Wow, vielen Dank für das umwerfende Feedback! Ich werde versuchen, regelmäßig mittwochs und sonntags ein neues Kapitel online zu stellen, aber hundertprozentig versprechen kann ich es nicht. Meine Beta hat im Moment sehr viel zu tun und deswegen werde ich mich ihr anpassen.
Aber dieses Kapitel bricht von der Länge her sowieso sämtliche meiner Rekorde und so hoffe ich, dass euch das etwas entschädigt. ;)

An dieser Stelle auch noch ein Dankeschön an Padme für Deine Review!


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How many sorrows
do you try to hide
in a world of illusion
that's covering your mind?

(Eurythmics – The miracle of love)


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Kapitel 2 – Die zweite Rückkehr

Die erste Hälfte des fünften Schuljahrs verlief erstaunlich ruhig und ausgeglichen. Hermine behielt ihre argwöhnische Neugier noch für einige Monate bei, doch als nach wie vor nichts passierte, zumindest nichts, das sie mitbekommen hätte, legte sich ihre nervöse Aufmerksamkeit und sie konzentrierte sich vollkommen auf den Unterricht – ganz zu Harrys und Rons Entsetzen.

Die Prüfungen am Ende des Schuljahres schienen zumindest in ihren Augen noch Äonen entfernt, weswegen sie Hermines Panik im besten Falle als übertrieben bezeichneten. Allen Einwänden der beiden zum Trotz begann sie jedoch jeden Abend, nachdem sie ihre Hausaufgaben beendet hatte – und die von Harry und Ron meistens gleich dazu – akribisch Lernpläne zu erstellen.

Professor Snapes Verhalten hatte sich ihr gegenüber nicht geändert. Er ignorierte sie entschlossen, quälte Harry und vor allem Neville, bis Letzerer leise wimmernd vor seinem Kessel stand und den Schöpflöffel nicht mehr von der Alraunenwurzel unterscheiden konnte, und gab ihr mit zynischer Selbstgefälligkeit die Schuld dafür.

„Manchmal hasse ich es, eine Gryffindor zu sein", murmelte Hermine nach einer besonders nervenaufreibenden Stunde Zaubertränke. Harry und Ron sahen sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Empörung an. „Wäre ich in Slytherin, könnte ich mich woanders hinsetzen, ohne mir Sorgen um Nevilles Gemütsverfassung machen zu müssen", erklärte sie dann und die beiden grinsten verhalten.

Es war nicht so, dass sie Neville nicht mochte. Es war vielmehr sehr anstrengend, sich auf zwei Kessel, drei potentiell hochgradig gefährliche Klassenkameraden und einen Lehrer gleichzeitig zu konzentrieren. Zumal Professor Snapes Lieblingsbeschäftigung darin bestand, Harry das Leben schwer zu machen und damit ihre Loyalität ihm gegenüber herauszufordern. Eine Doppelstunde Zaubertränke schlauchte sie mehr als alle anderen Stunden der Woche zusammen.

„Warum erklärst du es Neville nicht einfach? Ich denke nicht, dass er dir einen Vorwurf machen wird, wenn du dich auf deinen Kram konzentrieren willst." Ron zuckte beiläufig mit den Schultern und überging die Tatsache, dass sie sich auf ihn ebenso konzentrieren musste wie auf Harry und Neville.

„Hast du schon mal seinen Hundeblick bemerkt?" Hermine sah Ron vielsagend an. „Nicht mal Professor McGonagall kann dem standhalten!"

„Das kann ich euch aber garantieren! Der Schlawiner schafft es jedes Mal, mir die Antworten zu seinen dusseligen Fragen zu entlocken! Als ob er nicht abwarten könnte, bis die Themen im Unterricht behandelt werden! Sehe ich so aus, als hätte ich nichts zu tun?", empörte sich eine alte Hexe im Portrait zu ihrer Rechten, die geradezu überladen war mit Setzlingen und frisch geernteten Kräutern.

„Ähm... nein...", nuschelte Hermine perplex, denn sie wurde von der Alte besonders herausfordernd fixiert.

„Das will ich meinen!", erwiderte sie spitz und nickte so enthusiastisch, dass ein paar ihrer Setzlinge unsanft zu Boden purzelten.

„Muss ein Frauenproblem sein", grinste Ron und Hermine schlug ihm empört gegen die Schulter, während sie den Einwurf der Gärtnerhexe mit einem Kopfschütteln abtat und weiterging.

„Hey, ihr beiden! In zwei Wochen sind Ferien, denkt lieber daran als an Neville und Frauenprobleme", wandte Harry nun ein und Ron nickte zustimmend, anscheinend froh, diese Diskussion beenden zu können.

Hermine lächelte, als sie die Vorfreude auf Harrys Gesicht sah. Sirius hatte ihm eine Woche zuvor eine Eule geschickt und angemeldet, er wolle an Weihnachten im Kamin mit Harry sprechen. Die Aussicht auf ein Wiedersehen mit seinem Paten ließ bei Harry anscheinend sämtlichen Schulstress schwinden.

Ich denke jetzt erstmal ans Essen! Zaubertränke macht mich irgendwie immer hungrig", kommentierte Ron mit einem begeisterten Glänzen in den Augen und die drei machten sich auf den Weg in die Große Halle.


