Kapitel 29: Snapes Rückkehr

Amycus Carrow kniete demütig vor dem dunklen Lord, bevor er es wagte seine Beschwerde vorzubringen:
„Herr, Severus besteht darauf, dass diese muggelverliebte Blutsverräterin McGonagall als seine Stellvertreterin fungiert. Ich sehe keinen Sinn in diesem Arrangement."
Amycus warf Snape einen zornigen Blick zu.

„Du wagst es tatsächlich mich mit solchen Bagatellen zu langweilen, Amycus?", erklang die kalte Stimme Voldemorts.

„Herr, mein Einwand scheint mir berechtigt. Ich halte es für falsch, dass Severus so eng mit dieser Närrin zusammenarbeiten wird."

„Das klingt mir beinahe so, als würdest du Severus' Loyalität in Frage stellen", erwiderte der dunkle Lord kühl. „Severus, du kannst diesem blinden Wurm sicher erklären warum du auf dieser ungewöhnlichen Bitte bestehst."

Snape unterdrückte einen Seufzer. Er hasste Voldemorts kleine Spielchen. Trotzdem gelang es ihm gelangweilt zu klingen als er erklärte:
„McGonagall mag eine Blutsverräterin sein, dennoch hat sie einen gewissen Einfluss. Wenn wir sie weiterhin als stellvertretende Schulleiterin einsetzen, wird es uns wesentlich leichter fallen andere auf unsere Seite zu ziehen. McGonagall, die an unserer Seite arbeitet, dürfte ein gewisses Zeichen setzen. Außerdem habe ich sie lieber dort, wo ich sie im Auge behalten kann falls sie auf die Idee kommen sollte den Widerstand weiterhin zu unterstützen."

Severus warf Amycus einen verächtlichen Blick zu.

Der dunkle Lord hingegen erlaubte sich ein spöttisches Lächeln.

„Ich bin sicher, dass Amycus nun keine weiteren Einwände mehr hat. Nicht wahr, Amycus?"

Der intensive Blick seiner roten Augen bohrte sich in die Augen des Angesprochenen.

„Nein, Herr, natürlich nicht. Ich werde Euren Wünschen entsprechen, wie ich es immer getan habe."

„Sehr gut, Amycus. Du bist dir sicher bewusst, dass die Konsequenzen anderenfalls recht – schmerzhaft ausfallen würden."

Voldemort streichelte abwesend das Haupt von Nagini, die sich um seine Schultern schlang.

„Nagini wird ungehalten wenn ich ihr zulange frische warme Nahrung vorenthalte", fügte er lässig hinzu.

Amycus erbleichte zufriedenstellend und wandte den Blick zu Boden.

„Du kannst gehen", befahl Voldemort gelangweilt und verdrängte die Gedanken an Amycus so mühelos aus seinem Kopf als würde er ein Buch zuschlagen.

Dann wandte der dunkle Lord sich Snape zu.

„Severus, ich weiß, dass du Amycus nicht die ganze Wahrheit erzählt hast. Erklär mir, warum du sie wirklich auf ihrem Posten behalten willst", wies Voldemort lauernd an.

„Ihr habt vollkommen Recht, Herr, ich habe Amycus die ganze Wahrheit verschwiegen. Ihr kennt mich zu gut, als dass mir das bei Euch gelingen dürfte", erwiderte Snape ruhig.

„Nun?", forderte Voldemort.

„Es ist ein persönliches Vergnügen für mich. Wenn sie gezwungen wird, zu erdulden, dass ich Dumbledores Stelle einnehme. Wenn sie dazu gezwungen wird, Dumbledores Mörder als ihren Vorgesetzten zu akzeptieren, pro forma ihren alten Posten zu behalten ohne ein wirkliches Mitspracherecht zu haben, dann dürfte das die ultimative Demütigung für sie sein. Meine kleine persönliche Rache für ihre jahrelange Herablassung und Geringschätzung."

