Später und kürzer als sonst und komplett ohne beantwortete Reviews… °meep° Deswegen an dieser Stelle ein Dankeschön dafür, dass ihr eure Reaktionen mit mir geteilt habt:D
Viel Spaß beim nächsten Kapitel!

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Happy new year.
May we all have our hopes, our will to try.
If we don't we might as well lay down and die.
You and I.

(Abba – Happy new year)


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Kapitel 66 – Die Unergründlichkeit schwarzer Tiefen

Hermine hatte sich aufs Dach des Astronomieturmes geflüchtet. Bereits vor einigen Jahren hatte sie eine nicht allzu gefährliche Möglichkeit gefunden, über mehrere Fensterbretter und Absätze auf diesen höchsten Punkt des Schlosses zu gelangen, doch wirklich benötigt hatte sie diese Zuflucht nur sehr selten. Es war ein Ort, von dem sie niemandem etwas erzählt hatte. Ein letzter Ausweg.

In dieser Nacht schien alles sie zu erdrücken. Wie überaus stabile und gnadenlose Wände rückten Dinge auf sie zu, die... einfach zu viel waren. Hatte sie ihren Atem kurz zuvor noch mit Severus geteilt, so schien sie nun dem Ersticken nahe. Egal, wie tief sie Luft holte, wie lange sie diese anzuhalten versuchte, die entsetzte Taubheit blieb.

Es lag nicht an der Wut, die sie über seine extreme und vollkommen unerwartete Reaktion verspürte. Eigentlich waren da keine Emotionen, die man als so mächtig bezeichnen konnte, dass es ihr die Luft zum Atmen nahm. Oder anders gesagt, sie hatte schon schlimmere Zustände erlebt, als einen Rauswurf von Severus und da war ihr das Atmen nicht sehr schwer gefallen. Eher im Gegenteil, meistens hatte sie nach Gegebenheiten wie dieser geraucht vor schwer beherrschter Wut.

Heute allerdings hatte Severus sie zutiefst schockiert mit seinem Gebaren. Sie wusste nicht, was so falsch an der kleinen Demonstration gewesen war. Er selbst hatte seine helle Freude an jeder Art von Demonstration und dass er seine Schüler bisweilen Tränke zu sich nehmen ließ, die eindeutig als falsch gebraut zu identifizieren waren (wenn auch nicht gesundheitsschädlich, aber doch zumindest widerlich), war ein mehr als eindeutiges Zeichen dafür. Hermine schätzte ihn eigentlich nicht als jemanden ein, der seine Methoden am eigenen Leib nicht gutheißen würde. Zumindest würde er es nicht offen zugeben.

Doch der Anblick seiner Augen, kurz bevor sie das Büro verlassen hatte, war anders gewesen. Sie hatte selten so zwischen Faszination und Bestürzung geschwebt. Hermines Ratlosigkeit war sogar so groß, dass sich der Anblick von Severus wie eine halb magische Fotografie vor ihre Augen gelegt hatte. Er bewegte sich nicht wirklich; nur dieses Etwas, das sie absolut nicht zu identifizieren vermochte, war irgendwie lebendig. Es blitzte und glänzte, doch Hermine wusste nicht, was genau es war.

Leise schniefend wischte sie sich die vom Wind zerwühlten Haare aus dem Gesicht und steckte sie mit klammen Fingern hinter ihr Ohr. Vereinzelt flogen ihr Schneeflocken ins Gesicht und schmolzen rasch zu kalten Tropfen dreckigen Wassers, das wie falsche Tränen auf ihren tauben Wangen wirkte. Sie musste bald weg von hier, es war einfach zu kalt (natürlich hätte sie sich mit einem Zauber wärmen können, aber dann wäre der Effekt ihrer Anwesenheit hier nicht mehr derselbe gewesen).

Erschöpft ließ sie sich nach hinten sinken und vertiefte ihre Blicke in den sternklaren Winterhimmel. Tausende kleiner Nadelstiche blitzten in dem undurchdringlich scheinenden Schwarz, ließen die hoffnungsvolle Idee eines weißen Dahinters entstehen. Jeder einzelne erzählte eine Geschichte für sich. Doch keiner vermochte ihr zu sagen, was an dem Bild ihrer Erinnerung nicht stimmte.


