Es ist vollbracht! :) Das letzte Kapitel ist da... und auch der Epilog. Viel Spaß beim Schluss von Liebe deine Feinde und einen dicken Knuddler an alle Leser, die so lange durchgehalten haben.

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An Anna: Vielen lieben Dank für dein Review. :)

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Kapitel 35 – Am Ende des Weges

„Bin ich tot?", fragte Harry. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er zwar seine eigene Stimme gehört, es irgendwie aber fertig gebracht hatte, zu fragen ohne die Lippen zu bewegen.

„Aber nein!", erhielt er als Antwort und Harrys Herz fing vor Freude an zu hüpfen, als er Dumbledores Stimme erkannte. Vor das konturlose Weiß über ihm, in das er – flach auf dem Rücken liegend - gerade noch gestarrt hatte, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was es war, schob sich das gütige alte Gesicht seines ehemaligen Mentors. „ICH bin tot", sagte Dumbledore, „aber du kannst dich noch entscheiden." Auch er musste die Lippen nicht bewegen, um zu sprechen. Dies schien hier – wo immer das auch sein mochte – nicht nötig zu sein.

„Wo sind wir?", fragte Harry.

„Keine Ahnung", meinte Dumbledore vergnügt lächelnd.

Harry setzte sich auf und sah sich um. Um sie herum war nichts zu sehen, als ein weißes... Nichts. In der Ferne wirkte es ein wenig wie Nebel oder Watte, auf kurze Distanz jedoch klar und durchsichtig – wie Luft. Es gab auch keinen Boden, weder sichtbar noch spürbar, was Harry aber seltsamerweise nicht im Geringsten beunruhigte. Er fühlte sich hier zwar fremd, aber dennoch völlig sicher.

In das wohlige, unbeschwerte Gefühl mischte sich mit einemmal Unbehagen, als ein leises, qualvolles Röcheln neben Harry erklang. Obwohl er sich vor dem fürchtete, was er da zu sehen bekommen würde, wandte er den Kopf in die Richtung des Geräusches. Etwas, das am Ehesten einem menschlichen Embryo ähnelte, nur das dieses Ding aussah, als würde es aus rohem Fleisch bestehen, befand sich dort und Harry wusste instinktiv, dass es noch vor Kurzem ein Teil von ihm gewesen war. Nicht, dass dieser Teil ihm gefehlt hätte – im Gegenteil – er fühlte sich wie befreit von einer Last, die er schon fast sein ganzes Leben lang mit sich herumgetragen hatte. Das Ding, das weiterhin Mitleid erregende Laute von sich gab, strahlte trotz seiner offensichtlichen Hilflosigkeit eine erschreckende Düsternis aus, die Harry davon zurückhielt, sich ihm zu nähern.

„Was ist das?", fragte er zögernd.

„Das ist der Teil von dir, der eigentlich zu Voldemort gehört", antwortete Dumbledore.

„Was wird damit geschehen?"

„Es wird sterben."

„Warum sterbe ich nicht? Warum kann ich mich... entscheiden?"

„Weil auch ein Teil von dir in Voldemort lebt und solange er am Leben ist, hast auch du die Wahl zu leben."

„Ein Teil von mit ist in ihm?", fragte Harry verblüfft.

„Dein Blut, das er dir genommen hat, als er auf dem Friedhof seinen neuen Körper erschaffen hat", sagte Dumbledore. „Er hat damit, ohne zu begreifen, was er tat, den Schutz erneuert, den deine Mutter vor ihrem Tod auf dich gelegt hat, und damit das Band verdoppelt, das seit seinem ersten Angriff auf dich zwischen euch bestand. Du kannst nicht sterben, solange er am Leben ist – es sei denn, du entscheidest dich freiwillig dafür zu gehen."

„Was würde mich denn erwarten, wenn ich gehe?", fragte Harry zögernd.

„Das darf ich dir nicht sagen", erwiderte Dumbledore sanft, „ich kann dir aber versprechen, dass du dich ganz im Gegensatz zu Tom Riddle nicht davor zu fürchten brauchst."

„Und wenn ich zurückkehre in meinen... echten Körper?"

„Dann wäre es möglich, dass Voldemort endgültig besiegt wird... aber DAS kann ich dir nicht versprechen."

Harry schwieg eine Weile. „Wird Snape noch am Leben sein, wenn ich zurückkomme? Werden die anderen noch da sein... oder hat Voldemort sie schon alle getötet?"

„Die Zeit verläuft anderes, als allgemein angenommen wird", sagte Dumbledore und wackelte mit dem Kopf hin und her.

Da er ahnte, dass er sich mit dieser Auskunft würde begnügen müssen, hakte Harry nicht nach.

„Warum verachtet Snape mich so sehr?", fragte er stattdessen.

„Das tut er doch gar nicht", erwiderte Dumbledore sanft. „Er verachtet sich selbst dafür, dass er nach all den Jahren immer noch nicht darüber hinweggekommen ist, dass Lily Evans nicht ihn, sondern ausgerechnet deinen Vater gewählt hat, um ihr Leben mit ihm zu verbringen – eine Entscheidung, die ihr letztendlich den Tod gebracht hat... zumindest in Severus' Augen. Und das lässt er an dir aus", fügte der alte Zauberer grinsend hinzu.

„Na wenn das so ist, ist es ja halb so schlimm", meinte Harry sarkastisch.

Dumbledore sah ihn liebevoll an. „Kehrst du nun zurück?", fragte er dann. „Es wird Zeit, für deine Entscheidung."

Harry nickte. „Ich gehe zurück. Müsste ich noch irgendetwas wissen, bevor ich mich auf den Weg mache?"

„Du kannst dich doch noch an den Zauber erinnern, mit dem du Tante Magda aufgeblasen hast?", fragte Dumbledore.

„Ja, aber..."

„Gut! Mehr brauchst du nicht."

„Ich soll Voldemort aufblasen?", fragte Harry ungläubig.

Dumbledore lächelte und wuschelte ihm durchs Haar. „Ich wünsche dir Glück", sagte er dann leise, „denn Mut hast du ohne Zweifel genug. Auf Wiedersehen Harry!"

Das weiße Nichts zog sich zurück.

Harry lag wieder auf dem Rücken und sah direkt in die Augen von Snape, die einen so verzweifelten Ausdruck trugen, wie er ihn noch nie bei seinem Lieblingsfeind gesehen hatte.

„Sie verachten mich ja gar nicht!", sagte Harry und vergaß dabei, dass er nun – zurück in der Realität - eigentlich die Lippen dazu hätte bewegen müssen.

Snape zuckte zusammen, als er Potters Stimme in seinem Kopf hörte, ohne das er dessen Eindringen im Geringsten bemerkt hatte, zumal er im Hintergrund ein Lachen hörte, das eindeutig von Dumbledore stammte.

„Du bist ja gar nicht tot!", antwortete er auf dem selben Weg.

„Wie lange war ich weg?", fragte Harry, der es scheinbar ganz normal fand, nonverbal zu kommunizieren.

„Ungefähr drei Sekunden lang."

„Nun, Severus...", unterbrach die kalte Stimme Voldemorts ihren Gedankenaustausch, „was meinst du? Soll ich dich gleich hier sterben lassen, um ein Exempel zu statuieren? Damit deine Mitstreiter mit eigenen Augen sehen, was sie erwartet, wenn sie sich weiter gegen mich auflehnen?"

„Davon rate ich ab", erwiderte Snape laut. „Du stellst dich neuerdings nicht besonders geschickt an, wenn es darum geht, jemanden ins Jenseits zu befördern." Er stand auf und gleichzeitig mit ihm auch Harry.

Voldemort blieb die Antwort im Hals stecken. Mit ungläubig aufgerissenen Augen erstarrte er in der Bewegung, mit dem er den Zauberstab zum nächsten Fluch erhoben hatte, als er begriff, dass der Junge noch lebte.

Inflare!", sagte Harry und zielte mit einer fast beiläufigen Bewegung auf den dunklen Lord.

Der wehrte den Fluch bereits im Ansatz mit einem Schildzauber ab, was zur Folge hatte, dass der Strahl abgelenkt und zurückgeworfen wurde. Als er auf die flimmernde Außenhülle der Schutzhülle traf, die Voldemort um sich herum geschaffen hatte, begann der Fluch lautlos, aber mit erstaunlicher Schnelligkeit seine Wirkung zu entfalten. Wie ein überdimensionaler Ballon, in den ein Riese die Luft seiner Lungen pumpte, nahm die Blase rasant an Größe zu. Noch während der Lord mit einem schrillen, empörten „DU LEBST?" ein zweites Mal den Zauberstab erhob, war die Schutzhülle bis knapp unter die Decke angeschwollen.

„Ja!", sagte Harry. „Du kannst mich nicht töten. Meine Mutter hat das verhindert und du selbst hast dafür gesorgt, dass es so bleibt.

Zum ersten Mal, seitdem sie ihm in diesem Kampf gegenübergetreten waren, zeigte der dunkle Lord Anzeichen von Furcht. „Wenn nicht ich, dann wird es jemand anders tun", zischte er. „Aber vorher wirst du noch erfahren, was echte Schmerzen sind."

