10. Kapitel

Der Schmerz riss sie aus dem Schlaf.

Es war das dritte mal in dieser Nacht. Severus hatte nicht gelogen - er hatte die Macht, sie über das Mal zu erreichen. Mit jeder Verbindung schickte er ihr mehr Schmerz...ein Countdown, der seinen eigenen Schmerz widerzuspiegeln schien.

"Nein, ich kann das nicht...ich kann nicht...töte mich...dann töte mich doch, du verdammter Bastard", stöhnte sie noch unter dem Einfluss des letzten Schmerzes.

Er schien sie wahrgenommen zu haben - und ließ von ihr ab.

Hermine kauerte sich in ihrem Bett zusammen und zitterte am ganzen Körper.

All die Jahre lang hatte er keine Verbindung zu ihr aufgenommen - er hatte das Mal ruhen lassen, zu dem er offensichtlich jederzeit hatte Verbindung aufnehmen können.

Ihr Besuch bei ihm hatte eine Kette in Gang gesetzt, die nun unmöglich noch unterbrochen werden konnte. Sie hatte endlich begriffen, warum er sie gedemütigt und gebranntmarkt hatte...der Preis für diese Erkenntnis war, dass er endlich sein Leben aufgeben durfte...so lange hatte er darauf gewartet, dass sie zu ihm kam...er hatte es als Abwechslung bezeichnet, aber es war viel mehr als das gewesen. Er hatte gewusst, dass sie eines Tages kommen würde...und er hatte gewusst, was es für ihn in der letzten Konsequenz bedeuten würde...aber sie, sie hatte gar nichts gewusst.

Wenn man die Zeit doch nur zurückdrehen könnte. Nun, da sie ihm endlich vergeben konnte, bediente er sich genau der Foltermethoden, die er ihr damals angedroht hatte und für die sie ihn verurteilt hatte.

Hermine wusste, dass sie in Askaban darum bitten konnte, ihn noch mehr überwachen zu lassen...aber es war klar, dass er nicht aufgeben würde...nie!

Sie wusste, was er wollte - sie sollte für seinen Tod plädieren...und er würde sie solange quälen, bis sie seinem Wunsch nachkommen würde und dieses Ziel erreicht hatte.

Sie legte sich flach auf ihr Bett und starrte ins Dunkel.

Wann würde der nächste Schmerz sie überfallen?

Wann würde er die Geduld verlieren und sie töten? Es war die einzige Option die ihm blieb, wenn sie seinem Wunsch nicht zuvor nachkam - sobald er sie von Askaban aus töten würde, würde dem Ministerium gar nichts anderes übrig bleiben, als den Kuss des Dementoren zu veranlassen.

Er ließ Hermine die Wahl, ob sie noch vor ihm sterben würde, oder ob sie seinen Tod forderte, indem sie Preis gab, welche Macht er über sie hatte, in der Gewissheit, dass es sein Wunsch war zu sterben.

Als der nächste Schmerz sie überrollte, stand ihre Entscheidung fest.

Sie konnte ihm nichts entgegensetzen...er hatte sie in seiner Hand, seit jenem Tag auf der Lichtung. Den Krieg hatten die Todesser verloren - doch diesen Kampf hatte Severus gewonnen.

Zwei Wochen später vor den Toren Askabans

"Es ist gut, dass es jetzt vorbei ist. Du siehst wirklich fürchterlich aus - ich weiß, das ist nicht gerade ein Kompliment, tut mir leid. Du musst mehr auf dich achten, versprich mir das!", Harry drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, während Faye darauf wartete, Hermine zum Abschied umarmen zu können.

Sie ließ all das über sich ergehen. Es war nicht von Belang, dass die Menschen um sie herum weiterlebten. Sie alle waren nur Statisten, die ihre Rollen spielten - so wie sie selbst.

Severus letzter Blick hatte ihr gegolten, bevor der riesenhafte Dementor sich über ihn gebeugt hatte. Kein Laut war zu hören gewesen, als Severus Snape die Erlösung bekam, für die er ein letztes mal hatte zum Sadisten werden müssen. Hermine hatte kein Bedauern in seinem Blick erwartet, aber dieses letzte Funkeln seiner dunklen Augen schien beinahe ein Geschenk an sie zu sein und sie spürte es unter all der Trauer und Hoffnungslosigkeit eine kleine Ecke ihres leeren Herzens füllen.

Ein Mann kam auf sie zu - sie kannte ihn...der Zauberreiminister höchstpersönlich, begleitet von einem Schwarm Journalisten.

Seine Stimme klang triumphierend.

"An diesem heutigen Tag wurde nicht nur Ihr Gesuch um das Todesurteil Severus Snapes umgesetzt, sondern ich möchte Ihnen mitteilen, dass Sie sich nun auch offiziell von diesem Mal trennen dürfen. Ich weiß, Sie warten schon lange darauf, und mit dem heutigen Tag soll ein weiteres Zeichen gesetzt werden und daher darf ich Sie bitten, mich zu begleiten, damit ich Sie in gute medimagische Hände geben kann."

Hermine sah den Mann an und presste unwillkürlich den Arm an ihre Brust.

"Nein - Sie werden mir das Mal nicht nehmen. Es gehört zu mir! Es ist ein Teil von mir und ich möchte, dass es mich begleitet, solange ich lebe."

Damit drehte sie sich um und ließ den verdutzten Zaubereiminister einfach stehen, bevor sie in ihre Wohnung disapparierte.

Dort angekommen, ließ sie sich kraftlos, wo sie gerade gestanden hatte, auf den Boden sinken, und schlug ihren Ärmel hoch.

Sie betrachtete das Mal und ihre Stimme war nur ein Flüstern: "Ich werde den Schmerz vermissen, den Sie mir zugefügt haben...ich werde Sie vermissen, Severus. All die Jahre habe ich gezögert, Sie aufzusuchen...über zwanzig Jahre, in denen ich Sie hätte sehen können - wie soll ich die nächsten zwanzig ohne Sie leben können? Sie haben mir das Leben gerettet und ich habe meine Schuld bezahlt, indem ich dafür sorgte, dass Ihnen das Ihre heute genommen wurde...eine Befreiung, Severus? Eine Befreiung...nach so vielen Jahren."

Ende