°hektisch reinschnei° Eigentlich hab ich heute überhaupt keine Zeit, weil ich morgen für eine Woche zur überbetrieblichen Ausbildung muss und noch so viel zu erledigen ist... Deswegen gab es auch keine Antworten auf die Reviews, aber ich hab mich natürlich über jedes einzelne gefreut! Dankeschön!
Und da ich euch nicht ohne ein letztes Kapitel vor der Pause sitzen lassen wollte, muss ich mich heute mal kurz fassen. °ihre ansprache anguckt° Na ja, oder so ähnlich. Jedenfalls gibt es am Mittwoch kein Update, Sonntag weiß ich es noch nicht genau. Wenn ihr liep seid, raffe ich mich abends zwischen Koffer auspacken und Schulkrams sortieren vielleicht dazu auf. ;)
Btw, wer bis dahin Beschäftigung braucht, klicke hier: http:// www. fanfiction. net/s /3723052 /1/
Nun aber erstmal viel Spaß beim nächsten Kapitel!


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We can't cry the pain away.
We can't find a need to stay.
There's no more rabbits in my hat to make things right.

(Sunrise Avenue – Fairytale gone bad)


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Kapitel 52 – Der verlorene Sohn

Am nächsten Abend kam Hermine früher als sonst hinunter in die Kerker. Sie hatten Aufgaben für Zaubertränke aufbekommen, von denen sie wusste, dass sie sie am besten mit Severus' Büchern lösen konnte. Sie wusste sogar, in welchen Büchern sie suchen musste, um ihre Antworten zu bekommen. Und da sie ohnehin beginnen wollte, einen Zauberspruch mit dem Trank zu kombinieren, hatte sie ihre Unterlagen zusammen gesucht und war – von den anderen unbemerkt – in die Kerker verschwunden.

Sie klopfte inzwischen schon mit einer beinahe beängstigenden Routine an die Tür zu seinem Büro und versuchte, nicht allzu lässig auszusehen. Viele Schüler kamen in diesen sehr abgelegenen Teil der Gänge zwar nicht mehr, aber sie wollte dennoch nichts riskieren.

Wer weiß, wo Peeves oder Mrs Norris sich rumtreiben...

Zu ihrer Überraschung war Severus nicht da. Mehrmals klopfte Hermine, doch niemand öffnete ihr. Sie zögerte nur einen kurzen Moment, dann zückte sie ihren Zauberstab und löste die Banne auf, die er zum Schutz über seine Türen gelegt hatte. So oft hatte sie beobachtet, wie er dies tat, dass es inzwischen kein Problem mehr für sie war, es selbständig zu tun.

Zögerlich betrat sie das Büro und sah sich um, inspizierte sogar seine privaten Räume, doch er war wirklich nicht da. Also entzündete sie ein Feuer im Kamin, ging zum Bücherregal hinüber und suchte sich heraus, was sie brauchte. Dann machte sie es sich im Sessel bequem und begann zu arbeiten.


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Stunden verbrachte sie in Severus' Büro und wunderte sich mehr als einmal darüber, wie wohl sie sich in diesen Räumen mittlerweile fühlte. Noch vor einem Jahr wäre dies undenkbar gewesen; die unterdrückten Gefühle, die sie damals für ihn gehegt hatte, hätten sie um den Verstand gebracht. Außerdem hätte sie jeden Moment damit gerechnet, dass sie aus irgendeiner Ecke etwas ansprang, weil er seine Räume möglicherweise durch mehr als ein paar Banne an der Tür geschützt hatte.

Dass dem nicht so war, verwirrte sie nach wie vor.

Denn natürlich trugen auch diese Räume, so wenig persönlich sie auch eingerichtet sein mochten, seine ganz eigene Note. Die sture Ordnung, die klaren Linien und das dunkle Holz schienen so sehr Severus zu sein, dass sie manchmal glaubte, die Einrichtung selbst würde auf eine verdrehte Art leben (sie wartete manchmal sogar darauf, dass das Bücherregal irgendeine sarkastische Bemerkung von sich gab). Und über allem hing der ihr inzwischen so vertraute Geruch von Sanddorn.