Snapes Mundwinkel zuckten kurz in einem höhnischen Grinsen.

„Wenn ich mir nur vorstelle, wie sehr es sie schmerzen und in Wut bringen wird mich in seinem Büro zu sehen, mir gegenüber weisungsgebunden zu sein…."

Snape schien in Vorfreude zu schwelgen und McGonagalls Unbehagen schon jetzt auszukosten.

„Es freut mich, dass du aus dieser Situation Vergnügen ziehen kannst, Severus. Ich hatte schon befürchtet, die Jahre als Dumbledores Schoßhund hätten dich verweichlicht", gab Voldemort mit einem Anflug von Zufriedenheit zurück und winkte lässig mit einer spinnengleichen, bleichen Hand.

„Du darfst gehen, Severus", verfügte er. „Du musst dich um deine neue Aufgabe kümmern."

Snape verbeugte sich steif und glitt aus dem Raum.

Wie es sich gehörte, erwartete Minerva Severus vor dem Portal.

„Willkommen auf Hogwarts, Severus", sagte sie frostig und mit steinernen Gesichtszügen und begleitete Snape in die Eingangshalle.

„Ich denke, Ihr Büro finden Sie allein. Es besteht sicher nicht die Notwendigkeit, dass ich Sie dorthin führe."

„Natürlich weiß ich, wo sich mein Büro befindet", gab Snape ölig zurück, „so lange war ich ja nicht fort, dass sich hier viel verändert haben könnte. Dennoch würde ich es begrüßen, wenn Sie mich begleiten würden. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen."

Minerva neigte ein wenig den Kopf, warf ihm einen bitterbösen Blick zu und folgte Snape in eisigem Schweigen.

Im Büro angekommen umrundete Snape den Schreibtisch, der nun ihm gehörte, strich mit den Fingerspitzen wie liebevoll über die Tischplatte und nahm dann Platz. Mit einer lässigen Handbewegung bedeutete er Minerva sich vor seinen Schreibtisch zu setzen.

„Ich hoffe, Sie sind jetzt glücklich", bemerkte sie bitter.

„Es bedarf ein wenig mehr um mich glücklich zu machen", gab er gelangweilt zurück und warf ihr einen kurzen Blick zu, den Minerva ausdruckslos erwiderte.

Ruhig legte er die Fingerspitzen aneinander und lehnte sich zurück.

„Wie Sie sicher bereits wissen, werden die Geschwister Carrow Muggelkunde und Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten", begann er.

„Mir ist nun allerdings zu Ohren gekommen, dass Professor Vektor die Schule verlassen hat und damit die Stelle für Arithmantik nicht besetzt ist."

Er beobachtete sie scharf.

Minerva zuckte die Achseln. „Es soll schon vorkommen, dass Leute kündigen wenn sie mit ihrer Position nicht zufrieden sind", gab sie zurück. Ihr unausgesprochener Fortsatz: „Andere gehen in einem solchen Fall hin und ermorden ihren Vorgesetzten" lag deutlich in der Luft.

Snape reagierte nicht auf ihren unausgesprochenen Vorwurf.

„So?", fragte er, „interessant. Ich hatte den Eindruck, dass Professor Vektor sehr zufrieden war und, dass Sie beide sich ausgesprochen gut verstanden haben. Sie wissen nicht wo Sie sich aufhält, nehme ich an?"

„Ich habe keine Ahnung wo sie sich aufhält", gab Minerva kühl zurück.

„Wie schade. Dann werden wir dauerhaft ohne sie auskommen müssen. Zugegeben Arithmantik ist nicht gerade ein Fach von übergeordneter Wichtigkeit, aber dennoch wäre es schön wenn wir entsprechenden Unterricht anbieten könnten. Falls Sie etwas von ihr hören sollten, weisen Sie sie darauf hin, dass es schwer ist qualifizierte Lehrer für dieses Fach zu finden."

