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A/N: So nachdem ich diese Sache nun schon ewig lange im Kopf herumgeistern hatte, ist sie jetzt fertig. Eine Art One-Shot-Sequel von Blickwinkel. Es könnte sogar durchaus der Zwischenschritt für eine richtige Sequel sein.
Wer Blickwinkel nicht kennt, der wird wahrscheinlich ein paar Verständnisschwierigkeiten haben. Der Trank von dem später die Rede ist, wird in Kapitel 14/15 von Blickwinkel erwähnt, falls irgendwer noch auffrischen möchte.

Diesmal hatte ich soagr jemanden der für mich beta gespielt hat und meine rar gesähten Kommata aufbessern konnte :) Vielen Dank an Linndechir, (die selbst auch super Fics schreibt :)


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Kaltes Herz

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Da liegt er nun. Mit kalter Befriedigung schaue ich auf ihn herab. Dieses Gefühl wird nur noch stärker, als Ethin neben mich tritt, die schmale, weiße Narbe auf seiner rechten Wange eine stetige Erinnerung an das,was wir beide diesem Bastard zu verdanken haben. Sie ist noch recht frisch. Nur wenige Monate alt. Dieses letzte Zusammentreffen der beiden war nicht mehr als ein Zufall, aber es hat alles entschieden. Wäre ich dabei gewesen, vielleicht hätte ich etwas ändern können, aber bedauern tue ich meine damalige Abwesenheit in diesem Moment nicht. Ein erwartungsvoller Blick aus den leuchtend grünen Augen verleitet mich zu einem schmallippigen Lächeln. Der nur unvollkommen beherrschte Rachedurst in Ethins Zügen entspricht fast genau meinen eigenen Empfindungen. Aber wir haben alle Zeit der Welt.

„Keine Eile", murmle ich, den Blick wieder auf der nackten, bewusstlosen Gestalt vor uns, von der uns nur ein paar schmale Gitterstäbe trennen. Dieses Bild passt so gar nicht zu meinen früheren Erinnerungen von bedrohlicher Autorität, aber vielleicht geben mir auch die vergangenen Jahre eine andere Perspektive. Ich habe mich sehr verändert, seit ich dieser Person das letzte Malgegenüber stand. Nicht dass er hier viel ausrichten könnte. Über der kahlen, vergitterten Zelle liegt ein antimagisches Feld, das jegliche Fluchtversuche seinerseits effektiv unterbinden sollte. Diesmal ist er der Hilflose.

Nach der Zeit und Mühe, die es mich gekostet hat, ihn hier her zu locken und einzusperren will ich den Moment seines Erwachens auskosten. Ethin hat bereits eifrig einen vollen Eimer kaltes Wasser angeschleppt. Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Ich nicke ihm zu und beobachte, wie er beinahe manisch grinsend die eisige Flüssigkeit durch das Gitter hindurch über unseren Gefangenen entleert, der daraufhin fast augenblicklich mit einem japsenden Geräusch die Augen aufreißt.

Er scheint zunächst Schwierigkeiten zu haben sich zu orientieren. Kein Wunder nach der großzügigen Dosis Drogen, die wir ihm verabreicht haben. Wahrscheinlich kämpft er gerade gegen die unangenehme Übelkeit an, die diese spezielle Substanz nach dem Erwachen verursacht. Immerhin hat er so viel Geistesgegenwart, Ethin sofort zu erkennen. Zumindest schließe ich das aus seiner wütenden Grimasse, die jedoch gleich darauf von krampfhaftem Würgen abgelöst wird. Damit ist er erst einmal eine Weile beschäftigt.

Geduldig warte ich ab, während sich der Magen unseres Gefangenen schließlich langsam wieder beruhigt. Nach einer Weile stellt sich endlich etwas mehr Aufmerksamkeit für seine Umgebung ein. Erkennen schleicht sich in seine Augen. Ethin scheint bereits jetzt beinahe ekstatisch und schaut gebannt zu, als wollte er jede noch so kleine Zuckung für immer in sich aufnehmen und im Gedächtnis bewahren. Kein Wunder. Ich glaube sein ohnehin begründeter Hass ist über die Jahre nur größer geworden.

„Ihr!" krächzt der Gefangene schließlich, die Stimme noch heiser von der kürzlichen Beanspruchung, während sein Blick noch einmal über Ethin schweift und dann unwiderstehlich an meinem Hals kleben bleibt. Seine Gedanken sind ihm quasi auf die Stirn geschrieben. Er sucht nach einem Halsband oder einem anderen Zeichen des Sklavenstatus. Da wünsche ich ihm viel Glück, aber er wird nichts finden, denn anders als Ethin bin ich schon lange kein Sklave mehr. Seit einigen Jahren spreche ich Elarn nun schon nicht einmal mehr mit Titeln wie Meister an. Der Übergang vom formellen „Meister Shenjal" zu einem einfachen „Elarn" kam so schleichend, dass wir beide ihn erst nach einer ganzen Weile bemerkt haben.

„Seid gegrüßt, Soulbreaker", erwidere ich schließlich mit einem kleinen Lächeln. Das ist der Beiname, den Lenwe sich, zu Recht, in seiner Zeit bei dem Sklavenhändler Endalim verdient hat. Dass ich noch einige andere Namen kenne, die er in seiner bewegten Vergangenheit bereits getragen hat, muss er jetzt noch nicht wissen. Ich habe viel über ihn herausgefunden. Und es hat mich viel gekostet dieses Wissen zu erwerben. Da werde ich nicht alles auf einmal verschwenden.

„Wieso bin ich hier?"

Ich bin beeindruckt, ich gebe es zu. Man trifft selten jemanden der nackt, am Boden und mit von Erbrochenem verklebten Haaren noch eine solche Arroganz ausstrahlen kann. Wie lange er diese Einstellung wohl beibehalten wird? Der Gedanke legt sofort ein hässliches Lächeln auf meine Lippen. Ihn wirklich und nachhaltig zu brechen würde schwierig, aber das will ich gar nicht. Er soll lediglich leiden. Das was ich diesmal von ihm will, werde ich so oder so bekommen. Alles andere ist schmückendes Beiwerk.

„Das wisst Ihr nicht?" frage ich spöttisch zurück. Dass sein Blick daraufhin zu der von ihm verursachten Narbe auf Ethins Wange wandert, verrät ihn noch bevor er ein einziges Wort geäußert hat, aber trotzdem versucht er geradezu trotzig immerhin einen Rest von Unschuld geltend zu machen.

„Warum sollte sich euer Herr über eine einzige Nacht so aufregen? Er ist schließlich immer noch am Leben, oder nicht? Ich kann Entschädigung leisten für alle bleibenden Schäden."

Unser Herr… er hat die Situation also doch nicht korrekt eingeschätzt. Doch die Erwähnung von Elarn lässt einen kurzen schmerzlichen Blitz durch meine Brust zucken. Es tut mir immer noch weh daran zu denken. Auch jetzt wo er schon einige Monate verschwunden ist. Ich hätte es ahnen müssen, aber ich habe meine Augen verschlossen. Trotzdem frage ich mich fortwährend, ob ich es hätte verhindern können. Möglicherweise ist es dieser Umstand, der mich momentan so empfindlich auf alles reagieren lässt, denn im Grunde hat unser Gefangener sogar Recht. Elarn hätte sich an meiner Stelle nicht sonderlich aufgeregt. Jedenfalls nicht so sehr, als dass er Maßnahmen wie diese ergriffen hätte.

„Ich mag es nicht, wenn man ungefragt Spuren an meinem Besitz hinterlässt!" zische ich Lenwe ungehalten an. Eigentlich hatte ichvor, diese Enthüllung noch etwas hinzuziehen, aber die unerwünschte Erinnerung an Elarn gibt mir das Gefühl ihn schlagen zu wollen und lässt mich unbeherrscht reagieren. Eines Morgens war er weg. Mit all seinen Sachen. Ohne jede Ankündigung oder Erklärung. Natürlich sollte man von einem Drow nichts anderes erwarten, aber dennoch…

„Dein?"

Ein leichter Anflug von entgeisterter Unsicherheit liegt in dem Wort, bevor sich seine Miene wieder verhärtet und vorsichtig ausdruckslos wird.

„Mein", grolle ich. „In dieser Sache gibt es nur uns drei."

