THE TALE
Teil I: Begegnung

Disclaimer:
Alle Rechte an der Harry Potter Reihe und deren Charakteren liegen bei der großartigen Autorin J. K. Rowling und den veröffentlichenden Verlagen. Ich leihe mir sie nur aus; alles was mir gehört ist eine Hütte in Schottland träum Nein, noch nicht mal die. Jedenfalls nicht im wahren Leben, deswegen schreibe ich sie mir… und natürlich verdiene ich damit kein Geld.

Die deutschen Rechte liegen beim Carlsen Verlag, Hamburg 1998 – 2007, Original Copyright © Joanne K. Rowling 1997 – 2007; Originalverlag Bloomsbury Publishing PLC, London 1997 – 2007. Harry Potter names, characters and related indicia are copyright and trademark Warner Bros., 2000 – 2007. Harry Potter publishing rights are copyright Joanne K. Rowling.

Zusammenfassung:
Wenn du dein Leben betrachtest, und nur dein Scheitern siehst… Wenn du alles verloren hast, was dir einmal etwas bedeutete… Und wenn du dich fragst, ob du etwas hättest anders machen können… was würdest du ändern, wenn du die Chance hättest? Gäbe es ein bestimmtes Ereignis? Kann nur ein Ereignis einen ganzen Lebenslauf ändern? Einen verlorenen Krieg gewinnen? Nur wenn du es versuchst, wirst du es mit Sicherheit wissen…

Was wäre, wenn Ginny Harrys erster echter Freund gewesen wäre?

Rahmenhandlung:
Drei alte Herren begegnen sich unter seltsamen Umständen und sitzen bei Sturm in einer einsamen Hütte auf einer Insel fest. Der eine beginnt zum Zeitvertreib eine, seine Geschichte zu erzählen. Aber plötzlich wird die Geschichte zu mehr als nur einer Geschichte...

Inhalt:
Harry ist ein Zauberer! Er kann es selber noch gar nicht fassen. Und dann trifft er auch noch ein Mädchen, dass sein Freund sein will... nun, beides zusammen ergibt den besten Sommer seines Lebens. Aber dann muss er nach Hogwarts - allein.

Teil I der Saga umfasst das Ende der Herumtreiber-Ära (1980/81) und Harrys erstes Schuljahr (Alternative zu HP & der Stein der Weisen) - MWPP & HP I AU

Über die Geschichte:
Die Idee spukt mir seit zwei Jahren, seit dem Ende vom HBP, im Kopf umher; und nun habe ich endliche alles beisammen. Angelegt ist es wahnwitzigerweise als ein AU auf alle sieben Bücher, also sieben Teile… nun, ich mag eine – hm – Herausforderung? (lacht leicht hysterisch)

Wir werden sehen, wie lange ich durchhalte. Ich bin mir auf jeden Fall ziemlich sicher, dass dieser erste Teil fertig wird; fast dreiviertel davon sind nämlich schon geschrieben (auch ein Grund, weshalb ich so lange brauchte – ich wollte sicher gehen, dass ich es fertig stellen kann, bevor ich es poste)

Im Moment sieht es nach 16 Kapiteln plus Prolog aus oder so 110.000 Wörter.

Falls noch jemanden die normale Länge meiner Kapitel interessiert, ich ziele so auf 5000 Wörter pro Kapitel, das sind in meiner Schriftgröße 15 Seiten. Das bedeutet, das der Prolog fast doppelt so lang ist… nun, lässt sich nicht ändern. Er ist nicht wegen der Länge ein Prolog, sondern weil er thematisch vom Rest der Geschichte etwas abgegrenzt ist.

Das sollte auch alle interessieren, denen der Prolog so gar nicht gefällt – der Rest der Geschichte ist anders, und ab Kapitel 7 (Begegnungen in der Winkelgasse, das ist eigentlich Kapitel 3, aber das zweite Kapitel war so lang, dass ich es gefünftelt habe) sehen wir Harry und Ginny. Also gebt mir eine Chance… Wer darauf nicht warten kann oder mir das nicht glaubt – auf meiner Bio-Seite ist immer noch der Link zur Vorschau, da könnt ihr euch einen Eindruck verschaffen vom Rest der Geschichte…

Diese FF ist für alle, die wie ich traurig sind, dass das siebte Buch nun geschrieben und gelesen ist, und trotzdem noch mehr haben wollen. Eine alte Reise, neu erzählt, mit meinen eigenen Ideen und Vorstellungen. Und nebenbei werde ich sie auch dafür nutzen, über Probleme zu reflektieren, wo es sich anbietet… es steckt also an verschiedenen Stellen immer mal wieder ein gutes Stück von mit selbst in der Geschichte.

Spoiler:
DH wird nicht berücksichtigt, HBP in großen Teilen, der Rest komplett – das gilt offensichtlich für den Teil am Anfang, nicht den Rest meiner Geschichte.

Dort gilt: Die Handlung baut auf HP und der Stein der Weisen auf, und da ich immer wieder kleine und größere Querverweise zu den Büchern einbaue, erhöht es meiner Ansicht den Lesespaß ungemein, wenn man (in diesem Fall) den ersten Band neben sich liegen hat, oder wenigstens gut kennt; aber er ist keine Vorraussetzung, um die Geschichte zu verstehen.

Außerdem werde ich vermutlich viel verwenden, was ich in anderen (englischen, ich lese fast ausschließlich englisch FF) gelesen habe. Das lässt sich gar nicht vermeiden; oft weiß ich gar nicht mehr, ob es meine Idee war oder ich es nur irgendwo gelesen habe. Wann immer ich bewusst etwas verwende, werde ich auf das Original verweisen – was dann in jedem Fall heißt, dass diese Geschichte absolut lesenswert ist und von mir empfohlen.

Pairings:
Ergibt sich logischerweise aus dem Alter von Harry – keins. Aber natürlich stehen Ginny und Harry sowie ihre Freundschaft im Mittelpunkt; deswegen ist es auch die Charakterauswahl im Filter.

Reviews:
Freue ich mich drüber, insbesondere konstruktive Kritik. Dem Kapitel fehlt in meinen Augen noch der letzte Feinschliff, aber ich wollte es endlich posten; vermutlich gehe ich später noch einmal drüber. Wenn euch also etwas seltsam oder unverständlich vorkommt, schreibt etwas dazu! Je mehr Feedback ich bekomme, umso mehr kann ich mich verbessern, insbesondere, weil dies mein erster großer Versuch ist.

Ich werde versuchen, alle Fragen zu beantworten; solche, die alle interessieren, auch in einem eigenen Antwort-Review von mir, also lohnt es sich, da immer mal wieder nachzusehen; vielleicht wurde die eigene Frage ja schon beantwortet.

Anonyme Reviews sind zugelassen, Flames werden (auch wenn ich bisher keine hatte) stillschweigend ignoriert oder zur meiner Amüsierung ausgeschlachtet (ich habe da schon sehr komische gelesen)

Rating:
Im allgemeinen K , also mit 12 gut lesbar – Harry ist ja selber erst 11, das ist auch das Gesamtrating der Geschichte. Einzige Ausnahme und

! HINWEIS !
(unbedingt lesen)

Der Prolog – er liegt irgendwo zwischen T und M, also vielleicht erst ab 16. Ich hab da immer Probleme mit der Bewertung. Explizite grafische Gewalt, stimmungsmäßig sehr düster, Krieg und Tod, also auf jeden Fall oberhalb vom Rest der Geschichte und vielleicht nicht so sehr für ganz junge Leser geeignet, aber ich wollte nicht nur deswegen die ganze Geschichte hochstufen.

Wer sich nicht davon angezogen fühlt, der kann ihn einfach auslassen – der Prolog bietet nur einen Einstieg, aber er enthält keine unmittelbar relevanten Informationen für den Rest der Geschichte.

Alle anderen lade ich nun herzlich zum Lesen ein… ich hoffe, es gefällt. Bühne frei, der Vorhang geht auf!

Mit einem verspäteten Halloween-Gruß,
SeriousScribble


Prolog: Pictures of Halloween - gestern, heute, morgen

Für meine Grundschullehrerin Frau Kleinhans,
die mich geduldig die große Kunst des Schreibens lehrte, und als erste
meine unendlichen Geschichten von geheimen Schätzen, Drachen und Abenteuern las;
und nicht an mir und den ewigen Unfertigkeiten verzweifelte, sondern im
Gegenteil mich immer ermutigte, weiter zu schreiben.

Dies ist der Lohn.

Danke.

Is there nothing to be said?
Don't need to answer that
Promise you'll watch my back
The last ones…

Heaven knows
There was no place for us to go
And so we're headed home

We are the last ones
Standing
The last ones
Demanding
The last ones…

And the last ones
steal the future and the past
The last ones…

(The Walkabouts, The Last Ones)

Der Himmel brannte.

Die Augen des Kriegers blickten scharf über die weite Ebene, aber es gab nichts mehr, was er noch tun konnte. Er war ausgebildet, gegen jeden noch so großen Gegner zu kämpfen, aber hier war er machtlos, hier konnte er nur hilflos zusehen. Niemand konnte hier noch etwas tun.

Die Götter selbst hatten beschlossen, das Land zu zerstören, ein für alle mal. Glühende Brocken prasselten vom Himmel, der inzwischen eine Blutrote Färbung angenommen hatte, und prallten auf den Boden. Nur das magische Schild, welches dem Krieger in dieser Stärke ungeheure Anstrengungen abverlangte, schützte ihn vor den glühenden Steinen; es flimmerte bläulich, jedes mal, wenn ein Stein einschlug.

