THE TALE
Teil I: Begegnung

Disclaimer:
Alle Rechte an der Harry Potter Reihe und deren Charakteren liegen bei der großartigen Autorin J. K. Rowling und den veröffentlichenden Verlagen. Ich leihe mir sie nur aus; mir gehört nichts außer ein paar undedeutenden OCs… und natürlich verdiene ich damit kein Geld.

A/N:
Länger hat's gedauert. Ich hab einiges für die zukünftige Richtung der Geschichte festgelegt (s.u. II) und geschrieben, und diese Kapitel war auch nicht einfach – so gern ich Ginny schreibe, so macht sie mir doch auch am meisten Schwierigkeiten, und es war mir wichtig, es genau zu machen – dieses Kapitel (und das nächste, s.u.) dient dazu, Ginnys Charakter festzulegen, und zu zeigen, wie sie mit den verschiedenen Personen in ihrem Umfeld umgeht.

Dafür bin ich jetzt recht stolz, wie sie mir gelungen ist. Und das alles einfach so, ohne elfjährige Schwester oder überhaupt irgendein jüngeres Mädchen in Reichweite ;-) Ihr andererseits dürft euch ziemlich bald auf das nächste Kapitel freuen, weil ich das eigentliche Kapitel geteilt habe, und Teil II ist auch schon fertig.

Hermine Potter – kein Problem, schön, dass es dir gefällt, und danke für dein Review, egal wie es zustande kam ;-) Einen lieben Dank auch an meine inzwischen Stammreviewer, erde, Demenor, und Hexe. erde hatte eine interessante Frage, die ich noch kurz kommentieren wollte -

Was wäre passiert, wenn Ginny gewusst hätte, wer er ist, z.B. weil Hagrid Harry mit "Harry Potter" vorgestellt hätte? Nun, da gibt es eine Szene in der 'Kammer des Schreckens' - Ginny wird knallrot, stottert etwas und steckt ihren Ellbogen in das Butternapf, grins.

Vermutlich wäre sie hier genauso rot geworden, hätte sich hinter ihrer Mutter versteckt und wäre so schnell wie möglich nach Hause gelaufen. Also man sieht, es ist überaus wichtig, dass sie es (noch) nicht weiß - sonst würde meine ganze Geschichte nicht funktionieren.

Wichtige Ankündigung:
Ich habe eine größere Änderung am Kapitel 5 (Gedanken-Spiele: Entscheidung) vorgenommen. Ziemlich in der Mitte habe ich über drei Seiten extra eingefügt, die viel später noch wichtig werden. Es gibt einen halbverrückten Chronisten namens Malesius, einen schrecklichen Krieg vor der Gründung Hogwarts, Gryffindors verschollene Tagebücher und seltsame Träume, und was hat Ginny damit zu tun? Schaut gerne rein, und neue Spekulationen sind herzlich willkommen :-)


Kapitel 8: Ein Tag im Leben von Ginny Weasley: Freunde und Flederwichte

Manchmal begegnen uns Menschen, auch vollkommende Fremde, die uns auf den ersten Blick hin zu interessieren beginnen, irgendwie unversehens, mit einem Schlage, noch bevor ein Wort gefallen ist.

(F. M. Dostojewski)

Nachdem Harry mit seinen Einkäufen in den Ligusterweg zurückgekehrt war, und Dudley entsetzt auf das „riesige weiße Ding auf seiner Schulter" starrte (er hatte Hedwig aus dem Käfig gelassen), verstaute er als erstes seine neuen Sachen im Koffer.

Nur die Schulbücher ließ er draußen, denn die wollte er lesen; und natürlich Hedwig und ihren Käfig, welchen sie aber im Moment nicht benutzen zu wollen schien. Stattdessen flog sie auf den alten Tisch, den Harry von Dudleys Spielzeugen befreit hatte, und streckte ihr rechtes Bein in die Luft.

„Was hast du, Hedwig?", fragte Harry, aber Hedwig hüpfte nur weiter auf einem Bein. Da fiel Harry ein, was Ginny ihm erzählt hatte. „Du willst einen Brief austragen?" Hedwig sah ihn an. „An wen denn?"

Harry hätte schwören können, dass die Eule jetzt entrüstet guckte, und er schmunzelte. „In Ordnung, dumme Frage, ich kenne bisher ja nur zwei, die in Frage kommen. Du willst sicher zu Ginny? Du findest sie auch nett, nicht war? Schon gut, ich fang ja schon an."

Hedwig sah außerordentlich zufrieden aus.

Harry holte Tinte und eine seiner neuen Federn sowie Pergament aus dem Koffer, und überlegte, was er schreiben könnte. Er wollte sich auf jeden Fall noch einmal bei ihr bedanken, denn der Tag in der Winkelgasse war einer der besten Tage gewesen, seit … nun, eigentlich der beste Tag überhaupt, solange er denken konnte jedenfalls, und sie trug einen großen Anteil daran.

Während er schrieb, dachte er über die Begegnungen im Tropfenden Kessel nach. Merkwürdig, wie ihn einige schon am Aussehen erkannten, wie Tom, der Barkeeper oder dieser Diggel, und andere nur am Namen … aber andererseits, überlegte er, woher sollten sie sein Aussehen auch kennen?

Berühmt war er erst seit der Nacht, in der Voldemort ihn versucht hatte umzubringen und stattdessen selbst verschwunden war. Vorher hatte sich die Welt nicht für ihn interessiert, und nachher hatte sie keine Möglichkeit mehr gehabt, ihn kennen zu lernen, weil Hagrid ihn gleich darauf hierher gebracht hatte. Ob die ersteren ihn schon als Baby gekannt hatten? Oder vielleicht seinen Vater – Hagrid hatte gesagt, er sehe ihm mächtig ähnlich.

Er unterschrieb mit „Harry", rollte den Brief zusammen und band ihn mit einem Stück Bindfaden, den er unter Dudleys Krimskrams gefunden hatte, an Hedwigs Bein. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Rolle festsaß, öffnete er das Fenster. Hedwig trippelte auf das Fensterbrett und flog in den Abend, nach Südwesten, nein, eher Westen, wie er feststellte.

Harry versuchte sich die Karte des Königreichs in den Kopf zu rufen. Was lag von hier aus gesehen in dieser Richtung? In der Schule hatten sie einmal alle Grafschaften auswendig lernen müssen, und wenn er sich recht erinnerte, dann kam zunächst Hampshire, danach Wiltshire, Somerset, schließlich Devon und eventuell noch Cornwall. Er konnte sie ja im nächsten Brief danach fragen.