Lediglich sein langsames Erblassen gibt Aufschluss darüber, dass Lenwe langsam erkennt, worauf dies hinauslaufen wird. Mit kühlen Taktikern und abgebrühten Händlern kann er zwar normalerweise gut umgehen, aber im Moment fehlt ihm die Wissensgrundlage um mich zuverlässig einzuschätzen. Er hat bereits bemerkt, dass ich nicht mehr der verängstigte Junge bin, den er vor vielen Jahren gekannt hat, aber was ich nun bin ist ihm auch noch nicht ganz klar.

„Wir haben noch einige alte Rechnungen zu begleichen", teile ich ihm jetzt wieder ruhiger mit.

„Ich hatte dich nicht für jemanden gehalten, der Freude daran findet anderen Schmerzen zuzufügen", stellt Lenwe daraufhin stirnrunzelnd fest. Er liegt auch nicht einmal falsch mit seiner Einschätzung. Folter mag zwar in manchen Fällen nützlich sein, ist aber auch heute nichts was mich in Begeisterungsstürme ausbrechen ließe. Ein Mittel zum Zweck. Sonst nichts. Jedenfalls wenn ich es bin, der foltert.

„Oh missversteh mich nicht", lächle ich hintergründig. „Ich hege keinerlei Interesse daran, dir je wieder nahe zu kommen. Dafür habe ich Ethin. Du wirst dich auf andere Weise nützlich machen, nachdem er mit dir fertig ist."

Diesmal ernte ich aus gleich zwei Richtungen überraschte Blicke. Ich habe Ethin nicht gesagt, was genau ich letztendlich mit unserem alten Bekannten vorhabe. Aber ich nehme an, er wird meine Pläne mögen. Sie entbehren nicht einer gewissen Symmetrie, auch wenn sie etwas extrem sind für meine Verhältnisse. Eigentlich bin ich weniger blutrünstig. Aber in letzter Zeit scheine ich generell zu extremen Reaktionen zu neigen. Vielleicht setzt mir das Alleinsein doch mehr zu als ich dachte. Ich hasse diesen bohrenden Schmerz in meiner Brust, der jedes Mal die Erinnerung an Elarn begleitet. Als hätte er einen wichtigen Teil von mir gestohlen und mit sich fort genommen. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Konnte es noch nie.

Verärgert über diese gefühlsduselige Reaktion beschließe ich, dass nun mein Bedarf an Vergangenheitskonfrontation gedeckt ist und ich dringend eine Ablenkung brauche. Ohne weitere Worte zu verschwenden wende ich mich ab und bedeute Ethin mit einer knappen Geste mir zu folgen. Er gehorcht nach einem letzten sehsuchtsvollen Blick in Lenwes Richtung. Wahrscheinlich würde er nur zu gern sofort über ihn herfallen, aber ich bin der Meinung, dass unserem Gefangenen ein paar Tage ohne Nahrung ganz gut tun werden bevor ich das zulasse. Schließlich will ich Ethin nicht auch noch verlieren, auch wenn ich nur vor mir selbst zugeben kann wie sehr mich so ein Verlust in dieser Situation treffen würde. Immerhin werden ihn die nächsten paar Stunden wohl für seinen vorläufigen Verzicht entschädigen.

Während ich die schmale Treppe erklimme, die in unseren eigentlichen Wohnbereich führt, wende ich meine Gedanken mit einiger Mühe wieder ab von der Vergangenheit. Ich weiß genau, wie wenig es mir nützt ständig in meinen seelischen Wunden zu bohren, aber ich kann dennoch nicht davon ablassen. Das einzige, was mich von diesem Zwang befreit, ist Ablenkung. Sex, Gewalt und Unterwerfung. Je intensiver desto besser.

Also gut, was soll es heute sein? Grübelnd stehe ich einige Zeit vor dem schmalen Schrank, der diverse Dinge beherbergt, die ich über die Jahre angesammelt habe. Ich brauche etwas, das mich die nagende Einsamkeit und die Schmerzen in meinem Inneren vergessen lässt und sie zumindest für eine Weile übertönt.

Mein Blick bleibt an einer Peitsche hängen. Ich sollte nicht. Das letzte Mal ist noch nicht lange genug her, die Spuren noch deutlich sichtbar auf meiner Haut. Ich weiß es, aber wie ohne bewussten Willen schließen sich meine Finger um den metallenen Stiel. Die schlanken Ketten, die daran befestigt sind, rutschen mit einem leisem klink, klink über des Holz des Schrankfaches, als ich die Peitsche herausziehe.

In Ethins Blick liegt eine sehr eigentümliche Mischung aus Erregung und Sorge, als ich sie ihm stumm in die Hand drücke. Diese Besorgnis ist so ungewöhnlich von ihm, dass ich fast ein wenig stutzig werde.

„Bis Lenwe so weit ist, wirst du dich noch eine Weile gedulden", ermahne ich ihn aber lediglich. Mir ist zwar klar, dass es nicht der Wunsch danach ist, Lenwe zu quälen, der hinter seinem seltsamen Gesichtsausdruck steht, aber für den Moment spielt Ethin mit und wendet wie beschämt den Blick ab. Er war noch nie sonderlich erpicht darauf, über das wie und warum meiner emotionalen Ausbrüche zu diskutieren. Ich allein bin Meister meiner Entscheidungen, sage ich mir wieder einmal. Eine Versicherung, die immer öfter hohl klingt in meinen Ohren.

„Ja, Herr. Wie ihr wünscht."

Bedächtig ziehe ich die beiden Zauberstäbe aus dem dicken Haarknoten an meinem Hinterkopf, woraufhin sich die langen, schwarzen Strähnen lösen und schwer über meinen Rücken schlängeln. Ich lege die Stäbe vorsichtig zur Seite. Danach kommt der Gürtel mit den zahlreichen, kleinen Beutelchen voll nützlicher Kleinigkeiten und einem weiteren Stab. Er findet seinen Platz auf dem Tisch neben diversen Büchern. Jetzt fehlt nicht mehr viel. Erleichterung durchströmt mich, als die schwere Robe von meinen Schultern gleitet. Ein gefährliches Gefühl, aber ich brauche es in diesem Augenblick so sehr. Ich fühle mich so unausgeglichen, als wäre all meine über die Jahre hart erarbeitete innere Balance erschüttert und zerrüttet. Ich will diesen unerträglichen Zustand hinter mir lassen. Wenigstens für eine kurze Weile. Aus einem Impuls heraus falle ich auf die Knie, während meine Hände sich wie von selbst auf dem Rücken verschränken. Vor vielen Jahren war dies eine Haltung, die für mich so natürlich und selbstverständlich war wie das Atmen. Selbst jetzt noch vermittelt sie mir das Gefühl einer seltsamen Vertrautheit. Nur einen letzten Befehl muss ich noch geben.

„Fang an, Ethin."

Das ist sie, die Befreiung. Es ist als würden auf einmal alle Sorgen aus meinem Kopf gesogen oder zumindest in weiche Polster gepackt, so dass ihre scharfen Kanten nicht länger unablässig an meinen Nerven schaben. Gleich darauf beiße ich mir auf die Lippen, um ein Zischen zu unterdrücken als Ethin meinen Kopf zurückbiegt und mich dann unsanft an der Schulter auf die Füße zieht. Dabei graben sich seine Finger unbarmherzig in die erst halb verschwundenen blauen Flecken, die ich beim letzten Mal davongetragen habe.

Ich umarme in meinem Geist das dumpfe Pochen, das sich dort nun ausbreitet. Es scheint mir irgendwie sauberer als die seelischen Qualen, die meine restlichen Stunden täglich beherrschen. Zielgerichtet und klar. Kein ständiges Grübeln über Ursache und Wirkung, das Wie und Warum. Ich muss gar nicht mehr denken. Alles geschieht ohne mein Zutun. Ich lasse mich widerstandslos in das nächste Zimmer schubsen, wo für solche Anlässe ein Balken in die Decke eingelassen wurde. Er hängt waagerecht quer durch den Raum, so dass ich nur ein wenig meine Arme heben muss bis sie das glatte Holz erreichen, das knapp über meinem Kopf hängt.

