Angebot und Auszeit

Remus Lupin fuhr sich mit der linken Hand durch die hellbrauen, mit grauen Strähnen durchzogenen, Haare und tastete mit der anderen nach der Teetasse, die die Bedienung gerade abgestellt hatte. Das kleine Café war nicht sehr voll um diese Zeit und Remus nutzte seine Überpünktlichkeit um den alten Krimi zu lesen, den Dora ihm ausgeliehen hatte. Dementsprechend sah er auch aus. Seiten zerknittert, mit Eselsohren und der Einband mit einem großen Knick. Machte nichts, egal… Remus wusste eh schon, wer der Mörder war.

Er führte die in seiner Hand zitternde Tasse zu seinen Lippen und verbrühte sich an dem heißen Tee. „Mmh…" Remus ließ die Tasse fast fallen und presste sich Zeige- und Mittelfinger auf die tauben Lippen. Ein paar Tropfen des Earl Greys waren auf den Seiten gelandet und verfärbten einen alten Kaffeefleck, den Dora da wohl drin verteilt hatte. Was für ein Zufall, dass er genau dieselbe Seite erwischt hatte. Nein, sicherlich kein Zufall. Dora hatte schließlich auf jede Seite irgendwas gekleckert.

Der Regen draußen wurde von einer heftigen Windböe gegen die breite Scheibe geschlagen, während eine Schlange Autos gewaschen wurde, als die Ampel einfach nicht auf grün schalten wollte. Remus stützte den rechten Arm neben seiner Tasse ab und bettete das Kinn in der Handfläche um aus dem Fenster zu sehen.

Dumbledore ließ sich ganz schön Zeit und Remus hatte keine Ahnung, was der Direktor von Hogwarts von ihm wollen könnte. Nicht, das er nicht ab und zu Kontakt mit dem Zitronenbonbonssüchtigen Zauberer hatte, aber selten bestellte Albus ihn zu einem persönlichen Treffen. Vor Allem nicht, ohne ihm vorher den Grund zu nennen. Aber wer konnte schon ahnen, was hinter der Brille mit den Halbmondförmigen Gläsern vorging. Remus würde lieber gar nicht erst versuchen, es herauszufinden.

Leichter Nebel zog auf, während der Regen schwächer wurde und schon längst eine neue Reihe Autos an der Ampel gegenüber von Remus wartete. Es störte ihn nicht. Arbeitslos wie er war, ging der Tag einfach vorbei und ein neuer begann. Ein ewiger Trott zwischen dem Vollmond. Wenigstens Dora lenkte ihn inzwischen ab, aber sie war eben auch selten zu Hause, als junge Aurorin. Keine schlechten Zeiten, nein. Trotzdem… Sie hatte zu tun und Remus eben nicht.

Lesen konnte er bis er Kopfschmerzen bekam von den festzusammen gezogenen Augenbrauen. Nur kein Geld für neue Bücher und Dora anbetteln? Nie im Leben. Dafür war ein Monat zu kurz und auch sonst würde Remus es nicht tun. Sie arbeitete schwer für ihr Geld und dann sollte sie sich etwas Schönes gönnen. Auch wenn sie meinte, das sie nichts brauchte, als einen kleinen Kuss auf die Wange, wenn sie nach Hause kam. Und den gab er ihr nur zu gerne.

Völlig in Gedanken versunken bemerkte Remus die Klingel nicht, die beim Öffnen der Tür einen Gast ankündigte und starrte weiter aus dem Fenster, als hätte er noch nie Regen in London gesehen. Die hohen Absätzen von Dumbledores Stiefeln holten ihn erst, als der Direktor näher gekommen war, aus seinen Gedanken und ließen ihn den Kopf drehen.