Der Rest des Bodens war weniger geschützt; schon standen große Flächen des ebenen Graslandes in Flammen, rote Feuerwände überall, darüber dicker, schwarzer Qualm; alles verzehrend, unnachgiebig, absolut. Die Luft roch scharf und schweflig, er musste husten, als der Rausch in sein Gesicht schlug. Der Wind drehte und nahm zu.

Die Feuer breiteten sich aus, gierig, leckten an den wenigen Bäumen, die wie Fackeln kurz aufloderten und dann zu Asche verbrannten; immer mehr Feuer schlossen sich zusammen, wurden gemeinsam noch größer. Unaufhaltsam drangen sie vorwärts, und der Regen aus Glut ließ nicht nach. Hinter ihnen, wo sich einst eine Grüne Ebene Meilenweit erstreckte, blieb nur schwarzer, nackter Boden zurück, verbrannt und tot - bar selbst des kleinsten Lebewesens.

All dies sah der Krieger, als ob es Tag wäre, dabei war die Sonne schon vor längerer Zeit untergegangen. Aber der glutrote Himmel warf ein wütendes, fahles Licht über die Landschaft, ein pulsierendes rot, rot wie eine entzündete Wunde - es war, als hätte der Himmel angefangen zu bluten, und die Steine seine Tropfen.

Er wandte sich ab, und blickte zurück auf den niedrigen, aber ausgedehnten Hügel, an dessen Flanke er stand; hinter den letzten Häusern. Oben wölbte sich ein ähnliches Schild wie seines, nur viele Male größer, über einem hell erleuchteten Tempel und seinem großen Festplatz, im Zentrum der Stadt. Vermutlich hatten die trunkenen Narren dort oben vom Weltuntergang noch nicht einmal etwas mitbekommen.

Es war ein- und einviertel Mond nach der Tag-und-Nacht-Gleiche der zunehmenden Nacht; und so waren sie zu beschäftigt, Sa-muin zu feiern, das Neujahrsfest, das gleichzeitig das letzte der Ernte- und Fruchtbarkeitsfeste zu ehren der Göttin Sawa war und aus diesem Grunde immer eine Menge von Essen und Trinken darbot; besonders Trinken.

Er seufzte. Es hatte schon zuvor Anzeichen gegeben, dass nicht alles so war, wie es sein sollte, aber die Menschen hatten im Laufe der letzten Jahrhunderte immer mehr angefangen, die Zeichen zu ignorieren, und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen; im törichten Glauben, dass sie mit ihrem Verstand und ihrer Magie allein allen Dingen, die kommen würden, gewachsen waren.

So hatten sie sich immer mehr von den Göttern abgewandt, spotteten ihnen in einem unglaublichen Anflug von Selbstherrlichkeit gar, und die Feste zu ihren Ehren verkamen zu Gelagen um ihrer selbst willen.

Nun war der Tag der Abrechnung da, und niemand bemerkte es, weil ihr Schild sie schützte - noch - aber gleichzeitig auch blind und taub machte, da es nichts von außen hindurchließ. Sie würden es erst wissen, wenn das Schild nachgab, und dann würde es zu spät sein.

Ohne sich noch einmal umzusehen ging er zurück den Hügel hinauf, wobei er versuchte, den größten herabfallenden Felsen auszuweichen. Es war an der Zeit, sich selbst zu retten, und alle, die ihm etwas bedeuteten, aber er bezweifelte, dass viele auf ihn hören würden. Selbst sein Vater zog es vor, seinen Weisen zu glauben. Sie alle würde der Zorn der Götter treffen und richten; so, wie es vorher gesagt war.

…er starrte auf die Schlosswiese. Es war Nacht, der letzte Oktobertag, Herbst; aber nicht dunkel, denn die Wiese brannte. So sah es jedenfalls aus. Überall züngelten gelb-rote Flammen, an Büschen, Bäumen und im Zentrum - eine riesenhafte Feuerwand - das Schloss. Er spürte die Hitze bis hier, aber das war seine kleinste Sorge.

In diesem Licht sah er unförmige Gebilde liegen, nein, keine Dinge, es waren - Menschen. Hunderte von Menschen, die allermeisten vermutlich tot. Tot. Er war zu spät gekommen…schon wieder zu spät…

Er schloss die Augen. Das Bild, dass sich ihm bot, weckte Erinnerungen, Erinnerungen, die er am liebsten verdrängt hätte. Aber so sicher, wie die Sonne morgens im Osten aufging wusste er, dass diese Bilder für immer bei ihm sein würden, nun ein Teil von ihm, den er genauso wenig ablegen konnte wie sein Arm oder Bein.

Hogsmeade. Ottery St. Catchpole. Das Quidditchspiel in Exmoor. Die Winkelgasse. Sah so London aus, nachdem es von Muggelbombern angegriffen wurde? Er hatte die Bilder nie gesehen, nur davon gehört. Trümmer überall, Zerstörung, Tod. Er bezweifelte, das es schlimmer sein könnte, als die Winkelgasse. Seinen Gedanken hielten dort, in morbider Faszination.

Gedankenschnipsel glitten durch seinen Kopf: Ein elfjähriger Junge geht zusammen mit einem hünenhaften Mann durch Menschen und vorbei an Geschäften und Auslagen, staunt... Der Junge sitzt zusammen mit einem Rotschopf - wagt er es schon, ihn Freund zu nennen? - im Zug - er weiß nicht, was ihn erwartet, aber besser als dass, was er zurücklässt, muss es allemal sein... Alle starren ehrfürchtig zu dem großen Schloss hinüber, das auf einem Felsen über dem See thront...

Für ihn hatte ein neues, besseres Leben begonnen, aber nun hatte er keine Illusionen mehr.

Zauberer waren nicht die besseren Menschen, nur andere Menschen. Nur Menschen. Er lachte bitter auf. Der Mensch dem Menschen selbst ein Wolf. Wie wahr, und die großartigen Zauberer und Hexen waren da keine Ausnahme. Auch sie hatten Vorurteile, verursachten Leid, absichtlich oder unabsichtlich, machten Fehler, zerstörten Leben. Nur die Mittel waren anders, am Ende war das Ergebnis aber genauso sinnlos, genauso traurig und kaputt.

Und alles nur wegen der Laune eines Mannes, geboren aus den Umständen der Gesellschaft, die nun erntete, was sie selbst gesät hatte; die lieber wegsah, als half, lieber sich selbst belog, als die Wahrheit zu sehen, und vor allem lieber auf einen Retter wartete, als sich selbst zu retten.

Er war schon lange an dem Punkt vorbei, an dem er sich fragte, für was oder wen er eigentlich weitermachte. Es wäre so einfach gewesen, einfach zu verschwinden, irgendwie; er konnte die Male, an denen er knapp an einem Todesfluch vorbei geschrammt war, kaum mehr zählen… wäre er einfach stehen geblieben und in den kühlen, alles vergessenden Arm der ewigen Ruhe gefallen… er war so unendlich müde.

Aber jedes Mal fand er die Kraft für den nächsten Schritt, für sich und für alle, die ihm lieb waren, oder wenigstens für diejenigen, die davon noch übrig waren.

Denn auch das war ein Ergebnis dieses Wahnsinns; eine ganze Generation von Zauberern und Hexen, hoffnungsvoll und idealistisch wie jede Jugend, im Versuch, alles besser zu machen als bisher, nun ausgelöscht, aufgerieben im gezwungener Seitenwahl mit nicht mehr vorhandener Neutralität; und die, die es nicht waren, ähnlich wie er, müde und ausgebrannt, weil sie zu viel gesehen hatten; zuviel Krieg, zuviel Leid, zuviel Tod.

Winkelgasse. Über ihr hing eine dicke, schwarze Qualmwolke und verdunkelte die trübe Vorabendsonne, sodass wenig mehr Licht blieb als während der Dämmerung.

Es war absolut still. Totenstill, dachte er.Kein einziges Geschäft war noch heil. Der einst strahlende, weiße Bau von Gringotts war nur mit schwarzen Russ und Brandflecken übersäht, die Bronzetür aus ihren Angeln gerissen, der Eingang ein gähnendes dunkles Loch wie der Mund eines Untiers. Von den meisten anderen Geschäfte waren nur noch Trümmer übrig, viele waren ausgebrannt. Hier und dort flackerten noch immer Feuer.

Körper säumten die Straße, Männer, Frauen, Kinder, Todesser und ihre Gegner gleichermaßen; der Tod war für alle gleich gekommen und unterschied nicht zwischen denen, die Angriffen, und denen, die sich verteidigten.

Zusammen mit dem beißenden Qualm verursachten die Leichen einen Gestank, den er nur allzu gut kannte; nach verbranntem Fleisch, Blut, Schweiß. Er hatte sich irgendwann daran gewöhnt, wie man sich an alles gewöhnt, wenn man es nur häufig genug sieht.

Wo einmal Weasleys Zauberhafte Zauberscherze waren, war nur noch ein großer Krater zu sehen. Hatten Todesser das Gebäude mit seinen Bewohnern zerstört? Oder hatten Fred und George den Laden von außen mit Todessern drinnen in die Luft gesprengt?