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Pünktlich drei Tage vor Beginn der Ferien begann es zu schneien und Hogwarts, sowie die umgebenden Ländereien versanken zunehmend in einer lückenlosen Decke aus Weiß. Die Unterrichtsstunden, die sie bei Hagrid draußen verbringen mussten, sanken in der Gunst der Schüler beinahe noch unter Zaubertränke, da sie in Professor Snapes Kellerräumen zumindest noch ein Feuer unter dem Kessel hatten, an dem sie sich wärmen konnten.

Hermine war jedes Mal froh, wenn sie sich im Gemeinschaftsraum der Gryffindors aufhalten konnte, denn dort sorgten Hauselfen und Mitschüler dafür, dass das Feuer im Kamin selten erlosch. Eine angenehme Wärme und Gemütlichkeit hatte sich über den Raum gelegt und selbst Hermine fiel das Lernen unter diesen Umständen manches Mal sehr schwer.

Nicht so schwer allerdings wie Ginny, der sie zweimal in der Woche Nachhilfe in Arithmantik gab. An diesem Nachmittag hatten die beiden sich an einen eher abgeschiedenen Tisch zurückgezogen und während Hermines Konzentration durch das Schneetreiben vor den Fenstern gestört wurde (einige ihrer Mitschüler hatten angefangen, Schneeflocken zu verzaubern, so dass diese munter durch die Gegend sausten und sich gegenseitig zu fangen versuchten; was allerdings meistens in faustgroßen Bällen endete, die schließlich irgendwie den Weg in den Gemeinschaftsraum fanden und dort bereits mehr als eine Hausarbeit vernichtet hatten), schweiften Ginnys Blicke immer wieder an Hermine vorbei in den Raum.

Schließlich drehte die Brünette sich mit halb verärgerter, halb neugieriger Miene um und versuchte herauszufinden, was genau Ginnys Blicke immer wieder auf sich zog. Lange musste sie nicht suchen; keine zehn Meter entfernt saßen Harry, Ron, Dean und Seamus zusammen am Tisch und diskutierten über das nächste Quidditchspiel – Rawenclaw gegen Slytherin – das am Samstag stattfinden sollte.

Hermine grinste wissend, als sie sich wieder Ginny zuwandte und diese lief rot an. „Dich hat es ganz schön erwischt, hm?", fragte Hermine ihre Freundin beinahe mitleidig und Ginny nickte stumm.

„Aber ich fürchte, du hattest Recht, als du mir damals sagtest, der Fall sei hoffnungslos." Sie malte mit ihrem Zeigefinger Kreise auf die aufgeschlagene Seite des Buches.

„Das habe ich so nie gesagt. Ich hab gesagt, du sollst dich nicht auf ihn versteifen." Die Ältere sah sie eindringlich an, doch Ginny tat diesen minimalen Unterschied mit einem Schulterzucken ab. „Ich denke, du musst ihm nur erstmal wieder in Erinnerung rufen, dass du existierst. Angesichts der Tatsache, dass du jetzt auch im Quidditchteam bist, stehen deine Chancen gar nicht mal so schlecht."

Ginny sah sie mit großen Augen an und schien über diese Möglichkeit nachzudenken. „Und wie soll ich das anstellen? Immerhin steht mein Name seit Anfang des Schuljahres auf seiner Spielerliste und er hat es vermutlich noch nicht einmal mitbekommen."

„Och, vielleicht kommt ja irgendein Depp auf die Idee, dass es lustig wäre, deinen Besen zu verzaubern. Dann hast du auf jeden Fall seine Aufmerksamkeit." Hermine drehte unschuldig eine ihrer Haarsträhnen um ihren Finger.

Ginny schnaubte. „Super Idee!", erwiderte sie sarkastisch. „Mine, du bist wesentlich geschickter, wenn es um Nachhilfe geht. Also lass uns weitermachen, vielleicht kann ich dann nachher noch ein bisschen mit den anderen über interessantere Dinge als Arithmantik diskutieren."

Hermine lächelte schief und wandte sich wieder dem Schulstoff zu. Vermutlich hatte Ginny mit ihrer Aussage gar nicht mal so Unrecht; wenn es um das andere Geschlecht ging, vermasselte sie jede Prüfung.

Mit einem Seufzen wischte sie den Gedanken beiseite. Es gab Wichtigeres.


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Die Ferien kamen schnell und der erste Weihnachtsmorgen versteckte sich unter willkommener Stille. Harry, Ron und Hermine hatten beschlossen, dieses Jahr in Hogwarts zu bleiben. Mr Weasley hatte über die Feiertage keinen Urlaub bekommen und Harry wollte aufgrund der unsicheren Lage mit Voldemort lieber in Professor Dumbledores Nähe bleiben.

So waren in diesem Jahr nur Ginny, Fred und George nach Hause gefahren und Mrs Weasley hatte sich bereits ausschweifend in einem Heuler bei ihrem jüngsten Sohn beschwert, dass dieses Jahr nur die halbe Familie zu Hause sei („Ronald Weasley! Wage es ja nicht, über Weihnachten in Hogwarts zu bleiben! Ich werde dir deinen Pullover nicht ein weiteres Mal in die Schule schicken! Errol schafft das nicht mehr!" – was Ron allerdings nur mit einem „Merlin sei Dank!" kommentierte).

Im Vertrauen hatte Ron ihnen gesagt, dass er froh war, dieses Jahr in Hogwarts zu bleiben. Die Freiheit, die sie hier hatten, war nicht zu vergleichen mit dem Fuchsbau. Hermine hatte jedoch das Gefühl, dass Harry es vermisste. Während für Ron eine Großfamilie bisweilen recht lästig war, fühlte Harry sich dort ausgesprochen wohl.