„Remus.", begrüßte Dumbledore ihn und streckte die Hand aus. Halb richtete Remus sich auf und murmelte ein „Albus…", während er die Hand des Direktors schüttelte und sich dann zurück auf seinen Stuhl plumpsen ließ. „Wie geht es dir?", fragte Dumbledore und strich sich die auffällige Robe glatt, die ihm einige Blicke, der wenigen Gäste bescherte, bevor er sich Remus gegenüber hinsetzte.

„Der Vollmond nimmt zu.", sagte Remus, zuckte mit einer Schulter und presste die Wange gegen den leicht hervorstehenden Oberarmknochen. „Dementsprechend."

Dumbledore lächelte und warf einen kurzen Blick auf den aufgeschlagenen Roman, bevor er Remus über seine Brillengläser hinweg anlächelte. Es fiel Remus schwer der Versuchung auf dem Tisch herum zu klopfen zu widerstehen. Sollte er jetzt noch etwas sagen? Gleichzeitig mit Dumbledore öffnete er den Mund und tarnte das mehr schlecht, als recht als Gähnen.

„Entschuldige.", sagte er und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Nun, ich denke, ich nehme einen Vanille-Mocca.", sagte Dumbledore, hob eine Hand und schnipste, während Remus noch eine Augenbraue hochzog. Typisch Dumbledore. Die Kellnerin mit der halbrunden weißen Spitzenschürze nahm sich alle Zeit der Welt um die Bestellung des geduldig lächelnden Dumbledores aufzunehmen und Remus widmete sich in der Zeit wieder dem Fenster.

Wenn man die Augen schloss, dann klang der Regen fast wie ein Glockenspiel. Vorausgesetzt man konnte die vorbeirasenden Autos ausblenden, aber Remus hatte ein scharfes Gehör. Wahrscheinlich einer der wenigen Vorteile, die es mit sich brachte, ein Werwolf zu sein. Wenig war wohl auch noch übertrieben. Liebend gerne würde er seine Ohren für ein normales Leben eintauschen…

„Ich danke Ihnen.", sagte Dumbledore, als er endlich seinen riesigen Vanille-Mocca bekommen hatte. „Hm… Wir sollten das nach Hogwarts bringen." Er lächelte Remus an, bevor er einen großen Schluck nahm und etwas Schaum in seinem Bart verteilte. „Was meinst du?"

Remus schmunzelte. „Wenn Hogwarts Vanille-Mocca braucht.", sagte er. „Eine Entscheidung in dieser Richtung liegt wohl vollkommen außerhalb meines Aufgabenbereichs."

„Der da wäre?", fragte Dumbledore und schlürfte weiter an der Schaumkrone herum.

„Auf den nächsten Vollmond warten.", antwortete Remus wahrheitsgetreu, nahm seine Tasse in beide Hände und wärmte sich die kalten Finger daran. Leichte Ringe bildeten sich auf der Oberfläche, als Remus Hände nicht aufhörten zu zittern. „Warum wolltest du mich sprechen?"

Dumbledore stellte sein Getränk ab und tupfte sich den Bart mit einer Serviette ab. „Wie immer suche ich einen Lehrer für den Posten, den keiner haben will.", sagte er und Remus konnte den warmen Funken Hoffnung nicht aufhalten.

Er breitete sich in seinem Magen aus und wärmte ihn mehr als eine heiße Tasse Tee an diesem kühlen Sommertag. Unterrichten… Wollte Dumbledore, das er zurückkam? Zurück nach Hogwarts? Der einzige Ort, an dem er sich jemals zu Hause gefühlt und Freunde gefunden hatte? Freunde, die er jetzt alle verloren hatte? Ein Ort voller schmerzlicher Erinnerungen und noch dazu einem Haufen Eltern, die ihn am liebsten davon jagen würden?

„Wie kann ich dir da helfen?", fragte Remus und nahm einen kräftigen Schluck, wobei es ihn dieses Mal nicht im geringsten störte, das er sich die Zunge verbrannte und das beim Mittagessen schön bereuen würde.