Meine Haut ist so empfindlich, dass ich überdeutlich spüre wo Ethin mich streift, während er hinter mir steht und mit geübten, sicheren Bewegungen meine Handgelenke am Balken fixiert, bis ich mich nicht mehr viel bewegen kann. Fast automatisch schließe ich die Augen. Ist es Vorfreude, die mich erschauern lässt, eine trotz allem vorhandene Angst oder vielleicht beides? Ich kann es nie genau einordnen, aber auf seine Weise ist dieses unstete Kribbeln in meiner Magengegend sehr viel versprechend. Leise Ungeduld packt mich, als Ethin nun zunächst um mich herumschleicht, um mir prüfend in die Augen zu schauen. Er steht für meinen Geschmack viel zu lange reglos da und betrachtet mich. Worauf wartet er denn? Irritiert starre ich zurück.

„Was ist jetzt?" drängle ich ungeduldig, als auch das nichts hilft. Normalerweise ist er an dieser Stelle deutlich eifriger.

„Still!" zischt Ethin und schlägt mir plötzlich mit dem Handrücken hart ins Gesicht. Ich schnappe überrascht nach Luft und lecke mir ein wenig Blut von der aufgeplatzten Lippe, in die er gleich darauf spitze Zähne gräbt. Unbewusst dränge ich näher an seinen warmen Körper und spüre, wie er eine Hand in meinem Haar verkrallt um kräftig daran zu ziehen, während die andere rote, brennende Kratzspuren knapp über meinem Steißbein hinterlässt. Oh ja, genau so! Ein leises Keuchen entweicht mir, als Ethin sofort ein weiteres Mal in einem anderen Winkel über dieselbe Stelle kratzt. Der Kontrast zwischen der kühlen Luft des Raumes und dem scharfen Brennen auf meinem Rücken nimmt für einen Moment den Großteil meiner Wahrnehmung in Anspruch. Ich bin kurz davor mich wirklich fallen zu lassen, doch genau so schnell wie es begonnen hat beendet er es auch schon wieder. Nachdem er diesmal einen Schritt zurückgetreten ist, um wieder für Ewigkeiten in diese seltsame stumme Betrachtung zu verfallen, gebe ich zunächst nur ein wortloses, wütendes Zischen von mir. Was soll das verdammt?!

„Was habt ihr mit ihm vor, Herr?" will Ethin dann auf einmal von mir wissen. Einen Augenblick lang bin ich völlig überrascht, dann muss ich trotz meiner aufsteigenden Wut fast lachen. Es muss ihm wirklich wichtig sein, wenn er die Bestrafung in Kauf nimmt, die ich ihm nach diesem hinterhältigen Manöver verpassen werde. Wenn er glaubt, mich so manipulieren zu können, hat er sich gewaltig geirrt. Eigentlich sollte er mich besser kennen. Mache ich einen so unbeherrschten Eindruck in letzter Zeit?

„Hättest du mich ganz normal gefragt, hätte ich es dir vielleicht auch einfach so erklärt", spanne ich ihn zunächst einmal auf die Folter. Das hätte ich wirklich und Ethins folgende Grimasse zeigt mir, dass er sich gründlich über diese Fehleinschätzung ärgert. Prompt ändert er seine Strategie und wird auf einmal wieder unterwürfig. Nicht dass ihm das jetzt weiterhelfen wird. Eigentlich macht es mich nur wütender.

„Herr, bitte…"

„Schweig", grolle ich ihn böse an und löse mit zwei gemurmelten Worten die Lederriemen, die meine Handgelenke noch immer an den Balken fesseln. Augenblicklich ist er es, der auf einmal auf die Knie fällt und mir mit ausgestreckten Händen die Peitsche präsentiert. Ein Bild der Demut. Aber so leicht kommt er diesmal nicht davon. Zunächst schließe ich jedoch die Finger um den glatten Stiel und nehme sie ihm ab.

„Aufstehen und Hände an den Balken", kommandiere ich barsch. Eigentlich hängt das Holz zu niedrig für jemanden seiner Größe, aber das schert mich im Augenblick nur wenig. Diese unbequeme Haltung ist nichts anderes als Ethin verdient. Nach zwei weiteren Worten meinerseits ist er es, der dort fixiert ist. Gut so. Mit einem rasselnden Geräusch fällt die metallene Peitsche vor seinen Füßen zu Boden. Ein erschrockener Blick aus grünen Augen, der mir nur ein gehässiges Lächeln entlockt.

„Wie du auf die Idee kommst, so etwas Dummes bei mir zu versuchen, weiß ich zwar nicht, aber ich verspreche dir, du wirst es bedauern."

Ethin windet sich voller Unbehagen als ich ihm die Augen verbinde. Er ahnt bereits was ihm nun bevorsteht.

„Herr, es tut mir leid!" wimmert er in beginnender Verzweiflung. Jetzt wo er merkt, dass ihm mehr blüht als ein paar Schläge, wird er sehr nervös. Aber ich weiß inzwischen sehr genau, wo seine Grenzen liegen. Ein bisschen Schmerz wird ihn nicht davon abhalten, genau die gleiche Taktik beim nächsten Mal wieder anzuwenden, wenn ich ihn einmal damit davonkommen lasse. Das Warten auf die schwarze, gefräßige Leere ist es was er mehr hasst als alles andere. Sie nagt an seinem Geist noch unbarmherziger als an meinem. Und ich habe nicht vor, ihn so bald zu erlösen.

„Wenn du Glück hast, bin ich morgen wieder da", teile ich meinem ungehorsamen Sklaven liebenswürdig mit, ziehe mich wieder an und verlasse das Haus um woanders mein Vergessen zu suchen. Es wird mich auf die Schnelle zwar Geld kosten, aber das ist mir in diesem Moment egal. Ich habe gerade nicht die Nerven jetzt noch eine umständliche Verführung durchzustehen. Vielleicht sollte ich Ethin dafür arbeiten lassen, überlege ich mürrisch. Schließlich ist er für diese Kosten in gewisser Weise verantwortlich.

Einigermaßen ruhig und mit etlichen neuen Striemen auf dem Rücken, komme ich am nächsten Tag wirklich wieder zu Hause an. Das Fehlen von Elarns Sachen versetzt mir wie jedes Mal einen kleinen Stich, doch ich habe es noch immer nicht übers Herz gebracht wegzuziehen. Es sind eigentlich nur Kleinigkeiten, die fehlen, die nun aber riesige Löcher zu hinterlassen scheinen. Vielleicht macht es mir ja insgeheim Spaß, mich im Selbstmitleid zu wälzen, denke ich zynisch und schließe sehr vorsichtig die Tür hinter mir, um nicht aus Versehen eine der vielen Fallen auszulösen, die dort installiert sind.

Ich beschließe, erst später nach Ethin zu sehen, denn ich kann ihn aus dem anderen Zimmer heraus leise vor sich hin murmeln hören. Demnach scheint er zumindest bei Bewusstsein zu sein. Das genügt mir fürs erste. Stattdessen nehme ich nun eine Schale mit Wasser und begebe mich nach unten zu Lenwes Zelle. Kurz vorher kehre ich jedoch noch einmal um und hole einen kleinen Wurfpfeil, der mit einem starken Schlafgift bestrichen ist. Ich kann ihn ohne Probleme in meinem Ärmel verbergen.

Es hat zwar seine Vorteile, dass Magie dort unten nicht wirkt, aber dieser Umstand macht auch einige zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen nötig. Damit bin ich nicht ganz glücklich, aber mir ist auch klar, dass ich sonst kaum eine Chance habe, einen so begabten Magier wie Lenwe für längere Zeit gegen seinen Willen hier festzuhalten. Seiner bevorzugten Waffe beraubt ist er hilflos, so wie ich es wäre. Nun ja nicht ganz so hilflos wie ich, aber ohne eine Waffe ist er dennoch im Nachteil.

Neugierig, wie er inzwischen gelaunt sein wird, trete ich ein und werfe einen Blick in die kleine Zelle. Lenwe hockt zusammengekauert in einer Ecke und starrt mich über seine Knie hinweg finster an. Immer noch störrisch, entscheide ich. Er bestätigt meine Einschätzung auch sogleich, indem er mich anmurrt: „Wenn du dir einbildest, ich würde dich um Wasser anbetteln, vergiss es. Eher sterbe ich!"

Ich zucke nur gleichgültig mit den Schultern. Ich weiß, dass er es ernst meint. In seiner Vergangenheit gibt es genügend Vorkommnisse, die seine Entschlossenheit bezeugen.

„Mir ist bekannt, wie stur du bist", erkläre ich ihm kryptisch. „Ethin wird das nicht weiter stören, denke ich. Auch wenn du seine Gesellschaft wohl noch ein wenig entbehren musst."

