The mirror has two faces – part 3

Teil 3:Minerva und Severus

Am nächsten Abend um Punkt acht Uhr klopfte es energisch an Severus Kerkertür. Mit einem unschlagbar mürrischen Gesichtsausdruck öffnete er und fand sich einer gut gelaunten Minerva gegenüber, die ihm lächelnd eine Flasche hinhielt.

„Für den Gastgeber", schmunzelte sie. „Ich hoffe nur, Sie können mit Muggelwhisky etwas anfangen."
„Glenfiddich! Und ob ich damit etwas anfangen kann. Kommen Sie herein."

Durch ihr Präsent ein wenig besänftigt, gab er die Tür frei und lotste sie in sein Wohnzimmer.

„Ich bin noch nie in Ihren Wohnräumen gewesen", stellte Minerva belustigt fest und sah sich neugierig um. „Wie wäre es mit einer Schlossbesichtigung?" schlug sie grinsend vor. Severus unterdrückte ein Stöhnen. Das durfte doch nicht wahr sein! Anscheinend wollte Minerva die Peinlichkeit auf die Spitze treiben! Aber nun gut, wenn sie es denn so wollte…

Mit deutlich vernehmbaren Zähneknirschen stieß er die angrenzende Tür auf.

„Schlafzimmer." Die nächste Tür.

„Küche." Wieder eine andere Tür.

„Bad." Und die letzte:

„Arbeitszimmer. War es das jetzt?"

„Für den Anfang reicht es", bestätigte Minerva, warf einen letzten neugierigen Blick in sein Schlafzimmer und machte es sich dann auf seinem Sofa gemütlich.

„Wie sieht es aus, bekomme ich auch etwas zu trinken oder gibt es solche Annehmlichkeiten nicht bei bösen schwarzen Fledermäusen?"

Severus warf ihr einen Blick zu, der jeden anderen umgehend dazu gebracht hätte, schleunigst die Flucht zu ergreifen, Minerva aber anscheinend nicht weiter tangierte. Mit einem kurzen Schwenk ihres Zauberstabes ließ sie zwei Gläser erscheinen, die sich mit einem leisen Klirren auf den Tisch senkten und sah ihn dann erwartungsvoll an.

„Für die Füllung sind Sie zuständig."

Severus murmelte etwas Unverständliches, griff dann nach der Flasche, die sie mitgebracht hatte und füllte die Gläser mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Schweigend nippten sie daran, während sie nach einem unverfänglichen Gesprächsthema suchten. Hin und wieder warf Severus der anscheinend geradezu unanständig gut gelaunten Minerva einen prüfenden Blick zu und glaubte schließlich, einen Hauch von Unsicherheit unter ihrem munteren Gebaren entdeckt zu haben. Mit einem harten Klirren stellte er sein Glas auf dem Tisch ab und wandte sich seiner Kollegin zu.

„Warum sind Sie wirklich hier, Minerva?"

„Sie haben mich eingeladen, letzte Nacht. Oder etwa nicht?"
„Ja, doch, irgendwie hat sich meine Zunge letzte Nacht selbständig gemacht", knurrte er in seiner üblichen liebenswürdigen Art.

„Ich kann auch wieder gehen, wenn Ihnen das lieber ist."
Minerva machte Anstalten, sich zu erheben.

„Nun sind Sie schon einmal hier, nun können Sie auch hier bleiben", pampte er zurück und ergriff wieder sein Glas. Er stürzte den Inhalt seines Glases in einem einzigen gewaltigen Schluck herunter. Minerva wartete, bis er seine Augen wieder in ihre Höhlen gezwungen und seinen Atem wieder unter Kontrolle hatte, dann fragte sie:
„Was wollen Sie eigentlich, Severus? Gestern Nacht hatte ich den Eindruck, dass Ihnen mein Erscheinen ausnehmend peinlich war, dann laden Sie mich ein und jetzt führen Sie sich so unmöglich und widerborstig auf wie selten. Was haben Sie in diesem Spiegel gesehen, das Sie so aus dem Tritt gebracht hat?"

