Liebe Leser, dies ist nochmal ein ziemlich langes Kapitel geworden. Ich wünsche euch nun viel Spaß mit dem letzten Teil dieser Geschichte und würde mich freuen, wenn ihr noch ein paar Minuten Zeit für eine Rückmeldung findet.

LG, Kira

7. Kapitel

Sieben Jahre später

"Um wieviel Uhr triffst du dich mit Draco?", fragte Narcissa und steckte eine letzte blonde Locke kunstvoll nach oben, so dass ihre Frisur perfekt aussah.

Lucius vergrub sein Gesicht in der aufwändig frisierten Pracht und murmelte: "Gegen vier. Er wollte versuchen pünktlich hier zu sein, damit wir noch genug Zeit haben."

Narcissa sah ihren Mann im Spiegel vorwurfsvoll an, der durch seine ungestüme Annäherung dafür gesorgt hatte, dass die Hälfte der hochgesteckten Locken sich inzwischen wieder der Schwerkraft fügten.

Er verzog kurz schuldbewusst das Gesicht, dann hob er seinen Zauberstab und fragte: "Soll ich?"

"Untersteh dich! Das letzte mal habe ich geschlagene zwei Stunden gebraucht, um die Knoten wieder zu entfernen, die durch deinen Zauber entstanden sind."

"Mir mangelt es wohl etwas an Übung bei Frisurzaubern", murmelte er entschuldigend und steckte den Zauberstab wieder weg.

Dann griff er nach den Händen seiner Frau, die das von ihm angerichtete Chaos beseitigen wollten.

"Warte mal", raunte er, "jetzt ist ohnehin nicht mehr viel zu retten, da kommt es auf den Rest doch auch nicht mehr an."

Kaum hatte er zu ende gesprochen, beugte er sich zu Narcissa hinunter und küsste sie voller Leidenschaft. Nur wenige Minuten später räkelte sie sich unter seinen Händen im Bett, während er Millimeter um Millimeter ihres Körpers mit Küssen bedeckte. Narcissa schlang ihre nackten Beine um ihn und fragte sich einmal mehr, wie sie nach so vielen Ehejahren immer noch derart verrückt nacheinander sein konnten. Doch schon nach kurzer Zeit fragte sie sich nicht mehr, sondern ließ es zu, dass Lucius ihren Kopf mit ganz anderen Gedanken füllte, die genauso aufregend wie verwegen waren. Und einzig woran sie dann noch dachte, war die Frage, welchen ihrer geheimen Wünsche er ihr heute erfüllen würde - und welchen seiner sie ihm erfüllen durfte.

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"Was meinst du zu dem hier, Dad?"

Draco drehte sich etwas steif und breitete dabei die Arme ein wenig aus, den Blick hielt er, so lange wie der Augenkontakt es zuließ, auf seinen Vater gerichtet.

Lucius Malfoy saß auf der Couch, mit der der Herrenausstatter den Begleitpersonen seiner Kunden das bequeme Warten - und damit auch das wohlwollende Beraten - ermöglichen wollte.

"Der ist nicht schlecht. Aber der von vorhin saß besser."

"Aber dieser hier ist auch ganz gut, oder?"

Lucius runzelte einen Moment die Stirn, dann sagte er: "Um wie viel ist dieser Anzug billiger als der vorherige?"
Draco wich seinem Blick kurz aus, dann sagte er: "Der andere kostet fast das Doppelte."

"Wir nehmen den anderen", entschied Lucius knapp.

Draco warf seinem Vater einen ungeduldigen Blick zu: "Ich möchte nicht, dass du das für mich entscheidest."

"Du hast gesagt, du möchtest nicht, dass ich für dich bezahle, bevor wir hierher kamen. Ich habe dir gesagt, dass ich mir eine...ich betone EINE Sache von dir verbieten lasse, wenn wir gemeinsam einkaufen gehen. Du hast mir nun verboten, die Entscheidung zu treffen, welchen der Anzüge du nimmst, also darf ich wieder für dich bezahlen...und deshalb nehmen wir diesen!", er bedeutete dem Verkäufer den Anzug einzupacken, der Draco wie angegossen gepasst hatte.

"Du wirst es nie begreifen, oder Dad?", fragte Draco und starrte seinen Vater kopfschüttelnd an, der sich wissentlich über seine Wünsche hinweggesetzt hatte.

"Du kannst unmöglich von mir verlangen, dass ich dich beraten soll und dann zusehe, wie du einen Anzug kaufst, der aussieht, als hättest du ihn von deinem zu großen Bruder geerbt."

"Ich wollte deine Meinung, aber ich wollte nicht, dass du für mich bezahlst."

"Gib es mir irgendwann zurück", sagte Lucius und schickte seinem Sohn einen warnenden Blick, der bedeutete, dass die Diskussion beendet war.

Dracos Stimme war jetzt sehr leise und er achtete darauf, dass niemand sie belauschen konnte: "Als Mitarbeiter des Zaubereiministeriums sollte ich mir wohl kaum etwas schenken lassen, das letztendlich mit dem Geld Voldemords bezahlt wurde."

"Es ist nicht SEIN Geld, es ist das meine - das UNSERE, Draco", erwiderte Lucius vor Wut zischend.

"Malfoygeld war schon immer Geld, bei dem, auf die ein oder andere Art, Voldemort seine Hand im Spiel hatte", sagte Draco herausfordernd.

Lucius schwieg. Er schwieg, bis sie das Geschäft verlassen hatten, und - nachdem er dem Verkäufer das Geld für den Anzug in bar ausgezahlt hatte - zum Manor appariert waren.

Dort angekommen, schenkte er sich einen Whisky ein und fixierte Draco eingehend.

Seine Stimme klang schließlich beinahe kraftlos, als er sagte: "Ich begreife nicht, was du von mir willst, Draco. Von dem Augenblick an, als du, nach deinem Kontaktabbruch damals, wieder mit mir in Verbindung getreten bist, lässt du keine Gelegenheit aus, um mir zu sagen, für wie verabscheuungswürdig du mich erachtest. Und dennoch scheint dir etwas daran zu liegen, dass wir uns sehen. Warum?"

Seit all den Jahren hatte Lucius endlich die Frage zu stellen gewagt, die ihn schon lange beschäftigte - und die er ebenso fürchtete auszusprechen, weil er ahnte, dass daraus ein endgültiger Bruch resultieren könnte.

"Weißt du, Dad", sagte Draco und goss sich ebenfalls einen Whisky ein, "die Antwort ist eigentlich einfach, und es ist wohl die gleiche, die erklären würde, aus welchem Grund dir scheinbar immer noch etwas an mir liegt, obwohl ich es dir wohl alles andere als leicht mache", Draco nahm einen Schluck Whiskey und sagte dann mit einem etwas unbeholfenen Lächeln: "Es liegt mir so viel an unserem Kontakt, weil ich dich liebe, Dad."

Es dauerte geraume Zeit, bis diese Worte in Lucius' Geist Eingang fanden. Es war so lange her, dass Draco diese Worte ihm gegenüber benutzt hatte - Draco musste noch ein Kind gewesen sein, als er seinem Vater gegenüber zuletzt solch tiefe Gefühle eingestanden hatte.

Ehe Lucius antworten konnte, fuhr Draco fort: "Du hast mir nie erzählt, was geschehen ist, nachdem ich beim Ministerium meine Stelle angenommen hatte."

"Was soll geschehen sein?"

Draco schickte seinem Vater ein ernstes Lächeln: "Dad, bitte...halte mich nicht für dumm. Ich glaube keine Sekunde lang, dass der Lord dir herzlich gratuliert hat, als klar wurde, dass ich nicht ihm folgen würde, sondern mich auf die Seite des Ministeriums schlage." Draco sah seinen Vater forschend an und schickte hinterher: "Immerhin sah es mal eine Zeitlang wohl so aus, als würde ich mich euch mit Freuden anschließen, bevor ich meine Meinung radikal änderte. Bitte sag es mir, Dad...was ist damals geschehen...mit dir?"

Lucius wollte im ersten Moment eine wegwerfende Geste machen, doch dann entschied er, seinen Sohn nicht zu belügen, denn zum ersten mal seit langer Zeit sprachen sie endlich wieder offen miteinander, und Offenheit und Lüge - auch wenn sie letztendlich zum Schutze des anderen diente - vertrugen sich nicht sonderlich gut miteinander. Und so antwortete er leise: "Er hat mir einige Privilegien entzogen."

"Was für Privilegien, Dad?"

"Das Privileg, mich von einigen Dingen fernzuhalten, die ich nicht durchführen wollte. Das Privileg einiges nicht sehen zu müssen, vor dem ich lieber die Augen verschlossen hatte. Es hatte sich so eingespielt, dass ich mich um die Finanzen kümmerte und ansonsten meine Hände aus den meisten Sachen heraushalten konnte."

