Der Tag danach

Der nächste Tag brachte für beide keine Erleichterung.

Sie hatten beide viel geweint, aber was ihnen fehlte, war trotzdem nicht zurück gekommen.

Schlaftrunkend tapste Laura in die Küche und setzte Kaffee auf, bevor sie ins Bad ging um sich zu duschen. Und wie jeden morgen lief sie ersteinmal gegen das Waschbecken, bevor sie die Kurve zur Dusche bekam.

Wie jeden Morgen ärgerte sie sich, welcher Architekt auf diese saublöde Idee kam auf einer Seite der Tür ein Waschbecken und auf der anderen Seite eine Dusche einzubauen. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, die Dusche neben die Badewanne zu stellen? Wie immer am Morgen um diese Uhrzeit, kam sie nicht auf den Gedanken, daß neben der Badewanne gar kein Platz für eine Dusche war.

Lange stand sie unter dem warmen Wasserstrahl und versuchte wach zu werden. Warm prasselte es ihr über den Kopf und sie nahm den Kopf in den Nacken und genoß das Gefühl des Wassers auf ihrem Gesicht. Schließlich wickelte sie sich ein Handtuch, tapste zurück zum Waschbecken und tastete blind nach ihrer Zahnbürste. John, diese Schlafmütze, sollte jetzt auch endlich aufstehen. Aber sie wußte, daß er, im Gegensatz zu ihr, ein Langschläfer war und so lange wie möglich im Bett blieb.

Sie nahm das Handtuch vom Kopf und zog vorsichtig einen grobzinkigen Kamm durch ihr Haar.

Danach ging sie in die Küche, zog ihren Bademantel enger um sich, während sie mit der freien Hand zwei Kaffeetassen aus dem Regal fischte. Die Handlung war automatisch und sie verschwendete keinen Gedanken an das war sie tat. Milch für sie... sie kickte mit dem Hintern die Kühlschranktür zu, und nur zwei Stück Zucker für ihn. Dann nahm sie seine Tasse und begab sich ins Schlafzimmer, um ihn zu wecken.

Abrupt blieb sie in der Schlafzimmertür stehen und starrte aufs Bett. Ihr Mann lag dort nicht. Sie sah nur eine unberührte Seite und ihre Seite wo die Bettdecke fehlte. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie endlich wach genug wurde um sich an den gestrigen Abend zu erinnern. Er hatte nicht hier geschlafen und er würde hier auch nicht mehr schlafen.

Sie ging zurück in die Küche, stellte seine Tasse ins Abwaschbecken, nahm ihre eigene und ließ sich am Küchentisch nieder. Kraftlos ließ sie ihren Kopf auf die Arme sinken und weinte.

Irgendwann richtete sie sich auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Es war also vorbei. Wieder kamen ihr die Tränen, doch diesmal strich sie sie energisch fort und starrte aus dem Fenster. In Ordnung, sie hatte einen Schlußstrich gezogen und jetzt hieß es vorwärts schauen. Es war sowieso das Beste für sie beide. Auch wenn diese Trennung nicht beabsichtigt war, so sagte ihr logischer Verstand es das Beste war. Schließlich hatten sie sich die ganze Zeit nur noch gestritten.

Sie stand auf und holte ihr Handy aus ihrer Handtasche. Wieder am Tisch, drückte sie die Kurzwahltaste für seine Nummer. Sie würde ihn um Verzeihung bitten, ihm sagen, dass sie es nicht so gemeint hatte, ihn bitten, wieder nach Hause zu kommen. Eine Weile starrte sie auf seine Nummer, den Finger schon auf der Wählen Taste.

Was tat sie da eigentlich? Hatte sie nicht gerade selbst gesagt, daß es das Beste für sie beide war?

Sicher der Anfang war schwer, denn sie wohnten schon so lange zusammen, so daß sie sich ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen konnte. Aber was sollte das bringen? Sie würden nicht aufhören sich zu streiten, es würde nicht besser werden.

Sie nahm den Finger von der Wählen Taste und drückte statt dessen die Taste für Löschen. Unbewußt presste sie ihre Hand vor dem Mund und versuchte die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Es mochte ja sein, dass es das Beste für sie beide war, aber es fühlte sich bei Gott nicht so an.