„Ich glaube nicht, dass Sie das interessieren dürfte", gab er abweisend zurück und schenkte sich ein weiteres Glas von dem Whisky ein.

„Na ja", meinte sie zweifelnd und betrachtete den hageren Mann neben sich. Es fiel ihr schon nicht leicht, ihre Nervosität zu verbergen, aber Severus war es beinahe unmöglich, sie davon überzeugen, dass er tatsächlich so stoisch war, wie er tat. Mit ihren feinen Katzensinnen spürte sie, dass da etwas in ihm vorging, von dem sie nichts wusste, das aber ganz klar etwas mit ihr zu tun hatte.

„Ich denke schon, dass es mich interessieren dürfte", schoss sie dann zurück, „wenn man in Betracht zieht, dass Sie erst diesen Spiegel angestarrt haben und mich danach angesehen haben, wie eine Katze, die es Donnern hört, um mich unmittelbar darauf für heute Abend einzuladen. Haben Sie mich in diesem Spiegel gesehen, Severus?", bohrte sie weiter. Severus erstarrte. Wie in Dreiteufelsnamen hatte sie das nun schon wieder erraten?
„Es stimmt also? Sie haben mich in dem Spiegel gesehen? Und das hat Sie dermaßen aus dem Tritt gebracht?"
Severus verweigerte die Antwort, doch Minerva wertete sein Schweigen als Bestätigung.

„Sie haben mich in diesem Spiegel gesehen. Schön. Und weiter?"
„Ich werde einen feuchten Fledermausdreck tun und Ihnen erzählen, was ich gesehen habe", presste er mit zusammengebissen Zähnen hervor und warf ihr einen schnellen Seitenblick zu.

„So schlimm?" Minerva warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Das glaube ich nicht, sonst wäre ich nicht hier. Und nichts, was Sie heute behaupten, kann an dieser Überzeugung etwas ändern", sagte sie fest.

Severus seufzte auf.
„Minerva, Sie sind eine furchtbare Nervensäge."

„Ich weiß", entgegnete sie zu seiner Überraschung ungerührt und nippte wieder an ihrem Glas.

Trotz – oder vielleicht gerade auch wegen dem, was er in dem Spiegel erblickt hatte, wollte er, dass sie ihn mochte. Zwar hätte er sich eher die Zunge abgebissen als das zuzugeben, aber er schätzte ihre Gegenwart, ihre verbalen Duelle. Minerva gehörte zu den wenigen Menschen, in deren Gesellschaft er sich nicht langweilte. Es lag ihm wirklich etwas an ihr und das auch nicht erst, seit der Spiegel ihn mit der Nase darauf gestoßen hatte, wie er sich eingestehen musste.

Verstohlen betrachtete er die dunkelhaarige Frau, die schweigend neben ihm saß. Ihr edles Gesicht, in das die Zeit feine Linien gezeichnet hatte, die von einem bewegten Leben und reger Mimik sprachen, ihre blauen Augen, durchdringend und ausdrucksstark, wie er es nur selten gesehen hatte und ihre aristokratische und aufrechte Haltung, die von Anmut und Würde sprach. Vermutlich hätte er es nicht einmal unter dem Cruciatus-Fluch zugeben, aber er fand sie mehr als nur ein wenig attraktiv. Minerva fing seinen Blick auf, deutete ihn richtig und schenkte ihm ein halb amüsiertes, halb spöttisches Lächeln.

„Erzählen Sie mir Ihren Wunsch und ich erzähle Ihnen meinen. Ich verspreche auch, nicht zu lachen."
Zweifelnd sah er sie an. Konnte er es wirklich wagen, ihr sein Geheimnis anzuvertrauen? Sollte er es wagen?