Plötzlich bemerkte er, dass er Hunger hatte – kein Wunder, denn es war Zeit für das Abendessen, zu dem ihn die Dursleys anscheinend nicht gerufen hatten. Nun, sie schienen recht … beeindruckt von ihm, oder besser gesagt, Hagrid zu sein, aber Essen wollte er trotzdem. Die Gedanken bei seinen neuen Freunden, ging er vergnügt pfeifend die Treppe hinunter.

- - : o o : - -

„Was hältst du von Ginnys neuem Freund? Sie hat ja den ganzen Abend von ihm erzählt", fragte Arthur Weasley.

„Oh, Arthur, er machte einen lieben Eindruck, aber so schüchtern und so dünn! Wenn er nur herkäme, ich würde ihn schon aufpäppeln!"

„Wie heißt er denn?"

„Harry … aber irgendwie…"

„Was ist, Mollyschnuckel?" Arthur rutschte auf Mollys Bettseite.

Molly errötete leicht.

„Arthur! Ich weiß nicht … irgendwie kommt er mir einfach bekannt vor…"

„Nun, vielleicht ist er dir schon einmal begegnet?"

„Nein, das ist es nicht … dann wüsste ich es nämlich. Es ist…" Sie ließ ihren Blick durch das Schlafzimmer schweifen, und hielt plötzlich inne, als sie an der Kommode unter dem Spiegel ankam.

„Oh! Aber das kann doch…"

„Was? Ist dir eingefallen, warum er dir bekannt vorkam?"

„Ja, Arthur … sieh mal, das Gruppenfoto auf der Kommode mit Gideon, du weißt doch, es ist das letzte, das ich von ihm habe."

„Aber was hat Gideon mit Ginnys Freund zu tun?", fragte Arthur verwirrt.

„Nicht mein Bruder!"

Sie stand auf und holte das Bild. Dann deutete sie auf die rechte untere Ecke und stupste einen Zauberer an, der ihr zuprostete und dann ein Stück rückte.

„Hier. Harry hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm."

„Nun, offensichtlich kann er es nicht sein, das Bild ist über zehn Jahre alt, aber – sieh mal, hinten stehen die Namen drauf. Unten rechts, sagtest du? Also, da ist Albus – Mad-Eye – die Longbottoms – nein, die sind oben, hier: Lily Potter – Peter Pettigrew – James Potter … James Potter? Harry hat eine Ähnlichkeit mit ihm?"

Arthur war sprachlos.

„Molly, wie heißt er mit Nachnamen?"

„Er hat es nicht gesagt – und ich habe dir doch erzählt, dass er nur mit Hagrid dort war – keine Eltern … natürlich, er hätte keine Eltern –"

„ – ja, wenn er Harry Potter wäre. Ich glaube, das ist die einzige Erklärung. Er ist auch alt genug, um dieses Jahr nach Hogwarts zu gehen, also muss er seine Schulsachen kaufen – war er nicht etwas über ein Jahr alt, als Du-weiß-schon-wer angriff? Und das war vor zehn Jahren."

„Oh, der arme Junge! Kein Wunder, dass er so schüchtern ist – ohne Eltern … wo er wohl wohnt?"

Arthur dachte an etwas anderes.

„Bei Verwandten, vermute ich … aber Molly, weiß Ginny, wer er ist?"

„Ich glaube nicht, wieso?"

„Du weißt doch, wie sie für Harry Potter schwärmt, und nun ist diese Person ihr neuer Freund, und sie weiß es nicht?"

„Meinst du, wir sollten etwas sagen?"

Arthur überlegte, während Molly das Bild auf ihren Nachttisch stellte.

„Ich glaube nicht", sagte er schließlich. „Das Schicksal nimmt manchmal merkwürdige Wege, nicht, Molly? Vielleicht sollte es so sein … lass es sie selbst herausfinden. Ich vermute, früher oder später wird er ihr es schon selber sagen. Er mag seine Gründe haben, es vorerst zurückzuhalten – oder vielleicht war es auch ganz unbewusst. Wir sollten einfach sehen, wie sich die Dinge entwickeln."

Molly schien ein wenig abwesend und verfolgte schon einen anderen Gedanken.

„Oh, ich bin so glücklich für mein Baby! Harry Potter! Und er war so höflich und freundlich, dabei hätte er allen Grund, hochnäsig zu sein, wie einer der Malfoys, aber er war wirklich nicht überheblich, ganz anders als ich mir Harry Potter immer vorgestellt habe."

Arthur runzelte die Stirn.

„Ja, vorstellen … es stand uns nicht zu, das überhaupt zu tun, aber ich denke, das haben wir alle…"

Er wurde nachdenklich und lächelte dann über die überschwängliche Begeisterung seiner Frau und eine Erinnerung, die ihm in den Sinn kam, bevor er sich zurück in die Kissen lehnte, und mit seinem Zauberstab das Licht im Zimmer ausmachte.

„Erinnerst du dich noch an all die Male, an denen Fred oder George Ginny ärgern wollten, in dem sie sagten, Harry Potter würde sie niemals mögen, weil er ein angeberischer Halb-Held sei, und Ginny immer zu sagen pflegte ‚Ist er nicht! Er ist lieb und nett und wirklich hübsch'?"

Er drehte sich im Dunkeln zu ihr hin.

„Vermutlich wird es aber noch eine Weile dauern, bis sie dort sind, wo du gerade bist, Molly. Und es könnte auch ganz anders kommen."

„Oh, nein, nein, ich bin mir sicher. Mütter spüren so etwas", sagte sie abwesend, während sie in Gedanken ihre eigene Hochzeit mit dem verglich, was sie sich für ihre Tochter vorstellte. Sie hatte das getan, seit sie erfahren hatte, dass ihr siebtes Kind ein Mädchen sein würde, und gerade eben hatte die bisher nur in Umrissen vorhandene Person des Bräutigams fest Züge angenommen.

Arthur wusste, woran sie dachte, aber beschloss, nichts weiter zu sagen.

„Gute Nacht, Molly."

„Gute Nacht, Arthur."

- - : o o : - -

An diesem Abend lag Ginny noch längere Zeit wach im Bett. Nachdem sie wieder zu Hause war, hatte sie allen von dem Tag erzählt, wobei sie allerdings die Begegnung mit Malfoy weg ließ. Die Zwillinge und Ron mussten, sehr zu ihrem Vergnügen, erst den Garten entgnomen und anschließend den Dachboden aufräumen, während sie in ihrem Zimmer saß und aus dem Fenster mit nicht wenig Schadenfreude zusah.

Auch dies trug einen Anteil daran, dass Ginny entschied, dass der Tag einer der besseren in ihrem bisherigen Leben war. Sie hatte einen Ausflug in die Winkelgasse gemacht, dort ein Eis gegessen, und natürlich in Harry einen neuen Freund gefunden.

