Episode 02: Verkehrte Wirklichkeit

Episode 02: Zwei verschiedene Welten

Ein junger Mann, um die zwanzig, stand in einem der oberen Stockwerke, des tokyoter Rathauses, welches sich in die Skyline Shinjukus eingliederte, und sah nachdenklich aus dem Fenster. Der Flur, in dem er stand, war dunkel und ein ganzes Stück unter ihm, konnte er auf den brausenden Strom der Autolichter erkennen. Er seufzte und wandte sich zum Gehen.

Die Haare des Mannes waren kurz geschoren, nur am Nacken waren sie etwas länger und zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden.

Etwas schien ihn zu bedrücken. Er machte ein nachdenkliches Gesicht.

Da halten Schritte im Gang wieder und ein Mädchen, fast eine junge Frau, mit langen offenen Haaren und in einem kurzen, recht engen Kleid, kam ihm entgegen und blieb ein paar Meter vor ihm stehen. „Wo bleibst du so lange? Wolltest du nicht schon gehen?", fragte sie ihn und ihr Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.

„Hmm", machte der Mann etwas verstimmt und zuckte mit den Schultern.

„Was ist los?", fragte das Mädchen daraufhin und ging auf ihn zu. Sie schien keine Japanerin, zumindest keine vollblütige zu sein, da ihr Haar hell war und ihre Gesichtsform nicht unbedingt japanertypisch.

„Es gab wieder einen Angriff", erwiderte der Mann, während sein Blick wieder zum Fenster schweifte.

„Ich weiß, ich habe das Feld gesehen", antwortete die Frau. „Das ist der vierte in der gesamten Woche, oder?"

Er nickte nur und ging weiter, woraufhin sie neben ihm herlief.

„Was machst du überhaupt noch hier?", fragte er, als sie das Treppenhaus erreichten.

Sie seufzte. „Wir waren verabredet."

Daraufhin schwieg er eine Weile, wandte den Blick wieder ab. „Tut mir leid", meinte er und sah sie entschuldigend an, woraufhin sie nur mit den Schultern zuckte.

„Wir können immer noch was essen gehen", erwiderte sie und lächelte ihn an. „Morgen ist Samstag. Wir haben noch Zeit."

„Gut." Mehr sagte er nicht.

Sie standen nun vor dem Aufzug und das Mädchen drückte den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Schweigend warteten sie, bis endlich das Läuten ertönte und die Tür zum Aufzug sich öffnete. Sie gingen hinein.

„Da ist noch etwas", meinte auf einmal der Mann, als sich die Schiebetür hinter ihnen schloss und sie ins Erdgeschoss herunter fuhren.

Das Mädchen sah ihn überrascht und gleichzeitig fragend an.

„Der Junge, der heute Abend angegriffen wurde", murmelte er. „Er hatte ein Digimon bei sich."

Derweil lungerte Denrei immer noch in Shibuya herum, beziehungsweise wartete darauf, dass die breiten Menschenmassen verschwinden würden, da er Angst hatte mit seinen Verletzungen und vor allem mit Dracomon aufzufallen. Zwar glaubte er nicht, dass es an sich schlimm wäre, würden die Menschen von der Existenz der Monster erfahren, doch ahnte er, dass ein so unbeholfenes Auftreten nachts in Shibuya eine Panik auslösen könnte. Vielleicht könnten sie sich am Mitake Park verstecken. Wenn er sich nicht irrte, mussten sie irgendwo in der Nähe sein.

„Ich habe Hunger", ließ Dracomon, welches mit hängendem Kopf neben ihm hertrottete, auf einmal verlauten.

Denrei seufzte. Auch sein Magen knurrte. Es war mittlerweile immerhin schon kurz nach elf und die Nacht war herein gebrochen. „Ich auch", meinte er schließlich und blieb stehen. „Aber wir können jetzt nichts zu essen holen."

„Warum nicht?", maulte sein Partner nun und blieb ebenfalls stehen.