„Wie kommen Sie darauf, dass ich mit ihr sprechen würde?", fragte Minerva und hob die Brauen.

„Nun, es ist ja nicht unmöglich", sagte Snape. „Zufällig weiß ich auch, dass das Ministerium auf der Suche nach Professor Vektor ist, damit sie Fragen zu ihrer Herkunft beantworten kann. Ihr fehlt demnach noch der Blutstatus, den müsste sie natürlich haben, wenn sie wieder zurückkehren möchte."

„Ich glaube nicht, dass sie zurückkehren wird und ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass ich in absehbarer Zukunft mit ihr sprechen werde", informierte Minerva ihn kühl.

„Nun, dann werden wir Arithmantik einfach aus dem Stundenplan streichen. So schnell werden wir keinen Ersatz auftreiben können."

Severus schien auf einen Einwand von ihr zu warten, als dieser jedoch ausblieb schien er zufrieden zu sein.

„Das bringt mich dann zum nächsten Punkt auf meiner Liste. Ich will, dass Sie weiterhin als stellvertretende Schulleiterin fungieren."

Minerva hob den Kopf, funkelte ihn an und erwiderte kalt:

„Niemals!"

„Seien Sie nicht albern, Minerva", kam es scharf zurück, „die Zeit für Spiele ist vorbei. Sie wissen so gut wie ich, dass Ihre Loyalität in erster Linie der Schule und den Schülern gilt – gelten muss. Und wir beide wissen, dass Ihre Fähigkeiten nahezu unverzichtbar sind."

„So?", schnappte sie zurück. „Und Sie meinen tatsächlich, dass Ihre plumpe Schmeichelei ausreichen würde, damit ich meine Meinung dazu ändere? Nein, Severus. Zudem würde es so aussehen als ob ich Ihre Ernennung unterstützen würde", erklärte sie kalt, „und das ist ganz sicher nicht der Fall!"

„Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie das sagen würden", antwortete er, „und ich muss sagen, ich bin enttäuscht von Ihnen. Bedeuten Ihnen die Schule und die Schüler so wenig, dass Sie es vorziehen würden einen der Carrows auf diesem Posten zu sehen? Die beiden werden ohnehin für die Disziplin der Schüler verantwortlich sein, aber ich hatte wirklich gehofft, dass ich Ihnen ebenfalls ein wenig mehr Verantwortung übertragen könnte."

„Die Carrows? Zuständig für Disziplin?", fragte sie entgeistert. „Wie werden Regelverstöße in Zukunft geahndet? Mit dem Cruciatus? Oder gleich mit dem Todesfluch?"

Snape zuckte die Achseln: „So wurde es angeordnet und das weitere wird sich finden. Ich kenne die Geschwister Carrow und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen sein werden."

Minerva warf Snape einen verbitterten Blick zu und knirschte innerlich mit den Zähnen.

„Na schön", sagte sie dann resigniert, „ich übernehme den Posten."

„Sehr gut, Minerva. Ich wusste, dass Sie letztendlich vernünftig sein und mein Angebot akzeptieren würden."

„Mit Vernunft hat das nicht viel zu tun", konterte sie. „Zudem finde ich es ausgesprochen mutig von Ihnen mich zu Ihrer Stellvertreterin zu machen." Sie verzog spöttisch den Mund.

„Wenn man bedenkt, dass Vorgesetztenmord neuerdings zu einer Beförderung führt, ist Ihr Vorschlag sehr interessant für mich."

„Lassen Sie das, Ironie steht Ihnen nicht", erwiderte Snape gelangweilt.

„Ach nein?" Sie hob in gespielter Verwunderung die Brauen.

„Nein", gab er ungerührt zurück. „Und was meinen Mut anbelangt, halte ich Sie für zu klug um etwas so Dummes zu versuchen und mich umzubringen."