Noch immer sah sie ihn erwartungsvoll an, den Blick ihrer strahlenden blauen Augen fest auf ihn gerichtet.

„Ich kann Ihnen das nicht sagen", murmelte er schließlich zögernd.

Enttäuschung malte sich auf ihren edlen Zügen ab. Dennoch nickte sie.

„Ich verstehe."

„Das glaube ich nicht. Ich kann es Ihnen nicht sagen, aber vielleicht… Ich könnte es Ihnen möglicherweise zeigen…"

Seine Stimme erstarb, als er das Flackern in ihren Augen bemerkte.

„Zeigen?", flüsterte sie und ein nicht enträtselbarer Blick traf ihn.

„Dann zeig mir, was du gesehen hast", raunte sie in einer Tonlage, die sein herz erzittern ließ und wechselte unwillkürlich zum Du.

„Und wehe, du lachst", drohte er, nun auch die vertraulichere Anrede benutzend.

„Werde ich nicht", versprach sie mit unsicherem Blick und hielt unwillkürlich den Atem an.

Konnte es sein, dass Severus dasselbe in dem Spiegel erblickt hatte wie sie? Konnte es wirklich sein, dass sie den gleichen geheimen Wunsch teilten? Hatte der Spiegel ihr nicht nur ihren geheimsten Wunsch gezeigt, sondern gar eine Möglichkeit? Oder war sie nur drauf und dran, sich abgrundtief lächerlich zu machen?

Sie kam nicht dazu, ihre Gedankengänge bis zum Ende zu verfolgen. Als seine Hände sich sanft um ihr Gesicht legten, zerstoben ihre Gedanken in alle Himmelrichtungen und alles, worauf sie sich nun noch konzentrieren konnte, waren seine unergründlichen schwarzen Augen, nun nicht mehr kalt und leer, sondern von einer ungewohnten Wärme erfüllt. Sie fand, dass er nun beinahe schön aussah und konnte ihren Blick nicht aus seinem lösen.

Severus hingegen schickte ein stummes Gebet an alle eventuell zuständigen Gottheiten, dass er sich nun nicht zum Volltrottel machte und näherte sich dann Minervas Lippen mit seinem Mund. Einigermaßen überrascht stellte er fest, dass sie nicht nur nicht vor ihm zurückwich, sondern im Gegenteil ihr Gesicht leicht hob und ihm entgegenkam.

„Mach die Augen zu", flüsterte er heiser und gehorsam schloss sie die Augen, fühlte die Wärme von seinen Händen an ihren Wangen, spürte seinen Atem sanft und warm auf ihrer Haut und dann endlich Severus Lippen auf ihren.

Ihr erster Kuss war unendlich weich, zart, sanft und harmonisch, er sprach deutlich aus, was sie empfanden. Minervas Lippen wurden von einem weichen zärtlichen Lächeln umspielt und willig gab sie sich Severus Kuss hin. Seine Hand wanderte ihren Rücken hinab und lag schließlich stark, sicher und warm auf ihrer Taille und er zog Minerva fester an sich. Freudig schmiegte Minerva sich enger an ihn und erwiderte seinen Kuss mit wachsender Leidenschaft. Severus Mund wanderte von ihren Lippen hinunter auf ihren Hals und zog eine sengende Spur über ihre Haut. Minerva schauderte und barg ihren Kopf an seiner Brust und Severus näherte sich langsam wieder ihrem Mund, um ihn erneut zu erforschen.

Atemlos ließen sie schließlich voneinander ab und wechselten einen Blick.

„Und was hast du in dem Spiegel gesehen?", wollte Severus nun doch wissen. Minerva lächelte.

„Ich dachte, das wüsstest du bereits. Aber ich kann es dir ja trotzdem zeigen."

Sie schlang ihre Arme um Severus Nacken und zog ihn in einen weiteren, so leidenschaftlichen Kuss, dass ihm die Luft wegblieb.