„Weil es bei uns nicht normal ist", begann der Junge und suchte nach den richtigen Worten. Wie sollte er das einem Digimon erklären, von dem er nicht mal wirklich wusste, wie es entstanden war? „Die meisten Menschen kennen keine Digimon." Er wusste, dass das falsch ausgedrückt war. „Und sie hätten wahrscheinlich Angst vor dir." Damit beugte er sich zu ihm runter und sah ihm in die Augen.

„Angst vor mir?", fragte es nun ungläubig und sah zurück.

„Ja", erwiderte Denrei.

„Aber wieso denn?" Dracomon schien nun ernsthaft verwirrt und sah mehrmals an sich herunter, musterte seine kurzen Ärmchen.

„Weil du…" Wieder war er in Verlegenheit und rang um die rechten Worte. „Weil Menschen nur Menschen gewöhnt sind und vor vielem anderen Angst haben."

Das Digimon schwieg und schien nachzudenken. An ihnen huschte eine Katze mit irgendwelchen Essensresten im Maul vorbei. „Auch vor der?", fragte es auf einmal der Katze nachzeigend.

Denrei lachte. „Nein, vor der nicht. Katzen sind für die Menschen auch normal. Genauso wie Hunde oder Pferde oder…"

„Wieso denn keine Digimon?", fragte der kleine Drache nun.

„Weil es davon hier weniger gibt…" Er grinste verlegen. „Außerdem können Katzen oder Hunde den Menschen wahrscheinlich nicht so viel Schaden zufügen wie ein Digimon."

Dracomon schwieg. „Das versteh ich nicht."

Daraufhin lachte Denrei und tätschelte den Kopf des Digimons. „Das wirst du schon noch, wenn du erst mal eine Weile hier bist."

„Wie lange wird das sein?", fragte es.

„Ich weiß es nicht", antwortete er. ‚Aber ich hoffe sehr lange', dachte er und lächelte schwach.

„Und wann gibt es essen?"

„Später", erwiderte er nur und lächelte es noch einmal an, ehe er sich wieder aufrichtete und weiterging.

„Ich hab aber jetzt Hunger", nörgelte der Drache weiter.

„Da kann ich nichts machen."

„Das ist gemein." Dracomons Stimme klang wie die eines kleinen Kindes.

„Im Moment kann ich nichts machen", wiederholte Denrei nur und zuckte mit den Schultern. „In ein oder zwei Stunden können wir zu mir nach Hause, da kann ich dir etwas zu essen machen, okay?"

Daraufhin blieb das Digimon stehen. „Das ist zu spät!", rief es und wandte ihm den Rücken zu. „Dann besorge ich mir eben selbst etwas." Mit diesen Worten watschelte es los, mit einer Geschwindigkeit, die Denrei ihm gar nicht zugetraut hatte.

Er brauchte etwas, bis er schaltete. Wahrscheinlich war er einfach zu erschöpft, um klar zu denken. „Warte!", rief er dann auf einmal, doch Dracomon war bereits hinter der nächsten Ecke verschwunden. „Mist", fluchte er und setzte dem Digimon nach. Was würde geschehen, wenn es auf irgendwelche Menschen treffen würde? Das dürfte nicht passieren, sonst würde es am Ende noch von der Polizei oder dem Militär gefangen genommen. „Dracomon!" Er bog um die Ecke, hinter der es verschwunden war, doch auch in der Gasse, in der er nun stand, war es nicht zu sehen.

Er wandte sich um. Es konnte nicht einfach verschwunden sein, oder? Eigentlich war es ja auch einfach so erschienen… Aber das konnte nicht sein! Es durfte nicht sein!

„Dracomon!", rief Denrei und rannte weiter. „Dracomon!" An der nächsten Ecke bog er rein intuitiv nach rechts ab, in Richtung der Hauptstraße und des belebten Teils des westlichen Stadtteils Tokyos. Er kam wieder an eine befahrene Straße. Nach links und nach rechts schauend überlegte er, wo er nun lang laufen sollte. Vielleicht was Dracomon ja auch ganz woanders. „Verdammt", murmelte er, fluchte schon wieder. „DRACOMON!"

