Altersfreigabe: ab 18
Setting: AU nach Hogwarts
Inhalt: Drei Monate Folter, zwei Menschen, ein Haus, kein Weg nach draußen – aber viel Zeit.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine/Snape, Hermine/Ron, Snape/OC
Disclaimer: Nichts gehört mir, alles ist Eigentum von J. K. Rowling.
Kommentar: Gut zwölf Jahre, nachdem ich das erste Kapitel dieser Geschichte gepostet habe, hab ich sie nochmal gelesen und gemerkt, wie sehr ich mich verändert habe. Wie viel anders ich diesen Plot heute geschrieben hätte, wie gern ich ihn heute anders geschrieben hätte. Also hab ich das gemacht.
Die Geschichte hat eine komplette Überarbeitung hinter sich. Ich hab große Teile neu geschrieben (und schändlicherweise nicht betalesen lassen, die Fehler gehen also auf mein Konto), den Plot teilweise geändert und – so hoffe ich – alles ein bisschen besser gemacht als beim ersten Mal. Charaktertreuer, logischer, glaubhafter. Vielleicht hat ja der eine oder andere Lust, mir (nochmal) auf diese Reise zu folgen. :)
Betadank geht auch weiterhin an Anja, aber halt nur für die ursprüngliche Version. Mit den Fehlern in dieser Version hat sie nichts mehr zu tun. ^^
Warnings: Gewalt, Folter, sexueller Missbrauch, Sex, Character Death, Hurt/Comfort, Angst, Alkoholmissbrauch


- Part I -

Vom Schälen einer Zwiebel


I talk in circles,
I talk in circles,
I watch for signals,
for a clue.
How to feel different.
How to feel new.
Like science fiction
bending truth.
(Sleeping at Last - Mercury)


Kapitel 1.01 – Die äußere Schicht

„Du musst es langsam in den Kessel laufen lassen. Kippe ihn etwas und dann lass es Tropfen für Tropfen in den Trank fließen." Meister Dendron deutete die Bewegung mit der Hand an, wobei er die buschigen grauen Augenbrauen weit in die faltige Stirn zog.

Severus nahm seinen Zauberstab und tat, was sein Lehrmeister ihm gesagt hatte. Der Kessel hing an einem Haken über dem Feuer. Mit einem kurzen Flicken seiner Hand kippte er etwa zwanzig Grad in seine Richtung und der simmernde Trank kletterte an der Innenwand hinauf. Er nahm das Erumpent-Sekret und eine Pipette, zog vorsichtig etwas von der hellgelben Flüssigkeit in das gläserne Werkzeug und setzte die Spitze an den Rand des Kessels. Sehr langsam, sehr vorsichtig drückte er den Gummiball zusammen und beobachtete mit klopfendem Herzen, wie der erste Tropfen sich löste.

Als er auf den Trank traf, brodelte und schäumte dieser, stieg noch ein paar Zentimeter höher im Kessel – aber er explodierte nicht. Severus sah zu Meister Dendron auf, ein breites Lächeln stand auf dem alten Gesicht. „Tropfen für Tropfen", wiederholte er und nickte ihm zu. Fünf weitere fehlten noch.

Aber bevor Severus den zweiten Tropfen des Sekrets in sein Düngemittel laufen lassen konnte, ertönte ein Krachen. Er zuckte zusammen.

Meister Dendron sah an Severus vorbei. „Was war das?", fragte er beunruhigt.

Severus schloss kurz die Augen. Er musste sich mehr konzentrieren. Hier zu sein, kostete ihn bald mehr Kraft, als er hatte, er musste sich mehr konzentrieren. „Nichts", sagte er. Als er wieder auf seinen Trank hinabsah, zitterte die Hand, in der er die Pipette hielt. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, das Zittern verschwand. Also, der zweite Tropfen.

Er wollte die Spitze der Pipette gerade wieder an die Kesselwand legen, da hörte er ein anderes Geräusch. Als würde jemand mit der flachen Hand geschlagen. Mehrmals. Begleitet von einem Beben des Labors. Wieder zuckte Severus.

„Irgendwas ist doch da", sagte Meister Dendron und raffte seinen Umhang vor dem Körper zusammen, um an Severus vorbeizugehen und nachzusehen.