"Er hat dich also gezwungen, Dinge zu tun...zur Strafe für mein Abspringen?"

"Er hätte mich vermutlich ohnehin früher oder später wieder mehr einbezogen."

Draco starrte seinen Vater jetzt regelrecht an, dann schluckte er.

"Es tut mir leid, Dad. Ich wollte dir niemals Schaden zufügen, ich wollte nur nicht so werden wie...", er verstummte abrupt.

"Nicht so wie ich", beendete Lucius kraftlos den Satz.

"Es tut mir leid, Dad", wiederholte Draco hilflos.

"Das muss es nicht. Ich habe mein Schicksal schon vor langer Zeit besiegelt, und ich bewundere dich dafür, dass du das deine wenden konntest...dafür hätte ich jeden Preis bezahlt."

"Zwingt er dich immer noch zu diesen Dingen?", fragte Draco so neutral wie möglich.

"Nein, es gibt genug jüngere Leute, die sich hervortun wollen und die diese Aufgaben mit mehr...Elan erfüllen, als ich es jemals konnte."

Einen Moment lang schwiegen beide, jeder in die eigenen Gedanken versunken.

"Draco", sagte Lucius schließlich und wartete, bis sein Sohn ihm seine Aufmerksamkeit schenkte, "nicht unser ganzes Vermögen ist mit Voldemort verstrickt. Wie du weißt, habe ich bereits jede Menge Kapital geerbt. Dieses Geld hat nichts mit den Geschäften zu tun, die ich in den letzten Jahren abgewickelt habe. Ich habe es strickt herausgehalten und was immer du eines Tages tust, wenn das Erbe an dich übergeht, ich möchte, dass du eines bedenkst...ich habe vielleicht einen schrecklichen Fehler gemacht, als ich mich damals dem Lord anschloss...aber ich habe für dieses Geld geblutet und gelitten...ich selbst, Draco...ich weiß nicht, ob es das in deinen Augen letztendlich reiner, oder sogar noch schmutziger und verachtenswerter macht...aber es ist nicht gestohlen, sondern hart erarbeitet...auch wenn dir manche der Quellen aus denen es stammt, nicht gefallen dürften. Aber gestohlen ist es nicht!", wiederholte er dann noch einmal nachdrücklich.

"Ich weiß, Dad...das hatte ich auch nicht vermutet", gab Draco leise zurück.

"Bleibst du zum Essen?", wechselte Lucius das Thema.

Sein Sohn schüttelte bedauernd mit dem Kopf: "Nein. Ich habe heute noch eine Verabredung mit einem Freund."

"Kenne ich ihn?"

"Nein, ich denke nicht. Und eigentlich ist er mehr ein Kollege, als ein Freund, daher sollten wir auch lieber nicht über ihn reden."

Lucius nickte verstehend. Draco legte viel Vorsicht an den Tag, wenn es um seine Arbeit beim Ministerium ging. Er hielt es für besser, seinen Vater sehr weiträumig nicht in Dinge einzuweihen, die für Voldemort auch nur ansatzweise interessant sein könnten und dies war ein Punkt, in dem sich Vater und Sohn uneingeschränkt einig waren.

"Ich denke, ich sollte jetzt aufbrechen...und Dad...danke für den Anzug."

Lucius nickte knapp und begleitete dann seinen Sohn zur Tür. Im Flur kam ihnen Martha entgegen. Die junge Frau trug ihr dunkles Haar zu einem unordentlichen Zopf gebunden und ihren Zauberstab

hatte sie hinter ihr rechtes Ohr geklemmt, während sie mehrere, schwer aussehende Bücher auf ihren Armen balancierte.

Als ihr Blick auf die beiden Männer fiel, huschte ein peinlich berührter Ausdruck über ihr Gesicht.

"Martha", grüßte Draco kalt und ging an ihr vorbei, ohne ihre Erwiderung abzuwarten.

Lucius runzelte kurz die Stirn, nahm Martha den Zauberstab vom Ohr und fragte seufzend: "Warum benutzt du keinen Schwebezauber für die Bücher?"

"Weil sie Professor Snape gehören, und er es mir strikt verboten hat, sie durch die Luft schweben zu lassen."

"Ja, das klingt nach Severus", erwiderte Lucius düster und machte dann eine Geste, die Martha bedeuten sollte, ihren Weg fortzusetzen. "Den bringe ich dir gleich mit", sagte er auf ihren Zauberstab deutend, "so wenig, wie Professor Snape schwebende Bücher mag, so wenig mag ich Zauberstäbe, die wie lästiges Stückgut behandelt werden."

Als Lucius wieder zu Draco aufgeschlossen hatte, fragte sein Sohn: "Wieso hat sie Bücher von Professor Snape? Sie ist doch längst auf der Uni."

"Er hat sie ihr geliehen, damit sie ihre Studien vorantreiben kann."

"Professor Snape verleiht seine Bücher?"

"Einigen wenigen", erwiderte Lucius.

"Dann ist sie wohl gut", Draco hatte es wie eine Frage klingen lassen.

"Ja, das ist sie", sagte Lucius und ahnte, was als nächstes kam.

"Du warst schon immer von ihr beeindruckt."

"Ich glaube nicht, dass ich mich dafür bei dir entschuldigen muss", sagte Lucius verärgert.

"Nein, Dad...das musst du nicht", damit kehrte Draco seinem Vater den Rücken und verließ das Haus.

Als Lucius sein Arbeitszimmer betrat, hatte Martha schon die Bücher in zwei Stapel aufgeteilt. Sie blätterte geschäftig in dem, das auf dem linken Stapel zuoberst lag.

Lucius reichte ihr ihren Zauberstab, den sie gedankenverloren wieder hinter ihr Ohr steckte. Als Lucius sich räusperte, zog sie ihn rasch dort weg und lächelte entschuldigend.

"Diese hier können zurück", sagte sie, als sie auf den rechten Stapel wies, "aber diese hier würde ich gerne noch etwas behalten. Meinst du, er würde sie mir noch etwas länger leihen?"

"Vielleicht wenn ich mit meinem Leben dafür bürge, dass ich sie gesehen habe und sie in gutem Zustand sind, und ich ihm verspreche, dass er sie auch genau so zurückbekommt, obwohl seine offizielle Verleihfrist bereits abgelaufen ist, die ohnehin nur deshalb in Frage kam, weil er sich sicher ist, dass du seiner Bücher würdig bist."

Martha sah ihn belustigt an und fragte dann: "Also fragst du ihn für mich?"

"Ja", erwiderte Lucius diesmal knapp.

"Okay", sagte Martha und blätterte bereits wieder in dem obersten Buch.

"Okay? Ist das alles?", fragte Lucius in gespielter Empörung.

"Nein, natürlich nicht - Danke!", sagte Martha und drehte sich lächelnd zu ihm um.

Lucius schwieg und genoss ihren glücklichen Ausdruck, den er nur zu gerne als 'Bezahlung' annahm, dann sagte er schließlich: "Isst du mit mir und Narcissa zu Abend?"

Marthas Lächeln wich einem bedauernden Ausdruck.

"Ich möchte noch einiges aufarbeiten und dann möchte ich ja auch die Bücher so schnell wie möglich wieder zurückgeben können, deshalb werde ich mich wohl noch heute auf die Arbeit stürzen."

"Du lernst zu viel, Martha. Du hast immerhin Semesterferien - gönn dir auch ein wenig Ruhe, damit du neue Kraft sammeln kannst."

Martha lächelte ihn wiederum an und versuchte seine Sorgen zu vertreiben: "Ich ruhe mich auch aus. Mach dir keine Gedanken, Lucius."

"Was macht deine Mutter heute abend?", fragte er und hoffte, dass Martha es nicht als zu neugierig empfand, dass er sich erkundigte, was seine Köchin nach Dienstschluss tat.

Martha schickte ihm ein nachsichtiges Lächeln und sagte: "Sie und Martin gehen aus. Er möchte sie zum Tanzen überreden. Mama findet es noch zu früh...zum Tanzen", Martha verdrehte vielsagend die Augen, worauf Lucius lachen musste.

"Es ist lange her, dass sie eine Verabredung hatte, oder?"

"Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie je eine hatte", sagte Martha nachdenklich.

"Nun, wie findest du diesen Martin?", fragte Lucius so neutral wie möglich.

"Er ist okay."

"Okay? Ist das alles?", wiederholte Lucius seine Frage von zuvor.

Martha lachte, dann sagte sie: "Er ist nett."

"Gut, das ist ein Anfang", brummte Lucius.