Ich platziere die Schale ungefähr so weit vom Gitter entfernt auf dem Boden, dass Lenwe sie gerade erreichen können wird. Sie ist zu breit, als dass sie durch das Gitter hindurch passen würde, aber mit ein wenig Geschick ist es trotzdem möglich das Wasser darin zu erreichen. Ich werfe ihm noch einen prüfenden Blick zu und trete ein paar Schritte zurück. Es ist kaum überraschend, dass er danach keine Anstalten macht, sich auch nur im Geringsten zu bewegen.

„Wenn du nicht trinkst, setze ich dich wieder unter Drogen und flöße dir dann etwas ein", informiere ich den widerspenstigen, blonden Elfen in der Zelle kühl.

„Ein bisschen mehr Übung bekommen darin anderen deinen Willen aufzuzwingen, was?" spottet er, setzt sich jedoch trotz seiner Worte in Bewegung. „Aber das ändert nichts daran, was du wirklich bist."

Diese Behauptung, so vertraut aus meiner kurzen Zeit mit ihm, lässt eine überraschend heftige Welle des Hasses in mir hoch kochen. Eigentlich sollte es mich gar nicht berühren, denn ich weiß von damals bereits zu Genüge, was er von mir denkt oder zumindest vorgibt zu denken. Lenwe grinst still über seinem Wasser. Also hat er genau gesehen, was diese wenigen Worte in mir ausgelöst haben. Es scheint, sie nennen ihn nicht umsonst Soulbreaker. Seine Dienste als Ausbilder für neue Sklaven waren immer sehr gefragt, weil er gründlich war und keine störenden äußerlichen Spuren hinterließ. Wahrscheinlich sieht er mich immer noch so wie eines seiner Trainingsobjekte.

„Im Grunde sind wir nicht sehr unterschiedlich", teile ich ihm beherrscht mit. „Wer versteht schon einen Sklaven besser als ein anderer Sklave?"

Befriedigt beobachte ich, wie sich wieder einmal vorsichtige Ausdruckslosigkeit auf sein Gesicht schleicht. Es dauert ein paar Augenblicke bis er sich auf das eingestellt hat, was in diesem kurzen Satz offenbart wurde. Der blonde Elf vor mir hatte weder eine schöne noch eine angenehme Kindheit. Als Sohn der unglücklichen Konkubine eines erfolgreichen Kriegsherrn war ihm eigentlich das Schicksal der lebenslangen Sklaverei bereits in die Wiege gelegt.

„Du hast tief gegraben", murmelt Lenwe zunächst nur und lässt langsam die erst halb geleerte Schale sinken. „Mit wem hast du geschlafen um an solche Informationen heran zu kommen?"

Die Herablassung in seiner Stimme hat einen hohlen Beiklang, als ließe er sie nur der Form halber einfließen. Wahrscheinlich überlegt er gerade fieberhaft, was ich alles wissen könnte und wie er darauf reagieren kann.

„Wer sagt, dass ich so weit gehen musste?"

Zu meinem Ärger klingt meine Stimme nun ebenso hohl wie die seine, denn ich habe ja in der Tat Opfer bringen müssen, auch wenn es sich dabei nicht um sexuelle Gefälligkeiten handelte. Einem gefährlichen Söldnerführer wie Lord Akhreal gegen ein paar Informationen für ein volles Jahr seine Dienste zu versprechen ist jedenfalls nichts, was man leichtfertig tun sollte. Immerhin musste ich mich nicht sofort in die Ränge eingliedern. Die Hoffnung, er könnte in der Zwischenzeit seinen eigenen zahlreichen Intrigen und Ränkespielen zum Opfer fallen und mich so von diesem Versprechen entbinden, ist allerdings ziemlich schwach, und das schwarze Zeichen seines Wappens an meinem Handgelenk stellt eine stetige Erinnerung an meine zukünftigen Pflichten dar.

„Niemand, der so gut über mich Bescheid weiß, würde solches Wissen umsonst herausgeben."

„Wer sagt, dass es umsonst war?"

Wahrscheinlich sollte ich ihm nichts darüber erzählen, aber ein Teil von mir erinnert sich einfach noch zu gut an seine permanente Geringschätzung mir gegenüber. Dieses Gefühl treibt mich wohl immer noch dazu, nach wertloser Anerkennung zu streben. Selbst wenn ich eigentlich lange darüber hinweg sein müsste.

„Es gibt zwischen der knappen Handvoll von Leuten, die über meine Kindheit Bescheid wissen, nur einen der Verwendung für die Dienste eines Magiers hätte", erklärt Lenwe in bestem Lehrerton. „Und Akhreal nimmt nur die, die sich bereits einen Namen gemacht haben, was dir kaum gelungen sein kann, denn dann hätte ich ebenfalls davon gehört."

Selbst jetzt, wo er völlig in meiner Gewalt ist, sperrt sich ein großer Teil von mir instinktiv dagegen ihm die volle Wahrheit zu offenbaren. Denn zusammen mit Elarn habe ich mir in der Tat einen, wie er es gerade ausdrückte, Namen gemacht. Es ist jedoch kaum überraschend, dass Lenwe darüber nicht Bescheid weiß. Das tun die wenigsten. Hinter einer Maske ist man weniger angreifbar. Besonders wenn es um ein so gegensätzliches Duo geht wie bei Elarn und mir selbst. Kaum jemand, der sich mit Drow abgibt, wird auch mich in seiner Nähe haben wollen und umgekehrt. Daher sind sowohl Elarn als auch ich dazu übergegangen bei allen Aufträgen eine sehr reale und undurchdringliche Maske anzulegen. Nicht nur hat uns dieses Vorgehen einen sehr viel weiteren Kundenkreis eröffnet, es ermöglichte uns auch die Arbeit vom Rest unseres Lebens effektiv zu trennen. Ein manchmal mühevoller, aber letztendlich recht angenehmer Nebeneffekt.

Es erfordert allerdings auch einiges an Disziplin, sich nicht versehentlich zu verraten. Und gerade diese inzwischen tief verankerte Gewohnheit lässt es für mich nicht zu, Lenwe jetzt die Wahrheit zu offenbaren. Es gibt jedoch eine zweite Möglichkeit, die fast ebenso gut ist. Mit einem schmalen Lächeln schiebe ich meinen Ärmel zur Seite um ihm Akhreals Wappen zu offenbaren. Es wird erst verschwinden, wenn ich meine Schuld ihm gegenüber beglichen habe. Bis dahin erlaubt es ihm, mich überall zu finden. Aber damit kann ich leben. Die Arbeit in seinem Heer wird sich nicht so sehr von dem unterscheiden, was ich bisher gewohnt war.

Nun glaubt Lenwe mir offenbar doch noch, zumindest schließe ich dies aus der ungesunden Blässe in seinem Gesicht. Was er wohl glaubt, das ich mit ihm vorhabe? Ich nehme an, er erwartet verkauft zu werden, da ich ihn noch nicht getötet habe. Aber ich habe schnell gelernt mich meiner Feinde möglichst permanent zu entledigen. Besonders wenn sie so tückisch sind wie die Person vor mir. Allerdings scheine ich ihn jetzt doch endlich einmal überrumpelt zu haben, denn sobald ihm klar wird, dass ich ihn nun wirklich in der Hand habe, wirft er wütend fluchend die Schale nach mir und teilt mir in wenig schmeichelhaften Worten mit, wie sehr er hofft, Akhreal werde mich zu Tode schinden. Aber er glaubt mir. Genugtuung wäscht warm durch meine Brust.

Ich wische mir das Wasser aus dem Gesicht und lache ihn aus. Hätte ich gewusst, wie gut ich mich dabei fühle, ich hätte ihn früher her gelockt. In diesem Moment schließe ich Frieden mit einem Teil von mir selbst, dessen ich mir kaum noch bewusst war. Jetzt gerade sind alle meine jüngsten Opfer ihren Preis wert. Lenwe lag falsch und ich habe es ihm bewiesen. Wäre da nicht Ethin, ich könnte ihn jetzt sofort töten und würde nichts vermissen. Zwischen uns ist mit diesem kurzen Moment alles aufgelöst, was mich in den letzten Jahrzehnten noch im Verborgenen belastete. Mit einem unerwarteten Gefühl der Zufriedenheit sammle ich die Reste der Schale ein und lasse Lenwe allein mit seiner Wut.