In diesem Moment zerplatzte die Blase mit einem lauten Knall.

Snape spürte erleichtert die beruhigende und vor allem stärkende Anwesenheit von Sullivan in seinem Geist, und im nächsten Moment stand der alte Zauberer schon neben ihm. In einer nahezu synchronen Bewegung rissen sie die Zauberstäbe hoch.

„Aber die wirklich gute Nachricht ist", rief Harry, „dass DU nun endlich sterben kannst."

Voldemort zögerte den Bruchteil einer Sekunde und noch ehe er den Fluch auf den Jungen loslassen konnte, schoss ein dicker, glühend roter Strahl, zu dem die zwei einzelnen Flüche aus Snapes und Sullivans Zauberstäben sich vereinigt hatten, mit irrer Geschwindigkeit auf ihn zu und er fuhr herum, um sich zu verteidigen. Der Schutzschild, den er erschuf, hielt nur einen Atemzug lang, ehe er unter dem eindringenden Fluch, der sich von der Energie des Schildes zu nähren schien, schließlich zusammenbrach. Der rotglühende Strahl wickelte sich wie das Ende einer Peitsche nach dem Schlag um Voldemorts Körper und dort, wo er diesen berührte, brannte er sich durch die Kleidung und drang mit bösartigem Zischen in die Haut ein.

Mit einem Aufschrei, der immense Wut und ebensolchen Schmerz in sich trug, ging der dunkle Lord in die Knie. Noch während der Fluch sich immer weiter in sein Fleisch fraß, brach er zusammen.

Die Hoffnung, dass dies das Ende des mächtigen Schwarzmagiers wäre, hatte noch nicht einmal angefangen, in den Köpfen der Umstehenden zu keimen, als aus dem zusammengesunken Körper ein waberndes Leuchten aufstieg, das sich – in der Luft schwebend – zu einer nahezu konturlosen Kreatur verwandelte. Das, was noch von Voldemort übrig war, kroch immer schneller werdend und mit einem röchelnden Geräusch, das einem unheilvollen Flüstern glich, aber dennoch den ganzen Raum auszufüllen schien, knapp über dem Boden dahin gleitend auf Harry zu.

„NEIN!", sagte dieser laut. Aus einem Zauberstab brach ein helles Licht hervor, das sich in die Gestalt eines stattlichen Hirschs verwandelte. Majestätisch und regungslos stand der Patronus zwischen Harry und der Kreatur, die einmal Lord Voldemort gewesen war.

„Du kriegst mich nicht mehr", flüsterte Harry. „Da ist nichts mehr von dir in mir, das mich dir ausliefern könnte."

Im selben Moment richteten Snape und Sullivan, von dem leblosen, verkohlten und in sich zusammengesunken Körper ablassend, ihre Zauberstäbe auf das wabernde Etwas, das den letzten Rest von Tom Riddles Seele beherbergte. Malfoy gesellte sich dazu und zielte mit seinen Zauberstab ebenfalls auf die Kreatur, genau wie McGonagall.

Keiner der anwesenden Todesser unternahm einen Versuch, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Alle Kampfhandlungen waren erlegen. Das einzige Geräusch im Raum, war das noch immer etwas angestrengte Atmen einiger Leute.

Wie auf Kommando sprachen die Vier gemeinsam den Todesfluch. „AVADA KEDAVRA!"

Mit einem grauenhaften Heulen bäumte sich die Kreatur auf, stieg von den gleißend grünen Strahlen der Flüche begleitet empor bis sie in Augenhöhe der Umstehenden in der Luft hing, formte sich für wenige Sekunden zu einem Kopf, der das Gesicht eines ernst dreinblickenden Jungen trug und zerfiel dann zu feinem, schwarzem Staub, dessen winzige Partikel langsam zum Boden zurück schwebten.

Eine ganze Weile rührte sich niemand vom Fleck. Alle starrten angespannt auf den lautlos herabrieselnden Staub, als würden sie jederzeit damit rechnen, dass Lord Voldemort noch einmal aus der Asche auferstand.

Als die letzten Körnchen auf dem Parkett gelandet waren, durchbrach Malfoys Stimme die Stille. „In Anbetracht der gegenwärtigen Lage, kann ich all meinen ehemaligen... Kollegen nur wärmstens empfehlen die Zauberstäbe niederzulegen und sich zu ergeben", sagte er mit einem triumphierenden Blick in die Runde.

Dieser Aufforderung kamen allerdings nur sehr wenige der Todesser nach. Die meisten suchten ihr Heil in der Flucht, was umgehend zum Ausbruch neuer Kampfhandlungen führte.

Snape blieb noch solange an Harrys Seite, bis er mit McGonagall geklärt hatte, dass sie nun jenen Job übernehmen sollte. Nachdem ihm diese auch noch verraten hatte, wo sie Tamara zuletzt gesehen hatte, bahnten er und Sullivan sich den Weg zum Ausgang, was einem der Todesser, der sich gerade ebenfalls bis dorthin durchgeschlagen hatte, prompt zum Verhängnis wurde.

Auf dem Flur wurde ebenfalls gekämpft und es dauerte eine Weile, bis die beiden Männer bis zu der Abstellkammer gelangten, die ihnen McGonagall genannt hatte. „Nach oben, oder nach unten?", fragte Sullivan ohne seine Stimme dafür zu bemühen, als sie den kleinen Raum leer vorfanden. „Runter!", beantwortete er sich selbst die Frage. „Die Todesser, die verzweifelt versuchen, hier herauszukommen, sind verdammt gefährlich."

Sie liefen die Treppe hinunter und stießen dabei auf Bellatrix Lestranges Leiche. Snape ließ es sich nicht nehmen, kurz mit seinem Zauberstab zu überprüfen, ob sie wirklich tot war. Anschließend suchten die beiden Männer das Erdgeschoss ab, in dem es überraschenderweise ziemlich ruhig war.

Als sie Tamara dort nicht finden konnte, stiegen sie die Treppe wieder hoch und kamen dabei einem weiteren Todesser in die Quere, der kurz darauf mit einem Versteinerungszauber versehen an der Wand lehnte.

Schon als sie die Treppe zum zweiten Stock hinaufstiegen, hörten sie von oben Geräusche, die eindeutig auf anhaltende Kämpfe hindeuteten.

„Voldemort ist tot!", donnerten Sullivan und Snape gleichzeitig mit magisch verstärkter Stimme, als sie den oberen Flur erreicht hatten. „Ergebt euch, Todesser, dann habt ihr eine Chance, dieses Haus einigermaßen unversehrt zu verlassen."

Die beiden Männer nahmen sich systematisch ein Zimmer nach dem anderen vor und dort, wo gekämpft wurde, begrüßten die anderen Ordensmitglieder ihre tatkräftige Mithilfe mehr als erfreut.

Erst am Ende des Flurs – in dem Zimmer, das zu dem Wintergarten führte, in den Sullivan bei seinem ersten Besuch hier eingestiegen war - wurden sie fündig. Tamara, Hermine und Remus Lupin lieferten sich hier ein Gefecht mit Dolohow und dem einäugigen Yaxley. Ein weiterer Todesser und Tonks lagen regungslos auf dem Boden. Lupin schien angeschlagen zu sein und nicht mehr in der Lage, sich zu verteidigen, aber die beiden Frauen leisteten erbitterten Widerstand.

Als Tamara sah, wer da den Raum betreten hatte, ließ sie einen erleichterten Aufschrei los. Sie war so abgelenkt, dass sie Dolohows Fluch erst in allerletzter Sekunde parierte. Im nächsten Augenblick sank der Todesser getroffen zusammen und sein Freund Yaxley fuhr mit einem wilden Blick herum zu den neuen Angreifern.

„Ergib dich!", sagte Snape.

„Niemals, du dreckiger Verräter!", schrie der Einäugige. Doch auch er hatte dem Fluch den Snape und Sullivan gemeinsam auf ihn losließen, nichts entgegenzusetzen. Sein Körper war noch nicht auf den Dielenbrettern aufgeschlagen, als Tamara schon aufsprang und auf Snape zu rannte.

Sullivan wandte sich ab, als die beiden sich in die Arme fielen. „Alles okay bei Ihnen?", fragte er mit kratziger Stimme Hermine, die ebenfalls hinter ihrer Deckung, einem reich bestickten Paravent, hervorgekommen war.

„Ja, aber Tonks..." Sie lief eilig zu Lupin, der neben der am Boden Liegenden in die Knie gegangen war und Sullivan folgte ihr.

„Du lebst", flüsterte Tamara in das Geräusch ihres wild schlagenden Herzens hinein. „Du lebst, du lebst, du lebst..."

Sie klammerte sich so vehement an ihn, dass das überwältigende Glücksgefühl, das Snape durchströmte, sich zunehmend mit Atemnot vermischte. „Ja, aber du musst mich ab und zu ein bisschen Luft holen lassen, damit das so bleibt", ächzte er.