Bisher hatte er die Leute an der Straße nicht beachtet, doch nun sahen sie ihn doch mit einem sehr merkwürdigen Blick an, so als wäre er verrückt. Kein Wunder, so wie er aussah. Weiter vorne an der Straße blieben auf einmal Autos stehen und hupten. Dann erklang ein Schrei.

Denrei wandte sich um. Konnte es sein? Schnell rannte er dorthin, die Angst im Bauch. Zwei junge Frauen standen dort an der Straße und starrten geschockt auf diese. Die Autos standen dort, hupten, ein Autofahrer rief was, doch bisher konnte Denrei nicht erkennen, was dort auf der Straße war.

Bitte, lass es Dracomon sein, betete er innerlich. Bitte, lass ihm nichts passiert sein.

Endlich erreichte er die Stelle und sah auf die Straße. „Dracomon", rief er und rannte ohne nachzudenken auf die Straße, kniete sich neben den kleinen Drachen. „Was machst du denn?"

„Ich hab Hunger", antwortete es nur trotzig, doch es zitterte. Hatte es sich gefürchtete?

„Was machst du da?", rief nun eine der Frauen zu Denrei. „Das Tier könnte gefährlich sein."

Oh verdammt, dachte er. Was sollte er denn jetzt sagen? Was, wenn die beiden die Polizei riefen? Das wäre nicht gut. Eine Ausrede, er brauchte eine Ausrede. „Das…", begann er, wurde aber von einem der Autofahrer unterbrochen, der ihn anschrie:

„Geht von der Straße, Kinder, man!"

Denrei richtete sich auf. „Tut mir leid", entschuldigte er sich und schob Dracomon vor sich von der Straße auf den Bürgersteig.

Der Autofahrer antwortete nichts, sondern fuhr einfach weiter.

„Sollten wir nicht besser die Polizei anrufen?", fragte die eine Frau die andere, als der siebzehnjährige mit dem Digimon vor ihnen stand.

„Nein!", rief er unüberlegt aus.

„Was?", erwiderte die andere Frau. „Es ist sicher gefährlich!"

Nun musste er sich wirklich etwas einfallen lassen. „Nein, es ist nicht gefährlich", meinte er. „Ich meine, das ist gar kein Tier, das… Wir sind Cosplayer", log er. „Oder habt ihr schon ein Tier gesehen, was sprechen kann?" Er stupste Dracomon an.

„Hö?", machte es und sah zu ihm auf.

Die Frauen lachten verlegen. „Ach so…", murmelten sie. „Aber, wieso ist er dann auf die Straße gelaufen?"

Schon wieder eine Frage. „Ah, er kann in dem Kostüm nicht besonders gut sehen und sich bewegen…"

„Was für ein Kostüm?", fragte Dracomon, doch Denrei warf ihm einen strengen Blick zu.

„Er ist wohl unter Schock", meinte er. „Und… Naja, das ist mein kleiner Bruder und er dürfte um diese Zeit eigentlich nicht mehr hier sein. Deswegen wäre es schlecht, wenn ihr die Polizei ruft, versteht ihr?"

Sie nickten. „Dann solltet ihr aber jetzt besser nach Hause gehen", meinte eine von ihnen. „Aber habt ihr gut hinbekommen, das Cosplay." Sie zwinkerte ihnen zu, ehe sie sich an ihre Freundin wandte. „Lass uns gehen."

„Tschüss", verabschiedete sich Denrei nun und ging in die andere Richtung.

„Bye bye", rief ihnen eine der beiden hinterher.

Denrei seufzte und blieb nach einer Weile stehen. „Oh man." Er bückte sich wieder zu Dracomon hinab. „Bitte, bitte, mach das nicht wieder", flüsterte er.

„Aber ich hab halt Hunger", erwiderte sein Digimon und klang so, als wollte es sich rechtfertigen.

„Dann komm", murmelte er. „Wir gehen zu mir nach Hause, aber eine Weile wirst du noch aushalten müssen." Mit der Hand strich er über Dracomons Kopf. „Ich hab mir Sorgen gemacht."

Es sah ihn an. „Sorgen?"