Ein leichter Rauch stieg aus dem Loch im Boden auf. Ein grell-pinkes Stück Papier flatterte im Wind - es hob ab und wirbelte ein paar Meter vor ihm durch die Luft, bevor die Böe abflaute, und von dem Fetzen abließ wie ein Kind, das eines zu lange besessenen Spielzeugs überdrüssig geworden ist. In schaukelnden Bewegungen sank es wieder zu Boden.

Er bückte sich, und hob es auf. Er spürte die Fasern des Papiers unter seinen Fingern, etwas rau, verkohlt an den Ecken, und sah abgerissene Großbuchstaben, die ihn anstarrten. …scheißt nie mehr. In der Tat. Er ging weiter.

Aber ansonsten war nichts übrig. Er wandte sich ab. Etwas weiter die Straße hinunter hörte er ein Geräusch, merkwürdig laut in der Stille; das Schaben eines großen Kartons auf dem Pflaster. Seine eigenen Schritte klangen laut und unnatürlich in seinen Ohren, als er vorsichtig mit dem Zauberstab auf den Karton gerichtet in die Richtung der Quelle ging.

Er packte den Zauberstab fester, das warme Holz drückte in seine Hand, fast schmerzhaft, aber er hieß den Eindruck willkommen. Es war etwas vertrautes, etwas, an das er sich halten und auf das er sich verlassen konnte - sein Zauberstab war eines der ersten Dinge, die er jemals aus der magischen Welt bekommen hatte – Stechpalme, elf Zoll, mit Phönixfeder – und war eine der wenigen Konstanten in seinem Leben, die ihm noch geblieben waren.

Hedwig, die große, weibliche Schneeeule war auch so etwas gewesen, bis sie in einem Kampf zwischen ihm und Lucius Malfoy einen Todesfluch für ihn abgefangen hatte. Gute, treue, Hedwig…das war nun auch schon fast ein Jahr her.

Er atmete flach, aber gleichmäßig, die Nerven angespannt… „Levicorpus!"

Unter dem Karton saß eine kleine schwarze Katze, kaum älter als ein paar Wochen. Sie war am linken Hinterbein verletzt. Er nahm sie vorsichtig in den Arm und merkte, wie sie zitterte.

Mit einem Mal wurde ihm klar, vor welchem Geschäft er stand. Steinern blickte er auf die schwarz verkohlten Balken, die sich vor ihm auftürmten. Auf einem Brett weiter vorne waren die Worte Magische Mane- zu lesen. Das Kätzchen schien ihn vorwurfsvoll anzustarren, echote seine eigenen Gedanken in ihrem unschuldigen Gesicht. Warum hast du uns nicht gerettet?

Aber er konnte nicht, seine Mission war wichtiger. Horkruxe, natürlich, und selbst jetzt, nach über einem Jahr, war immer noch einer übrig. Den vorletzten hatte er eben vernichtet.

Voldemort hatte seine Abwesenheit gründlich ausgenutzt, und verbreitete Schrecken und Terror praktisch ungestört (der Orden des Phoenix nach Dumbledores Tod nicht mehr als eine Name und das Ministerium hilflos), während er sich ihm noch nicht stellen konnte, weil er wusste, dass es vergebens sein würde. Eine ohnmächtige Verzweiflung packte ihn.

Er schloss die Augen in einem Versuch, alles auszublenden. Vielleicht, wenn er nur fest genug daran glaubte, verschwand auch das Trümmerfeld, wenn er es nicht mehr sah. Keine Krater mehr, keine ausgebrannte Tierhandlung. Vielleicht, wenn er es nur stark genug wollte, würden Ron und Hermine wieder lebendig. Vielleicht, vielleicht, vielleicht…

Er bezweifelte, dass in dem Kampfgetümmel irgendjemand sich um die ganzen Tiere gekümmert hatte, was bedeutete, dass sie qualvoll in ihren Käfigen verbrannten. Das kleine Kätzchen war das einzige überlebende Tier, nein, es war, neben ihm, überhaupt das einzige Lebewesen, das noch hier war.

Kurz, die Winkelgasse existierte nicht mehr.

Das letzte was sich in sein Gedächtnis einbrannte, war der Anblick einer Küchenuhr in den Trümmern. Das Gehäuse war gebrochen und die Zeiger abgefallen, alle bis auf einen. Wie ein mahnender Finger zeigte er unverwandt auf einen Punkt: Du kommst zu spät.

Er öffnete die Augen. So viel Grausamkeit hatte er gesehen; es verfolgte ihn in seine Träume, und sah ihn an, jedes Mal, wenn er in einen Spiegel blickte und sich selbst sah – gezeichnet, denn das Leben hatte auch körperlich Spuren hinterlassen: eine weiteren Narbe an der linken Wange, harte Züge, die einem Mann des doppelten Alters hätten gehören sollen und bohrende, dunkelgrüne Augen, die ihn anstarrten und ihn unbarmherzig daran erinnerten, dass auch er Leben genommen hatte, genauso wie seine Gegner; dass auch er seine Unschuld verloren hatte.

Er schüttelte die Gedanken ab, kein Sinn darin, auch noch tagsüber darüber zu brüten. Er war im hier und jetzt, Hogwarts; das taufeuchte Gras unter seinen Schuhen, der kühle Herbstwind in seinem Gesicht, die Feuer, und sonst Dunkelheit.

An dem Anblick hatte sich nichts geändert. Er zwang sich, den kleinen Abhang hinunter zu gehen, und die Wiese näher zu betrachten. Er wich den Feuern aus, ging näher in Richtung des brennenden Hogwarts.

Der Nordturm fiel lautlos in sich zusammen, wahrscheinlich war die magische Integrität aufgelöst. In Hogwarts war Magie verwendet worden, wie bei andern Häusern Mörtel, das sagte Hermine jedenfalls, und Ron fragte dann, was Mörtel war…

All das registrierte er nebenher, unbewusst, während durch all die Toten schritt; gespenstisch rot-gelb erleuchtet von dem flackernden Flammen in der dunklen Nacht.

Und dann hielt er an. Er konnte geradezu hören, wie etwas in ihm schnappte, auf einmal fühlte er sich seltsam losgelöst von allem. Er verstand nicht, was er sah, auch wenn er die Einzelheiten im Licht eines nahen Feuers mit minutiöser Genauigkeit aufnahm.

Das rechte Bein war zertrümmert, sodass er den in der Dunkelheit geisterhaft weißen, blanken Oberschenkelknochen sehen konnte, der in einem merkwürdigen Winkel aus dem Fleisch herausragte. Wo der Bauch hätte sein sollen, war nur ein Loch, eine dunkelrote Masse, rot vermischt grau und weiß, zu einen einheitlichem Brei aus Blut, Fleisch und Innereien, die einzelnen Bestandteile nicht mehr unterscheidbar. Ein Stück neben der linken Hand lag ein dunkles Stück Holz, der Zauberstab, zerbrochen.

Das Gesicht war dagegen völlig unberührt, die Züge die besser kannte als seine eigenen; inzwischen klar hervortretend auf dem Wege vom Mädchen zur Frau, die Sommersprossen, die er einmal versucht hatte, zu zählen, in besseren Tagen. Der Mund, die warmen braunen Augen, zusammen so oft Ausdruck ihres fröhlichen Übermuts, jetzt geschlossen. Das Feuer gab der Haut einen fast goldene Färbung, die Bewegungen der vom Feuer erzeugten Schatten verliehen Leben.

Sie lag in einer roten Pfütze, so rot wie ihr Haar, so rot wie Blut. Eine wunderschöne Farbe, bemerkte er beiläufig; er konnte sich darin spiegeln und fragte sich dann, wie es kam, dass Blut so rot war.

Er betrachtet ihr Gesicht weiter. Friedlich sah sie aus, als ob sie schliefe.

Das war nicht, wie es hätte sein sollen. Sie hätte nicht hier liegen sollen, so friedlich, so still. Keiner sollte das. Sie hätte auf ihn warten sollen, hätte ihn stürmisch umarmen sollen, Hogwarts hätte sicher sein sollen, sie und jeder andere hätte sicher sein sollen, aus diesem Grund waren sie doch hier, und nicht draußen, kämpfend. Voldemort und seine Schlange hätten nicht hier sein sollen – wie, Voldemort?

Er sah auf. Voldemort stand dort, groß und schrecklich, mit seiner weißen, fast durchsichtigen Haut, dem reptilienartigen Gesicht, den roten Augen, mit den geschlitzten Pupillen. Um seine Füße ringelte sich Nagini, die riesige Schlange.

„Voldemort."

„Potter."

Sie starrten sich mit unverhohlenem Hass an. Schließlich brach Voldemort die Stille.

„Es sieht fast so aus, als wärest du…nun, zu spät? Mal wieder? Wie Schade…sie hat nach dir gerufen, als ich sie brach, weißt du."

Er stieß ihr mit dem Fuß in die Seite. „Und du warst nicht da…um sie zu retten. Wie bei jedem deiner Freunde vorher. Und nun wird sie wieder reden, die kleine Ginny Weasley."

„Nein!" Die Stimme schnitt durch die Luft, gequält, verneinend, voller Schmerz.

Voldemort lachte kalt. „Und hier dachte ich schon, ihr Schicksal würde dich vielleicht nicht mehr interessieren, so wenig, wie du für sie getan hast…du hast wirklich eine miserable Statistik, was deine Freunde angeht, Potter."