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Am nächsten Morgen setzte Hermine sich entschlossen in ihrem Bett auf. Eine Idee hatte sich in ihrem Verstand manifestiert – ob das während ihres Schlafes oder gerade eben erst geschehen war, vermochte sie allerdings nicht zu sagen.

Nur mit ihrem langen Schlafanzug bekleidet, tapste sie zu dem Regal an der rechten Seite ihres Zimmers und schob ein paar Bücher zur Seite. Dahinter stand noch immer das kleine Denkarium, das Severus ihr kurz vor dem Endkampf geschickt hatte. Hermine hatte es wie einen Schatz gehütet und immer mal wieder einzelne Passagen daraus erneut angesehen. Vor allem mochte sie die Erinnerung des jungen Severus im Hogwartsexpress. Sein Gesicht war dort auf eine Art erleichtert und zufrieden, wie sie es selten in der heutigen Zeit zu sehen bekam. Sie konnte erkennen, dass er bereits damals in Lily verliebt gewesen war. Dass jeder einzelne Blick, den er der jungen Frau zugeworfen hatte, genau dies ausgedrückt hatte. Und sie hatte erkannt, dass heute sie diejenige war, der er hin und wieder solche Blicke schenkte. Nur im Verborgenen natürlich, wenn er dachte, dass sie es nicht bemerkte.

Vorsichtig stellte Hermine das Denkarium auf den Tisch und holte sich dann noch ein Buch, in dem sie im Inhaltsverzeichnis das Kapitel suchte, das sie benötigte. Wenige Minuten später schlug sie es mit einem entschlossenen Nicken zu, starrte einen Moment nachdenklich auf das Steingefäß und setzte sich gerade hin. Ihr Zauberstab lag sicher und warm in ihrer Hand und als sie die Spitze des Hilfsmittels an ihre Stirn legte, spürte sie, wie er eine Verbindung zu ihren Gedanken aufnahm.

Hermine sortierte die Erinnerung an die kurze Begegnung von gestern Abend heraus und begann dann, eben diese langsam aus ihrem Kopf in das Denkarium zu ziehen. Es war ein absolut fremdartiges Gefühl, das sie nicht wirklich mochte. Beinahe so, als wäre an ihrer Schläfe ein Seil befestigt, an dem jemand mit aller Kraft zerrte, nicht schmerzhaft, aber unangenehm.

Schließlich fügte sie den weißen, schimmernden Faden ihrer Erinnerung denen von Severus bei und beobachtete, wie die Oberfläche zuerst wild durcheinanderwirbelte und sich schließlich wieder beruhigte. Hermine neigte den Kopf, als sie glaubte, die Farbe der Substanz hätte sich geändert. Doch nach ein paar Sekunden war der Eindruck wieder verschwunden und sie schüttelte kurz den Kopf.

Noch einmal tief durchatmend, näherte sie sich der Oberfläche des Denkariums mit ihrem Gesicht und spürte schon bald, wie sie durch den langen, schwarzen Tunnel fiel. Kurz darauf kam sie hart auf dem Boden in Severus' Büro an und sah sich verwirrt um.

„Beende es!", verlangte Severus in diesem Moment unvermittelt und Hermine schrak zusammen, ebenso wie ihr vergangenes Ich.

Finite Incantatem!", kam sie seinem Befehl ängstlich nach und hörte, wie Severus nach Luft schnappte. Seine Hand tastete zitternd nach einer Stuhllehne. Von ihrem vergangenen Ich unbeeindruckt, legte Hermine den Kopf schief und begutachtete diese Handlung genauer. Hatte sie Severus' Finger je zittern gesehen?

„Severus, was..."

„Raus!"

Hermine erschrak erneut und riss den Blick von seiner Hand los, die das Holz inzwischen fest umklammerte.

Bei Merlin, seine Stimme klingt so entsetzlich schwach! Hermines Herzschlag dröhnte laut in ihren Ohren. Warum war ihr das nicht schon gestern aufgefallen?