Damit bleibt nun noch mein Sklave. Er sieht erschöpft aus, bemüht sich aber dennoch schwankend auf den Beinen zu bleiben nachdem ich ihn endlich von der Augenbinde befreit und losgebunden habe. Erst nachdem ich ihm in einer entsprechenden Geste zunicke sinkt er endlich dankbar nieder auf die Knie. Der gejagte Ausdruck in seinen Augen verrät mir, dass er bereits kurz davor gestanden haben muss, die Beherrschung zu verlieren.

Immerhin hat er noch genug Kraft, gepeinigt nach Luft zu schnappen und keuchend seine Reue zu beteuern, nachdem ich die strafende Kraft des Halsbandes auf ihn losgelassen habe. Nachdem ich einigermaßen überzeugt bin, dass er seine Lektion gelernt hat, erlöse ich ihn und schicke ihn baden. Den zwanghaften Drang zu Ordnung und Reinlichkeit hat er in all diesen Jahren nicht abgelegt. Mit einem halb bitteren, halb nostalgischen Lächeln erinnere ich mich an Elarns letzten Wutausbruch und die folgende, permanente Verbannung Ethins aus seinem Arbeitsraum. Danach war ich jedes Mal beeindruckt, dass er dort überhaupt noch irgendetwas finden konnte. Mir selbst ist es ganz recht, wenn jemand für mich ein wenig aufräumt.

Eine Weile versinke ich in düsterer Grübelei über die Vergangenheit, bis Ethin, leicht schlurfend und mit wachsender, dunkler Gier in den Augen, wieder auftaucht und mich aus den unangenehmen Gedanken reißt. Ob er schon bereit ist für Lenwe? Noch nicht ganz, entscheide ich nach eingehender Betrachtung. Morgen oder der Tag danach.

„Geh mir einen Tee machen", befehle ich ihm. „und bring dir etwas Wasser mit."

Keinen Tee für Ethin. Völlig vergeben habe ich ihm noch immer nicht. Wenn er sich aber weiterhin angemessen reumütig zeigt, erzähle ich ihm vielleicht trotzdem von meinen Plänen für unseren Gefangenen.

In den nächsten zwei Stunden versuche ich allerdings erst einmal vergeblich, meinen Tee in Ruhe zu trinken. Ethin streicht unter dem Vorwand aufzuräumen derart ruhelos durch alle Zimmer, dass er mich immer nervöser macht. Er wirkt wie ein streunender Hund, der sich vor der Metzgerei herumdrückt, obwohl er genau weiß, dass man ihn vertreiben wird sobald er sich zu nah heranwagt. Schließlich habe ich genug von diesem Verhalten und schicke ihn, mit einer weiteren Schale Wasser und der strikten Ermahnung, kein Wort mit ihm zu reden, hinunter zu Lenwe. Ich verstehe meinen unruhigen Sklaven zu gut um anders zu handeln. Er würde niemals direkt danach fragen, aber nach all diesen Jahren kennen wir uns gegenseitig gut genug, dass wir um unsere Bedürfnisse wissen.

Bereits nach fünf Minuten packt mich allerdings die Neugierde und nachdem ich mich selbst davon überzeugt habe, dass es durchaus Vorteile haben könnte, die beiden oder besser Lenwe zu belauschen, schleiche ich vorsichtig die Treppe hinunter. Ob er wohl versuchen wird Ethin gegen mich aufzuhetzen? Es ist in seiner Situation eine nahe liegende Taktik.

Ich bin mir recht sicher, er weiß, dass Ethin seinen ersten Meister selbst getötet hat. Jeder, der auch nur ein wenig Geschick in Wahrsagezaubern besitzt, hätte es anhand der Leiche feststellen können, die wir damals zurück gelassen haben. Und ich weiß, wie gründlich Lenwe ist. Er wird alles herausgefunden haben, was es zu wissen gibt.

„… Grund zu warten?" höre ich gleich darauf die leise Stimme des Soulbreakers durch die Tür dringen. „Ich sehe doch wie sehr du danach hungerst, Ethinayren." Ein Laut, der sich fast wie ein Bellen anhört, aber schätzungsweise ein Lachen sein soll, begleitet diese Worte. „Wieso lässt du es zu, dass er dich kontrolliert? Jemand der sogar noch schwächer ist als du selbst."

Oh schlauer Lenwe. Er versucht Ethin wütend zu machen und gleichzeitig Zweifel an mir zu schüren. Einer der beiden Ansätze mag sogar durchaus Erfolg haben, wenn man um Ethins impulsive Natur weiß.

„Er ist vor mir gekrochen, weißt du. Weinend wie ein kleines Kind und ohne jede Würde."

Ethin bleibt still, wie ich es befohlen habe, aber es stimmt, was Lenwe sagt. Damals bin ich wirklich gekrochen. Die Erinnerung daran lässt mich unvermittelt meine Fäuste ballen. Ich kann sogar beinahe noch die Gespenster von seinen Tritten an meinen plötzlich phantomhaft schmerzenden Rippen fühlen. Die Tatsache, dass ich zu jener Zeit kaum mehr war als ein verängstigtes Kind, vergesse ich für den Augenblick. Alles in mir schreit danach, Lenwe für die erlittene Schmach zur Rechenschaft zu ziehen und ihn für seine Taten in Blut zahlen zu lassen. Das plätschernde Geräusch aus der Zelle verrät mir, dass Ethin wohl gerade das Wasser auf den Boden entleert hat. Nun gut. Ich habe schließlich nie genau gesagt, was er damit anstellen sollte nachdem es seinen Bestimmungsort erreicht hatte. Mit einer bewussten Anstrengung zwinge ich mich zur Ruhe. Ich werde meine Vergeltung bekommen und zwar ohne Lenwe die Befriedigung zu geben die Bedingungen zu diktieren.

Wie die Drow sagen: Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.

Mit diesem Gedanken wende ich mich ab und gehe zurück nach oben. Fürs erste habe ich genug gehört. Es wird Zeit, mit den Vorbereitungen für meine Pläne zu beginnen. Wenn ich einmal angefangen habe, muss alles bereit sein. In meinem Kopf gehe ich ein weiteres Mal die Liste der Zutaten durch, die ich benötigen werde. Sie sind schon seit Jahrzehnten unauslöschlich in mein Hirn gebrannt. Geschrieben mit dem Blut von Unschuldigen.

Diesmal wird es keine Unschuldigen mehr geben.

Ich frage Ethin nicht, ob er seinen Auftrag ausgeführt hat, als er später wieder zu mir hinauf geschlichen kommt. Der gequält wütende Ausdruck in den grünen Augen und die kaum merklich zusammengebissenen Zähne sagen mir allzu deutlich, dass er sich an Lenwes Worten verbrannt hat wie eine Motte am Feuer. Stattdessen schicke ich ihn los um die Dinge zu besorgen, die mir noch fehlen. Es wird ihn zumindest für eine Weile beschäftigen.

Die nächsten zwei Tage verhält Ethin sich derart unauffällig, dass ich seine Gegenwart für eine Weile beinahe vergesse. Diese Taktik habe ich früher selbst angewandt und sie ist im Allgemeinen sehr effektiv. Ein Herr, der dich nicht bemerkt, wird auch keine Gelegenheit haben sich über dich zu ärgern. Es erfordert natürlich einiges an Aufmerksamkeit, trotzdem zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein, wenn man doch gebraucht wird, aber manchmal lohnt es sich dieses kleine Risiko einzugehen.

Ethin hat über ein Jahrhundert Zeit gehabt diese Technik zu perfektionieren. Deshalb überrascht es mich auch kein bisschen, dass er wie hinteleportiert dasteht sobald ich mit abwartender Miene neben demselben schmalen Schrank zum stehen komme, in dem ich unter anderem die Peitsche aufbewahre, die er vorgestern so eifrig ergriffen hat. Den letzten Tag über habe ich alles Nötige erledigt. Lenwe sitzt noch immer in seiner Zelle. Inzwischen hinreichend geschwächt von Hunger und Durst. Nun bleibt nur noch eins zu tun.

„Geh den großen Eimer holen, der in meinem Arbeitsraum neben dem Kessel steht", befehle ich Ethin. Für den Bruchteil einer Sekunde schimmert Unverständnis durch seinen Blick, doch er gehorcht wie immer ohne zu zögern. Kurz darauf steht er wieder vor mir, den verlangten Eimer in der Hand, beinahe bebend vor Eifer und Neugierde. Ich entscheide, dass es nun an der Zeit ist ihn einzuweihen.

