Das Frühstück, das ihnen kurz darauf in einem Esszimmer gleich nebenan von einem Servicedroiden serviert wurde, übertraf Lukes kühnste Erwartungen. In seiner Vorstellung speisten höchstens gekrönte Häupter, Millionäre, berühmte Filmstars oder ähnlich exaltierte Leute auf diese verschwenderische Art und Weise. Aber bestimmt nicht jemand, der so spartanisch lebte wie Luke Skywalker oder irgendein x-beliebiger anderer Rebell.

Da gab es eine ganze Batterie von silbernen Thermoskannen, aus denen die aromatischen Düfte von verschiedenen edlen Cofecea- und Teesorten stiegen. Eine schimmernde Reihe von Kristallschalen enthielt alle nur denkbaren Ingredienzien für das ultimative Luxus-Müsli und zwei Körbchen ungefähr jede Sorte Brot, die dem Einfallsreichtum und Ofen eines Bäckers nur entspringen konnte. Früchte in allen Farben und Formen – die meisten davon konnte Luke nicht einmal identifizieren – waren zu einer verlockenden Pyramide aufgehäuft und durchscheinende Karaffen lockten mit frisch gepressten Säften.

Neben diesen eher gesunden Genüssen fanden sich auch verführerische Kalorienbomben in Form von Kuchen und Konfitüren. Und wer eher das Deftige liebte, auf den wartete eine riesige siedendheißen Wärmeplatte, auf der sich hauchfeine Keramikpfannen stapelten, die mit Eiergerichten, kross gebratenen Würstchen, gebratenen Schinkenscheiben und kleinen goldfarbenen Fischen gefüllt waren. Und noch viele andere Dinge mehr …

Beinahe ehrfürchtig starrte Luke auf die üppig beladene Anrichte: Was hier für eine einzige Mahlzeit aufgefahren wurde, hätte sämtliche Piloten seiner Staffel einen ganzen Tag lang pappsatt und sehr, sehr glücklich gemacht. Und dieser Aufwand nur für zwei Personen! Oder vielleicht sogar nur für eine Person, wenn sein Vater sich so etwas jeden Morgen auftischen ließ ...

„Wow!" sagte Luke, als er sich von dem Anblick erholt hatte. „Ist das die Vader-Spezial-Version oder bekommt hier die ganze Crew so ein Wahnsinnsmenü vorgesetzt?"

Falls ja, kann ich wenigstens ein bisschen verstehen, warum nicht jeder halbwegs menschliche Imp gleich bei seinem allerersten Landurlaub desertiert, setzte er in Gedanken hinzu.

Vielleicht hatte Vader diesen Gedanken aufgefangen, denn er erwiderte prompt: „Im Gegensatz zur Allianz sind wir eben der Meinung, dass man Soldaten gut füttern muss, um sie bei Laune zu halten. Unsere Männer müssen nicht jeden Tag auf irgendwelchen geschmacksneutralen Nährstoffkonzentraten herumkauen, nur damit wir eine Handvoll Credits sparen. Es gibt bessere Gründe, um eine Meuterei zu riskieren …"

Er lächelte ein wenig, als er Lukes Gesichtsausdruck sah.

„Aber keine Sorge, so verwöhnt werden unsere Besatzungen natürlich auch nicht. Ich fürchte, Gourmetküche wirst du tatsächlich eher in den Offiziersmessen finden als in den Mannschaftskantinen."

„Ha!" sagte Luke in dem befriedigenden Bewusstsein, dass er gerade wieder einen Beweis für die moralische Überlegenheit der Allianz entdeckt hatte. „Bei uns wird alles brüderlich geteilt – unabhängig von Rang und Namen."

Das bezweifelte Vader, aber er verkniff sich einen entsprechenden Kommentar.

„Setz dich endlich hin und iss."

Doch das war leichter gesagt als getan, wie Luke feststellte. Bis er sich ein paar appetitliche Häppchen aus dieser verwirrenden Vielfalt ausgesucht hatte, war sein erster Hunger bereits verflogen. Und nur ein paar Minuten, nachdem er sich an Vaders Tafel niedergelassen hatte (als Tisch konnte man dieses metallfüßige Monstrum aus mattiertem Glas, das für gut zehn weitere Gäste Platz geboten hätte, nicht mehr bezeichnen!), schob Luke seinen Teller schon wieder von sich.

„Zu schade, aber ich kriege einfach keinen Bissen mehr runter."

„Du hast doch kaum etwas angerührt."

„Ja, aber ich fühle mich trotzdem, als hätte ich gerade einen Rolle Stacheldraht verschluckt."

„Du bist nur nervös. Du bist so angespannt, dass sogar der Imperator in deiner Nähe Kopfschmerzen bekommen würde."

„Wirklich?" fragte Luke mit halbherzigem Interesse. „Kann ich ihm auch ein bisschen mehr verpassen, wenn ich mich so richtig aufrege? Einen Schlaganfall? Einen Herzinfarkt?"

Er grinste müde, um zu zeigen, dass er es nicht ernst meinte. Nicht wirklich.

„Ich wünschte, es wäre so einfach", erwiderte Vader trocken.

„Zu schade", wiederholte Luke. „Was ist mit Gift?" (Und dieses Mal meinte er es ernst.)

„Keine Chance. Leider. Er analysiert alles höchstpersönlich mit einem topmodernen Scanner, den er immer und überall mit sich herumträgt", sagte Vader.

„Dann vielleicht eine klitzekleine Giftschlange in seinem großen imperialen Bett? Ein einziger Biss – und zack! Schon wären wir ihn los. Oder vielleicht etwas noch Kleineres und noch Giftigeres: Ein winziger Käfer … eine Spinne … eine Ameise?"

„Zwecklos. Keine Lebensform überlebt länger als ein paar Sekunden in DIESEM imperialen Bett – egal wie klein, giftig oder bissig sie auch sein mag."

„Okay. Ich sehe, worauf du hinaus willst. Natürlich würde er jede Lebensform schon lange bemerken, bevor sie überhaupt Gelegenheit dazu hätte, über sein großes imperiales Kopfkissen zu krabbeln. Na schön … Was hältst du von Giftgas?"

Vader, der gerade im Begriff gewesen war, seine Cofeceatasse nachzufüllen, hielt inne und starrte seinen Sohn an.