"Ich werde dann mal gehen, in Ordnung?", fragte Martha und Lucius begriff, dass sie immer noch um seine Erlaubnis bat, bevor sie das Zimmer verließ.

"Ja, in Ordnung", erwiderte er daher ernst.

Martha griff sich den Stapel Bücher, den sie noch behalten wollte und er konnte sehen, wie sie den Impuls unterdrückte, den Zauberstab an gewohnter Stelle zu 'parken'. Als sie den Raum verlassen hatte, murmelte Lucius zu sich selbst: "Sie hat das für einen Scherz gehalten, dass ich Severus mit meinem Leben für seine Bücher bürgen muss...bin ich etwa ein Mann, der Scherze macht?" Seine Wände verweigerten vorsichtshalber die Antwort.

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"Draco wollte nicht zum Essen bleiben?", erkundigte sich Narcissa und Lucius merkte ihr an, wie enttäuscht sie darüber war.

"Er wollte sich heute Abend noch mit einem Kollegen treffen und lässt sich entschuldigen.

Narcissa nickte und er konnte ihr ansehen, dass sie ein Seufzen unterdrückte.

Das Geräusch eines Schnabels, der gegen ein Fenster klopfte, erklang plötzlich.

Lucius stand auf und öffnete, damit die Eule durchs Fenster in den Raum gelangen konnte. Ohne zu zögern streckte das Tier sein Bein aus und ließ sich die Botschaft vom Fuß nehmen. Lucius entrollte das Papier, während er zum Tisch ging und ein Stück Brot der Eule vor die Füße warf. Sofort fiel der Vogel über das Futter her, griff es schließlich mit dem Schnabel und verließ das Zimmer eilig, bevor Lucius das Fenster wieder schloss. Während all dieser Zeit waren seine Augen über die Zeilen des Briefes gehuscht.

Als er sich wieder an den Tisch setzte steckte er die Botschaft scheinbar achtlos in die Tasche seines Gehrocks.

"Etwas Wichtiges?", fragte Narcissa zurückhaltend. Lucius brummte etwas, dann räusperte er sich. "Nein...ich habe einige Erkundigungen über Martin Durham eingeholt."

Narcissa schien nicht überrascht, sondern fragte lediglich: "Und, ist alles in Ordnung?"

"Ja, das ist es. Er ist Zauberer. Reinblütig. Er hat seit Jahren die gleiche Arbeitsstelle und ist seit drei Jahren verwitwet."

"Und er trägt Theresa auf Händen", fügte Narcissa lächelnd hinzu.

"Wenn sie zu ihm zieht, werden wir wohl eine neue Köchin suchen müssen", sagte Lucius düster.

"Soweit sind die beiden noch nicht, Lucius. Außerdem, wer sagt dir, dass sie ihre Stellung bei uns nicht trotzdem behalten möchte?"

"Ich weiß nicht...ist nur so ein Gefühl", antwortete er vage. In seinen Gedanken wirbelte dunkel ein Gespräch an die Oberfläche, bei dem sie ihm erzählt hatte, dass sie nur wegen Martha auf Malfoy Manor wohnte - dass es niemals ihr eigener Wunsch gewesen war und stets hatte er im Hinterkopf behalten, dass sie eines Tages gehen würde, wenn Martha den Schutz von Malfoy Manor nicht mehr benötigen würde - nur dass Martha diesen Schutz schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr benötigte, und Theresa dennoch geblieben war, ließ jetzt die Hoffnung in ihm wachsen, dass Theresa ihre Stellung vielleicht tatsächlich nicht aufgeben würde.

Als sie das Essen beendet hatten, sagte Lucius: "Ich möchte noch nach Odin sehen. Er hat heute morgen vom Tier-Medi-Magier eine Mixtur verabreicht bekommen, die seinen Husten lindern sollte. Ich möchte gerne sehen, ob das Zeug sein Geld wert war."

Narcissa nickte und schenkte Lucius ein Lächeln. Es war offensichtlich, dass der Wallach nicht wieder genesen würde, doch die Hoffnung, dass das Pferd zumindest nicht leiden musste, veranlasste sie immer wieder dazu, den Tier-Medi-Magier nach Odin sehen zu lassen.

Lucius legte sich einen Mantel um und verließ das Haus. Er hatte keine Eile, denn die Nacht war sternenklar und der Mond ließ die Dunkelheit ein Stück weit weichen.

Als er zum Stall kam, stutzte er. Er vernahm ein Geräusch, das absolut nicht nach einem hustenden Pferd klang, sondern nach menschlichen Stimmen. Während er die Tür öffnete, erkannte er Marthas Stimme, die flehentliche Worte ausstieß. "Nein, nicht...nicht! Lass mich!"

Zuerst glaubte er, dass sie im Stall eingeschlafen sein müsse, den sie immer noch aufsuchte, um sich manchmal die Zeit zu vertreiben, und nun unter einem Albtraum litt. Doch dann erkannte er, dass sie von einem anderen Körper begraben wurde, der sie niederdrückte und obwohl sie ihn anflehte aufzuhören, war der Mann im Begriff, sich die Hose herunter zu ziehen.

Mit einem Satz war Lucius über dem Kerl, riss ihn mit einem Aufschrei von Martha und schleuderte ihn gegen die Stallwand. Die Pferde wurden unruhig und wieherten nervös, während Martha versuchte auf die Beine zu kommen und ihr Kleid zusammenhielt, das vorne komplett aufgeknöpft war. Lucius holte gerade zum Schlag aus, als Martha eine Kerze entflammte und er das Gesicht des Mannes erkannte, der Martha überfallen hatte. Die junge Frau rief: "Nein, Lucius! Lass ihn in Ruhe!", während der Unhold atemlos: "Vater - nicht", ausstieß. Im letzten Moment konnte Lucius seine Faust ablenken und schlug gegen das Holz der Stallwand, die unter der Wucht erzitterte.

"Verdammt! Was hat das zu bedeuten!?", brüllte Lucius und packte seinen Sohn am Kragen, während er sich zu Martha umwandte um zu sehen, ob es ihr gut ging. Sofort wandte er den Blick ab, als er ihre Brüste sah, die im Kerzenschein perfekt verführerisch glänzten und die das offene Kleid nicht zu verdecken vermochte.

"Es war nur ein Spiel, Lucius. Draco und ich sind...wir sind...Draco?", stieß Martha schließlich hilfesuchend hervor.

"Wir sind ein Paar, Dad", sagte Draco kurzatmig, weil Lucius ihn immer noch am Kragen gepackt hielt.

"Ein Spiel?", echote der Blonde fragend in Marthas Richtung gewandt, jedoch darauf bedacht, an ihr vorbeizusehen.

"Ja - ein Spiel. Es war dumm, es tut mir Leid, dass du glauben musstest, es wäre ernst...es ist nur...", erneut verstummte Martha.

"Es ist nur eine Phantasie, Dad. Ich habe nichts gegen ihren Willen getan."

Langsam begriff Lucius und ließ seinen Sohn aus dem eisernen Griff.

Er strich sich durchs Haar und schüttelte den Kopf. "Ihr seid ein Paar? Aber eben im Haus seid ihr doch noch aneinander vorbei gegangen, als könntet ihr noch nicht einmal den Anblick des anderen ertragen", sagte er dumpf.

"Wir wollten es noch nicht offenbaren", sagte Draco und sah seinem Vater direkt in die Augen, "wir wollten dieses Geheimnis so lange wie möglich auskosten. Martha hat recht, es war vielleicht dumm, aber...Dad...ich glaube, du verstehst es...oder täusche ich mich da?"

Lucius sah seinen Sohn forschend an und begriff, dass es jetzt an der Zeit war, einzusehen, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fiel. Er selbst und Narcissa hatten stets Spiele gespielt und sich ihre gemeinsamen Geheimnisse geschaffen, um ihre Liebe so jung zu halten, wie sie bis heute war. Mit Sicherheit war es Draco nicht entgangen, dass seine Eltern bis heute ein reges sexuelles Interesse aneinander hatten und nun berief er sich auf eben diese Tatsache.

Lucius nickte kaum merklich und sagte: "Ich verstehe...und dennoch...seit wann läuft das zwischen euch?"

Martha hatte inzwischen ihr Kleid geschlossen und versuchte gerade das Heu aus ihren Haaren zu fischen, als sie sagte: "Wir sind schon seit gut einem Jahr ein Paar. Es tut mir wirklich Leid, Lucius. Ich...weiß, dass ich...ich bin nicht die richtige in deinen Augen für Draco, das ist mir schon klar. Ich habe ihn gebeten, aus diesen Grunde nichts zu sagen."

Lucius wiederholte ihre Worte bekräftigend "Nicht die richtige...nein."