Das Feuer war mittlerweile zu einem leicht schwelenden Häufchen am Boden des Kamins verkommen, doch es hatte den Raum soweit aufgeheizt, dass Hermine es nicht für nötig hielt, es allzu bald noch einmal anzufachen. Sie hatte ihr Buch zur Seite gelegt, als ihre Konzentration allmählich schwand, und beobachtete nun schläfrig und mit ihren Leistungen zufrieden die Reste des Feuers. Zwar war sie bei dem Problem mit dem Dunklen Mal noch nicht weitergekommen, aber sie hatte in ihrem Aufsatz für Zaubertränke einige Abstecher in verwandte Themen gemacht, die zum einen interessant waren und zum anderen sicherlich einen positiven Effekt auf die Beurteilung haben würden. Zumindest bei Professor Slughorn. Severus hätte ihr deswegen rigoros Minuspunkte angestrichen. Hermine lächelte schläfrig.

Diese neue Situation hat definitiv auch was für sich.

Beinahe wäre sie eingeschlafen, wäre dem Ruf der fremden Welt gefolgt, die ihr vor nicht allzu langer Zeit ihre Klauen gezeigt hatte. Doch nur zwei Sekunden später war sie mit einem Schlag hellwach.

Die Tür zum Büro flog laut auf und wurde kurz darauf noch sehr viel lauter wieder ins Schloss gestoßen. Severus war hereingerauscht, hatte sich den Umhang vom Körper gerissen und auf seinen Schreibtisch geworfen, so dass sich ein Schauer aus Blättern und Unterlagen über den Boden verteilte.

Bebend stand er einige Momente im Zimmer, dann ging er zum Bücherregal und begann, wild die alten und sonst so wohl gehüteten Werke herauszureißen und auf dem Boden zu verteilen. Er war offensichtlich auf der Suche nach einem bestimmten Buch und als er dieses gefunden hatte, blätterte er es mit Hilfe seines Zauberstabes durch, fuhr mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang und warf es schließlich mit einem ungehaltenen Knurren zu den anderen auf den Boden. Flaschen mit Tränken und Zutaten folgten, aus einigen zufällig entstandenen Reaktionen stiegen bald kleine Rauchschwaden auf, andere ätzten Löcher in den Boden und von einigen wenigen stiegen sogar lustig tanzende Funken auf, die er allerdings mit dem Fuß zertrat.

Ungehalten und wütend gab er halb grunzende, halb schreiende Laute von sich und verwüstete alles, was ihm unter die Finger kam. Aus einem Regal riss er ein paar Glaskugeln hervor, die laut auf dem Boden zerbarsten. Kleine Figuren stiegen aus den Scherben empor und tanzten singend durch die Luft („He's got the whole world in his hands, he's got the whole world in his hands..."), was Hermine vermuten ließ, dass er sich diese Kugeln nicht selbst zugelegt hatte.

Sie beobachtete das Geschehen vom Sessel aus. Das Möbelstück stand mit dem Rücken zum Raum und so konnte sie sich dahinter verstecken. Nur ihr Gesicht blitzte halb hervor und sie wagte zu bezweifeln, dass Severus ihre Anwesenheit bemerkt hatte. Vermutlich war das auch besser so.

Minutenlang riss er alles aus den Regalen, von Tischen und Ablagen und ein munteres Chaos entstand auf dem Fußboden („Hush little Baby, don't say a word..."). Zutaten flossen, rollten und sprangen ineinander, die verrücktesten Explosionen und Metamorphosen bildeten sich und Hermines Augen wurden immer größer, während sie die Raserei des Mannes beobachtete(„It's not easy being green...").

Irgendwann blieb er heftig atmend und mit rotem Gesicht mitten im Zimmer stehen, stemmte die Hände in die Seiten und schloss die Augen. Hermine schluckte und zog dann vorsichtig ihren Zauberstab hervor. Vom Sessel aus ließ sie erst diese seltsamen Figuren und den Gesang mit einem geflüsterten „Finite Incantatem!" verstummen, ehe sie die Bücher aus der Unordnung hob, reparierte und wieder im Regal verstaute. Sie erinnerte sich daran, dass sie selbst einmal ein solches Durcheinander veranstaltet hatte, doch damals hatte sie unter dem Einfluss des Trankes gestanden, der ihre Gefühlswelt so gestalten sollte, wie sie es gerne gehabt hätte.