„Was?", hörte sie ihre aufgebrachte, entsetzte Antwort erneut. Nun allerdings hielt sie sie selbst für äußerst unangebracht. Wobei, tröstete sie sich selbst, so wie Severus wirkt, hätte er mich so und anders auch nicht an sich herangelassen. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit ihm.

Und wie es nun einmal seine Art war, brachte er dies auf die einzige Art zum Ausdruck, die er wirklich einwandfrei beherrschte: „Raus! Geh weg!"

Hermine bemerkte, wie die beiden Personen vor ihr sich erstarrt ansahen und: „Stopp!"

Die Szene fror ein und sie schloss kurzzeitig die Augen. Die paar Momente des gestrigen Abends auf diese Weise noch einmal zu erleben, zehrte an ihren Kräften. Angst, Enttäuschung, Wut und Entsetzen kehrten zurück, wenn auch nur abgeschwächt.

Schließlich ging sie vorsichtig ein paar Schritte auf die beiden zu und stellte sich direkt dazwischen. Es kostete sie Kraft, nicht auf ihr vergangenes Ich zu achten. Stattdessen stellte sie sich so vor Severus, dass es schien, als würde er sie direkt ansehen. Prüfend wandte Hermine den Kopf mal in die eine, mal in die andere Richtung. Sie verengte ihre Augen, runzelte die Stirn und versuchte zu verstehen, was sie vor sich sah. Dann hob sie ihre Hände und strich an dem erstarrten Gesicht entlang; nicht, dass sie es gespürt hätte, aber es vermittelte zumindest den Ansatz von Nähe.

„Was ist es, das du mir nicht sagen willst, Severus?", murmelte sie leise und seufzte nachdenklich. Dass sie mit so analytischen Beweggründen vor ihm stand, während er offensichtlich um Fassung rang, war mehr als grotesk.

Und dann verstand sie endlich. Die zitternden Finger, seine schwache Stimme, die feine Schweißschicht auf seiner Stirn... all dies ergab endlich einen Sinn. „Bei Merlin...", flüsterte sie milde entsetzt. Es war keine Wut gewesen, die ihn zu dieser Reaktion getrieben hatte. Es war nicht mal Verärgerung, geschweige denn Hass oder Enttäuschung. Es war Panik.

Hermine legte sich eine Hand vor den halb geöffneten Mund und starrte das verängstigte Gesicht des Mannes an. Sie hatte Severus vorher nie ängstlich, geschweige denn panisch gesehen. Er vermochte es, selbst diese ohnmächtigen Gefühle für sich zu behalten und äußerst effektiv zu verbergen. Doch in dieser Situation war es ihm nur mäßig gelungen. Die Maske des Hasses war lückenhaft und angestrengt; er verging beinahe vor Angst.

Hermine stolperte schwach ein paar Schritte zurück und als ob ihr Wille, die Szene anzuhalten, mit all der Kraft aus ihrem Körper gesogen worden war, lief diese weiter. Sie zuckte nicht zusammen, als die Tür laut ins Schloss fiel und alles um sie herum dunkel wurde.


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Hermine ließ Severus Zeit. Und ebenso sich selbst. Sie kämpfte mit den Erlebnissen, die sie sich im Denkarium noch einmal angesehen hatte. Es schockierte sie nicht, dass er zu Gefühlen wie Angst fähig war. Das hatte sie niemals bezweifelt. Es schockierte sie auch ebensowenig, dass es Situationen gab, in denen er es nicht schaffte, diese Gefühle zu verbergen. Nein, was sie schockierte, war, dass sie diese Angst in ihm ausgelöst hatte und nun nicht wusste, wie sie ihm das nächste Mal gegenübertreten sollte.

Die Sehnsucht nach seiner Gegenwart, nach seinen Berührungen war riesig. Ihre Beine setzten sich mehr als einmal beinahe von alleine in Bewegung, um ihn im Kerker aufzusuchen. Nur ihr Verstand stellte sich dem immer entgegen.

Was zum Teufel hätte sie ihm denn sagen sollen?