„Wie kommst du nur auf solche Ideen? Wieso bist du plötzlich so besessen davon, den Imperator zu vergiften?"

„Ach, ich weiß auch nicht. In den Holodramen werden böse tyrannische Könige eben immer vergiftet. Meistens sogar von ihren eigenen Königinnen. Woran das bloß liegt?" sagte Luke versonnen.

„Palpatine hat nicht einmal eine ganz normale Ehefrau, geschweige denn eine mordlustige Giftmischerin, die von einem glücklichen Witwendasein träumt. Also vergiss das lieber ganz schnell wieder, Junge. Und merk dir eins für die Zukunft: Ein Vader vergiftet seine Feinde nicht. Ein Vader tötet auf zivilisierte Weise!"

„Erzähl das den Leuten auf Ragnaroc", murmelte Luke, der an die schaurigen Einzelheiten von diversen imperialen Angriffen aus der jüngsten Zeit denken musste. „Oder den Überlebenden von Hadezz. Oder den Orcinen …"

Die Cofeceakanne landete mit einem aggressiven Klirren auf der Tischplatte.

„Krieg ist immer grausam. Und ob du es glaubst oder nicht: Nicht einmal ich kann überall gleichzeitig anwesend sein und jeden einzelnen Einsatz meiner Truppen persönlich überwachen", sagte Vader scharf.

„Und wenn wir hier schon von Ethik reden, mein tugendhafter kleiner Jedi: Hast du eigentlich jemals darüber nachgedacht, wie viele Menschen du zusammen mit dem Todesstern in die Luft gejagt hast?"

„Also das war reine Selbstverteidigung!" widersprach Luke.

Tatsächlich war der glanzvolle, aber blutige Start in sein Rebellendasein ein wunder Punkt, auf den er nicht gerne angesprochen wurde. Der Orden, den Leia ihm damals bei ihrer Siegesfeier verliehen hatte, ruhte seit jenem Tag unberührt in einer hübschen kleinen Samtschatulle auf dem Grund irgendeines Spinds oder einer Reisetasche. Und jedes Mal, wenn Commander Skywalker von höchster Stelle dazu aufgefordert wurde, bei einem ähnlichen Festakt der Allianz zusammen mit seiner Paradeuniform gefälligst auch seine Medaille zu tragen, fand er irgendeine Ausrede, um es nicht zu tun.

Trotzdem wurde er immer wieder von dem Schatten seiner glorreichen Tat verfolgt. Manchmal wollten die Leute Autogramme von ihm oder sogar noch peinlichere Dinge. Voller Unbehagen erinnerte sich Luke an seine letzte Woche auf der Hoth-Basis. Lieutenant Isidory, ein Pilot aus einer anderen Einheit, hatte ihn um ein persönliches Holovideo gebeten, das er als sehnsüchtig erwartetes Neujahrsgeschenk an seine Geschwister schicken wollte. Die begeisterten jungen Fans des „Helden von Yavin" wünschten sich nicht nur gemeinsame Bilder von besagtem Helden mit ihrem großen Bruder, sondern auch ein paar schneidige Worte des berühmten Luke Skywalker.

Luke hatte sich vor Verlegenheit gewunden und sich schließlich unter dem Vorwand einer dringenden Besprechung mit General Rieekan vor der Aufnahme gedrückt. Er hatte Isidory aber so gut wie versprochen, die Aufnahme später nachzuholen. Doch dazu war es nicht mehr gekommen, denn der junge Pilot war wenige Tage später bei dem imperialen Überfall auf Hoth abgeschossen worden, was Lukes chronisch schlechtem Gewissen prompt einen neuen Highscore verpasst hatte …

„Ich hatte damals gar keine andere Wahl", sagte er hitzig. „Entweder ein paar Tausend fanatische Imperiale..."

„Also das nenne ich eine klassische Untertreibung! Nur zu deiner Information, Junge: Es waren fast eine Million!"

„Entweder ein paar fanatische Imperiale mehr oder weniger oder die ganze Allianz … und danach wahrscheinlich jeder bewohnte Planet der Galaxis!" trumpfte Luke auf.

„Jeder bewohnte Planet der Galaxis – wenn ich das schon höre! Wenn sich deine Rebellenfreunde auf irgendetwas verstehen, dann auf maßlose ÜBERtreibungen."

„Ganz Alderaan mit einem Superlaser zu verdampfen – das nenne ICH eine maßlose Übertreibung!"

„Oh nein, nicht das schon wieder!" stöhnte Vader auf. „Tatsächlich hatte ich mit dieser Sache gar nichts zu tun – absolut gar nichts! Das war Wilhulf Tarkin – frag deine Prinzessin, wenn du mir nicht glaubst!"

„Ich glaube nicht, dass Leia einen großen Unterschied zwischen dir und einem völlig durchgedrehten Moff sieht, aber ich werde sie bei Gelegenheit fragen."

„Außerdem war Alderaan nicht halb so pazifistisch, wie immer behauptet wird", sagte Vader energisch. „Also gut, Tarkin war wirklich ein Fanatiker UND völlig durchgedreht. Und hättest du ihn nicht rein zufällig zusammen mit dem Todesstern erledigt, dann hätte ich ihn irgendwann aus dem Verkehr ziehen müssen, aber … Großer Sith! Wie selbstgerecht ihr Rebellen doch seid!"

„Genau dasselbe kann man doch auch von euch Imperialen sagen: Selbstgerecht! Und selbstgefällig. Selbstherrlich. Selbstsüchtig. Selbst …"

„Beeindruckend! Geht das jetzt immer so weiter? Ich meine, hast du ein Wörterbuch auswendig gelernt oder was?"

„Ich finde, es ist höchste Zeit für einen Themawechsel", sagte Luke kühl.

„Gut", erwiderte Vader schroff. „Reden wir über etwas anderes."

Eine lange, lange Pause trat ein. Vader rührte seinen längst erkalteten Cofecea so stürmisch um, als wollte er ihn durch Reibungshitze wieder aufwärmen. Luke beobachtete ihn dabei. Das Schweigen dauerte an …

„Vorhin hast du gesagt, dass du praktisch nichts von mir weißt. Ich kann mir vorstellen, dass du eine Menge Fragen an mich hast. Warum fängst du nicht einfach mit irgendetwas an?" schlug Vader schließlich vor.