„Ja, Sorgen", erwiderte er. „Dir hätte eine Menge passieren können."

„Was denn?"

„Ein Auto…" Doch Denrei unterbrach sich. „Ist jetzt egal. Aber mach das nicht noch mal."

Nun trotteten sie die Straße entlang in Richtung der Bahnstation. Die Leute sahen ihnen zwar nach, aber keiner sagte was. Zwar sah Denrei ziemlich zugerichtet aus, doch daran hätte sich auch so niemand gestört und auf Dracomon wollte entweder keiner achten oder sie erkannten es einfach als ein Cosplay, da er ja auch eines trug. Trotzdem überraschte Denrei die Problemlosigkeit mit der sie bis zur Station gelangten.

Als sie dort waren, löste er zwei Tickets und ging dann mit dem staunenden Dracomon im Gefolge in den Bahnhof hinein. Es war bei weitem nicht mehr so voll, wie am frühen Abend, jedoch herrschte immer noch ein leichtes Gedränge, aber das war ihm jetzt egal. Wo sie hier waren, wollte er einfach nach Hause.

Derweil staunte Dracomon über alles, über die Personenschranken, den gekachelten Boden, die Anzeigetafeln und auch über den Zug, als dieser einfuhr. Wer konnte es ihm verdenken? Die Welt war völlig neu für es.

Sie bekamen einen Sitzplatz, wofür Denrei dankbar war. Er war einfach nur müde. Er wollte nach Hause.

Beide, Denrei und Dracomon, trotteten nur noch, als sie am Appartementhaus ankamen, welches ebenfalls von dem Digimon genaustens betrachtet wurde. Auch während der Zugfahrt hatte es die ganze Zeit staunend aus dem Fenster gesehen, so dass Denrei schon Angst gehabt hatte, dass sie auffallen würden. Aber sie waren zu Hause angekommen, schlurften die Treppen hinauf und er schloss die Tür auf.

„Geht rein", forderte er Dracomon auf und es trottete an ihm vorbei in die Wohnung.

„Krieg ich jetzt zu Essen?", fragte es und versuchte leidend zu schauen.

„Moment", meinte Denrei, ging ebenfalls rein und schloss hinter sich die Tür.

„Hunger", grummelte das Digimon und ließ sich nun auf den Boden fallen. „Ich hab so lang schon nichts mehr gegessen."

Denrei lächelte und ging zum Schrank, indem sein Vater normaler Weise Brot und ähnliches lagerte. Zum Glück fand er noch Toast und im Kühlschrank noch etwas Wurst, mit der er ein paar Toastscheiben belegte. Damit ging er zu Dracomon, was direkt hinter der thekenartigen Abtrennung zwischen Küche und Wohnzimmer saß. „Komm, wir können uns auf die Couch setzen."

Als das Digimon verwirrt schaute, zeigte er zur Erklärung auf das in der Mitte des Zimmers stehende Möbelstück, auf das sie sich wenig später setzten.

„Ich hoffe du magst Wurstbrote", meinte Denrei nun und hielt dem Digimon den Teller hin, auf den er die belegten Toast gelegt hatte, damit sich dieses eines nehmen könnte. Das versuchte Dracomon zuerst auch, doch als ihm daraufhin aufgrund seiner Ungeschicklichkeit die Wurst herunterfiel, nahm es einfach den ganzen Teller und kippte sich die Brote alle auf einmal in den Schlund. „Ich hab immer noch Hunger", stellte es dann fest.

Der Junge seufzte. Er hätte eigentlich wissen müssen, dass Digimon so viel essen. „Ich werde etwas beim Pizzaservice bestellen", sagte er und ging zum Telefon.

„Pizzaservice?", fragte Dracomon und sah ihn mit großen Augen an.

„Die bringen Essen", erklärte Denrei und wählte die Nummer, die bereits unter den Schnellwahltasten gespeichert war. Als endlich jemand abhob bestellte er gleich zwei Familienpizzen – er würde es vom Geld seines Vaters bezahlen.