Sie konnte allerdings nicht leugnen, dass sie es genoss, an diesem ersten Weihnachtstag ungestört in ihrem eigenen Zimmer zu erwachen. Dass sie dann auch noch einen Stapel Geschenke an ihrem Fußende fand, machte die ganze Sache noch einmal interessanter.

Das oberste Paket hatte etwa die Größe eines Buches und es war eine kleine Karte von Harry daran befestigt, auf der die Figuren ein melancholisches Weihnachtslied anstimmten, als sie sie aufklappte. Allerdings nicht ohne vorher ein geflüstertes „Wird ja mal Zeit, dass sie aufwacht! Wir können doch nicht ewig in dieser Karte rumhocken!" verlauten zu lassen.

Mit einem verhaltenen Lächeln wickelte sie das Paket aus und fand ein wunderschön eingefasstes Notizbuch. Wenn man hineinschrieb, konnte es automatisch die Schriftgroße verkleinern und vergrößern. Eine faszinierende Eigenschaft, die es Hermine erlaubte, besonders viele Notizen zu sammeln. Außerdem begannen die Buchstaben wie wild zu blinken, als sie auf die erste Seite ihren Namen schrieb. „Er hat es tatsächlich bemerkt", murmelte sie erstaunt, denn ihr jetziges Notizbuch wurde zunehmend voller.

Im Paket von Ron fand sie einen zum Buch passenden Stift – laut Rons Karte vibrierte er, wenn man einen Rechtschreibfehler machte; Hermine bedauerte es, dass sie diese Eigenschaft nie würde nutzen können, ihren letzten Rechtschreibfehler hatte sie in der dritten Klasse gemacht – und eine Auswahl Süßigkeiten aus dem Honigtopf. ‚Nervennahrung für Zaubertränke' hatte er darauf geschrieben und Hermine grinste.

Als nächstes öffnete sie eine Karte von ihren Eltern. Sie wünschten ihr ein frohes Fest und versprachen einen großen Einkaufsbummel, wenn Hermine zurück nach Hause kam. Sie wusste, dass ihren Eltern bereits vor einiger Zeit die Ideen ausgegangen waren, was Geschenke betraf. Solange sie noch zu Hause gewohnt hatte, hatte sie wenigstens kleine Hinweise geben können und ihre Mutter war immer aufmerksam genug gewesen, um diese auch zu verstehen. Doch nun, da sie sich kaum mehr als einige Monate im Jahr sahen, wurde es wirklich schwer mit Geschenken.

Hermine strich vorsichtig mit ihren Fingern über die Zeilen und legte die Karte dann zur Seite. Sie würde später eine Eule mit einem langen Brief nach Hause schicken.

Das letzte Paket stammte zweifelsfrei von Hagrid. Es war schon an der ungeschickten Art zu erkennen, mit der es eingewickelt worden war, und Hermine öffnete das Papier mit spitzen Fingern. Bei Geschenken von Hagrid war es immer schlau, sich auf etwas Beißendes vorzubereiten.

Doch dieses Mal fand sie lediglich eine kleine Schachtel, in der ein hübsch geformter Stein in mattem Blauweiß lag. Hermine nahm ihn zögerlich in die Hand und hielt ihn gegen das Licht, drehte und wendete ihn neugierig und lächelte begeistert, als sie ihn schimmern sah. Es fiel ihr schwer, den Blick davon abzuwenden.

Irgendwann gelang es ihr doch und noch immer fasziniert von dem Spiel der tanzenden Punkte legte sie den Stein hinter sich auf die schmale Ablage ihres Bettes und stand auf, um ins Bad zu gehen.


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Den Tag verbrachten sie mit Schach (Ron musste das neue Set Spielsteine ausprobieren, das Hermine ihm geschenkt hatte, da seine alten sich kaum mehr richtig reparierten und die Bauern und Reiter nur noch über das Brett hinkten, während die Königin es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, in den spannendsten Augenblicken in Ohnmacht zu fallen), Tee trinken bei Hagrid und essen. Die Feiertage waren immer eine ausgezeichnete Gelegenheit, um zu viele Süßigkeiten zu entschuldigen und Hermine war durchaus gewillt, diese Entschuldigung auch zu nutzen.

Für das Mittagessen hatte Professor Dumbledore die Haustische erneut an den Seiten der Halle verstaut und einen einzelnen großen Tisch in die Mitte gestellt, an dem die Lehrer und die Hand voll verbliebener Schüler gemeinsam saßen. Die meisten Schüler schienen froh, über die Feiertage der Angst um Voldemort entkommen und nach Hause fahren zu können, so dass außer ihnen nur noch zwei Mädchen aus Hufflepuff mit am Tisch saßen.

Das Essen verlief heiter und dank Professor Dumbledores Bemühungen auch recht ungezwungen. Sogar Professor McGonagall konnte man hin und wieder Lächeln sehen. Nur Professor Snape versteckte sich konsequent hinter seinem leicht angewidert wirkenden Gesichtsausdruck und konzentrierte sich auf sein Essen.

Hermine ertappte sich mehr als einmal dabei, wie sie ihn gedankenverloren ansah und sich fragte, was er erlebt hatte, dass er sich so verschloss. Sie wollte nicht glauben, dass es einfach seine Art war, abweisend und rücksichtslos allen gegenüber zu sein, die ihm zu nahe kamen. Ansonsten hätte Professor Dumbledore ihn wohl kaum als Lehrer eingestellt. Wobei sie seine Fähigkeiten in seinem Fach nicht infrage stellen wollte. Sie wäre die Letzte, die daran zweifeln würde, dass Professor Snape einer der fähigsten Tränkemeister dieser Zeit war.