Ein Freund. Ihr Freund. Das war das wichtigste. Sicher, sie kannte einige Kinder, aber das waren immer Freunde ihrer Brüder, und älter als sie; und selbst, wenn Mädchen wie Angelina oder Alicia die Zwillinge besuchten und mit ihr spielten, war sie immer nur Freds kleine Schwester. Oder Georges Schwester. Oder Rons, Bills, Charlies. Egal. Immer war irgendjemand vor ihrem Namen.

Oh, wie sie das hasste. Jedes Mal, wenn sie vorgestellt wurde, und die Leute sie meistens ganz am Schluss bemerkten. Oh, und du musst Ginny sein, nicht wahr? Soundsos kleine Schwester.

Nun, sie war klein. Etwas klein, schränkte sie ein. Und es war nicht einmal so, dass sie unbedingt groß sein wollte. Viele der Erwachsenen waren so langweilig. Trotzdem hatte sie diese Namen überaus satt. Sie wollte einfach nur einmal Ginny sein.

Danke", sagte sie und streckte die Hand aus. „Ich bin Ginny, und wer bist du?"

Punkt. Aus. Ende. Nichts davor und nichts danach. Keine Antwort wie: „Ah, du bist sicher Bills Schwester, nicht wahr? Aber ja, ich kann mich noch genau an ihn erinnern, war er nicht Schulsprecher?"

Der Junge zwinkerte verblüfft und ergriff zögernd ihre Hand. „Ich bin Harry, und das ist Hagrid."

Nichts davor und nichts danach?

Ich bin Harry.

Nichts davor und nichts danach.

Sie lächelte zufrieden, als sie sich in ihr Kopfkissen kuschelte. Jungen waren oft genug doof,aber Harry war anders. Wenn sie sich mit ihm unterhielt, ging es nur um sie. Er kannte ihre Brüder nicht, er hatte gefragt, sie hatte ihm die Namen genannt, und es interessierte ihn nicht weiter.

Außerdem behandelte er sie nicht wie ein Baby. Selbst Bill tat das manchmal, aber bei ihm war es aushaltbar. Mum war hundertmal schlimmer. Sie musste an ihrer Hand gehen, wenn sie unterwegs waren. Sie durfte nicht Besenfliegen, weil sie sich dabei weh tun konnte. Und so war es mit allen Dingen die lustig waren, und das hatte sie dazu gebracht, sie heimlich zu tun.

Und sie liebte das Kribbeln im Bauch, das ihr sagte, dass sie erwischt werden konnte,auch wenn sie oh-so-leise war; die Spannung, auf Zehenspitzen nachts die Treppe hinunter zu schleichen, sorgfältig über die knarrenden Stufen steigend, aus der Hintertür hinaus und durch das Gras, um im Mondschein das Schloss am Besenschuppen aufzustochern, wie sie es von den Zwillingen gelernt hatte – nachdem sie sie überzeugt hatte, es ihr zu zeigen, indem sie kurz zeigte, was sie über ihre kleinen Versuche wusste.

Aber darum ging es nicht, fand sie; sie hätte die gleichen Rechte wie ihre Brüder haben sollen, ohne, dass sie sie sich selber nehmen musste. In diesen Dingen wollte sie genauso behandelt werden, und das wurde sie nicht.

Harry tat das. Er war nicht gemein zu ihr, wie ihre Brüder es so oft waren. Aber Harry war eben anders. Harry war ihr Freund, und das verursachte ihr ein angenehmes, warmes Gefühl, von den Zehen bis hinauf zu den Haarspitzen, durch ihren ganzen Körper und sie schwelgte darin.

Es war merkwürdig – es war kaum einen Tag alt, und schon war es wie selbstverständlich. Es war, als hätte sie lange etwas wichtiges gesucht, und nun endlich gefunden. Aber das machte keinen Sinn. Konnte man denn etwas suchen, ohne zu wissen, was? Und hinterher etwas absolut notwendiges besitzen, ohne vorher je geahnt zu haben, dass man es vermisste?

Also warum hatte sie nicht schon längst einen Freund gehabt?

Es war doch ganz leicht, und es musste doch viele Kinder da draußen geben. Nur, die kamen nie. Überhaupt kam so selten jemand, dabei gab es doch das Flohnetzwerk und man konnte Apparieren? Vielleicht wollten Mum und Dad das so.

Für sie war die Familie das Wichtigste, das sagte Dad immer, und das sah sie auch ein, aber warum musste es nur Familie sein? Konnte nicht einmal eine andere Familie vorbeikommen, mit Kindern in ihrem Alter, zur Abwechslung? Wenn jemand kam, waren es immer nur alte Leute. Kollegen von Dad oder so.

War es falsch, dass sie mehr wollte? Alle ihre Brüder schienen zufrieden zu sein. Was sie so anders?

Sie rang mit diesen ganzen seltsamen, neuen Gedanken, die auf einmal in ihrem Kopf erschienen. Seit sie denken konnte, war da etwas gewesen, wie ein kleines, silberhelles Flämmchen in ihr, das sie manchmal antrieb und manchmal ihr den Weg leuchtete. Sie hatte es nie hinterfragt, es war einfach ein Teil von ihr, und sie hatte gedacht, dass es vielleicht bei jedem Menschen so war.

Aber nun war sie sich nicht mehr so sicher. Es war, als ob sie nun einen kleinen Teil gesehen hatte, wo der Rest noch unsichtbar war, und sie plötzlich ahnte, dass da noch mehr war. Mehr als nur Familie, mehr als nur ein kleines Mädchen zu Hause. Sie war mehr.

Mehr als: Unsere jüngste Tochter.

Mehr als: Rons kleine Schwester.

Sie brauchte es nicht zu wollen, sie war es schon; und auch wenn diese ganzen neuen Erkenntnisse ihre Begriffe noch weit überstiegen, war doch das intuitive Bewusstsein da, dass Harry wenigstens etwas davon sah; da war sie sich sicher.

Und so begann sie ihren ersten Schritt in eine neue Richtung, ohne, dass sie es selbst bemerkte, wie ein Jungvogel, der instinktiv seine Flügel streckt, und feststellt, dass er fliegen kann – sie begann, sich selbst zu entdecken; ein tiefes Verlangen, das nun zum ersten Mal Nahrung erhielt, die kleine silberne Flamme, die nun etwas heller brannte, anstatt zu verkümmern und zu verlöschen.

Ihre Gedanken kreisten um zwei Dinge: Harry und Hogwarts. In all den Geschichten, die ihr Bill erzählt hatte, schien ihr Hogwarts wie eine große, neue, aufregende Welt. Eine Welt, dort draußen, nur für sie, sie allein. Sie würde es allen zeigen, und Harry würde ihr helfen.

Und so schlief sie; mit einem zufriedenen Lächeln, das um ihre Lippen spielte, und sie in ihre Träume begleitete, angefüllt mit lauter angenehmen Dingen, einem alten, geheimnisvollem Schloss, voller neuer Freunde, Sommer und Sonnenschein.