Jetzt starrte Luke intensiv auf seine eigene Tasse, als ob der ebenfalls ausgekühlte türkisfarbene Tee darin die beste erste Frage aller Zeiten inspirierte.

„Nun frag schon, Junge. Irgendetwas wird dir doch wohl einfallen."

„Ehefrau", platzte Luke heraus.

„Wie bitte?"

„Du hast gesagt, Palpatine hat keine Ehefrau. Was ist mit dir? Hast du … Hattest du je …?"

Luke ließ den Satz ausdriften und hypnotisierte weiterhin seine Teetasse.

Vader seufzte innerlich. Natürlich! Von allen nur denkbaren unangenehmen Themen musste sein Sohn ganz spontan auf das Unangenehmste verfallen …

„Nein, es gibt keine Lady Vader und es hat auch nie eine gegeben. Auch keine Mrs. Skywalker, wenn du es genau wissen willst."

Luke verlor sofort jedes Interesse an dem teuren Porzellan ringsum und heftete einen anklagenden Blick auf das Gesicht gegenüber.

„Was ist mit Mutter?"

Und schon geht es los, dachte Vader resigniert.

Aber irgendwann mussten sie ohnehin darüber reden, also warum nicht gleich hier und jetzt? Es hatte keinen Sinn, das Unvermeidliche hinauszuzögern …

„Ich hätte deine Mutter geheiratet, wenn es nach mir gegangen wäre, aber sie wollte ja nicht. Glücklicherweise, wie ich heute sagen muss, denn ich halte nicht viel von Scheidungen. Und zu einer Scheidung wäre es zweifellos gekommen. Wir haben uns mit der Zeit immer mehr auseinander gelebt … Irgendwann hatten wir uns einfach nichts mehr zu sagen …

Das kommt vor, weißt du? So etwas kann jedem passieren, also sieh mich gefälligst nicht so an!" sagte Vader. „Es war nicht meine Schuld. Nicht wirklich …"

Die Antwort seines Sohnes überraschte ihn.

„Woher soll ich wissen, wessen Schuld es war? Von Mutter weiß ich ja noch weniger als von dir. Ich kenne nicht einmal ihren Namen", sagte Luke traurig.

„Was? Das darf doch wohl nicht wahr sein!" rief Vader. „Obi-Wan war ja nie sehr mitteilsam, aber wenn das stimmt, dann muss er in seinen letzten Jahren so verschlossen gewesen sein wie eine lispanische Auster!"

Luke runzelte die Stirn.

„Was hat das mit Ben zu tun? Ich bin sicher, er hätte mir irgendwann alles erzählt, wenn er nur die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Aber Onkel Owen und Tante Beru wollten ihn ja nicht in meine Nähe lassen. Sie konnten ihn nicht ausstehen. Das heißt, Onkel Owen konnte ihn nicht ausstehen. Tante Beru hatte eher Angst vor ihm, glaube ich.

Und als wir uns endlich richtig kennen gelernt haben, Ben und ich, da war es für solche Gespräche einfach schon zu spät. Es ging damals alles so schrecklich schnell …"

Doch Vader hatte längst den Faden verloren.

„Owen? Beru? Wer ist das? Und was meinst du mit richtig kennen lernen? Soll das etwa heißen, du bist gar nicht bei Kenobi aufgewachsen?"

Luke hatte dafür gerade einen Augenblick der Erleuchtung.

„Mein Gott, du hast keine Ahnung, wovon ich rede, nicht wahr? Und ich dachte immer, euer genialer Geheimdienst kriegt einfach alles raus. Ich habe wirklich geglaubt, du weißt inzwischen jede Kleinigkeit über mich: Meine Schulnoten, meine Schuhgröße, meine Lieblingszahnpasta…"

Vaders Unheil verkündender Gesichtsausdruck besagte ganz deutlich, dass verschiedene nicht ganz so geniale Mitarbeiter des imperialen Geheimdienstes ziemlich bald in akute Erklärungsnöte geraten würden. Und gleich anschließend in akute Existenznöte – und das garantiert nicht wegen fehlender Erkenntnisse über Luke Skywalkers bevorzugte Zahnpastamarke!

Er richtete seinen Zeigefinger auf seinen Sohn wie eine Blastermündung und sagte mit absoluter Autorität: „Junge, ich will alles wissen, was es da zu wissen gibt. Sofort!"

Doch Luke, der die Machtsuggestion hinter diesem Befehl so deutlich sehen konnte wie einen Blasterstrahl, lehnte sich mit aufreizender Lässigkeit in seinem bequemen Lehnstuhl zurück und verschränkte die Arme über der Brust.

„Oh nein", sagte er. „Jetzt bist du an der Reihe. Und wir fangen mit dem Anfang an. Also: Wie heißt sie?"

Vader unterdrückte nur mit Mühe eine etwas aggressivere Machtdemonstration. Es war einfach zu irritierend, wie dieser Junge sich seinen Wünschen widersetzte. Aber manchmal lag buchstäblich in der Ruhe die Kraft. Nicht immer, aber immerhin …

„Neela. Taneela Whitesun", sagte er gepresst.

„Whitesun? Aber das war der Mädchenname von Tante Beru!" rief Luke. „Sie müssen also irgendwie miteinander verwandt gewesen sein. Waren sie Schwestern? Cousinen?"

Vader dachte angestrengt nach, aber es war fast ein Vierteljahrhundert her, seit er sich zum letzten Mal ernsthaft mit Tatooine und seiner hoffnungslos banalen Bevölkerung beschäftigt hatte. Er konnte sich beim besten Willen an keine Beru Whitesun erinnern.

Aber das konnte auch daran liegen, dass Neela diese Frau ihm gegenüber niemals erwähnt hatte. Taneelas Beziehungen zu ihrer Verwandtschaft waren immer äußerst flüchtiger Natur gewesen – und dasselbe konnte man auch von Anakin Skywalker sagen. Sie beide waren nur durch extrem oberflächliche Wurzeln mit dem glühenden Wüstensand unter dem gnadenlosen Gleißen von Tatooines Doppelstern verbunden gewesen. Das hatte damals zu ihren wenigen Gemeinsamkeiten gehört. Das und ihr starkes Verlagen, der unerträglichen Enge ihrer kleinen Welt zu entkommen. Und tatsächlich hatten sie in den kurzen Jahren ihrer Beziehung kaum jemals von den Familien gesprochen, die sie auf Tatooine zurückgelassen hatten. Dieses Kapitel war für sie beide abgeschlossen gewesen …

„Ich kann dazu leider gar nichts sagen, außer dass es mir unbegreiflich ist, wie du überhaupt bei diesen Leuten landen konntest. Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Mutter damit einverstanden war", behauptete Vader.

