So, nachdem der Upload gestern nicht funktionierte, hier endlich das neue Kapitel...

Zuerst mal: Schön, dass offensichtlich doch noch ein paar Leser dabei sind! Mit so vielen Antworten auf mein Gemeckere hätte ich gar nicht gerechnet. ;)
Allerdings würde ich niemals auf die Idee kommen, ISEM nicht weiter oder nur verkürzt zu posten. Ich hab versprochen, dass die Story nicht unvollendet bleibt, und dieses Versprechen gedenke ich zu halten.
Mir ging es um die Fortsetzung zu ISEM, an der ich gerade schreibe. Die Story hat sich als komplizierter erwiesen, als ich es ursprünglich geplant hatte. Und wenn das Interesse schon hier bei ISEM sinkt, kann ich es mir natürlich sparen, mich durch die Fortsetzung zu beißen. Aber so wie es aussieht, muss ich da wohl doch durch… °theatralisch tut° Jedenfalls hat mir euer Feedback einen neuen Aufschwung gegeben. Ich danke euch dafür! °butterbier und kekse verteil°
So, und nun wünsche ich euch viel Spaß mit dem nächsten Kapitel. :)


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If I had the chance, love,
I would not hesitate
to tell you all the things I never said before.
Don't tell me it's too late.

(Sarah McLachlan – Dirty little secret)


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Kapitel 54 – Okklumentik

Hermine erwachte am nächsten Morgen und setzte sich kerzengerade im Bett auf – was sie allerdings rasch bereute. Jeder einzelne Muskel ihres Körpers schmerzte, als hätte sie einige Wochen extremen Ausdauersports hinter sich.

Liebe kann ja so wehtun...

Die Erinnerungen an den letzten Abend flogen durch ihren Kopf und eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Mit zerknirschter Miene fuhr sie sich durch die Haare und schwor sich, dass ihr erster Weg gleich zu Severus' Vorratsschrank führen würde. Sie wusste, dass er dort eine wundervolle Mischung gegen Muskelkater stehen hatte. Merlin sei dank hatte sie einen äußerst talentierten Tränkemeister als Liebhaber…

Oh, verdammt! Der Trank!

Die Erkenntnis, dass sie ihr Forschungsprojekt schändlich vernachlässigt hatte, rieselte wie knisterndes Eiswasser durch ihren Körper. Hermines Blick flog zu der Person neben ihr. Severus lag nach wie vor schlafend halb unter der Decke vergraben (wobei er allerdings auch einen anregenden Teil seines Körper unbedeckt gelassen hatte, so dass es ihr sehr schwer fiel, den Blick abzuwenden) und so stand sie bemüht leise auf, zog sich rasch an und ging steifbeinig ins Labor hinüber.

Zu ihrer Überraschung stand der Trank auf einem der Schülertische und als sie ihn sich genauer ansah, stellte sie fest, dass er vorschriftsmäßig weitergebraut worden war. Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Unsensibler, liebevoller Mistkerl", murmelte sie und schnappte sich das Rezept, um die weiteren Schritte nachzulesen.

Dabei versuchte sie, nicht daran zu denken, dass sie am Abend zuvor den ersten großen Streit gehabt hatten und sie im Grunde immer noch nicht wirklich wusste, wie es jetzt zwischen ihnen stand. Zweifellos hatte sie ihn enttäuscht, indem sie ihm das Gespräch mit Ginny vorenthalten hatte. Doch andererseits würde sie es immer wieder so machen. Sie dachte an die Worte, die Professor Dumbledore ihr vor mehreren Monaten gesagt hatte; ein Mensch, der keine Geheimnisse mehr für sich hatte, würde daran zerbrechen.

Etwa zehn Minuten später war sie soweit mit dem Trank fertig und kehrte ins Büro zurück. Severus schlief nach wie vor, doch ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich beeilen musste, wenn sie noch duschen und nicht zu spät zum Unterricht kommen wollte.

Rasch schrieb sie ihm eine kurze Notiz, legte sie neben ihm aufs Bett und verließ dann die Räume ihres ehemaligen Lehrers. Sie würde am Nachmittag zurückkehren.


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„Miss Granger, auf ein Wort bitte!"

Hermine drehte sich überrascht zu Professor McGonagall um, während Harry und Ron mit den anderen den Klassenraum verließen. Mit einem unguten Gefühl ging sie zum vorderen Teil des Klassenzimmers zurück und sah ihre Hauslehrerin abwartend an.