Martha nickte verstehend und senkte den Kopf: "Die Tochter einer Dienstbotin ist wohl kaum die Frau, die du dir für deinen Sohn gewünscht hast."

Sofort fiel Draco ein, bevor sein Vater antworten konnte: "Ich liebe Martha. Ich habe vor, sie zu heiraten, Dad. Du selbst hast einmal gesagt, dass die Liebe mich eines Tages dazu bringen würde, meine Meinung zu revidieren, und dass ich ohne sie nicht mehr werde leben wollen. Martha ist diese Liebe, und ich möchte nicht mehr ohne sie leben."

Lucius hörte die flammenden Liebeserklärungen seines Sohnes und spürte förmlich, wie dieser ihn mit seinen eigenen Waffen schlug. Das machte ihn aus einem unerklärlichen Grund zornig.

"Und du hältst den Stall für den passenden Ort, für ein Liebesspiel?", herrschte Lucius seinen Sohn an.

"Nun...ich wollte nicht, dass Martha heimlich disapparieren muss...und ja...ich halte es für einen guten Ort."

"Wir beide hielten es für einen guten Ort", warf Martha ein, während ihre Wangen sich sichtbar röteten.

Lucius dachte an all die Stunden, die er früher hier mit Narcissa im Heu verbracht hatte, und sein Zorn verflog so schnell, wie er gekommen war, dennoch klang seine Stimme streng.

"Draco, dieses Versteckspiel hat von nun an ein Ende. Ich möchte, dass du deiner Mutter selbst von dieser Verbindung erzählst, und zwar umgehend!"

Lucius wandte sich nun zu Martha und sah sie einen Moment schweigend an. Wie sehr hatte sie sich verändert, seit er sie zum ersten mal hier im Stall erwischt hatte. Auch jetzt blickte sie ihn beinahe ängstlich an, doch aus dem Kind war eindeutig eine Frau geworden, und es wunderte ihn nicht, dass Draco sein Herz an sie verloren hatte.

"Martha, ich möchte, dass du deine Mutter ebenfalls informierst. Ich...wir müssen sehen, wie wir diese Sache regeln."

"Ich werde es ihr sagen, Lucius...aber...auch wenn ich weiß, dass die Verbindung nicht deine Zustimmung finden kann...ich liebe Draco...ich wollte nur, dass du das weißt", damit ging sie an ihm vorbei und für einen Moment schoben sich die Hände der Liebenden ineinander, bevor sie einander wieder freigaben, um Lucius Anweisungen Folge zu leisten.

Als Draco ebenfalls den Stall verlassen wollte, hielt Lucius ihn auf.

"Dad, du hast kein Recht, dich in unsere Beziehung einzumischen", sagte Draco, nachdem sein Vater ihn nur ansah und offensichtlich nicht über die Lippen brachte, was auch immer er ihm hatte sagen wollen.

Schließlich schüttelte Lucius den Kopf und sagte: "Geh jetzt zu deiner Mutter."

Zögerlich verließ Draco den Stall, und ließ seinen Vater zurück, von dessen innerem Kampf er zwar wusste, ihn jedoch nicht vollständig einordnen konnte.

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"Du hast die Beiden im Stall erwischt?", fragte Narcissa und strich zärtlich durch Lucius' Haar.

Er knurrte bejahend.

Lucius lag auf dem Rücken, lang ausgestreckt, die Füße an den Knöcheln locker gekreuzt und blickte scheinbar gedankenverloren auf seine krummen Zehen, die durch einen Unfall in seiner Kindheit mehrfach gebrochen gewesen waren und von seinem Vater, der den Unfall dadurch verschuldet hatte, dass er seinem Sohn einen heißen Kessel zum Tragen gegeben hatte, mehr schlecht als recht auf die Schnelle geheilt worden waren. Abraxas Malfoy hatte nicht an die große Glocke hängen wollen, dass Lucius sich durch seine Schuld zuerst die Finger verbrannt, und schließlich den schweren Kessel auf seine eigenen Füße hatte fallen lassen, weil er ihn nicht länger hatte tragen können.

Natürlich hatte Abraxas seinen kleinen Sohn später bei einem Medimagier vorgestellt, doch waren die Brüche zu diesem Zeitpunkt schon durch unfachmännische Medi-Sprüche so schlecht verheilt, dass die einzige Option ein neuerliches Brechen sämtlicher Zehen gewesen wäre, und so kam es, dass der erwachsene Lucius Malfoy noch heute mit einer Mischung aus kindlicher Wut und Scham, aber inzwischen auch mit einer gewissen Portion Ergebenheit, auf seine Zehen blickte, von denen er, Narcissa gegenüber nur ein einziges mal leise behauptetet hatte, es seien die krummsten der ganzen Zaubererwelt und sie hätte unmöglich einen Mann mit hässlicheren Füßen heiraten können, als ihn.

Narcissa wusste um seine zwiespältigen Gefühle, um diesen wunden Punkt ihres sonst nahezu makellosen Gatten und es erfüllte sie mit tiefer Liebe, dass er schon lange nicht mehr versuchte, seine Zehen vor ihr zu verbergen, wie er es eine Zeitlang scheinbar zufällig getan hatte, indem er sie im Bett stets unter der Decke vergrub, die am Fußende lag.

"Das muss ein ganz schöner Schreck für die Beiden gewesen sein, als du da auf einmal aufgetaucht bist", sagte Narcissa.

"Für die Beiden? Für MICH war es ein Schreck", betonte er grummelig.

"Und in deinem Schrecken hättest du fast unseren Sohn niedergeschlagen", neckte Narcissa ihn.

"Das hat er dir erzählt?"

"Er hat mir auch erzählt, dass du glauben musstest, durchaus einen Grund dafür zu haben."

"Ich wurde eines Besseren belehrt", knirschte der Blonde und wackelte selbstironisch mit den Zehen.

Narcissa beugte sich zu ihrem Mann hinab und küsste ihn auf die Stirn. Dann sagte sie leise: "Draco sagte, dass Martha glaubt, dass du die Verbindung nicht gutheißt. Sie macht sich Gedanken wegen ihrer Herkunft als Tochter einer Dienstbotin."

Einen Moment lang schwieg Lucius, dann sagte er: "Ich heiße die Beziehung in der Tat nicht gut - und du weißt, dass es nicht daran liegt, dass Martha die Tochter unserer Köchin ist."

Narcissa erhob sich etwas und sah ihrem Mann in die Augen.

"Du machst dir Gedanken, weil sie nicht reinblütig ist, nicht wahr?"

Er nickte bestätigend. "Draco muss es erfahren."

"Warum, Lucius? Glaubst du, es macht für ihn einen Unterschied? Sag es ihm, wenn du möchtest...aber du weißt dass er sie dennoch lieben wird...und ich möchte dich warnen...er wird es dir mehr als übel nehmen, wenn du ihre Abstammung als Grund ansiehst, warum er sie nicht lieben sollte. Du selbst hast sie immer geliebt, obwohl du wusstest, dass sie nicht reinblütig ist. Warum ist das in diesem Fall ein Problem für dich?"

Er erhob sich ebenfalls und funkelte Narcissa zornig an: "Du weißt verdammt genau, warum das jetzt einen Unterschied für mich macht! Er hat vor, sie zu heiraten!"

"Und dann würde sich unreines Blut in die Familie Malfoy mischen...ein Kind der Beiden würde die über Generationen bewahrte Reinheit besudeln, Lucius...ist es das?", fragte Narcissa herausfordernd.

"Ja!", schrie er, "JA! Wolltest du das hören? Genau das ist der Grund!"

"Niemand wüsste es, Lucius. Du selbst hast dafür gesorgt, dass es nie jemand erfährt, nicht einmal die Beiden selbst würden es je erfahren. Unser Stammbaum wäre so tadellos wie eh und je."

"Aber ICH wüsste es!", fuhr er sie an.

"Und das kannst du nicht zulassen. Du kannst es nicht zulassen, dass dein Sohn und das Mädchen, das du wie eine Tochter liebst, glücklich werden, weil es gegen deine Prinzipien verstoßen würde. Dann erklär es ihnen, Lucius! Du wirst sie beide verlieren, aber du hältst dich an den Malfoy-Kodex, wenn du ihnen reinen Wein einschenkst. Eine Entscheidung, die nur du treffen kannst."

Narcissa sah ihn ruhig aber eindringlich an.

"Ich habe noch zu Arbeiten", sagte Lucius plötzlich und verließ das Schlafzimmer so voller innerem Ärger und Aufruhr, wie er ihn lange nicht empfunden hatte.