Aber so sicher war er sich gar nicht, was diesen Punkt anging. War es nicht gerade Neelas Abneigung gegen die Whitesuns und Tatooine generell, was diese trostlose Staubkugel und ihre geradezu lächerlich perspektivlosen Bewohner zu einem idealen Versteck für ihren Sohn machten? Das galt übrigens auch für ihn selbst. Niemals wäre Anakin Skywalker … nein, VADER! … auf die Idee verfallen, ausgerechnet dort nach seinem verschollenen Nachwuchs zu suchen.

Wirklich clever, Obi-Wan! dachte er. Aber vielleicht doch nicht clever genug …

Denn offensichtlich hatte Kenobi nicht vorausgesehen, dass Neelas Familie versuchen würde, ihn von seinem Schützling fernzuhalten.

„Warum?" fragte Luke.

„Was?" fragte Vader zerstreut zurück.

„Warum hätte Mutter nicht damit einverstanden sein sollen?"

„Ah! Nun … sie hielt nicht viel von Tatooine und den Leuten dort", sagte Vader.

Lukes Gesicht wurde lang und länger.

„Was natürlich nicht bedeuten soll, dass sie dich dort einfach abgeladen und im Stich gelassen hätte", fuhr Vader fort, obwohl er völlig im Dunkeln tappte, was die wahre Motivation seiner ehemaligen Lebensgefährtin anging.

Denn Neela hätte durchaus einen guten Grund dafür gehabt, Luke einfach irgendwo abzuladen und ihn im Stich zu lassen. Manche Mütter machten so etwas mit ihren Kindern. Vor allem mit unerwünschten Kindern … Oder mit Kindern, die auf unerwünschte Art und Weise empfangen worden waren …

Aber dies war kaum der richtige Augenblick, um Luke damit zu konfrontieren, dass er seine Existenz aller Wahrscheinlichkeit nach der allerletzten Nacht verdankte, die seine Eltern miteinander verbracht hatten … Eine Nacht, die sogar sein Vater über viele Jahre hinweg völlig verdrängt hatte … Eine Nacht, die insbesondere seiner Mutter in äußerst unangenehmer Erinnerung verblieben sein musste …

Nein, manche Dinge musste der Junge wirklich nicht wissen. Ihre Vater-Sohn-Beziehung war auch so schon kompliziert genug ...

Aber trotzdem war Neelas Verhalten im Großen und Ganzen ein Rätsel für Vader. Ein Rätsel, das er so schnell wie möglich zu lösen gedachte …

„Erzähl mir mehr von deinem Leben mit den Whitesuns", forderte er.

„Lars", korrigierte Luke. „Nach Berus Heirat mit Onkel Owen hieß sie Lars. Und von anderen Whitesuns war bei uns nie die Rede. Ich glaube nicht, dass es damals überhaupt noch irgendwelche Angehörigen gab – nicht einmal auf Onkel Owens Seite. Und über uns drei gibt es auch nicht viel zu erzählen. Wir haben eben so vor uns hin gelebt … wie Farmer auf Tatooine eben so leben … Du kommst doch selber von dort. Du musst doch am besten wissen, wie es da so ist."

Vader nahm die Anspielung auf seine verleugnete Skywalker-Persona widerspruchslos hin, was nicht oft der Fall war. Er nickte seinem Sohn in stummem Einverständnis zu. Natürlich erinnerte er sich an das öde ereignislose Leben auf Tatooine, ein Leben, das genug Mauern und Zäune enthielt, um einen ehrgeizigen begabten jungen Mann wie Anakin … oder Luke Skywalker fast in den Wahnsinn zu treiben.

Ja, er erinnerte sich nur allzu gut daran. Diese sengende Hitze, der allgegenwärtige Sand, die tödliche Langeweile, die Hoffnungslosigkeit, sobald einem klar wurde, dass man auf einem Planeten lebte, der nicht mehr war als ein Furunkel auf dem Hintern der Galaxis...

Auf Tatooine lebte man nicht einmal vor sich hin, man vegetierte dort vor sich hin! All das konnte einen jungen Menschen erst zur Verzweiflung bringen und ihn schließlich in die Flucht schlagen. Bei Anakin Skywalker war es zumindest so gewesen. Und bei Taneela Whitesun auch…

„Was ist eigentlich aus diesen Lars-Leuten geworden?" fragte er schließlich, nur um irgendetwas zu sagen.

Doch jetzt war plötzlich Luke so verschlossen wie eine lispanische Auster. Er stand auf und ging zu dem durchgehenden Panoramafenster hinüber, das die ganze Steuerbordwand von Vaders Quartier beherrschte. Und dort stand er nun. Stand einfach da und starrte in die glitzernden Sterne hinaus, in finsteres Schweigen gehüllt. Eine eindrucksvolle Pose, wenn man ein zwei Meter großer Sith-Lord in Maske und wallendem Umhang war. Aber nicht ganz so eindrucksvoll, wenn man eigentlich nur ein Junge war und auch danach aussah …

Vader betrachtete seinen Ableger mit wachsender Ungeduld. Er wollte Antworten haben und das schnell. Es war zum Auswachsen mit diesem Jungen! Musste man ihm wirklich jede noch so kleine Auskunft aus der Nase ziehen wie einem widerspenstigen Rebell bei einem Verhör?

„Vertrauen gegen Vertrauen, Luke. Wenn du von mir erwartest, dass ich meine ganze Biographie vor dir ausbreite, dann erwarte ich dasselbe auch von dir. Also, was ist jetzt mit diesen Lars-Leuten? Sind sie wütend auf dich, weil du deinen eigenen Weg gegangen bist? Das wäre ja so typisch …"

Denn nach Vaders eigenen Erfahrungen mit lästiger Verwandtschaft konnte sich die ältere Generation einfach unmöglich aufführen, sobald sie begriff, dass die jüngere Generation gewillt und auch wild entschlossen war, von längst ausgetretenen Pfaden so weit wie nur möglich abzuweichen …

Sein Sohn, der ihm unhöflicherweise immer noch den Rücken zukehrte, schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, sie sind nicht wütend auf mich. Sie sind tot."