„Wo ist jetzt das Essen?" Dracomon sah erwartungsvoll zur Küche, was Denrei zum Lachen brachte.

„Das kommt noch, das kann nicht hergezaubert werden", lachte er und ging wieder zum Sofa. „Wir müssen ein bisschen warten, dann wird es vorbei gebracht."

Daraufhin seufzte der grüne Drache. „Die Menschenwelt ist merkwürdig."

„Mag sein", erwiderte der Junge nur Schultern zuckend. „Ich bin nichts anderes gewohnt, ich finde es nicht merkwürdig." Er schwieg und überlegte eine Weile ob er nicht den Fernseher anmachen sollte, doch da fiel ihm etwas ein. „Wie ist es denn in der Digiwelt?", fragte er und sah nun Dracomon neugierig an, doch dieses legte nur den Kopf zurück, so dass seine Schnauze gen Decke zeigte.

„Ich", begann es dann. „Ich weiß es nicht wirklich."

„Wie, du weißt es nicht wirklich?" Denrei war überrascht.

„Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern", erwiderte es und schwieg. „Aber ich hab trotzdem noch Hunger."

„Wir müssen warten", wiederholte er nur. „Komm schon, du wirst so schnell nicht verhungern." Etwas Enttäuschung breitete sich in ihm aus, dass Dracomon ihm nichts über die Digiwelt erzählen konnte.

In dieser Nacht schlief Denrei seit langem wieder ruhig und vor allem auch lange genug – Dracomon zu seinen Füßen. Er hatte das Digivice auf den Nachtschrank gelegt. Die Nacht und auch der Abend vorher war lang gewesen und doch: Es war ein Traum wahr geworden und zum ersten Mal seit langer Zeit freute er sich auf den nächsten Morgen, der anders sein würde als die vergangenen Morgen.

Er träumte von der Digiwelt, er träumte von anderen Digimon, er träumte von Abenteuern, die er mit Dracomon zusammen erleben könnte. Von diesen Sachen hatte er schon vorher geträumt, doch nie zuvor waren diese Träume so greifbar, so realistisch gewesen.

Als er aufwachte, war es bereits kurz vor elf. Dracomon zu seinen Füßen lag auf der Seite und schnarchte nicht leise vor sich hin.

„Hey du", meinte er und stupste das Digimon mit dem Fuß an. Sein Schnarchen wurde kurz leiser, ehe es sich auf die Seite drehte und weiter machte.

„Hey!" Denrei trat ein bisschen fester zu.

„Ham", machte Dracomon im Schlaf und krallte sich auf einmal an dem Fuß des Jungens fest.

„Dracomon", murmelte er und versuchte ihm den Fuß zu entwinden, doch der griff der Krallen war fest. „Dracomon, bitte." Er zerrte an seinem Bein, bis ihm eine Idee kam. „Frühstück!", säuselte er.

Das Digimon blinzelte. „Hmm?" Noch immer hielt es den Fuß umklammert. „Essen?"

„Aufwachen", meinte Denrei.

„Hmm." Es rollte sich wieder zusammen.

„Hey, Dracomon, wach auf." Erneut schüttelte er es mit dem Fuß durch. „Sonst gibt es heute nichts zu Essen."

Die Drohung wirkte. Das Digimon schlug die Augen auf und sah sich um. „Aber ich hab doch Hunger."

„Dann steh auf."

Daraufhin grummelte Dracomon nur unmutig und richtete sich auf. Es sah sich verschlafen um, so als könnte es sich nicht mehr wirklich an Denreis Zimmer erinnern oder als fragte es sich, wo es überhaupt war. „Dann… Essen…", brachte es schließlich heraus.

„Warte, ich hole was", erwiderte Denrei, der in T-Shirt und Boxershorts geschlafen hatte, und streckte, nun wo Dracomon ihn losgelassen hatte, die Füße aus dem Bett. Er wartete, bis er sich halbwegs wach fühlte und stand auf. Er hatte schon fast sein Zimmer, das für japanische Verhältnisse recht groß war, durchquert, als er das Tapsen von Dracomons Füßen hinter sich vernahm.