Er spürte das Brennen hinter den Augen, und versucht erst gar nicht, es zu unterdrücken; Tränen rannen über seine Wangen, kühl und feucht. Der Herbstwind trocknete die ersten, noch bevor sie zu Boden fallen konnten; die nächsten fielen frei, und vermischten sich mit ihrem Blut auf der Erde.

Er sah sie an, sein Alles; seine Hoffnung und Versprechen, dass vielleicht doch noch alles gut werden konnte; seine Zukunft, sein Leben, all das und so viel mehr war sie für ihn gewesen, und er hatte nie die Worte gefunden, es ihr zu sagen; und nun war es zu spät. Immer zu spät.

Und gleichzeitig fühlte er, dass all das auch mit ihr gestorben war, und wunderte sich, in einer abgetrennten Ecke seines Verstandes, dass er, nach so vielen vergossenen Tränen, für so viele Menschen, doch immer noch welche übrig hatte.

Sie war die letzte gewesen, die ihm etwas bedeutet hatte. Nun war er allein. Allein… der Gedanke beherrschte ihn. Ganz allein, mit seinem Schmerz und den Erinnerungen an fast vergessene, bessere Tage, die das einzige waren, was ihm bleiben würde, von jetzt an bis an sein Ende.

Voldemort wandte sich angewidert ab. „Wie überaus erbärmlich, Potter! Sieh dich an – wo ist deine Stärke jetzt – dein Kampfgeist, den ich nur zu gut kenne? Ein toter Mensch, und schon bricht das alles zusammen. Und du bist nicht mehr als ein jammerndes Weib."

Dann neigte er den Kopf. „Aber vielleicht…sag mir, Potter, hast du sie gemocht? Hast du sie gern gehab - hast du sie vielleicht…geliebt?"

Ein Blick in sein Gesicht gab Voldemort die Antwort. Er ging erregt hin und her.

„Wieso, Potter? Wieso? Liebe ist nichts, Liebe macht schwach. Was hat sie dir gebracht, außer Kummer und Leid? Du hast sie geliebt, aber dass hat sie nicht vor dem Tod gerettet. Sieh hin, nicht einmal der Todesfluch war nötig…nun ist kein Leben mehr in ihr…es hat sich verflüchtigt, wie ein Geruch im Wind, es ist mit jedem Tropfen Blut herausgetropft, schon längst…sie ist tot, einfach so… Ich dagegen habe nie geliebt…ich bin unsterblich…"

Er blendete Voldemorts Gerede aus. Wie all die Male zuvor, so gab auch hier der Anblick ihres Gesichtes ihm noch ein letztes Mal die Kraft zum weitermachen, ein letztes Geschenk von ihr, über ihren Tod hinaus. Er kümmerte sich nicht darum, die Tränen zu trocken; Voldemort verstand nicht, und dass würde sein Untergang sein.

Er lächelte, kalt und humorlos. Das Ende war da, es würde kommen, hier, an diesem Ort. Er hob seinen Zauberstab, und richtete ihn auf Nagini, die zusammengerollt auf dem Gras in Voldemorts Schatten lag. Er konnte ihren Umriss in der Dunkelheit gerade noch ausmachen. Seine Stimme war rau, als er sich dem dunklen Zauberer zuwandte.

„Nicht mehr… Diffindo!"

Der Schnittfluch drang bis zur Hälfte durch den Rumpf der Schlange, gleich hinter ihrem Kopfansatz. Ein Strom von dunklem Blut quoll aus der Wunde, und die Schlange zischte qualvoll in Parsel: „Masssster…"

Voldemorts Kopf fuhr herum, anstatt den Angreifer abzuwehren, und diese Ablenkung brachte ihm genügend Zeit, um den Kopf mit zwei weiteren Flüchen komplett vom Rumpf zu trennen.Die große Schlange bäumte sich noch einmal auf, zuckte und wand sich, aber lag dann still.

Über ihr hing eine mattgrüne Wolke, ein Zeit lang, denn der Wind war eingeschlafen. Nun nahm er aber wieder zu, stärker als vorher und die Wolke zerstäubte in der Luft.

Der Umhang von Voldemort wehte hinter ihm, der Stoff raschelte. Das Töten der Schlange hatte nur eine Sekunde gedauert, aber das war Zeit genug für Voldemort, kampfbereit zu sein. Hinter seinen Augen loderte eine mörderische Wut, als er die Geschehnisse einzuordnen begann und blitzschnell schloss, dass sein letzter Horkrux gerade vernichtet worden war. Er reagierte sofort.

Avada Kedavra!"

Er konnte gerade noch ausweichen. Der letzte Kampf hatte begonnen.

…es war gekommen, wie er es vorrausgesehen hatte. Der Hof im Rausche des süßen Garé-Weines, unfähig zu handeln; seine Aussagen stießen dort nur auf taube Ohren und benebelte Geister, wie schon früher, wie immer und immer wieder. Bis es zu spät war, so sicher und unaufhaltbar wie der Wandel der Jahreszeiten oder der Kreislauf des Lebens, ein Werden und Vergehen, im kleinen wie im großen, und der letzte Weltentag näherte sich nun seinem grandiosen Finale.

Das Schild gab nach, die Glut brach über die hilflosen Menschen herein und Panik breitete sich aus. Und sie fluchten ihn, als den Boten der Kunde, verwünschten seine Geburt, die den Umbruch angekündet hatte, anstatt demütig das hinzunehmen, was sie selbst durch ihre Gottlosigkeit über sich gebracht hatten.

Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu klären.

Auf dem Hügel, auf dem riesigen, fast tausend Schritte langen und breiten Vorplatz des Großen Tempels im Zentrum der Alten Stadt, wo sich alle Menschen versammelt hatten, herrschte nun Chaos. Die prasselnden Glutbrocken hatten etwas nachgelassen, aber die Erde bebte und zitterte.

Hundert mal tausend Menschen rannten kopflos in alle Richtungen des Himmels, ein wogenden Meer; sie stießen die Tische und Stände um, stolperten, fielen zu Boden und wurde rücksichtslos von anderen überrannt, auf der Suche nach Schutz, den es doch nirgendwo mehr gab.

Er stolperte in Richtung des alles überragenden Großen Tempels, dessen weiße Stützsäulen am Einbrechen waren. Er musste dorthin, bevor es zu spät war, musste sie finden, sie war dort, bei den Priesterinnen…

Er verlor den Tempel aus dem Blick in der Menge, stemmte sich gegen den Strom, er hatte keine Zeit mehr, keine Zeit…

Der Tempel ächzte unter den Erzitterungen, die Steine knirschten in einem schrecklichem Geräusch als der Vorbau sich neigte und zusammenbrach. Für einen Moment schienen die Verzierungen im Giebeldreieck, die Szenen aus der Schöpfung, lebendig, sie bewegten sich – und zerbarsten mit einem gewaltigen Krachen auf dem Boden, wo sie hunderte Menschen in einer Staubwolke unter sich begruben.

Die Front des Tempels war nun offen, Risse bildeten sich überall, es waren vielleicht noch hundert Schritte – er meinte in einem Moment, seinen Namen gerufen zu hören, aber er musste weiter. Sein Herz raste, die Schreie der Menschen um ihn verkamen zu einem einheitlichen, gleichmäßigen Rauschen, sein Blick nur auf die riesige, schwarze Öffnung des Tempels gerichtet.

Gerade, als er die unter Trümmern begrabenen Stufen erreichte, fiel auch die gegenüberliegende Ostmauer in sich zusammen, der letzte Halt der gewaltigen, zwanzigmannshohen Außenmauern, die wiederum die tonnenschwere Decke trugen.

Weiße Steine begannen wieder auf sein schon geschwächtes Schild zu fallen, und schließlich gab es nach. Es glühte ein letzte Mal blau, über sich sah er den roten Himmel – und um ihn herum war alles weiß, stürzendes weiß, steinweiß, dann traf ihn etwas am Kopf und alles wurde schwarz.

…Voldemort lag am Boden. Er hatte es geschafft. Er hatte es tatsächlich geschafft.

Das Duell schien stundenlang, aber vielleicht waren es auch nur ein paar Minuten. Er konnte es nicht sagen, alles um ihn verschwamm im Kampf, er war der Kampf… nur noch der Rhythmus der Flüche, Angriff, Ausweichen, Gegenangriff; ein bizarren Tanz in völliger Stille, ohne Worte, ihre Gesichter wechselnd erleuchtet vom flackernden Farbenspiel, rot, grün, orange. Niemals direkt gegen oder gleichzeitig mit Voldemort, um den Priori Incantatem zu vermeiden.

Voldemort schien schwächer zu werden, und hatte eine Mauer als provisorischen Schutz heraufbeschworen. In der kurzen Zeit der relativen Sicherheit begann er einen langen Zauberspruch, der am Anfang zu leise war, um ihn zu verstehen, aber nach und nach lauter wurde.

„…sén, jetcha ka me acha… nouach ne ta ir nehche!"

Er hatte die Sprache noch nie gehört. Es schien eine äußert komplexer Zauber zu sein, wenn Voldemort ihn aussprechen musste. Der Zauberstab zeigte auf ihn; er wich aus, aber kein Lichtstrahl kam.

