In den schaurigen Kerkergängen Hogwarts, wo flackernde Fackeln kaum in der Lage waren die Dunkelheit zu vertreiben und fragwürdige Flüssigkeiten im immerwährend gleichen Takt von der Decke tropften, hielt der Frühling Einzug. Etwas tanzte dort, sprang und machte Pirouetten, dass das blonde Haar nur so wirbelte. Jemand lachte vergnügt und spähte um Ecken wie ein kleines Kind.

Lucius Malfoy war glücklich. Severus Snape hatte ihm einen Brief geschrieben und er hatte sich aufgemacht, kaum war die Eileule bei ihm eingetroffen und hatte er die Nachricht gelesen, die ihn nach Hogwarts beorderte.

Einem russischen Balletttänzer gleich flog er nun auf der Suche nach dem Büro des Professor durch die hogwartschen Kellergewölbe und hinter ihm regnete es Blüten und Feenstaub. Doch plötzlich vernahm er etwas, den keuchenden Atem eines angestrengten Schülers. Im Bruchteil einer Sekunde verwandelte sich der unbeschwerte Tanz in elegantes Schreiten. Der zuvor wahllos in die Luft geworfene Stock kam zu verdienter Ehre als Objekt zur akustischen Untermalung Lucius' Laufes. Zudem sah er auch einfach nur gut aus.

Sehr genau passte er den Moment ab, als der dicke Junge an der Kreuzung in seinen Weg lief und ließ sich mit ihm kollidieren.

„Was zur…!", rief er und wirbelte sein seidenes Haar empört. Lucius Malfoy gehörte zu den wenigen Menschen, die dazu in der Lage waren, Gefühle allein mit den Haaren auszudrücken. Mit wütenden Augen (und wütendem Haar) sah er auf den Jungen hinab, der zwar einige Zeit zum Verarbeiten der Situation brauchte, dann aber schnell in den gewünschten Zustand des verängstigten Rehs wechselte. Zeit fortzufahren.

„Weißt du eigentlich, wer ich bin?!", fragte Lucius und seine Worte bestanden aus Narzissmus und Hochmut.

„N-n-nein", ward die Antwort gestottert.

Lucius hielt es nicht für nötig, ihn darüber aufzuklären, wer er war, er fuhr sogleich fort:

„Dein Name?"

„Georg… Georgel."

„Nachname?"

„Flatfoot."

„Sehr gut….", murmelte und legte die Hand grübelnd ans Kinn, „Haus?"

„Hufflepuff."

Lucius lachte verächtlich und wand den Blick von dem schwitzenden Jungen ab, um ihn durch die Gänge schweifen zu lassen – den Blick, nicht den Jungen. So lange, dass Georgel es nicht mehr aushielt und wahrhaftig wagte fast flehend zu fragen:

„Darf ich jetzt bitte gehen?"

„Nein", antwortete Lucius knapp, „aber du kannst mir sagen, was du hier unten machst, Hufflepuff." Hufflepuff funktionierte hier vorzüglich als Beleidigung.

„Professor Snape hatte mich zu sich gerufen", antwortet Georgel und nun tat er Lucius schon fast leid. Erst von Severus zur Schnecke gemacht und dann - fast schon wieder frei - doch noch seinem schlimmsten Albtraum in die Arme gelaufen.

„Und wo genau finde ich diesen ‚Professor Snape'?"

Den vor anstrengenden Überlegungen ganz schweren Kopf auf seine Hände gestützt saß Professor Severus Snape an seinem Schreibtisch und legte die Stirn in Falten. Da klopfte es. Snape hatte nicht den Hauch einer Möglichkeit, „Herein" oder gar „Heraus" –was er persönlich bevorzugt hätte - zu rufen, schon war der Gast eingetreten.

„Servus, Severus, Schätzelchen.", flötete ein wieder schillernder Lucius. Auf Zehenspitzen schwebte er zu Snape heran, um dessen Schreibtisch herum und ließ sich auf seinem Schoß nieder.

Snape stand auf. Und Lucius machte Bekanntschaft mit dem Fußboden.

„Snappi!", rief er empört, „Was für eine überaus nette Begrüßung."

Snape ignorierte den Mann zu seinen Füßen, vergaß aber nicht ihm beim Aufstehen noch einen versehentlichen Tritt zu verpassen, welcher Lucius sehr erotisch aufkeuchen ließ.

