Kapitel 8 – Sie hat es gewusst

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„Abby?" Die Stimme klang von weit her, leise und gedämpft und schaffte es kaum, in ihre Gedanken vorzudringen. Noch einmal fuhr Abby mit ihren Fingern über den Rahmen des Fotos. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange.

„Abs?" Sie hörte, wie jemand sanft ihren Namen rief, und langsam wurde sie sich bewusst, wo sie eigentlich war. Sie stand vor dem Kamin in Gibbs' Wohnzimmer. Sie erinnerte sich, wie sie ihn zuvor dazu gebracht hatte, sich auf die Couch zu legen. Sie drehte sich um und machte sich nicht die Mühe, ihre Tränen wegzuwischen und vor ihm zu verbergen. Traurig sah sie ihn an.

Gibbs saß auf der Couch. Er fühlte sich schon viel besser, und ihm wurde klar, dass er für mindestens drei oder vier Stunden geschlafen haben musste.

Als er aufgewacht war, hatte er einige Minuten gebraucht, um sich daran zu erinnern, was passiert war, dass er mit Abby zu Abend gegessen hatte und dass er dann… Abby! Wie hatte er sie nur vergessen können! Er hörte ein leises Schluchzen, und nachdem er sich wieder daran erinnert hatte, keine abrupten Bewegungen zu machen und sich daher nur langsam umzusehen, sah er sie vor dem Kamin stehen. Obwohl sie ihm den Rücken zugewandt hatte, wurde ihm schnell klar, was sie so traurig machte.

Er rief sie, leise, um sie nicht zu erschrecken, und als sie nicht reagierte, versuchte er es noch einmal, drang schließlich zu ihr durch, und als er sah, dass sie tatsächlich weinte, winkte er sie zu sich.

„Komm her", sagte er ruhig.

Abby ging zu ihm. Er nahm ihre Hand und ohne sie loszulassen, gab er ihr zu verstehen, dass sie sich vor ihn auf den Couchtisch setzen solle. Sie hielt das Foto noch immer in ihrer Hand, behutsam, als könne sie die zwei Menschen, die darauf zu sehen waren, verletzen. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, denn mehr und mehr stiegen ihr die Tränen in die Augen. Gibbs legte einen Finger unter ihr Kinn und brachte sie so langsam und sanft dazu, ihren Kopf zu heben und ihn schließlich doch anzusehen.

„Sie waren so wunderschön", flüsterte Abby heiser bevor ihre Tränen ihre Stimme erstickten.

„Shhh … . Weine nicht, Abs", sagte Gibbs während er die Tränen aus ihrem Gesicht wischte. Dann lehnte er sich nach vorne und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. All die Jahre war es nicht leicht für ihn gewesen. Immer noch nicht. Am Schlimmsten war der immer wiederkehrende Gram darüber, dass er nie die Chance gehabt hatte, sich richtig von Shannon und Kelly zu verabschieden. Der Schmerz des Verlustes seiner Familie würde nie wirklich vorübergehen. Er würde mal mehr, mal weniger präsent sein, mal mehr, mal weniger schmerzlich, aber er würde immer da sein. Abby hatte Shannon und Kelly nicht gekannt und obwohl Gibbs wusste, wie sehr sie mit ihm litt -- immer mit ihm gelitten hatte seit er ihr vor einigen Jahren davon erzählt hatte-- er wusste auch, dass sie ihn niemals von diesem Schmerz befreien konnte. Und das verlangte er ja auch gar nicht.

Gibbs konnte nur ahnen, wo´ Abby während der letzten Stunden gewesen sein musste, und seine Vermutungen wurden bestätigt, als sie, sich selbst mit Vorwürfen überschüttend, versuchte, ihr unangebrachtes Verhalten von vor sechzehn Jahren zu entschuldigen:

„Wenn ich das damals gewusst hätte, glaub mir, ich hätte dich niemals belästigt. Gloria hätte mich aufs Ärgste ausgeschimpft, wenn sie davon gewusst hätte..." Die Worte erstarben auf Abbys Lippen, als Gibbs seinen Zeigefinger über diese legte.