„Wenn du den Posten übernimmst.", sagte Dumbledore, faltete die Hände auf dem Tisch und betrachtete die Schaumkrone, die sich allmählich absenkte.

„Albus, hältst du das für eine gute Idee?", fragte Remus, während er innerlich lauthals „Ja, ich will!" schrie. Nichts wollte er lieber als die munteren Gesichter von den Schülern zu sehen, die sich auf seinen Unterricht freuten. Unterricht, den er so liebevoll vorbereitete und dabei immer Spaß hatte. Und dann auch noch in Harrys Nähe sein. Mit zunehmendem Alter sah er James äußerlich nur noch ähnlicher und die markanten Charakterzüge von Lily wurden immer deutlicher. Dazu der kleine Einfluss, den Sirius auf ihn gehabt hatte. Remus lächelte still vor sich hin.

„Oh, ich denke, dass es eine ausgezeichnete Idee ist.", sagte Dumbledore glucksend. „Die Schüler der fünften bis siebten Klasse freuen sich schon darauf dich wiederzusehen. Da bin ich mir sicher, Remus."

„Noch habe ich nicht zugesagt.", winkte Remus ab und stellte seine Teetasse wieder ab. „Du weißt, warum ich gegangen bin. Wenn…"

„Severus ist bereit dir wieder den Wolfsbanntrank zu zubereiten.", warf Dumbledore ein. „Ich will nicht bestreiten, dass es ein schönes Stück Arbeit war, ihn dazu zubekommen, aber nun, das war meine Sorge. Deine ist es nicht mehr und auch der Schulrat hat absolut keine Einwände. Wenn ich das Bedürfnis verspürt hätte ihn da ernsthaft mit einzubeziehen."

„Die Eltern…", war Alles, was Remus sagen musste.

„Es sind die wenigsten, die etwas dagegen haben, Remus.", sagte Dumbledore sanft lächelnd. „Der Wolfsbanntrank ist sicher und inzwischen weitaus verbreiteter."

„Ich kenne die Studien, aber…" Remus seufzte. „Ich…"

„Nun, wenn du nicht willst…", seufzte Dumbledore. „Ach, dann werde ich einfach versuchen Gilderoy Lockhart aus dem St. Mungos zu bekommen. Es dürfte nicht schwieriger sein, den Eltern einen Verrückten unterzujubeln, als einen Werwolf. Was ich ja schon geschafft habe."

Remus rollte mit den Augen und seufzte. „Ich würde gerne, aber…"

„Na, dann.", sagte Dumbledore und streckte seine Hand aus. „Es gibt kein Problem, Remus. Außer du möchtest, das ich noch graue Haare bekomme, während ich mich wieder auf die Suche nach einem Lehrer begebe."

Das Grinsen konnte Remus nicht unterdrücken und schlug ein, ohne genauer darüber nachzudenken. „Gut, ich bin dabei.", sagte er.

„Ah, fantastisch!" Dumbledore nickte zufrieden. „Und jetzt besorgen wir das Rezept für einen Vanille-Mocca…"


Es war dunkel draußen geworden, regnete immer noch in Strömen und Remus saß am Küchentisch in seiner kleinen Wohnung, während Dora sich auf den Stuhl gegenüber pflanzte, um kurzerhand ihr Wasserglas umzuwerfen. „Ups…", murmelte sie und zauberte das schnell weg. „Gut, aber dann hat Alastor mich gefragt.", fuhr sie fort von ihrem Tag zu erzählen.

Remus hatte ihr noch nichts von seinem Treffen mit Dumbledore erzählt und wollte sie einfach gerne zu Ende sprechen lassen, bevor die guten Neuigkeiten endlich an die Öffentlichkeit durften. „Das freut mich.", sagte er. „Und was ist das für ein Job?"

„Rumänien.", sagte Dora und fuhr sich durch das extrem kurze und knallpinke Haar. „Mehr darf ich nicht verraten."