„Erinnerst du dich noch an den Krieg zwischen den beiden Menschenstädten, Ethin?" frage ich und ernte ein leicht verwirrtes Nicken. Es ist zwar bereits etliche Jahrzehnte her, aber dieses Ereignis hatte einen so großen Einfluss auf unser beider Leben, dass er es nur schwerlich vergessen haben kann.

„Ja, Herr."

„Und an den Trank, den Elarn mich damals brauen ließ, während er weg war?"

Diesmal ernte ich zunächst nur ein zögerliches Stirnrunzeln. Dann aber weiten sich Ethins Augen in plötzlichem Verstehen.

„Das Blut!" flüstert er und packt den Eimer noch etwas fester. „Ihr wollt Lenwes Blut verwenden, um den gleichen Trank noch einmal zu brauen!"

Mein Sklave klingt ernsthaft beeindruckt von diesem Plan. Und um ehrlich zu sein wäre ich auch etwas enttäuscht gewesen, wenn dem nicht so wäre. Die Details passen zusammen als hätte ich es jahrelang geplant. Immerhin kam mit diesem Trank zum ersten Mal Lenwes Name in mein Leben. Da ist es nur passend, wenn unsere letzte Begegnung auch damit endet. Der Kreis schließt sich und es wird endlich möglich die Vergangenheit hinter mir zu lassen, wo sie hingehört.

„Genau", bestätige ich Ethins Vermutung. „Also achte darauf, dass er nicht zu viel Blut verliert. Ansonsten kannst du mit ihm machen was du willst."

Dieser Freibrief entzündet ein euphorisches Flackern in den grünen Augen. In Verbindung mit dem blutgierigen, raubtierhaften Grinsen und dem leichten Schauder der Vorfreude, der ihn durchläuft, wirkt Ethin in diesem Augenblick nicht mehr völlig zurechnungsfähig. Ich möchte heute nicht in Lenwes Haut stecken.

Unser Gefangener scheint auch sofort zu ahnen, was ihm bevorsteht. Noch bevor Ethin den Eimer schnell in eine Ecke stellt und sich Lenwe ganz zuwendet, hat der sich bereits aus seiner zusammengerollten Stellung erhoben und mit dem Rücken zur Wand platziert.

„Feigling!" zischt er mich dabei wütend an, während sein Blick zwischendurch immer wieder wachsam zu Ethin flackert. „Ich habe meine Drecksarbeit wenigstens immer selbst erledigt."

Ich zucke nur unbewegt mit den Schultern und richte die leichte Armbrust auf ihn, die ich extra für diesen Zweck mitgebracht habe. Auf diese kurze Entfernung kann sogar ich Lenwe in seiner Zelle kaum verfehlen.

„Du weißt ja, körperliche Auseinandersetzungen gehören nicht unbedingt zu meinen Stärken. Außerdem wird Ethin sehr viel mehr Spaß daran haben, dich zum Schreien zu bringen."

Mein blonder Sklave setzt sich auch sofort eifrig in Bewegung und öffnet vorsichtig die schmale Tür in der Vergitterung. Den Schlüssel wirft er mir hinaus, sobald er hindurch getreten ist und das Schloss wieder einrastet.

Beide verlieren keine Zeit mit Geplänkel. Lenwe, weil er genau weiß, wie gefährlich geschwächt er inzwischen ist, und Ethin weil er sich ohnehin kaum noch beherrschen kann. Rein äußerlich ist der Soulbreaker immer noch die imposantere Figur. Ethin wirkt so schlank und zerbrechlich im Gegensatz zu ihm, dass ich mich einen Augenblick lang frage, ob dies wirklich so eine gute Idee war. Doch letztendlich ist der Kampf, der sich nun vor meinen Augen entfaltet, recht ausgeglichen. Die fehlende Masse macht Ethin durch seine verbissene Bösartigkeit und Schnelligkeit wieder wett. Wie eine glitschige Schlange schafft er es jedes Mal Lenwes Griff zu entkommen wenn der andere Elf versucht ihn zu überwältigen. Trotz der zahlreichen kleineren Kratz- und Bisswunden, die Ethin schon nach kurzer Zeit überall am Körper hat, wirkt er in diesen Minuten so lebendig wie sonst selten. Ich kann dieses Gefühl zwar nicht ganz nachvollziehen, aber nach allem, was Lenwe ihm angetan hat, gönne ich Ethin diese Rache. Es überrascht mich allerdings wie unberührt ich bin von diesem Anblick. Sollte ich nicht mehr Befriedigung empfinden darüber Lenwe so gedemütigt zu sehen? Die vage Genugtuung, die ich fühle, erscheint mir schal und der Situation nicht angemessen. Wieder einmal ärgere ich mich über mich selbst.

Ich muss zugeben, Lenwe leistet Ethin sehr viel verbissener und härter Widerstand als ich es jemals tat. Nach einer Weile beginne ich mich unruhig zu fragen, ob mein Sklave diesem Gegner wirklich gewachsen ist. Hätte ich doch noch länger warten sollen? Unschlüssig trete ich von einem Fuß auf den anderen, kann mich jedoch noch nicht entscheiden, was nun zu tun ist. Ich verwerfe die Idee, Ethin durch einen Befehl zu unterbrechen, fast sofort. Im Moment nimmt er kaum noch etwas außerhalb dieser Zelle wahr. Seine ganze hasserfüllte Aufmerksamkeit liegt bei Lenwe, dem er gerade seine geballte Faust in den Magen rammt.

Der größere Elf krümmt sich mit einem gequälten Keuchen zusammen, schafft es aber Ethin dabei von sich zu schubsen, der daraufhin mit einem dumpfen Geräusch an die Zellenwand prallt. Besorgt beobachte ich Anzeichen von Benommenheit bei ihm. Leider erholt Lenwe sich viel zu schnell wieder und ehe ich reagieren kann nutzt er den kurzen Moment des Vorteils. Ich sehe es nur eine Sekunde zu spät kommen und muss gleich darauf unter wütenden Flüchen mit ansehen, wie unser Gefangener Ethin diesmal doch in einem permanenten Griff zu fassen bekommt. Ich kann die Gelenke knacken hören als Lenwe ihm brutal einen Arm auf den Rücken dreht, während sich sein eigener eng um Ethins Hals windet. Leider hat er sich dabei so geschickt gedreht, dass er meinen Sklaven nun als lebenden Schild zwischen sich und meine Armbrust bringt.

Ethins folgender Ausdruck überraschter Rage könnte erheiternd sein, wenn die Situation nicht so ernst wäre. Entschlossen unterdrücke ich meine Besorgnis.

„Lass ihn los. Du kommst ohnehin nicht lebend hier heraus."

Lenwe lässt, leider zu Recht, ein keuchendes Lachen erklingen und beginnt Ethin die Luft abzudrücken. Dieser Versuch war ziemlich armselig von mir. Mein Sklave zappelt unterdessen hilflos in seinen Armen, schafft es jedoch nicht sich zu befreien. Ich unterdrücke den plötzlichen Drang nervös an meiner Unterlippe zu nagen nur schwer. Ich will nicht ganz alleine sein, schießt es mir nachdrücklich durch den Kopf.

„Schließ die Tür auf, dann lasse ich ihn vielleicht am Leben", grollt unser Gefangener. Genau dies hatte ich die ganze Zeit befürchtet. Natürlich habe ich neben der Armbrust noch eine weitere Waffe bei mir, aber sobald ich Lenwe mehr Bewegungsfreiheit gewähre steigt auch die Chance, dass er dennoch entkommt.

„Aber sicher doch!"

Mein Sarkasmus hat einen unangenehm ratlosen Beiklang, der keinem im Raum verborgen bleibt. Ethin gibt einen protestierenden Laut von sich und verstärkt seine Anstrengungen. Leider führt dies nur dazu, dass Lenwe mit einem kräftigen Ruck den Druck auf seinen Arm verstärkt. Das trockene Knirschen von brechenden Knochen mischt sich mit Ethins plötzlichem Winseln und lässt mich wütend mit den Zähnen knirschen. Niemand außer mir hat das Recht ihm so etwas anzutun! Um Lenwe wenigstens zeitweise in Sicherheit zu wiegen lege ich die Armbrust auf den Boden und begebe mich dann gefährlich nah an das Gitter der Zelle.