„Wie kommen Sie und Severus mit Ihrer Aufgabe zurecht?", fragte sie mit weit in die Stirn gezogenen Augenbrauen und schien jede Regung auf Hermines Gesicht genau zu beobachten.

Hermine allerdings war verwirrt. Hatte Professor Dumbledore sie nicht ins Bild gesetzt? „Gut. Wir wissen, wie Voldemort zerstört werden soll, aber es gibt noch ein paar kleinere Hürden, die wir zu nehmen haben."

„Dürfte ich auch erfahren, um welche... Hürden es dabei geht?"

Hermine unterdrückte das Seufzen. Am liebsten hätte sie verneint, doch das konnte sie sich in diesem Fall wohl kaum erlauben. „Harry hat noch immer Probleme, den Teil von Professor Dumbledores Macht zu akzeptieren und sinnvoll zu nutzen, wie Ihnen ja sicherlich nicht entgangen ist." Bei einem weiteren Versuch, eine simple Verwandlung auszuführen, hatte er heute das Lehrerpult in die Luft gehoben und nach einem spitzen Schrei von Neville, der das Ganze nicht mitbekommen hatte, abrupt fallen gelassen, so dass das gute Stück nun in seine Einzelteile zerlegt vor der Tafel lag.

„In der Tat...", murmelte Professor McGonagall leise und warf ihrem Schreibtisch leidende Blicke zu.

„Außerdem äußerte Professor Dumbledore den Verdacht, dass die Verbindung, die die Todesser über das Dunkle Mal zu Voldemort haben, dazu führen könnte, dass sie bei dessen Zerstörung ebenfalls sterben. Ich suche noch nach einem Weg, Professor Snape von seinem Mal zu befreien."

Professor McGonagalls Augen weiteten sich unmerklich. „Es gibt keinen Weg, das Dunkle Mal zu entfernen, Miss Granger."

Hermine holte tief Luft. „Ja, das sagte Professor Snape mir auch. Dennoch sehe ich es nicht ein, das einfach hinzunehmen. Es würde reichen, das Mal für einen gewissen Zeitraum zu entfernen und ich denke in diesem Zusammenhang darüber nach, einen Trank mit einer Verwandlung zu verknüpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob das machbar und sinnvoll ist, aber wenn es möglich wäre, würde ich zu gegebener Zeit gerne Ihren Rat einholen." Hermine setzte einen zufriedenen Gesichtsausdruck auf und hoffte, dass dieser Bogen hin zu Professor McGonagalls Spezialgebiet ihre Lehrerin etwas milder und kooperativer stimmen würde.

Diese brauchte ein paar Augenblicke, ehe sie sich wieder gefasst hatte. „Natürlich", erwiderte sie dann kurz und räumte ihre Sachen zusammen, die aufgrund des zerstörten Pultes in angemessener Höhe vor ihr in der Luft schwebten. „Ich fürchte zwar nach wie vor, dass Ihr Vorhaben keinen großen Erfolg vorzuweisen haben wird, aber ich werde Ihnen natürlich helfen, soweit es in meiner Macht steht."

„Vielen Dank, Professor." Hermine lächelte, nicht sicher, was sie von dieser Antwort halten sollte. Professor McGonagall war schon immer eine sehr rationale Person gewesen, dennoch hätte Hermine es sich gewünscht, ein bisschen mehr von der Loyalität und möglichen Freundschaft ihren Kollegen gegenüber zu sehen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das Verhältnis zwischen ihr und Severus wirklich so unterkühlt war, wie er es gerne darstellte. Dafür regte er sich viel zu leidenschaftlich über sie auf.

„Sie können dann jetzt gehen", riss Professor McGonagall sie aus ihren Gedanken und Hermine blinzelte mehrmals.

Sie wandte sich nach einem verabschiedenden Nicken um und verließ den Klassenraum. Auf dem Flur stehend, schob sie ihre Spekulationen bezüglich Severus und Professor McGonagall beiseite und wandte sich wieder ihren eigenen Problemen zu. Ihr Redeschwall schien in der Beziehung erfolgreich gewesen zu sein, dass Professor McGonagall sie nicht gefragt hatte, warum sie sich so um Severus sorgte. Hermine hatte sich sehr fest vorgenommen, Fragen dieser Art erst nach ihrem Abschluss zu beantworten.