Nichts störte ihre Ruhe, nicht die leichte Sommerbrise, die durch das offene Fenster strich, sanft die Vorhänge rascheln ließ, und das Zimmer mit dem Hauch eines Duftes nach frisch geschnittenen Gras füllte; und auch nicht die im Mondlicht geisterhaft schimmernde Schneeeule, die kurz nach Mitternacht durch das Fenster flog und es sich auf der Bettkante gemütlich machte.

- - : o o : - -

Die Sonne schien durch das Fenster und kitzelte Ginny im Gesicht. Als sie die Augen öffnete, war das erste, was sie sah, nicht wie sonst der selbstgebastelte Kalender, der die noch verbleibenden Tage bis zu ihrem Geburtstag anzeigte, sondern eine weiße Eule, die den Blick darauf versperrte. Verwirrt rieb sich Ginny den Schlaf aus den Augen, bis ihr Verstand ebenfalls aufgewacht war und die Eindrücke sortierte. Sie kannte diese Eule.

„Hedwig!" rief Ginny aus. „Kommst du mich besuchen?"

Sie bemerkte die Last am Bein der Eule. „Oh, und du hast sogar einen Brief dabei? Von Harry?"

Rasch richtete sie sich auf, band den Brief los und begann zu lesen.

Liebe Ginny,

mein erster Brief!

Hedwig war ganz wild darauf, zu Dir zu fliegen; wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, sie sieht Dich als eine Art Mitbesitzer an (was mich nicht stören würde – sie scheint recht gut entscheiden zu können, wen sie mag und wen nicht, wenn sie nach Malfoy hackt)?

Aber stell ihr besser etwas zu trinken hin, sie wird schnell durstig.

Jedenfalls wollte ich mich noch einmal für gestern bedanken, so viel Spaß hatte ich selten an meinem Geburtstag, und das lag an Dir.

Schreib gerne zurück.

Harry

Sie sah auf ihren Schreibtisch unter dem Fenster. Tatsächlich, Hedwig war noch da. Ginny freute sich, dass die Eule sie mochte. Außerdem brauchte sie so nicht warten, bis Errol, die treue, aber zugegebenermaßen sehr alte Familieneule sich von ihrem letzten Flug erholt hatte, wenn sie Harry schreiben wollte. Der Sommer sah auf einmal viel vielversprechender aus.

Er hatte anscheinend genau so viel Spaß gehabt wie sie. Eigentlich könnte er sie einmal besuchen kommen. Das brachte sie auf eine Idee. Sie sprang aus dem Bett und rannte im Nachthemd die Stufen zur Küche hinunter. Dort fand sie ihre Mutter beim Vorbereiten des Frühstücks.

Sie duckte sich unter den Tellern, Messern und Schüsseln, die gerade in einem Bogen aus den Schränken und Schubladen durch die Luft auf den Tisch schwebten, und lief zum Herd, wo ihre Mutter stand und Würstchen briet.

„Ich hab Post von Harry bekommen! Kann er zu meinem Geburtstag kommen, Mum, bitte, bitte?"

„Ich wünsche dir auch einen schönen guten Morgen."

Molly Weasley drehte sich um und betrachtete ihre Tochter mit einem verständnisvollen Lächeln. Manchmal schien es ihr, dass sie sich nur schwer in sie hineinversetzen konnte. Sie war oft so anders, als sie es selbst als Kind gewesen war. Aber hier konnte sie sich mit ihr identifizieren.

Auch wenn Ginny das vermutlich selbst nicht wusste, ihre einzige Tochter war etwas besonderes – so sehr, dass sie es manchmal mit Besorgnis betrachtete. Es war offensichtlich, dass sie auflebte, wenn sie über ihren neuen Freund sprach. Sie hatte das Bedürfnis, eigene Freunde zu haben.

Vorschulkinder anderer Familien knüpften schnell enge Kontakte, schon weil die Erwachsenen solche hatten. Arthur und sie dagegen hatten sich entschieden, recht zurückgezogen zu leben. Ihre Familie war ihre eigene, kleine Welt und es gefiel ihnen so, aber das bedeutete auch, dass sie damit ihren Kindern kaum Möglichkeiten gaben, vor Hogwarts Freundschaften zu schließen.

Andererseits war es ihr dann nicht gelungen, sich auch immer ausreichend um sie zu kümmern, dachte Molly, als sie sich an vorgestern erinnerte.

Sie hatte sich selbst eingestanden, dass sie ihr nicht immer die Aufmerksamkeit schenkte, die sie vielleicht brauchte, denn die Zwillinge beanspruchten bereits einen großen Teil davon, wenn auch ungewollt. Ein Neun-Personen-Haushalt war anspruchsvoll, Magie hin oder her.

Sie erneuerte ihren insgeheim gefassten Entschluss, Ginny ein wenig zu verwöhnen, wenn sie nach Ende der Sommerferien nur noch zu dritt waren. Sie hatte es verdient.

So gesehen freute sie sich für ihre Tochter, und zögerte keine Sekunde bei ihrer Antwort.

„Natürlich kann Harry kommen, Liebes. Du kannst ihm eine Einladung schicken, wenn du willst. In zehn Minuten gibt es Frühstück"

Ginny umarmte ihre Mutter.

„Danke, Mum! Ich geh gleich schreiben. Hedwig wartet noch." Dann fiel ihr etwas ein. „Kann ich eine Schale mit Wasser haben? Hedwig ist durstig."

„Von mir aus", sagte Molly. „Aber wer ist Hedwig?"

„Harrys Eule natürlich. Du weißt doch, diese große Schneeeule, die wir gestern gesehen haben. Harry hat sie gekauft."

Die Erwähnung von Posteulen erinnerte Molly an einen Brief, den sie bekommen hatte.

„Ich hab noch eine Überraschung für dich", sagte sie.

„Was denn?", fragte Ginny gespannt. Der Tag wurde besser und besser.

„Bill kommt."

„Oh! Wann, jetzt?" Ginny sah sich suchend um, als würde Bill jeden Moment in der Küche erscheinen.

„Nein", sagte Molly lachend. „Er muss irgendetwas für Gringotts in London erledigen, und wollte vormittags vorbeischauen. Er hat nicht viel Zeit, aber ich dachte mir, dass du dich freust."

„Ja, das ist toll", sagte Ginny aufgeregt. „Wie lange bleibt er denn?"

„Nur ein paar Tage. Wirklich, manchmal wünschte ich, deine Brüder hätten andere Berufe – Charlie steckt in Rumänien und wird von Drachen verbrannt, und Bill in Ägypten, wo er in alten Gräbern herumkriecht, die jederzeit einstürzen können … und zu sehen bekomme ich sie fast gar nicht mehr…"

„Aber es macht ihnen Spaß", sagte Ginny.