Erst als er auf dem Flur stand, fiel ihm auf, dass er barfüßig und nur mit seinem Schlafanzug bekleidet war, doch Narcissa nach diesem unrühmlichen Abgang so schnell wieder unter die Augen zu treten, um vom Schlafzimmer aus ins Ankleidezimmer zu gelangen, war undenkbar. Und so machte er sich auf den Weg ins Bad, um sich wenigstens einen Morgenmantel überzuziehen, der dort am Haken hing und in ein Paar Badeschuhe zu schlüpfen, die er normalerweise niemals trug.

Auf dem Weg in sein Arbeitszimmer nahm er die Stimmen von Martha und Theresa wahr, die offensichtlich miteinander stritten. Er hörte die aufgeregte Stimme seiner Köchin und Martha, die eindeutig weinte und schluchzte. Lucius vergrub einen Moment lang das Gesicht in seinen Händen und atmete tief durch, als er die Hände wieder herunter nahm, lag eine tiefe Entschlossenheit in seinem Blick. Er betrat sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich, dann nahm er seinen Zauberstab vom Schreibtisch und versah den Raum mit einem Schallzauber, der die Stimmen von draußen fernhalten sollte. Dann setzte er sich über mehrere Aktenordner Dokumente, die sich mit den Statistiken der Umsatzzahlen und Kostenaufwendungen seit Bestehens von Mayer&Sons beschäftigten, damit ersichtlich wurde, ob eine Übernahme und Weiterführung des zum Kauf stehenden, finanziell kränkelnden Familienkonzerns lohnend sei, oder ob es besser wäre, die Firma nach einem eventuellen Erwerb in einzelne Bestandteile zu zerlegen, um sie gewinnbringend weiterzuverkaufen.

Lucius wusste, dass es dem Lord in diesem Falle weniger um einen ertragreichen Gewinn ging, als vielmehr um die Zerschlagung einer Firma, die immer wieder Projekte gefördert hatte, die ihm ein Dorn im Auge gewesen waren und die seinen Widersachern neues Kapital in ihrem Kampf gegen den Lord eingebracht hatten. Diese Übernahme war ein Racheakt, den Lucius mit Zahlen zu einem sinnvollen Geschäft küren sollte.

Als die Dämmerung einsetzte, verschwammen die Ziffern vor seinen Augen und er bemerkte, dass er in der letzten Stunde die gleiche Seite bereits dreimal bearbeitet hatte. Nur für einen Moment wollte er die Augen schließen, den Kopf nur ganz kurz auf den Dokumenten ruhen lassen - nur für einen Augenblick...

Lucius wurde von einem aufdringlichen Sonnenstrahl geweckt, der dem Träumenden derartig kraftvoll ins Gesicht geschienen hatte, dass dieser nach öffnen der Augen zuerst nur tanzende rote Flecken ausmachen konnte. Dementsprechend orientierungslos war der blonde Mann im ersten Moment.

Als er begriff, dass er tatsächlich über den Unterlagen eingeschlafen war, rieb er sich den schmerzenden Nacken und kam zu dem Schluss, dass er eindeutig zu alt für solche unkonventionellen Schlafgelegenheiten war.

Im Haus war es seltsam ruhig. Und dann erinnerte er sich an den Zauber, mit dem er die Welt da draußen ausgeschlossen hatte. Vielleicht ein Fehler, denn sonst hätte ihn bestimmt das ein oder andere Geräusch früher geweckt, und ihm wäre ein steifer Nacken erspart geblieben, den er nun mit der rechten Hand zu massieren versuchte. Er strafte den Ordner, der ein so gänzlich unbequemes Kissen abgegeben hatte, mit einem bösen Blick, zog den Morgenmantel enger und begab sich zur Tür. Als er sie öffnete, machte er einen erschreckten Schritt zurück, da Theresa unvermittelt mit erhobener Faust vor ihm stand und zum Schlag ausholte.

Sofort ließ die Köchin die Hand sinken und stammelte: "Verzeiht, Herr, ich klopfte bereits mehrfach an Eure Tür und begann mir Sorgen um Euch zu machen, da Eure Gattin sagte, ich würde Euch hier finden, doch als keine Antwort kam, fragte ich mich, ob mein Anklopfen vielleicht zu zaghaft gewesen war und wollte es erneut etwas kräftiger probieren."

Er räusperte sich und bemerkte, dass Theresa über den Gedanken erbleichte, ihren Herrn um ein Haar geschlagen zu haben. Überhaupt wirkte sie sehr verstört und ihm wurde klar, dass seine Garderobe ihren Teil dazu beitrug, und nun senkte sie den Kopf auch noch beschämt, was dazu führte, dass sie auf seine Hausschuhe sah, die seine Zehen ungeschützt ihrem Blick preisgaben. Einen Moment lang war er versucht, ihr die Tür wieder vor der Nase zuzuschlagen, doch dann entschied er sich für einen undurchdringlichen Blick, als er ihren überraschten sah.

"Was wolltest du von mir?", fragte er kalt.

Theresa biss sich auf die Lippe und nun erkannte man zweifellos, wessen Schoß Martha entsprungen war.

"Ich wollte Euch um eine Unterredung bitten", sagte sie knapp.

"Nun", sagte er zögerlich, "das wird sicher noch etwas Zeit haben."

Sie nickte sofort und wollte sich schon abwenden, als Martha im Flur auftauchte und auf sie zukam, wobei sie ihre Mutter eindeutig zornig fixierte.

"Lucius, ich muss dringend mit dir sprechen", sagte sie, bevor Theresa sie maßregeln konnte. Mit flehentlichem Blick betrachtete die junge Frau ihn, offenbar nicht einmal bemerkend, dass seine Garderobe für eine Unterredung höchst unpassend war.

Statt dessen wandte sich nun Theresa erneut an ihn und sagte in einer eigenartig klingenden Mischung aus Unterwürfigkeit und Beharrlichkeit: "Ich würde es doch vorziehen, sofort mit Euch zu sprechen, Herr."

"Lucius, bitte!", drängte Martha.

"Schluss jetzt!", sagte er entschieden und fügte dann an Martha gerichtet an: "Deine Mutter bat mich zuerst um ein Gespräch", damit machte er eine Geste, die Theresa bedeuten sollte, sein Arbeitszimmer zu betreten.

Diese betrat den Raum zielstrebig, um dann unentschlossen im Raum zu stehen, während er die Tür unter Marthas enttäuschtem Blick verschloss.

Lucius konnte förmlich spüren, wie nervös Theresa war und er ärgerte sich über so viel Wirrnis am frühen Tage.

Ohne ihr einen Sitzplatz anzubieten, begab er sich hinter seinen Schreibtisch und legte die Akten in einen Schrank, den er verschloss, bevor er sich auf seinem Stuhl niederließ.

"Was ist denn so unendlich dringlich, dass du mir nicht einmal die Möglichkeit gibst, mich vorher anzukleiden?"

"Verzeiht, Herr", stieß sie hervor.

"Ja, ja...ich verzeihe...sprich!"

Theresa holte tief Luft. "Ich habe ihr verboten, diese Beziehung aufrecht zu erhalten, aber sie hört nicht auf mich. Sie möchte mit Euch sprechen und dafür sorgen, dass ich mich aus ihren Angelegenheiten heraus halte. Herr, sie begreift nicht...KANN nicht begreifen, warum sie Euren Sohn niemals heiraten kann. Heiraten...es ist absurd, aber sie sagt, dass sie vor Liebe weder ein noch aus weiß. Darum möchte ich Euch um etwas bitten."

Lucius hatte geradezu vor Augen, wie Martha um ihre Liebe zu Draco kämpfte. Wenn sie es mit der gleichen Kraft und Ausdauer tat, die sie beim Lernen an den Tag legte, dann würde nichts und niemand sie so schnell aufhalten können. Den gleichen Gedanken hatte wohl auch Theresa gehabt, denn sie fügte nun an: "Nehmt ihr die Erinnerung an ihre Liebe zu Eurem Sohn, Herr."

Es war, als hätte jemand in Lucius' Magen geschlagen, als Theresa ihre Bitte aussprach. Ein dumpfes Gefühl, das sich zu einem unterschwelligen Schmerz ausbreitete, der dafür sorgte, dass man das Verlangen hatte, sich auf der Stelle zu übergeben.

"Warum sollte ich das tun?", fragte er matt.