So ging das Jahr zu Ende und Hermine sah sich plötzlich dem Silvestertag gegenüber. Sie hatte geplant, die Nacht mit Severus zu verbringen und eigentlich wollte sie diesen Plan auch immer noch umsetzen. Doch es bedurfte einiger Tricks, damit sie genug Mut aufbrachte, dies auch wirklich zu tun.

Zuerst nahm sie ein ausschweifendes Bad. Sie zündete Duftkerzen an, löschte die Fackeln und genoss das Aroma der verschiedenen Badezusätze, die das Vertrauensschülerbad zu bieten hatte. Dass sie alleine im Schloss war – abgesehen von den Lehrern natürlich – ermöglichte ihr ein großes Maß an Bewegungsfreiheit. Sie hatte während der gesamten Ferien nicht einmal über die Schulregeln nachgedacht. Dabei wäre allein schon ihr Ausflug zu Madelaine ein nicht gerade kleiner Regelverstoß gewesen.

Anschließend cremte sie sich ihren Körper mit einer selbst gebrauten Paste ein, die die Haut wunderbar weich und geschmeidig machte. Vielleicht war es vermessen von ihr, heute noch auf intimen Kontakt mit Severus zu hoffen, doch danach war die Sehnsucht beinahe noch größer als nach seiner bloßen Anwesenheit. Bei Salazar, sie wollte diesen Mann! Und das am liebsten mit dem verschwommenen Lächeln und faszinierenden Glänzen in den Augen. So als läge er im Fieberwahn und entdecke Welten, die ihm bisher verschlossen geblieben waren.

An dieser Stelle ihres Gedankenganges brach Hermine ab. Mit einem resoluten Schütteln ihres Kopfes zog sie sich die frische Kleidung an, die sie sich vorhin mitgenommen hatte, und betrachtete sich prüfend in den Spiegeln an der Wand.

„Ein wenig Make-up hat noch niemandem geschadet", sagte dieser allerdings wenig charmant und Hermine zog eine Grimasse.

„Er mag kein Make-up", schmetterte sie den Vorschlag rigoros ab.

„Jeder Mann liebt Make-up, wenn es richtig verwendet auf der richtigen Haut liegt."

Hermine legte nachdenklich den Kopf schief. Dann zog sie einen weiteren Tiegel aus ihrer Tasche und massierte etwas von der zart rosafarbenen Masse auf ihre Gesichtshaut. Die kleinen Rötungen verschwanden und machten gesund aussehender Haut Platz, wohingegen auf ihren Wangen leicht rötlich gefärbte Kreise erschienen. Hermine lächelte zufrieden. In Momenten wie diesen liebte sie die Zaubertrankkunst.

„Kein Make-up kann so wirken wie die Kunst der Tränke", wies sie dann den Spiegel zurecht, der es vorzog, nicht darauf zu antworten.

Nachdem sie auch ihre Haare in eine halbwegs annehmbare Form gebracht hatte – wenn man die wirr und schwer auf ihren Schultern liegenden Locken denn als Form bezeichnen konnte – verließ sie das Badezimmer und brachte ihre Sachen zurück in den Gryffindorturm.

Dort stellte sie sich noch einmal mit skeptischen Blicken vor ihren eigenen, heute ausnahmsweise einmal schweigenden Spiegel und begutachtete, was bei ihrer Aktion herausgekommen war. Alles in allem war sie zufrieden mit ihrem Aussehen und scherte sich normalerweise auch nicht übermäßig darum, ob sie nun hier und da ein paar Pickel hatte oder ob ihre Haare wuschig aussahen – wobei letztes sowieso ein Dauerzustand war.

Doch heute musste sie so sehr um Selbstsicherheit kämpfen, dass jede noch so bedeutungslose Kleinigkeit eben dieser sehr schmerzhafte und bisweilen schwächende Stiche versetzte. Sie wollte gut aussehen, damit sie ihren Kopf frei hatte.