„Ja, ja, ich weiß…", seufzte Molly, und wandte sich wieder den brutzelnden Würstchen zu, die nun ihren Duft in der Küche verbreiteten.

„Wenn du nach oben gehst, kannst du deinen Bruder wecken … Ron schläft bestimmt noch. Sag ihm, das Frühstück ist gleich fertig, dann wird er schon wach werden."

Ginny grinste. Wenn es etwas gab, das Ron aufweckte, dann war es das Wort ‚Frühstück'. Sie nahm sich eine der Porridge-Schüsseln und befüllte sie mit Wasser. Vorsichtig trug sie die Schale die Treppe hoch.

Sie setzte die Schale neben Hedwig auf dem Schreibtisch. Die Eule sah sie dankbar an und nippte ein wenig Wasser, während Ginny schnell weiter die Treppen hoch lief und oben an Rons Tür hämmerte.

„Aufstehen, Ron. Mum hat Frühstück fertig!"

Ohne auf eine Antwort zu warten, lief sie wieder in ihr Zimmer zurück, denn sie wollte noch vor dem Frühstück eine Antwort schreiben. Nachdenklich setzte sie sich an den Schreibtisch und kaute auf ihrer Feder.

Als sie fertig war, las sie sich das Endergebnis noch einmal durch:

Lieber Harry,

vielen Dank für den Brief. Ein Glück, dass ich Hedwig zum Antworten benutzen kann, denn Errol, unsere Familieneule, braucht inzwischen nach jedem Flug einen Tag Erholung, er ist ein wenig altersschwach; und Percy rückt Hermes nicht raus, der Blödmann.

Bill kommt heute. Er arbeitet normalerweise für Gringotts in Ägypten, er ist ein Fluchbrecher, das heißt, er guckt in den alten Gräbern nach Schätzen, aber er ist aus irgendeinem Grund nach London gerufen worden. Er bleibt nicht lange, nur für ein paar Tage, aber er will bei uns vorbeischauen. Ich kann's kaum erwarten!

Wenn ich ihn allein treffen sollte, werde ich ihn fragen, ob er einen guten Fluch kennt – für Malfoy, sollte er mir je wieder begegnen, wenn ich meinen Zauberstab hab. Mum hätte bestimmt Einwände, aber Bill wird's ihr nicht sagen. Hast Du schon in Deine Schulbücher gesehen? Vielleicht steht da ja auch etwas drinnen, das wir benutzen können.

Übrigens, ich hab Mum gefragt, und sie meint, Du kannst gerne zu meinem Geburtstag kommen, wenn Du willst – der ist am elften, falls Du das schon vergessen hast.

Alles Liebe,

Ginny.

Sie band Hedwig den Brief an ihr Bein und die Eule flog aus dem offenen Fenster. Nachdem Hedwig fort war, zog sie sich schnell an und ging nach unten zum Frühstück.

- - : o o : - -

Eine Viertelstunde später war sie draußen und suchte Bill. Sie fand ihm auf einem Baumstumpf, in der Ecke des Gartens, vor einem Tisch mit Papieren darauf. Er schien zu lesen, aber das störte sie überhaupt nicht.

„Bill!" schrie Ginny und rannte so schnell sie konnte zu dem Baumstumpf.

„Hey Tiger", sagte Bill, stand auf und öffnete die Arme, um sie aufzufangen. Er wirbelte sie ein paar mal im Kreis, bevor er Ginny absetzte und ihr Haar verwuschelte.

„Lass das."

„Darf ich meiner Lieblingsschwester noch nicht mal durchs Haar fahren?", fragte Bill und tat so, als ob er beleidigt wäre.

„Ich bin deine einzige Schwester", sagte Ginny und zog eine Schnute.

„Na und?"

Ginny schüttelte den Kopf. Er machte diesen albernen Witz jedes mal; es war, solange sie denken konnte, ein Spiel nur zwischen ihnen; genauso wie Bill auch der einzige war (und auch der einzige, dem sie es erlauben würde), sie ‚Tiger' zu nennen. Er meinte, es passte zu ihrer Haarfarbe und zu ihrem Wesen überhaupt.

Bill setzte sich wieder auf seinen Stumpf. Ginny setzte sich neben ihm auf einen Ast und baumelte mit den Beinen.

„Was machst du?"

„In England oder im Moment?"

Ginny stieß ihn in die Seite. „Blödmann. Beides."

Bill rieb sich übertrieben die Rippen.

„Oh, tu nicht so. Ich weiß genau, dass es nicht mehr weh tat, als wenn du täglich in deinen Gräbern Steine auf den Kopf bekommst."

Bill lachte. „Recht hast du. Allerdings war ich jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr in einem alten Grab. Selbst Fluchbrecher müssen irgendwann Papiere bearbeiten, und wenn es nur die Reporte unserer Exkursionen sind."

„Das solltest du Mum erzählen. Sie hat Angst, dass dir die Decke auf den Kopf fällt, wenn du unten drin steckst."

Bill seufzte und zog Ginny von dem Ast auf seinen Schoß.

„Mum macht sich immer Sorgen, Tiger. Aber das tut sie nur, weil sie uns lieb hat. Das verstehst du doch?"

„Ja", sagte Ginny, „Aber ich habe ihr gesagt, dass du machst, was dir Spaß macht. Das muss sie auch verstehen."

„Tut sie auch. Aber sie macht sich trotzdem Sorgen, einfach, weil sie Mum ist."

Er rutschte Ginny ein wenig herum, damit er sie besser ansehen konnte.

„Nun, das hier sind solche Papiere, langweilig, wenn du mich fragst, aber sie müssen erledigt werden, wenn ich je wieder ein Grab von innen sehen will. Das hat aber nichts mit dem Grund zu tun, aus dem ich hier bin. Die Geschichte ist eigentlich recht spannend … soll ich erzählen?"

Ginny verdrehte die Augen. „Mach schon."

Bill schmunzelte und fing an: „Ich war also gerade dabei, die Fundstücke unserer letzten Expedition zu sortieren, in unserem Zeltlager – das ist übrigens bei Karnak, falls es dich interessiert – als einer von den Koboldboten aus Kairo ankam, und mir sagte, dass ich sofort nach London kommen solle. Er sagte nicht, wieso, oder warum so eilig, aber er war von Gringotts, und weil ich nun einmal für Gringotts arbeite, habe ich genau das getan."

„Ich habe mich hinterher erkundigt und es wurden alle Mitarbeiter, die auch nur im entferntesten eine Ahnung von Schutzbannen hatten, nach London gerufen. Nun verstehe ich eine Menge von Schutzbannen …" – Ginny verdrehte wieder die Augen, und Bill lachte – „… also gehörte ich zu den ersten, die zurückkamen."