„Das ist keine Klugheit. Das nennt man Manieren, Severus", erwiderte sie abfällig. „Aber ich kann nicht erwarten, dass Sie etwas davon verstehen."

Sie erhob sich und machte Anstalten das Büro zu verlassen.

„Wann werden die Carrows eintreffen?"

„Mit dem Hogwarts-Express, wie es üblich ist", erklärte Snape. „Ich hoffe, dass Sie bis dahin angemessene Räumlichkeiten vorbereitet haben."

Er machte eine gelangweilte Handbewegung, die andeutete, dass Minerva entlassen war und gehen konnte.

„Oh, ich glaube nicht, dass die Folterkammer im Kerker genügend Platz für Sie alle bietet, aber natürlich werde ich mein Möglichstes tun."

Sie nickte ihm knapp zu und wandte sich zum Gehen.

Ihr Blick streifte das Bild von Dumbledore, der lässig in seinem Rahmen lehnte und den Wortwechsel anscheinend genau verfolgt hatte. Sie sah ihn an und hob ironisch die Augenbrauen, dann wandte sie sich brüsk ab und verließ wortlos das Büro.

Snape wechselte ebenfalls einen Blick mit Dumbledore und knurrte dann: „Ich hoffe Sie sind zufrieden."

„Aber ja, Severus, Sie waren ausgezeichnet", erwiderte Albus beifällig. „Ich bin mir sicher, dass Minerva keinen Verdacht geschöpft hat und dennoch alles weiß was sie wissen muss."

Severus neigte den Kopf. „Ich hoffe nur, dass Ihr Plan keinen Schönheitsfehler aufweist", murrte er.

„Ich wüsste nicht, welchen", gab Dumbledore zurück. „Ich habe alles genau geplant. Passen Sie nur auf die Carrows auf, Severus."

„Ja, natürlich."

Der erste September war herangerückt und mit ihm der Beginn des neuen Schuljahres. Minerva, die sich sonst immer besonders auf diesen Tag freute, sah ihm in diesem Jahr mit mehr als nur gemischten Gefühlen entgegen. Sie wusste, dass sie einige ihrer muggelstämmigen Schüler nicht mehr wieder sehen würde und dass das beginnende Schuljahr unter einem besonders ungünstigen Stern stand. Sie fürchtete sich davor, welche Methoden die Carrows wohl anwenden würden, um die Disziplin in der Schule aufrechtzuerhalten und besorgt fragte sie sich, welche Strafen sie den Schülern für Regelübertretungen aufbrummen würden. Sie war sich nur darin sicher, dass es nicht bei Strafarbeiten und Punktabzügen bleiben würde.

Am Abend dieses Tages stand sie wie üblich in der Eingangshalle und erwartete die neuen Schüler. Im Gegensatz zu den Vorjahren wirkten viele der Kinder weniger aufgeregt als vielmehr verängstigt und irgendwie erschienen sie Minerva wesentlich jünger und verletzlicher als es sonst der Fall gewesen war.

Sie straffte die Schultern, hob das Kinn und ging der Schar der Neuankömmlinge entgegen. Wie üblich führte sie die Kinder in eine kleine Kammer, die von der Halle abzweigte, und hielt ihre normale Rede, die sie seit mehr Jahren an jedem Schulbeginn gehalten hatte als sie sich zu erinnern mochte.

'Damals waren es bessere Zeiten', dachte sie, schüttelte den Gedanken aber schnell wieder ab und zwang sich ein Lächeln ins Gesicht.

Wie üblich erklärte sie den neuen Schülern die Aufteilung in die Häuser und die allgemeinen Regeln von Hogwarts, obgleich sie sich sicher war, dass die meisten bereits darüber Bescheid wussten. Immerhin stammten alle ihrer neuen Schützlinge aus magischen Familien. Dennoch sah sie keinen Grund von ihrer üblichen Ansprache abzuweichen.