Aber Severus streckte die Hand aus und hielt ihn auf. „Nicht", sagte er und sah seinem Lehrmeister fest in die Augen.

Mit gerunzelter Stirn warf dieser wieder einen Blick hinter Severus. „Was ist hier los, Severus?"

Er kniff die Augen zusammen. Sein Puls rauschte in seinen Ohren. Er ließ die Schultern kreisen. Das Zittern war in seine Hand zurückgekehrt. Er legte die Pipette weg; Erumpent-Sekret war das letzte, das man versehentlich fallen lassen wollte. „Ich möchte … wirklich … diesen Trank fertig stellen", presste Severus hervor. Seine Fingerknöchel knackten, als er die Hände zu Fäusten ballte.

„Aber da draußen ist irgendwas …"

„Ja!", sagte Severus scharf, „Genau deswegen bin ich hier!" Und nicht dort, fügte er in Gedanken hinzu.

Der Blick seines Lehrmeisters traf ihn wie eine Ganzkörperklammer. „Erklär mir das, Severus." Er sagte es ganz ruhig, aber eine weitere Ablehnung würde er nicht akzeptieren.

Severus schluckte. Er schloss die Augen. Von vorn, dachte er. Er musste einfach von vorn anfangen, dann würde sich das Problem lösen. Als er blinzelte, war der Kessel vor ihm leer, die Zutaten standen sauber nebeneinander aufgereiht auf dem Tisch und Meister Dendron sah ihn warmherzig an. „Also Severus, was machen wir heute?", fragte er.

Severus holte tief Luft. Ein Knoten in seiner Brust löste sich. Er öffnete gerade den Mund, um über das Düngemittel zu reden, als das Labor wieder bebte, wieder dieses Geräusch erklang.

Und dann fing es von vorn an.

„Was war das?" – „Nichts." – „Irgendwas ist doch da." – „Nicht."

Bis er wieder an dem Punkt war, an dem er gerade eben erst von vorn angefangen hatte – nur dass dieses Mal der Kessel leer geblieben war.

„Severus, erklär mir, was los ist." Die blauen Augen seines Lehrmeisters glänzten im Licht des Labors. Severus wollte wegschauen, aber er konnte es nicht. „Erklär es mir", wiederholte Meister Dendron, es klang beinahe hypnotisch.

Severus schluckte. Dann endlich schaffte er es, seinen Blick abzuwenden und zog sich einen Haufen Schrumpelfeigen heran, um sie zu schälen. „Es begann mit dem Tod des Dunklen Lords", sagte er heiser und zog die erste Bahn der Haut vom weißen Fruchtfleisch. „Sie ahnten etwas…"

„Wer ahnte etwas?", fragte Meister Dendron über ein weiteres Beben hinweg, als Severus nicht weitersprach.

„Die anderen Todesser. Lucius …"

Ein Flackern glitt über das faltige Gesicht. „Dieser blonde Mann, der dich schon mal hier abgeholt hat?"

„Ja."

„Was hat er geahnt?"

Severus hielt inne. Die Klinge des Messers schwebte einen Zentimeter über der Schrumpelfeige. Zitternd. Gequält sah er auf. „Dass ich für die andere Seite arbeite."

Er sah Meister Dendron schlucken. „Wann war das?"

Severus zuckte mit den Schultern und zog die nächste Hautbahn ab. „Vor ein paar Wochen … Monaten … Wer zählt schon?" Seine Stimme verlor sich.

„Bist du deswegen wieder hergekommen? Weil sie dich verdächtigten?"

Er schnaubte. „Nein. Wegen eines Verdachts wäre ich nicht hergekommen, Meister." Er warf die erste fertig geschälte Schrumpelfeige in den leeren Kessel neben sich. „Ich kam her, weil sie Beweise fanden. Und mich …"

„Was haben sie getan?", fragte Meister Dendron eindringlich.

Sein Mund wurde trocken. Er hörte Schreie wie aus einem schlecht eingestellten Radio. Zuckte zusammen, als Schmerz durch seinen Körper fuhr.

Nein!, dachte Severus. „Nein."