Einmal sah sie, wie er sich mit nachdenklichem Blick über seinen linken Unterarm fuhr, dann seinen Blick hob, sich argwöhnisch am Tisch umsah und ihrem mit kalter Wut in den Augen begegnete. Hermine erstarrte und verschluckte sich beinahe an ihrem Kürbissaft. Es kostete sie einige Kraft, woanders hinzusehen und so zu tun, als hätte sie nichts bemerkt.

Professor Snape verabschiedete sich kurz darauf vom Essen. Die Hexe beobachtete, wie er mit imposanten Schritten die Halle durchquerte und verschwand. In ihrem Verstand überlegte sie jedoch, was sie von alledem halten sollte.

Stand wieder ein Treffen der Todesser an?


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Hermine hatte Harry danach aufmerksam beobachtet. Der Schwarzhaarige war unruhig und aufgeregt, was sie allerdings eher dem bevorstehenden Treffen mit Sirius zuschrieb. Doch hin und wieder strich auch er sich flüchtig mit einer Hand über die Narbe. Beiläufig, ohne dem Beachtung zu schenken. Hermine fragte sich, ob er es überhaupt bemerkte. Ob er den Schmerz bemerkte, den sie hinter seinen Gesten vermutete?

Während es draußen bereits dämmerte und Harry und Ron erneut in eine Partie Schach vertieft waren, trat Hermine nachdenklich an eines der Fenster im Gemeinschaftsraum. Von hier aus hatte sie einen guten Blick über die Ländereien, doch die äußere Grenze des Geländes wurde von einem der Giebel verdeckt. Sie müsste weiter hinaufsteigen, um auch diesen letzten Winkel überblicken zu können.

Prüfend sah sie hoch und erkannte den Anflugsturm der Eulerei. Von dort aus wäre es sicherlich kein Problem, zu sehen, was an der Grenze vor sich ging.

Sie nahm sich vor, diesen Gedanken im Hinterkopf zu behalten und wandte sich den beiden anderen zu. Im Moment konnte sie ohnehin nichts ausrichten und selbst wenn heute ein Treffen anstand, bedeutete das nicht, dass Professor Snape erneut so verletzt wie beim ersten Mal zurückkehren würde.

Schließlich schüttelte sie diese Gedanken ab und versuchte das Gefühl der hilflosen Angst zu verdrängen, das sie am ersten Schultag überkommen hatte, als sie die wirkliche Macht Voldemorts zum ersten Mal gesehen hatte.


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Zwei Stunden später war es endlich soweit und die drei hockten sich erwartungsvoll vor den großen Kamin im Gemeinschaftsraum. Harry starrte leicht nach vorne gelehnt in die Flammen und Hermine sah es mit einem amüsierten Lächeln. Sie freute sich, dass er an diesem Tag zumindest noch ein bisschen Familie bekam und tat es ihm irgendwann gleich.

Ihre Blicke fixierten das tanzende Gelb, die sprühenden Funken und die verkohlenden Holzscheite. Die Wärme strich ihr angenehm über das Gesicht und die Hände und sie begann sich wohlig und schläfrig zu fühlen. Irgendwann stützte sie einen Ellenbogen auf den hinter ihr stehenden Sessel und bettete ihren Kopf in der Handfläche.

Bis es leise ploppte, war sie schon beinahe eingeschlafen. Doch Ron und Harry schafften es mit Leichtigkeit, sie wieder aufzuwecken. Für einen Moment erschrak sie, als sie den Kopf von Sirius so mitten in den Flammen sah, doch dann lächelte sie begeistert und begrüßte Harrys Paten.

„Wie geht es euch?", fragte er aufrichtig interessiert und wirkte dabei mindestens ebenso aufgeregt wie Harry.

„Uns geht es bestens", erwiderte dieser dann auch sofort und Hermine und Ron warfen sich viel sagende Blicke zu. „Gibt es etwas Neues von Voldemort?"

Sirius' Miene verfinsterte sich unmerklich. „Das wollte ich eigentlich euch fragen. Immerhin sitzt ihr direkt unter Professor Dumbledores Nase und nicht in diesem gottverdammten Haus. Sogar in der Höhle in Hogsmeade hatte ich mehr Kontakt zur Außenwelt!"

„Du übertreibst es! Ich weiß ganz genau, dass du den Tagespropheten bekommst und dass die Treffen des Ordens bei dir stattfinden!" Sirius blickte etwas schuldbewusst drein.

„Schon möglich..."

„Und außerdem sagt Dumbledore uns gar nichts. Seit dem ersten Treffen der Todesser zu Schuljahresbeginn ist nichts passiert." Harry seufzte frustriert und fuhr sich erneut mit der Hand über die Stirn.

„Ist alles in Ordnung, Harry?" Anscheinend hatte nicht nur Hermine die Bedeutung dieser Geste verstanden, denn der ehemalige Askaban-Häftling sah seinen Patensohn besorgt an und verfluchte es garantiert nicht zum ersten Mal, dass er nicht zu ihnen kommen konnte.

„Es geht mir bestens!", erwiderte Harry leicht gereizt klingend. „Lasst uns über was anderes reden, ja? Es ist Weihnachten und dieses Thema frustriert mich."

