Ein Strolch zum Verlieben

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Fanfiction von Slytherene

Liebe Lesende!

Da bin ich wieder, das Originalprojekt ist abgeschlossen und abgeschickt, und falls ich berühmt werde, findet Ihr demnächst auf den Spiegel-Bestsellerlisten einen „Wolf auf der Hintertreppe", mwahaha – man wird ja noch träumen dürfen.

Ich bin froh, dass ich jetzt wieder ein bisschen Zeit für meine Fanfictions habe, ein neues Kapitel „Frühlingserwachen" ist dreiviertel fertig, ein „Rabe" liegt schon in den letzten Zügen auf meiner Festplatte.

Und dann hat er mich eiskalt erwischt – der gemeine Oster-Plot-Bunny. Liegt wohl dran, dass es „Die Tage des Hasen" sind, derzeit.

Deswegen gibt es zu Ostern einen kleinen, hübschen Dreiteiler für Euch, mit dem guten alten Remus in der Hauptrolle, im gewohnt dramatisch-heiteren Setting.

Viel Vergnügen!


1. Dunkle Zeiten und Flöhe

„Bitte Vorsicht", sagte er und balancierte die Tasse mit der heißen Suppe vor sich auf dem Tablett. Er warf einen schnellen Blick über gesenkte Köpfe, dunkle, schäbige Mäntel und Jacken, die nicht ausgezogen waren, der stickigen Hitze in dem überfüllten Raum zum Trotz. Der scharfe, beißende Geruch von altem Schweiß und ungewaschenen Körpern lag in der Luft, und der Werwolf hielt den Atem an, als er sich an einen der Tische quetschte, die noch nicht voll besetzt waren.
Zu Anfang war es ihm schwer gefallen, ja fast unmöglich erschienen, hier zu essen, aber er hatte sich daran gewöhnt. Gewöhnt, so wie an die Nächte draußen, die jetzt immer länger und kälter wurden, die abfälligen Blicke, die mit jeder Woche auf der Straße missbilligender wurden oder den Hunger, der ihn immer wieder hierher zur Bahnhofsmission trieb oder in eine der anderen Garküchen, die gut meinende Menschen für Londons Obdachlose betrieben.
Woran er sich kaum gewöhnen konnte, war die Vernachlässigung, die er sich selbst zumuten musste, und noch mehr als das die Leere, die seine Hände unruhig machte, wann immer er sich auf eine Bank setzte und ausruhte. Es war genau zwei Wochen her, dass er sich von seinem letzten Buch trennen musste. Der alte Antiquar, bei dem er seit Jahren mal das eine oder andere Buch hatte in Zahlung geben müssen (und es manchmal glücklich wieder hatte abholen können), schüttelte traurig den Kopf, als er ihm ein Pfund und ein paar Pence für das alte Taschenbuch über den dunklen Holztisch schob.

„Auf deutsch? Das werden Sie noch in einem Jahr wieder hier abholen können", hatte er gesagt.

„Ich habe keine Wahl", hatte Remus geantwortet, das Geld genommen und war gegangen.Es stimmte, er hatte keine Wahl gehabt. Nicht mehr. Seit das Ministerium seinen Stab konfisziert hatte, konnte er nicht einmal mehr disapparieren, und er musste zu Vollmond die Stadt verlassen, koste es was es wolle. Dieses Mal hatte es ihn Bölls ‚Gruppenbild mit Dame' gekostet.
Die Fahrkartenkontrollen in den Zügen der Muggel waren mittlerweile so streng, dass er nicht wagte, schwarz zu fahren. Die Gefahr, erwischt und auf halbem Wege aus dem Zug geworfen oder noch schlimmer, in einem Muggelpolizeirevier inhaftiert zu werden, war einfach zu groß.