„Severus, bitte …"

„Nein!", rief er, als er zu Meister Dendron herumwirbelte. „Ich werde nicht darüber reden. Dafür bin ich nicht hier!"

Der alte Mann runzelte die Stirn. „Aber da draußen ist etwas, Severus." Untermalt von einem weiteren Beben, stärker dieses Mal. Und wieder dieses … Klatschen.

„Ich will es nicht wissen!"

Professor Snape?"

Meister Dendron erschrak, sah nach oben, dorthin, wo die Stimme hergekommen war. „Wer ist das?"

„Niemand!", rief Severus. Er ballte die Hände zu Fäusten, zerquetschte die Schrumpelfeige. „Das ist niemand! Sehen Sie mich an!"

Tatsächlich flackerte der Blick seines Lehrmeisters wieder zu ihm. „Du verheimlichst mir etwas, Severus."

Professor Snape!"

„Nein!" Sein Herz raste, ihm brach der kalte Schweiß aus. Das durfte einfach nicht passieren, er konnte nicht … Nein! Er würde nicht dorthin zurückgehen! Dorthin, wo … Nein!

„Severus?"

Professor Snape!"

Severus atmete so heftig, dass ihm schwindelig wurde. In seinen Ohren rauschte es. Er ließ das Messer und die Schrumpelfeige fallen und presste die Handballen gegen seine Stirn, versuchte, das alles hier festzuhalten, aber das Labor löste sich unaufhaltsam um ihn herum auf. „NEIN!", schrie er, aber es war zu spät.

Das Labor war fort.

Meister Dendron war fort.

Er war zurück in dieser verdammten Hütte auf diesem verdammten Felsen mitten im verdammten Atlantik. „Nein …", hauchte er, denn zu mehr war er nicht fähig.

Der zurückkehrende Schmerz traf ihn wie ein austretender Hippogreif mitten in den Magen. Er keuchte, Tränen schossen ihm in die Augen, ihm wurde übel. Er biss sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte. Seine Muskeln zuckten unkontrolliert.

Er konnte nicht mal sagen, was am meisten wehtat. War es sein Rücken, der von aufgeplatzten Striemen übersät sein musste? Oder sein Gesicht, das so geschwollen war, dass seine Augen nur noch zwei schmale Schlitze waren? Oder sein Po, der …

Nein!

Er kniff die Augen zusammen.

Es waren seine Arme. Seine Arme taten am meisten weh.

Sie steckten in dicken Eisenketten, die ihn dazu zwingen sollten, aufrecht zu stehen. Aber das tat er schon lange nicht mehr. Seine Beine hatten irgendwann nachgegeben. Nun lastete sein ganzes Körpergewicht auf seinen Handgelenken und Schultern. Möglicherweise hatte er sich zwischenzeitlich was ausgekugelt.

„Professor Snape!"

Über seinen trommelnden Herzschlag hinweg. Er kannte diese Stimme. Irgendwoher … kannte er sie.

Severus blinzelte, so gut er es konnte. Seine Sicht war verschwommen, aber etwas bewegte sich vor ihm.

„Sehen Sie mich an!"

Wieder blinzelte er. Langsam wurde die Sicht schärfer, ein wilder Lockenkopf schälte sich aus den Schlieren heraus. Er starrte sie an. Sekundenlang. Sie. „Miss Granger", murmelte er undeutlich. Seine Stimme klang fremd in seinen Ohren, sein Gesicht war so geschwollen, dass er die Worte nicht richtig formen konnte. Seine Wange brannte. Hatte sie ihn etwa geschlagen?

Sie nickte, anscheinend zufrieden. „Schön zu wissen, dass das Ganze sich lohnt. Stehen Sie auf! Wir haben keine Zeit zu verlieren."

Severus schnaubte. Schmerz durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. Er hielt die Luft an, bis es nachließ. Räusperte sich. Aber das Räuspern wurde zu einem Husten, das ihm den Körper zu zerreißen schien. Er konnte kaum genug Luft holen, hustete sofort wieder, feucht und rasselnd. Heiß pulsierte der Schmerz durch jede Zelle, sein Kopf pochte, die Hütte um ihn herum begann sich zu drehen.

„Stehen Sie auf!", sagte Miss Granger in diesem Moment.