Hermine straffte ihre Haltung und holte einmal tief Luft. Frustration war nicht unbedingt das, was sie als erstes beim Gedanken an Voldemort empfand und dass Harry so abrupt das Thema abgelehnt, nachdem er es doch begonnen hatte, irritierte sie.. „Wie... ähm... geht es Seidenschnabel?", fragte sie schließlich in die entstandene Stille hinein und hoffte, dass die Stimmung sich dadurch etwas lockern würde.


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Tatsächlich hatten sie danach noch einige Zeit ihren Spaß mit Sirius – er erzählte ihnen von Seidenschnabels neuer Vorliebe für Zaubererwackelpudding, der im Mund seinen Geschmack verändert und mit dem man so mit einem Bissen bis zu fünf verschiedene Geschmacksrichtungen kosten konnte – und alle vermieden es konsequent, das Thema auf Voldemort oder ähnlich verfängliche Gebiete zu lenken. Zumindest an Weihnachten wollten sie sich auf andere Dinge konzentrieren und dass ihnen dies wirklich gelang, überraschte alle ein wenig.

„Es tut mir Leid, Harry, aber ich muss jetzt gehen." Sirius sah ihn bedauernd an und Harry nickte verständnisvoll.

„Ist schon gut. Wir sehen uns bestimmt bald, oder? Im Kamin, meine ich..." Er umklammerte mit beiden Händen sein Knie und Hermine glaubte zu sehen, wie seine Finger leicht zitterten.

„Sicher. Wir müssen nur aufpassen, dass es nicht auffällt." Sirius lächelte.

„Okay."

Der Abschied danach fiel recht kurz aus und Hermine spürte selbst etwas Bedauern, als der Mann aus den Flammen verschwand. Die Stimmung schien auf einmal wieder sehr viel kälter und gedrückter zu sein als zuvor.

Doch lange konnte sie sich dieser Erkenntnis nicht hingeben, denn Harry presste neben ihr beide Handballen fest gegen seine Stirn und ließ ein schmerzerfülltes Stöhnen hören.

„Harry, was ist los?" Sie kämpfte sich auf die Knie und ignorierte das protestierende Kribbeln in ihren eingeschlafenen Beinen, während sie versuchte, Harrys Hände von seinem Gesicht zu ziehen.

„Holt Dumbledore!", murmelte er heftig atmend und Hermine starrte ihn fassungslos an.

„Wie lange tut dir die Narbe schon so weh?", fragte sie dann, anstatt seiner Anweisung zu folgen.

„Lange genug! Hermine, bitte..." Er sackte nach hinten gegen den Sessel und Ron packte ihn rasch an der Schulter, damit er nicht mit dem Kopf gegen die Kante schlug.

„Hol' Dumbledore, Hermine! Und am besten Madame Pomfrey gleich dazu!", bat nun auch Ron und Hermine nickte mit heftig schlagendem Herzen, als sie die pure Angst in den aufgerissenen Augen ihres Freundes sah.

Rasch machte sie sich auf den Weg, hörte nicht auf die empörten Rufe der Fetten Dame – „Wenn du schon mitten in der Nacht durchs Schloss geisterst, mach wenigstens die Tür hinter dir zu!" – und lief geradewegs zu Professor Dumbledores Büro.

Nur wenige Minuten später stand sie außer Atem vor dem steinernen Wasserspeier und versuchte sich an das Passwort zu erinnern. Sie drehte sich um in der Hoffnung, das Porträt an der gegenüberliegenden Wand würde ihr erneut helfen. Doch der alte Mann darin war mitsamt seinem Schwert verschwunden. Eine alte Eiche stand verlassen in dem Bild. „Na gut", murmelte sie. „Einen Versuch ist es wert. Pomer Peanuts!", sagte sie laut und deutlich. Doch das Passwort hatte ganz sicher schon vor einer ganzen Weile verändert.

„Verdammter Mist!", fluchte sie leise und lief nervös auf und ab.

Süßigkeiten... Professor Dumbledore liebt Süßigkeiten.

„Ähm... Zuckerfederkiel?" Nichts geschah. „Saure Drops?" Wieder keine Reaktion. „Nun komm schon! Ich hab keine Zeit für diesen Firlefanz!" Wütend schlug sie mit der flachen Hand gegen die Wand neben dem Wasserspeier und sprang überrascht einen Schritt zurück, als der Durchgang sich öffnete. „Firlefanz? Das muss ich mir merken."

Nicht sicher, ob das wirklich das Passwort war oder ob Professor Dumbledore bloß ein Einsehen gehabt hatte, wollte sie auf die Treppe nach oben treten und erschrak heftig, als der Schulleiter bereits vor ihr stand. „Was kann ich zu so später Stunde für Sie tun, Miss Granger?", fragte er ruhig und offensichtlich irritiert.

„Harry! Seine Narbe... im Gemeinschaftsraum", stammelte sie zusammenhanglos, doch Professor Dumbledore schien diese Auskunft zu reichen, denn er rauschte ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei und machte sich auf den Weg.

„Holen Sie Madame Pomfrey hinzu!", wies er sie über die Schulter hinweg an und Hermine nickte flüchtig.


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Als sie einige Minuten später im Krankenflügel ankam, brannte ihre Lunge und sie verfluchte die Treppen in Hogwarts.

Wenn die Zaubererwelt angeblich so fortschrittlich ist, warum hat sie noch nie was von Fahrstühlen gehört?