Stattdessen spürte er das mittlerweile vertraute Prickeln, das ihm Magie in seiner Nähe signalisierte. Er trat einen Schritt zurück, aber es schien ihm… zu folgen? Was für einen Art von Zauber war das? Es kam näher, immer näher, er konnte nirgendwo hin, es suchte ihn… es fühlte sich kalt an, so kalt, und so falsch

In seiner Verzweiflung riss er reflexartig seinen Zauberstab hoch um es irgendwie abzuwehren, vielleicht traf er es genau mit der Spitze, denn nun geschah es doch. Golden bildete es sich, ein Faden aus Licht, und spannte sich zwischen den Spitzen der Zauberstäbe in einem Bogen von Voldemort zu ihm.

Aber es musste anders sein als damals auf dem Friedhof. Er hatte keinen Zauberspruch ausführen wollen… oder? Sein Zauberstab vibrierte in seiner Hand, er vergaß jeden Gedanken über das Wie und Warum, musste sich ganz darauf konzentrieren, Voldemort nicht das Feld zu überlassen. Diesmal waren es keine Perlen die auf der Verbindung hin- und her liefen, sondern zwei Farben; das Gold, und ein widerliches grün-braun, das von Voldemorts Seite her immer näher auf seinen Zauberstab zukam.

Es versprühte das selbe Gefühl von eisiger Kälte, das er eben schon gespürt hatte; und war ebenso falsch, etwas schreckliches, dass nicht sein durfte und doch war; eine Verachtung aller Regeln der Natur, ein Riss im Verstand… und nun war es fast da, aber er richtete seinen ganzen Willen nur auf sein nur noch daumenlanges Stück Gold, und langsam hielt es… und wurde länger.

Er wusste selbst nicht genau, warum es sich anstrengte; vielleicht war es nur, weil er dieses unnatürliche Etwas so weit wie möglich von sich entfernt haben wollte. Nun verzog sich Voldemorts Gesicht vor Anstrengung, seine roten Augen glühten, aber es war zu spät.

Das goldene Licht drängte das grün-braune in Voldemorts Zauberstab. Voldemort schrie auf, als der Zauberstab sich weißglühend in das Fleisch seiner Hand brannte; er versuchte, ihn fallen zu lassen, aber er kam nicht los, bis er in Flammen aufging.

Voldemort fiel zu Boden, von Krämpfen geschüttelt, wobei er immer noch seine verkohlte Hand umklammerte. Was immer das Licht auch angestellt hatte, er war froh, es nicht abbekommen zu haben.

Voldemort hustete nun auf dem Boden. Vor seinen Augen begann er rapide zu altern, als wollte die Natur all das auf einen Schlag nachholen, was ihr durch die Horkruxe vorenthalten worden war.

„Du hast mich tatsächlich besiegt, Potter…meinen Glückwunsch…und was machst du jetzt?"

„Was meinst du, Riddle!"

Voldemort hustete wieder, aber verdrehte die Augen. „Bist du wirklich so dämlich? Du glaubst, du hast gewonnen, aber denk nach, denk nach…was hast du gewonnen? Wofür hast du denn gekämpft? Doch nicht nur, weil du musstest? Wolltest du die Welt retten? Deine Freunde?"

Für einen Moment schien Voldemort ehrlich neugierig, aber der Eindruck verflog so schnell, wie er gekommen war, als er weiter redete.

„Die Welt existiert nicht mehr. Alle deine Freunde sind tot. Genauso wie der Teil der magischen Gesellschaft, die töricht genug war, hier zu bleiben und sich mir in den Weg zu stellen…meine letzten Anhänger sterben, wenn ich sterbe, dafür habe ich gesorgt…kurz und gut, Harry – ich darf dich doch Harry nennen, jetzt, wo nur noch wir beide Leben? – du bist allein. Alles was du gewonnen hast, ist ein Leben in Einsamkeit."

„Nein…", flüsterte er. „Nein! Das kann nicht sein! Du Lügst!" Aber mit jeder Minute wurde ihm klarer, das Voldemort Recht hatte.

Ginny war seine letzte und größte Stütze gewesen, selbst ohne dass er sie oft gesehen hatte. Mr. und Mrs. Weasley waren bei einem Angriff auf den Fuchsbau gestorben, Bill und Charlie im Kampf für den Orden, während er mit Ron und Hermine unterwegs war, Percy bei Voldemorts gewaltsamer Übernahme des Ministeriums, die Zwillinge in dem Massaker in der Winkelgasse.

Ron und Hermine waren bis zuletzt an seiner Seite gewesen, bis sie vor einem Monat in einen Hinterhalt gerieten, und sie sich beide alleine gegen die Todesser stellten, um ihm die Gelegenheit zur Flucht zu geben.

Unzählige weitere waren in Angriffen von Voldemort und seinen Anhängern gestorben, ehemalige Klassenkameraden von ihm, andere hatten sich Voldemort anschlossen und er hatte sie selbst getötet. Die Jüngeren waren in Hogwarts als dem sichersten Platz Englands geblieben, aber auch dorthin war Voldemort gekommen. Trotzdem…

Er sah sich um, und bemerkte zum ersten Mal, dass viel mehr Menschen hier lagen, als eigentlich zu erwarten gewesen wären. Erwachsene, nicht nur Kinder, hauptsächlich Erwachsene…

Voldemort lachte keuchend. Wahnsinn flackerte hinter seinen Augen.

„Ja, nun siehst du… sie versuchten einen letzten Aufstand, angeführt von Dumbledores armseligen Orden, hier in Hogwarts… sie haben viele meiner Todesser getötet, aber ich habe sie alle vernichtet. Alle, die sich mir in den Weg stellten, alle, alle, ALLE!"

Voldemort schrie die letzten Worte und machte wilde Armbewegungen, bevor ein neuer Hustenanfall ihn unterbrach. Gleich darauf war er wieder nachdenklich, und redete scheinbar zu sich selbst.

„Wenn ich nicht leben kann, dann soll es auch niemand sonst. Niemand… niemand außer dir?"

Er rannte zum nächsten Schatten, rüttelte ihn verzweifelt, aber er rührte sich nicht. Er stieß ihn fort, angewidert, rannte zum nächsten, aber auch er lebte nicht mehr; rannte und rannte, aber alles war tot, bis auf ihn und Voldemort.

Voldemort schien ein perverses Vergnügen in seinen Bemühungen zu finden, und lachte gackernd, als er wieder am Ausgangspunkt ankam.

„Vielleicht ist es doch eine gute Strafe, wenn es dich so umtreibt", zischte der inzwischen greise Mann am Boden bösartig. „Oh ja, lauf nur – du bist ganz allein. Genieß die Ewigkeit… in Einsamkeit."

„Was meinst du, Riddle?"

Aber Voldemort sagte nichts mehr, sondern sackte auf dem feuchten, zertrampelten Gras endgültig zusammen und hörte auf zu atmen.

Verzweiflung überkam ihn. Er erinnerte sich an die Stunden des immer wiederkehrenden Zweifels, in denen er sich selbst zu überzeugen versucht hatte, das er es schaffen könnte… und nun hatte er es vollbracht, aber war kein Traum, sondern ein Albtraum. Ginny war tot… das machte den Sieg hohl und unwichtig. Alle waren tot, und aus dem Sieg wurde eine Niederlage.

Seine Brust wurde wie von einer gewaltigen Kraft zusammengeschnürt, er kannte nicht mehr atmen, keinen klaren Gedanken fassen, Bruchstücke von Bildern und Eindrücken rasten durch seinen Kopf. All das artikulierte sich in einem Schrei der ohnmächtigen Hoffnungslosigkeit, der über die Wiese hallte, als seine Knie nachgaben, und er ebenfalls zu Boden fiel.

Er wollte schreien, aber er konnte nicht. Er wollte weinen, aber auch das gelang ihm nicht mehr. Vielleicht konnte er einfach sterben.

…es war kalt und nass, er fror. Stöhnend richtete er sich auf. An seinem Hinterkopf rann etwas klebriges hinunter, er tastete und zuckte vor Schmerzen zusammen, als er die Stelle berührte.

Das Wasser schwappte um ihn…wo kam das Wasser her? Das Meer lag einen halben Tagesmarsch entfernt, aber auf seinen Lippen schmeckte er eindeutig Salz. Er versuchte sich zu bewegen, aber sein Bein war eingeklemmt. Er sah nicht wozwischen; um ihn herum war alles dunkel.

Er hielt die linke Handfläche eben hin und konzentrierte sich kurz. Ein rötlicher, faustgroßer Feuerball bildete sich ein Stück über ihr, den er zum Ausleuchten der Kammer benutzte. Das Wasser reichte ihm bis zur Brust, bedrohlich schwarz im spärlichem Licht, das immerhin durch die weißen Steine um ihn herum reflektiert wurde, aber er wollte nicht mehr Energie für die Beleuchtung aufwenden als nötig. Das musste reichen, er sah sich um.

Er befand sich in einem Hohlraum zwischen zwei schräg ineinander verkeilten Steinblöcken. Auf der Unterseite des linken, schräg oberhalb und hinter ihm, war deutlich ein roter Fleck zu erkennen. Sein rechtes Bein ragte nach vorne heraus und befand sich außerhalb des dadurch gebildeten Dachs, was er durch das Wasser eher ahnen als sehen konnte; unter weiteren Steinen begraben.

Er unterdrückte den Impuls seinen verletzten Kopf zu schütteln, um seine verwirrten Gedanken zu klären. Was war das letzte gewesen, an das er sich erinnern konnte?

Er schloss die Augen. Das nachgebende Schild über dem Hügel, auf dem der Tempel stand. Menschenmassen. Panik. Chaos. Er lief, lief zum Tempel. Der Tempel war am einstürzen, er musste ihn rechtzeitig erreichen, denn dort war…

„Celaia!"