Erst als bereits die Hälfte der Bücher wieder im Schrank stand, schlugen zwei Flaschen so ungünstig zusammen, dass Severus die Augen öffnete und sich verwirrt umsah – dass er das Verstummen der sehr schräg klingenden Musik gar nicht bemerkt hatte, ließ Hermines Sorge um ihn noch steigen. Nun dauerte es allerdings nicht mehr lange, bis er sie entdeckte. Und in dem Moment wünschte Hermine sich, sie wäre niemals hereingekommen.

„Was tust du hier?", schnappte er und die vorher zumindest wieder halbwegs beherrschte Wut brach erneut hervor.

Hermine antwortete nicht, sondern stand lediglich auf und stellte sich vor die Rückenlehne des Sessels. Nun war es zu spät, um zu gehen und so konnte sie sich seinem Zorn auch ganz stellen. Sie kannte ihn inzwischen recht gut; wenn er in dieser Stimmung war, war es schlauer, sich ihm hinzugeben, als dagegen anzugehen.

„Antworte mir!", setzte er so laut und gereizt hinterher, dass ein paar Speicheltropfen durch die Luft flogen und Hermine erschrocken zusammenzuckte.

„Ich brauchte einige deiner Bücher für meine Hausaufgaben und habe dann wegen des Mals recherchiert", erwiderte sie ruhig und diese Gelassenheit, die sie in ihre Stimme legte, schien seinen Zorn noch mehr anzustacheln.

„Wie kannst du es wagen, ohne meine Erlaubnis in meine Räume einzudringen?" Er stürmte auf sie zu und für einen Moment glaubte Hermine, er würde sie grob herumreißen, doch er blieb direkt vor ihr stehen.

„Ich habe nicht gewusst, dass es dich stört. Es tut mir Leid." Allmählich fiel es ihr schwer, die Ruhe aufrecht zu erhalten. „Was ist passiert, Severus?"

„Das geht dich gar nichts an!" Seine Stimme schien die Lautstärke, die er gerne erreichen wollte, nicht herzugeben. Sein Gesicht hingegen erreichte immer neue Tiefen von Rot und sie konnte die Adern an seinem Hals unheilverkündend pochen sehen. „Und jetzt verschwinde!" Seine Hand deutete zur Tür. „Raus!", setzte er dann noch einmal hinterher, als Hermine einfach stehen blieb.

Sie straffte ihre Haltung und auch, wenn sie wirklich ruhig hatte bleiben wollen, schaffte sie es nun nicht mehr. „Nein!", keifte sie ungehalten zurück und starrte ihn wütend an. „Ich werde nicht gehen! Und jetzt sag mir endlich, was passiert ist."

„Ich muss mich vor dir nicht rechtfertigen!"

„Ich will auch keine Rechtfertigung, ich will wissen, was dich so wütend macht!"

„Du!", antwortete er, kaum dass sie ihre Forderung fertig ausgesprochen hatte. „Du und deine Neugier! Du und deine penetrant nervende Art! Dass du einfach immer da bist und glaubst, alles sei in Ordnung!" Zwischen all diesen Anschuldigungen, von denen jede einzelne Hermine wie ein Schlag ins Gesicht traf, rutschte seine Stimme mehrmals ab und klang dadurch bisweilen eher leidend und verzweifelt, als wirklich wütend.

Heiliger Hippogreif, was ist bloß mit dir passiert, Severus?

Sie klammerte sich gedanklich an diesem Schwanken seiner Tonlage fest. Sie würde nicht gehen, ehe er ihr nicht gesagt hatte, was geschehen war. Angst und Wut seinem sturen Verhalten gegenüber trieben ihre eigene Stimme zu Lautstärken an, die sie sonst nicht von sich kannte. Deswegen kiekste sie leicht, als sie sagte: „Das glaube ich dir nicht, Severus. Hör endlich auf, mir ständig wehzutun!"

„Dann hör auf mich zu nerven!", setzte er ihr entgegen und der Hass in seinem Blick schien immer weiter zuzunehmen. „Hör auf, deine zickigen Launen an mir auszulassen!"

Hermine schnaubte empört. „Bastard!", schleuderte sie ihm aufgebracht entgegen.