Remus zog die Augenbrauen fest zusammen. „Rumänien?", fragte er nach.

Dora nickte. „Seh ich endlich Charlie mal wieder.", sagte sie. „Wenn man den überhaupt noch wieder erkennen kann, bei den Brandnarben."

Remus senkte den Blick. „Wie lange?", fragte er und starrte angestrengt auf die Blümchentischdecke.

„Mindestens bis nächstes Jahr.", sagte Dora ganz aufgeregt. „Ich bin schrecklich gespannt! Nächste Woche fahren wir, also sollten wir schon mal packen, oder?"

Verdutzt schaute Remus auf. „Ich kann nicht mitkommen.", sagte er und Dora legte breit grinsend den Kopf schief.

„Doch, natürlich kannst du.", sagte sie. „Ich will doch nicht ein ganzes Jahr von dir getrennt sein."

„Es… tut mir Leid, aber…" Remus räusperte sich und drückte die Wirbelsäule durch, um sich gerade hinzusetzen. „Albus hat mir heute den Posten für Verteidigung gegen die dunklen Künste angeboten."

Dora klatschte einmal in die Hände und strahlte Remus an. „Das ist doch toll, Remus!", rief sie und sprang auf. Sie lehnte sich über den Tisch und drückte ihn einmal fest, während Remus ihr eher unbeholfen aufs Schulterblatt klopfte. Mit einem Plumpsen ließ Dora sich wieder auf ihren Stuhl fallen und hatte wahrscheinlich Glück, das nichts auf dem Tisch stand, das sie hätte umwerfen können.

Remus fand das nicht so toll. Dora war jung und eine solange Zeit voneinander getrennt… Das würde nicht gut gehen. Dafür waren sie zu kurz zusammen und Dora hatte ohnehin etwas Besseres verdient. Jemanden mit dem sie Spaß haben konnte. Spaß in Rumänien. Nach der Arbeit. Er wollte seinen Kopf nicht endlos lange in einen Kamin stecken und das dann vorher auch noch anmelden und Dora wohl erstrecht nicht. Vielleicht würde sie dort ja jemanden finden, der besser zu ihr passte… Jedenfalls wollte er ihr da nicht im Weg stehen.

„Ja, ist es…", sagte er und seufzte. „Dora, vielleicht… ist es besser, wenn wir das mit uns für eine Weile aufs Eis legen." Er traute sich nicht ihre Reaktion nicht nur Anhand ihres Gesichtsausdruck, sondern auch der Haarfarbe zu sehen und musterte weiter interessiert die Blümchentischdecke.

„Jetzt fängst du aber nicht wieder damit an, oder Remus?", wollte Dora wissen. Ihr Tonfall war schwer enttäuscht und Remus schloss für einen längeren Moment die Augen.

„Ich will dir nicht im Weg stehen…", sagte er leise, aber mit fester Stimme.

„Tust du nicht.", sagte Dora schnell. „Das wird auch so funktionieren, also…"

„Du sollst dich nicht so festlegen.", sagte Remus. „Es ist eine lange Zeit, wir sind noch nicht solange zusammen und du bist jung."

„Bitte, gut.", sagte Dora und Remus schaute jetzt doch etwas verblüfft hoch. Ganz normal schaute sie ihn an und lächelte jetzt leicht, bevor sie eine Hand ausstreckte, um ihm über die Wange zu streicheln. „Aber wenn ich wiederkomme, dann fangen wir eine richtige Beziehung an. Ohne plötzliche neue Gründe, warum es nicht klappen sollte. Ich muss mich eh auf meinen Job konzentrieren."

Remus senkte den Blick wieder. „Jaah, ich denke, so ist es das Beste.", sagte er.

„Aber ich werde dir schreiben.", sagte Dora.

Remus zuckte leicht mit den Schultern. „Klammer dich nicht fest. Hab Spaß und wenn du wieder kommst, dann schauen wir weiter.", sagte er und nickte zum Abschluss.