Seine Augen flogen weit auf. Er wehrte sich verzweifelt um aus der Umklammerung des Gesteins zu kommen, aber es war vergebens. Er unterdrückte die aufsteigende Panik, als er bemerkte, dass ihm das Wasser in dem engen Raum jetzt fast bis zum Hals ging. Er war ihr kaum von Nutzen, wenn er starb.

Der Tempel war eingestürzt, gerade als er ihn betreten hatte. Die zwei großen, schrägen Steine hatten ihn vor weiteren herabfallenden Trümmern geschützt, bis auf sein Bein. Das alles überflutende Wasser musste die dritte Strafe sein, nach dem Glutregen und der bebenden Erde. Aber er war verschont worden. Er sprach ein kurzes Dankgebet zu Sé, dem Gott aller Krieger, bevor er einen Plan aufstellte.

Als erstes musste er sein Bein freibekommen. Dann musste er weiter nach oben, dem stetig steigenden Wasserspiegel voraus. Wenn er wieder an der Luft war, musste er Celaia finden. Drei Schritte also.

Er holte tief Luft und senkte den Kopf nach vorne ab, unter Wasser. Das Salz brannte in seiner Wunde am Hinterkopf, aber ignorierte es. Er tauchte die Hand mit dem Feuerball ins Wasser.

Wo sich Wasser und Feuer berührten entstanden Blasen, die zur Oberfläche aufstiegen. Das Licht flackerte geisterhaft an den Steinwänden unter Wasser, doch es reichte aus, um das Problem zu erkennen. Sein Bein war zwischen zwei Steinen eine Armlänge vor ihm eingezwängt. Er konzentrierte sich und stieß dann ruckartig den Feuerball nach vorne.

Er schoss auf den oberen Stein zu und pulverisierte ihn beim Auftreffen. Allerdings hatte der Stein nicht nur sein Bein eingeklemmt, sondern auch die Schmerzen unterdrückt. Jetzt lag es frei, aber zeigte nach außen, und schien mit seinem Herzschlag Welle um Welle pochenden Schmerzes durch seinen Körper zu senden, stechenden, allumfassender Schmerz, der ihn wütend attackierte und drohte, ihn zu überwältigen. Er kämpfte gegen die Ohnmacht, er hatte keine Zeit dafür, nicht jetzt.

Er versuchte sie auszublenden, wie er es gelernt hatte, aber es gelang ihm nur mühsam. Das schlimmste war, dass er das Bein nicht bewegen konnte. Von oben fingen weitere Steine an, nachzurutschen, er musste es jetzt dort heraus bekommen.

Er packte es mit beiden Händen und hob es an. Er konnte fast hören, wie die gebrochenen Knochen aneinander rieben, und eine neue Welle von Schmerzen durch seinen Körper sandten. Mit einem Aufschrei stellte er es vorsichtig auf einen einigermaßen ebenen Stein, bevor er den Kopf wieder durch die Wasseroberfläche streckte, um zu atmen.

Er fokussierte sich ganz auf die Gabe; es half ihm, alle Eindrücke auszublenden. Er spürte, wie sich die vertraute Wärme in ihm bildete. Er lenkte sie nach unten, es wurde wärmer und wärmer, brannte sich durch sein Bein, er biss die Zähne zusammen um nicht zu schreien; es waren tausende heißglühende Nadeln, die sich durch seinen Oberschenkel und Knie bohrten – und dann war es vorbei.

Die Wärme erreichte den Fuß, das Brennen wurde zum erträglichen Kribbeln – und er konnte Bein und Fuß wieder bewegen. Er bewegte sich hin und her; er war frei. Er spürte in der Dunkelheit, dass das Wasser inzwischen an seinem Kinn stand, aber er musste kurz innehalten. Die Heilung hatte ihn viel Kraft gekostet.

Das Wasser stieg unaufhaltsam. Er bemerkte, dass er vermutlich nur eine Chance hatte die Steine aus dem Weg zuräumen; alle auf einmal. Er hatte weder Zeit noch Kraft für eine zweiten Versuch oder eine langsamere Methode.

Wieder begann er, sich zu konzentrieren. Diesmal hielt er beide Hände geöffnet nebeneinander. Wieder begann sich der Feuerball über der linken Hand zu bilden, aber diesmal entfernte er die Rechte langsam, und der Ball wuchs weiter zwischen den Händen, erreichte die Größe eines Kopfes und dehnte sich weiter aus, als er die Hände weiter auseinander nahm.

Schweißperlen bildeten sich trotz des kalten Wasser auf seiner Stirn, er begann unter der enormen Anstrengung zu zittern. Der Feuerball war jetzt so breit wie sein Körper; ihn zu unterhalten erforderte eine Menge Energie, aber noch schwieriger war es, ihn zu kontrollieren. Er war noch nicht groß genug…er musste sich weiter ausdehnen, er durfte noch nicht loslassen…einen zweiten Versuch hatte er nicht…

Mit einem Schrei riss er die Hände, soweit er konnte nach oben auseinander und gab dem Feuer damit einen letzten Schub. Gleichzeitig versuchte er sein Schild zu errichten, in das er seine ganze verbliebene Kraft steckte. Sein Feuer konnte ihm nichts anhaben, wohl aber fallende Steine.

Der Feuerball explodierte nach außen in alle Richtungen. Er kniff die Augen zusammen um nicht durch die unglaubliche Helligkeit geblendet zu werden, aber selbst durch seine Augenlieder konnte er den Umriss sehen. Dann war überall weißes Licht, er war von Feuer umgeben, er badete darin. Er kitzelte seine Haut, und dann begann das Donnern der heranstürzenden Felsen.

Er spürte die Einschläge, einen nach dem anderen; er ging in die Knie unter der Belastung, schluckte Wasser, als er atmen wollte…und dann hörten die Steine auf zu fallen.

Die Erschöpfung drohte ihn zu überwältigen, aber er war noch nicht gerettet. Er stand wieder auf; das Wasser schwappte nun um seinen Mund, salzig und kalt. Er blickte nach oben und seufzte auf vor Erleichterung. Über ihm, vielleicht zwei Mannshöhen, dehnte sich ein kreisrundes Stück immer noch roten Himmels aus; er befand sich nun im Zentrum eines sich nach oben verbreiternden kegelförmigen Kraters.

Langsam begann er die schräge Wand aus Steintrümmern hinaufzuklettern. Es gab genügend Ritzen und Löcher, in die er seine Hände und Füße stecken konnte um Halt zu finden, aber er musste Acht geben, keine lockeren Steinen anzufassen; beinahe hatte er den Halt verloren, als sich eben so ein Stein unter seiner Hand löste und nach unten donnerte, wobei er weitere mitriss, und eine kleine Lawine auslöste.

Öfter als einmal rutschten seine klammen Hände an den Steinen ab, deren Kanten sich dann scharf in das Fleisch gruben. Er blutete aus zahllosen kleinen Schnitten, was den Aufstieg ungleich rutschiger machte.

Schließlich hatte er aber den oberen Rand erreicht. Ein letzter Zug brachte ihn über die Kante, dann lag er schweratmend unter freiem Himmel, ersteinmal in Sicherheit. Sein Kopf pochte. Er hätte hier liegen bleiben können, aber ein Gedanke trieb ihn vorwärts…Celaia.

Er richtete sich auf und sah sich um.

Die glühenden Brocken waren in der Tat nur der Anfang gewesen. Die Beben und das Wasser waren danach gekommen – der Tempel stand auf dem höchsten Punkt des weitläufigen Hügels, aber nun war er völlig zerstört und an seinen Stufen schwappte das Wasser. Nur dieser Platz auf den Trümmern befand sich noch über Wasser.

Das bedeutete, das der Rest der Stadt, tiefer gelegen oder sogar an der gegenüberliegenden Flanke des Hügels, vollständig im Meer versunken war. Die Flut hatte alles überrollt. Er konnte es kaum begreifen. All die Menschen, die Einwohner, alle mussten sie ertrunken sein. Die Götter hatten keine Gnade gezeigt.

Nur hier, ein kleines Stück von ihm entfernt, waren noch ein paar weitere Personen. Er erkannte seinen Vater und die sieben Weisen. Sie alle blickten nach Osten.

Er jetzt bemerkte er, dass der Boden leicht vibrierte; anders als bei den Beben zuvor, wie durch einen tiefen Basston. Und auch in der Luft war ein Grollen zu vernehmen, dunkel und bedrohlich.

Er blickte ebenfalls nach Osten…dort eine riesige, glitzernde Wand…es dauerte eine Weile, bis er Begriff, was er sah.

Wasser. Eine gigantische Welle.

Die Weisen hatten es offenbar auch bemerkt, aber er sah klar, dass ihr Versuch, die Welle aufzuhalten, aussichtslos war. Sie musste weit über fünfzig Mannsgrößen hoch sein. Selbst die mächtigsten Weisen konnten dagegen nichts ausrichten. Kein Sterblicher konnte hoffen, dem Zorn der Götter wiederstehen zukönnen.

Diese Mauer aus Wasser würde diesen letzten trockenen Flecken überfluten und alle mit ihr fortreißen. Er musste Celaia finden. Sie war noch am Leben, er spürte seine Verbindung zu ihr, immer noch ungestört; das hieß, dass sie irgendwo hier sein musste. Nur hier war noch Leben möglich.