Draußen ploppte es mehrmals. Sie waren nicht länger allein. Die Banne, mit denen Lucius diese Hütte geschützt hatte, hatten die Todesser auf den Plan gerufen.

„Kann nich", keuchte Severus undeutlich, zwang seine Beine allerdings trotzdem dazu, sein Gewicht zu tragen. Er musste es wenigstens versuchen, oder? Er hustete erneut, Schleim stieg brodelnd seinen Hals hinauf. Er spuckte aus, bevor seine Beine wieder unter ihm nachgaben. Die Ketten klirrten, als er mit seinem vollen Gewicht hineinfiel. Er schrie. Jetzt hatte er sich definitiv die Schulter ausgekugelt.

Im nächsten Moment verschwanden eben diese Ketten urplötzlich. Er krachte zu Boden – und wurde tatsächlich ohnmächtig.

Aber nur kurz, denn sie schlug ihm schon wieder ins ohnehin schon geschundene Gesicht. „Professor Snape! Wir haben jetzt keine Zeit dafür!"

Er spürte, wie er grob umgedreht wurde und sah verschwommen, wie sie mit dem Zauberstab einige veraltete Möbelstücke vor die offene Tür schleuderte. Das würde die Todesser nicht lange aufhalten.

Aber doch lange genug, damit sie in die Tasche greifen konnte, die über ihrer Schulter hing. Sie zog eine kleine Glasphiole heraus, die sie mit den Zähnen entkorkte. „Mund auf!", befahl sie ihm und weil es Severus gerade herzlich egal war, ob der Inhalt dieser Phiole seinen Zustand verbessern oder ihn endgültig umbringen würde, gehorchte er ihr.

Der Trank schmeckte süß und buttrig. Er verschluckte sich beinahe daran, ein Großteil lief an seinem Gesicht hinunter. Aber die Schmerzen verebbten, sein Geist wurde etwas klarer.

„Und jetzt stehen Sie endlich auf!" Sie fasste ihn hart am Oberarm.

Severus keuchte. Dieser Schmerz war so heftig, dass er selbst die Wirkung des Schmerztrankes durchbrach.

Sie ließ ihn los. Er fiel hart auf den Steinboden und seine Finger wischten nach Halt suchend durch das, was seine Lungen zu Tage befördert hatten. Schleim. Blut. Er verzog das Gesicht.

Hinter ihm krachten einige Flüche gegen das morsche Holz und vier Todesser stürmten die Hütte. Er sah nur ein Gewirr aus Beinen und konzentrierte sich darauf, irgendwie auf seine eigenen zu kommen. Sein Herz flatterte vor Anstrengung.

Stupor!", hörte er Granger schreien und das gedämpfte Stöhnen sagte ihm, dass sie nur noch drei Gegner hatten. „Petrificus Totalus!", schleuderte sie noch einen weiteren Fluch hinterher, doch ob der getroffen hatte, konnte Severus nicht sagen. „Protego!", setzte sie einen letzten oben drauf und er sah, wie nur den Bruchteil einer Sekunde später mehrere Flüche an der Schutzwand abprallten und zurückgeworfen wurden.

„Miss Granger", sagte Severus kraftlos und schaffte es tatsächlich, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die buschigen Haare wirbelten durch die Luft, als sie sich zu ihm umdrehte.

„Was?", fragte sie ungeduldig.

„Nutzen Sie … den Murus …"

Murus!", entschloss sie sich zu seiner Überraschung, den Zauber anzuwenden, ohne weiter nachzufragen. Severus beobachtete, wie der Protego durch eine feste Mauer ersetzt wurde, die sich vom Boden bis zur Decke zog und die Hütte in zwei Teile trennte. Granger nickte in der plötzlich eintretenden Stille. „Nicht schlecht …"

Er hatte sich derweil aufgesetzt, wobei ihm sofort wieder schwindelig wurde. Mit einer Hand stützte er sich auf dem rauen Boden ab. Sein Herzschlag war für einige Sekunden so laut, dass er nichts anderes mehr hören konnte. Dann gaben seine Muskeln nach, er sackte zur Seite.