Sie lachte, gab seinen Brustkorb frei und schlang stattdessen ihre Arme um seinen Hals. „Wir haben es endlich hinter uns", sagte sie mit Freudentränen in den Augen. „Wir sind... frei!"

„Sieht ganz so aus", stimmte Snape ihr zu. Sie blickten sich tief in die Augen und nun war er es, der ihr durch seine Umarmung den Atem nahm. „Ich bin so unsagbar froh, dass du es geschafft hast, das hier zu überleben", flüsterte er.

„Diese Frau hätte mich fast erwischt, Bella..."

Tamara verstummte, als sie eine hektische Bewegung in ihrem Blickfeld wahrnahm und Snape ebenso hastig herumfuhr. Automatisch schnellte ihr Blick zur Tür, dem Ort, aus dem am ehesten Gefahr drohen würde, aber Sullivans Rücken versperrte ihr die Sicht.

Als Snape einen erstickten Laut von sich gab, schrie Tamara erschrocken auf. Noch während ihr Verstand ihrer aufkeimenden Panik klar zu machen versuchte, dass es gar nicht sein konnte, was sie befürchtete, weil sie etwas sehen hätte müssen, wenn ein Fluch Severus getroffen hätte, brach Sullivan zusammen und gab den Blick auf den Todesser Carrow frei, der sie – den Zauberstab im Anschlag - hasserfüllt anstarrte.

„Amycus", flüsterte Snape, dessen Stimme klang, als würde er ebenfalls gleich zusammenbrechen. „Gib auf! Das hat doch keinen Sinn mehr."

„Wenn ich dich noch ins Jenseits befördern kann, dann hat es Sinn, Severus", sagte der Todesser heiser.

„Wofür?", fragte Snape kopfschüttelnd. „Aus Rache, weil ich daran beteiligt war, den Größenwahnsinnigen zu töten, der euch alle mit in den Abgrund seiner kranken Machtfantasien gerissen hat?"

„Weil du uns verraten hast."

„Ich war schon lange nicht mehr auf eurer Seite... weil ich sonst das, woran ich wirklich glaube, hätte verraten müssen."

„Dann hast du es umso mehr verdient, durch die Hand eines echten Todessers zu sterben", zischte Carrow. Gleichzeitig schoss ein grüner Strahl aus seinem Zauberstab hervor.

Snape reagierte so langsam, wie Tamara es noch nie erlebt hatte, woraufhin der Avada Kedavra erst knapp vor seiner Brust auf den magischen Schild traf, den sie trotz ihrer lähmenden Angst instinktiv erschaffen hatte. Die Wucht des Aufpralls riss sie und Snape um. Noch während sie fiel, schoss Tamara auf eine seltsam emotionslose Weise der Gedanke durch den Kopf, dass sie nun ein noch leichter zu treffendes Ziel bieten und vermutlich gleich sterben würden.

Carrow hatte jedoch keine Zeit mehr, einen erneuten Angriff zu starten, denn gleich nachdem er den Todesfluch auf Snape abgegeben hatte, wurde er von Hermine und Lupin attackiert und noch ehe er diesen ernsthaft Schaden zufügen konnte, von Malfoy, der gerade hinter ihm aufgetaucht war. Der Todesser fiel um wie ein gefällter Baum.

Als er sah, dass Snape und Tamara dabei waren, wieder auf die Beine zu kommen, ging Malfoy zu Sullivan, der regungslos mit offenen Augen am Boden lag.

„Man kann euch nicht alleine lassen!", knurrte er, als die beiden neben ihm niederknieten.

„David?" Tamara streckte die Hand aus und legte sie an den Hals des alten Zauberers, doch ihre Finger zitterten dabei so sehr, dass es ihr nicht gelang, einen Pulsschlag festzustellen.

„Ist er tot?", fragte Malfoy und versuchte es gleichzeitig auf der anderen Seite.

„Nein", sagte Snape leise, „...aber nicht weit davon entfernt."

„Und du scheinbar auch nicht", meinte Malfoy besorgt, der jetzt erst merkte, wie sehr sein Freund neben der Spur war. „Du bist weiß wie die Wand."

„David?", sagte Tamara flehend. Sie packte ihren Meister an den Schultern und schüttelte ihn. „Tu doch was!", fuhr sie Snape an, als sie keine Reaktion erzielte.

„Was genau ist denn mit ihm los?", fragte Malfoy.

„Er ist auf dem Weg... auf die andere Seite", murmelte Snape.

„DANN HOL IHN ZURÜCK!", schrie Tamara.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann."

„Was würde denn schlimmstenfalls passieren?", erkundigte Malfoy sich misstrauisch.

„Dass ich mit hinübergehe", erwiderte Snape tonlos.

„Dann lass es!", sagte Malfoy energisch.

Tamara starrte den Mann, den sie über alles liebte mit großen Augen an, ehe sie den Blick wieder senkte und auf den anderen richtete, den sie ebenfalls liebte. Die Angst, beide zu verlieren, die ihr den Verstand zu rauben drohte, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ich werde es versuchen", sagte Snape. Er nahm Sullivans Hand und schloss die Augen.

„Severus...", flüsterte Tamara erstickt. „...lass mich nicht allein zurück. Ich könnte es nicht ertragen." Sie bekam keine Antwort und nichts in seinem Verhalten ließ darauf schließen, dass er sie überhaupt gehört hatte.

„Verdammt, Tamara!", knurrte Malfoy. „Ich mag den alten Mann auch, aber er hat sein Leben gelebt, ganz im Gegensatz zu Severus. Warum lässt du zu, dass er ein solches Risiko eingeht?"

„Ich..." Tamara konnte nicht weiter sprechen. Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen zusammen, während ihr verzweifelter Blick sich weiterhin an den beiden Männern festsaugte, um die sie bangte. Malfoy seufzte, legte den Arm um ihre Schulter und zog sie an sich.

„Drück nicht so fest", brummte er, als er sah wie sich ihre Finger in Sullivans Arm krallten. „Er will bestimmt nicht als Einarmiger leben, wenn er zurückkommt."

Ein verzweifelter Laut drang aus der anderen Ecke des Zimmers her zu ihnen. „Tonks...", sagte Tamara leise, als Malfoys sich kurz dorthin umwandte – zu Lupin, der dieses Geräusch von sich gegeben hatte, und Hermine die mit geflüsterten Worten und hilflosen Gesten versuchte, ihn zu trösten.

Nach einer Weile kam McGonagall herein und verkündete, dass die Kampf zu Ende war – dass die letzten übrig gebliebenen Todesser, endlich die Zauberstäbe niedergelegt hatten, und sich nun alle unten im Eingangsbereich sammelten, wohin in Kürze ein Rettungsteam aus dem St.-Mungo-Hospital, sowie eine Truppe von Auroren aus dem Ministerium eintreffen würden. Sie nahm erschüttert die Nachricht entgegen, dass Tonks tot war und Sullivan in Lebensgefahr schwebte.

„Wenn Sie jetzt gehen möchten, Lucius", sagte sie leise zu Malfoy, neben den sie getreten war, „würde ich das verstehen. Ich würde Sie nicht zurückhalten und jedem, der danach fragt erzählen, Sie hätten sich plötzlich in Luft aufgelöst."

„Danke... Minerva", erwiderte Malfoy, „aber ich werde nicht... weglaufen."

McGonagall schenkte ihm einen anerkennenden Blick. „Ich komme wieder so schnell ich kann", sagte sie, bevor sie Hermine und Lupin, der sich nicht davon hatte abbringen lassen, seine geliebte Tonks selbst zu tragen, aus der Tür schob und die drei steifen Körper der besiegten Todesser mit einem Schwebezauber hinterher schickte.

„Auroren", sagte Tamara leise, als sie schließlich alleine waren. „Wird das wirklich... gefährlich für dich, wenn die auftauchen...", ihre Augen weiteten sich, „...und für Severus vielleicht auch?"

„Ich weiß es nicht", erwiderte Malfoy. „Für mich schon, würde ich meinen. Warten wir es ab."

Tamara, die es ihm hoch anrechnete, dass er keine Anstalten machte, das Haus zu verlassen, ehe die Auroren eintrafen, griff nach seiner Hand. „Lucius...", sagte sie, nachdem sie beide eine Weile auf Severus Gesicht gestarrte hatten, in dem sich nicht der Hauch einer Regung abzeichnete. „...ich hab dich falsch eingeschätzt, als ich dich kennen lernte. Ich dache, du wärst nur ein eitler, eingebildeter, reicher..."

„...gut aussehender...", unterbrach Malfoy sie und auch ohne hinzusehen wusste Tamara, dass er lächelte.

„Okay, ein eitler, eingebildeter, gut aussehender reicher Fatzke", lenkte sie ein, „und ich möchte dir sagen, dass ich diese Einschätzung völlig revidiert habe. Du bist..."

„..einfach unbeschreiblich toll?", schlug Malfoy vor.