Ruhe bewahren... schon wieder.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht machte sie sich dann endlich auf den Weg in die Kerker, allerdings nicht, ohne Krummbein zuvor ein Schälchen mit seinem liebsten Futter hinzustellen und ihm liebevoll durch das rostrote Fell zu kraulen. „Frohes neues Jahr", wisperte sie ihm zu und bekam ein zufriedenes Schnurren zur Antwort.

Das Schloss wirkte auf eine seltsame Art unruhig, als sie durch die dunklen Gänge ging. Beinahe so, als würde auch das Gemäuer sich darauf vorbereiten, in ein neues Jahr zu starten. Dabei feierte die magische Welt eigentlich gar nicht Silvester, sondern vielmehr Samhain, welches Hermine bisher allerdings immer übergangen hatte. Die Wurzeln ihrer Herkunft reichten zu tief, um Silvester seine besondere Bedeutung ab- und Samhain eben jene anzuerkennen.

Sie wusste nicht einmal, ob Severus Samhain gefeiert hatte. Wenn dem so war, dann hatte er es sie nicht wissen lassen. Hermine versuchte für einen Moment angestrengt, sich daran zu erinnern, was sie am 31. Oktober gemacht hatte. Das Halloweenfest fiel ihr wieder ein. Zu diesem hatten Harry, Ron und Ginny sie resolut geschleppt, obwohl Hermine lieber nach unten in die Kerker gegangen wäre.

Nun riss sie sich seufzend aus ihren Gedanken und stellte fest, dass sie in einem vollkommen abgelegenen Teil des Schlosses gelandet war. So wie ihre Beine in den letzten Tagen immer in Richtung der Kerker gestrebt hatten, schienen sie heute der Meinung zu sein, das alles außer der Kerker sehr viel erstrebenswerter wäre.

„Verräter!", zischte Hermine leise und konzentrierte sich nun darauf, welchen Weg sie einschlug.

Nichtsdestotrotz war es bereits zehn vor zwölf, als sie vor Severus' Tür stand und zögernd anklopfte. Ihre Finger strichen noch einmal durch die üppige Pracht ihrer Haare, dann wartete sie.

Als Severus die Tür öffnete, sah er ziemlich verschlafen aus. Er blinzelte sie irritiert an. „Hermine? Was tust du hier um diese Uhrzeit?"

Hermine lief rot an. „Tut mir Leid... aber... heute ist doch Silvester", versuchte sie den kläglichen Anfang einer Entschuldigung.

Severus lehnte sich mit tief gefurchter Stirn gegen die halb geöffnete Tür. „Und?"

Sie öffnete den Mund und überlegte, was sie ihm darauf am besten antwortete. Schließlich entschied sie sich für die Flucht nach vorne: „Weißt du, bei den Muggeln gibt es so einen Brauch, dass man um Mitternacht jemanden küsst, der einem etwas bedeutet. Nun ja, ich hatte in meinem Zimmer die Wahl zwischen Krummbein und... Krummbein und hab beschlossen, dass es schlauer wäre, den Standort zu wechseln."

Anscheinend etwas überfordert von ihrem Redeschwall blinzelte Severus erneut. Hermine konnte den Gedanken, dass er in diesem müden Zustand schlichtweg anbetungswürdig aussah, nicht unterdrücken.

„Darf ich reinkommen, Severus?", fragte sie schließlich bittend. Ihre Blicke lagen ruhig auf seinem Gesicht, während ihre Hände vor ihrem Körper miteinander spielten.

Zu ihrer Erleichterung nickte er knapp und ging einen Schritt zur Seite, um sie einzulassen. Im Büro war es kühl und dunkel, vermutlich war er heute sehr früh ins Bett gegangen. Oder er hatte nur darauf verzichtet, ein Feuer anzuzünden.

„Im Wohnzimmer ist eingeheizt", erklärte er in diesem Moment mit leiser Stimme und sie nickte, ehe sie ihm voran ins angrenzende Zimmer ging.

Zu ihrer Überraschung konnte sie im Licht einiger Kerzen den Flügel aus seinem Haus in Scarborough schemenhaft in der Dunkelheit ausmachen. Hermine ließ einen staunenden Laut vernehmen. „Du hast ihn hergebracht", flüsterte sie dann und drehte sich mit vor Begeisterung roten Wangen zu ihm um.