„Ich komme mit", rief das Digimon aus, doch Denrei schüttelte den Kopf:

„Warte hier."

„Aber warum denn?" Dracomon verstand nicht.

Mal wieder seufzte Denrei. „Es kann sein, dass mein Vater wieder zu hause und noch auf ist", erklärte er.

„Dein Vater?", fragte das Digimon.

„Ja, mein Vater." Denreis Hand lag schon auf der Türklinke.

„Und der würde sich auch vor mir fürchten?" Es legte den Kopf schief.

„So in etwa", erwiderte er und öffnete die Tür. „Bleib bitte hier." Damit verließ er den Raum und ging als erstes auf die Toilette, die seinem Zimmer schräg gegenüber lag. Nachdem er auf dem Klo gewesen war und sich Hände und Gesicht gewaschen hatte, ging er den kleinen Flur, der die beiden Schlafzimmer, das Arbeitszimmer seines Vaters und die Toilette mit dem Wohnzimmer verband, entlang in Richtung Küche. Im Wohnzimmer stand sein Vater an die Theke gelehnt und mit einem Becher Kaffee in der Hand den Blick auf den Fernseher gerichtet, in dem grade die die Nachrichten liefen.

Denreis Vater war Mitte vierzig und hatte kurzes dunkelbraunes Haar. Unter seinen dunklen Augen waren tiefe Furchen, die vom ständigen Schlafmangel her rührten. Allgemein sah er wie ein strenger Mann aus, wie jemand, der nicht viel lachte. Als sein Sohn in den Raum kam, warf er ihm nur einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu, ehe er sich „Guten Morgen" murmelnd wieder dem Fernseher zuwandte, worauf sein Sohn jedoch nichts erwiderte.

In der Küche machte sich dieser daran Kakao in einer Karaffe zu mischen und ein paar Toasts in den Toaster zu schieben. Er kramte aus dem Schrank Marmelade und irgendeine noname Nussnougatcreme hervor. Bei ihnen gab es sowieso fast nur europäisches Essen – es war einfacher und schneller anzufertigen, jedenfalls, wenn man diese als Fertigprodukte kaufte.

Während der Toaster die Weißbrotscheiben röstete, schaute Denrei mit einem Glas grünen Tee in der Hand zum Fernseher. Von dem was letzte Nacht geschehen war, wurde zum Glück nichts berichtet. Im Moment lief grade ein Bericht über irgendwelche Friedensverhandlungen – langweilig, dachte sich Denrei. Schließlich kam wieder der Nachrichtensprecher ins Bild. Er begann grade etwas über ein Mädchen aus Tokyo, dass seit bereits vier Monate verschwunden war, zu berichten, als sich auf einmal sein Vater ihm zuwandte.

„Ich hoffe, du warst gestern Abend in der Schule", meinte er.

Denrei zuckte nur mit den Schultern. „Kann dir doch egal sein", murmelte er.

„Kann es nicht, Denrei", erwiderte sein Vater mit erhobener Stimme.

„Wieso nicht?" Denrei begann nun die fertigen Toasts mit Marmelade und der Schokopaste zu bestreichen. „Weil du das Geld dafür bezahlst? Davon hast du doch genug."

„Weil mir deine Schulbildung am Herzen liegt. Du sollst einen guten Abschluss machen", antwortete sein Vater, woraufhin er nur wieder mit den Schultern zuckte und die Brote auf einen Teller.

„Oh ja, uns allen liegt ja die Schulbildung ja so am Herzen", meinte er. „Kein Wunder, dass Jungendliche abhauen."

„Denrei", begann sein Vater nun laut, doch dann beherrschte er sich. „Warst du nun auf der Abendschule?"

Er ging an ihm vorbei und versuchte den Teller auf einer Hand zu balancieren. „Nein."

„Wo gehst du hin?", fragte sein Vater.

„Ich esse in meinem Zimmer", antwortete Denrei und verschwand auch schon im Flur. Zwar rief ihm sein Vater irgendwas nach, doch er ignorierte es.