„...ein ganz besonderer Mensch und ein wunderbarer Freund", fuhr Tamara fort, „trotz deiner Vergangenheit ...ich meine, der Sache mit Voldemort...", sie schluckte, „...und wenn du mir jetzt noch versprechen kannst, dass die Beiden zu uns zurückkommen", fügte sie mit dünner Stimme hinzu, „verliebe ich mich auf der Stelle in dich."

Er nahm sie fester in den Arm und beugte sich über sie, um einen Kuss auf ihr Haar zu drücken. „Ich wünschte, ich könnte das wieder sein", murmelte er, „...nichts weiter... und vor allem nichts Schlimmeres als ein reicher, versnobter Schnösel – und ich wünschte, ich könnte dir dieses Versprechen geben, aber beides ist nur eine Illusion." Er legte seine Stirn auf Tamaras Kopf und sie lehnte sich an ihn, dankbar nicht alleine mit dieser zermürbenden Situation zu sein, in der sie nichts anderes tun konnte, als warten und hoffen.

Als Snape Sullivans Hand losließ, aber ansonsten still und mit geschlossenen Augen sitzen blieb, hielt Tamara es nicht länger aus. „Severus? Was ist mit David? Hast du es geschafft?"

Snape antwortete nicht, sondern machte die nur eine Handbewegung, die deutlich signalisierte, dass er noch nicht so weit war.

Malfoy, der sich schon darauf eingestellt hatte, Tamara den Mund zuhalten zu müssen, wenn sie gezwungen war noch länger zu warten, atmete erleichtert auf, als sein Freund kurz darauf die Augen öffnete und sich zu ihnen umwandte.

„David ist...", er suchte nach den Worten, die sich nach der Masse an nonverbaler Kommunikation, die er gerade hinter sich hatte nicht so recht einstellen wollten.

Tamara riss entsetzt die Augen auf. „Ist er tot?", keuchte sie.

„...ein so unglaublicher Sturschädel", vollendete Snape seinen Satz und schüttelte missbilligend den Kopf.

„Was soll das heißen?", japste Tamara. „Ist er... weitergegangen?"

„Nein, das nicht. Aber er hat sich geweigert, mit mir zurück zu kommen", sagte Snape. „Er meinte, wenn er schon mal da sei, könne er sich ja genauso gut mal ein bisschen umschauen."

„Umschauen?", fragte Malfoy interessiert. „Was gibt's denn da Interessantes zu sehen?"

„Ich hab nichts bemerkt... aber David hat das vermutlich auch nur getan, um mich zu ärgern", brummte Snape. „Er lässt dir ausrichten, dass er nicht abtreten wird, ohne dich noch einmal gesehen zu haben", fügte er an Tamara gewandt hinzu.

„Hast du ihm denn nicht erklärt, dass er zurückkommen MUSS", fragte Tamara, „dass er hier gebraucht wird?"

„Doch!", sagte Snape. „Aber es war nicht gerade so, dass der Kerl irgendeiner Art von logischem Argument zugänglich gewesen wäre."

„Besteht der Kontakt zwischen euch noch?", erkundigte sich Malfoy.

„Nein! Den habe ich gerade abgebrochen", erwiderte Snape.

„Und kannst du ihn wieder aufnehmen?", fragte Tamara.

„Vielleicht. Ich bin nicht sicher."

„Aber was ist, wenn er es nicht alleine schafft, da raus zu kommen?" Tamaras Stimme bekam einen leicht hysterischen Unterton.

„Ich kann nicht dort bleiben, bis sich der Herr eventuell irgendwann bequemt, zurückzukehren", knurrte Snape, „und ich kann auch nicht diese geistige Verbindung aufrecht erhalten, ohne Gefahr zu laufen, dabei selbst Schaden zu nehmen. Wer weiß, was der Alte dort treibt und welche Gesetzmäßigkeiten magischer und nichtmagischer Art er dabei auf den Kopf stellt? Das war seine Entscheidung und ist damit auch seine Verantwortung."

„Du hast natürlich Recht", sagte Tamara kleinlaut. „Danke, dass du alles versucht hast." Sie sah ihn an und ein Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit, das ihre sorgenvolle Miene vertrieb und ihre Augen strahlen ließ. „Und ich bin überglücklich, dass du wieder da bist."

„Das will ich dir auch geraten haben", sagte Snape gnädig.

„Nur interessehalber... konntest du ihn nicht einfach zwingen?", fragte Malfoy.

„Auch diesen wunderbar pragmatischen und disskussionsvermeidenden Lösungsansatz habe ich getestet, Lucius, aber nein – das war leider nicht möglich."

„Was machen wir nun... ich meine, mit ihm?", fragte Tamara.

„Er muss ins St.-Mungo", sagte Snape.

„Aber kann er nicht zuhause..."

„Kann er nicht!", unterbrach Snape Tamara. „Weil wir nicht wissen, wie lange das dauern wird. Kann sein, er entschließt sich in ein paar Minuten zurückzukommen, vielleicht aber auch erst in ein paar Wochen... oder sogar Jahren und da empfiehlt es sich dann doch, auf künstliche Ernährung zurückzugreifen, damit dann auch noch ein Körper vorhanden ist, in den er zurückkehren kann."

Tamara sah ihn verzweifelt an. „Jahre?"

„Ich sagte doch... er ist unglaublich stur", erwiderte Snape.

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Es war seltsam, alleine in das Haus zurückzukehren, das in den letzten Wochen von so vielen Menschen bevölkert gewesen war, und das nun still und friedlich im warmen Licht der Nachmittagssonne vor ihnen lag. Ohne sich abzusprechen, waren Snape und Tamara im Garten vor der Veranda appariert.

Malfoy hatte das Angebot des Ministeriums angenommen, in sein eigenes Haus zurückzukehren, das allerdings unter Bewachung stand, bis die Verhandlung gegen ihn abgeschlossen war.

Er und Snape hatten die Auflage bekommen, sich nicht außer Landes zu begeben und sich für weitere Befragungen bereit zu halten. Der Minister, der zusammen mit seinen Auroren persönlich am Ort des Geschehens aufgetaucht war, hatte sich jedoch sehr zuversichtlich darüber geäußert, wie diese Untersuchung für Snape ausgehen würde und hatte auch Malfoy zugesichert, dass die Umstände, die für ihn sprächen, bei der Urteilsfindung gebührende Beachtung finden würden.

Harry, Hermine und Ron waren nach Hogwarts zurückgekehrt und Sullivan war – wie einige andere Ordensmitglieder auch - ins Hospital gebracht worden, wobei Tamara es sich nicht hatte nehmen lassen, ihn persönlich dabei zu begleiten, bis sie sicher sein konnte, dass er in guten Händen war und bestens versorgt wurde.

„Wir sind allein", sagte Tamara, als sie nun über die Veranda auf die Eingangstür zugingen. „Das fühlt sich wunderbar an und zugleich... unwirklich."

„Brauchst du ein paar handfeste Beweise dafür, dass es wirklich passiert?", fragte Snape und zog sie an sich.

„Zuerst brauch ich eine Dusche und dann kannst du mit dem Beweisen anfangen", sagte Tamara mit einem anzüglichen Lächeln. „Genau genommen, kannst du schon unter der Dusche damit anfangen."

Als sie das Haus betraten, und ihr Sullivans Anwesenheit wieder schmerzlich bewusst wurde, verdüsterte sich Tamaras Miene. „Meinst du, er wird es schaffen?", fragte sie leise.

„Das nehme ich an... schon allein, um mir zu beweisen, dass es so funktioniert hat, wie er sich das in den Kopf gesetzt hat", sagte Snape mit verärgertem Unterton. „Außerdem hat er das dir ja mehr oder weniger versprochen und daran wird er sich wohl halten... wenn er kann. Es hat wirklich keinen Sinn, sich darüber permanent Sorgen zu machen – wir müssen einfach abwarten."

„Du hast ja recht", seufzte Tamara. „Ich werde es versuchen."

Sie stiegen die Stufen hoch und gingen weiter zu Tamaras Schlafzimmer. Auf dem Weg zu dem daran angrenzenden Badezimmer, ließen sie ein Kleidungsstück nach dem anderen achtlos auf den Boden fallen, bis sie schließlich nackt in die Duschkabine stiegen.

Tamara stellte den Wasserhahn an, der automatisch auf die von ihr bevorzugte Temperatur-Stufe ‚so heiß, dass es gerade noch auszuhalten ist' sprang. Die Arme um Snapes Hals geschlungen, lehnte sie sich zurück, um das Gefühl der feinen Wasserstrahlen auf dem Gesicht zu genießen.

Sie lachte ihren Geliebten an, als sie den Kopf wieder senkte. „Ich kann's noch immer nicht fassen, dass es vorbei ist... dass wir endlich eine Zukunft haben... eine die nicht düster, bedrohlich und ungewiss ist. Sag mir, dass es wahr ist. Versprich mir, dass ich nicht träume."

„Alles echt", brummte Snape und nickte bestätigend.

„Das war aber ausführlich", gab Tamara lächelnd zurück. Sie schmiegte sich an seine nasse, erhitzte Brust und rieb sich dabei wie zufällig an seinem Unterleib. „Zeig mir, dass ich noch am Leben bin... dass WIR noch am Leben sind", raunte sie.