Ausgerechnet jetzt, wo sie es wirklich eilig hatte, hatten sich die Treppen in der Haupthalle in die unmöglichsten Richtungen verbaut und führten nicht dorthin, wo sie hin wollte. Sie hätte schwören können, im dritten Stock gewesen zu sein. Doch nachdem sie zwei Treppen nach oben gestiegen war, fand sie sich im Gang zum Klassenraum des Muggelstudiums wieder – also im Erdgeschoss. Zu ihrer grenzenlosen Frustration war ihr auch noch Peeves über den Weg geschwebt und hatte es äußerst amüsant gefunden, die langen Teppichläufer unter ihren Füßen wegzuziehen, so dass sie schließlich verzweifelt am Hals einer alten Rüstung gehangen hatte. Eine große Schramme in ihrem Gesicht war Beweis dieser wenig eleganten Vorstellung.

Verdammter Poltergeist!

„Miss Granger, was ist denn mit Ihnen passiert?", fragte die Medihexe, als sie im Morgenmantel aus ihrem Büro kam, dieses Mal wesentlich ruhiger als zu Schuljahresbeginn.

Hermine schüttelte den Kopf. „Harry... Gemeinschaftsraum..." Und stützte sich keuchend am Türrahmen ab.

„Was ist mit ihm? Setzen Sie sich erstmal!" Sie führte die Schülerin zu einem der Betten und Hermine setzte sich nur widerwillig. Mit einem Schlenker des Zauberstabes war ihre Schramme verheilt und Madam Pomfrey sah sie abwartend an.

„Sie müssen dorthin! Seine Narbe... Professor Dumbledore ist auch dort", schaffte sie es dann endlich, eine zusammenhängende Nachricht zu formulieren und war erleichtert, als diese ihre Wirkung nicht verfehlte.

Ich werde besser! Wer braucht schon Klassenräume?

Madame Pomfrey holte eilig ihre Tasche und blieb dann mit einem mahnenden Blick noch kurz vor Hermine stehen. „Sie bleiben noch sitzen und erholen sich, verstanden?"

Die Angesprochene nickte und beobachtete, wie Madame Pomfrey verschwand. Es gefiel ihr allerdings nicht im Mindesten. Sie wollte wissen, was mit Harry war und was das alles zu bedeuten hatte.

Tief durchatmend stand Hermine auf und ging zu einem der Fenster hinüber. Die Ländereien und damit der hell glitzernde Schnee wurden von den wenig erleuchteten Fenstern des Schlosses erhellt und ihr Blick fiel auf die Grenze des Geländes.

Voldemort. Todesser. Professor Snape!

Die Unruhe in Hermines Körper verstärkte sich. Wenn Harrys Narbe so sehr schmerzte, musste Voldemort wirklich schlechte Laune und sehr viel überschüssige Energie haben. Was war, wenn Professor Snape dies alles abbekam und doch wieder so schwer verletzt zurückkehrte wie zu Beginn des Schuljahres? Was war, wenn Voldemort ihn als Spion enttarnt hatte?

Einmal kurz gucken kann ja nicht schaden... Zumal Harry bestimmt ohnehin gerade von ausreichend Personen umsorgt wird.

Obwohl ihre Beine sich wehrten und sie zuerst kaum tragen wollten, machte Hermine sich erneut auf den Weg quer durch das Schloss, nun allerdings mit dem Ziel Eingangshalle, Ländereien und schließlich die Grenze des Schulgeländes.

Dieses Mal waren ihr die Treppen wohl gesonnen und als sie erhitzt und schwitzend aus der Eingangshalle ins Freie trat, schlug ihr die kalte Dezemberluft angenehm entgegen. Die ersten Minuten bemerkte sie nicht, dass sie viel zu dünn angezogen war und in ihren bequemen Hausschuhen schon bald kalte Füße bekam. Als sie an der Stelle ankam, wo sie Professor Snape das erste Mal gefunden hatte, wurde ihr dies alles bewusst.

Es war niemand hier. Kalter Wind pfiff durch die kahlen Äste der Bäume und ein paar einsame Schneeflocken wirbelten vom Zaun. Hermine stand bis zu den Schienbeinen in einer Schicht Neuschnee und ihre Blicke tasteten hastig die Umgebung ab. Im Schnee waren Fußspuren deutlich zu erkennen. Doch sie führten nur zum Zaun hin und nicht wieder zurück zum Schloss. Es war ein Leichtes, ihre eigenen Spuren von den größeren eines Mannes zu unterscheiden und dies bestärkte sie in der Vermutung, dass es ein weiteres Treffen gegeben hatte.

Noch während sie überlegte, ob sie in dieser Kälte warten und eine Lungenentzündung riskieren sollte, ploppte es zum zweiten Mal an diesem Abend neben ihr und sie sah sich einem in schwarze Umhänge gehüllten Professor Snape gegenüber, der sie, nachdem er sie entdeckt hatte, scharf ins Visier nahm. In seiner Hand hielt er eine Maske, die er zweifelsohne kurz zuvor noch getragen hatte, und Hermine wünschte sich, er würde es auch jetzt noch tun. Seine Blicke waren kälter als der Schnee, der langsam an ihren Knöcheln schmolz und in ihre Kleidung sickerte, und er schien wirklich wütend zu sein.

„Was zum Teufel tun Sie hier, Miss Granger?" Er duckte sich unter dem Zaun hinweg und fasste sie grob am Oberarm.

