Harry Potter schlich durch die Nacht, genauer: Hogwarts bei Nacht, das hört sich aber nicht so poetisch an. Er war alleine unterwegs, denn er wollte Hedwig noch mit einem Brief losschicken. Ein Brief, der nicht für jedermanns Augen bestimmt war. Harry erinnerte sich nicht mehr genau, warum, aber jetzt war es zu dunkel, um nachzusehen.

Gut, prinzipiell hätte Harry auch einfach Hedwig losschicken können, wenn nicht gerade Stoßzeit war, was natürlich um einiges einfacher gewesen wäre. Kein Schleichen, keine Gefahr, entdeckt zu werden, und keine gruseligen Schatten. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass es bei Nacht sein musste. Das Warum ließ sich nicht erfassen und in die Form der Worte zwängen. So war es einfach. Und bis jetzt standen seine Chancen auch ganz gut, sich bald ohne unangenehmen Zwischenfall in sein Bett fallen lassen zu können.

Harry betrat die Eulerei, die Tür stand offen, und ihm fröstelte. Durch die Ausflugsfenster zog es und die Nachtluft war kalt und feucht.

Die Eulerei war verhältnismäßig leer. Auf den Stangen saßen kaum zehn Eulen, alles hässliche kränkelnde Tiere, die nervös gurrten, als sie Harry bemerkten. Das machte Sinn, leuchtete es ihm ein; Eulen waren nachtaktiv. Und er wollte des nachts Briefe verschicken, was wiederum keinen Sinn machte. Trotzdem. Die Unverschämtheit Hedwigs, nicht da zu sein, wenn er sie brauchte, machte ihn wütend. Energisch trat er nach einem auf dem Boden liegenden Gewölle.

Das ließ ihn abkühlen und er setzte sich auf den ebenso dreckigen wie kalten Boden, um auf seine Eule zu warten. Irgendwann würde sie schon mal vorbeischauen müssen. Besser wäre es für sie und ihre Gesundheit.

Kaum war eine viertel Stunde vergangen, sah Harry den weißen Vogel durch eine der Öffnungen hineinfliegen und auf einer Stange über seinem Kopf landen.

Harry stand auf und musterte Hedwig kritisch. Sie erwiderte seinen Blick mit der größten Unschuld, die einer Eule möglich war.

„Entschuldigung angenommen", sagte Harry nickend und tätschelte ihr den Kopf. „Und nun: ein Brief für dich"

Er band ihn fest, das Mondlicht war dabei durchaus von Vorteil und kraulte Hedwig kurz unterhalb des Schnabels, was sie glücklich Gurren ließ.

„Flieg", sagte er und sie flog. Erst später würde ihm auffallen, dass er ihr gar keine Anweisungen gegeben hatte, zu wem sie fliegen solle.

Als Harry sich umdrehte, um zu gehen, trat überraschend eine Person aus dem Schatten hinter der Tür. Blonde Haare, weiße Haut und ein bösartiger Blick aus blauen Augen. Draco Malfoy.

„Oh, was haben wir denn da? Potter verschickt geheime Briefe mitten in der Nacht? Was Professor Snape wohl davon halten würde?", schnarrte er gehässig.

„Würde mich auch sehr interessieren, wie du Professor McGonagall erklären willst, was du hier mitten in der Nacht ganz zufällig gemacht hast", konterte Harry begnadet gut.

Dracos Antwort war durchaus überraschend:

„Ich hab' keine Ahnung."

Offensichtlich war das etwas, dass Malfoy schwer belastet hatte, denn er fuhr sogleich fort zu reden, während Harrys natürliche Reaktion ein verwirrtes Schweigen war:

„Ich verstehe nicht, wieso ich hier hin gekommen bin. Plötzlich werde ich wach und ehe ich mich versehe bin ich auch dem Weg hierhin und dann sehe ich dich und…"

Das Gefühl war Harry vertraut. Er selbst verstand nicht, warum er aufgestanden war. Er fühlte, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas war falsch, nur was?

„Lass uns das vergessen und uns schlafen gehen – getrennt voneinander", unterbrach ihn Harry.

„Endlich mal kluge Worte, Potter, aber wieso kommst du auf die Idee, ich wollte mein Bett auf andere Weise aufsuchen als getrennt von dir?", sagte Draco und lachte Harry eine Runde aus. Als er damit fertig war, ging er kopfschüttelnd.

Auf dem Weg zurück zum Schlafsaal hatte Harry genug Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was das eben für eine kuriose Begegnung gewesen war und vor allem – wieso hatte er „getrennt voneinander" gesagt? Das war doch wohl selbstverständlich, oder nicht?