„Oh!" sagte Vader gedehnt. „Wie bedauerlich. Ein Gleiter-Unfall?"

„Nein", klang es abweisend zurück.

„Ein Tusken-Überfall?"

„Nein!"

Vader kam ein ebenso außergewöhnlicher wie anregender Gedanke.

„Oder hat Obi-Wan sie aus dem Weg geräumt, weil sie ihm den Kontakt mit dir verboten haben?"

Luke wirbelte zu ihm herum, jetzt sichtlich entflammt.

„NEIN!" fauchte er. „Natürlich nicht! So etwas Schreckliches hätte er niemals tun können. Warum auch?"

Doch Vader urteilte ganz nüchtern, dass seine Theorie eigentlich ziemlich nahe liegend war. An Kenobis Stelle hätte er nicht eine Sekunde lang gezögert, jeden zu töten, der sich zwischen ihn und einen viel versprechenden Schüler … nein, sogar den letzten Padawan überhaupt stellte.

Und was Darth Vader persönlich anging, so hätte er ohne Weiteres ganz Tatooine ausgerottet, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, wenn das der einzige Weg gewesen wäre, um an seinen Sohn heranzukommen. Aber auch das brauchte Luke nicht zu wissen …

„Warum, warum. Darum!" sagte er achselzuckend. „Auch wenn du es nicht wahrhaben willst: Kenobi war kein Heiliger, obwohl er immer gerne so getan hat als wäre er einer. Sogar die Jedis kannten das Sprichwort: Der Zweck heiligt die Mittel. Sie waren alle keine Heiligen, Luke. Höchstens Säulenheilige. Aber darin waren sie wirklich unübertroffen …

Und jetzt rück endlich damit heraus: Wie bist du doch noch unter Obi-Wans fürsorglicher Fittiche gelandet? Hat er vielleicht Kopfgeldjäger angeheuert, weil er sich nicht die Hände schmutzig machen wollte?"

Luke funkelte ihn an.

„Du willst es unbedingt hören, ja? Also gut: Es war nicht Ben. Es war dein Imperium! Ja, deine Soldaten haben Onkel Owen und Tante Beru aus dem Weg geräumt. Einfach so! Und völlig grundlos noch dazu. Wenn sie nämlich nur eine Stunde gewartet hätten, nur eine einzige verdammte Stunde, dann hätten sie sich die Droiden einfach nehmen und wieder verschwinden können. Keiner von uns hätte sie daran gehindert … Aber sie hatten wohl den Befehl, jeden umzubringen, der auch nur einen Blick auf eure kostbaren Pläne geworfen haben könnte …"

Und Vader sah ganz unerwartet ein weiteres Puzzlestück auf seinen Platz fallen.

„Die Droiden von der Tantive … Diese Farmer, die sie gekauft haben – das waren deine Leute?" fragte er ungläubig.

„Ja", sagte Luke bitter. „Dabei wollte Onkel Owen R2 und 3PO nicht einmal haben. Ich musste ihn dazu überreden, sie den Jawas abzukaufen. Hätte ich das nur nicht getan … Aber ich konnte ja schließlich nicht wissen, dass zusammen mit einem harmlosen Astromech unser Todesurteil in unsere Garage rollt …

Niemand konnte das wissen, oder? Niemand ... Nicht einmal Ben hat es gewusst …", flüsterte er vor sich hin.

Doch Vader war jetzt selber zu aufgeregt, um auf die deutlichen Anzeichen von uralten Schuldkomplexen zu reagieren. Dass die Droiden mit den gestohlenen Todesstern-Plänen damals nicht einfach irgendwo in Tatooines Einöde verschwunden waren, sondern ausgerechnet auf der Farm aufgetaucht waren, auf der sein eigener Sohn gelebt hatte, das war ein zu großer Zufall, als dass Vader nicht sofort seine ungeheuerliche Tragweite erkannt hätte.

Und wenn er erst bedachte, welche Auswirkungen dieser angebliche Zufall auf ihrer aller Zukunft gehabt hatte oder beinahe gehabt hätte … Schließlich hatte er selbst dem Einsatzkommando, das nach den Droiden suchen sollte, den ausdrücklichen Befehl gegeben, keine Spuren zu hinterlassen … Es war unfassbar …

Luke kehrte zu seinem Sitzplatz zurück und trank noch einen Schluck Tee, denn was er als nächstes aussprechen musste, ließ seine Kehle jetzt schon trocken werden.

„R2 hat sich gleich in der ersten Nacht aus dem Staub gemacht, um nach Ben zu suchen. Er sollte ihm eure Pläne bringen, aber das wusste ich zu der Zeit natürlich noch nicht. Ich bin morgens nur losgefahren, um R2 wieder einzufangen. Und nur deshalb war ich nicht zu Hause, als euer Killerkommando angerückt ist."

Vader schwieg. Er zog es aus begreiflichen Gründen vor, kein Wort über diese heikle Angelegenheit zu verlieren. Die Geheimnisse, die sein Sohn besser niemals erfuhr, begannen sich vor seinem geistigen Auge bereits aufzustapeln wie Null–Grav–Frachtcontainer im Laderaum der Executor.

„Gleich nachdem ich R2 gefunden hatte, hat ein besonders schlecht gelaunter Tusk mich gefunden und in letzter Minute Ben uns alle zusammen. Es war irgendwie ein Tag, an dem man ununterbrochen etwas findet oder herausfindet. Als Ben und ich herausgefunden hatten, was R2 da irgendwo in seinen Datenspeichern durch die Gegend schleppt, wollte ich eigentlich nur noch heim und die ganze Sache so schnell wie möglich wieder vergessen.

Aber dafür war es natürlich schon viel zu spät ... das war mir spätestens dann klar, als wir auch noch diese toten Jawas entdeckt haben – genau die Jawas, die uns die Droiden verkauft hatten. Und als ich endlich zu Hause angekommen bin, da war alles schon vorbei.

Wahrscheinlich habe ich deine Sturmtruppen sogar nur um ein paar Minuten verpasst. Ich hatte Glück. Tante Beru und Onkel Owen nicht …"

Vader war zutiefst betroffen, als er sich ausmalte, was unweigerlich geschehen wäre, wenn sein Sohn früher nach Hause gekommen oder an diesem Morgen gar nicht erst weggegangen wäre.