„Lass ihn los!" zische ich noch einmal und versuche dabei Lenwe niederzustarren. Auch dieses Mal bin ich erfolglos. Das überrascht mich zwar nicht, aber es ärgert mich ungemein.

„Selbst wenn du aus dem Haus entkämst, was würdest du tun?" frage ich in dem Versuch, ihn zu beschäftigen bis mir etwas Besseres einfällt. „Du weißt nicht, wo du bist, hast weder Kleider noch andere Ressourcen… Was lässt dich glauben, dass ich dich nicht sofort wieder einfangen könnte?"

„Aber du willst etwas von mir", beharrt Lenwe auf einmal. „Also wirst du vorsichtig sein müssen."

Geistesgegenwärtig setze ich eine verärgerte Grimasse auf, als hätte er mit dieser Feststellung einen Vorteil errungen. Aus seiner Sicht ist diese Schlussfolgerung sogar sehr logisch. Warum sonst hätte ich ihn hier so lange einsperren sollen? Dass ich damit lediglich Ethin einen Gefallen getan habe, scheint ihm allerdings nicht in den Sinn zu kommen. Besagter Sklave nimmt unterdessen eine zunehmend bläuliche Gesichtsfarbe an, die ich gar nicht gerne sehe.

„Wenn er jetzt schon stirbt, wirst du kaum jemals etwas erreichen", bemerke ich bemüht milde bei diesem Anblick.

„Oh doch, dann habe ich wenigstens einen von euch das Leben gekostet! Er hätte sowieso schon vor langer Zeit sterben sollen."

Nach diesen Worten verdreht Lenwe mit einem wütenden Knurren ruckartig den bereits gebrochenen Arm und veranlasst damit selbst den, sonst sehr widerstandsfähigen Ethin, zu einem abgewürgten Schmerzensschrei. Zusammen mit dem Luftmangel führt diese Behandlung dazu, dass Ethin als nächstes die Augen verdreht und ohnmächtig wird. Lenwe, der dadurch auf einmal sein ganzes Gewicht zusätzlich zum eigenen tragen muss, flucht ärgerlich und wünscht ihn prompt zu den feurigsten Tiefen der neun Höllen, während er hastig seinen Griff um den nun schlaffen Körper erneuert.

Ich fluche ebenfalls. Leider kann ich nun nicht mehr auf Ethins Initiative zählen. Normalerweise verliert er nicht so schnell das Bewusstsein, denke ich mit plötzlicher, eigentlich ungerechter, Wut auf meinen Sklaven. So wird sich nie eine Gelegenheit bieten den vergifteten Wurfpfeil in meinem Ärmel einzusetzen! Wenn ich die Gewissheit hätte den Arm treffen zu können, den Lenwe nun um seine Mitte geschlungen hat, würde unser Gefangener schon längst schlafend am Boden liegen. Aber leider kann ich das nicht riskieren. Schon eine kleine Bewegung würde genügen und ich hätte meine letzte Waffe nutzlos verschwendet. Verdammt, wieso habe ich nicht mehr davon eingesteckt!? Mit meiner Arroganz habe ich möglicherweise Ethin das Leben gekostet. Ich glaube unserem Gefangenen nämlich durchaus, dass er ihn schließlich töten würde, wenn ich nicht auf seine Forderungen eingehe. Der Wunsch nach Rache ist immer ein guter Antrieb für irrationale Taten.

„Öffne die Tür!" verlangt Lenwe wieder. Sein befehlsgewohnter Ton lässt mich in instinktivem Trotz die Lippen zusammenpressen. Selbst nach all diesen Jahren hasse ich es, wenn man mir in dieser Weise etwas vorschreiben will. Ich muss mich nun allerdings fragen, was mir wichtiger ist. Meine Rache oder das Leben meines Sklaven.

Ich verachte mich selbst dafür, aber letztendlich ist es meine Angst vor der Einsamkeit, die mich nach einigen Augenblicken zögerlich doch zu dem Schlüssel greifen lässt. Ohne Elarn zu sein ist schmerzlich genug, aber dazu auch noch Ethin zu verlieren, der mich so versteht wie niemand anderes es jemals könnte, der jede meiner Schwächen kennt und mich braucht, so wie ich ihn brauche? Diese Vorstellung lässt eine Welle kalter Furcht in mir aufsteigen, der ich nichts entgegenzusetzen habe. Angesichts dieser Schwäche bin ich bereit, auch meine Rache an Lenwe aufzugeben, für die ich bereits ein Jahr meines Lebens geopfert habe.

Der Soulbreaker schweigt als ich das Schloss öffne, doch der Triumph in seinen Augen ist unverkennbar, während in den meinen nur hilfloser Hass steht. Er soll nur nicht glauben ich würde ihn nicht verfolgen! Wir werden ja sehen wie weit er kommt.

„Entferne den Bolzen aus der Armbrust", fordert Lenwe und stößt mit einem Fuß die Tür seiner Zelle auf, vorsichtig darauf bedacht Ethin immer zwischen uns zu halten. So sehr ich auch danach suche, ich sehe keine Gelegenheit ihn anzugreifen.

„Schieb alles an die Wand!" Sein Kopf nickt knapp in die Richtung, der am weitesten entfernten Mauer. Auch diesmal tue ich was er verlangt. Die deutlichen Anzeichen der unterdrückten Erschöpfung, die Lenwe zeigt, lassen mich trotz der ungünstigen Situation herablassend lächeln. Wie lange will er auf einer Flucht durchhalten in diesem Zustand?

Leider entspricht der blonde Elf wieder einmal nicht meinen Erwartungen, denn statt den Weg die Treppe hinauf anzutreten und zu fliehen wie ich es angenommen hatte, lässt er als nächstes seine Geisel achtlos zu Boden gleiten und springt mir mit einem bösartigen Grinsen entgegen. In meiner Überraschung reagiere ich instinktiv und vollführe eine Geste, die ihn unter normalen Umständen etliche Fuß weit zurück geschleudert hätte. Zu meinem Unglück bleibt der Zauber hier unten natürlich ohne Wirkung. Ich hätte den Wurfpfeil benutzen sollen, denke ich schwach als ich gleich darauf meinen Fehler bemerke.

Noch während ich entsetzt realisiere, dass ich gerade meine einzige Möglichkeit zur Verteidigung vertan habe stoßen wir hart aufeinander. Ich pralle heftig mit dem Hinterkopf an die Wand und sehe für einen Moment nur noch flirrende Lichter. Wie ich auch hat Lenwe natürlich sehr genau erkannt, dass eine Flucht in seinem Zustand beinahe aussichtslos wäre. Mit diesem Überraschungsangriff hat er es allerdings gar nicht mehr nötig zu fliehen. Diese Überlegungen waschen diffus durch mein Hirn während ich darum kämpfe nicht das Bewusstsein zu verlieren. Ich gewinne den Kampf, doch es kostet mich wertvolle Zeit, in der mein Gegner es schafft mir die Robe von den Schultern zu zerren und womit er meine Bewegungsfreiheit so weit einschränkt, dass ich praktisch hilflos werde. Den Wurfpfeil kann ich nun auch nicht mehr erreichen.

Ein weiteres Mal wirft sich, der um einiges größere Elf, mit voller Kraft gegen mich und die fatale Kollision von Schädel und Stein findet erneut statt, während mir gleichzeitig alle Luft aus der Lunge gepresst wird. Diesmal senkt sich wirklich für kurze Zeit tiefe Schwärze über mein Bewusstsein. Es dauert jedoch nur Sekunden und noch während ich verzweifelt versuche, durch das laute Rauschen in meinen Ohren irgendetwas wahrzunehmen, merke ich wie meine Beine langsam nachgeben und ich beginne an der Wand hinab zu gleiten.

Der warme Regen, der mir gleich darauf ins Gesicht sprüht verwirrt mich. Sind wir nicht im Haus? Irritiert blinzle ich als er mir in die Augen rinnt. Ein schweres Gewicht scheint auf einmal auf meinen Beinen zu lasten und ich strample ein wenig, in dem automatischen Versuch es los zu werden, habe aber keinen Erfolg. Erst als auch noch jemand in meinem Gesicht herumwischt fällt mir ein zu protestieren gegen diese Zustände. Leider kann ich immer noch nicht wirklich etwas hören und kaum etwas erkennen. Meine Augen brennen und meine Gedanken wirbeln wild umher. Sie lassen sich nicht in eine ordentliche Reihenfolge bringen und machen einfach keinen Sinn. Ich versuche den Kopf zu schütteln um ihn vielleicht zu klären, aber dadurch scheint alles nur noch schlimmer zu werden. Daraufhin entscheide ich gezwungenermaßen still zu sitzen und zu warten. Erst nach und nach wird mir bewusst dass jemand zu mir spricht.