John fühlte sich wie gerädert, als er auf dem Revier ankam.

Neun Uhr und es herrschte bereits Hochbetrieb. Das war New York, dort machte das Verbrechen auch nicht vor der Nacht halt.

Andy saß bereits an seinem Platz und begrüßte ihn lächelnd, den Ohr am Telefonhörer gepresst. „Nein Sir, ich weiß das es mit den Außerirdischen immer schlimmer wird. Ja, ich habe auch das Gefühl, dass sie langsam die Macht über diesen Planeten übernehmen." Er verdrehte die Augen und reichte John die Hand zur Begrüßung. Trotz seines Kummers musste John lächeln. „MacCallen?" , formten seine Lippen lautlos. Andy nickte.

„Wissen sie was dagegen wirklich hilft? Ich meine gegen eine feindliche Übernahme. Wenn sie in ihrer Wohnung in jeder Ecke verbrannten Kaffeesatz verstreuen."...Stille... „Doch ja das hilft wirklich." Einen Augenblick schwieg Andy. „Aber ja, garantiert. Wenn sie ihre Gedanken vor ihnen schützen wollen, dann packen sie in ihren Hut etwas Alu Folie. Wir haben von anderen Mitbürgern mit den gleichen Problemen gehört, daß es funktionieren soll. Sie werden sehen." Wieder Schweigen.

John saß auf seiner Seite des Schreibtisches und grinste in sich rein. MacCallen rief einmal die Woche an, um sie Hilfe vor Außerirdischen zu holen und keiner hatte dabei so die Ruhe weg wie Andy. John musste zugeben, dass er an Andys Stelle schon längst die Nerven verloren hätte. Er sortierte die Notizen auf seinem Schreibtisch und wartete, dass Andy das Telefonat beendete.

„ Ja Sir. Ich freue mich, daß ich ihnen helfen konnte. Klar, sie können jederzeit wieder anrufen, wenn sie Hilfe brauchen." Andy legte den Hörer zurück auf die Gabel. „Mannoman, was für ein Freak.."

Andy schüttelte den Kopf. Den Blick an John vorbeigleitend, nickte er in Richtung des Büros des Lieutentants. „Walker ist bereits seit einer Stunde dort drin. Möchte zu gerne wissen, worum es bei den Beiden geht." John drehte sich ebenfalls in die angegebene Richtung und musterte seinen Vorgesetzten. Er wirkte verärgert.

In diesem Augenblick verließ Walker das Büro und Fancy erschien in der Tür. „Sippowitz, Kelly." Er drehte sich auf dem Absatz um und wartete nicht einmal darauf, daß die beiden Detectives seiner Aufforderung Folge leisteten. John und Andy schauten sich stirnrunzelnd an und folgten ihren Boss in sein Büro. Fancy saß bereits wieder an seinem Schreibtisch und erwartete die beiden.

„Es gibt einen Raubmord auf der Sixth, Ecke Columbia Avenue. Ich möchte, dass sie sich darum kümmern." Über den Schreibtisch hinweg reichte er John den Zettel mit den entsprechenden Notizen. John warf einen Blick auf den Zettel und nickte. Abwartend bleiben die beiden noch stehen und warteten darauf, dass der Lieutenant fortfuhr. „Ist noch was?", fuhr Fancy John und Andy an. „Nein Sir." Eilig verließen die beiden den Raum und holten ihre Jacken.

Auf dem Weg zum Schließfach musterte Andy seinen Freund. „Alles in Ordnung mit dir? Du siehst ziemlich fertig aus." John schüttelte andeutungsweise den Kopf. „Nein, alles in Ordnung." Er ging zum anderen Ende der Umkleidekabine und holte seine Jacke aus dem Schrank. Dicht gefolgt von Andy verließ er das Polizeipräsidium.