„Aber warum brauchten sie denn Leute, die sich mit Schutzbannen auskennen?"

„Nun, siehst du, die Verliese in Gringotts sind mit Hunderten oder Tausenden von diesen Zaubern gesichert – natürlich, denn es soll ja so sicher wie möglich sein, und niemand außer dem Eigentümer des Verlieses und vielleicht einige extra dafür eingeteilte Kobolde sollen Zugang haben. Sie haben auch noch andere Schutzmaßnahmen, aber dass sind die normalen."

Er machte eine dramatische Pause.

„Bis gestern hat es niemand geschafft, die Schutzbanne zu durchbrechen oder zu umgehen – und die Kobolde waren einigermaßen stolz darauf. War auch ein Punkt in ihrem Werbeprospekt, glaube ich."

„Und jetzt nicht mehr? Jemand ist tatsächlich eingebrochen?" Ginny hielt den Atem an.

„Ja, gestern Vormittag hat es jemand geschafft."

„Und? Was wurde gestohlen?"

Bill kratzte sich am Kopf.

„Das ist die Stelle, an der es merkwürdig wird. Nichts."

„Aber warum würde jemand einbrechen, und dann nichts mitnehmen?"

„Oh, ich bin mir sicher, dass, wer immer es auch wahr, es versucht hat – aber zum Glück wurde das Verlies Stunden zuvor gelehrt, sodass der Einbrecher nichts vorfand. Dass er dann nichts weiter unternommen hat, zeigt, dass er nur an dem speziellen Gegenstand interessiert war, und nicht an Gold."

„Was war es denn? Und wer war der Einbrecher?", wollte Ginny wissen.

„Weiß ich nicht, Tiger – das ist doch vertraulich. Würdest du wollen, dass jeder x-beliebige Fluchbrecher den Inhalt deines Verlieses kennen würde, wenn du eins hättest? Und den Einbrecher haben sie auch nicht geschnappt, denn der Alarm ging erst los, als er schon wieder auf dem Rückweg war, und als die Kobolde an dem Verlies ankamen, war er schon längst weg. Niemand hat ihn gesehen, und das ist wirklich erstaunlich."

„Und du sollst jetzt herausfinden, wieso der Alarm nicht losging, und wie er durch die Schutzbanne kommen konnte", schlussfolgerte Ginny.

„Genau. Und danach soll ich noch einige Weitere installieren, damit es nicht noch einmal vorkommt. Ich bin ganz froh, dass sie mich hierher gerufen haben, weil ich so nämlich die Gelegenheit habe, dein Geburtstagsgeschenk vorbeizubringen."

„Du bist an meinem Geburtstag nicht hier?" Ginny hatte es nicht wirklich erwartet, aber es wäre doch schön gewesen.

„Nein, tut mir leid, Tiger – da bin ich schon wieder in Ägypten. Ich bin noch nicht so lange dabei, dass ich mir aussuchen könnte, wann ich mir Urlaub nehme und wann nicht … aber dafür bin ich jetzt ja hier."

„Verrätst du mir, was du mir mitgebracht hast?"

Bill blickte sie gespielt empört an.

„Für was hältst du mich? Natürlich nicht." Er lachte. „Ist doch eine Überraschung. Aber genug von mir. Wie geht's dir?"

„Gut", strahlte Ginny. Und sie begann eifrig von gestern zu erzählen, von Harry und dem Tag in der Winkelgasse. Bill hörte aufmerksam zu und drückte sie.

„Schön, dass du einen neuen Freund hast, Ginny. Harry scheint ein netter Junge zu sein. Wie heißt er denn mit Nachnamen?"

Ginny zog ihre Stirn in Falten.

„Weiß ich nicht. Ich hab ihn nicht gefragt, und er hat's nicht gesagt. Vielleicht redet er nicht gerne darüber – seine Eltern sind tot."

„Ist ja auch nicht so wichtig. Woher weißt du denn, dass seine Eltern tot sind?"

Das erinnerte Ginny an ihre Begegnung mit Malfoy.

„Als ich ihn getroffen hab – bei Madam Malkin – da hat er mit dem Sohn von Malfoy geredet, und er hat gefragt."

„Er hat mit Malfoy Junior geredet?"

„Ja, aber er sah nicht so aus, als würde es ihm Spaß machen."

„Mal was ganz neues", murmelte Bill.

„Und dann hat er gesagt – ", Ginny spürte, dass sie wieder wütend wurde „– das die Weasleys eine schreckliche Haarfarbe hätten, und dass man überhaupt Abstand von uns halten sollte, weil wir nicht zu den besseren Zaubererfamilien gehören – oh, er war so gemein, ich hätte ihn am liebsten –"

„Harry hat das gesagt?", fragte Bill scharf.

„Nein! Natürlich nicht. Malfoy hat das. Harry hat gesagt, dass ihm meine Haarfarbe gefällt…"

Sie brach ab und sah nachdenklich über die Hügel und Wiesen, die an den Garten grenzten. Es war ein schöner Tag, über den blauen Himmel zogen ein paar watteweiße Wolken; die Sonne lachte und alles war voller Leben. An Tagen wie diesen schien es unmöglich, nicht fröhlich und zufrieden, kurz, sommerlich zu sein.

Bill unterdrückte ein Lächeln, aber runzelte die Stirn, als er an die andere Person in dem Geschäft dachte.

„Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass du nichts glauben darfst, was ein Malfoy dir erzählt?"

Ginny schüttelte den Kopf.

„Das sagt Mum auch immer. Aber warum sagt er denn so etwas?"

Bill nahm sie wieder in den Arm.

„Du weißt, dass er Zauberer gibt, die von Muggeln abstammen? Sieh mal, es gibt Leute, so wie wir, so wie zum Beispiel auch Professor Dumbledore, der Schulleiter von Hogwarts, oder wie dein Harry, eigentlich so wie jeder vernünftige Mensch, und so wie die Mehrheit der Zauberergemeinschaft, denen egal ist, wie viel Geld man hat, oder ob man einen reinblütigen Stammbaum voller Zauberer und Hexen hat, der so lang ist wie ein Hogwarts-Tischtuch."

„Das ist so, wie es sein sollte. Diese Menschen interessiert nur, wie du bist – nicht, was du bist, oder was du hast oder nicht hast oder woher du kommst. Diese Menschen solltest du dir zu Freunden machen."

„Und dann gibt es solche wie die Malfoys, für die ist eben nicht wichtig, wie die Person ist – wenn sie nur genug Geld hat, oder einen Stammbaum zum angeben, dann ist sie in ihren Augen ein guter Zauberer, wenn sie das nicht hat oder gar ein Muggelstämmiger Zauberer ist, dann ist sie automatisch weniger wert."