Granger wandte sich von der Mauer ab. „Wie lange hält das?", fragte sie, während sie einen Diagnosezauber über ihn sprach. Hell leuchtende Schrift erschien über seinem Körper, viel hell leuchtende Schrift – zu viel, um sie jetzt komplett zu lesen. Ihre Blicke sprangen über die ersten Zeilen, ehe sie ihm die zerschlissene Kleidung vom Körper schälte und hier und da etwas heilte.

„Ein paar Minuten", nuschelte er und obwohl er jetzt leichter atmen konnte, kämpfte er wieder gegen die Bewusstlosigkeit. Anscheinend war nicht der Sauerstoff das Problem.

Granger schien seinen Kampf zu bemerken, denn sie schlug ihm wieder ins Gesicht. „Sie werden jetzt nicht ohnmächtig, verstanden?", rief sie, hielt sein Kinn mit einer Hand fest und zwang ihn, sie anzusehen. „Und jetzt stillhalten!" Sie griff nach seinem linken Arm, dieses Mal etwas sanfter. Aber diese Sanftheit hielt nur kurz an, denn sie stemmte einen Fuß in seine Achsel und Severus begriff erst eine Zehntelsekunde vor dem markerschütternden Knacken, was sie vor hatte.

Es war pervers, wie sehr das trotz des Schmerztrankes noch wehtat. Sterne tanzten vor seinen Augen, er schmeckte Magensäure auf seiner Zunge. Für einen Moment glaubte er, die Bewusstlosigkeit würde ihn nun endgültig erlösen.

Aber dann ließ der Schmerz nach und er konnte seinen Arm wieder benutzen – Schmerztrank sei Dank.

Er wand sich aus ihrem Griff und nutzte seine verbliebene Kraft, um sich zu ihr aufzustemmen. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden, Miss Granger!"

Ein süffisantes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Nicht, wenn Sie das bei Bewusstsein hält, Sir!" Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war, und hinterließ eine Maske aus Gleichgültigkeit.

Severus sank auf den Boden zurück. Sie hatte sich verändert, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sehr. Dabei konnte ihre letzte Begegnung doch höchstens zwei Jahre her sein. Oder länger? Er schob den Gedanken beiseite.

Etwas über ein Jahr vor dem Tod des Dunklen Lords hatte Albus Hermine Granger jedenfalls als letzte des Trios in den Orden aufgenommen und Severus dazu genötigt, mit ihr zusammenzuarbeiten und Tränke herzustellen. Tränke, die geholfen hatten, den Dunklen Lord zu töten. Vermutlich hatte sie sich im Nachhinein dafür gehasst. Sich selbst und wohl auch ihn, denn diese Tränke hatten zwar den Dunklen Lord getötet, Harry Potter aber auch.

Er hatte danach keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihr zu reden. Lucius Malfoy hatte die Nachfolge des Dunklen Lords angetreten und er hatte schon länger vermutet, dass Severus gar nicht ihr Spion im Orden, sondern Dumbledores Spion bei den Todessern gewesen war. Er hatte ihm die Rückkehr zum Orden untersagt.

Nicht dass das Severus davon abgehalten hatte, es trotzdem zu versuchen.

Unregelmäßig fand er Möglichkeiten, Albus eine Nachricht zu übermitteln. Aber das war eine einseitige Kommunikation gewesen und so brach sein Kontakt zu allen Ordensmitgliedern und damit auch zu Hermine Granger ab.

Damals, bevor alles so haarsträubend schief gelaufen war, hatten sie es geschafft, sich einen beinahe friedlichen Umgangston zuzulegen. Das schien sich inzwischen geändert zu haben – woran Harry Potters Tod sicherlich eine gewisse Mitschuld trug.

Severus beobachtete, wie sie an der Mauer auf und ab lief und sich darauf vorbereitete, den Gegnern einen gebührenden Empfang zu bereiten. Zumindest tat sie dies, bis sie seinem Blick begegnete und ihren nicht wieder abwandte. Auf ihrer Stirn, dicht am Haaransatz, war eine lange Narbe, die noch immer rot war, sie konnte nicht alt sein. Ihr Blick war hart, das Gesicht ausdruckslos. Und sie sah ihn an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Die Sekunden zogen sich merkwürdig in die Länge, bis sie schließlich blinzelte.