Die Welle kam in atemberaubender Geschwindigkeit näher. Ebenso schnell begann jetzt das Wasser zu steigen, schon wieder an seinen Füßen.

Er eilte über den bebenden Boden, so schnell es ihm möglich war, während er verzweifelt Ausschau hielt.

„Celaia? Celaia, wo bist du?"

Sein Instinkt leitete ihn an den Rand des ehemaligen Tempels; zu dem Ort, an dem bis zur Zerstörung das kleine Nebengebäude, in dem die Priesterschülerinnen schliefen, gestanden hatte.

Er stolperte, rutsche über die Steine, fiel fast hin, aber lief weiter. Blitze zuckten über den blutroten Himmel und die Luft prickelte vor angestauter Energie, und endlich hörte er auf sein Rufen die ersehnte Antwort.

„Ceth?"

Sie saß auf einem Stein neben einem kleinen Haufen, offenbar hatte sie sich ebenfalls gerade selber befreit. Sie riss entsetzt ihren Mund auf, als sie seinen Zustand sah.

„Dein Kopf! Aller ist voller Blut. Komm her, hier…"

Celaia machte Anstalten, ihm zu helfen, aber Ceth ignorierte sie und brüllte über das donnernde Wasser, dass seine Knie umströmte und ihm die Füße unter dem Boden wegzog.

„Celaia! Schnell, es ist keine Zeit mehr! Das Wasser steigt mit jeder Minute um eine Schrittlänge!"

Ceth streckte seine Hand nach ihr aus, sie ergriff sie. Er zog sie hoch.

„Was –"

Celaias Augen weiteten sich unversehens, als ihr Blick auf die Welle hinter ihr fiel; das Wasser war nun hier. Über das tosende Wasser hörte er den Sprechgesang der Weisen, die die Gabe beschworen, ein Choral von schrecklicher Schönheit. Die Luft flimmerte vor ihnen und begann nach heißem Metall zu riechen.

Für einen Moment lang schienen sie Erfolg zu haben im Kampf gegen die Gewalt der Natur, die wie Glas funkelnde Wasserwand verharrte auf der Stelle wie in einem Bild erstarrt – aber dann schien einem wütendes Tier gleich aufzubrüllen und begrub die Weisen und seinen Vater unter sich. Der letzte Arkos von Atlantis ging unter.

Das Wasser traf Ceth wie Hammerschlag; er wurde mitgerissen, klammerte sich verzweifelt an Celaia fest, damit sie nicht getrennt wurden, Wasser war überall um sie, über ihnen, es wirbelte sie wie Spielzeug umher, seine Luft ging ihm aus…

Celaia streckte ihre andere Hand aus und berührte seine Tätowierung über dem linken Schulterblatt. Das bekannte Kribbeln fing an, sich in ihm auszubreiten, die Farben verschwammen vor seinen Augen, dann sah er nichts mehr.

- - : o o : - -

Von weit oben sah das Meer glatt und ruhig wie ein Spiegel aus. Kein Land war in Sicht, nur die endlose See. Ein leichte Brise wehte von Westen darüber hinweg, trieb dünne, im Zwielicht geisterhaft weiße Dunstschleier vor ihr her, und der Horizont im Osten begann seine Farbe langsam vom wolkenlosen, sternenbedeckten Schwarz des Rest des Himmels zu einem leuchtenden rosa zu ändern, leise und still.

Aber plötzlich störte etwas die Wellen an der Oberfläche. Ein riesiger, roter Drache durchbrach sie auf seinem Weg an die Luft; Wasser strömte in Bächen über seine Schuppen und von seinen Flügeln, als er sich aus dem Meer erhob. Auf seinem Rücken holte Celaia Luft in tiefen Atemzügen.

Ceth unter ihr schwieg und schlug gleichmäßig mit seinen Flügeln. Es gab nichts zu sagen. Was sollte man sagen, wenn man gerade alles verloren hatte? So hing jeder schweigend seinen Gedanken nach, Drache und Reiter.

Lange kreisten sie so über dem Land, das einmal ihre Heimat gewesen, und jetzt vom Meer verschlungen war. Celaia hoffte wider jeder Vernunft, dass noch andere überlebt hatten, aber es kam niemand; wie die Götter es ihnen im Traum vorhersagt hatten.

Tränen rannen über ihre Wangen, als sie schließlich einen letzten Kreis flog und dann dem nun nicht mehr existenten Land ihrer Väter und Kindheit endgültig den Rücken kehrte.

Wohin nun? hörte sie Ceth in ihren Gedanken fragen und ihre Stimme brach, als sie ihm laut antwortete.

„Ich weiß es nicht, Ceth. Einfach gerade aus. Wir haben kein Zuhause mehr. Jeder Ort, an den wir gehen könnten, ist nun gleich."

Und ohne noch einmal zurückzusehen, flogen sie davon, in die Sonne, die jetzt strahlend über dem längst wieder ruhigen, dunkelblau funkelnden Meer aufging. Sie folgten der gelben Straße aus Licht über den Wellen; einer Straße vom Alten in das Neue, vom Gestern ins Morgen, von der Sicherheit ins Ungewisse.

…was würde nun werden? Er hatte gewonnen, und doch gleichzeitig alles verloren, wofür er gekämpft hatte. Selbst der Tod war für ihn nicht gekommen, er war erwacht, als Regen eingesetzt hatte; er fiel gleichmäßig, auf ihn, die Wiese und das Schloss, Tropfen für Tropfen; er rauschte in den Kronen der Bäume im Verbotenen Wald und wusch das vom Kampf verwüstete Land rein.

Das Wasser spülte das Blut fort und den Schmutz, legte sich wie ein besänftigender Mantel über neue Wunden und alte Narben, und linderte den Schmerz, kühl und feucht auf Haut und Erde.

Das Land begann das Wasser durstig aufzusaugen, es würde sich erholen; ein paar Jahre, dann würde Platz kaum wiederzuerkennen sein, denn die Natur war zäh. Und der Ort, wo einst ein Schloss stand, würde eine vergessene Lichtung im Wald sein, ein verwunschener Ort, ein Ort zum Träumen.

Aber daran dachte er nicht; und nicht einmal den gemilderten Schmerz bemerkte er, denn der größte Teil kam von innen; ein riesiges, klaffendes Loch, das der Verlust seiner Freunde und ihr hinterlassen hatte, ein reißender Schmerz, den kein Regen der Welt fortzuschwemmen vermochte.

Er hatte sich aufgerappelt, und stand nun eine lange Zeit stand einfach so dar, den Kopf gesenkt, mit tausend zusammenhangslosen Gedanken, die darin umher rasten, und wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Nur das eine Wort kam ihm immer wieder in den Sinn, wie in einer Endlosschleife; allein, er war allein.

Und so war alles, was er tun konnte, auf die Steine zu starren, die einmal der einzige Ort gewesen waren, an dem er sich wirklich zuhause gefühlt hatte.

Aber zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren, seit es wirklich geschehen war, und seit er es jedes Mal von Neuem am Jahrestag im Traum erlebte, war etwas anders: über den Trümmern von Hogwarts kreiste ein großer, roter Drache…

Mit einem Ruck wachte er auf. Er hatte rasende Kopfschmerzen, und die Welt verschwamm vor seinen Augen, als er sich im Bett aufsetzte. Sein Mund war so trocken, als hätte er tagelang nichts getrunken. Das alles konnte nur eins bedeuten, das wusste er selbst in diesem Zustand und es war auch der einzige kohärente Gedanke, den er fassen konnte: Halloween.

Er brauchte keinen Kalender und keine Uhr, denn es war jedes Jahr seit einer langen Zeit das selbe: die Träume, die Bilder, die Vergangenheit – und jedes Mal wachte er exakt um Mitternacht auf.

Draußen, in der Dunkelheit, tobte der Sturm, der sich schon seit einigen Tagen mit starkem Wind angekündigt hatte. Er heulte im Schornstein und ließ einen Fensterladen, der nicht ordentlich befestigt war, klappern, irgendwo.

Er versuchte, über etwas – irgendetwas – nachzudenken, nur nicht über das, aber jeder Gedanke, den er zu fassen versuchte, glitt ihm wie Sand durch die Hände. Wie in Trance stand er auf, und bewegte sich durch den kleinen Raum.

Er taumelte, stieß gegen das hölzerne Regal, von dem ein altes, ledergebundenes Buch fiel. Als es auf den Boden prallte, ergoss sich eine Flut von Bildern daraus, alte Photos, teilweise farbig, teilweise schwarz-weiß.