Die heiße Suppe wärmte ihn angenehm von innen heraus und jetzt bereits begann er, sich innerlich gegen die nasse Kälte zu wappnen, die ihn in einer halben Stunde draußen erwarten würde, wenn die Missionsstation ihre Tore schloss. Seine Schuhe waren am Vortag nass geworden und seitdem nicht mehr getrocknet.
Er fragte sich ernsthaft, wie die Männer neben ihm es geschafft hatten, mehrere Winter auf Londons Straßen zu überleben. Und er fragte sich, ob er nur einen einzigen dieser kaltnassen Winter überleben würde. Seine Widerstandskraft und sein Wille, irgendwie weiter zu machen, waren längst einer stummen Resignation gewichen.
Voldemorts Sieg hatte die Welt verändert. Gut, dieser Sieg hatte den schrecklichen schwarzen Magier am Ende doch das Leben gekostet, zumindest war er verschwunden, spurlos, wie bereits beim ersten Mal. Aber die meisten seiner Anhänger hatten nicht nur überlebt, sondern ihre Positionen in der magischen Gesellschaft gestärkt. Nur durch den Bund, den das Ministerium mit Lucius Malfoy geschlossen hatte, war der Verrat an Voldemort möglich geworden und ein fürchterliches Gemetzel verhindert worden. Doch der Preis war immens hoch gewesen; wesentliche Prinzipien der Todesser, die sich jetzt „Orden des dunklen Lichts" nannten, waren durchgesetzt worden: Es gab keine Muggelstämmigen mehr in Hogwarts, und Ehen mit Muggeln waren verboten, wenn der Zauberer nicht auf seinen Stab und jede Ausübung von Magie formell verzichtete. Halbblüter mussten reinblütige Partner wählen und als Squib geborene Kinder in Muggelwaisenhäuser abgeben.

Lucius selbst war mit den Orden der Merlin Erster Klasse ausgezeichnet worden. Noch leitete er von Malfoy Manor aus seine Geschäfte, aber es gab keine Zweifel, dass er im nächsten Jahr zum Zaubereiminister ernannt werden würde. Seit die Zauberer gegenüber den Muggeln gewisse Freiheiten erhalten hatten, mehrte sich der Reichtum in der magischen Gesellschaft, und den meisten war es egal, woher das Gold und das Silber für ihre Galleonen und Sickel kamen. Was machte es schon aus, wenn ihre Kinder in der Gattenwahl etwas eingeschränkt sein würden, zumal man sich ohnehin lieber ‚hoch' als ‚herunter' heiratete, solange auch ein unwichtiger Angestellter des Ministeriums jetzt die Taschen voller Galleonen hatte?

Remus hatte diese Welt hinter sich gelassen, sobald die neuen Werwolfsgesetze verabschiedet worden waren. Es war bei empfindlicher Strafe verboten worden, ein Tierwesen einzustellen (nicht, dass die Zauberer sich vorher darum gerissen hätten), und Lykantrophe hatten ihre Stäbe abzugeben. Auf die Weigerung standen Geldstrafen, bei Uneinbringlichkeit derselben (und die wenigsten Lykantrophen waren nicht eben begütert) Askaban, wo die Dementoren eine grausame Herrschaft errichtet hatten. Man hatte ihnen hinsichtlich der Gefangenen freie Hand gelassen, solange bei allen Gefangenen mit nicht lebenslangen Strafen die Seele erhalten blieb – von intakt war nicht die Rede.
Jeder Zauberer durfte jeden Werwolf bei Vollmond straffrei töten, so lange es schmerzlos geschah – mit der Einschränkung, dass die schmerzlose Tötung unter den jeweiligen Umständen zumutbar und durchführbar war. Wohlgemerkt, zumutbar für den Zauberer, der tötete.

In der Folgezeit hatten sich regelrechte Hetzjagden zu Vollmond etabliert: Die feine Gesellschaft fuhr aufs Land und jagte die Werwölfe auf Thestralen oder magisch vergrößerten Hunden. Der verwendeten Munition wegen bezeichnete man diese Jagden bald als „Silberjagden", und es galt bei den Damen als schick, „den armen Lykantrophen" am Ende mittels einer Ladung Silberschroths zu erlösen, bevor die Hunde ihn gänzlich zerreißen konnten.