Nur in diesem Jahr fühlte sie sich veranlasst eine kleine Warnung anzufügen:
„Angesichts der geänderten Umstände in der magischen Welt haben sich auch einige Regeln hier in Hogwarts geändert. Strafen für Regelbrüche werden ungleich härter ausfallen als in den vergangenen Jahren und ich bin mir sicher, dass Schuldirektor Snape", sie bemühte sich, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen, „keinerlei Ungehorsam dulden wird. Also bemüht euch, euch an die Regeln zu halten und keinen Unsinn zu machen, dann wird euch nichts geschehen."

Sie ließ ihren Blick über die jungen Gesichter schweifen und fühlte sich plötzlich alt und machtlos, zu schwach, um diese jungen Geschöpfe effektiv beschützen zu können.

„Nun richtet euch alle ein wenig her. Ich werde in einigen Momenten zurückkehren und euch abholen."

Sie verließ die Kammer. Hinter einer der Mauervorsprünge lehnte sie sich Halt suchend an die Wand und atmete tief durch.

'Dieses Schuljahr wird verdammt lang werden. Und verdammt einsam', dachte sie, 'ohne Albus und Septima. Niemandem, dem ich voll und ganz vertrauen kann.'

Sie atmete noch einmal tief durch, stieß sich von der Wand ab und rückte ihren Hut gerade. Dann kehrte sie zu den Erstklässlern zurück, um sie in die Große Halle zu führen und die Kinder auf ihre Häuser verteilt werden konnten.

Im Gegensatz zu den vorherigen Jahren wirkten die Haustische irgendwie leer und die Große Halle wirkte weitaus düsterer und abweisender, als es je zuvor der Fall gewesen war. Das lag vermutlich auch daran, dass Snape mit unnahbarer Kühle in Albus Sessel in der Mitte des Lehrertisches thronte und das bleiche Gesicht zu einer steinernen Maske erstarrt. Außerdem vermisste sie viele der vertrauten Gesichter, sowohl an den Haustischen als auch am Lehrertisch.

Dennoch bemühte sie sich die Zeremonie mit der üblichen Würde durchzuführen, den Kindern zuliebe.

Als dann der letzte Erstklässler endlich an seinem Haustisch saß, der dreibeinige Schemel und der sprechende Hut fortgeräumt waren, nahm Minerva ihren üblichen Platz an der Seite des Schulleiters ein, auch wenn sie es in diesem Fall vorgezogen hätte einen Stuhl möglichst weit von Snape entfernt zu wählen.

Dann erhob sich Snape um die Rede zu halten, die Dumbledore sonst immer zu Beginn eines jeden Schuljahres gehalten hatte.

Minerva erwartete keine herzlichen Worte und sie wurde auch nicht enttäuscht.

Snape sprach langsam, beinahe gelangweilt und ohne einen Hauch von Wärme in der Stimme:

„Willkommen zu einem neuen Jahr auf Hogwarts. Bevor wir mit dem Festessen beginnen, möchte ich gerne ein paar Worte sagen", erklang seine Stimme leise, aber mit unnötiger Schärfe. „Es hat in diesem Jahr einige personelle Veränderungen gegeben. Das Ministerium hat mich zum Schulleiter ernannt, Miss Carrow wird in diesem Jahr Muggelkunde unterrichten und Mr. Carrow wird den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste übernehmen. Leider haben wir keinen passenden Ersatz für Professor Vektor finden können, von daher wird das Fach Arithmantik in diesem Jahr vom Lehrplan gestrichen. Möglicherweise wird es noch weitere personelle Umbesetzungen geben. Die Entscheidungen darüber behält sich das Ministerium vor."

Snape beendete seine Ansprache und nahm schweigen wieder Platz.

Die Platten auf den Tischen füllten sich wie immer wie von Zauberhand mit köstlichen Dingen, aber der Geräuschpegel in der Halle blieb weiter unter dem der vergangenen Jahre zurück.