In diesem Moment begann die Mauer sich aufzulösen und Severus brach den Blickkontakt zu ihr. „Passen Sie auf!", keuchte er, als er einen ihrer Angreifer den Zauberstab heben sah. Doch seine Warnung kam zu spät.

Granger schrie, von einem weißen Lichtblitz direkt gegen das Brustbein getroffen, laut auf und wurde neben ihm gegen die hintere Wand der Hütte geschleudert. Sie fiel hart auf einige am Boden liegende Trümmer und keuchte, wobei ihr der Zauberstab aus der Hand rollte. Severus duckte sich vor einem Fluch zur Seite und griff rasch danach, ehe er aus seiner Reichweite rollen konnte.

Mühsam hob er den Blick und sah sich zwei Todessern gegenüber. Macnair, Mulciber. Er grinste, soweit sein geschwollenes Gesicht das zuließ, und deutete mit dem fremden Zauberstab auf die beiden. „Avada Kedavra!" Und so schwach seine Stimme auch klingen mochte, die Absicht hinter diesem Fluch entstand in seinem Kopf. In dem einzigen Teil seines Selbst, dem magischen Teil, den er noch immer unter Kontrolle hatte. Der Fluch entfaltete in einem grünen Blitz seine gesamte Kraft und traf Macnair direkt in die Brust. Mit einem dumpfen Poltern fiel der schwere Körper zu Boden.

Im nächsten Moment riss ihm Granger den Zauberstab aus der Hand. „Stupor!", rief sie und auch Mulciber war endlich außer Gefecht gesetzt. Sie wirbelte zu ihm herum. „Nehmen Sie niemals wieder meinen Zauberstab!", zischte sie, während sie sich auf ihrem Knie abstützte.

„Ich hätte es nicht tun müssen … wenn Ihre Verstärkung nicht so …" Severus stöhnte. „… nicht so entsetzlich feige wäre", brachte er undeutlich hervor und versuchte aufzustehen.

Granger schnaubte. „Es gibt keine Verstärkung, Professor!" Sie griff nach seinem Arm, um ihn auf die Beine zu ziehen. „Deswegen sollten wir jetzt auch sehen, dass wir hier wegkommen, ehe noch weitere Ihrer ehemaligen Freunde hier aufkreuzen." Sie zog ihn rücksichtslos zur Tür.

Stolpernd und schwankend verließen sie das appariergeschützte Innere der Hütte und Granger legte sich seinen rechten Arm um die Schultern (er spürte, wie sie kurz strauchelte und sah, dass ihre Zähne verbissen an ihrer Unterlippe nagten), während weitere Todesser um sie herum apparierten. „Pech gehabt, Jungs!", sagte sie mit einem süffisanten Grinsen und Severus spürte, wie sie mit ihm zusammen disapparierte.


Beide kamen ins Stolpern, als sie an ihrem Ziel auftauchten. Severus kniff die Augen zusammen, helles Tageslicht blendete ihn. Er verlor sein Gleichgewicht und stolperte blind umher.

Grangers Griff festigte sich. „Reißen Sie sich zusammen, Professor!", sagte sie und er öffnete seine Augen, nur um ihr einen ungehaltenen Blick zuzuwerfen.

„Hüten Sie Ihre Zunge, Miss Granger!"

Sie kräuselte die Nase. „So schlecht scheint es Ihnen ja nicht zu gehen."

Severus schnaubte abfällig, was ihn wieder husten ließ. Es brodelte in seiner Brust. „Könnte nicht besser sein", nuschelte er kaum verständlich, als er den Hustenreiz wieder halbwegs unter Kontrolle hatte. Ihm war so entsetzlich heiß.

„Wenn es für Zurechtweisungen und Sarkasmus reicht, kann es nicht …" Granger blieb abrupt stehen und beendete ihren Satz nicht. Sie beugte sich nach vorne und stützte sich wieder mit den Händen auf den Knien ab.

Severus schwankte. „Was ist los?"

„Nichts", keuchte sie und richtete sich wieder auf, zog seinen Arm fester um ihre Schultern. Er beäugte sie skeptisch. Vielleicht hatte sie sich bei ihrem Sturz verletzt. Doch ihm wurde wieder schwarz vor Augen.