Als er seine Zimmertür öffnete, stolperte er fast über Dracomon, welches direkt vor der Tür auf ihn wartete.

„Vorsicht", ermahnte Denrei es und quetschte sich an ihm vorbei ins Zimmer hinein.

„'Schuldigung", murmelte es, was den Jungen überraschte, doch er sagte nichts, sondern stellte den Teller und die Karaffe auf einen niedrigen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand.

„Essen", jubelte Dracomon, als er den Teller erblickte.

Bevor es wieder alle Brote verschlingen konnte, nahm Denrei sich ein einzelnes und aß es langsam, während das Digimon auf dieselbe Art wie am Abend zuvor „fraß". Es kippte sich auch die ganze Karaffe Kakao auf einmal hinab. „Gibt es noch mehr?", fragte es dann.

„Später", erwiderte Denrei. „Wir müssen warten, bis mein Vater zu Bett geht."

„Hmm…" Es schwieg kurz, dann nickte es. „In Ordnung."

Daraufhin lächelte er und fuhr seinen PC hoch, um wenigstens einmal am Tag die Emails nachzuschauen. Da ging Dracomon zu ihm hinüber.

„Du, Denrei", begann es mit einem fragenden Unterton.

„Hmm?" Er sah zu ihm hinüber.

„Was ist eigentlich ein Vater?", fragte es.

Denrei schwieg kurz. „Jemand, der sich eigentlich um einen kümmern sollte", murmelte er dann.

Es dämmerte bereits, während Denrei und Dracomon durch den Shinjuko Gyoen wanderten. Der Park war groß genug, um nicht sofort aufzufallen, wenn man darin herumlief, zumal es Teile gab, wo kaum jemand hinkam. Mittags hatte Denrei zwei große Tüten mit Burgern von McDonalds besorgt, während Dracomon ausnahmsweise geduldig gewartet und sich versteckt hatte.

Der Junge trug heute normale Anziehsachen. Ein helles T-Shirt und Jeans, wenngleich er eine Jeansjacke mitgenommen hatte, falls es kühler wurde. Doch im Moment waren es gut 16° Celsius und damit war es weitaus warm genug. Trotzdem hatte er das Digivice und natürlich auch seine Karten bei sich.

Er sah auf sein Handy. „Wenn wir noch etwas warten, können wir nach Hause", meinte er. „Mein Vater sollte gleich wieder zur Arbeit fahren."

Dracomon erwiderte nichts, sondern tapste weiter neben ihm her.

„Hast du schon wieder Hunger?", fragte Denrei überrascht.

„Hmm", machte es mal wieder. „Ein bisschen." Es gab einen Laut von sich, der wohl eine Art lachen war, jedoch aus seinem Maul eher wie ein Knurren klang. Da hielt es auf einmal inne und fuhr mit dem Kopf herum.

„Was ist?", fragte Denrei.

Was nun aus seinem Maul kam, war wirklich ein Knurren. Sein Blick wurde ernster. „Ein Tor hat sich geöffnet", murmelte es. „Ein Digimon…" Es brach ab und sah zum Himmel, wo eine Lichtsäule erschien. „Schnell." Damit rannte es schon los.

„Was?" Der Jungs sah ebenfalls zum Himmel und dann Dracomon hinterher. „Was? Warte! Dracomon!" Er rannte dem Digimon hinterher.

Dieses rannte zielsicher den Weg entlang, später einmal quer durch das Gebüsch, bis es zu einer Lichtung im Park kam, wo ein paar Bänke standen und normal Senioren Schach auf welchen der großen Bodenschachfelder spielten. Als sie hier ankamen schlug Denrei wieder ein heftiger Windstoß entgegen, wie schon, als Karatenmon erschienen war, und ein merkwürdiger Nebel umgab ihn und den Platz.

Er hielt sich schützend die Hand vor das Gesicht und versuchte etwas zu erkennen, von dem Lichtstrahl in der Mitte des Platzes geblendet. „Verdammt, was ist das?", rief er aus.