Nun allerdings ging sie hinunter in die Große Halle und setzte sich zu den anderen an den Tisch. Bereits wenige Minuten später tauchte vor ihnen das Mittagessen auf und Hermines Augen begannen zu leuchten, als sie sich ihren Teller belud. Dabei flogen ihre Blicke kurz hinauf zum Lehrertisch und sie war erstaunt, als sie Severus dort sitzen sah. Und noch sehr viel erstaunter, als er ihr tatsächlich kurz zunickte, wenn auch mit sehr verbissener Miene.

Er kann halt meistens nicht aus seiner Haut, dachte sie, nickte zurück und wandte sich dann endgültig ihrem Essen zu.


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Später an diesem Tag saß Hermine Severus auf beinahe die gleiche Art gegenüber wie am Tag zuvor. Doch dieses Mal würde die Rollenverteilung anders aussehen.

„Nachdem du dich gestern doch recht geschickt im Umgang mit Okklumentik angestellt hast, werden wir heute den nächsten Schritt tun. Du weißt, was du zu tun hast. Ich werde meinen Verstand nicht verschließen, aber du kannst davon ausgehen, dass ich dich rausschmeißen werde, wenn du an die falschen Erinnerungen gehst." Severus sah sie mahnend an und Hermine schluckte. „Und ich kann dir jetzt schon versprechen, dass du dieses Büro nicht wieder verlassen wirst, ehe du es nicht geschafft hast, deinen eigenen Verstand vollkommen zu verschließen, wenn du Legilimentik betreibst."

Sie kräuselte missmutig ihre Nase. „Wenn du noch mehr drohst, gehe ich, bevor wir überhaupt angefangen haben." Sie glaubte, ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.

„Dann werde ich jetzt wohl lieber den Mund halten."

„So fügsam?" Sie wackelte feixend mit den Augenbrauen.

„Da du mir damit Potter vom Hals schaffst, schon. Fang an!"

Hermine setzte sich aufrecht hin und ignorierte die Gänsehaut, die bei seinem intensiven Blick über ihren Rücken lief. Dieser Mann schaffte es viel zu leicht, sie um den Finger zu wickeln. „Legilimens!", murmelte sie und spürte zum zweiten Mal in ihrem Leben, wie sich ein Teil ihres Selbst aus ihrem Körper löste und in seinen Verstand eindrang.

Hermine war überrascht, dass sie dieses Mal tatsächlich keine schwarze, unüberwindbare Mauer vor sich erblickte. Verwirrende Schnüre aus Bildern und Emotionen zogen vor ihr vorbei und sie sah sich erstaunt um.

„Bei Salazar, verschließ deinen Verstand!", hörte sie Severus in diesem Moment knurren und besann sich auf ihre Aufgabe.

„Schon gut, schon gut...", besänftigte sie ihn und drängte ihre eigenen Gedanken zurück, verschloss sie auf die Art und Weise, wie sie es am Tag zuvor mehr oder weniger erfolgreich geschafft hatte.

„Schon besser. Und nun sieh dich um." Diese Aufforderung ließ ihre Selbstkontrolle kurzzeitig schwanken und Severus knurrte erneut.

„Ich soll was?", fragte sie unsicher, als sie ihren Verstand wieder unter Kontrolle hatte und spürte leichte Panik aufkommen.

„Dich umsehen. Du sollst dich in meinem Verstand bewegen, dich zurechtfinden. Es wird nicht damit getan sein, dass du einfach nur bei Potter reinschneist und anwesend bist. Du musst ihn dazu bringen, die Macht anzunehmen und wenn er nur halb so unfähig ist, wie ich befürchte, wird das ein hartes Stück Arbeit."

Die Panik stieg. „O-Okay...", murmelte sie und sah sich etwas genauer um. Sie bewegte sich auf einige der Bilderreihen zu und sah Fetzen der Erinnerungen, die sie bereits aus dem Denkarium kannte. Lily und Severus im Hogwartsexpress; sie lächelte unwillkürlich.

„Deine Gedanken, Mia, deine Gedanken!", ermahnte er sie genervt und sie riss sich erneut mühsam zusammen.