Im nächsten Moment riss er seine Hand hoch und wollte sie schlagen, was Hermine nur verhindern konnte, indem sie reflexartig nach seinem Handgelenk griff. Ungebändigte Kraft traf in ihre Handfläche und sie keuchte entsetzt auf. Starr vor Schreck fixierte sie, was sie verhindert hatte, dann flogen ihre Blicke zu Severus' Gesicht. Er schien ebenso schockiert wie sie selbst.

„Was soll das, Severus?", fragte sie anklagend, hielt seinen Arm nach wie vor fest. Die Kraft dahinter war noch immer zu groß. „Wolltest du mich wirklich schlagen? Willst du mir jetzt auch noch so wehtun?"

Seine erhobene Hand zitterte und allein das gab Hermine die Hoffnung, dass die ganze Situation sich irgendwie auflösen würde.

„Ja!", sagte er, doch der Nachdruck fehlte. „Bei Merlin, ja...", fügte er dann noch hinzu und seine zitternde Hand ballte sich zu einer Faust, die Kraft wich aus seinem Arm.

„Warum, Severus?", fragte sie enttäuscht, während sie seinen Arm hinunter führte, ihn aber weiterhin festhielt.

„Damit du gehst! Damit du das nicht mit ansehen musst." Seine Augen zitterten, als er sie ungehalten fixierte. „Damit ich dir nicht wehtue..."

Hermine schüttelte ungläubig den Kopf. „Glaubst du nicht, es hätte am meisten wehgetan, wenn ich gegangen wäre? Glaubst du wirklich, es lässt mich kalt, wenn du selektierst, wann ich bei dir willkommen bin und wann nicht? Es tut weh, Severus, wenn du mich aus Teilen deines Lebens ausschließt. Wenn du mich wegschickst, wenn ich dir helfen will!" Ihre Stimme war immer leiser geworden und hatte zu zittern begonnen. Doch während in ihren Augen bereits Tränen schimmerten, spiegelten sich in seinen nur eine Rastlosigkeit wider, die sie nicht zuordnen konnte. Sie würde diesen Mann niemals weinen sehen, doch das Zittern seiner Hände, seines ganzen Körpers sagte so viel mehr.

„Schick mich nicht weg, Severus", bat sie schließlich mit leiser Stimme. „Lass mich an deinem Leben teilhaben, egal wie grausam es sein mag."

Nun endlich verschwand die Wut und machte schlichter Erschöpfung Platz. Hermine ließ sein Handgelenk los, ging die letzten Zentimeter auf ihn zu und schloss den Mann in die Arme, der sie kurz zuvor noch hatte schlagen wollen.

Er schlang beinahe hilflos seine Hände um ihren zierlichen Körper und presste sie an sich. Ein stechender Schmerz wallte durch Hermines Brust und das Atmen fiel ihr zusehends schwer, doch sie beklagte sich nicht. Er tauchte seine Nase in ihre Haare und atmete mehrmals ganz tief durch, dann wurde sein Griff irgendwann lockerer. Nach ein paar Minuten entließ er sie gänzlich daraus.

Hermine hob ihre Hand und strich zärtlich an seinem Gesicht entlang. Eine feine Schweißschicht stand darauf und sie legte den Kopf schief. „Setz dich hin, ich mach uns einen Tee", wies sie ihn sanft an und er fügte sich mit einem schlichten Nicken. Dann wandte sie sich um und ging in die kleine Küche.

Dort angekommen schaffte sie es nicht mehr, die Stärke ihren Körper aufrecht halten zu lassen. Mit einer Hand erstickte sie ein Schluchzen, mit der anderen stützte sie sich hart auf der Arbeitsplatte auf. Unkontrolliertes Zittern ergriff ihren Körper und mehrere Minuten lang kämpfte sie um die Selbstbeherrschung, mit der sie ihm gleich entgegen treten wollte.

Er hätte sie geschlagen. Hätte sie seine Hand nicht aufgehalten, hätte er es wirklich getan. Allein dieses Wissen war schwerer zu ertragen als jede Ohrfeige.