Seine Augen suchten die ihren, und als sie sie schließlich gefunden hatten und Abby auch nicht mehr versuchte, seinem Blick zu entkommen, sagte er: „Sie hat es gewusst, Abs."

Abbys Augen weiteten sich vor Schock. Davon hatte sie, Abby, keine Ahnung gehabt. Gloria, ihre Mutter, hatte ihr nie gesagt, dass sie von Shannon und Kelly gewusst hatte. Und als Abby von ihnen erfahren hatte, da war Gloria schon gestorben. Gibbs konnte die Verwirrung in Abbys Gesicht sehen und so versuchte er zu erklären. Und nun verstand Abby auch, was damals, am Abend ihres 14. Geburtstages geschehen war, als der Mann mit diesen traurigen blauen Augen schließlich angefangen hatte zu sprechen.

„Abs, ich wäre vermutlich nicht mehr am Leben, wärest du nicht gewesen! Ein 14jähriges Mädchen, das noch sturer war als ich, kühn genug sich jemandem zu nähern, der gerade dabei ist sich zu erschießen … ich bewundere dich dafür. Und du kannst selbst auch stolz darauf sein. Gloria war sehr stolz auf dich. Sie hatte schreckliche Angst vor dem, was dir hätte passieren können, aber sie hat es dir nie gezeigt."

Abby sah ihn nur an, also fuhr er fort: „An jenem Abend wollte Gloria meine nassen Kleider aufhängen, und ich nahm den Flachmann aus der Tasche, in den Shannons und Kellys Namen eingraviert sind. Deine Mutter brachte mich ins Wohnzimmer und brachte mich dazu, am Esstisch Platz zu nehmen. Sie brachte mir einen Becher mit heißem Kaffee und setzte sich mit Papier und Stift zu mir, um mit mir zu reden.

Sie fragte mich sofort, ob Shannon und Kelly meine Frau und Tochter seien und ob sie der Grund seien, warum ich so traurig war. Es war ein ziemlicher Schock für mich, dass sie es so direkt ausdrückte, und ich habe sie nur angestarrt. Und genau das hat sie auch getan. Mich angeschaut, traurig angeschaut. Ich weiß nicht wie lange. Bis ich schließlich mit dem Kopf genickt haben muss und ihr erzählt habe, dass sie tot waren. Nicht wie oder warum, nur, dass sie gestorben waren.

Und Gloria schrieb: Sie möchten auch sterben?

Als ich wieder genickt habe, schrieb sie weiter: Wissen Sie, sie mögen vielleicht nicht mehr hier sein, aber sie sind dennoch auf irgendeine Weise bei ihnen. Sie passen auf sie auf und beschützen sie. Sie wollen nicht, dass sie sterben, und Abby kam gerade noch rechtzeitig, um sie an etwas zu hindern, was Abby sehr richtig als ziemlich dumm´ bezeichnet hat. Abby hat vor ca. anderthalb Jahren ihren Vater verloren. Es ist nicht leicht ohne ihn, und wir vermissen ihn sehr. Aber wissen sie, was uns weitermachen lässt ist der Glaube daran, dass niemand wirklich tot ist, solange noch jemand an ihn denkt."

Schweigend saßen beide da, während Abby in sich aufnahm, was Gibbs ihr gerade erzählt hatte. Und Gibbs dachte noch einmal über Glorias Worte nach, und er musste zugeben, dass er irgendwann ihre Bedeutung vergessen hatte. Er hatte nie wieder versucht, sich das Leben zu nehmen, aber er hatte auch nie sonderlich darauf aufgepasst.

„Das hat Gloria mir nie erzählt", sagte Abby schließlich.