„Ich..." Sie wusste absolut nicht, was sie darauf antworten sollte. Was tat sie hier eigentlich? Sich um einen Lehrer sorgen? Noch dazu um Snape? Sie konnte allerdings auch schlecht behaupten, sie würde sich die Beine vertreten. „Ich... ä-ähm... Harry ist... also... zusammengebrochen und ich... wollte sehen, ob alles in Ordnung ist."

Oh ja, das wird ihn überzeugen!

„Nun, ich denke kaum, dass Mister Potter irgendwo hier auf den Ländereien liegt, oder?" Seine schnarrende Stimme ließ sie ein Stück kleiner werden und Hermine schluckte.

„N-Nein, Professor Snape", gab sie dann leise zu und spürte, wie sich der Griff um ihren Oberarm lockerte.

„Dann werden Sie es sicher auch verstehen können, dass ich Gryffindor für diese Aktion fünfzig Punkte abziehen werde. Sie haben absolut keinen Grund, um diese Uhrzeit hier draußen zu sein, Miss Granger! Haben wir uns verstanden?"

Hermine wich ein Stück zurück, als er sich etwas zu ihr herabbeugte. Ein paar weiße Punkte hatten sich in seinen Haaren verteilt und seine Nase glänzte rötlich kalt. „Ja, Sir. Ich..."

„Was?", unterbrach er sie unwirsch und funkelte sie mit wütenden Augen an.

Hermine hasste es, dass er ihr mit diesem Blick Angst machen konnte und straffte ihre Haltung. Sie kratzte allen Mut zusammen und verengte ihre Augen, ehe sie Professor Snape ihre Beweggründe an den Kopf warf: „Ich hatte Angst, dass Voldemort Ihnen etwas angetan haben könnte und da sich das ganze Schloss gerade um Harry kümmert, hielt ich es für angemessen, nach Ihnen zu sehen. Das ist alles! Sir!"

Professor Snapes Unterkiefer mahlten. „Das ist nicht Ihre Aufgabe!"

„Ich weiß! Aber Sie kennen mich doch, Professor! Ich übernehme gerne Extra-Aufgaben!"

Oh-oh! Blödes, vermaledeites, vorlautes Mundwerk! Verdammt...

„Noch einmal zwanzig Punkte Abzug für Gryffindor! Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie ins Schloss zurückkommen! Sollte ich Sie noch ein einziges Mal nachts hier auf den Ländereien erwischen, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie der Schule verwiesen werden. Ist das klar?" Seine Stimme war immer lauter geworden und Hermine musste mit ihrer Beherrschung kämpfen, um nicht vor ihm in Tränen auszubrechen.

„Ja, Sir!", antwortete sie deswegen kurz und ließ sich ohne weitere Widerworte von ihm zurück ins Schloss führen. Zu ihrer Erleichterung bog er in den Gang zu den Kerkern ein und überließ es ihr, alleine zurück in den Gryffindorturm zu gehen. Anscheinend hatte sie es damit überstanden.


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Harry saß in einem der Sessel vor dem Kamin, direkt gegenüber von Professor Dumbledore. Madam Pomfrey wuselte um ihn herum und versuchte den Dunkelhaarigen zu untersuchen, was ihr allerdings nicht sehr leicht fiel. Harry berichtete Professor Dumbledore, was geschehen war und was er gesehen hatte, und wurde ständig von der Medihexe unterbrochen.

„Es geht mir gut!", keifte er in dem Moment, in dem Hermine den Gemeinschaftsraum betrat, und Madam Pomfrey blieb erschrocken stehen. Hermine hatte wohlweislich ihre Klamotten noch im Gang getrocknet und musste nun nur gegen den Drang zu zittern ankämpfen. Sie wollte nicht, dass jemand bemerkte, wo sie gewesen war. Dass Professor Snape ihr siebzig Hauspunkte abgezogen hatte, musste als Strafe reichen.

Sie sah sich nach Ron um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Deswegen setzte sie sich leise in einen Sessel zu Harry und Professor Dumbledore und gab sich Mühe, Madame Pomfrey nicht im Weg zu stehen.

In diesem Moment beendete diese ihre Untersuchung und verabschiedete sich von Professor Dumbledore. Ihre Blicke lagen für einen Moment missbilligend auf Harry und wanderten dann flüchtig zu Hermine. Diese lächelte ihr beruhigend zu, was sie dann dazu veranlasste, den Raum zu verlassen.

Als sowohl Harry als auch Professor Dumbledore trotzdem schwiegen, räusperte Hermine sich und der Schulleiter sah sie fragend an. „Wo ist Ron?", erkundigte sie sich vorsichtig und zog die Beine auf die Sitzfläche.

Professor Dumbledore senkte den Blick. „Professor McGonagall hat ihn zu seinem Vater gebracht." Ein ungutes Gefühl der Angst breitete sich in Hermine aus. „Mr Weasley wurde im Zaubereiministerium angegriffen und schwer verletzt."

Sie keuchte. „Nein!"

„Er lebt, Hermine", murmelte Harry leise, sah sie dabei jedoch nicht an.

„Hast du... es gesehen?", fragte sie atemlos und ihr Freund nickte.

„Das und noch andere Dinge..." Er verfiel erneut in Schweigen und Hermine wagte es nicht, weiter nachzufragen.

„Es fand also ein Treffen der Todesser statt", hakte Professor Dumbledore deswegen weiter nach und Harry nickte, einmal tief durchatmend.

„Ja. Sie waren alle da, der gesamte Kreis."