„Komm schon John, was ist los? Du siehst gar nicht gut aus." John schloß den Wagen auf und ließ sich hinters Steuer fallen. „Schon wieder Streit mit Laura?", hakte Andy nach. Langsam sorgte er sich wirklich. Er kannte seinen Freund schon so lange und er sah sofort, wenn er Kummer hatte. In der Regel rückte John auch sofort mit der Sprache raus, doch heute wirkte er irgendwie anders, in sich gekehrter. „Ihr habt euch getrennt." Es war ein Schuß ins Blaue, aber er sah sofort, dass er den wunden Punkt getroffen hatte. Betroffen schwieg er und starrte seinen Freund an. John und Laurie, das war eine Kombination, wie er sie nicht anders kannte. Er wußte wohl, dass es ab und an zwischen den beiden krachte, aber sie versöhnten sich auch immer wieder. Doch Johns Gesichtsausdruck ließ ihn darauf schließen, dass es diesmal anders war.

John antwortete nicht, sondern startete den Wagen, um zur Sixth Avenue zu fahren. „John, verdammt, was ist mit euch beiden los?" Erschrocken bemerkte er wie John die Tränen in die Augen traten. Trotzdem schwieg er beharrlich.

John hatte Angst darüber zu reden. Irgendwie hatte er das Gefühl, wenn er auch nur ein Ton über gestern verlieren würde, dann würde alles wahr werden. Wenn er nicht darüber sprach, dann war alles gut, oder würde gut werden. Bestimmt. Er blinzelte die Tränen weg und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

Am Tatort nahmen sie wie gewohnt die Aussagen der verschiedenen Zeugen auf. Alles spielte sich ab wie bisher und John war sehr froh darüber. Die gewohnte Routine, lenkte ihn ab und vermittelte ihm ein Gefühl von Normalität und Sicherheit. Sie nahmen ein paar der Augenzeugen mit aufs Revier, um anhand der Polizeifotos vielleicht einen Täter ermitteln zu können.

Doch auf dem Revier hatten sie nicht so viel Glück. Die Augenzeugen begutachteten zwar eine Menge Fotos, konnten aber niemanden identifizieren.

John schnappte sich seine Jacke. „Ich fahre noch mal zurück zum Tatort und schaue, ob ich da noch etwas finde." Er wartete eine Antwort von Andy nicht ab. Zielstrebig verließ er den Raum, nahm die Treppen ins Erdgeschoss, vorbei an der Aufnahme und stand aufatmend vor dem Revier. „Hallo Detektive." Er drehte sich zu der Stimme um und sah eine schlanke Brünette in Polizeiuniform ihm zunicken. Er nickte zurück. „Hi." Er ging weiter zum Wagen und machte sich auf dem Weg zur Sixth Avenue.

Im Wagen fühlte er sich besser. Nicht so viele Leute, die ständig seinen Namen riefen und irgendetwas von ihm wollten. Hier hatte er einen Augenblick seine Ruhe und konnte seinen Gedanken nachgehen. Er hoffte schon den ganzen Morgen auf einen Anruf oder eine Nachricht von Laurie, aber sein Handy war bis jetzt stumm geblieben. Tief atmete er durch und ging in Gedanken noch einmal die vergangene Nacht durch. Vielleicht war da etwas was er übersehen hatte...aber da war nichts. Er bog in eine kleine Seitenstrasse ab, suchte sich eine Parklücke und starrte auf den Verkehr, der an ihm vorbei zog. Alles wirkte so normal. Die Menschen auf der Straße liefen leicht bekleidet an ihm vorbei, zielstrebig ihren Weg gehend. Manche lachten, andere hielten ihr Gesicht lächelnd der Sonne entgegen, aber alle schienen ein Ziel zu haben.

Er zog sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts. Zuerst starrte er es einfach nur an, vielleicht hatte Laurie ja doch versucht ihn zu erreichen und er hatte es einfach nur nicht gehört. Nichts, sein Display war leer. Keine Nachrichten, keine eingehenden Anrufe. Er klappte den Deckel auf und gab Lauries Nummer ein. Es war bestimmt keine gute Idee sie auf Arbeit anzurufen. Meistens hatte sie sowieso keine Zeit und kanzelte ihn nur kurz ab oder sie hatte ihr Handy gar nicht erst an, weil sie in einer Verhandlung war. Trotzdem sehnte er sich einfach nur danach ihre Stimme zu hören. Er atmete noch einmal tief durch und betätigte dann die Wählen-Taste. Er hörte ein Freizeichen. So weit so gut.

Er stützte sich mit dem Ellenbogen auf dem Fensterrahmen ab, stützte seinen Kopf auf seiner Handfläche und wartete. Er wartete lange.