Er beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Minutenlang standen sie nur so da, ineinander verschlungen und sich in ihrem Kuss verlierend, während das Wasser unablässig auf sie herabprasselte und die Luft um sie herum in Dampf verwandelte.

Nachdem ihnen die feuchte Hitze dann doch zu viel wurde, verließen sie die Dusche und trockneten einander ab – fürsorglich, zärtlich und vorsichtig mit den frisch geheilten Blessuren umgehend, die sie im Kampf davon getragen hatten.

Tamara ließ sich mit einem wohligen Seufzer auf ihr Bett sinken, als sie ins Schlafzimmer wechselten, und streckte die Arme nach Snape aus, der ihr folgte.

„Wie sehr ich dich liebe...", flüsterte sie, als er sich über sie beugte.

„Danke Tamara", sagte Snape ernst und versenkte seinen Blick tief in dem ihren.

Sie runzelte irritiert die Stirn. „Gern geschehen!", sagte sie mit einem schiefen Lächeln. „Aber eigentlich ist das nicht mein Verdienst – ich kann einfach nicht anders, als dich zu lieben, Severus."

„Danke, dass du hier bist", sagte Snape, „...dass du gewartet hast, all die Zeit, in der ich nicht bei dir sein konnte, dass du an mich geglaubt hast und dass du niemals aufgegeben hast, meine wunderbare, mutige Geliebte. Ich weiß genau, dass das alles andere als selbstverständlich war."

Tamara hatte einen Kloß im Hals, der sie am Reden hinderte und der sie kurz zu dem seltsamen Gedanken verführte, ob man wohl an Glück ersticken konnte. Sie hob die Hand und streichelte Snapes Wange.

„So mutig, wie du denkst, bin ich gar nicht", krächzte sie schließlich. „Ich hatte so eine Scheißangst... dich zu verlieren...", sie biss sich auf die Unterlippe, „...und außerdem hab ich mich ganz fürchterlich angestellt, heute beim Kampf. Dass es mir gelang, Bell... diese Frau zu töten, bevor sie mich umbringen konnte, war reiner Zufall... einfach nur Glück und danach...", sie wandte den Blick ab.

„Was war danach?"

„Danach war ich völlig paralysiert", gestand Tamara leise. „So von der Rolle, dass Minerva mich in diese Besenkammer gesteckt hat, damit ich nicht wie ein ferngesteuerter Zombie durch die Gegend laufe und mich zu guter Letzt doch noch killen lasse."

„Als ich zum ersten Mal jemanden töten musste, habe ich gekotzt", sagte Snape ruhig.

Tamara sah ihn überrascht und leicht skeptisch an. „Echt?"

„Echt!", sagte Snape. „Du müsstest dir eher Gedanken machen, wenn du das locker weggesteckt hättest. Es spricht eindeutig für dich, dass es nicht so ist."

„Und ich dachte..." Sie zögerte.

„Was dachtest du? Dass es leicht ist, jemandem das Leben zu nehmen?"

„Nein! Dass ihr mich für schwach halten würdet."

„Ihr...?"

„Du... und David." Sie sah ihn unsicher an. „Würde er?"

Snape lächelte und streichelte nun seinerseits ihr Gesicht. „Nein, würde er nicht."

„Weißt du zufällig, wie das beim ihm war?", fragte Tamara vorsichtig. „ Das ist doch sicher eine einschneidende Erinnerung. Hat er überhaupt schon mal jemanden...? Entschuldige bitte! Du musst mir das nicht sagen, wenn es für dich nicht in Ordnung ist."

„Er hat sich volllaufen lassen", antwortete Snape. „Das Ergebnis war dasselbe, wie bei mir, nur das es länger gedauert hat. Ich denke, es wäre ihm Recht, dass ich dir das erzähle, wenn es dir hilft."

„Das tut es!"

Snape ließ sich aufs Bett sinken. Er zog Tamara so eng an sich, dass sie mehr auf als neben ihm lag, und strich ihr über den Rücken.

„Bellatrix war eine bösartige Verrückte", sagte er, „und es ist ein Gewinn für die Menschheit, dass sie nicht mehr am Leben ist. Auch wenn dir das vermutlich nicht viel hilft... vielleicht wenigstens ein bisschen."

„Was empfindest du, wenn du an sie denkst?", fragte Tamara. „Hass?"

„Nichts!", sagte Snape. „Ich wünsche ihrer Seele Frieden."

„Keine ewige Verdammnis im Höllenfeuer oder ähnliches?", fragte Tamara überrascht.

„Nein! Das wünsche ich nur dem, der sie verführt hat... sie und so viele andere."

„Er ist doch ganz sicher tot?", fragte Tamara und schmiegte sich, plötzlich fröstelnd, an den warmen Körper ihres Geliebten.

„Ganz sicher! Diesmal ist nichts von ihm übrig geblieben", bestätigte Snape. „Auch nicht in Potter. Seine Narbe ist verblasst, genau wie das dunkle Mal auf meinem Arm. Hast du das mitbekommen?"

„Ja!" Tamara ließ ihre Finger über seine Brust wandern. „Du hast endlich Frieden mit Harry geschlossen, nicht wahr?"

„Ob der haltbar ist, wird sich noch zeigen, falls ich ihn wieder als Schüler und er mich als Lehrer ertragen muss, aber ja – ich habe Frieden mit ihm geschlossen."

„Und wann genau ist dieses Wunder passiert?", fragte Tamara.

„Als ich dachte, er wäre tot", erwiderte Snape trocken, „da konnte ich ihm einfach nicht mehr böse sein."

„Du bist ein unverbesserlicher Zyniker", sagte Tamara grinsend.

„Hm... meinst du, ich sollte mir das jetzt abgewöhnen?" Snape zog fragend die Augenbrauen in die Höhe.

„Nein! Sonst erkennen dich die Leute nicht wieder", beschied ihm Tamara. „Es reicht, wenn du zu mir nett bist."

„Wieso das denn?", fragte Snape in einem Tonfall, als wäre ihr Ansinnen ein völlig unverständliches.

„Na weil ich das verdient habe", erwiderte Tamara. Sie wählte dabei eine Stimmlage, die suggerierte, dass eine so dumme Frage eigentlich gar keine Antwort verdiente.

„Nett!", schnaubte Snape. „Das willst du doch in Wirklichkeit gar nicht."

Tamara lachte und stemmte sich hoch, sodass sie rittlings auf ihm zu sitzen kam. „Du hast Recht. Bleib einfach du selbst – das ist genau das, was ich will."

„...was ich noch immer nahezu unglaublich finde", meinte Snape.

„Was muss ich tun, dass du mir glaubst?", fragte Tamara und rieb sich an ihm.

„Hör nicht auf, mich zu wollen", sagte er. In seiner Stimme lag dasselbe Begehren, das sie auch in seinem Blick las.

„Das lässt sich einrichten", flüsterte sie und positionierte sich so, dass er sich mit einem Anheben seiner Hüften in ihr versenken konnte. Als er ihrer unausgesprochenen Aufforderung Folge leistete, keuchte sie vor Wonne und schloss einen Moment lang die Augen, um sich ganz auf sein Eindringen zu konzentrieren, das ihren Schoß vollends in Flammen setzte.

„Du fühlst dich so wahnsinnig gut in mir an", seufzte sie, während sie ihre Bewegungen seinem Rhythmus anpasste. „Wird es... immer so bleiben... zwischen uns?"

„Selbst wenn sich etwas ändert – es wird immer gut sein", prophezeite Snape.

Er zog ihren Oberkörper zu sich herab, sodass sie auf ihm zu liegen kam. Das Gesicht in seine Halsbeuge vergraben, genoss sie die dominante Art, in der er sie an den Hüften hielt, um ihr Becken seinem tief eindringenden Penis entgegen zu schieben.

Sie spornte ihn an, indem sie jeden Stoß mit einem leisen Wimmern begrüßte und nach einer Weile, als ihr sein verhaltenes Tempo nicht mehr genug war, bewegte sie sich – gegen den Druck seines Griffes ankämpfend – schneller auf ihm.

„Warte!", keuchte Snape, dem das jede Menge Beherrschung abzunötigen schien.

„Ich habe schon viel zu lange auf dich gewartet", stöhnte Tamara. „Ich will nicht mehr warten – ich will eins sein mit dir. Jetzt sofort! Und immer und immer wieder... mein ganzes Leben lang."

Sie stemmte sich mit den Händen gegen seine Schultern, streckte die Arme durch und bog den Rücken dabei ins Hohlkreuz, da Snape weiterhin eisern ihr Becken festhielt. Sein Blick lag mit wilder Intensität auf ihr, als sie sich mit aller Kraft, zu der sie ohne Zauberstab fähig war, seinem Geist öffnete und ihn rief.

Er war sofort bei ihr. Das Gefühl, das Tamara durchströmte, als seine Lust sich mit ihrer verband, war so intensiv, dass sie für einen Augenblick das Atmen vergaß. Es war, als ob ihr Körper von innen heraus glühte, als ob die Wärme, die er dabei verstrahlte, sie völlig umhüllte und alles, was nicht pures Glück war, von ihr fernhielt.

