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Philtrum - Der Zauber des Anfangs

--- 35. Epilog ---

Sonntag, den 24. Januar 1999, auf Erden

Auf den spiegelglatten Straßen Londons wirbelte der Wind altes Zeitungspapier und Plastiktüten knisternd umher. Darunter - in den weiten Tiefen des Zaubereiministeriums - huschte ein Unsagbarer, mit flatternden Roben nervös und stolz zugleich und einer kleinen Schatulle in seiner Hand, durch einen riesigen Raum aus Schwärze, deren Wände man nicht ausmachen konnte. Nie hätten sie geglaubt den kostbarsten Trank dieser Erde einmal in ihrem Sammelsurium haben zu können. Die Unsäglichen hatten den gesamten Planeten abgesucht, doch nichts hatten sie gefunden, waren stets mit leeren Händen zurückgekehrt. Wer immer auch dieses schwarze Päckchen ihnen vor die Türe gesetzt hatte, musste der größte Narr dieser Welt sein, so viel schien ihnen sicher. Nur eines verstanden sie nicht, warum zu dieser Schatulle ein altes Muggel-Buch beilag - Das Kamasutra, in einer gewöhnlichen schwarzen Muggel-Plastiktüte aus einem gewöhnlichen Muggel-Buchladen irgendwo in den Fens Großbritanniens.

Die Halle war übersät mit säulenhohen Regalen, die nicht enden wollten. Er durchschritt einsam den Hauptgang, wusste wohin er gehen musste. Seine Füße trugen ihn zu einem Regal. Wie aus dem Nichts tauchten unter seinen Füßen Treppenstufen wie aus dem Nichts lichtsilbern auf. Mit ausdrucksloser Miene begab sich Stufe für Stufe sicheren Schrittes nach oben, hielt vor einer Schublade an.

Jedes Regal war wie die Zusammenstellung von quadratischen Würfelflächen; außen von mattem titanschwarzem Glanz und metallisch. Sein Gesicht spiegelte sich geisterhaft auf der Oberfläche der Boxen. Der Unsägliche tippte mit seinem Zauberstab einen dieser Oberflächen an. Es machte leise Klack und er legte mit einem festen Blick auf das kleine Kästchen behutsam die mysteriöse Schachtel hinein. Darauf stand: 'Philtrumaxima CGSA I oder auch der Liebestrank: Der Zauber des Anfangs und sein Gegenmittel'. Mit dem Schließen des Faches versiegelte er den gefährlichsten Zaubertrank den die magische Welt bis dato hervorgebracht hatte.

Es war ein Trank, der jene zwei Personen zusammenführte, die füreinander bestimmt waren, aber es nicht fertig brachten, ohne Zutun zusammen zu gelangen. Sein Gegenmittel, die Heilung war jenes, was er versprach: Die Liebe. Das Gegenmittel in der Schatulle war nur die Unterbrechung des immer drängenden Wunsches Nachkommen zu erzeugen. Man hätte es auch einen guten Verhütungstrank nennen können. Doch wenn nach Einnahme des Trankes der Zauber des Anfangs sich entfaltete, endete er automatisch mit der beginnenden Liebe, die beide Menschen zueinander empfanden. Jede Heiratsvermittlung hätte alles für diesen Trank gegeben, um ihn zu vernichten. Es hätte ihr Geschäft zerstört, denn es führte füreinander bestimmte Menschen zusammen. Der Trank war somit Alles und Nichts zugleich - der Anfang des Zaubers - die Liebe an sich.

Es stellte sich heraus, dass der Trank nicht auf das allerhöchste Ideal von Liebe zielt: der idealen Liebe, die der ersten großen Liebe, jene unbedarfte und intensivste, die einem Perpetuum Mobile entspricht. Sondern derer, die in der Realität Bestand hat, mit der man durch Höhen und Tiefen gehen kann und nicht wie die andere, die Luftschlösser baut, Erwartungen abverlangt, die durch das Erwachsen werden zerstört werden. Es ist die Liebe, die zwar nicht die höchste - perfekteste und unantastbarste - ihrer Form darstellt, aber die beständigste im Wandel der Zeiten ist und vor Blindheit und Blasphemie schützt.

Manche Menschen halten an der ersteren fest. Verkennen die Gefahr, die von ihr ausgeht. Sie tragen sie ihr gesamtes Leben wohl behütet wie einen heiligen Schatz bei sich und nehmen sie mit einem friedvollen Gesicht mit ins Grab. Ihre Idealisierung, ihre Verblendung zu diesem imaginärem Wunschtraum von Perfektion der Liebe hat sie erblinden lassen; ließ sie seicht dahin träumen und in Sphären gleiten, die unwirklicher nicht sein könnten.

Die Natur jedoch ist anders. Sie kämpft um das Dasein jedes Lebewesen und die Realität verlangt nun mal die Beständigkeit des Wandels und der Anpassung. Ideale helfen, aber Ideologien vernichten. Ideal ist eine realistische Liebe. Ideologisch wird sie, wenn sie allein von Träumen lebt und nie erfüllt wird. Dann wird sie zur Sucht und der Abhängige vergisst zu leben und andere Menschen zu lieben, sein Leben zu genießen, so dass andere es ebenso wenig mit ihm genießen können. Die einen bleiben einsam zurück, den Tod bereits vor dem imaginären Auge habend, die anderen gehen mit der Evolution und ein neues, unbekanntes Land vor sich habend.

Und plötzlich weißt du:

Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.

(Meister Eckhart 1260 - 1327,

deutscher Mystiker und Provinzial der Dominikaner,

starb unter der Anklage der Ketzerei)