Laura hörte ihr Handy klingeln und zog es aus ihrer Aktentasche. Sie war zufällig alleine in ihrem Büro.

John! Ihr Herz machte vor Freude einen kleinen Hüpfer. Er rief sie an! Er wollte sie zurück!

Sie lächelte versonnen vor sich hin. Doch sofort rief sie sich selbst zur Ordnung. War das wirklich vernünftig? Sie hatten es jetzt endlich geschafft sich zu trennen, war es dann vernünftig wieder zurückzugehen und das ganze Theater von vorne durch zu machen? Es änderte sich doch nichts an der Situation, wenn sie wieder zurück gehen würde. Verdammt, wenn sie nicht ans Telefon ging, würde sie auch nie wissen, was er ihr eigentlich sagen wollte. Vielleicht wollte er sich ja auch bei ihr entschuldigen, dass er so ein Arschloch war. Laura schnaubte vor Verachtung kurz durch die Nase. Wie wahrscheinlich war das denn? Sie nahm den Finger wieder von der Taste zum Annehmen des Telefonates. Es klingelte weiter. Hartnäckig war er ja, dass musste sie ihm wirklich zugestehen. Sie sah ihn regelrecht vor sich, wie er im Wagen saß, den Ellbogen abgestützt, den Kopf auf seiner Handfläche gebettet. Sie lächelte bei diesen Bild vor ihren Augen und nahm kurz entschlossen das Gespräch an. „Hallo" Sie bemerkte wie dünn ihre Stimme klang...und wie erwartungsvoll.

Aufgelegt. Er hatte in den Augenblick aufgelegt, als sie ans Handy ging. Laura fühlte wie sich wieder das Wasser in ihren Augen sammelte. Schnell schaute sie nach oben und blinzelte die Decke an, um ihr Make up nicht zu verschmieren. Na ja, war wahrscheinlich auch besser so.

Enttäuscht ließ John sein Handy wieder zu klappen. Er wußte nicht was er erwartet, aber er wußte genau was er sich gewünscht hatte.

Seufzend ließ er den Motor wieder an und machte sich auf dem Weg.

Nichts hatte sich in dem kleinen Lebensmittelgeschäft verändert. Noch immer war es mit dem gelben Sicherungsband für Tatortermittlungen abgesperrt, um Schaulustige fernzuhalten. Allerdings ohne großen Erfolg. Es gab immer eine Menge Leute die sich an dem Unglück anderer weideten und so hatte sich auch diesmal eine kleine Gruppe von ihnen am Band versammelt und versuchten einen Blick ins Innere des Ladens zu werfen.

John fischte seine Polizeimarke aus seiner Hosentasche und befestigte sie an seiner Brusttasche. Keiner hinderte ihn daran den Laden zu betreten .Er nickte grüßend den Beamten zu, der vor dem Laden Wache hielt und betrat den Laden. Einen Augenblick blieb er in der Tür stehen, während er darauf wartete, dass sich seine Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnten. „Hey John." Ein kleiner Kubaner mit krausem schwarzem Haar trat auf ihn zu, ein Notizblock in der Hand. John sah, dass das erste Blatt bereits dicht beschrieben war. „Hi, Martinez. Gibt es schon was Neues?" Das Dienstabzeichen, welches Martinez um den Hals hing, wies ihn als Officer aus. John wußte, dass er noch nicht lange auf dem 15. Revier war. Erst seit ein paar Monaten, aber er hatte schon öfters mal mit ihm zusammengearbeitet und wußte, dass er ein dienstbeflissener Cop war, der seine Arbeit sehr genau nahm. John mochte ihn.