Ginny rutschte unzufrieden hin und her. Das hatte Dad ihr auch schon erklärt, aber es war nicht das, was sie wissen wollte.

„Ich weiß das – man kann nett sein, und Geld haben oder auch nicht, das hängt doch nicht zusammen. Aber warum sagt er denn so was?"

„Warum die Malfoys uns Weasleys nicht mögen? Das liegt daran, dass wir zwar einen schönen Stammbaum haben, aber nicht dafür sorgen, dass er rein bleibt. Wenn du groß bist, und einem Muggel heiraten willst, dann wird das Dad nicht stören, und Mum und uns alle anderen auch nicht, solange es ein netter Muggel ist."

Ginny kicherte bei dem Gedanken an Heirat.

„Das ist aber noch lange hin. Glaubst du wirklich, dass ich einen Muggel heiraten werde?"

Ihre Gedanken flogen hoch und weit, wie der Vogel am Himmel, mit seinem pechschwarzen Gefieder gut zu sehen gegen die hellen Wolken. Sie blickte ihm abwesend hinterher.

Bill lachte.

„Weiß ich doch nicht, ich meine ja nur. Von mir aus kannst du auch Harry Potter heiraten."

Ginny errötete und seufzte etwas verträumt. Bill grinste und stieß ihr in die Seite.

„Komm zurück auf die Erde, Ginny. Was ich sagen wollte, für die Malfoys käme ein Muggel, egal wie nett er ist, nie in Frage, weil das höchste Ziel von Familien wie den Malfoys ist, ihren Stammbaum von Muggeln oder Muggelstämmigen reinzuhalten, und alle, die das nicht tun, sind in ihre Augen Verräter – Blutsverräter."

Er sah sie an.

„He, hörst du mit zu?"

„Hmm … oh, was Bill?"

Bill schüttelte den Kopf.

„Bist du nicht langsam zu alt für diese Schwärmerei?"

Ginny sah nach unten und antwortete nicht. Stattdessen suchte sie nach schnell nach einem anderen Thema. Seit sie denken konnte, hatte sie Geschichten über den Jungen, der lebt gehört, und sich oft ausgemalt, wie es ihm jetzt wohl erging, da seine Muggel-Verwandten ihn zu sich geholt hatten, und was sie wohl tun würde, wenn sie ihm einmal begegnete; und genauso oft hatten ihre Brüder sie deswegen verspottet. Nein, sie wollte nicht darüber zu reden.

Viel lieber wollte sie jetzt zaubern. Sie sprang von Bills Schoß.

„Bill?"

„Hm?"

„Wenn mir noch einmal so jemand wie Malfoy begegnet und so gemein ist – ich will ihn verhexen."

Bill sah sie unbeweglich von seinem Baumstumpf aus an, aber seine Augen funkelten.

„Du weißt, dass du nicht zaubern darfst, Tiger."

Ginny machte ihr bestes Bitt-Gesicht. „Oh, bitte Bill – du weißt doch so viele Hexe. Und stell dir mal vor, er greift mich an, und dann –"

Bill konnte ihren Ausdruck nicht mehr mit ansehen, und er hatte auch nicht wirklich etwas dagegen. Er war eher ein wenig stolz auf seine Schwester.

„Oh, schon gut, Ginny, aber hör auf, dieses Gesicht zu machen." Er stand auf und blickte sich um. „Aber du sagst Mum nichts davon. Das bleibt zwischen uns, einverstanden?"

„Auch nicht Harry?"

Bill verdrehte die Augen. „Von mir aus Harry. Aber niemandem sonst, in Ordnung?"

„Ja", sagte Ginny fröhlich, sie hatte bekommen, was sie wollte.

„Gut, also da ist dieser eine Fluch – den kennt kaum jemand sonst, weil er so schwer auszusprechen geht, aber ich glaube, er wäre für dich gerade richtig. Es ist der Flederwicht-Fluch."

„Was macht der?"

„Wenn ich die Beschreibung richtig verstanden habe, sorgt er dafür, dass der Naseninhalt einer Person zu einer Art Fledermäusen wird, die mit ihren Krallen dann diese Person angreifen."

Ginny kicherte. „Ihh! Aber das kann ich mir gut für Malfoy vorstellen."

Bill sah sie streng an.

„Du benutzt ihn aber nur, wenn es wirklich nötig ist, verstanden?"

„Ja, Bill." Ginny guckte unschuldig. „Und ich habe ja auch keinen Zauberstab…"

„Das beruhigt mich gar nicht", meinte Bill. „Ich habe meinen öfter als einmal in deinem Zimmer gefunden, und außerdem hat Harry einen, nicht war?"

„Jaaaa, das schon…"

„Dachte ich's mir doch. Aber ich vertraue dir, hörst du? Nun, der Zauberspruch dafür ist Mucus Peripteros. Sprich mir nach: Mucus Peripteros."

Mucus Peripteros", sagte Ginny. „Darf ich auch ausprobieren?"

„Und wie stellst du dir das vor?", wollte Bill wissen. „Etwa an mir? Ich glaube nicht."

„Hast du etwa Angst vor mir?"

„Klappt bei mir nicht, Tiger – ich will nur nicht dein Versuchskaninchen sein, wer weiß, was du anstellst anstelle des Flederwichtfluchs."

Ginny grinste. Bill hatte man noch nie mit der Unterstellung, er sei feige, zu etwas bringen können, was er nicht machen wollte. Aber sie wollte trotzdem zaubern.

„Kann ich dann wenigstens so in die Gegend hexen?"

Bill zögerte kurz, aber gab ihr dann seinen Zauberstab. Ginny hielt ihn in Richtung des Beetes und sagte laut: „Mucus Peripteros!"

Aus dem Zauberstab kam ein flackerndes gelblich-grünes Licht, das aber gleich darauf verlosch.

„Ich glaube, die Betonung ist falsch", sagte Bill. „Es ist PEri-ptEros, nicht PerIpteros. Du musst die beiden e betonen. Peri ist ein Wort, und Pteros auch"

„PetEros?", fragte Ginny.

„Nein, PtEros", sagte Bill. „Ohne e dazwischen, das t folgt direkt auf das p"

„T direkt nach p, das geht doch gar nicht", sagte Ginny erstaunt.

„Ich hab dir doch gesagt, dass es schwer auszusprechen geht. Versuch's noch mal."

Mucus PEri-pitEros", rief Ginny, und dieses Mal schoss ein schmaler Lichtstrahl aus dem Zauberstab, und als er auf ein Blatt traf, platzte dieses auf und versprühte eine Flüssigkeit.

„Besser", meinte Bill. „Aber lass das i noch weg."

„Soll es das tun?", fragte Ginny interessiert, und deutet auf den Busch.

Bill zuckte die Achseln. „Woher soll ich das wissen? Ich glaube nicht, dass irgendjemand zuvor das schon einmal ausprobiert hat. Wie könnten das erforschen. Wollen wir?"