Er trat an sein Regal, zumindest an einen Teil davon. Die Wände des Raumes waren ja ein einziges Regal. Ansonsten war er ein recht furchterregender Kellerraum mit Wänden, die nicht nur unverputzt waren, sondern gleich nur aus Stein und Mörtel bestanden. Das wirkte ziemlich gruselig und einschüchternd auf junge Schüler und andere Nervensägen, war aber auch ein bisschen unpraktisch. Snape hätte gerne ein Bild seines verstorbenen Pudels Susie an die Wand hinter seinem Schreibtisch gehängt, er war jedoch daran gescheitert, den Nagel ins Gestein zu hämmern und seitdem stand Susies Photo auf dem Tisch. So konnte er es wenigstens ansehen und an die schöne Zeit mit ihr denken, wenn ihm mal wieder übel wurde vor Hass auf die Schüler, die Schule, seinen Beruf, sein Leben und – die Schüler.

Während Snape tat, als würde er die Rücken seiner Bücher studieren – nicht mal die Hälfte davon hatte er wirklich gelesen, und abzählen, was von grüner, roter, blauer oder milchig weißer Flüssigkeit umgeben in seinen Reagenzgläsern schwamm – der größte Teil war nur Show, es war erstaunlich wie viele interessante Tränke man ganz ohne Ogeraugen, Eigenurin und Mistkäfer herstellen konnte, dachte er darüber nach, wieso diese Ader links seiner rechten Schläfe immer dann so penetrant zu pochen begann, wenn der blonde Schönling den Raum betrat, und ob dies wohl von Nutzen sein würde, bei dem, was ihnen bevorstand… Er hatte das ja eigentlich alles nicht gewollt… Er wollte bloß seine Ruhe, aber diese Macht, sie war stärker…

In Gedanken machte er diese andeutungsvollen Punkte natürlich nicht, sondern dachte ohne Unterbrechung gleich weiter.

Als Snape keine Lust mehr hatte, sich den Kopf zu zerbrechen und Lucius Bemerkungen zur Inneneinrichtung seines Büros – „Schön hast du's hier, aber ein bisschen Staub wischen könntest du auch mal. Und diese Farben, von vorgestern. Ein wenig rosa wäre nicht schlecht, dazu cremefarbene Accessoires… das würde deinen Teint ganz vorzüglich betonen" – unerträglich wurden, nahm er ein beliebiges Buch von den vielen Stapeln, drehte sich um, schlug es an einer ebenso beliebigen Stelle auf und sah mit ernst zusammengezogenen Brauen Lucius an. Der hatte es sich gerade auf dem Stuhl bequem gemacht. Seine Füße hatte er auf den Schreibtisch gelegt und begonnen, sich mit einer Schreibfeder von dem Dreck unter seinen langen, weißen Nägeln zu befreien. Snape schenkte ihm einen angewiderten Blick und begann dann mit den zurecht gelegten Worten:

„Dies ist das Buch des Schicksals, Lucius, das ich lange Zeit weggeschlossen habe. Ich habe gehofft, dass es nicht so weit kommen würde. Die Zeichen standen gut, das Mädchen hat sich nie sonderlich um Kosmetik gekümmert und dein Sohn, er war… normal. Alle waren sie normal, selbst Potter, doch dem Buch ist es dennoch gelungen, unser Schicksal zu bestimmen. Wir müssen es akzeptieren, wir müssen tun, was es verlangt…"

„Severus, Schätzchen", unterbrach ihn Lucius und lächelte ein ganz und gar nicht amüsiertes Lächeln. „Wenn du das Buch des Schicksals verloren hast kannst du es mir ruhig sagen."

„Wie kommst du darauf?", entgegnete Snape und versuchte dabei entweder empört oder überrascht zu klingen. Ihm gelang weder das eine noch das andere.

„Du musst wissen, ich bin nicht blind, von hier aus kann ich sehr gut den Titel des Buches, das du in den Händel hältst, lesen: Kräuter der Provence und ihre vielfachen Anwendungsmöglichkeiten in der modernen Magie von Emmanuel de Cressco. Untertitel: Rezepte für viele Tränke und einen wohltuenden Tee."

Einige Sekunden schwieg Snape; Sekunden, in denen er das Gehörte verarbeitete und mit seinem geplanten Gesprächsverlauf abglich, um dann einen Weg zu finden, seine Würde zu behalten. Hochnäsigkeit, hieß die Lösung.

„Ja, ganz toll hast du das gemacht, mein kleiner Detektiv, möchtest du ein Bonbon haben als Belohnung?"

„Ja."

„Ich hab keins."

„Menno."