Der Kostbare Moment hielt an und als sie sich von den nun sehr drängend gewordenen Stößen dem Orgasmus entgegen tragen ließ, meinte Tamara zu schweben. Sie schrie ihre Lust hinaus – gleichzeitig mit ihrem Geliebten – als der Höhepunkt wie ein Sturm durch ihre Körper und ihren Geist fegte. Als der Schrei zu einem leisen Stöhnen verebbt war, sank Tamara auf Snape zusammen, als wäre alle Kraft aus ihr gewichen, und er umschlang sie mit den Armen.

„Ich liebe dich", flüsterte er, noch immer atemlos.

„Und ich liebe dich. Wird DAS immer so bleiben?"

„Auch wenn ich bekennender Pessimist bin - ich glaube, das wird so bleiben."

„Das glaube ich auch!", sagte Tamara. „Ach was – ich WEIß es!"

Sie kuschelte sich an ihn und schloss mit einem tiefen glücklichen Seufzer die Augen.

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Das erste, was Sullivan sah, als er die Augen aufschlug, war die recht ansehnlich geformte Rückseite einer Krankenschwester, die gerade die Vorhänge in seinem Zimmer aufzog.

Nett! War vermutlich nicht verkehrt, wieder zurückzukommen', dachte er sich, bevor er die Augen wieder schloss. Kurz darauf verließ die Schwester den Raum, ohne bemerkt zu haben, dass beim Zustand ihres Patienten eine entscheidende Veränderung eingetreten war.

Als Sullivan die Augen das nächste Mal öffnete, fiel sein Blick auf das konzentrierte Gesicht von McGonagall, die vor seinem Bett saß und in einem Buch las. Er sah sie eine Weile an, spürte dabei dem Gefühl nach, dass er diese Frau sehr mochte, und überlegte, ob er auf sich aufmerksam machen sollte. Gleich darauf überfiel ihn allerdings eine überaus verlockende Müdigkeit und er beschloss, dass die Welt noch ein wenig auf ihn warten konnte.

Er erwachte davon, dass jemand seine Hand streichelte. Diesmal war es Tamara, die an seinem Bett saß und sie las nicht in einem Buch, sondern sah ihn unverwandt an. Als er die Augen aufschlug, zuckte sie zusammen. „David!", flüsterte sie erstickt. Ihre Finger schlossen sich fest um seine Hand.

„Tamara!", sagte Sullivan. „Warum flüsterst du ...und warum weinst du?"

„Weil du wieder da bist", krächzte Tamara.

„Soll ich lieber wieder gehen?"

„NEIN!"

„Das war nicht geflüstert", stellte Sullivan lächelnd fest.

„Ich weine, weil ich mich so freue", sagte Tamara, „...und weil ich solche Angst um dich hatte."

„Hat Severus dir etwa nicht ausgerichtet, dass ich versprach zurückzukommen?", fragte Sullivan misstrauisch.

„Doch! Aber wir waren nicht sicher, ob du das auch kannst und wie lange es dauern wird."

„Pffft!", machte Sullivan, was wohl den Teil kommentieren sollte, der sein Können in Frage stellte. „Wie lange hat es denn gedauert?", fügte er mit einem vorsichtigen Ansatz von Zerknirschung hinzu. Gleichzeitig startete er einen Versuch, sich aufzusetzen und stellte bestürzt fest, dass erstens seine Muskeln eingerostet zu sein schienen und er zweitens nichts als ein Krankenhausflügelhemdchen trug, woraufhin er sich damit begnügte, etwas hoch zu rutschen und sich am Kopfende des Bettes anzulehnen.

„Fünf Tage!", sagte Tamara mit schmalen Augen.

„Oh..." Die Zerknirschung intensivierte sich. „Das war mir nicht bewusst. Hat sich kürzer angefühlt. Tut mir leid, dass ich dich so lange hab warten lassen, Täubchen."

„Warum hast du das überhaupt gemacht?" Tamara sah ihn lauernd an. „Nur um Severus zu ärgern?"

„Hat er das etwa behauptet?", fragte Sullivan amüsiert.

„Das ist nicht witzig, David!", sagte Tamara ernst. „Er hat dir das Leben gerettet... und seines dabei riskiert."

Er tätschelte beruhigend ihre Hand. „Ich weiß. Natürlich bin ich ihm dafür zu Dank verpflichtet."

„Das klingt nicht gerade so, als ob du gerettet werden wolltest."

„Er hätte das Risiko, mir zu folgen nicht eingehen sollen, sondern die Verbindung sofort trennen." Sullivan hob abwehrend die Hände. „Ich weiß, das klingt undankbar, aber es ist die Wahrheit."

„Lucius ist derselben Meinung." Tamara senkte den Blick. „Aber Severus hat nicht gezögert, als... ich ihn angebettelt habe, dich zu retten."

Sullivan hob die Hand und strich ihr sanft über die Wange. „Er ist eben ein Held und daran gewöhnt, seinen Kopf für andere zu riskieren", sagte er, „...und er liebt dich wirklich sehr", fügte er hinzu, als Tamara ihn empört ansah.

„Machst du dir eigentlich einen Begriff davon, wie das für mich war, Angst zu haben, euch beide zu verlieren?", fragte Tamara mit brüchiger Stimme. „Wie ich mich dabei gefühlt habe, als mir klar wurde, dass Severus das für mich riskiert hat? Und was in mir vorging, als er mir sagte, du hättest dich entschieden, noch ein bisschen dort zu bleiben?"

Sullivan war anzusehen, dass ihre Worte ihm zusetzten. „Es tut mir leid, dass ich dir das angetan habe, Tamara, bitte glaub mir... aber als ich dort war, erschien es mir ganz logisch, noch zu bleiben. Man hat von dort aus eine völlig andere Perspektive."

„Ich habe mir Vorwürfe gemacht", sagte Tamara heiser, „nicht nur, weil ich Severus in diese Gefahr getrieben hatte, sondern auch weil ich nicht wusste..."

„Was denn?", hakte Sullivan nach, als sie nicht weiter sprach.

„...ob du vielleicht meinetwegen nicht zurückkommen wollest, weil... weil ich Severus liebe, mehr als dich."

„Nein!", sagte Sullivan energisch. „Das war absolut nicht der Grund. Außerdem hatte ich dir ja versprochen, dass ich zurückkomme, um dich..."

„Du hast nur versprochen, dass du nicht abtreten wirst, ohne mich noch einmal gesehen zu haben", fuhr Tamara ihn an. „Das ist NICHT dasselbe."

„Okay... vielleicht war die Wortwahl ein wenig unglücklich, aber... du kennst mich doch gut genug und hättest wissen können, dass ich das nicht so meine."

Tamara sah ihn einen Moment lang schweigend an, bevor sie resignierend die Schultern zuckte. „Ich hab's ja irgendwie gewusst, aber... in so einer Situation lässt sich der Drang, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, kaum unterdrücken."

Sullivan nickte verstehend und nahm ihre Hände, die sie während des Disputs zwischen ihren Knien ineinander verknotet hatte, in die seine.

„War das, was du erlebt hast, die ganze Aufregung wenigstens wert?", fragte Tamara skeptisch.

„Ja!"

„Und was war das?"

Sullivan schüttelte den Kopf. „Darüber kann ich nichts erzählen. Es ist einfach... anders."

Tamara seufzte. „Und was hat es dir gebracht? Kannst du darüber eventuell reden?"

„Einiges! Mir ist zum Beispiel klar geworden, dass ich keine Angst mehr vor dem Tod haben muss und das ist in meinem Alter schon verdammt viel wert."

Tamara nickte betreten.

„Ich habe erfahren, dass es wichtig ist, seine Gefühle nicht zu verleugnen und manche Dinge auszusprechen... solange man es noch kann..."

Sullivan suchte Tamaras Blick, als wolle er sicher gehen, dass sie ihm auch wirklich zuhörte. „Außerdem weiß ich jetzt, dass es gut...und richtig ist, dich zu lieben und dass ich mich deswegen nicht schuldig fühlen muss", fuhr er fort, ohne sie aus den Augen zu lassen. „All das Negative, das damit verbunden ist...", er atmete einmal durch ehe er weiter sprach, „...die unerfüllte Sehnsucht und der Schmerz, gehen nicht mit hinüber auf die andere Seite, aber die Liebe bleibt bestehen. Es ist sehr schön dort... friedlich, geborgen... nicht so ... ein ewiger Kampf wie das Leben hier."

Tamara schluckte. Dass er plötzlich ohne Zögern zugab, sie zu lieben, fühlte sich aus irgendeinem Grund so an, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen und auch was er sonst noch gesagt hatte, tat ein Übriges dazu.

„Wer hat mir eigentlich diesen unsäglichen Kittel verpasst?", fragte Sullivan, der sie ablenken wollte, als er sah, dass sie um ihre Fassung rang.