„Wir sollten uns beeilen", nuschelte er, „ich werd gleich ohnmächtig …"

„Ganz schlechtes Timing", knurrte Granger und setzte sich mit ihm in Bewegung.

Severus öffnete seine Augen einen Spalt. Mit jedem ihrer Schritte hüpfte etwas vor seinen Augen, das er erst verzögert als Haus erkannte. Keines, das er kannte. Es klebte wie ein brauner Fleck mitten in einer grünen Landschaft. Er konnte nichts anderes um sie herum erkennen, nur dieses Haus. Was wollte sie hier? Ihm drehte sich der Magen um, seine Sicht verschwamm.

Granger blickte über ihre Schulter zurück. „Ich hätte besser zielen müssen", flüsterte sie hektisch und wurde noch einen Schritt schneller.

Severus wusste, was sie meinte. Die Todesser konnten seiner Spur verfolgen. Auch wenn Lucius sich große Mühe gegeben hatte, das Mal aus seiner Haut zu brennen – es band ihn stärker an diese Gruppe, als er es jemals für möglich gehalten hatte. Er war gezeichnet und würde es immer sein.

Ein Stöhnen riss ihn aus seinen Überlegungen. „Was ist los?", fragte er wieder, diesmal mit mehr Nachdruck. Wenn sie in nächster Zeit zusammenbrechen sollte, wüsste er das gern vorher.

„Das geht Sie nichts an!", fauchte Granger und sah ihn dafür nicht mal an. „Beeilen Sie sich einfach!"

Severus stützte sich kurz auf einem Holzzaun ab, der plötzlich in seinem Blickfeld aufgetaucht war. Das Holz bohrte sich hart in seine Handfläche und schwankte unter seinem Gewicht.

Im nächsten Moment zischte ein Fluch an seinem linken Ohr vorbei und traf auf die vordere Hauswand. Granger erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. „Verdammt!"

Danach machte sie sich nicht länger die Mühe, ihn zu stützen, sondern zog ihn erbarmungslos hinter sich her, so dass sie mehr stolpernd als gehend die Tür erreichten. Granger schob ihn hindurch und wehrte dabei einige Flüche über ihren Rücken hinweg ab, doch gerade, als sie ihm folgen wollte, traf einer sie am Bein. Ihr Schrei hallte laut durch den Flur.

Vom Boden aus sah er, wie sie in sich zusammensackte, und zog ihren Körper über die Schwelle, um die Tür hinter ihr schließen zu können. „Lassen Sie das!", war ihr Dank.

Sie kämpfte sich wieder auf die Beine, drehte einen Schlüssel im Schloss um und lehnte sich hart und mit einer, wie er nun sah, stark blutenden Wunde am Bein gegen die Tür. Sie schwang ihren Zauberstab durch die Luft, Severus glaubte ein paar Runen zu erkennen, dann tippte sie zweimal gegen den Knauf. Wieder stöhnte sie, ging leicht in die Knie und krallte die Hand um ihren Zauberstab, während sie die andere auf ihr Knie stützte.

„Nein, nein, nein …", wimmerte sie. Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. Ihre Hände zitterten.

„Miss Granger, was …"

„Halten Sie den Mund!", schrie sie so laut, dass er zusammenzuckte.

Mehrere Flüche trafen von außen auf die Hauswand, einer erwischte ein Fenster und ließ die Glasscheibe explodieren. Die Scherben flogen durch den ganzen Flur, Severus hob schützend einen Arm vor seine Augen.

Granger wandte sich wieder der Tür zu und sagte laut: „Initium!" Der Knauf begann rot zu glühen. Das Licht breitete sich kugelförmig aus und drang durch die Wände nach draußen. Severus hörte die Todesser aufschreien, als sie von der Tür weggestoßen und auf den Kiesweg vor dem Haus geschleudert wurden.

Kurz nachdem das Licht nach draußen hin verschwunden war, wurde es vollkommen still im Haus. Nur der keuchende Atem von ihm und Granger war zu hören. Er fixierte ihr Gesicht, das müde und gequält aussah. Seine Sicht verschwamm und ihm wurde schwarz vor Augen. „Grandioser Auftritt, Miss Granger", lallte er unverständlich und sank in die Bewusstlosigkeit.