Minerva funkelte Snape wütend an.

„Sie hätten ruhig ein freundliches Wort des Willkommens für die Schüler finden können, Severus", zischte sie.

„Ich kann mich erinnern, dass ich meine Rede mit einem 'Willkommen' begonnen habe", erwiderte er ölig. „Vielleicht werden Sie senil, wenn Sie sich nicht mehr daran erinnern können."

„Oh ja, man hatte so richtig das Gefühl, dass Sie sich von ganzem Herzen darüber freuen Ihre Schüler begrüßen zu dürfen", knurrte sie und ignorierte die gegen sie gerichtete Spitze. „So viel Wärme und Herzlichkeit wie Sie ausgestrahlt haben. Das hat mir glatt die Sprache verschlagen."

„Leider ist das ja nun offensichtlich nicht der Fall", gab er glatt zurück. „Sonst müsste ich mir nicht Ihre belanglosen Vorwürfe anhören."

„Sie sind ein eiskalter widerlicher Dreckskerl", zischte sie so leise, dass nur Snape sie hören konnte, „und beim Gedanken daran, dass Sie Albus' Stelle einnehmen, könnte ich mich glatt übergeben."

„Nur nicht persönlich werden, liebste Minerva", gab er höhnisch zurück. „Unsere neuen Kollegen könnten glauben Sie könnten mich nicht ausstehen."

„Das ist noch milde ausgedrückt", gab sie im scharfen Flüsterton zurück. „Für Sie ist die Hölle noch viel zu gut."

„Ich würde ja noch so gerne mit Ihnen plaudern, Minerva, aber es geht nicht, dass Sie mich den ganzen Abend allein mit Beschlag belegen", antwortete er lauter, aber ebenso ölig wie zuvor. „Ich bin sicher, dass der eine oder andere Kollege gerne ebenfalls ein paar Worte mit mir wechseln würde."

Er maß sie mit einem kalten Blick, der genau ausdrückte wie gern er sich mit ihr unterhalten würde und wandte sich an die Geschwister Carrow um einige Belanglosigkeiten mit ihnen auszutauschen, während Minerva still vor sich hin kochte.

Wenn dieser Abend ein Indikator für die nächsten Monate sein sollte, so würde das ein sehr langes Jahr werden. Sie hoffte nur, dass sie es überstand ohne Snape den Hals umzudrehen.

Sobald sie die Große Halle verlassen konnte, ohne unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, eilte sie in ihre Räume. Mit einem erleichterten Seufzen verschloss sie die Tür hinter sich und ließ sich auf ihr Sofa sinken. Mit einer energischen Handbewegung nahm sie ihren Hut ab und schleuderte ihn achtlos in irgendeine Ecke, bevor sie sich ein Glas Feuerwhisky eingoss. Sie nahm einen tiefen Schluck, legte den Kopf zurück an die Lehne und spürte wie sich der Whisky brennend seinen Weg in ihren Magen suchte. Sie nahm einen weiteren Schluck und schloss die Augen. Sie spürte wie sich die Wärme aufs Angenehmste in ihrem Magen ausbreitete und die unangenehme Kälte vertrieb, die sich seit einigen Stunden darin ausgebreitet hatte.

Sie dachte an Albus und was er wohl vom heutigen Abend gehalten hätte, an Septima, die allein in ihrem Exil hockte, und sie dachte an Harry Potter und seine beiden Freunde Ron und Hermione, die zweifellos mit ihm zusammen waren. Sie hoffte, dass das Ministerium ihn nicht aufspürte bevor er seine Aufgabe vollendet hatte, was auch immer diese war.

„Ich hoffe nur, du hast ihm nicht zu viel aufgebürdet, Albus", murmelte sie. „Im Grunde ist er noch ein Kind. Was auch immer du ihm aufgetragen hast, ich hoffe er schafft es."