„Das ist die Standardbekleidung für Koma-Patienten", presste Tamara an dem Kloß in ihrem Hals vorbei.

„Ach was... Koma..." Sullivan schüttelte den Kopf.

„So heißt der Zustand, in dem du warst, nun mal in der Wirklichkeit."

„In dieser Wirklichkeit", verbesserte der alte Zauberer. „Glaub mir - der Ort, an dem ich mich aufhielt, ist nicht weniger wirklich, als dieser hier."

„Warum wolltest du überhaupt zurückkommen, wenn es dir dort so gut gefallen hat?", fragte Tamara.

„Weil ich hier noch nicht fertig bin", sagte Sullivan, „und das hat nicht nur mit dir zu tun", fügte er hinzu, als er sah, dass seiner Schülerin diese Frage bereits auf den Lippen lag. „Und jetzt erzähl mir bitte, wie die Schlacht ausging. Nachdem ich im Hospital liege und nicht in irgendeinem fauligen Kerker, nehme ich mal an, wir haben gewonnen."

„Ja, haben wir!", bestätigte Tamara.

„Und Riddle ist noch immer tot?", fragte Sullivan lauernd.

Tamara lächelte. „Ja! Mausetot!"

„Was ist mit unseren Leuten?", fragte Sullivan tonlos. „Ich habe während des Kampfes einige fallen sehen..."

Tamara atmete einmal tief durch, ehe sie antwortete. „Arthur Weasley, Tonks, Sturgis Podmore und Alastor Moody... sind tot." Sie sah Sullivan an. Nachdem er keine Regung zeigte, sondern nur auf die kahle Wand gegenüber starrte, fuhr sie mit leiser Stimme fort. „Kingsley Shacklebolt, Hestia Jones und Bill Weasley sind schwer verletzt und liegen auch hier im St.-Mungo. Viele andere wurden leicht verwundet, konnten aber, nachdem sie medizinisch versorgt waren, nach Hause gehen, zum Beispiel Remus... aber er ist erstarrt in seiner Trauer um Tonks und lässt niemanden an sich heran... oder Molly... sie weicht nicht vom Bett ihres Sohnes..." Tamara senkte den Kopf.

„Ich werde nachher zu ihr gehen", murmelte Sullivan und drückte ihre Hand.

Tamara nickte stumm.

„Wie geht es dir?", fragte Sullivan. „Hast du alles heil überstanden?"

„Ja, ich denke schon", erwiderte Tamara.

„Und Severus? Geht's ihm gut?"

„Ja!"

„Ich hoffe doch, er hat sich um dich gekümmert und dich nach dieser ganzen Aufregung nicht alleine gelassen...?"

Tamara musste lächeln, als sie das misstrauische Gesicht ihres Lehrmeisters sah. „Aber ja, das hat er. Er wohnt noch immer bei mir... bei dir, obwohl Minerva ihm für das kommende Schuljahr eine Stelle angeboten hat und er nach Hogwarts zurückkehren könnte. Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass dein Haus weiter als Hotel missbraucht wird – wenn du heimkommst, zieht Severus aus."

„Das ist sehr zuvorkommend von ihm", meinte Sullivan und erwiderte ihr Lächeln. „Und du wirst also weiterhin bei mir wohnen...?"

„Wenn du mich nicht raus wirfst, ja", entgegnete Tamara, gerührt von dem Mix aus Unsicherheit und Hoffnung, der in seiner Frage mitgeklungen hatte.

„Natürlich werfe ich dich nicht raus – du kannst bei mir wohnen, solange du willst, auch nach deiner Ausbildung", sagte Sullivan erleichtert. „Was ist mit Lucius?"

„Es geht ihm gut. Seine Frau und sein Sohn sind zurückgekehrt. Sie warten in ihrem Haus auf die anstehende Verhandlung vor dem Zauberergamot. Severus und ich haben die Zeugen-Vorladung schon bekommen. Du wirst da sicher auch aussagen müssen. Und auch bei Severus' Verhandlung. Wie du siehst, war es also höchste Zeit aufzuwachen."

„Mit Harry, Hermine und Ron alles okay?"

Tamara nickte.

„Minerva?"

„Es geht ihr gut, wenn man mal davon absieht, dass sie nicht nur um einige Freunde trauert, sondern sich noch dazu große Sorgen um dich macht", sagte Tamara bissig.

„Schon gut!", sagte Sullivan. „Ich bin sicher, sie wird mich selbst zusammenstauchen. Du brauchst ihr diesen Job nicht abnehmen. Und damit ich das auch überstehe, werde ich jetzt noch ein bisschen schlafen – ich bin hundemüde."

„Du hast du doch die letzten fünf Tage nichts anderes getan", sagte Tamara kopfschüttelnd.

„Nein, ich hab nicht geschlafen", erwiderte der alte Zauberer und schloss die Augen.

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Sullivan verließ das St.-Mungo-Hospital am nächsten Morgen. Er tat dies gegen den ausdrücklichen Rat der Heiler und nach einer gehörigen Strafpredigt über das Ausmaß seiner Sturheit, die ihm McGonagall hatte zukommen lassen.

Die alte Dame hatte darauf bestanden, ihn in seinem Krankenzimmer abzuholen und nach Hause zu bringen, und um der schwarzen Wolke ihrer Missbilligung, die ohnehin über seinem Kopf schwebte, nicht noch etwas hinzuzufügen, hatte Sullivan widerstrebend eingewilligt.

Sie apparierten im Garten vor dem Haus. Tamara und Severus, die auf der Veranda gesessen hatten, standen auf und kamen ihnen entgegen.

„Da bist du also wieder", sagte Snape. „Schön, dass du dich doch noch entschlossen hast, dein Versprechen einzuhalten."

„Freut mich auch, dich zu sehen, Severus", erwiderte Sullivan lächelnd.

„Ich verschwinde dann mal wieder", sagte McGonagall. „Passt auf ihn auf - das Koma hat seinem Starrsinn keinen Abbruch getan." Sie ignorierte Sullivans Augenrollen und wandte sich an Snape. „Ich nehme an, du ziehst dann heute noch zurück nach Hogwarts, Severus?"

„Ja, das habe ich vor."

„Ich freu mich drauf!", sagte McGonagall herzlich.

„Danke...", erwiderte Snape überrascht, „...ich auch."

„Du kannst natürlich jederzeit zu Besuch kommen, Tamara, vor allem wenn demnächst Ferien sind."

„Vielen Dank Minerva", sagte Tamara.

„Solange noch Schüler da sind, müsst ihr euch allerdings sehr unauffällig benehmen", fügte McGonagall mit strenger Miene hinzu.

„Natürlich!", erwiderte Tamara und schob sich unauffällig vor Snape, in dessen Gesicht die ersten Anzeichen von Unmut erschienen.

„Dann werde ich auch mal...", begann Snape, nachdem McGonagall disappariert war.

„Warte", unterbrach ihn Sullivan, „ich muss zuerst noch etwas loswerden."

Snape sah ihn mit leicht skeptischem Blick an.

„Ich möchte dir danken, Severus, dass du mich zurückgeholt hast", sagte der alte Zauberer, „dass du nicht locker gelassen hast, obwohl ich mich eigentlich gar nicht retten lassen wollte. Und ich bitte dich um Entschuldigung, dass ich dir diesen riskanten Einsatz deines eigenen Lebens damit vergolten habe, dass ich mich geweigert habe, sofort in diese Realität zurück zu kommen. Das war sehr egoistisch, ...was mir aber leider erst danach klar wurde."

„Okay...", sagte Snape erstaunt.

„Und noch etwas", fuhr Sullivan fort, „du musst nicht gleich gehen, nur weil ich wieder da bin. Im Gegenteil – ich würde mich freuen, wenn du noch dableibst."

„Was zum Teufel haben sie dir im Hospital gegeben?", murmelte Snape und musterte ihn argwöhnisch.

„Überhaupt bist du jederzeit willkommen hier", sprach Sullivan unbeirrt weiter, „und ich meine damit wirklich jederzeit. Fühl dich wie zu Hause."

„Du wirst mir immer unheimlicher..." Snape starrte ihn mit stechendem Blick an.

Sullivan breitete die Arme aus und zuckte die Schultern. „Ich betrachte dich eben nicht nur als Gast, sondern als Freund", sagte er, trat einen Schritt vor, nahm den stocksteif dastehenden Tränkemeister in die Arme und klopfte ihm kameradschaftlich auf den Rücken, ehe er ihn wieder losließ.

Snape wirkte noch immer wie vom Donner gerührt, als Sullivan sich schon Tamara zuwandte - die die Szene mit großen Augen verfolgt hatte - und nun dem Grinsen, das er die ganze Zeit zurückgehalten hatte, erlaubte sich in seinem Gesicht breit zu machen.

„Dafür habe ich mir einen Schluck Whisky verdient, oder", fragte er und zwinkerte Tamara zu, als er an ihr vorbei ins Haus ging.

- ENDE -

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Epilog

Im Laufe der darauf folgenden Jahre verlief das Leben endlich wieder in ruhigeren Bahnen.