Wölfe, die den Jagden zu entgehen suchten, indem sie die Vollmondnächte in den Großstädten verbrachten, wurden von Auroren aus Sicherheitsgründen getötet. Diese zumindest setzten den Killerfluch ein und töteten somit tatsächlich schmerzlos – das zumindest stand in ihren Berichten.

Ein heftiger Hustenanfall riss Remus aus seinen Gedanken. Der Mann neben ihm keuchte und würgte, und ein unappetitlicher Klecks aus Blut und Eiter schwamm in seiner Suppe. Remus war dankbar, dass er bereits mit seinem Essen fertig war, stand auf und steckte auf dem Weg nach draußen zwei Äpfel ein, die an der Tür in einem Korb zum Mitnehmen auslagen. Frühstück und Abendessen für morgen.

„Issas dein Köter da draußen?", fragte eine heisere Stimme hinter ihm. Remus drehte sich zu dem alten Mann mit der knallroten, grotesk geschwollenen Nase um, der ihn angesprochen hatte und folgte mit den Augen seinem Fingerzeig. Vor der Tür hockte ein kleiner grauer Mischlingshund mit struppigem Fell und schwarzen Pfoten.

„Meiner ist das nicht", sagte Remus.

„Dachte nur, weil du so riechst. Und seine Flöhe hast du auch", sagte der Alte nicht unfreundlich und bleckte dabei in einem Versuch zu lächeln die Zähne. „Der hing gestern auch schon hier, der Köter, und gestern Abend auch. Schätze, den holt keiner mehr."

Der Alte schlurfte davon. Remus betrachtete das kniehohe Zotteltier. Das letzte, was er brauchte, war ein Hund. Aber wenn der Kleine wirklich seit gestern hier saß, musste er durstig sein. Remus ging hinein und bat die Frau an der Geschirrrückgabe, die sich mit einem kleinen Schild an ihrem Revers als „Mary, wiedergeborene Christin" outete, um eine Schüssel Wasser für den Hund.

Mit einem Lächeln verschwand sie in der Küche und kehrte wenig später mit einer alten Plastikschüssel mit Wasser zurück.

„Die können Sie behalten", sagte sie höflich. „Dann können Sie ihm immer Wasser vom öffentlichen Klosett holen".

„Er ist nicht mein..." Hund, hatte er sagen wollen, doch Mary, die Christin, hatte sich schon abgewandt und trug wieder einen Stapel schmutziges Geschirr in die Küche. Mit der gelben Schüssel näherte sich Remus vorsichtig dem Mischling, der sich sofort gierig über das Wasser hermachte. Vorsichtig streichelte Remus das verfilzte, klebrige Fell. Der Hund wedelte freudig und leckte ihm über die Finger. Erwartungsvoll sah er ihn mit großen dunklen Hundeaugen an.

„Siehst du, das ist genau das, was ich meinte, als ich sagte, dass du nicht mein Hund bist", sagte Remus leise. „Du wartest jetzt auf den Hauptgang, und eben den kann ich dir nicht bieten. Warten wir auf dein Herrchen."

Gemeinsam warteten sie, bis die Einrichtung schloss und auch der letzte Obdachlose abgezogen war. Der Hund, der bis zu diesem Zeitpunkt ruhig neben Remus gesessen hatte, wurde jetzt unruhig und begann, hechelnd im Kreis um Remus herum zu laufen, soweit seine ‚leine' dies zuließ.

„Was ist los? Musst du mal?"

Ein zustimmendes, überraschend tiefes Bellen war die Antwort. Remus sah sich um und seufzte. Heute würde vermutlich niemand mehr kommen, um den Hund abzuholen. An der Mauer konnte man sehen, dass das Tier dort bereits einige Duftmarken gesetzt hatte. Nun gut, dachte Remus, morgen bringe ich dich hierher zurück und entweder kommt dein Besitzer dann oder wir bitten Mary, den Tierschutzverein anzurufen. Für den Augenblick kommst du mit zu mir, wo immer das heute Nacht auch sein mag. Er knotete die Sisalschnur ab, mit der der Hund an den Laternenpfahl gebunden war, wickelte sich ein Ende um das Handgelenk und ließ sich dann zum nächsten Baum ziehen, an dem „Strolch" sofort das Bein hob und mit zunehmend entspannterer Miene laufen ließ, was er loswerden mußte.