„Nicht viel." James Martinez warf einen Blick auf seine Notizen. „Die Frau des Ladenbesitzers sagte aus, dass sie zum angegebenen Zeitpunkt gerade oben war und erst von den Schüssen aufmerksam geworden nach unten kam. Sie hatte den Täter aber nicht mehr gesehen. Ihre gemeinsame Tochter befindet sich gerade in Urlaub auf den Malediven. Wir versuchen sie gerade zu erreichen. Die Leute die noch mit im Laden waren, habt ihr bereits mit aufs Revier genommen. Die Leute vom Csi sind gerade dabei, die Spuren sicher zu stellen. Vielleicht können sie uns weiter helfen." John nickte und ließ seinen Blick durch den Laden schweifen, auf der Suche nach dem Verantwortlichen des Csi Teams. Er hatte Glück, denn der Leiter der Tagesschicht hatte sich selbst dieses Falls angenommen. Weiter hinten im Laden sah er Mac Taylor zusammen mit seiner Partnerin Stella Bonasera, zusammen die Fingerabdrücke von der Theke nehmen. Er klopfte Martinez kurz auf die Schulter und machte sich dann auf dem Weg zu den beiden.

„Hallo Mac. Schon was neues?" Mac und Stella schauten beide hoch und lächelten ihn an. „Hi John. Viel kann ich dir noch nicht sagen. Wir müssen erst die Fingerabdrücke im Labor vergleichen. Ich nehme aber an, dass wir hier mehr als einen Täter haben." Mac deutete mit dem Kopf auf die Theke und Kasse. „Natürlich sind das nicht alles Fingerabdrücke von den Tätern. Immerhin gibt es hier Kundenverkehr. Aber wenn mich meine Augen nicht täuschen, dann sind auf der Lade und der Theke mindestens drei identische Abdrücke zu finden." John zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Das kannst du mit bloßem Auge erkennen?" Bonasera lächelte. „Berufserfahrung John. Man bekommt einen Blick dafür." Wie immer hatte Stella ihr langes Haar nicht zurück gebunden und es fiel ihr in wilden Locken über die Schulter. John hatte sich schon immer gefragt, ob ihre Haare nicht vielleicht den Tatort mit zusätzlichen Spuren versehrten, doch er wollte nicht fragen, die beiden wussten schon was sie taten.

„Sagt mir Bescheid, wenn ihr war rausgefunden habt." Er nickte den beiden noch einmal kurz zu und wandte sich dann wieder an Martinez.

„Ich möchte noch mal mit der Frau des Opfers sprechen."

Martinez hatte so etwas schon geahnt und deutete in einen anderen Bereich des Ladens, wo eine blonde Frau, Mitte fünfzig, wartete. „Sie steht dort drüben. Ihr Name ist Sidney Hawkes, vierundfünfzig und seit 15 Jahren mit ihrem Mann verheiratet...gewesen.". fügte er noch hinzu. „Sie haben eine gemeinsame Tochter, Kimberly, die mit ihrer Freundin und deren Eltern gerade auf den Malediven ist. Wir haben sie noch nicht erreicht, bleiben aber am Ball."

John quittierte diese Informationen mit Wohlwollen. „Gute Arbeit." Er machte sich auf den Weg zu Mrs. Hawkes. „Mrs. Hawkes? Mein Name ist John Kelly. Ich bin der leitende Detectiv hier und würde ihn gerne ein paar Fragen stellen." Er reichte ihr die Hand.

Sidney Hawkes wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht und musterte ihn misstrauisch. John musste schlucken. Fünfzehn Jahre waren die beiden verheiratet gewesen. Solange wie er mit Laurie zusammen gewesen war. Er konnte gut nach empfinden wie sie sich gerade fühlte. Laurie war zwar nicht tot, aber doch so plötzlich aus seinem Leben verschwunden, dass es sich so anfühlte. Schnell schob er den Gedanken wieder beiseite und konzentrierte sich wieder auf Mrs. Hawkes.

„Mrs. Hawkes, hatte ihr Mann vielleicht irgendwelche Feinde? Leute, die ihnen den Erfolg mit diesem Laden nicht gönnten?" John hatte zwar keine Ahnung, ob der Laden wirklich so gut lief, wollte ihr aber nicht das Gefühl geben, dass ihre Arbeit nichts wert war. Sidney schüttelte den Kopf. „Nein. Es gab niemanden. Der Laden lief nicht so gut, um irgendjemanden vor dem Kopf zu stoßen. Es reichte gerade um uns über Wasser zu halten und nicht am Hungertuch zu nagen. Aber wir liebten unsere Arbeit. Es war etwas eigenes, etwas was wir uns selbst aufgebaut hatten." Sie schluchzte wieder. John hielt ihr sein eigenes Taschentuch hin. Dankbar nahm sie es entgegen und wischte sich wieder die Tränen aus den Augen. Laurie hatte sich immer beschwert, dass er so einen großen Taschentuchverschleiß hatte.