„Und du glaubst nicht an Schicksal, du törichter Junge!" sagte er leise. „Wenn DAS kein Beweis dafür ist, dass es so etwas wie Bestimmung gibt, was dann?"

Luke ging nicht auf diese Herausforderung ein, was vielleicht auch besser so war.

Stattdessen fuhr er fort: „Danach mussten wir uns natürlich alle aus dem Staub machen, Ben, die Droiden und ich. Wir mussten so schnell wie möglich runter von Tatooine – es wimmelte inzwischen ja nur so von Soldaten und alle waren hinter R2 und 3PO her. Ich frage mich heute noch, wie wir es überhaupt bis nach Mos Eisley geschafft haben.

Na ja, dort haben wir dann Han aufgegabelt. Und er hat uns mit der Millenium Falcon nach Alderaan gebracht … oder zu dem, was von Alderaan noch übrig war. Der Rest ist Geschichte…

Du siehst also, ich hatte eigentlich nur ein paar Tage mit Ben. Das war nicht gerade viel Zeit, um von ihm zu lernen – und lange nicht genug Zeit, um meinen ganzen Stammbaum plus Familienhistorie aus ihm herauszuholen.

So, jetzt kennst du meine Biographie, wenn auch nur die Kurzversion. Zufrieden?"

Vader überdachte dieses Wort. Zufrieden? Nein, er würde niemals wirklich zufrieden sein, wenn er bedachte, was er alles verpasst hatte. Die ganze Kindheit und Jugend seines Sohnes war ihm entgangen. Ließ sich das je wieder aufholen? Wahrscheinlich nicht.

Trotzdem hatte er das Gefühl, dass er wenigstens zu den Bruchstücken, die er gerade erfahren hatte, irgendwie Stellung nehmen musste.

„Das mit deinen Verwandten tut mir Leid, Junge", brummte er nach einer Weile. „Sie waren bestimmt anständige Leute und haben auf ihre bescheidene Weise gut für dich gesorgt. Sie hätten ein besseres Ende verdient."

Oder ein noch schlimmeres Ende, wenn Vader nur früher von der Existenz seines Sohnes erfahren hätte – und von den Menschen, die ihm diesen Sohn absichtlich vorenthalten hatten! Es fiel ihm schwer, Mitgefühl für das Lars–Paar zu heucheln. Aber was tat man als Vater nicht alles für den Seelenfrieden seines Kindes …

„Ja, das hätten sie. Ihr Tod war so sinnlos und so furchtbar. Niemand sollte so sterben müssen", sagte Luke ernst.

„Ich habe doch gesagt, dass es mir Leid tut, oder nicht?" entgegnete Vader gereizt.

„So etwas kann man nicht einfach mit einem ‚Tut mir Leid, Junge' abhaken. Nicht, wenn so etwas jederzeit und überall wieder geschehen kann", erwiderte Luke aufgebracht. „Ich verstehe einfach nicht, wie du es zulassen kannst, dass deine Soldaten über unschuldige und völlig wehrlose Menschen herfallen wie eine Horde bestialischer … ach, was weiß ich. Das ist so was von barbarisch!"

„Ich habe es dir vorhin schon einmal gesagt: Krieg ist immer grausam! Also hilf mir dabei, die Ursachen für diesen Krieg zu beseitigen und solche Dinge werden nie wieder vorkommen."

„Wenn ich dir das nur glauben könnte", murmelte Luke.

„Und überhaupt: Meine Soldaten sind nicht barbarisch! Nur sehr gründlich. Und vielleicht neigen sie dazu, ihre Befehle ein klein wenig zu wörtlich zu nehmen ..."

Vor allem meine Befehle – und wer kann ihnen das verdenken? dachte Vader.

„Wenn das hier jetzt zu einer Art Lobgesang auf Sturmtruppen ausartet, dann muss ich mich wahrscheinlich mitten auf deinen Tisch übergeben!" teilte sein empfindsamer Sohn mit.

„Da wir das bestimmt beide lieber vermeiden würden, schlage ich jetzt einen Themawechsel vor – nur so zur Abwechslung", sagte Vader.

„Nein. Lass uns einfach auf unser eigentliches Thema zurückkommen." Luke beugte sich ein wenig vor und fixierte den Mann auf der anderen Seite des Tischs mit einem kalten Blick.

„Wo ist Mutter? Und was hast du mit ihr angestellt, bevor sie dir weggelaufen ist?"

„Das frage ich mich seit über zwanzig Jahren. Und wie kommst du eigentlich darauf, dass sie mir weggelaufen ist oder dass ich irgendetwas damit zu tun habe?" sagte Vader ausweichend.

„Weil IRGENDETWAS zwischen euch beiden gewaltig schief gelaufen sein muss. Sonst wäre ich ja wohl kaum bei Leuten aufgewachsen, die mir entweder gar nichts über meine eigenen Eltern erzählt haben oder nur Lügen."

„Was für Lügen?" fragte Vader, um Zeit zu gewinnen.

„Du warst angeblich dein Leben lang Navigator auf einem Frachter."

„HA!" schnappte Vader. (Was auch immer diesen intriganten, verlogenen Hinterwäldlern zugestoßen war, sie hatten es eindeutig verdient!)

„Na ja, ich muss zugeben, dass mir Bens Jedi-Version auch besser gefallen hat. Das war immerhin ein mächtiger Karrieresprung für meinen Traum-Dad."

Vader fühlte sich fast besänftigt. Fast.

„Du hast von mir geträumt?"

„Natürlich. Bis du zu einem ziemlich lebendigen Alptraum–Vater geworden bist …"

„HA!"

Doch Luke ließ sich nicht mehr ablenken.

„Wir wollten doch das mit Mutter klären", erinnerte er unbarmherzig.

Wie hartnäckig dieser Junge sein kann, dachte Vader.

„Da gibt es nicht viel zu klären!" erwiderte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Ich habe keine Ahnung, wo diese Frau heute steckt, falls sie überhaupt noch lebt. Nachdem sie damals Hals über Kopf auf und davon ist … ja, ja! Du hast natürlich Recht! Sie IST mir weggelaufen …

Und danach habe ich nie wieder etwas von ihr gesehen oder gehört – ich schwöre es dir!" versicherte Vader, als sein Sohn ihn mit offenem Misstrauen ansah.

