so grauenvoll schief gegangen ist? Ich nehme jedenfalls an, dass er auch bei euch schief gegangen ist; bisher ist es noch jedes Mal in einer Katastrophe geendet, wenn ich ihn in einer fünften Klasse habe brauen lassen. Ich meine den Schlaftrank – den ‚Trank der lebenden Toten'."

Tom grinste schief. „Ach, der ... Ich glaube, den musste ich aus meinem Kessel raushämmern ..."

Severus lächelte dünn. „Der hier ist ... perfekt."

Er hielt das Gefäß wieder ins Licht und schwenkte es leicht, so dass der Inhalt wirbelte und funkelte, als wäre ein Sonnenstrahl in dem Fläschchen gefangen.

„Verbesserte Rezeptur ... Sehr stark natürlich. Wer den trinkt, wacht nie wieder auf."

Der Junge schnitt eine Grimasse und starrte wie hypnotisiert auf das leuchtende Gebräu.

„Fünf Minuten", sagte Severus freundlich. „Fünf Minuten, in denen du immer müder wirst, bis die Welt dir entgleitet und du von deinen Träumen in die Dunkelheit getragen wirst. Nach fünfzehn Minuten hört dein Herz auf zu schlagen. – Das ist das beste Angebot, das ich dir machen kann", setzte er entschuldigend hinzu.

Tom streckte zögernd die Hand aus, die Augen starr auf das Fläschchen geheftet. Dann huschte sein Blick zu Severus hinüber. „Fängst du mich auf, wenn ich falle?" Es war eine Kinderstimme, dünn und unsicher.

„Ich lasse dich überhaupt gar nicht erst los", entgegnete Severus mit einem schmerzlichen Lächeln und zog Tom in seine Arme.

„Die ganze Zeit nicht?", fragte Tom.

„Die ganze Zeit nicht", versprach Severus ernst.

Tom öffnete die Hand. Severus entkorkte das Fläschchen und gab es ihm. Mit zitterden Fingern führte Tom es zum Mund. Ein letztes Mal warf er einen zweifelnden Blick auf Severus, der sich zu einem aufmunternden Lächeln zwang. Dann kippte Tom den Trank hinunter.

„Schmeckt nicht schlecht", stellte er überrascht fest.

„Keiner meiner Tränke schmeckt schlecht. Es sei denn, sie sind für jemanden gedacht, den ich nicht leiden kann."

Für einen gewissen Werwolf, zum Beispiel.

Ein Beben lief durch den mageren Körper in seinen Armen, als Toms Muskeln sich nach und nach entspannten.

„Mmm, fühlt sich gut an. Fast so gut wie deine Hände auf meinem Körper."

Severus lachte ungläubig auf. „Du hast es nicht vergessen!"

„Nein", murmelte Tom träge. „Ich habe gelogen ... Weil es mir peinlich war ... Weil es mir gefallen hat, von dir berührt zu werden ... Jetzt ist es egal ... jetzt ... Ich mag dich, Severus ... ich mag dich wirklich sehr ..."

Severus würgte es in der Kehle.

„Vielleicht", flüsterte Tom schläfrig, „liebe ich dich sogar ... Ja, ich glaube, ich liebe dich ... Ich liebe dich, Severus ..."

Severus stieß einen ungläubigen Laut aus, irgendwo zwischen Entsetzensschrei und Schluchzen.

„Nein!", stieß er heiser hervor.

„Doch, Severus, doch. Ich liebe dich", murmelte Tom lächelnd.

Severus biss sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte. Dann beugte er sich vor und küsste den Jungen auf die Stirn.

„Schlaf jetzt, Tom", hauchte er. „Schlaf."

Toms Lider flatterten, dann senkten sie sich ganz. Ein leichtes Lächeln blieb, als seine Atemzüge seltener und tiefer wurden. Er schlief.

Vorsichtig strich Severus über das bleiche Gesicht, das kurze, strubblige Haar. Dann küsste er Tom sanft auf den leicht geöffneten Mund.

Er hielt ihn fest, so fest wie er konnte, ohne dem Schlafenden weh zu tun. Er spürte den immer schwächer werdenden Herzschlag, die in immer größeren Abständen erfolgenden Atemzüge.

Die Sonne wärmte seine fahle Haut, der Wind zupfte spielerisch an seinem Haar, die Vögel trällerten geradezu aufdringlich laut und der Blütenduft bahnte sich fast brutal den Weg in seine Nase. Aber Severus wollte nichts riechen, nichts hören, nichts fühlen, nichts außer diesem mageren, sterbenden Körper, den er verzweifelt umklammert hielt.

SSSSSSS

Er hielt Tom noch fest, lange nachdem dessen Herz zu schlagen aufgehört hatte, Stunden nachdem der Junge seinen letzten Atemzug getan hatte.

Die Nacht brach herein. Andere Vögel erhoben ihre Stimmen. Kälte kroch durch seine Kleider, stieg aus dem feuchten Gras in seine Füße, seine Beine, seinen ganzen Körper hinauf. Er spürte sie nicht.

Erst als der Junge in seinen Armen vollkommen kalt und steif war, löste sich seine eigene Erstarrung. Ungelenk lockerte er den Griff seiner schmerzenden Arme und zwang sich schwankend auf die Füße. Sanft ließ er den leblosen Körper zu Boden gleiten. Er sank neben Tom ins feuchte Gras und schlug die Hände vors Gesicht. So verharrte er, minutenlang.

Dann ließ er langsam die Hände sinken und sah auf den toten, wie gefrorenen Körper herab. Severus beugte sich über das bizarr lächelnde Gesicht und küsste die starren Lippen.

„Ich liebe dich", flüsterte er rau.

Er sprang hoch und riss den Zauberstab aus seiner Robe.

„ICH LIEBE DICH!", schrie er verzweifelt.

Ein Kaninchen schoss erschrocken aus dem Gebüsch. Der Rest des Waldes blieb ungerührt.

„Transfigure!"

Das blaue Licht umhüllte den bleichen Jungen und hob ihn für einen Sekundenbruchteil in die Luft. Dann war er verschwunden.

Severus fiel auf die Knie und tastete hektisch im Gras umher. Schließlich fand er einen kleinen, glatten Stein, etwa taubeneigroß.

Lumos!", murmelte er mit erstickter Stimme und hielt den Stein ins Licht. Er war mausgrau mit einem silbrigen Glanz und kleinen Sprenkeln, die die Farbe von regennassen Fichtenzapfen hatten. Severus strich sacht mit dem Zeigefinger über die glatte Oberfläche. Dann schloss er die Hand um den Stein und ließ ihn in die Tasche gleiten.

„Ich liebe dich", flüsterte er heiser, ehe er verstört von der nachtfahlen Lichtung floh.

SSSSSSS

Epilog

SSSSSSS

Ihr seid ja immernoch hier.

Sollen wir gehen?

Nein! Nein ... Bleibt. Bitte.

Du möchtest nicht allein sein?

Ich war immer allein. Jetzt bin ich es nicht mehr.

Ja.

Werdet ihr bleiben?

Ja.

Für immer?

Für immer.

SSSSSSS

Till the slow sea rise and the sheer cliff crumble,

Till terrace and meadow the deep gulfs drink,

Till the strength of the waves of high tides humble

The fields that lessen, the rocks that shrink,

Here now in his triumph where all things falter,

Stretched out on the spoils that his own hand spread,

As a god self-slain on his own strange altar,

Death lies dead.

(Algernon Charles Swinburne, A Forsaken Garden)

SSSSSSS

Ende.

SSSSSSS