Dennoch war ihr nicht entgangen, dass er eine Koseform ihres Namens benutzt hatte, die sie so vorher noch niemals gehört hatte. Sie genoss das Gefühl, das der Name auslöste; ein warmes Prickeln, das ihre Wirbelsäule hinablief und ein Anflug von Sympathie seiner Person gegenüber auslöste.

Im nächsten Moment fand sie sich in ihrem Körper wieder und Severus stützte frustriert seufzend den Kopf in die Hand. „Soll ich dich öfters Mia nennen?", fragte er entnervt und sie hob eine Augenbraue.

„Was?"

„Soll ich oder soll ich nicht?" Seine Stimme wurde merklich schärfer.

„Was soll denn das jetzt?"

„Du kannst deinen Verstand nicht verschließen, wenn du die ganze Zeit darüber nachdenkst, wie sehr du es magst, wie ich dich nenne! Du musst lernen, diese Dinge zu ignorieren, bis du dir sicher sein kannst, deine Gedanken für dich zu haben. Du musst deinen Verstand sogar verschlossen halten, wenn ich über Sex mit Minerva nachdenke!"

Hermine erbleichte.

Severus gab ein halb amüsiertes, halb genervtes Grunzen von sich. „Ich bin nicht besonders erpicht darauf, dass Potter von unseren... intimen Details erfährt."

Nun wechselte ihre Gesichtsfarbe zu scharlachrot.

Und von Severus war ein tiefes Seufzen zu hören. „Wir werden es also klären, bevor du es noch einmal versuchst. Nun, soll ich dich öfters Mia nennen?"

Sie schluckte angestrengt und räusperte sich lange. „I-Ich mag es schon..."

„Schön. Mir reicht es vollkommen, wenn du bei Severus bleibst. Alles andere ist mir zu niedlich oder zu kitschig." Er schlug ein Bein über das andere und wedelte mit der Hand durch die Luft, als wolle er eine nervende Fliege vertreiben. Hermine biss sich auf die Unterlippe, um ein Lachen zu unterdrücken. „Können wir dann jetzt konzentriert weiterarbeiten?"

„Aber natürlich, Severus!" Sie betonte besonders seinen Namen und sah, wie er die Augen zusammenkniff.

„Wenn du so weitermachst, müssen wir vorher noch ganz andere Dinge klären", erwiderte er nüchtern, doch ihr entging es nicht, in welche Richtung seine Gedanken dabei schweiften.

„Ich hätte nichts dagegen."

„Mr Potter und meine Nerven schon. Also los jetzt! Vielleicht lasse ich dich dann später an der einen oder anderen meiner Vorlieben teilhaben."

„Versprichst du es?", fragte sie keck.

„Bei Merlin, nein!" Er setzte einen fassungslosen Blick auf und schnalzte mehrmals mit der Zunge. „Zuerst will ich Leistung sehen!"

Hermine schmollte einen Moment, dann gab sie sich allerdings geschlagen. „Also gut. Legilimens!" Erneut drang sie problemlos in seinen Verstand ein und sah sich um, vergaß dabei aber nicht, ihre eigenen Gedanken akribisch zu kontrollieren. Sie bewegte sich langsam vorwärts und riskierte hier und da mal genauere Blicke. Bisher hatte sie keine der schwarzen Wände gefunden und es verlockte sie sehr, bei gewissen Erinnerungen länger zu verweilen. So recht trauen tat sie sich allerdings nicht.

„Woran denkst du?", fragte er plötzlich und sie hielt misstrauisch in ihrem Tun inne.

„Dass es vieles von dir gibt, dass ich noch nicht kenne", murmelte sie wahrheitsgemäß und der Wirbel an Gedanken und Erinnerungen nahm zu.

„Falsche Antwort!", schnappte er und Hermine erschrak, bemerkte dann, dass sie sich ihm erneut vollständig geöffnet hatte. Am liebsten hätte sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen. Das Ganze an Severus' Verstand zu lernen, war wirklich gemein. Dennoch machte sie weiter, so wie sie es immer getan hatte.

„Woran denkst du?", fragte er wenige Minuten später erneut, während sie in einigen Ordenstreffen stöberte, die er stillschweigend in einer Ecke stehend mit angesehen hatte.

„Dass ich aufpassen muss, was ich tue, damit ich nicht die Kontrolle verliere."

„Falsche Antwort!", bellte er erneut.

Hermine knurrte gereizt.