Theresa rang die Hände. "Weil das Geheimnis unserer Familie eine Verbindung zwischen den Beiden unmöglich macht. Martha hat, soweit es mir bekannt ist, niemals darüber nachgedacht, ob es einen Unterschied machen würde, wenn sie nicht reinblütig wäre...sie hielt sich seit jenem Tag stets dafür, doch sie sah es nie als Vorteil, den sie für erwähnenswert gehalten hätte. Wenn sie nun erfahren würde, dass sie von gemischtem Blute abstammt, dann würde sie sich jedoch selbst hassen...nicht, weil sie es als Schande empfinden würde, nicht reinblütig zu sein, sondern weil sie wüsste, dass dies zu der Unmöglichkeit ihrer Beziehung mit Eurem Sohn führt. Daher möchte ich Euch bitten, ihr die Erinnerung an ihre Liebe zu Master Malfoy Junior zu nehmen, und ihr damit den inneren Frieden wiederzugeben."

Theresa machte eine kleine Pause, dann sagte sie: "Herr, Martha ist wie von Sinnen. Ich habe sie zuvor niemals so erlebt. Wenn Euch etwas an ihr liegt, dann befreit sie von dem, was sie niemals wird haben können, damit sie nicht weiter leiden muss. Befreit sie von dieser Liebe ohne Zukunft."

"Das kann ich nicht", erwiderte Lucius, bevor er selbst wirklich über seine Antwort nachgedacht hatte.

"Aber ich habe doch gesehen, dass Ihr die Fähigkeit dazu besitzt. Bitte, Sir...in all den Jahren habe ich Euch nie um etwas gebeten...aber nun bitte ich Euch, tut es, um Martha den Schmerz der bevorstehenden Trennung zu nehmen."

"Mein Sohn liebt deine Tochter...soll ich ihm etwa auch die Erinnerung nehmen? Ich habe Martha damals das Wissen um ihre Herkunft genommen, weil es sonst uns alle hätte in Gefahr bringen können. Ich kann verstehen, dass du sie vor Leid bewahren möchtest, aber in diesem Falle habe ich einfach kein Recht dazu...versteh doch, Theresa."

Die Köchin sah ihren Herrn hilflos an, dann sagte sie leise: "Ich hoffte, ihr den Kummer ersparen zu können, aber Ihr habt Recht...Euer Sohn wird ebenso leiden. Ich bedaure es auch für ihn...und ich bitte Euch, mir zu vergeben, dass es überhaupt soweit kam."

"Dir vergeben?", fragte Lucius, "was hätte ich dir zu vergeben?"

Theresa senkte den Kopf: "Dass ich nicht in der Lage war, meiner Tochter zu vermitteln, dass sie trotz allem nicht auf einer Stufe mit Eurer Familie steht. Sie weiß es zwar, aber sie kann es oftmals wohl nicht so fühlen, weil die Verbindung zu Euch zu stark war. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gewesen, ihr klarzumachen, dass Eure Zuneigung zu ihr, etwas so Kostbares ist, dass sie nicht damit rechnen darf, sie auf alle Zeit uneingeschränkt zu besitzen. Es wird Zeit für sie, sich in der Welt einzufinden, die die ihre ist."

"Meine Zuneigung ist ungebrochen - zu ihr...und die zu dir ebenso, Theresa. Ich kann dir deinen Wunsch dennoch nicht erfüllen, denn es wäre ein Unrecht, das Martha nicht verdient hat."

"Eine Liebe zu verlieren und darunter zu leiden, hat ebenfalls wohl niemand verdient", sagte Theresa matt, und Lucius wurde klar, dass sie in diesem Moment an ihren Mann dachte, der inzwischen bereits so lange verstorben war - und doch konnte auch ihre neue Liebe, Martin, nichts daran ändern, dass Theresas Herz auf Ewig dem Vater von Martha gehören würde.

"Ich danke Euch, Herr, dass Ihr mich angehört habt", sagte die Köchin und wandte sich zum Gehen. Lucius atmete tief bei dem Gedanken durch, dass Martha noch vor seiner Tür lauern würde, und ebenfalls auf ein Gespräch mit ihm brannte

Als Theresa das Zimmer verlassen hatte, dauerte es auch keine fünf Sekunden, bis es erneut klopfte. Lucius seufzte auf, dann gab er die Erlaubnis, einzutreten.

Martha sah verweint aus. Kaum stand sie ihm gegenüber, stieß sie erstickt hervor: "Mutter verlangt, dass ich meine Beziehung zu Draco sofort abbreche. Verlangst du das ebenso? Mit welchem Recht, Lucius?"

Er wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie ihm ins Wort fiel: "Es mag ja sein, dass ich die Tochter einer Dienstbotin bin. Aber was ist daran so schlimm? Macht mich das wirklich schlechter, als ein Mädchen aus einer angesehenen Familie? Meine Mutter ist gewissenhaft, pünktlich, zuverlässig, stets freundlich, zurückhaltend und fleißig..."

"Martha", fiel er ihr nun entschieden ins Wort, "du redest, als ginge es darum, dass ich deine Mutter einstellen soll...ich KENNE deine Mutter...und ich schätze sie außerordentlich."

"Und nur weil sie für dich arbeitet, darf ich Draco nicht lieben?"

"Es ist komplizierter."

Martha schüttelte den Kopf: "Dann erklär es mir!", forderte sie entschieden.

Lucius machte eine unwirsche Geste, und bot ihr damit einen Stuhl an. Die junge Frau setzte sich, beugte sich jedoch fordernd vor, so dass klar war, dass sie immer noch ungeduldig auf seine Antwort wartete.

"Martha, ich habe nicht vor, dir irgendetwas zu erklären", sagte er ruhig, "ich möchte, dass diese Beziehung sofort beendet wird, und das ist keine Bitte!"

Sie schien einen Moment lang wie betäubt, dass er tatsächlich ausgesprochen hatte, was sie schon so lange Zeit befürchtete.

Ihre Kiefer mahlten aufeinander, um die Tränen zurückzuhalten, die in ihren Augen brannten.

"Dann war alles nur geheuchelt - all die Jahre lang, hast du mir etwas vorgemacht. Und damit meine ich nicht nur meinen Stellenwert in deinem Leben...ich meine das, was du mir stets vorgelebt hast...wenn man dich ansieht, wenn man sieht, wie du handelst, dann glaubt man, dass Liebe das Wichtigste in deinem Leben sei. Es sieht so aus, als würdest du an ihr all dein Handeln orientieren. Die Menschen, außerhalb deines Hauses sprechen nicht gut von dir, Lucius...aber ich wusste es immer besser. Ich glaubte, es immer besser zu wissen."

Er schloss für einen Moment die Augen, aber er schwieg. Als er sie wieder öffnete, verließ Martha gerade sein Zimmer - zum ersten mal, seit er sich erinnern konnte, ging sie, ohne ihn zuvor um Erlaubnis zu bitten.

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Den Tag hatte Lucius, nachdem er sich angekleidet hatte, von bleierner Müdigkeit umwölkt, in seinem Arbeitszimmer verbracht, ohne auch nur noch ein einziges mal in die Akten zu sehen, die seine Aufmerksamkeit über Gebühr strapaziert hätten. Es gab anderes, über das es nachzudenken galt.

Gegen Nachmittag hatte Narcissa ihm einen Besuch abgestattet und schweigend seine Schultern massiert, als könne sie selbst spüren, wie verkrampft er war. Er hatte ihre Berührungen genossen, als sie jedoch zu erzählen begann, dass Draco einen Brief für ihn abgegeben hätte, schmerzte plötzlich sein ganzer Körper und er ertrug die Massage keine Sekunde länger. Narcissa hatte ihm den Brief auf den Schreibtisch gelegt, und dann auf Lucius' Bitte hin sein Arbeitszimmer wieder verlassen.

Nun saß der blonde Mann da und hielt den Brief in den Händen, aus dessen jeder einzelnen Zeile ihn die Enttäuschung ansprang, die Draco ihm gegenüber empfand.

Lucius legte den Brief auf seinen Schreibtisch und erhob sich. Er trat zum Kamin und blickte in die Flammen. Dann stellte er über das Feuer die Verbindung her, von der er sich den nötigen Rückhalt für sein Handeln erhoffte. "Severus...hast du Zeit? Ich brauche jemanden, der meine neue Whiskylieferung zu würdigen weiß...und vielleicht jemandem zum Reden."

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"Du siehst furchtbar aus", sagte Severus, als er seinen Umhang ablegte. Lucius hatte den Gast in der Bibliothek empfangen und lächelte nun müde über diese ersten Worte seines Freundes.

Schweigend überreichte er Severus ein Glas Whisky, das auffällig hoch gefüllt war.

"Wie viel muss ich trinken, bevor du mit der Sprache rausrückst? Wenn du Wert darauf legst, dass ich hinterher möglichst wenig von dem weiß, was du mir erzählen möchtest, dann könnte ich mich bemühen, und das Glas auf Ex leeren", bot der Tränkemeister ironisch an.

Lucius stieß ein freudloses Schnauben hervor und erwiderte: "Nein, trink in Ruhe. Ich kann damit leben, dass du bei klarem Verstand bist, wenn du erfährst, was für ein Versager ich als Vater bin."