Ginny nickte eifrig.

„Nun, dann müssen wir das Experiment als erstes wiederholen, und dabei genau beobachten, was passiert. Das ist der erste Teil. Danach suchen wir eine Erklärung für das, was wir beobachten. So experimentiert man. Klar?"

Ginny nickte wieder, um zu zeigen, dass sie verstanden hatte. Sie gab Bill den Zauberstab, und er hielt ihn auf das Gebüsch im Beet.

Mucus Périptéros."

Das Licht war heller und flackerte nicht, hatte aber die gleiche, gelb-grüne Farbe. Als es auf den Busch traf, platzte die ganze linke Hälfte weg.

„Also war es richtig", sagte Ginny zufrieden.

„Scheint so", meinte Bill. „Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, warum es das macht."

Er ging zu den Blättern, und Ginny folgte ihm. Er betrachtete eines der zerstörten Blätter.

„Ah, siehst du, hier? In den Blättern ist eine Flüssigkeit, irgendein Saft. Und genau, wie der Fluch bei Menschen den Naseninhalt vergrößert und daraus Flederwichte macht, vergrößert der Fluch, wenn er auf diese Blätter trifft, irgendetwas in den Blattsaft, und deswegen zerplatzen die Blätter. Rätsel gelöst."

Ginny nahm ihm wieder den Zauberstab aus der Hand. Abwechselnd zielten sie auf Pflanzen auf der Wiese, damit die Büsche im Garten nicht völlig zerrupft wurden. Ginny rang anfangs mit der Aussprache, aber holte trotzdem immer mehr auf, was die Auswirkungen betraf. Waren es am Anfang nur ein paar Blätter, die bei ihr reagierten, war sie schon bald bei Bills halben Busch.

Schließlich rief sie: „MUCUS PERI-PTEROS!", und stieß den Zauberstab dabei in Richtung des Ziels, eines ausgewachsenen Haselnussstrauches. Der gesamte Busch explodierte. Ginny sprang begeistert auf und ab. Bill bekam den grünen Pflanzenschredder direkt ins Gesicht.

Er hustete und spuckte ein paar Blattreste aus. „Blerrg."

Ginny kümmerte das wenig. Sie hüpfte weiter wie aufgezogen durch die Gegend. „Ich hab es, ich hab es."

„In der Tat", bemerkte Bill und betrachtete stirnrunzelnd das kümmerliche Gerippe des ehemaligen Gewächses. „Ich hoffe, bei Menschen ist der Effekt begrenzt. Ende der Unterrichtsstunde."

„Oh, nur noch einmal, Bill", bettelte Ginny. „Das macht Spaß!"

„Nichts da! Her mit meinen Zauberstab. Ich beginne es fast zu bereuen, dass ich dir den Fluch beigebracht habe – du bist viel zu gut, besser als ich. Guck dir nur die arme Hecke auf der Wiese an, da steht nur noch ein Strunk. Und es ist ja nicht so, als würdest du keine Gelegenheit mehr haben, du kannst Harrys Zauberstab benutzen."

„Würde ich nie!"

Bill schnaubte. „Natürlich nicht. Du kannst vielleicht Mum täuschen, aber nicht mich. Sei froh, dass ich sonst nicht hier bin."

Ginny gab ihm schnell den Zauberstab zurück. „Du verrätst doch nichts?"

Bill war sofort besänftigt. „Nein, Tiger. Ich hab's doch versprochen, schon vergessen? Du sagst nichts, ich sage nichts." Er sammelte die Papiere zusammen und steckte sie in eine Tasche, die neben dem Baumstumpf stand.

„Was willst du machen, während ich noch hier bin? Soll ich dich ein wenig auf der Schaukel anschwingen?"

Das hatte Bill immer gemacht, als er noch zu Hause war, und Ginny vermisste es, auch wenn sie in letzte Zeit nicht mehr so oft schaukelte wie sonst.

„Gerne."

Gemeinsam gingen sie zur der großen Schaukel, die an dem Ast einer großen Buche befestigt war, die in einer Ecke hinten im Garten stand. Ginny schaukelte, und genoss einfach, dass Bill da war, bis ihre Mutter in den Garten kam und sie zum Essen rief; wobei sie ärgerlich auf ihren halb entlaubten Pracht-Rosenbusch starrte, den sie so liebevoll pflegte. Ob in Lockharts Standardwerk über Gartenschädlinge eine Kur dafür zu finden war?


A/N:
Ja, und so lernte Ginny ihren gefürchteten Flederwichtfluch. Außerdem stellt sie Fragen – zentrale Fragen, die die Gesellschaft der Zaubere und Hexen betreffen. Noch ohne wirkliche Absicht, einfach aus kindlicher Neugier. Und wenn man genau hinseht, stellt man fest, dass Bill die Frage nie richtig beantwortet hat, weil Ginny zum Schluss abgelenkt war.

Ich reiche sie einfach mal weiter – warum glauben Malfoy und Co., dass Reinblüter besser sind als Muggel und Muggelstämmige?

Woher stammt Rassismus?

Eine Frage, die ernsthaft diskutiert werden will, denn ohne Gründe ist der, welcher das Gegenteil behauptet, nicht glaubhafter als Draco, wenn er erklärt: mein Vater sagt…

Und „weil es so ist" ist immer ein schwaches Argument.

Nun, zurück aus diesen tiefsinnigen Gründen in normale Gewässer. Arthur und Molly wissen nun, dass Harry der Harry Potter ist, Ginny weiß es nicht – sie stellt es einfach (noch) nicht in Frage, warum sollte ihr neuer Freund nicht Harry heißen? Es ist immerhin ein gewöhnlicher Name.

Harry andererseits hat keine Ahnung von ihrer Schwärmerei. Beides zusammen ergibt einigen Raum für Verwicklungen. Er wird es aber erfahren, und Ginny wird auch seinen Nachnamen erfahren, noch bevor er nach Hogwarts geht.

Genug Stoff für ein Review? Ansonsten bleibt auch immer noch der Nachtrag zu Kapitel 5 – was hat der Traum zu bedeuten? Was weiß Voldemort? Was ist das für ein Buch, das den Titel ‚S.S.' trägt?

Lasst euren Kommentar da. Vielleicht gibt's Teil II des Kapitel schon in ein paar Tagen :-)

Aus: Kapitel 9Ein Tag im Leben von Ginny Weasley: Schlaue Streiche und Blaue Brüder

„Ginny!", bellte Ron. „Wieso sind meine Haare blau?!"

Dieser Satz brachte Ginny um ihre gerade zurückgewonnene Fassung, und sie brach wieder in Lachen aus.

„Ron – weiß du was?"

Ron starrte sie an.

„Du – du siehst total albern aus."