Wieder gab er ihr etwas Zeit, sich Dinge aus seiner Vergangenheit anzusehen. Momente während des Unterrichts, nicht nur mir ihrer Klasse. Momente bei Professor Dumbledore, Momente mit den Lehrern. Erst als sie zu den Todessertreffen gelangte, fand sie die schwarze Wand und war clever genug, nicht daran zu bohren.

„Woran denkst du?", stellte er seine Frage schließlich ein drittes Mal, während Hermine eine andere Richtung einschlug.

„Das geht dich nichts an", murrte sie nun beleidigt und nahm sich fest vor, ihn nicht mehr an ihren Gedanken teilhaben zu lassen.

„Schön, dass du es endlich begriffen hast."

Diese Antwort überraschte sie und mit einem Schlag waren alle ihre Erinnerungen wieder frei für ihn zugänglich.

„Nun gut, an der Umsetzung arbeiten wir noch", gab er resignierend zu.

Hermine wollte etwas erwidern. In diesem Moment allerdings entdeckte sie eine Erinnerung, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war die Erinnerung an den Besuch bei Draco und zielstrebig ging sie darauf zu. Severus verschloss diesen Teil nicht vor ihr und so vermutete sie, dass er nichts dagegen einzuwenden hatte, dass sie es sich ansah. Zumal sie ohnehin schon wusste, was passiert war.

Das Gespräch lief schnell an ihr vorbei und es war beklemmend zu sehen, wie verrückt und von der Rolle Draco war. Er lachte überdreht, murmelte zusammenhangloses Zeug und Severus stand mit ergebener Miene daneben und sah es hilflos mit an.

Dann plötzlich erstarrte der weißhaarige Junge und drehte sich mit erschreckend klarem Blick zu Severus um. „Ich weiß, wer meinen Vater getötet hat, Professor..." Er betonte den Titel auf eine unangenehme Weise, die Hermine erschaudern ließ. „Richten Sie dem Schlammblut aus, dass ich einen Weg finden werde, mich an ihr zu rächen!"

Keine zwei Sekunden später saß Hermine heftig atmend wieder in ihrem Sessel und starrte Severus schockiert an. Er erwiderte diesen Blick mit einem berechnenden Kalkül, das ihr zeigte, dass er es geplant hatte, dass sie diese Erinnerung fand. Mehr noch, dass er sogar mit ihrer Reaktion gerechnet hatte. „Du hast es noch immer nicht verstanden." Seine Stimme klang beängstigend ruhig, so wie früher im Unterricht, wenn sie die falschen Schlüsse aus seinen Hinweisen gezogen hatte. Nur dass das spöttische Lächeln heute fehlte.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?", ging sie nicht auf seine Worte ein und ihre Finger krallten sich unangenehm fest um ihren Zauberstab. Lähmende Angst pulsierte durch ihre Adern; der klare Blicke Dracos war ihr durch und durch gegangen. Sie hegte keinerlei Zweifel daran, dass er seine Drohung wahr machen würde.

„Ich hielt es nicht für wichtig. Doch darum geht es nicht. In dem Moment, in dem du Draco gesehen hast, konnte ich in dir lesen wie in einem offenen Buch. So geht das nicht, Hermine!"

Sie grunzte. „Glaub es oder nicht, aber das ist mir gerade herzlich egal! Warum hast du mir Malfoys Drohung verschwiegen, Severus?"

„Niemand glaubt Draco, keiner wird für ihn auch nur einen Finger krumm machen!", antwortete er ungehalten. Dennoch flatterte ein schmerzlicher Ausdruck über sein Gesicht, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte. „Außerdem bist du hier in Hogwarts sicher." Seine Augenbrauen zuckten nach oben. „Wie auch immer, du hast eine Lektion zu lernen. Lass uns weitermachen."

„Ich denke ja nicht mal daran. Was ist, wenn er jemanden findet, der bereit ist, ihm zu helfen? Was ist, wenn sie einen Weg finden?"

Er stöhnte ergeben und stützte den Kopf in die Hände. „Das wird nicht geschehen, Hermine. Ich werde auf dich aufpassen und ebenso Minerva und alle anderen in diesem Schloss. Du bist zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Gefahr und wenn der Lord zerstört ist, werden auch seine Anhänger fallen. Nur dazu musst du endlich Okklumentik lernen, damit Potter diesen Prophezeiungsnonsens zu einem vernünftigen Ende bringen kann!" Er sah sie ungeduldig an.