Bei Merlins ausgebeulten Unterhosen, diese Frau konnte küssen! Und über das, was sie dabei mit ihren Händen anstellte, wollte er gar nicht weiter nachdenken. Er stürzte sich in ihre Umarmung, ihre Wärme und erwiderte ihre Liebkosungen. Sein Herzenswunsch begann, sich zu erfüllen und er wollte jeden dieser kostbaren Momente genießen und auskosten bis zum Letzten. Er wünschte sich, dass diese Nacht ewig andauern würde.

Das Feuer war weit heruntergebrannt. Minerva und Severus lagen ermattet und ineinander verschlungen auf dem Sofa am Kamin, seinen Umhang wie eine Decke über sie gebreitet. Minerva hob den Kopf und sah forschend in sein Gesicht, das halb im Schatten lag.

„Was denkst du?", fragte er ruhig. Etwas verlegen und ratlos sah Minerva zu ihm hinab. Sekunden des Schweigens verstrichen, tröpfelten wie zäher Sirup und bildeten eine schweigende klebrige Lache, in der die Worte stecken blieben, stumme Zeugen ihres beredeten Schweigens, in dem sie fieberhaft nach den passenden Worten suchte, um ihre wahren Empfindungen zu maskieren. In dieser Nacht sich ihr eine Tür geöffnet, die sie nun nicht mehr so recht schließen wollte und konnte, es andererseits aber auch nicht wagte, sie zur Gänze zu öffnen und einen genaueren Blick hindurch zuwerfen auf das, was sich ihr möglicherweise bot.

„Ich weiß nicht. Ich frage mich nur gerade, was wir beide morgen und in Zukunft mit dieser Nacht anfangen werden, Severus", erwiderte sie langsam, noch immer nach den passenden Worten tastend. Mit einem fragenden Blick drückte er sie enger an sich und küsste sie auf den Hals.

„Ich weiß nicht, was du meinst."
„Ich meine das hier. Uns."
„Was ist mit ‚Uns'? Bereust du es?"
„Nein. Du?"
„Ich auch nicht. Minerva, ich sehe dein Problem nicht."
„Du weißt, dass das mit uns beiden nicht funktioniert. Nicht funktionieren kann. Dass ich nicht bleiben kann."

„Das weiß ich?"
„Du solltest es wissen", murmelte sie und wünschte sich, für alle Zeit in seinen Armen zu liegen und die Zeit anhalten zu können.

„Aber wir können…."
„… das nicht wiederholen", entgegnete sie entschieden.

„Warum nicht?" Störrisch sah er sie an.

„Warum? Weil…weil… Es geht einfach nicht", beschied sie ihm und wich seinem Blick aus, während ihr Herz sich plötzlich wie aus Blei gegossen anfühlte.

Severus ergriff ihr Kinn und zwang sie, seinem Blick zu begegnen.

„Ich verstehe dich nicht, Minerva, und ich weiß nicht, was diese Nacht für dich bedeutet. Aber ich kann dir aufrichtig sagen, dass ich mehr von dir will als nur ein flüchtiges Abenteuer auf dem Sofa. Ich will dich bei mir, Minerva, jeden Tag. Den ganzen Tag. Ich hätte nie gesagt, dass ich das einmal zu dir sagen würde, aber ich liebe dich. Und ich will dich an meiner Seite."
Gespannt beobachtete er, wie sie seine Worte aufnehmen würde und sah, wie allmählich Begreifen in ihrem Gesicht aufdämmerte und sie verstand.

Ihre Augen schimmerten verdächtig feucht, als sie langsam nickte und ihn ansah.

„Wenn das so ist, Severus… Dann lass uns das morgen beim Frühstück ausführlicher besprechen. Jetzt wüsste ich etwas viel interessanteres, was wir tun könnten."
Sie beugte sich zu ihm herab und verschloss seinen Mund erneut mit einem leidenschaftlichen Kuss.

ENDE