Doch er hatte sie gewarnt. Er hatte ihr gesagt, dass er kein netter Mann war und sie hatte sich dennoch nicht von ihrem Wunsch abbringen lassen, mit ihm zusammen zu sein. Und so war es auch immer noch. Er hatte sie bloß auf dem falschen Fuß erwischt…

Reiß dich zusammen!

Einige Minuten später hatte sie sich wieder unter Kontrolle und beschwor eine Kanne Tee herauf. Dann suchte sie zwei Tassen aus dem Küchenschrank, atmete noch einmal tief durch und kehrte in das Büro ihres ehemaligen Lehrers zurück. Es wurde Zeit, dass er ihr sagte, was eigentlich passiert war.


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Lange Zeit saßen sie einfach schweigend vor dem Kamin, in dem Hermine das Feuer nun doch neu entzündet hatte. Die Zeit, die sie in der Küche für sich gebraucht hatte, hatte Severus genutzt, um sein angerichtetes Durcheinander wieder zu ordnen und zu ihrer Überraschung sah das Büro genau so aus wie zuvor. Sogar die Zutaten und Tränke, die er zerstört hatte, standen wieder heil an ihrem angestammten Platz; nur die Glaskugeln hatte er dezent verschwinden lassen.

Hermine gab ihm nun Zeit, auch seine Gedanken zu ordnen. Sie wusste – oder hoffte – dass er mit ihr reden würde, wenn er soweit war.

„Ich war im Sankt Mungo", begann er schließlich mit leiser Stimme und sein Daumen strich offenbar unbemerkt von ihm über die glatte Oberfläche der Tasse.

„Was wolltest du dort?"

„Ich habe Draco besucht." Seine Blicke hoben sich und mit hochgezogenen Augenbrauen sah er sie abwartend an.

Diese Nachricht ließ Hermine kurz schwanken. Sie hatte schon öfters mit dem Gedanken gespielt, Draco besuchen zu gehen. Immerhin war sie Schuld daran, dass er keinen Vater mehr hatte. Doch sie war jedes Mal zu dem Schluss gekommen, dass sie nur ihr Gewissen beruhigen wollte und das war ganz und gar nicht Dracos Aufgabe. „Ich wusste nicht, dass er noch dort ist", erwiderte sie schließlich und betrachtete ihren Tee.

„Er ist in der Psychiatrie", informierte Severus sie weiter und Hermine schloss kurz die Augen.

„Warum?" Ein entsetzter Hauch.

„Weil seine Mutter verhindern wollte, dass er nach Askaban kommt. Sie hat ihn lieber für verrückt erklärt." Severus schnaubte verächtlich.

Hermine schwieg ein paar Augenblicke, als sie sah, dass die Wut in seinen Körper zurückkehrte. „Warum nimmt dich das so mit?", fragte sie schließlich und nippte an ihrem Tee.

Severus seufzte schwer und stellte seine Tasse weg. „Draco ist mir nicht egal. Und seine Mutter ebensowenig. Ich bin nie stolz darauf gewesen, mit Lucius befreundet zu sein, doch um Draco und seiner Mutter Willen habe ich diese Freundschaft nie beendet. Ich war bei Dracos Geburt dabei. Lucius nicht."

Hermine begann zu verstehen, was Dracos Schicksal für ihn bedeuten musste. So wie es sich anhörte, war Severus mehr Vater für Draco gewesen, als Lucius es jemals hätte sein können. Dass sie im gleichen Alter wie Draco war, ignorierte sie geflissentlich. „Hast du deswegen damals den Unbrechbaren Schwur geleistet?"

Er nickte. „Ich konnte es nicht tatenlos mit ansehen, wie Lucius seinen Sohn auf den gleichen Weg führt, den auch er selbst gegangen war. Ich wollte nicht, dass Draco zu einem Mörder wird. Mehr konnte ich damals aber nicht für ihn tun. Draco hat seinen Vater abgöttisch geliebt. Er hat immer versucht, Ansehen bei ihm zu erhalten. Wirklich gelungen ist es ihm nie."

Hermine dachte an die wenigen Male, die sie Draco und Lucius Malfoy zusammen gesehen hatte. Ihr war nie aufgefallen, wie wenig sich Lucius um seinen Sohn gekümmert hat, doch als Severus es ihr nun so deutlich sagte, machte es Sinn. „Warum sagt seine Mutter nicht aus, dass er unter dem Einfluss von Lucius stand? Lucius ist tot, niemand könnte es nachweisen."