Hermine hingegen presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Lange Sekunden kämpfte sie mit Severus' Blicken und versuchte ihm verständlich zu machen, dass die Gedanken an den Unterricht gerade wirklich klein erschienen im Vergleich zu der Bedrohung durch Draco Malfoy.

„Du hast gesagt, du vertraust mir", schien er endlich zu erkennen, dass sie diese Sache ausdiskutieren wollte.

„Das tue ich auch. Aber ich traue Malfoy nicht im Mindesten!"

„Dann tu' es auch in diesem Fall!", ignorierte er ihren Zusatz.

Sie wollte etwas erwidern, doch er brachte sie mit einem simplen Zeichen seiner Hand zum Schweigen. Dass die Diskussion so kurz ausfallen würde, hatte sie nicht erwartet. Erneut ließ sie sich darauf ein, seiner Sturheit zu begegnen und merkte recht schnell, dass sie dieses Mal keine Chance hatte. Seufzend schloss sie die Augen und nickte. „Okay."

„Schön. Dann lass uns weitermachen."


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Etwa zwei Stunden später arbeitete sie psychisch erschöpft und bemüht konzentriert an ihrem Trank. Severus hatte sie dazu überredet, noch mehrere Male in seinen Verstand einzudringen, bis sie es schließlich geschafft hatte, sich durch keine noch so wohl überlegte Überraschung aus der Ruhe bringen zu lassen. Sie beherrschte nun Legilimentik auf einer Basis beiderseitigen Einverständnisses und wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte.

Er hatte sich geweigert, Dracos Drohung noch einmal anzusprechen. Das Thema war für ihn eindeutig erledigt (Hermine hingegen vermutete, dass er es schlichtweg hasste, über Draco zu sprechen). Und sie wollte ihm wirklich vertrauen, doch gänzlich konnte sie die Angst, die bei dem Gedanken an die verrückte Besessenheit ihres ehemaligen Schulkameraden in ihr aufwallte, nicht unterdrücken. Hogwarts war schon einmal von Todessern eingenommen worden und sie hegte keinerlei Zweifel daran, dass es erneut möglich sein könnte.

Momentan konnte sie es sich jedoch nicht erlauben, genauer über diese Dinge nachzudenken. Vermutlich hatte Severus Recht, wenn er sagte, dass es genug Lehrer gab, die auf sie Acht gaben; allen voran er selbst. Und sie war immerhin auch nicht wehrlos, hatte sie es doch schon geschafft, Dracos Vater umzubringen. Eine recht zweifelhafte Leistung, wie sie sich selbst eingestehen musste.

Schließlich schaffte Severus es, sie durch seine schlichte Anwesenheit davon abzubringen, weiter diese Dinge in ihrem Kopf zu wälzen. Er hatte keinen Laut verursacht, als er die Tür zu seinem Büro geöffnet und sich gegen den Rahmen gelehnt hatte. Dennoch spürte sie seine Anwesenheit. Die feinen Haare auf ihrem Nacken stellten sich auf.

Hermine ließ sich nicht anmerken, dass sie sich seiner Präsenz bewusst war. Sie half ihr, konzentriert zu arbeiten und es würde nicht mehr lange dauern, bis der Trank bereit war für seine längste Ruhezeit. Drei volle Tage musste er stehen und kochen, permanent auf der gleichen Temperatur gehalten. Und diese Zeit würde sie dazu nutzen, um sich um die Verwandlung zu kümmern.

Schließlich wischte sie sich die Reste der zuletzt hinzugefügten Kräuter an ihrem Umhang ab und rührte noch mehrmals durch den Trank. Dann legte sie die Kelle zur Seite und sah geradeaus zur gegenüberliegenden Wand des Klassenzimmers. „Zufrieden mit meinen Leistungen, Professor?" Sie drehte sich erst danach zu ihm um.

Severus kam mit professionell gerunzelter Stirn zum Kessel hinüber und unterzog den Trank seinem Test. Hermine fiel zum ersten Mal auf, wie viel Eindruck die Umhänge, die er für gewöhnlich trug, diesem Verhalten verliehen. Nun, da er nur eine schlichte schwarze Hose und ein gleichfarbiges Hemd trug, wirkte es beinahe lächerlich. Aber nur beinahe.