Dracomon knurrte. Dann erklang ein grelles Lachen, welches zuerst von weit weg zu kommen schien, aber immer gegenwärtiger wurde. Eine Gestalt war in der Lichtsäule zu erkennen. Denrei erkannte das Digimon, welches die Gestalt einer Frau in einem roten Kleid auf einem Besen hatte:

„Witchmon", murmelte er. Zumindest nur ein Adult-Digimon und kein Perfect.

Das Hexendigimon hatte sich kaum komplett materialisiert, als es schon eine Hand hob. „Aquari Pressure!"

„Dracomon", rief Denrei, der bereits seine Karten in der Hand hatte. Dieses Mal hatte er die Optionskarten gleich nach vorne gepackt und eine Karte bereits in der Hand, bevor Witchmons Wasserattacke auf sie zukam.

Er benutzte das Digivice. „Brave Shield!"

Die Attacke wurde von einem sechseckigen Metallschild, welches vor Dracomon erschienen war, aufgehalten, doch Witchmon lachte nur.

„Nicht schlecht", meinte es. Augenscheinlich konnte es im Gegensatz zu Karatenmon am Vortag sprechen. Nun hob es beide Arme, um seine Attacke zu wiederholen, doch Denrei spielte gleichzeitig zwei Karten aus.

„Dragon Wings!" Zwei versilberte Flügel erschienen auf dem Rücken Dracomons und es wich der Attacke ihres Gegners fliegend aus. Dann spielte Denrei die gleiche Karte wie am Vortag. „Full Attack!"

„Baby Breath!", knurrte das Drachendigimon, als es nahe genug bei seinem Gegner war, und feuerte einen Strahl heißen Dampfes auf Witchmon los. Dieses hielt mit seiner Attacke dagegen, doch seine Reaktion war nicht schnell genug und so sorgte Dracomons Attacke dafür, dass es zurück und von seinem Besen geworfen wurde, welcher sich in Daten auflöste und so verschwand.

Witchmon war kaum auf dem Boden aufgekommen, als Dracomon schon über ihm war und hob eine Klaue, doch da hielt Denrei kurz inne. Eigentlich hatte er eine weitere Karte spielen wollen, doch irgendwas hielt ihn davon ab.

Im nächsten Moment schleuderte Witchmon seinen Gegner von sich weg und startete sogleich eine weitere Attacke. „Poison Storm!" Ein scheinbar von seichten Wind getragener, grünlicher Nebel breitete sich auf uns nahm Denrei den Atem. Mit zitternden Händen tastete er nach seinen Karten. Er konnte Dracomon nicht sehen.

Er hatte die richtige Karte in der Hand, aber das Atmen wurde immer schwerer. Wenn der Nebel verschwand, durfte er nicht wieder zögern, doch in dem Moment, wo Witchmon einfach so unter Dracomon lag, war ihm eine Frage in den Sinn gekommen: Wurden Digimon die in der realen Welt zerstört wurden wiedergeboren?

Das Digivice, er musste sich beeilen, bevor er gar keine Luft mehr bekam. Er hustete und dann benutzte er die Karte „Field Tornado".

Sofort kam ein Wirbelsturm auf, der den Nebel verschwinden ließ und ihm so wieder frischen Atem und freie Sicht gewährte. Dracomon lag keuchend ein Stück von ihm entfernt am Boden. Eine Heilkarte, er bräuchte eine Heilkarte. Hektisch durchsuchte er sein Deck, doch grade, als er die Optionskarte in der Hand hielt, erklang eine fremde Stimme.

„Card Scann!", rief eine Jungenstimme. „High Speed Attack!"

Ein Schatten kam aus dem Gebüsch gesprungen und direkt auf Witchmon zu. Man sah eigentlich nichts, nur, dass auf einmal zwei überkreuzte Schnitte auf Witchmons Kleid zu erkennen waren und es im nächsten Moment an diesen auseinander zu gezerrt zu werden schien. Dann löste es sich auf.

Denrei, welcher inzwischen Dracomon geheilt hatte, sah das fassungslos mit an. „Es ist tot…", murmelte er. Dann hörte er ein Rascheln hinter sich im Gebüsch. „Wer ist da?", rief er.