Severus lachte bitter auf. „Weil Narzissa ihren Mann ebenso geliebt hat. Er hat sie behandelt wie eine... Angestellte und sie hat es mit sich machen lassen. Niemals würde sie sein Andenken beschmutzen. Lieber liefert sie ihren Sohn an den Wahnsinn aus. Und es ist schlau, nicht wahr? Niemand weiß, was Draco getan hat, und niemand weiß, unter welchen Umständen Lucius gestorben ist. Sie kann alles so drehen, wie sie es möchte." Er machte eine Pause und die Knöchel seiner Finger wurden weiß, als er die Tasse nun festhielt. „Und es ist ihr vollkommen egal, was das für andere bedeutet", fügte er schließlich bitter hinzu und Hermine konnte die Enttäuschung aus seiner Stimme deutlich heraushören.

„Heißt das, Draco hat doch getötet?", zog sie nun wieder den Bogen hin zu Severus' Aussage, Draco würde nach Askaban kommen, wenn er aus der Psychiatrie entlassen wurde.

Severus zuckte mit den Schultern. „Er erzählt viel von den Dingen, die er angeblich für den Lord getan hat. Doch durch die Medikamente, die er bekommt, klingt das alles sehr verworren und wenig glaubwürdig. Ich habe ihn seit dem Abend, an dem der Lord ihn mit dem Frigus belegte, nicht mehr gesehen, Hermine. Ich weiß nicht, was er getan hat. Und so wie es im Moment aussieht, wird es auch niemals jemand erfahren." Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und Hermine ließ sich auf eine verdrehte Art fassungslos wieder in den Sessel zurücksinken.

Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und überlegte, ob jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt war, ihm die Frage zu stellen, die ihr auf der Zunge brannte.

Schließlich nahm Severus ihr diese Entscheidung ab: „Was willst du fragen, Hermine?" Er lächelte milde, auch wenn er sehr erschöpft aussah.

„Trägt Draco auch das Dunkle Mal?" In ihrem Blick standen all die Dinge, die sie planten und die tödlich für Draco enden könnten, wenn er das Mal wirklich schon eingebrannt bekommen hatte.

Lange Sekunden schwieg Severus, dann senkte er den Blick. „Ich weiß es nicht." Er ließ in seiner Stimme nicht deutlich werden, welche Konsequenzen er aus Hermines Erinnerung ziehen würde. Und sie würde nicht nachfragen. Trotz allem, was sie Draco angetan hatte, konnte sie keine Sorge für ihn empfinden. Reue ja, aber keine Sorge.

Hermine beobachtete Severus, der mit verbissenem Gesichtsausdruck in seinem Sessel saß und gegen die Emotionen anzukämpfen schien, die seinen Körper fluteten. Er kämpfte mit dem Verlust des Sohnes, den er nie gehabt hatte.

Schließlich stand sie auf und hielt ihm ihre Hand hin. Er sah sie irritiert an, ergriff sie dann aber ohne nachzufragen und Hermine zog ihn hinüber ins Schlafzimmer. Nur eine Kerze entzündete sie, dann begann sie ihn zu küssen, auszuziehen und zu verwöhnen.

Sie liebten sich langsam und still, gaben sich gegenseitig Halt, Geborgenheit und die Gewissheit, dass sie nicht alleine waren.

Anschließend legte Hermine sich in seinen Arm und küsste träge und zärtlich seine feuchte Brust. „Versuch nie wieder, mich wegzuschicken!", sagte sie mit ernster Stimme und malte Kreise mit ihren Fingern.

„Nie wieder", versprach er und küsste sie auf ihre Haare.

Hermine seufzte wohlig. Dann allerdings kräuselte sie ihre Nase. „Sag mal, von wem hast du eigentlich diese merkwürdigen Kugeln bekommen?"

Sie hörte ihn stöhnen. „Sie waren eines von Albus' überaus witzigen Weihnachtsgeschenken. Ich habe seit Jahren auf eine Möglichkeit gewartet, sie endlich loszuwerden. Elende Staubfänger..."

Hermine lachte leise auf. „Ich finde, sie haben die Lage recht gut erfasst. Die Lieder passten hervorragend."