Severus nickte. „Ich dachte, es wäre vielleicht an der Zeit."

Hermine lächelte glücklich. „Das war es", stimmte sie ihm zu und senkte den Blick. Langsam tat sie ein paar Schritte auf seine beinahe ratlos im Raum stehende Gestalt zu. Er trug eine schwarze Hose und einen sehr alten Pullover, von dem sie wusste, dass er ihn gerne nachts anzog. Der schwere Geruch von verschlafener Müdigkeit ging von ihm aus. Hermine atmete tief ein.

Direkt vor ihm stehend, lehnte sie ihren Kopf gegen seine Brust und seufzte leise. Wunderbare Wärme streichelte über ihr Gesicht, sie konnte ihren Herzschlag in ihren Wangen pochen spüren.

Nach ein paar Sekunden legte er eine Hand auf ihren Hinterkopf und hieß ihre Annäherung damit willkommen. Hermine verzog beinahe schmerzlich erleichtert das Gesicht und schmiegte nun auch ihren restlichen Körper gegen seinen. „Wovor hattest du so große Angst?", flüsterte sie in die entspannte Stille im Raum und hörte, wie er tief Luft holte; es rauschte in seinem Brustkorb.

„Vor dir", erwiderte er dann mit belegter Stimme und Hermine hob ihren Kopf, um ihn erstaunt anzusehen.

„Was habe ich falsch gemacht?"

Ein Kopfschütteln, gepaart mit leidender Miene. „Nichts. Gar nichts hast du falsch gemacht."

Hermine erkannte ihn kaum wieder. Das dumpfe Halbdunkel des Zimmers warf tiefe Schatten auf sein Gesicht, die Stille ließ jede Regung, jede Kleinigkeit so unglaublich laut erscheinen und das regelmäßige Ticken der Standuhr wies sie immer wieder darauf hin, dass sie sich beeilen mussten, wenn sie die Probleme im alten Jahr zurücklassen wollten. „Warum hattest du dann Angst vor mir?"

Er wandte den Blick ab und legte den Kopf in den Nacken. Doch seine Hand blieb dort liegen, wo er sie platziert hatte. „Weil mir erst da bewusst wurde, wie sehr ich dich brauche."

Sie konnte spüren, wie schwer es ihm fiel, diese Worte auszusprechen. „Was meinst du damit, Severus?" Ihre Stimme war ein hilfloses Flüstern.

„Bei Salazar, Hermine! Ich liebe dich so sehr. Es würde mich umbringen, wenn... ich dich verlieren würde. Das ist mir noch nie passiert." Er lachte freudlos auf.

Entgegen seiner offenkundigen Verzweiflung über diese Erkenntnis, konnte Hermine sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. „Weißt du, wenn das so ist, dann brauche ich dich gleichermaßen. Hilft dir das irgendwie weiter?" Sie malte Muster auf seine Brust.

Severus schüttelte angedeutet den Kopf. „Nein."

Seine Antwort klang so negativ, dass Hermine mit einem enttäuschten Blick nickte. „Ich wünschte, ich könnte es besser machen."

Nun legte er beide Hände an ihr Gesicht und hob es zu sich hoch. „Das ist nicht deine Aufgabe, Hermine. Ich kann nicht aus meiner Haut, es wird mir immer Angst machen, wie tief in mir du bist." Er schien in ihren Augen nach einer Spur von Verständnis zu suchen, doch Hermine fiel es sichtlich schwer, diese aufzubringen. Es tat ihr weh, dass er ihre Beziehung als eine Bürde betrachtete.

„Was soll ich tun, Severus?", flüsterte sie verzweifelt. „Du kannst mir nicht sagen, dass dir das alles Angst macht, und dann von mir verlangen, dass ich es einfach hinnehme! Was... soll... ich... tun?"