„Sehr zufrieden, Miss Granger", meinte er schließlich und lächelte sie mit einer Spur feinen Stolzes in seinem Blick an. „Es ist wirklich bedauerlich, dass ich keine Punkte mehr vergeben kann."

Hermine lief rosa an. „Nun, ich bin in manchen Situationen eher froh, dass du keine mehr abziehen kannst."

„Niemals würde ich auf solche Gedanken kommen."

„Natürlich nicht!" Sie beobachtete, wie er wieder ernst wurde und nachdenklich den Trank umrührte. „Worüber machst du dir Gedanken?"

Er brummte und schien diese Frage nicht beantworten zu wollen. Hermine sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Draco", war daraufhin seine gedehnte Antwort.

„Wenn es dir um seine Drohung geht…" Sie spielte mit ihren Fingern und holte tief Luft. „Es geht mir gut, Severus."

Er nickte. „Das weiß ich." Doch sein Blick verriet ihr, dass er ihr nicht glaubte.

Sie verdrehte die Augen. „Ich habe mich nur über Dracos Erscheinen erschrocken. Du hast Recht damit, dass mir hier keine Gefahr droht. Ich werde damit umgehen können."

„Und trotzdem habe ich den ganzen Nachmittag damit verbracht, immer und immer wieder zu betonen, wie überaus wichtig es ist, dass du deinen Verstand verschließt." Er zog die Schöpfkelle aus dem Trank, ließ sie abtropfen und legte sie auf ein Tuch neben dem Kessel.

„Damit ich Harry helfen kann", erinnerte sie ihn.

„Und damit du dich schützen kannst. Ich würde dir niemals Okklumentik beibringen, nur weil Potter nicht ohne seinen Gängelwagen klar kommt."

„Ich liebe deine Ehrlichkeit", murmelte sie leise und meinte es nur bedingt ironisch.

„Ich werde dich niemals anlügen, nur weil es die Dinge einfacher macht. Du wirst dich damit abfinden müssen."

„Ich weiß. Und das ist gut so. Ich möchte nicht eine der Frauen werden, die in ihrer heilen Welt leben und von ihrem Mann ein Theater gespielt bekommen. Ich bin stark genug für die Wahrheit." Hermine reckte entschlossen das Kinn in die Höhe und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, nachdrücklich die Arme vor der Brust zu verschränken.

„Ich hoffe es sehr", flüsterte er und strich ihr in der gleichen hirnverdrehenden Geste über die Wange, wie er es in der Nacht von Professor Dumbledores Tod getan hatte.

„Ich hoffe es nicht, ich weiß es!", bekräftige Hermine noch einmal und hörte ihn leise auflachen.

„Sechs Jahre Unterricht unter meiner Führung haben also noch immer nicht ausgereicht, um dir beizubringen, dass nicht alles nach deinem Willen läuft", stellte er trocken fest und sie schüttelte entschlossen den Kopf, als sie sich von ihm löste.

„Bisher habe ich immer bekommen, was ich wollte."

„Und das wäre?" Er sah sie provozierend an.

„Hmmm...", begann Hermine und runzelte nachdenklich die Stirn. „Die besten Noten, die Hogwarts zu bieten hat, Freunde, den Respekt meiner Lehrer und..." Sie stockte und lächelte wissend.

„Und was?", bohrte er weiter.

„Oh, so dies und das…" Sie lachte leise auf, während ihr Herz einen wilden Rhythmus trommelte. Sie hätte gerne etwas mehr gesagt, etwas deutlicher. Doch Zugeständnisse dieser Art wirkten in seiner Gegenwart immer so entsetzlich kitschig, dass sie es lieber bleiben ließ.

Dafür wurde sie mit einem intensiven, erregenden Blick belohnt, der sie daran erinnerte, dass es durchaus eine Zeit für kitschige Geständnisse gegenüber Severus gab: Jedes Mal, wenn er auf der schmalen Linie zwischen Wachen und Schlafen tanzte. Hermine biss sich auf die Unterlippe, seinen Blick nervös erwidernd. „Ich liebe dich, Severus", entschlüpften ihr dann doch die Worte, die sie eigentlich für sich hatte behalten wollen. Er verzog das Gesicht auf eine Art und Weise, die sie nicht interpretieren konnte und wollte. Als er allerdings etwas darauf erwidern wollte, legte sie ihm rasch einen Finger auf die Lippen. „Untersteh dich, mir wieder irgendetwas über Reue, falsche Entscheidungen und schlechte Einflüsse zu erzählen. Ich will es nicht hören!"