„Herr?!"

Ethin?

„Herr bitte sagt etwas… Herr!"

Er klingt eindeutig panisch, was in mir ein leises, merkwürdig gedämpftes Gefühl der Sorge auslöst. Es braucht eine Menge um Ethin aus der Ruhe zu bringen. Sollte ich nicht etwas tun? Erneut zwinkere ich und versuche das Brennen meiner Augen zu lindern. Wieso kann ich meine Arme nicht bewegen?

„Herr könnt ihr mich verstehen?"

Jemand wischt vorsichtig mit einem Lappen über meine Augen. Viel besser. Jetzt kann ich wieder etwas sehen. Auch wenn es nur Schemen sind.

„Ethin?" krächze ich unsicher. Ich nehme an, dass er es ist. Lenwe würde mich kaum so sanft behandeln. Lenwe! Irgendetwas ist mit ihm… aber ich kann mich nicht erinnern. Waren wir nicht beide in der Zelle? Der Gedanke entschlüpft mir wieder, bevor ich ihn richtig greifen kann.

„Herr!!" Die Erleichterung in Ethins Stimme ist beinahe greifbar. „Wartet, ich hole Euch einen Heiltrank", versichert er nachdrücklich. Wahrscheinlich rennt er gleich darauf los um genau dies zu tun, aber ich kann immer noch nicht richtig hören und jetzt wo er nicht mehr so panisch klingt beruhige ich mich ebenfalls wieder. Die Gefahr muss wohl vorüber sein, entscheide ich vage und schließe zunächst erschöpft die Augen.

Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert bis Ethin wieder zurückkommt, denn ich verbringe die Zeit in einem dichten Nebel, während ich erfolglos versuche meine widerspenstigen Gedanken zu bändigen.

„Hier, trinkt das, Herr."

Mit der unglaublich sauer schmeckenden Flüssigkeit, die ich daraufhin schlucke, kommt auch langsam etwas mehr Klarheit über mich. Verwirrt betrachte ich einige Augenblicke Lenwes Leiche, die immer noch über meinen blutgetränkten Beinen liegt. Fragend blicke ich zu Ethin.

„Es tut mir leid, Herr", versichert er daraufhin eindringlich, aber wenig hilfreich.

„Leid?" frage ich erstaunt nach. Ich bin immer noch nicht ganz bei mir und kann sein Verhalten zunächst nicht nachvollziehen. „Du hast ihn getötet?" erkundige ich mich um sicher zu gehen. Eine reichlich dumme Frage, aber ich bin gerade wirklich nicht in Höchstform. Er muss seine Ohnmacht nur vorgespielt haben. Schlauer Ethin.

„Ja, Herr."

Freude und Reue sind eine seltsame Mischung, aber mein Sklave schafft es in diesen zwei Worten gleich beides auszudrücken. Ich starre ihn weiter an. Ein Arm hängt leblos an seiner Seite und die zahlreichen Kratzer und Prellungen geben ihm einen reichlich zerschlagenen Anblick, aber im Moment scheint er noch fähig die Schmerzen zu verdrängen.

„Es tut mir leid", wiederholt er, offensichtlich besorgt um etwas das ich immer noch nicht ganz ergründen kann. Erst sein nächster Satz bringt mir endlich Klarheit. „Ich habe das ganze Blut verschwendet, Herr."

Einen Moment kann ich Ethin nur weiter ausdruckslos anstarren. Manchmal frage ich mich ernsthaft wie sein Gehirn funktioniert. Oder steht er einfach nur unter Schock?

„Mach dir keine Sorgen, Ethin", beruhige ich ihn und unterdrücke dabei ein leicht hysterisches Lachen. „Es ist nicht deine Schuld."

Nach dieser Absolution entspannt er sich augenblicklich. Wo er das Messer versteckt hatte frage ich ihn gar nicht erst. Ich bin im Augenblick einfach nur froh, dass er es hatte. Bei dem Gedanken daran, wie nah wir daran waren einem hungerschwachen, nackten Gefangenen zu unterliegen, schaudert es mich unwillkürlich. Trotz all der Erfahrung, die ich bisher sammeln konnte, wird mir gerade klar, dass ich noch einiges zu lernen habe. In Augenblicken wie diesen fehlt mir Elarn besonders. Im Gegensatz zu mir, scheint er immer zu wissen, was als nächstes zu tun ist. Aber es ist nun mal nicht zu ändern, halte ich mir hart vor. Von jetzt ab muss ich selbst zurechtkommen. Entschlossen schiebe ich die schwere Leiche von meinen Knien.

„Komm, lass uns nach oben gehen, damit ich deinen Arm heilen kann", fordere ich Ethin auf und kämpfe mich auf die Beine.

Ich kann mir nur zu gut vorstellen, was wir beide für ein lächerliches Bild abgeben müssen, als wir uns die schmale Treppe hinaufquälen, zerschlagen und schwankend wie zwei Verlierer einer Wirtshausprügelei. Ein selbstironisches Grinsen bemächtigt sich meiner Lippen. Wenigstens weiß ich in diesem Fall, was zu tun ist, und schon bald sieht man weder Ethin noch mir an, dass wir einen Kampf hinter uns haben.

Erschöpft, aber gesund sitze ich in einem Sessel, die dampfende Tasse Tee in meiner Hand so ruhig, dass es mich fast selbst erstaunt. Ethin hockt an meine Beine gelehnt auf dem weichen Teppich. Normalerweise ist er weniger anschmiegsam. Wie es scheint haben die heutigen Vorkommnisse ihn auch erschüttert. Elarn wäre so etwas nicht passiert. Unwillig presse ich bei diesem Gedanken die Lippen zusammen.

„Warum ist er gegangen?" platzt es unvermittelt und geradezu lächerlich vorwurfsvoll aus mir heraus. Normalerweise behalte ich solche nutzlosen Fragen für mich, denn natürlich weiß ich, dass Ethin auch keine Antwort darauf hat, aber diese eine Frage, die mir mehr im Kopf herum spukt als alle anderen, lässt mir einfach keine Ruhe und ich bekomme langsam das Gefühl, ich würde platzen, wenn ich sie nicht ausspreche. Wieso kann ich nicht einfach an etwas anderes denken? Bisher konnte ich mich bei solchen Gelegenheiten durch Arbeit ablenken. Doch nun haben wir Lenwes Schicksal besiegelt, wenn auch nicht ganz wie es ursprünglich beabsichtigt war; Lord Akhreal hat mich noch nicht zu sich befohlen und es gibt einfach nichts mehr zu planen oder vorzubereiten.

„Fragt ihn, Herr", schlägt Ethin daraufhin mit typischer Unverfrorenheit vor. Ich werfe ihm einen ungnädigen Blick zu, sehe aber gleichzeitig ein, dass er möglicherweise sogar Recht hat. Zumindest theoretisch. Schließlich ist der Drow nicht mehr hier und hat noch dazu alles mitgenommen, was mich dazu befähigen würde ihn zu finden.

Wenn ich nur wüsste, wohin Elarn verschwunden ist! Andererseits, überlege ich plötzlich, habe ich sogar Lenwe und seine gut verborgene Vergangenheit gemeistert. Wieso sollte ich also meinen kapriziösen Meister und Partner nicht auch irgendwie finden können? Die Idee ist so nahe liegend und einfach, dass es mich jetzt erstaunt nicht früher daran gedacht zu haben. Aber nachdem ich nun monatelang mein Bestes getan habe, jedes Mal möglichst schnell alle Erinnerungen an ihn und die letzten Jahrzehnte zu verdrängen, sollte mich das wahrscheinlich nicht überraschen. Ich habe mich verhalten wie ein emotionaler Dummkopf und meine Gefühle über alle Logik triumphieren lassen. Damit hat es nun ein Ende, beschließe ich plötzlich.

Ich werde Elarn finden. Und wenn ich ihm dann gegenüber stehe, sollte er besser eine verdammt gute Erklärung parat haben!