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich für einen Moment und schien dann eine Spur dunkler zu werden. Hermines Herzschlag wurde puckernd und unregelmäßig. Himmel, er würde sie vor die Tür setzen! Alles, was geschehen war, was er für sie empfand, was sie teilten, es würde noch in diesem verdammten Jahr enden. Panik ließ ihren Körper unangenehm summen und vibrieren, vor ihren Augen tanzten weiße Punkte und in ihren Ohren rauschte es.

Deswegen hätte sie auch beinahe seine Antwort verpasst. Diese Aufforderung, die aus seinem Mund anders klang als das, was ihr Verstand ihr zuvor angekündigt hatte: „Hör niemals wieder auf mich, wenn ich dich so unfreundlich vor die Tür setze wie letztens!"

Sie starrte ihn noch immer verdutzt an, das Ticken der Uhr hinter ihnen schien immer lauter zu werden. Severus fixierte ihre Blicke und senkte dann seine Lippen zu einem sanften Kuss auf ihre.

Hermine schloss flatternd ihre Augen, als sie die tastende Zärtlichkeit spürte. Es veränderte sich etwas zwischen ihnen, in genau diesem Moment. Eine ihr vorher unbekannte Energie schien durch ihren Körper zu fließen und ihre Hände glitten um seine Hüfte, spürten die erregende Wärme durch den dünnen Stoff des Pullovers und strichen schließlich seinen Rücken soweit hinauf, dass sie ihre Arme anwinkeln musste.

Bei allen Göttern des Universums, bilde ich mir das hier nur ein?

Verwirrt schob sie ihn ein Stück von sich und musterte seinen weichen Blick. Es war, als würde ein Fremder vor ihr stehen. Wer war dieser Mann? „Severus, ist das dein Ernst?"

Er nickte stumm und ein Teil seines alten Selbst schien in Form der flackernden Unsicherheit wieder in den Ausdruck seiner Augen zurückzukehren. Bis vor ein paar Monaten hätte sie es niemals für möglich gehalten, dass es die pure Unsicherheit war, die ihn garstig, zynisch und abweisend hatte werden lassen. Dass es die Unsicherheit gewesen war, die sie geängstigt hatte. Sie und die restliche Schule gleich dazu.

„Lieber Merlin, tu' das nie wieder, Severus!", bat sie schwach und strich ihm mit gespreizten Fingern durch die schwarzen Haare. Er schloss genießend die Augen. „Ich dachte, ich hätte dich verloren."

Tiefe, bleiernde Schläge ließen die Luft im Raum leicht vibrieren und Hermine warf der Standuhr einen flüchtigen Blick zu. Mitternacht.

Neujahr.

Mit leuchtenden Augen drehte sie sich wieder ihm zu. Severus brachte seine Lippen zurück auf ihre und lehnte sich soweit nach vorne, dass Hermine ins Hohlkreuz fiel. Seine schwarzen Haare rutschten an seinem Gesicht vorbei und kitzelten ihre nun noch heftiger pochenden Wangen. Sehnsüchtig und das Geschenk dieses Moments begreifend, bewegte sie ihre Lippen gegen seine und genoss die Hitze der Lust, die dabei entstand. Ihre Zungen tanzten umeinander, die Welt schien zu verschwimmen und auch nachdem die Standuhr wieder verstummt war, trennte Hermine sich nicht von ihm.

Erst als der Sauerstoffmangel sich allzu sehr bemerkbar machte, ließ er von ihr ab und lehnte erschöpft seine Stirn gegen ihre. „Frohes neues Jahr!", keuchte Hermine und grinste verlegen.

Severus nickte abwesend. „Frohes neues Jahr", erwiderte er den Wunsch dann und presste ihren schlanken Körper dicht gegen seinen.

Hermine verstand die Hoffnung, die hinter dieser Geste stand. Sie verstand sie auch, als er sich langsam in Bewegung setzte und sie hinüber in sein Schlafzimmer dirigierte. Und sie verstand sie noch soviel besser, als er begann, sie auszuziehen. Doch am besten verstand sie sie, als sie seinen nackten Körper an ihrem spürte und sich das erste Mal seit Tagen, vielleicht sogar Wochen wieder vollständig fühlte.

Möge das neue Jahr ruhiger und leichter werden als das alte.


TBC…