"Und dazu leistest du ausgerechnet bei mir Abbitte? Ich habe wohl kaum die besseren Qualitäten als Vater vorzuweisen", sagte Severus und schickte ein trockenes Lachen hinterher.

"Weißt du, ich wollte immer eine ganze Horde Kinder haben...und kann doch schon dem einen nicht gerecht werden."

"Ist das ein Kriterium für gute Vaterschaft, dem Kind gerecht werden zu müssen?", fragte Severus und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

"Nun, zumindest sollte man sein Kind nicht abgrundtief enttäuschen, oder?"

"Das kommt auf die Situation an, würde ich sagen. Wenn du übrigens weiter mit mir Ratespiele spielen möchtest, sollte ich wohl besser völlig auf Alkohol verzichten, bevor ich deinen kryptischen Andeutungen gar nicht mehr folgen kann, oder?"

Lucius nickte verstehend und bot Severus einen Platz vor dem Kamin an, bevor er sich selbst setzte.

"Draco liebt Martha...und Martha liebt Draco", sagte er dann düster. Einen Moment lang herrschte Schweigen, während der Tränkemeister diese knapp formulierte Nachricht aufnahm, hinter der doch so viel mehr steckte.

"Oh...ich glaube ich verstehe...die Vergangenheit holt dich ein", erwiderte Severus und trank nun einen großen Schluck, womit er diese Neuigkeit scheinbar hinunterspülte, um sie besser verdauen zu können.

"Ich hätte damals nicht gedacht, dass die Änderung ihres Stammbaumes einmal mir selbst zur Falle werden könnte", sagte Lucius und drehte sein eigenes Glas in den Händen, ohne daraus zu trinken. Dann erzählte er dem Freund in Ruhe, was sich ereignet hatte.

"Also hast du diese Verbindung untersagt, damit dürfte sich das Problem eigentlich erledigt haben", sagte Severus lauernd, als Lucius geendet hatte.

Der Blonde lachte ironisch: "Sie werden sich einen Dreck darum scheren."

"Wenn du das weißt, warum hast du es dann verboten?"

"Damit nicht Offizielles daraus werden kann...jedenfalls nicht, wenn Draco nicht Gefahr laufen will, sein gesamtes Erbe zu verlieren."

"Woran ihm ohnehin nicht viel liegt, wie du weißt. Er sagte dir doch so etwas in der Art wie, er will nicht dein Geld, sondern deine Liebe, und nun steckt ihr in einer solchen Situation. Ich bewundere dich, Lucius."

Der Blonde sah seinen Freund irritiert an und wartete auf den Spott, der dieser Bemerkung folgen musste. Als er ausblieb, wagte er einen Vorstoß.

"Wofür bewunderst du mich? Für mein Talent, konsequent die Dinge in meinem Leben zu zerstören, die mir wichtig sind?"

"Nein, dafür, dass du nicht davor zurückschreckst dich selbst zu hinterfragen und dich zu zerfleischen, obwohl du niemandem Rechenschaft schuldig bist. Sieh dich an, Lucius", Severus machte eine umfassende Geste, "das alles hier ist dein. Du schwimmst im Geld. Du hast Ansehen bei Leuten, die wichtig sind. Die Leute die es nicht sind, fürchten dich, was dir Macht über sie verleiht. Du hast eine wundervolle Frau, von der andere Männer nicht einmal zu träumen wagen. Dein Aussehen könnte übler sein. Und dann hast du da noch diesen Sohn, der es geschafft hat, sich trotz deiner fragwürdigen Geschäfte und deines berüchtigten Malfoygeldes ein eigenes Leben aufzubauen, auf das du uneingeschränkt stolz sein kannst...und er liebt das Mädchen, das du selbst so sehr ins Herz geschlossen hast, dass du sogar bereit warst, mich um Hilfe zu bitten - was dir sicherlich enorm gegen den Strich gegangen ist - um sie zu schützen."

"Ich habe dich gerne um Hilfe gebeten", warf Lucius ein.

"Und willst du mich jetzt wieder um Hilfe bitten? Möchtest du einen Rat hören, Lucius?"

"Ja."

"Ich kann dir keinen geben."

"Toll, danke...du warst mir wirklich eine große Hilfe, Severus", sagte Lucius trocken.

"Aber ich kann dir eine Geschichte erzählen."

"Du? Seit wann erzählst du Geschichten?"

"Ich kann es auch lassen."

"Nein", sagte der Blonde schnell, "nein...erzähl!"

Severus räusperte sich und tatsächlich konnte Lucius ihm nun ansehen, dass es ihn Überwindung kostete, seine Ankündigung umzusetzen.

"Hermine Granger war schon immer ein Mensch, der mich vom ersten Augenblick an fasziniert hat. Sie war ein Kind, als sie nach Hogwarts kam...ein nerviges Gör, das seine Nase überall reinstecken musste und das nicht sonderlich beliebt war. Aber ich spürte, dass sie mehr für mich ist, als eine Schülerin, die ich unterrichte, weil es mein Job ist. Ich habe sie beobachtet - wollte, dass es ihr gut geht, wollte sie fördern, wollte sie motivieren...und ich tat nichts von alledem! Ich habe sogar dafür gesorgt, dass sie sich in meiner Gegenwart richtiggehend schlecht fühlte. Warum..? Die Antwort ist einfach...weil ich kein Vatertyp bin. Ich hätte mich nie darauf einlassen können, ihr soviel Macht über mich zu geben, indem sie um meine Gefühle weiß. Ich kann meine Gefühle ein wenig ausleben, indem ich heimlich Dinge für sie tue, aber es ist ziemlich unbefriedigend, wie ich zugeben muss. Doch stell dir nur mal vor, ich würde ihr jetzt, nach so vielen Jahren, gestehen, dass ich wie ein Vater für sie empfinde...Herrgott, sie hat mich sicher im gleichen Moment vergessen, als sie Hogwarts verließ! Du bist da wesentlich mutiger, Lucius...du hast Martha von Anfang an spüren lassen, dass sie dir wichtig ist. Und nur deshalb könnt ihr euch gegenseitig so weh tun."

"Das war die Geschichte?"

"Wie du selbst gesagt hast, ist es untypisch für mich, Geschichten zu erzählen...ja, das war sie."

"Was macht Granger jetzt?"

Severus lächelte über den Freund, der ihn in einer Mischung aus Interesse und diskreter Zurückhaltung ansah.

"Sie wird bald heiraten."

"Wen?"

"Ihren Chef."

"Sowas geht selten gut", merkte Lucius an.

"Sie leitet mehrere eigene Projekte, ohne die er einpacken könnte...ich glaube, er weiß, was er an ihr hat...in jeder Hinsicht."

"Woher willst du das wissen? Oder verlässt du dich neuerdings auf dein Gefühl?"

Severus lachte dunkel. "Dass sie weder hört noch sieht, dass ich an ihrem Leben teilnehme, heißt nicht, dass ich nicht Mittel und Wege kennen würde, die Informationen zu bekommen, die mir wichtig erscheinen."

"Und dennoch hast du nie herausbekommen, wer der Vater ihres Kindes ist?"

"Es gibt Dinge, die einfach ein Geheimnis bleiben sollten, weil sie für die Zukunft nicht relevant sind", erwiderte Severus und schickte dem Freund eines seiner seltenen Lächeln.

Lucius' Antwort bestand aus einem ernsten Nicken und er spürte, wie das tiefe Gefühl der Freundschaft ihn durchdrang, als er begriff, dass der Lehrer Snape auch durchaus subtile Methoden kannte, um seinem Gegenüber etwas deutlich zu machen.

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Lucius spürte, dass Narcissa noch wach war, als er sich neben sie ins Bett legte. Sie schien ihm jedoch Gelegenheit geben zu wollen, so zu tun, als hätte er es nicht bemerkt, um es ihm selbst zu überlassen, ob er nach der durchwachten Nacht und dem anstrengenden Tag noch ein Gespräch mit ihr führen wollte. Und so schloss er die Augen und genoss ihre Nähe, ohne sie zu berühren. Schließlich sagte er leise in die Dunkelheit hinein: "Ich werde morgen nach Gringotts gehen und das Denkarium holen. Es wird Zeit, Marthas Erinnerungen nicht länger zu verstecken und dafür zu sorgen, dass sie den richtigen Weg finden."

"Ich werde in deinem Arbeitszimmer auf dich warten, wenn du zurückkehrst", erwiderte sie leise, und er spürte, dass sie es vorziehen würde, wenn er nun schwieg.