„Sie haben den oder die Täter nicht gesehen?" Mrs. Hawkes schüttelte den Kopf. „Nein, ich war in unsere Wohnung, welche direkt über den Laden ist und habe für uns das Mittagessen gekocht." Weitere Tränen. „Wir schließen immer um ein Uhr und machen Mittagspause. Um die Zeit ist hier sowieso kaum Kundenverkehr und durch diese zwei Stunden für uns, haben wir..." Ein erneuertes Schluchzen schüttelte ihren Körper. Tröstend legte er ihr eine Hand auf die Schulter und wartete einen Augenblick bis sie sich wieder beruhigt hatte.

„Na ja, das war Zeit nur für uns beide. Wir waren dann noch nicht so fertig von der Arbeit und konnten uns besser unterhalten." Sie holte tief Luft und fasste sich dann wieder. „Wie gesagt ich war oben und habe gekocht, als ich plötzlich Schüsse hörte. Einen Augenblick stand ich wie versteinert da, dann bin ich nach unten gerannt, weil ich Angst um Arthur hatte."

Die Tränen liefen wieder. „ Bis auf ein paar Kunden war keiner mehr im Laden und ich dachte schon, dass die Schießerei gar nicht bei uns stattgefunden hatte, dass ich mich geirrt hatte. Aber dann sah ich Arthur hinter der Theke liegen. Er lag auf den Bauch und unter seinem Körper floss jede Menge Blut hervor. Und..." Sie schluchzte wieder. „Dann kam die Polizei und sie sagten, dass Arthur tot ist." John drückte abermals ihre Schulter. „Schon gut, Mrs. Hawkes. Das reicht erst mal. Ich möchte sie bitten, vorerst keine Reisen zu unternehmen und sich für uns verfügbar zu halten. Wir sind schon dabei, ihre Tochter zu informieren. Sie wird bald bei ihnen sein und sie unterstützen." Und wer unterstütze ihn?

Er nickte Sidney Hawkes noch einmal zu und ging dann zurück zu Martinez.

„Ich fahre wieder zurück zum Revier. Vielleicht hat Andy was Neues herausgefunden." „In Ordnung. Ich denke wir sind hier auch fast fertig. Der Rest liegt jetzt erst mal bei der Spurensicherung. Wir sehen uns dann da."

Zurück im Auto dachte John noch mal an das Gespräch mit Sidney Hawkes zurück. Irgendetwas von dem was sie erzählt hatte störte ihn, aber er konnte noch nicht genau sagen was es war. Er beließ es bei dem Gedanken. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass er früher oder später von alleine darauf kommen würde. Kurz überlegte er, ob er Laurie noch einmal versuchen sollte zu erreichen, entschied sich dann aber dagegen. Jetzt nicht. Später, wenn er etwas mehr Zeit zum Nachdenken hatte.

Der Tag zog sich wie ein alter Kaugummi dahin. Sie drehten sich bei dem Fall im Kreis und nichts schien richtig zu funktionieren.

Andy hatte in der Zeit, wo John im Laden war, eine Menge Telefonate geführt, hatte aber auch nichts rausgefunden. Und auch John, der noch mal mit den Zeugen sprach, konnte nichts weiter in Erfahrung bringen.

Zweimal versuchte er noch Laurie zu erreichen, aber beide male, war ihr Handy aus. Den Kopf auf seine Hand gestützt, saß er an seinem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Sollte das jetzt wirklich gewesen sein? Er wollte das nicht so Recht glauben. Nicht so plötzlich, das hätte er doch schon vorher gemerkt, wenn etwas nicht in Ordnung war. Ok, das etwas nicht in Ordnung war, dass hatte er wohl gemerkt, aber es war ihm nie so schlimm vorgekommen. Sie hatten sich doch immer wieder vertragen und er hätte es doch gemerkt wenn sie ihn nicht mehr lieben würde. Oder? Sie schliefen doch auch noch miteinander, nicht so wie viele andere Pärchen, die schon so lange zusammen waren und einfach nur noch wie Bruder und Schwester zusammen wohnten.