„Sie kann doch nicht einfach so verschwunden sein. Hast du denn nicht einmal nach ihr gesucht?"

„Natürlich habe ich nach ihr gesucht – eine Zeitlang. Aber sie war wie vom Erdboden verschluckt … Und ich bin ganz sicher, dass Obi-Wan etwas damit zu tun hatte! Die Jedis waren Meister darin, jemanden verschwinden zu lassen – eine Fähigkeit, die mir später noch viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Und Obi–Wan konnte es nie lassen, seine spitze Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn überhaupt nichts angehen!"

„Aber warum hat sie dich verlassen?" fragte Luke beharrlich.

Nun war es Vader, der aufstand und zu dem großen Fenster hinüberging. Gedankenvoll starrte er hinaus, die Arme auf dem Rücken verschränkt.

„Im Grunde haben wir überhaupt nicht zueinander gepasst, deine Mutter und ich. Aber wir waren jung und bis über beide Ohren verliebt und wir haben alles durch eine rosarote Brille gesehen. Auch uns. Vor allem uns. Außerdem wollten wir beide unbedingt weg von Tatooine und etwas erleben, etwas aus uns machen, etwas Großartiges. Das hat uns wohl am meisten aneinander gefesselt und uns zusammengeschmiedet – eine Zeitlang!

Wir hatten den Kopf voller Träume, aber nur ganz vage Pläne. Ich wollte damals einfach nur ein großer Pilot werden, der Beste von allen, ein absolutes Fliegerass mit Ruhm und Ehre und allem, was dazu gehört. Und deine Mutter wollte sich in der Modebranche einen Namen machen. Sie sah sich schon als berühmte Designerin mit einem eigenen Label. Geniale Kollektionen wollte sie entwerfen. Die Reichen und Mächtigen von Coruscant sollten sich um die Modellkleider von Taneela Whitesun reißen und sie mit Geld überschütten."

Natürlich waren wir schrecklich naiv. Wir haben uns wirklich eingebildet, wir müssten einfach nur nach Coruscant gehen und bald würde uns die ganze Welt zu Füßen liegen. Wir waren noch jünger als du es heute bist und so unschuldig wie nur ein paar Landeier aus einem Randsystem es sein können. Also haben wir jeden Credit zusammengekratzt, den wir nur auftreiben konnten, und sind nach Coruscant geflogen. Oder geflohen …"

„Was haben eure Eltern dazu gesagt?" warf Luke dazwischen.

„Wir haben sie nicht nach ihrer Meinung gefragt. Über dieses Alter waren Neela und ich schon lange hinaus", erwiderte Vader kurz. „Sie hätten ohnehin nur versucht, uns Steine in den Weg zu werfen."

Luke musste unwillkürlich an seine Jugendjahre auf Tatooine zurückdenken. Auch er hatte schon als Teenager nur einen wirklichen Wunschtraum gehegt und gepflegt: Zu fliegen, sein ganzes Leben lang schwerelos durch den Weltraum zu schweben. Um dieses große Ziel zu erreichen, war er sogar dazu bereit gewesen, genau wie sein bester Freund Biggs Darklighter seine Pilotenlizenz auf einer imperialen Militärakademie zu erwerben und für seine Gratisausbildung mit ein paar Dienstjahren als Jägerpilot zu büßen, obwohl er dem Imperium an sich schon damals mit Skepsis gegenüber gestanden hatte. Aber Owen Lars hatte alles getan, um ihn davon abzuhalten. Und Luke hatte sich davon abhalten lassen … Monat um Monat … Jahr um Jahr …

„Ich wäre nie einfach so von Tatooine weggegangen. Ich meine ohne Erlaubnis … ohne den Segen von Onkel Owen und Tante Beru", sagte er.

„Nun, deine Mutter und ich haben es getan – ohne irgendeine Erlaubnis – und wir haben es nie bereut. Das heißt, ich habe es nie bereut. Taneela irgendwann schon."

Vader wandte sich von dem Fenster ab und begann auf und ab zu gehen, während er weiter sprach.

„Coruscant hat uns natürlich vollkommen überwältigt. Die größte Stadt, die wir bis dahin gesehen hatten, war Mos Eisley und das war überhaupt kein Vergleich. Jetzt standen wir direkt nach unserer Ankunft mitten in einer gigantischen Metropole, die einen ganzen Planeten umfasste. Überall turmhohe Häuser und Straßenschluchten so tief wie Beggar's Canyon. Dieser unglaubliche Verkehr, die vielen Leute, der Lärm, die Lichter, die ganze Pracht und das ganze Elend direkt nebeneinander – das alles war ein bisschen viel auf einmal. Wir hatten einen richtigen Kulturschock, deine Mutter und ich. In der ersten Woche waren wir völlig durch den Wind. Wir wussten kaum noch, wo oben und unten ist oder rechts und links.

Und genau damit fingen unsere Probleme an, Junge. Denn ich habe mich schon nach ein paar Tagen wieder gefangen und begann die Gegend zu erkunden, meine Fühler auszustrecken. Aber deine Mutter saß in unserer billigen kleinen Absteige von einem Hotel fest wie ein verschrecktes Kaninchen in seinem Bau. Ich konnte sie kaum dazu bringen, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Coruscant war einfach ein paar Nummern zu groß für sie. Sie hatte einen Fehler gemacht und sie wusste es.

So fing es an und so ging es weiter. Natürlich hatten wir es nicht leicht. Coruscant hatte nicht gerade auf uns gewartet. Wer waren wir denn schon? Zwei Nobodys in einer riesigen Stadt voller Nobodys. Was hatten wir schon vorzuweisen? Nicht gerade viel in meinem Fall. Und im Fall deiner Mutter? So gut wie gar nichts! Nein, wir hatten es wirklich nicht leicht.

Aber nach ein paar Monaten hatte ich trotz aller Hindernisse Fuß gefasst. Ich hatte mich an einer Pilotenschule beworben und meine Eignungstests waren so gut ausgefallen, dass ich nicht einmal auf die Warteliste gesetzt, sondern sofort aufgenommen wurde. Ich machte meine Ausbildung und verdiente gerade so viel Geld, dass wir davon leben konnten. Alles lief glatt für mich. Und ich gewöhnte mich schnell an unsere neue Heimat, sehr schnell. Nach kurzer Zeit war ich mit Coruscant schon so vertraut, dass ich Touristen sagen konnte, wie sie am schnellsten von einer Sehenswürdigkeit zur anderen kommen. Und bald war ich Coruscanti von Kopf bis Fuß. Sogar meinen Dialekt hatte ich mir ruckzuck abgewöhnt. Ich hatte mich angepasst – in jeder Beziehung.