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Das Verlies in Gringotts, das die Geheimnisse der Malfoyfamilie barg, hatte Lucius schon von jeher ein Frösteln unter die Haut kriechen lassen. Als sein Vater ihn das erste mal mit hierher genommen hatte, war Abraxas düsterer Stimmung gewesen und hatte seinem eingeschüchterten Sohn keine Aufmerksamkeit gezollt, während er die Dinge an sich genommen hatte, von denen Lucius bis heute nicht wusste, warum sie von so großer Wichtigkeit gewesen waren, dass sein Vater nicht einmal bemerkt hatte, wie sein damals fünfjähriger Sohn wie erstarrt in der Ecke gestanden hatte, um die Aufmerksamkeit der Geister nicht auf sich zu ziehen, die er in den dunklen Gewölben vermutet hatte.

Heute wusste er, dass es hier keine wirklichen Geister gab, sondern nur die Geister der Vergangenheit, die jede Zaubererfamilie, die das nötige Geld dafür besaß, hier zu begraben versuchte.

Das Geld war es nur im seltensten Falle, von dem diejenigen, die hier ein Verlies besaßen, fürchteten, dass es in falsche Hände gelangen könnte - es gab hier Dinge, die eine Familie weitaus schneller in den Ruin führen konnte, wenn man sie ans Licht brachte, als wenn man ihr Gold und Schmuckstücke stahl.

Lucius verließ den Ort mit nur einem einzigen Gegenstand, den er selbst vor Jahren den Geheimnissen der Malfoys hinzugefügt hatte. Er verbarg das Denkarium, und erst als er die Türen von Gringotts hinter sich ins Schloss gleiten hörte, disapparierte er .

Narcissa erwartete ihn wie angekündigt in seinem Arbeitszimmer. Allein dieser Ort machte deutlich, dass sie seine Vorgehensweise als einen offiziellen Akt empfand, bei dem sie als Ehefrau zuvor alles gesagt hatte, was es zu sagen gab, und sich nun dem fügen würde, was ihr Gatte auch immer entschied.

Lucius holte das Denkarium hervor, zog seinen Zauberstab und entnahm seine eigenen Erinnerungen, die er mit bemüht neutralem Ausdruck wieder seinem Gedächtnis hinzufügte. Narcissa betrachtete ihn und erkannte seine Überzeugung, dass auch diese unangenehmen Erinnerungen zu seinem Leben dazugehörten und er diese Tatsache so emotionsfrei wie möglich hinzunehmen bereit war.

"Martha hatte mich um Erlaubnis gebeten, auf Kasseopeia zu reiten, um sich etwas abzulenken. Soll ich sie rufen?", fragte sie leise, als Lucius den Vorgang abgeschlossen hatte, und offensichtlich nur noch die Erinnerungen der inzwischen jungen Frau im Denkarium durcheinander wirbelten.

Er schüttelte knapp mit dem Kopf und starrte auf die wirbelnden Silberfäden.

"Nein...diese Erinnerungen haben für Martha keine Bedeutung...es mag eine Zeit gegeben haben, als sie von großer Wichtigkeit waren...so wichtig, dass ich sie ihr nehmen musste, um sie und uns zu schützen. Ich wollte sie jedoch nie an mich nehmen, um sie gegen sie zu verwenden. Für Martha haben diese Erinnerungen keinerlei Bedeutung...und für Draco ebensowenig. Ich glaubte, dass sie für mich eine Bedeutung hätten, weil ich die Malfoylinie schützen wollte. Doch es sind nicht die Ahnen, die man schützen muss, sondern die Lebenden. Draco hat es geschafft, sich aus dem Strudel loszureißen, der mich einst ein Todesser werden ließ. Er wird niemandem Rede und Antwort stehen müssen, ob sein Kind reinblütig ist, und er wird mich hassen, wenn ich ihm vor Augen führe, dass dies ein Problem für mich sein könnte. Ich würde mich selbst dafür hassen."

Er atmete tief durch und fuhr dann fort: "Indem ich diese Erinnerungen ein für allemal vernichte, gebe ich Draco und Martha die freie Wahl, ihre Zukunft miteinander zu gestalten, ohne ihnen Steine in den Weg zu legen, von denen ich der einzige bin, der überhaupt gewillt ist, darüber zu stolpern. Wenn ich die Erinnerungen zerstöre, bleibt alles so wie es bislang war, und wir sind weiterhin geschützt. Nur du wüsstest um die Wahrheit, Severus, ich und Theresa natürlich. Mir ist jetzt erst klar geworden, dass sie es stets wie eine Bedrohung aufgefasst haben muss, dass ich die Erinnerungen damals an mich nahm. Sie hat sofort reagiert und Martha jegliche Verbindung zu Draco verboten. Wenn ich ihr jetzt sage, dass die Erinnerungen zerstört sind...das wird nicht reichen...hol sie bitte her, Narcissa."

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die beiden Frauen das Zimmer betraten und auf das Denkarium blickten.

Theresa erkannte den Gegenstand sofort wieder, in den ihr Master die Erinnerungen ihres Kindes damals abgelegt hatte.

Sie blickte auf die Silberfäden, die einen merkwürdig lockenden Tanz aufzuführen schienen.

Lucius forderte sie auf, näherzutreten und in die Erinnerungen einzutauchen. Theresa erblickte die verschiedenen Situationen, in denen das Kind Martha um ihre Muggelabstämmigkeit erfahren hatte. Als sie schließlich wieder auftauchte, sah Theresa ihren Herrn an und fragte mit schwacher Stimme: "Statt ihr die Erinnerungen an ihre Liebe zu nehmen, möchtet Ihr Martha also diese nun wiedergeben, damit sie selbst erkennt, wie unmöglich eine Verbindung zwischen ihr und Eurem Sohn ist."

"Nein, Theresa. Dies war nicht meine Absicht. Meine Absicht war dies hier."

Entschieden nahm Lucius seinen Zauberstab hoch, zielte auf die Erinnerungen und löschte sie mit einem einzigen mächtigen Blitz aus, der für einen Moment den ganzen Raum in gleißendes Licht tauchte.

Theresa sah Lucius mit aufgerissenen Augen an. "Herr, was hat das zu bedeuten?"

"Das bedeutet, dass ich Martha gerne eines Tages als Schwiegertochter in die Arme schließen würde. Sofern Draco und sie ihre Meinung nicht ändern und...sofern du einer Hochzeit deiner Tochter mit meinem Sohn zustimmen würdest."

Theresa sah zu Narcissa und als sie diese lächeln sah, blickte sie wieder zu Lucius Malfoy.

"Ich...Herr...Ja, Herr...ja...JA!", sie schlug sich die Hand vor den Mund, als dieser letzte bejahende Schrei verklungen war, um sich selbst davon abzuhalten, dieses ungebührliche Benehmen zu wiederholen.

"Wir sollten die Kinder informieren", sagte Narcissa und blickte auffordernd zu Lucius, der seine überglückliche Köchin mit einem Lächeln bedachte. Er musste sich erst räuspern, bevor er sprechen konnte.

"Ich möchte, dass wir heute Abend alle gemeinsam speisen. Nichts aufwändiges, Theresa...ich möchte, dass wir einfach beisammen sitzen, wenn die Kinder unsere Zustimmung bekommen."

"Martha wird überglücklich sein...und ich bin es ebenfalls. Ich werde pünktlich erscheinen, Herr", erwiderte die Köchin mit vor Freude glühenden Wangen.

Lucius' Stimme klang sanft, als er sagte: " Ich bin auch sehr glücklich, Theresa...und dies war das letzte 'Herr', das ich aus deinem Munde hören möchte, auch wenn ich hoffe, dass du uns nicht verlässt, falls du bald selbst zu heiraten gedenkst."

"Martin hat noch kein Wort über Heirat verloren, das wäre wohl noch zu früh, Herr...oh...wie soll ich Euch nennen, Sir?"

"Wie wäre es mit Lucius?"

"Ich werde mich bemühen, Herr."

Der Blonde lachte und nickte ergeben. "Es wird Zeit brauchen, aber ich bin mir sicher, dass es eines Tages völlig normal klingen wird", sagte er und sah zum Fenster hinaus.

Er konnte Martha sehen, die auf Kasseopeia über die Koppel ritt. Als die junge Frau sich über den Hals der Stute beugte, um dem Pferd etwas ins Ohr zu flüstern, erkannte Lucius mit einem warmen Gefühl im Bauch, dass sie nach wie vor mit den Tieren redete, und er war glücklich darüber, dass Martha so oft bereit gewesen war, auch mit ihm zu sprechen.

Still hoffte er, dass dies auch in Zukunft der Fall sein würde - auch wenn er vielleicht im Vergleich zu den Pferden manchmal der schlechtere Zuhörer war.

ENDE