Ihm kam der Gedanke, dass sie vielleicht nur noch mit ihm schlief, weil es ihr Spaß machte und nicht weil noch irgendwelche Gefühle für ihn da waren. Wann hatte sie ihm eigentlich das Letzte mal gesagt, dass sie ihn liebte? Er überlegte lange und kam zu dem Schluss, dass es schon viele Monate her war. John seufzte. Vielleicht liebte sie ihn ja wirklich nicht mehr... nein, dass konnte er nicht glauben. Gefühle verschwanden doch nicht einfach so über Nacht.

„John? Johon?" Andys Stimme riß ihn aus seinen Überlegungen. Er drehte den Kopf zu seinem Partner um. Andy hatte sich über seine Hälfte des Schreibtisches gebeugt und schaute ihn fragend an. „Wie wär's Partner, wollen wir zusammen ein Bier trinken gehen?"

Eigentlich wollte John nicht, aber was sollte er denn sonst heute Abend alleine tun? Es war nicht wahrscheinlich, dass Laura ihn reinlassen würde und alleine im Hotelzimmer zu sitzen, erschien ihm auch nicht die ideale Lösung. Vielleicht wurde ja doch nicht alles gut.

Er seufzte und nickte Andy zu. „Ja, warum nicht. Laß uns um acht im Drakes treffen." Er wollte vorher noch mal bei Laurie vorbei fahren und versuchen mit ihr zu reden.

Drei Stunden später saß er dann mit Andy zusammen bei einem Bier. Sie hatten sich einen kleinen Tisch etwas Abseits von dem Trubel gesucht um in Ruhe miteinander reden zu können. Schweigend nippten die beiden an ihrem Bier.

„Also los, John. Was ist passiert?" Aufmerksam studierte Andy das Gesicht seines Freundes. Er wirkte müde und zerstreut. Eine Steile Falte hatte sich auf seiner Stirn eingegraben und auch seine Haare saßen bei weitem nicht so ordentlich wie sonst. Ansonsten wirkte er sehr ruhig, zu ruhig für seinen Geschmack.

„Wir hatten Streit", fing John dann doch endlich an zu erzählen.

„Als ich kam, war es so wunderschön. Ich nahm sie in den Arm und wir kochten zusammen. Sie wirkte entspannt und ruhig und ich weiß, dass sie zeitweise an unser kennen lernen dachte." Andy runzelte fragend die Stirn, doch John hatte kein Blick dafür. Er lächelte bei der Erinnerung daran, wie sie ihren Ehering angeschaut hatte. Er wußte genau woran sie in diesem Augenblick gedacht hatte, es war das Gedicht gewesen, seine erste Liebeserklärung an sie. Er rieb sich über die Stirn und versuchte die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Andy mochte zwar sein bester Freund sein, aber das war ich dann doch zu peinlich. Männer erzählten zwar, was für eine tolle Frau sie zu Hause hatten, vielleicht auch mal, dass es Streit gab, aber niemals redeten sie darüber, wie verletzlich und klein sie sich manchmal fühlten.

„Wir nahmen uns in den Arm, hielten uns einfach nur fest", fuhr John fort.

„Als das Essen im Ofen war, ging ich duschen. Und als ich zurück in die Küche kam, hatte die Stimmung umgeschlagen. Frag mich nicht warum, ich habe keine Ahnung." Er seufzte und nahm einen tiefen Zug von seinem Bier.

Vielleicht war heute ein guter Tag um sich vollaufen zu lassen.

„ Sie entschuldigte sich für ihre Gereiztheit damit, dass bei ihr alles schiefgegangen war und damit war das Thema dann erledigt. Ich tröstete sie und dann küssten wir uns. Andy ich schwöre dir, es war alles normal. Es war in keinster Weise abzusehen, was dann passierte. Und wenn ich ehrlich bin, so begreife ich es immer noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich in einem Albtraum feststecke, aus dem ich nicht aufwachen kann."

Wieder ein Schluck Bier, wieder ein paar Tränen wegblinzeln.