Deine Mutter nicht. Das war ihr größtes Problem: Sie konnte sich einfach nicht anpassen. Sie war ungefähr so flexibel wie ein Betonklotz. Und sie hatte Angst. Vor allem und jedem. Jede noch so kleine Veränderung machte ihr Angst. Coruscant machte ihr Angst. Sie hat sich dort nie eingelebt. Sie hat sich dort nie zu Hause gefühlt, nicht einen einzigen Tag lang. "

Vader blieb abrupt vor seinem Sohn stehen.

„Stell dir vor, Luke, sie hat bis zum Ende ein Navi in ihrer Handtasche gebraucht, nur um den Weg von unserer Wohnung bis ins nächste Einkaufszentrum zu finden. Die meisten Frauen haben ein ziemlich schlechtes Orientierungsvermögen, aber deine Mutter war wirklich ein hoffnungsloser Fall. Sie hat immer gejammert, Coruscant wäre ein einziges riesiges Labyrinth. Das ist es auch, aber mit einem ständig aktualisierten Navi sollte sogar das größte Labyrinth irgendwann zu bewältigen sein, oder nicht?"

Luke antwortete nicht, sondern sah ihn nur an. Vader fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Als er weiter sprach, klang seine Stimme etwas weniger herablassend.

„Natürlich war sie unglücklich. Für sie lief nichts glatt, aber auch gar nichts. Nichts entwickelte sich so, wie sie es sich erhofft hatte. Sie wanderte damals von einem Modeatelier zum nächsten, sie reichte wirklich in jedem Studio und jeder Agentur ihre Bewerbungsmappe ein, aber niemand hatte Interesse an den schlichten Entwürfen eines noch schlichteren Mädchens von Tatooine. Ihr Stil war einfach zu simpel, zu unverschnörkelt für eine so verwöhnte und anspruchsvolle Welt wie Coruscant. Vielleicht hätte sie auf einem anderen Planeten sogar Karriere gemacht, aber wir hatten uns nun einmal für Coruscant entschieden und für Coruscant waren Taneelas Ideen nicht kreativ, nicht originell genug.

Niemand wollte sie einstellen, nicht einmal für ein unbezahltes Praktikum. Niemand wollte ihr eine Chance geben. Sie bekam eine Absage nach der anderen und wenn sie sich persönlich vorstellte, wurde sie entweder ziemlich unfreundlich vor die Tür gesetzt oder höflich hinauskomplimentiert. Das hatte natürlich Folgen. Mit jeder Enttäuschung zweifelte sie mehr an sich und an ihrem Talent. Ihr Traum zerbrach vor ihren Augen, all ihre Hoffnungen glitten ihr wie Sand durch die Finger und das war einfach mehr, als sie ertragen konnte. Dass sie gleichzeitig auch noch meinen Erfolg mit ansehen musste, machte die Sache auch nicht gerade besser. Mit der Zeit wurde sie regelrecht depressiv. Jedenfalls ließ sie nur noch den Kopf hängen.

Natürlich habe ich versucht, sie wieder aufzumuntern. Ich wollte ihr wirklich helfen, obwohl es eigentlich nicht viel gab, was ich für sie tun konnte. Und auf meine Ratschläge wollte sie nicht hören. Wenn ich ihr gesagt habe, dass sie sich doch nur mal vor einer Boutique umsehen muss um herauszufinden, was die Damen auf Coruscant mögen und was nicht, und dann einfach entsprechende neue Entwürfe zeichnen soll, die vielleicht eher den Publikumsgeschmack treffen, hat sie nur geantwortet, dass das dann aber nicht mehr der Stil von Taneela Whitesun wäre. (Ich sage es ja: Flexibel wie ein Betonklotz!)

Und wenn ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, dass der Stil von Taneela Whitesun schließlich ihren künftigen Kundinnen gefallen muss und nicht ihr, dann hat sie nur geweint. Sie hat überhaupt ziemlich viel und ziemlich schnell geweint, deine Mutter. Sie war nicht gerade eine Kämpfernatur …

Nach einem Jahr hat sie dann aufgegeben. Und danach wollte sie gar nichts mehr machen, wirklich überhaupt nichts mehr. Sie hatte es natürlich auch nicht nötig, sich irgendeinen Job zu suchen, ich habe ja für sie gesorgt. Aber diese absolute Passivität von ihr hat mich beunruhigt. Sie saß praktisch nur noch in dem Appartement herum, das wir inzwischen gemietet hatten, und blies Trübsal. Ich habe mir wirklich Sorgen um sie gemacht …"

Vader hielt für einen Moment inne und starrte vor sich hin. Es war, als würde die Vergangenheit vor seinen Augen abrollen wie ein Film. Luke wartete, unwillkürlich fasziniert von all den Enthüllungen, die ein so unerwartetes Licht auf diese fremden Menschen warfen, die ihn gezeugt und geboren hatten. Alles, was er hier hörte, war so erstaunlich … normal. Es war genau so, wie sein Vater vorhin schon angedeutet hatte: So etwas hätte jedem Paar zu jeder Zeit passieren können.

Und doch … irgendetwas fehlte hier. Etwas Wichtiges, das den totalen Bruch zwischen Anakin Skywalker und Taneela Whitesun erklärte. Etwas, dass Lukes und Leias Kindheit erklärte …

„Trotzdem hätte alles noch gut ausgehen können. Ich bin sicher, deine Mutter hätte dieses ewige Selbstmitleid irgendwann überwunden und doch noch einen Neustart geschafft – wenn bei uns alles so geblieben wäre, wie es war", sagte Vader.

„Aber unser Leben sollte sich von einem Tag auf den anderen verändern und das so radikal, dass Taneela einfach nicht mehr Schritt halten konnte. Du wirst es natürlich nicht gerne hören, Junge, aber alles begann an dem Tag, an dem Obi–Wan plötzlich vor unserer Tür stand …"

Luke spitzte die Ohren. Jetzt wurde es wirklich interessant …

Fortsetzung folgt …

© 2012 by Nangijala