Er sah sie erstaunt an. „Ist das auch eines dieser Dinge, die du bekommen wirst?"

„Allerdings!" Mit einem bekräftigenden Nicken.

Severus seufzte. „Nun, wenn das so ist, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich dem zu fügen."

Hermine grinste zufrieden. „Weise Entscheidung", murmelte sie, ehe sie ihn küsste und ihre Hände auf eine Wanderschaft schickte, um noch mehr von den Dingen zu bekommen, die sie haben wollte.


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Am Abend betrat Hermine zufrieden grinsend den Gemeinschaftsraum und ging zielstrebig auf den Tisch zu, an dem Harry, Ron und Ginny zusammensaßen und Karten spielten. Die drei sahen eher gelangweilt zu ihr auf, als sie sich setzte und den Kopf in die Hand stützte. „Man, bei euch steppt ja der Bär", stellte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue und kaum beherrschtem Grinsen fest und spätestens nach dieser Aussage begannen Ginnys Augen begeistert zu leuchten. Glücklicherweise schaffte Hermine es, ihr mit weniger begeisterten Blicken verständlich zu machen, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch der Art war, das sie sich vorstellte.

„Was hat die Fledermaus denn mit dir angestellt?", fragte Ron milde erschrocken über ihre gute Laune.

„Warum sollte Professor Snape etwas mit mir angestellt haben?", fragte Hermine scharf zurück.

„Weil dein letzter Ausbruch derart guter Laune durch einen seiner Trank hervorgerufen wurde", kommentierte Harry nüchtern und legte seine Karten hin. „Was ist passiert, dass du so gut drauf bist?"

Hermines Grinsen kehrte zurück. „Etwas, das deine Laune bald ebenso heben wird." Harry sah sie verständnislos an. „Ich hatte heute einen Crash-Kurs in Legilimentik und ich denke, es wird ausreichen, um dein Magieproblem zu beheben."

Er setzte sich aufrecht hin und lehnte sich halb auf den Tisch. „Was hat Snape mit deinem Verstand angestellt, dass du so begeistert darüber bist?", fragte er skeptisch und Ron pflichtete ihm nickend bei, während Ginny die Augen verdrehte.

„Meine Güte, Jungs, sie hat einfach nur einen guten Tag gehabt!", stöhnte sie frustriert und Hermine machte eine zustimmende Bewegung mit ihren Händen.

„Genau so ist es. Ich habe gelernt, meine Erinnerungen beim Ausführen von Legilimentik für mich zu behalten und bin bei meinem derzeitigen Projekt ein gutes Stück vorangekommen. Haltet es für absolut unglaublich, aber für mich ist das ein Grund, gute Laune zu haben." Inzwischen selbst schon wieder etwas frustriert, verschränkte sie die Arme vor der Brust. Was zu einem Großteil auch daran liegen konnte, dass sie ihren Freunden nicht sagen konnte, was der wahre Grund für ihre gute Laune war. Denn wirklich interessant war der Tag erst nach Abschließen der letzten Schritte ihres Trankes geworden. Unglücklicherweise auf eine Art, die ihr die Schamesröte ins Gesicht steigen ließ, wenn sie zu lange darüber nachdachte.

„Also, Harry, ich denke, wir sollten es so bald wie möglich machen. Morgen Nachmittag um fünf im Raum der Wünsche?", wechselte sie dann rasch wieder zum eigentlichen Thema.

Harry seufzte, anscheinend nicht so recht begeistert von dem Vorhaben. „Ich hab wohl keine andere Wahl."

„Nein, hast du nicht. Anders wird das in diesem Leben sowieso nichts mehr." Er streckte ihr kurz die Zunge raus, was Hermine mit der gleichen Freundlichkeit erwiderte. „So, und jetzt geh ich ins Bett. Diese Studien mit Professor Snape sind wirklich anstrengend..." Sie hängte ein Gähnen an ihre Aussage und mit einem raschen „Gute Nacht!" verschwand sie in Richtung ihres Zimmers, ehe einer der drei auf die Idee kommen könnte, diese Aussage genauer zu hinterfragen.


TBC…