„Nein", antwortete Gibbs, und er nahm das Foto und öffnete den Rahmen. „Weil ich sie gebeten hatte, dir nichts davon zu erzählen." Und während er sprach: „Du hattest erst anderthalb Jahre zuvor deinen Vater verloren, und dein Leben hatte sich gerade erst wieder einigermaßen normalisiert. Der Schock wäre zu groß für dich gewesen, hättest du zu diesem Zeitpunkt von Shannon und Kelly erfahren."

Er nahm den Zettel, der hinter dem Foto klemmte und gab ihn Abby. Es war der Zettel, den Abbys Mutter damals benutzt hatte, um mit ihm zu kommunizieren. Und Abby konnte nun all das nachlesen, was er ihr soeben berichtet hatte.

Da er sich völlig im Klaren darüber war, dass daraufhin noch mehr Tränen fließen würden, hatte Gibbs seine Hände auf Abbys Arme gelegt, und obwohl die Prellung an seinem Arm bei dieser Bewegung höllisch schmerzte, zog er sie nun zu sich heran und hielt sie fest, während sie sich an seiner Schulter ausweinte.

Minuten vergingen, und irgendwann drehte Abby sich aus seiner Umarmung und zog sich langsam zurück. Als sie schließlich lächelte, konnte er in ihrem Gesicht so etwas wie Erleichterung sehen.

„Weißt du was, Gibbs?", fragte sie. „Ich bin froh, dass Gloria es gewusst hat, weil ich nie die Möglichkeit hatte, ihr das zu erzählen. Sie war sehr klug."

„Ja, Abs, deine Mutter war eine sehr kluge Frau", bestätigte Gibbs und lächelte ebenfalls.

Dann erinnerte er sich daran, dass er, bevor er dazu gebracht worden war, auf der Couch einzuschlafen, den Nachtisch hatte machen wollen. Und weil es ja Abbys Geburtstag war stand noch immer etwas Besonderes aus. Etwas, das Gloria immer an Geburtstagen gemacht hatte. Etwas, das Abby nun an ihrer Stelle an Geburtstagen zu tun pflegte. Besonders an ihrem eigenen Geburtstag und ganz besonders für Gibbs. Er mochte es wirklich sehr.

„Und weißt du was, Abs?", fragte er. „Deine Mom hat tatsächlich den besten Schokoladenkuchen der Welt gemacht!"

Sie lachten beide über diesen Satz und Gibbs war froh, dass Abby auf diese Weise reagierte und nicht noch trauriger wurde.

„Und ihre Tochter macht ihr wirklich Konkurrenz", fügte Gibbs noch hinzu, und natürlich wollte er wissen: „Nun, wo ist mein Schokoladenkuchen?"

Er grinste breit und plötzlich erinnerte sich Abby daran, was sie getan hatte, als sie das Dessert hergerichtet hatte. Und mit einem Mal war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, den Schokoladenkuchen zu garnieren.

Sie biss sich auf die Unterlippe und legte vorsorglich eine schuldbewusste Miene auf. Sie gab den Blick frei auf das, was sich hinter ihr auf dem Esstisch befand. Gibbs´ Augen weiteten sich, als er das bizarre Gebilde sah.

Da standen zwei Teller auf dem Tisch, auf jedem ein riesiges Stück Schokoladenkuchen. Und was das ganze so merkwürdig erscheinen ließ war folgendes: Rings um das riesige Stück Schokoladenkuchen lagen frittierte Bananenstücke und oben auf dem Kuchen, das waren offenbar die Reisbällchen.

„Was ist das?", fragte er ungläubig.

Abby zuckte nur mit den Schultern und hatte große Mühe, nicht zu lachen. „Ähm … Abbys Gloria-Geburtstags-Schokoladen-Kuchen … was sonst?!" Ihre Antwort klang überzeugend.

Aber Gibbs konnte sie kichern hören, als sie flüsterte: „… chinesischer Art…"

ENDE