„Beim Essen ging es dann los. Sie wurde wütend und sprang vom Tisch auf, tigerte die Küche auf und ab und brachte immer mehr Anschuldigungen hervor. Ich bin selbst wütend geworden und riet ihr, ein Runde um den Block zu laufen und nicht ihren Frust bei mir abzulassen." Andy unterbrach sein Schweigen nicht, sondern wartete nur einfach ab, dass er weiter erzählte. „Und dann sagte sie, daß sie so nicht mehr weiter machen will, daß ich gehen soll." Ein kurzer Augenblick verging, bevor er weitersprach. „Und dann sagte sie, daß sie die Scheidung will." Er strich sich mit der Handfläche über die Stirn und atmete tief aus. Andy sah Tränen in seinen Augen, als John wieder hochschaute und weiter erzählte. „Sie warf mich aus der Wohnung. Ich versuchte mit ihr zu reden, aber sie hörte nicht zu... Als sie mich dann anbrüllte, dass ich gehen soll, bin ich gegangen." Er lächelte Andy etwas schief an und zuckte mit den Schultern. „Na ja, das war es auch schon."

Andy war betroffen und versuchte ersteinmal zu verdauen was er gerade gehört hatte. Laura war für ihr Temperament bekannt, vielleicht hatte sie ja auch nur aus Wut so etwas gesagt und bereute es schon wieder. „Hast du heute versucht mit ihr zu reden?" Erkundigte sich Andy, während er selbst einen Schluck von seinem Bier trank. John schaute von seinem eigenen Bier auf und nickte, währenddessen er sich an dem Polster hinter ihm anlehnte. Er nickte, wollte etwas sagen, brauchte aber einen Augenblick um seine Sprache wieder zu finden. „Ja, ich habe sie versucht anzurufen. Beim erstenmal ist keiner rangegangen und danach war ihr Handy aus." Er trank in einem Zug sein Bier aus und entschuldigte sich dann kurz damit das er mal auf Toilette musste.

Andy hatte die Vermutung, dass John ersteinmal wieder seine Gefühle unter Kontrolle bringen wollte.

Er kannte John und Laura schon so lange und er wußte, daß die beiden sich liebten. Na ja, jedenfalls wußte er, daß John seine Frau über alles liebte. Trotzdem, wenn man so lange zusammen war, dann musste doch mehr dahinter stecken, als pure Gewohnheit. Andy wußte nicht so recht was er von der Geschichte halten sollte. Die beiden hatten sich schon oft so gestritten und immer wieder hatten sie einen Weg zu einander gefunden. Aber andererseits hatte Laura auch noch nie die Scheidung gefordert.

John kam mit neuen Bier wieder zurück an den Tisch. „Hast du mal versucht persönlich mit ihr zu reden? Ich meine nicht übers Telefon?", erkundigte sich Andy.

„Hmmm, ja. Ich bin nach der Arbeit bei ihr vorbei gefahren. Ich hatte gehofft, dass es ihr gestern nur so rausgerutscht war. Das mit der Scheidung.", setzte er hinzu. „Sie war auch zu Hause, aber sie machte mir nicht auf. Ich wollte dann auch nicht einfach so in die Wohnung gehen. Es erschien mir irgendwie nicht richtig." John stöhnte auf und ließ sich wieder ins Polster fallen. „Ich glaube, Andy, diesmal ist es ernst." Wieder traten ihm Tränen in die Augen und Andy wandte sich schnell ab, damit es seinem Freund nicht peinlich war, dass er sie gesehen hatte. Andy wußte nicht was er sagen sollte. ‚es tut mir leid', klang doch irgendwie zu platt, auch wenn es das war, was Andy gerade fühlte.

„Was wirst du jetzt tun?", fragte er nach einer Weile. John zuckte mit den Schultern, wirkte etwas ratlos. „Ich denke ich werde mir jetzt ersteinmal eine Wohnung suchen. Das kommt mich günstiger, als wenn ich in diesem Hotelzimmer bleibe. Und dann?...Ich weiß nicht. Noch mal versuchen mit Laurie zu reden, denke ich." Er starrte in sein Bier und wunderte sich, warum es schon wieder leer war. Mit einem Seufzen stellte er es zurück auf den Tisch. Er biß auf seinem Fingernagel rum und schaute direkt Andy in die Augen. „Ich weiß es wirklich nicht."