„Jaah", murrte Severus lang gezogen und steckte seine Nase in ihre lockigen Haare. „Nun, das Lied, das sie jetzt singen, gefällt mir mit Abstand am besten. Wer auch immer die Stille komponiert hat, sollte noch heute zu einer Gottheit erklärt werden."

Hermine grinste, bekam sie doch Äußerungen dieser Art nur zu hören, wenn Severus bereits halb eingeschlafen war. „Ich denke, das ist er bereits", flüsterte sie sehr leise, um ihn nicht wieder aufzuwecken. Seine Antwort bestand aus einem zustimmenden Laut, der sehr nach einem verrutschten Gähnen klang.

Kurz darauf waren beide eingeschlafen.


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Milchige Schwaden hingen in der Luft, schienen sich beinahe augenblicklich zu kristallisieren und klirrend zu Boden zu fallen. Träge Schritte, irgendwie traurig und vor allem nachdenklich, trugen eine schmale Gestalt um den See herum. Kalte Finger krabbelten immer weiter um die in dicke Umhänge gehüllte Oberarme herum, hielten sich an dem dunklen Stoff fest und verfärbten sich weiß, je mehr Druck ausgeübt wurde.

Hermine hatte sich in die Natur geflüchtet. Nachdem sie zusammen mit Severus gefrühstückt und danach in den Unterricht gegangen war, hatte sie das dringende Bedürfnis verspürt, für sich zu sein. In einer Umgebung, in der sie sich wohl fühlte und die anders war, als die Räume, in denen sie sich sonst immer aufhielt.

Bereits seit einer Stunde lief sie alleine durch die verfrühte und völlig unerwartet eingebrochene Kälte des Oktobers und klammerte sich auf eine Art und Weise an sich selbst fest, die Außenstehende denken lassen könnte, sie würde sich vor dem Zerfallen bewahren wollen.

Nun, ganz so schlimm war es nicht, doch der letzte Abend hatte sie erschüttert. Er hatte ihr Innerstes erzittern lassen und sie hatte Schwierigkeiten, dieses Zittern zu beruhigen. Niemals zuvor hatte einer von Severus' Ausbrüchen sie so sehr mitgenommen. Niemals hatte sie erwartet, dass es einmal soweit kommen würde.

Doch hier draußen in der Kälte war das Zittern normal und es fiel nicht so unangenehm auf wie in den warmen Räumen der Schule. Es war, als würde man dunkle Flecken dick mit Weiß übermalen.

Hinter ihr erklangen eilige Schritte und kurz darauf erschien Ginny an ihrer Seite. „Hey", sagte sie vorsichtig und Hermine wandte ihren Kopf der Rothaarigen zu.

„Hey", erwiderte sie monoton und nun liefen sie zu zweit schweigend um den See.

Hermine wartete regelrecht darauf, dass Ginny endlich das Gespräch beginnen und die Fragen stellen würde, die ihr so deutlich ins Gesicht geschrieben standen. Doch die jüngste der Weasley-Geschwister leistete ihr lediglich stumm Gesellschaft und schien nicht einmal zu bemerken, dass sie dadurch alles nur noch viel unerträglicher machte.

„Er hätte mich geschlagen", sagte Hermine schließlich, als sie es nicht mehr aushielt. Ginny blieb kurz stehen und sah sie schockiert an, dann lief sie das kleine Stück um wieder aufzuholen.

„Er hat was?" Ihr Entsetzen kam dem gleich, das Hermine selbst gestern Abend empfunden hatte, als sie sein Handgelenk gerade noch zu fassen bekommen hatte.

„Er hat nicht, er hätte!", wies sie Ginny auf den feinen Unterschied hin und hob mahnend ihre Augenbrauen. „Ich habe ihn davon abgehalten."

Was es nicht besser macht...

„Bei Merlin, Hermine... Willst du das einfach so hinnehmen?" Nun verschränkte auch Ginny die Arme vor der Brust und das war irgendwie tröstend. Anscheinend war es eine normale Reaktion auf solche Erlebnisse.