„Woher weißt du das?"

„Ich habe es gespürt. Voldemort war sehr zufrieden. Er hatte alle seine Anhänger bei sich." Harry hob den Kopf ein Stück an und schenkte Professor Dumbledore einen eindringlichen Blick. Dieser nickte und bedeutete ihm weiterzusprechen. „Er wollte, dass alle mitansehen, was er mit Verrätern macht. Er hat einen von ihnen gefoltert und... getötet." Harrys Stimme stockte. „Dann machte er sich auf den Weg zu Mr Weasley..."

Hermine spürte, wie der Raum sich zu drehen begann und schloss die Augen, froh, dass sie bereits saß.

Deswegen ist Professor Snape so gereizt gewesen.

Die bittere Erkenntnis verursachte eine nagende Übelkeit in ihrem Magen und das fein säuberlich zurechtgelegte Gefühl von Hass und Abscheu, das sie ihm und seinem Verhalten gegenüber aufgebaut hatte, zerfiel langsam zu einem nichtigen Haufen.

„Weißt du, wer der Verräter war?", fragte Professor Dumbledore nun alarmiert und richtete sich etwas auf.

Sie musste sich davon abhalten, ihm zu sagen, dass es nicht Professor Snape war. Niemand sollte wissen, dass sie dort unten gewesen war.

„Nein. Ich habe den Namen nicht verstanden und die Stimme... Ich kannte die Stimme nicht."

Die Übelkeit wuchs. Die Vorstellung, hilflos mit ansehen zu müssen, wie ein Spion aus ihren Reihen gefoltert und getötet wurde, keine Regung zeigen zu dürfen oder zu können, ließ ihre Eingeweide sich zusammenziehen. Und dabei dachte sie sowohl an Harry, als auch an Professor Snape.

Professor Dumbledore nickte nur und nachdem es eine Zeit lang still geblieben war, erhob er sich und fasste Harry kurz an der Schulter. „Ich danke dir, Harry. Du solltest jetzt etwas schlafen. Madam Pomfrey hat dir eine Flasche mit dem Trank für traumlosen Schlaf hier gelassen." Der Dunkelhaarige nickte kurz und mit einem Nicken zu Hermine verließ der Schulleiter den Gemeinschaftsraum.

Hermine löste sich aus ihrem Sessel, als das Portrait sich hinter Professor Dumbledore geschlossen hatte, und ging zu Harry hinüber. Sie hockte sich neben ihn. „Wie geht es dir?", fragte sie mit leiser Stimme und versuchte ihre zitternden Hände zu ignorieren.

Harry zuckte mit den Schultern. „Ich mache mir Sorgen um Mr Weasley." In seinen Worten lagen die unterschwelligen Vorwürfe, die er sich selbst machte. Seine Narbe musste zweifellos schon den ganzen Tag über geschmerzt haben, mindestens aber seit dem Abendessen.

„Es ist nicht deine Schuld, Harry. Du hättest nichts daran ändern können", versuchte sie ihn zu beruhigen, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Ich hätte etwas sagen müssen."

„Du wusstest doch selbst nur, dass möglicherweise ein Treffen stattfinden würde! Das wusste Professor Snape auch! Ich bin sicher, er hat es Professor Dumbledore gesagt." Sie fasste ihn bei den Händen.

„Ich war dabei, Hermine..." Ein leises Flüstern und eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. „Es fühlte sich so an, als hätte ich es getan."

„Das hast du aber nicht!" Es war furchtbar, Harrys Selbstvorwürfe derart hilflos beobachten zu müssen. Seine Finger waren kalt unter ihren und er sah müde und blass aus. „Du solltest etwas schlafen, Harry."

Er zog seine Hände zurück und schüttelte vehement den Kopf. „Ich muss auf Ron warten. Ich muss wissen, wie es Mr Weasley geht."

Dem konnte sie nichts entgegensetzen und so nickte sie lediglich und setzte sich neben Harry auf die Couch.


oOoOo


Ron kehrte im Morgengrauen zurück. Harry war zwischendurch immer wieder eingeschlafen, jedoch jedes Mal nach wenigen Minuten wieder aufgewacht. Und jedes Mal schien er ein bisschen blasser geworden zu sein.

„Ron!" Hermine sprang auf und schloss ihren Freund kurz in die Arme. Der Schock stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben. „Wie geht es deinem Dad?"

Ron zuckte mit den Schultern und ging quer durch den Raum. Ohne auf Harry zu achten, der aufgestanden war, setzte er sich und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. „Er liegt noch im Koma, aber er wird wieder gesund", antwortete er schließlich und sowohl Harry als auch Hermine atmeten auf.

„Es tut mir so Leid", flüsterte Harry betreten, doch schüttelte den Kopf.

„Du kannst nichts dafür." Es klang jedoch nicht so, als würde er seinen eigenen Worten Glauben schenken. „Es war Du-weißt-schon-wer."

Hermine schluckte schwer. Es tat ihr weh, ihre beiden Freunde so zu sehen. „Wir sollten schlafen gehen. Wir sind alle müde", zwang sie sich deswegen zu sagen und Ron nickte bereitwillig. Harry nicht, doch er fügte sich den anderen.

Als sie dann endlich im Bett lag, wischte sie rigoros alle Gedanken zur Seite. Weder Professor Snape, noch Mr Weasley, Ron oder Harry schafften es, sich lange genug durchzusetzen. Und so schlief sie bald darauf ein.


TBC…


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