Er starrte auf die Bilder, unfähig zu begreifen was er sah. Die beiden standen vor dem weißen Kamin. Mach schon, Sirius. Ich will hier nicht den ganzen Abend stehen! Oder übersteigt die Bedienung der Kamera deine Möglichkeiten? Oh, dafür kriege ich dich, Krone…Dann steht doch für eine Sekunde da mal still, James, Lily…Lily! Lily! Nehm Harry und lauf. Er ist da…

Das Baby lag in seinem Bettchen mit einem Stoffhirsch fest im Arm und gurgelte zufrieden. James seufzte glücklich. Er hat deine Augen, so grün wie…Avada Kedavra - Nein, nicht Harry, bitte…

Ich möchte wirklich wissen, wie Collin an dieses Bild gekommen ist…meinst du, er hat uns in noch…kompromittierenderen Positionen photographiert? Das will ich nicht hoffen, wenn ihm seine Gesundheit etwas wert ist…Oh, du bist unglaublich, wenn du wütend bist, Ginny…ich könnte schwören, dass dein Haar dunkler wird…dunkelrot…rot wie Blut, rot wie ihr Haar, eine wunderschöne Farbe, er konnte sich darin spiegeln…friedlich sah sie aus, als ob sie schliefe…aber das tat sie nicht…er fing an zu lachen…sie war tot…tot…tot…

Er betrat das mit Leichen übersäte Schlachtfeld… Der Himmel war blutrot über der Ebene…

Der einstürzende Turm…

Das schwarze Nichts…

Die Höhle…

Der Fall…

Die Flut…

Der Tod…

Allein…

Tief…

Tief…

Tief…

Und wie in einem irrsinnigen Kaleidoskop sah er, wie seine Wirklichkeit zerbrach, wie ein Spiegel in tausende Scherben; jedes Photo eine eigene Wirklichkeit und er war jede einzeln und jede gleichzeitig, sah sich selbst, von innen, von außen, von oben, von überall - in einem Wirbel von Farben, Licht und Tönen, eine gewaltsame Kakophonie von Bildern, Eindrücken, Erinnerungen, Gedanken, Gefühlen, Geräuschen die unaufhörlich auf ihn einschlugen, ihn durchdrangen, zerfetzten, Splitter einer zerborstenen Realität – er presste die Hände über die Ohren… Verschwindet! Lasst mich in Ruhe! Er schloss die Augen, aber die Bilder blieben, wie in einem Film, mit ihm als Darsteller und Zuschauer gleichzeitig. Waren es seine Erlebnisse? Fremde? Wer war er?

Die Arme weit ausgestreckt, blickte er wild um sich…dort. Das war er. Er lag in einem Babybett - Lily, nehm Harry und lauf! Er ist da! Lauf! Die Wände und die Decke kamen ihm bedrohlich nahe, die Schatten streckten ihre langen, dunklen Finger nach ihm aus, die Enge des Hauses bedrückte ihn, er konnte nicht mehr atmen, er hielt es nicht mehr aus, er musste weg, raus, raus, raus…

Er riss die Tür auf und stolperte blind in den Sturm, seine Hand ertastete Stein. Irgendwo hörte er sich selbst sagen, dass dies der Obelisk war, den er zum Gedenken hier aufgestellt hatte. Aus einem Fels gehauen, errichtet für die Ewigkeit: In Erinnerung an die, deren Leben Er stahl

Er umklammerte den kalten Granit als Anker in die Realität und strich mit der anderen Hand über die glatt polierte Oberfläche – Ginevra Molly Weasley –Seine Finger fuhren über die Gravur ziemlich am Ende des Steins. Er kannte sie schon längst auswendig, die runde Form des G, die eher eckigen M und W...ein Namenszug, der ein fröhliches und glückliches Leben an seiner Seite hätte bedeuten sollen und jetzt nicht mehr war als eine Vertiefung im Stein.

Er hatte ihr so viel sagen wollen und nie die Chance dazu gehabt. Es war nicht fair. Warum musste er leben, wenn sie tot war? Tot…schon lange tot…alle tot…Das brachte die Bilder zurück. Der Sturm brauste in seinen Ohren, es klang wie tausend Stimmen. Er konnte sie nicht zurückhalten, er…er…

er stolperte auf die Klippen zu, es war mühsam aufrecht zu gehen. Die Felsen schwankten…oder schwankte er? Er verfluchte die Idee, bei diesem Wind hierher zu kommen, er verfluchte die Umstände, die ausgerechnet heute so ein Wetter heraufbeschworen, aber es half nichts. Er hatte keine Zeit, keine Zeit…Unten, wo sonst der Strand lag, brandeten nun die Wellen zornig gegen die Felsen, die es wagten sich ihnen in den Weg zu stellen. Dort musste er hin…dort war die Höhle…er hatte keine Zeit mehr… Wieso hatte er keine Zeit mehr? Er blickte sich gehetzt um…waren sie da? Nein, dort war nichts, nur…Der Sturm wühlte in seinen Haaren und machte das Atmen schwer; er türmte die See auf und jagte Wolkenfetzen über den dunklen Himmel. Dort kreiste ein Drache, Blitze zuckten über den Blutroten Himmel Blitze Grün Avada Kedavra Geh beiseite, du dummes Mädchen, mach schon…weg jetzt Nicht Harry, bitte nicht, nimm Ginny! Nein, nicht Ginny! Celaia? Wo bist du? Niemand ist hier! Ich, nur ich allein! Welcher Drache? Dort…dort…verfluchter Sturm! Und nicht einmal…Der Mond beleuchtete dann und wann fahl das Toben der Elemente, dessen Mittelpunkt und Ursache er zu sein schien; denn in ihm wütete ein mindestens eben so großer Orkan, der ihn wie nach belieben hin und her warf, und ihn am Ende hilflos dastehen ließ. Er fühlte sich so einsam, so verlassen, so klein...Ich konnte sie nicht aufhalten, ich hab's versucht, ich schwöre, sie waren zu stark, zu viele, bitte, ihr müsst mir glauben, ich wollte das nicht…Warum hast du mich verlassen, Harry? Jetzt bist du allein…allein…ganz allein…so, wie du es immer wolltest…immer noch allein. Gut. Niemand hatte ihn gefunden. Dort war die Öffnung, er hielt das Licht höher…Noch war Hoffnung…Es gibt keine Hoffnung, Arkos! Es war die Wahrheit! Hat dich das Alter blind gemacht, du Narr? Siehst du es nicht? Es ist nicht das Ende des Tages, es ist das Ende aller Tage! Dein Sohn…dein eigener Sohn…Ceth? - Celaia! Der Himmel wölbte sich blutrot rot er fühlte sich seltsam losgelöst sie lag in einer roten Pfütze, rot wie Blut, rot wie ihr Haar, eine wunderschöne Farbe, er konnte sich darin spiegeln…friedlich sah sie aus, als ob sie schliefe…Aufwachen! Meister muss aufwachen! Es ist gut, Kreacher…ich habe getan was ich tun musste…bring es nach Hause…nach Hause…Lily-Schatz! Ich bin zu Hause! Arthur? Ja, ich bin's. Weißt du, manchmal wünsche ich mir ein Mädchen…Mädchen sind doch langweilig…James! - Nun, wir könnten doch…noch einen letzten Versuch, Mollyschnuckel…Arthur, psst! Doch nicht vor den Kindern! Aber oh, wie ich mir es wünschen würde… Ich würde sie Ginevra nennen…deine kleine, liebe Ginevra…Liebe? Schwach! Sieh nur, nicht einmal der Todesfluch war nötig…nun ist kein Leben mehr in ihr…schon lange hinausgetropft…ist diese Farbe nicht seltsam? Wieso war Blut rot? Der Himmel? Was war mit dem Himmel? Alles geht zu Ende…das ist das Ende…allein…ganz allein… Die Trauer überwältigte ihn. „Warum ich? Warum so? Es ist nicht fair." Unfähig, noch länger zu stehen viel er auf die Knie, schluchzend. „Es ist nicht fair…" Und alles ist meine Schuld…Er lag auf dem eisigen Fels und schrie seine Verzweiflung in die Nacht, aber es war niemand dort, der ihn hören konnte; niemand, nur der Wind und das Meer.

Mit einem Ruck wachte er auf.


A/N:
Ich hoffe, es war nicht zu verwirrend?. Einiges wird im Verlauf der Geschichte klar, manches früher, anderes später, und wie gesagt, der Prolog ist anders als der Rest der Geschichte. Ceth und Celaia werde wir für eine sehr lange Zeit nicht wieder sehen. Sie bilden nur die typische Hintergrundgeschichte, die ein Eigenleben entwickelt und immer umfangreicher wird. Vielleicht lasse ich mich überreden, meine dazu geschrieben Szenen auf FictionPress und Fanfiktion.de zu posten; es handelt sich ja um original content.

Ich habe keine Ahnung, wann ich das nächste Kapitel online stelle, aber es sollte nicht sooo furchtbar lange dauern, ich muss nur noch ein wenig daran schreiben und ändern. Ein kleiner Teaser…

Aus:Kapitel 1 – Der letzte Zauberer

Immerhin standen sie endlich geschützt vor dem Wind, der ohne nennenswerten Wiederstand über die Klippen brauste, denn der Eingang des Hauses war auf der Lee-Seite, bemerkte er; was Sinn ergab, wenn man nicht wollte, dass beim Öffnen der Tür jedes Mal ein Windstoß ins Haus fuhr und einem die Klinke aus der Hand riss.

Er drehte den Kopf zu Reverend Morris oder John, wie lieber genannt wurde, zurück, als dieser an die Tür klopfte. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit, und mehr Licht fiel in einem Streifen nach draußen.

Ein kauziger alter Mann mit wirrem weißen Haar erschien auf der Schwelle. Er trug eine Laterne, die so aussah, als sein sie nicht nur von vor einem, sondern gleich zwei Jahrhunderten. Der Professor seufzte innerlich. Nicht nur kein Strom, sondern gleich ein verdammtes Museum. Wir leben in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts, die Menschheit fliegt zum Mars, und ich sehe eine Öllampe.

Er hatte allerdings keine Zeit, etwas zu sagen, denn der kauzige Kerl blinzelte und fing an zu sprechen: „Was woll'n Sie?"