„Ja. Ich kann nicht anders." Hermine stockte, bis ihr bewusst wurde, dass diese Aussage sehr an ihrem Verstand zweifeln ließ. „Er war außer sich, Ginny. Er war mit den Nerven am Ende und er hat mich vorher mehrmals aufgefordert zu gehen. Ich habe es nicht getan. Es ist nicht seine Schuld." Ihre Stimme klang merkwürdig fremd, selbst in ihren Ohren.

„Oh, na wenn das so ist", erwiderte Ginny flapsig und sah sie ungläubig an. „Läufst du deswegen wie eine Besessene um den See? Weil es nicht seine Schuld war?"

Hermine seufzte. „Scheint so."

Ginny stöhnte auf. „Hermine, du musst irgendetwas tun!"

„Ich habe etwas getan!" Sie gestikulierte mit ihren Händen durch die Luft, Ginny sah sie abwartend an. „Ich habe Tee gekocht, ihm zugehört und dann mit ihm geschlafen." Ginnys Gesichtsausdruck verriet ihr, dass diese ihren Verstand nun noch mehr anzweifelte und Hermine fuhr sich resignierend mit einer Hand über das Gesicht. „Er hat mich gewarnt, Ginny. Er sagte mir mehr als einmal, dass er kein netter Mann sei. Und bei Merlin, es war nicht mal das erste Mal, dass er mich verletzt hat!"

Das wiederum entlockte Ginny ein entsetztes Keuchen.

„Es gibt einfach Momente, in denen er nicht Herr über seine Sinne ist. In denen er Dinge tut, die... extrem sind. Und ich kann damit umgehen. Ich wusste es, bevor ich mich auf ihn eingelassen habe." Es klang wie ein abgedrehtes Mantra.

„Ich wiederhole mich ja nur ungern, aber warum bist du dann hier?" Neben ihnen durchbrachen mehrere Arme des Kraken die Wasseroberfläche des grünlich schimmernden Sees, lösten Wellen aus, die plätschernd gegen das Ufer rollten und verschwanden schließlich wieder, so als hätten sie nur kurz die Temperatur testen wollen.

„Weil er mich auf dem falschen Fuß erwischt hat. Ich habe nicht damit gerechnet und ich... bin... verwirrt, denke ich. Dass es mich immer noch so tief erschüttert, wenn ich ihn so sehe." Sie holte einmal tief Luft und überlegte, wie sie das, was in ihr vorging, am besten in Worte fassen sollte. „Es tut mir weh, ihn so zu sehen, Ginny. Ich fühle mich dann so vollkommen unfähig, ihm irgendwie zu helfen. Und allein das Wissen, dass es immer wieder solche Momente geben wird, macht mir Angst."

Ginny legte mit einem mitleidigen Blick den Kopf schief. „Vielleicht hat er ja Recht, wenn er meint, dass er dir nicht gut tut", wagte sie vorsichtig einzuwenden und Hermine lachte bitter auf.

„Das ist es nicht. Ich liebe ihn und ich weiß, dass er mich auch liebt. Ohne ihn zu sein, wäre weitaus schlimmer als das. Aber ich habe meine Ängste bisher immer überwunden. Bei dieser speziellen weiß ich nicht, wie ich das tun soll." Sie ließ erneut den Kopf hängen und Ginny fasste sie bei der Hand.

Ein schmales Lächeln stand auf ihren Lippen, als sie sagte: „Ich kann nicht verhindern, dass ich mir große Sorgen um dich mache. Aber solange du noch sagen kannst, dass du glücklich mit ihm bist und es nicht bereust, dich auf ihn eingelassen zu haben, werde ich mich zurückhalten." Sie sah Hermine eindringlich an und wirkte dabei auf eine so befremdliche Art erwachsen, dass Hermine schauderte. „Kannst du das sagen, Mine?"

Sie blieben stehen und Hermine musste nur kurz überlegen, ehe sie nickte. „Ja, das kann ich."

Ginny nickte irgendwie zufrieden. „Dann komm mit ins Schloss, bevor du dir hier noch den Tod holst."

Hermine fügte sich dieser Anweisung lächelnd und auf eine merkwürdig verdrehte Art wusste sie, dass das Zittern, welches sie hier draußen zu verstecken versucht hatte, nicht wiederkommen würde, wenn sie in die warmen Hallen der Schule zurückkehrte.


TBC…