Auch am nächsten und am übernächsten Tag kam niemand zur Garküche, um „Strolch" abzuholen, und Remus hatte den Anruf beim Tierschutzverein aufgeschoben, bis Mary irgendwann die Tür abzuschließen drohte. Doch der kleine Mischling hatte jetzt seit mindestens drei Tagen nichts zu essen gehabt, und Remus konnte das ohnehin magere Tier nicht länger bei sich behalten.

„Miss?"

Mary fuhr herum. Sie sah erschrocken aus. Offenbar war sie heute die Letzte der mildtätigen Ehrenamtlichen, und ohne die anderen flößten die Objekte ihrer Nächstenliebe ihr Furcht ein.

„Haben Sie keine Angst", sagte Remus sofort. „Ich tu Ihnen nichts. Es ist nur wegen „Strolch". Sein Besitzer ist verschwunden, und ich habe nichts zu essen für ihn, schon seit vorgestern, und na ja, Sie haben doch Telefon da drinnen. Ich wollte den Tierschutzverein anrufen."

„Ich darf nach Ende der Speisung niemanden mehr einlassen", sagte Mary. Unsicher blickte sie von Remus zu dem kleinen Hund, der sich müde auf den kalten Asphalt nieder gelassen hatte. „Ich kann Sie auch nicht telefonieren lassen. Das Telefon gehört der Kirche und die kontrollieren ganz genau jeden Anruf, man darf nur zur Diözese und zum Pfarrhaus anrufen. Aber warten Sie hier." Sie öffnete wieder, ging hinein und schloss hinter sich ab. Zwei Minuten später kam sie mit einer zerbeulten Blechschüssel, gefüllt mit Kartoffelsuppe, wieder zurück.

Sie stellte die Schüssel vor Strolch auf den Boden, der sich gierig auf den Inhalt stürzte. „Sie ist zwar nicht mehr warm, aber das stört ihn wohl nicht", sagte sie freundlich. „Nehmen Sie den Hund noch einmal mit, morgen bringe ich mein Handy mit und dann rufen wir den Tierschutzverein an, ja?"

Remus nickte ergeben. Wenigsten eine Perspektive für Strolch, der heute keinen Kohldampf schieben würde, und für eine weitere gemeinsame Nacht. Er wollte es nicht zugegeben, aber die letzten beiden Nächte unter einer der vielen Themsebrücken, den Hund unter seinem Umhang, waren die besten für Remus seit langem gewesen. Zum ersten Mal seit Wochen hatte er gewagt, tief zu schlafen, als gäbe es ein Abkommen zwischen ihm und dem stinkenden Fellbündel, dass es aufpassen würde auf seinen neuen Begleiter. Wie viel es ausmachte, wirklich ausgeschlafen zu sein, bemerkte Remus erst am zweiten Tag. Doch es machte ihm auch bewusst, dass er sich von dem Fellknäuel wieder trennen musste, wollte er ihm eine Perspektive ermöglichen. Ein so niedlicher Hund würde zweifelsfrei eine nette Familie finden, wenn er erst einmal gebadet und vielleicht geschoren war.

Sie gingen gemächlich am Ufer der Themse entlang, auf dem Weg zu ‚ihrer' Brücke. Remus hatte den Strick vom Hals des Hundes entfernt und eingesteckt. Das Tier entfernte sich ohnehin nie weiter als ein paar Meter von seiner Seite. Schon von weitem sah Remus, dass sie heute Nacht unmöglich unter der Brücke würden schlafen können. Eine ganzer Horde marodierender Jugendlicher hatte sich dort mit Bier und einem dieser schrecklich lauten Geräte eingefunden, die entsetzliche bassdominierte Töne produzierten, über die ein aggressiver Sprechgesang gelegt war.

„Scheint, als müssten wir heute woanders unterkommen", sagte er leise zu dem Hund und drehte um. Sie liefen Richtung der westlichen Stadtviertel.

TBC