Tamara beendete ihre Ausbildung mit Erfolg und nahm danach eine Stelle in der Aurorenabteilung des Ministeriums an – allerdings nicht bei dem Sondereinsatzkommando für schwierige Fälle, dem Tonks und Moody angehört hatten, sondern bei einer Gruppe, die sich um harmlosere Vorkommnisse kümmerte, bei denen die Regeln der Zaubererwelt in irgendeiner Weise übertreten wurden, denn vom Kämpfen hatte sie nach der Schlacht im Todesserhauptquartier nach eigenen Aussagen die Nase gestrichen voll.

Sie nahm das Angebot ihres Meisters an und lebte auch nach ihrer Lehrzeit weiterhin bei ihm.

Snapes Verhandlung, die aufgrund seiner Mitgliedschaft bei den Todessern und seiner Rolle bei Dumbledores Tod angesetzt worden war, verlief erstaunlich unproblematisch und endete mit einem glatten Freispruch.

Danach unterrichtete er wieder als Professor für Zaubertränke und beeindruckte Kollegen wie Schüler dadurch, dass er sein nach wie vor furchteinflößendes Verhalten ab und zu mit einer Prise Menschlichkeit würzte, was ihn letztendlich noch unberechenbarer machte.

Malfoy kam bei seiner Verhandlung erwartungsgemäß nicht ganz so gut weg, wie sein Freund. Der Zauberergamot verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren, die jedoch auf Grund seiner Abkehr von den Todessern und seiner Rolle im Kampf gegen Voldemort zur Bewährung ausgesetzt wurde. Eine der Bewährungsauflagen war, unter Aufsicht zweihundert Sozialstunden in einem Kinderheim abzuleisten – eine Sache, mit der Tamara und Snape ihn gerne aufzogen. Lucius Malfoy machte diese Arbeit Spaß, aber das erzählte er nur seiner Frau, die er schwören ließ, dass sie es keiner Menschenseele verraten würde.

Sullivan war nach seiner Rückkehr aus dem Koma ausgeglichener, als jemals zuvor. Er gab sich nicht mehr damit ab, sich über Dinge zu ärgern, die er nicht ändern konnte und versuchte das Leben, soweit es ihm möglich war, in vollen Zügen zu genießen.

Nachdem Tamaras Ausbildung abgeschlossen war, bereiste er die halbe Welt und besuchte dabei Länder, von deren Existenz er bis dahin kaum Kenntnis genommen hatte.

Soweit ihr das Amt als Schulleiterin von Hogwarts dafür Raum ließ, begleitete in Minerva McGonagall auf diesen Reisen... was die strenge alte Dame überraschend schnell in eine glückliche, lebenslustige Frau verwandelte.

Als der Tod zu David Sullivan kam, geschah dies plötzlich – ohne jede Vorwarnung, aber auch ohne Leiden, was vielleicht auch daran liegen mochte, dass er sich keine Sekunde lang dagegen wehrte einfach loszulassen, als es soweit war.

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Wie so oft apparierte Professor Snape, als er am Abend heimkehrte, nicht direkt im Haus oder davor, sondern etwa eine halbe Meile entfernt, um das letzte Stück des Weges zu Fuß zurückzulegen. Es tat ihm gut, sich noch ein wenig zu bewegen und den Kopf durchzulüften, um den Arbeitsalltag und die damit verbundenen Widrigkeiten hinter sich zurückzulassen.

Als der Weg aus dem Wald heraus und zwischen Feldern und sanft gewellten Wiesen hindurch führte, kam das Haus in Sicht und wie fast jedes Mal, wenn er es sah, musste er an David Sullivan denken.

Vermutlich würde der alte Mann sich im Jenseits diebisch darüber freuen, dass er ständig in Snapes Gedanken herumspukte... wahrscheinlich war genau das der Grund gewesen, Tamara das Haus zu hinterlassen. Sicher hatte David gewusst, dass sie hier nicht weggehen würde... und natürlich war sie auch nicht gegangen.

Er selbst hatte - seit er nur noch die letzten beiden Jahrgänge in Hogwarts unterrichtete und den Rest seiner Zeit in einem Forschungslabor weitaus sinnvoller nutze - seine alte Wohnung im Kerker aufgegeben und war zu Tamara gezogen... in Davids Haus.

Snape lächelte und schüttelte den Kopf über sich selbst. Vermutlich würde er noch Jahre brauchen, ehe er es als ‚Tamaras Haus' oder gar ‚unser Haus' betiteln konnte.

Als er näher an das Grundstück herangekommen war, sah er Jamie Lenox im Garten hinter dem Haus mit einer Schaufel arbeiten. Er kannte den jungen Mann bereits aus dessen Schulzeit in Hogwarts. Nun war er Aurorenschüler und Tamara für einige Monate zur Ausbildung in ihrem Bereich zugeteilt worden.

Snape näherte sich lautlos. „Was machen Sie da, Lenox?", fragte er, als er in Hörweite war und genoss es, den jungen Mann nervös zusammenzucken zu sehen.

„Hallo Professor Snape. Ich habe heute... etwas gewaltig verbockt und die Chefin meinte, ich solle zur Wiedergutmachung, diesen alten, verholzten Strauch ausgraben", erklärte Lenox bereitwillig, aber auch deutlich unbegeistert ob der ihm übertragenen Arbeit. „Sie bestand darauf, dass das ohne jegliche Magie zu geschehen hätte, da der Strauch vom Vorbesitzer mit einigen üblen Flüchen bestückt sei und es gefährlich wäre, an ihm herumzuzaubern."

„Das hört sich ja fast so an, als würden Sie das nicht so richtig glauben", sagte Snape stirnrunzelnd. „Hegen Sie etwa den Verdacht, es könnte sich um reine Schikane seitens Ihrer werten Chefin handeln?"

„Nachdem meine werte Chefin – Ihre werte Frau, Sir – ja womöglich meint, den Ruf, der mit Ihrem Namen einhergeht, mit verteidigen zu müssen – obwohl ich sicher bin, dass Sie das nach wie vor ganz alleine bestens hinbekommen - kann ich diesen Verdacht nicht gänzlich ignorieren."

„Sehen Sie zu, dass Sie möglichst hurtig weiterschaufeln, Lenox", erwiderte Snape, dessen Mundwinkel daraufhin spontan nach oben tendierten, „bevor ich mich genötigt fühle, Sie mal probeweise in den Strauch zu schubsen. Und ich weiß, was das Ding anrichten kann – ich hatte schon das Vergnügen."

Immer noch amüsiert betrat er kurz darauf das Haus. Er fand Tamara in der Küche.

„Wie war dein Tag?", fragte Snape, nachdem sie sich mit einem Kuss begrüßt hatten, der in einer innigen Umarmung endete.

„Gut soweit. Deiner?"

„Wie immer, wenn ich Hornochsen unterrichte."

Tamara lachte. „Da draußen ist auch so ein Hornochse."

„Den habe ich gesehen. Willst du ihn wirklich den Strauch ausgraben lassen?"

„Nein! Das würde er sowieso nicht schaffen... aber ich finde, er kann es ruhig ein bisschen probieren."

Snape schenkte ihr einen anerkennenden Blick.

„Lucius war vorhin kurz da", sagte Tamara und grinste vergnügt. „Er hat sich von mir versichern lassen, dass niemand, der ihn ansieht, auch nur ihm Entferntesten vermuten würde, dass er kürzlich Großvater geworden ist."

„Dieser eitle Tropf! Und deshalb kommt er extra hier her?"

„Nein! Er hat uns für Samstag eingeladen... zum Abendessen... ganz zwanglos."

„Meinte er damit ‚ganz zwanglos mit nur zwanzig anderen Gästen', oder wirklich das, was man sich eigentlich darunter vorstellt?", fragte Snape naserümpfend.

„Wirklich zwanglos, mein Schatz - nur Lucius, Narcissa und wir beide."

„Schön!", meinte Snape erfreut.

„Ach ja – und du weißt ja das Allerneueste noch gar nicht... Hermine kam in der Mittagspause extra zu mir ins Büro, um es mir zu erzählen."

„Was denn? Hat sie jemanden totgeredet?"

„Sei nicht so gemein", wies Tamara in zu recht und knuffte ihn strafend in die Seite. „Nein! Es geht um den neugeborenen Sohn von Harry und Ginny. Rate, welchen Namen sie ihm geben wollen."

„Keine Ahnung", seufzte Snape. „Harry der Zweite? James der Dritte?"

„Albus Severus", verkündete Tamara mit gebührend dramatischer Intonation.

„Die spinnen doch!", knurrte Snape und schüttelte den Kopf.

Gerade als Tamara ihm sagen wollte, dass sie das eigentlich ganz rührend fand, erkannte sie staunend, dass er dabei lächelte.

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Aus! :)

Das war sie also – die Story, die mich über zwei Jahre in Trab gehalten hat. *g*

Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mir zum Abschluss ein Review dalasst, damit ich weiß, ob ich euch gut unterhalten habe und es sich damit gelohnt hat, so viel Zeit und Arbeit zu investieren.

Eure Chrissi