Sie kippte den restlichen Feuerwhisky hinunter und spielte mit dem Gedanken ins Bett zu gehen, sich die Decke über die Ohren zu ziehen und nichts mehr zu hören und zu sehen, doch dann siegte ihr besseres Ich.

Mit einem müden Seufzer erhob sie sich wieder, ließ das leere Glas verschwinden und machte sich auf in den Gryffindorturm, um bei ihren Schülern nach dem Rechten zu sehen, wie es ihre Pflicht war.

'Nicht dass Snape noch auf den Gedanken kommt, mich wegen Pflichtvernachlässigung zu feuern', dachte sie. 'Das würde dem Mistkerl so passen. Minerva McGonagall muss Hogwarts verlassen, weil sie ihren Pflichten nicht mehr nachkommt. Das wäre eine tolle Schlagzeile für die Kimmkorn und würde Snape und seinen Konsorten glatt in die Hände spielen. Nichts da!'

Sie durchwanderte die leeren Flure mit einem so grimmigen Gesichtsausdruck, dass nicht einmal Peeves sie zu stören wagte.

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Als Septima im magischen Rundfunk gehört hatte, dass Snape Dumbledores Nachfolge antreten sollte, war sie beinahe unter die Decke gesprungen. Snape, der Möder, der Verräter sollte nun auf diese Weise für seine abschueliche Tat noch belohnt werden? Und Harry sollte nun der Schuldige sein, der Dumbledore auf dem Gewissen hatte? Brodelnd vor Zorn war sie hilflos im Haus auf und ab gegangen und hatte daran gedacht, was diese Nachricht letztlich für Minerva bedeutete. Sie war sich sicher, dass sie damit einmal mehr in Schusslinie gerückt war und vor allem war sie sich sicher, dass es Minerva gigantische Anstrengungen kosten mochte, mit dem Mörder ihres besten Freundes zusammen arbeiten zu müssen, ihm gegenüber sogar weisungsgebunden zu sein. Sie hoffte nur, dass sie ihr schottisches Temperament im Zaum halten konnte und nicht in Azkaban endete.

Am Abend des ersten Septembers kauerte Septima in ihrem üblichen Sessel am Feuer und starrte nachdenklich in die Flammen. Sie dachte an Hogwarts, wo heute endlich die Schüler wieder eingetrudelt waren. Sie malte sich aus, wie Minerva die Erstklässler von Hagrid übernommen hatte und in die Große Halle führte, damit sie auf ihre Häuser aufgeteilt werden konnten. Sie erinnerte sich an die vielen Jahre, in denen sie Minerva dabei beobachtet hatte, wie sie die schwer beeindruckten Kinder hereingeführt hatte, ihren Gesichtsausdruck dabei, ihre gerade, elegante Haltung und sie fragte sich, ob es in diesem Jahr anders sein würde.
'Vermutlich', dachte sie, 'mit Snape, der Dumbledores Platz einnimmt. Ich wette, Minerva macht das mehr zu schaffen als allen anderen. Ich hoffe nur, sie lässt sich zu nichts hinreißen, was ihr Ärger einbrocken wird. Wenn ihr Temperament mal mit ihr durchgeht, dann lohnt sich das wirklich.'

Plötzlich war ihr kalt und sie rückte ihren Sessel näher ans Feuer. Der bloße Gedanke dran, dass Minerva in Gefahr schwebte, allein durch ihre Anwesenheit in Hogwarts, machte ihr schwer zu schaffen. Sie vermisste sie so unendlich! In diesem Moment hätte sie sich damit begnügt, im gleichen Raum wie sie zu sein und ihr dabei zuzusehen, wie sie die Arbeiten ihrer Schüler benotete.

Septima erinnerte sich an das unbewusste Stirnrunzeln oder das leise Lächeln, während sie in ihre Arbeit vertieft war, das energische Geräusch ihrer Feder, wenn sie Anmerkungen schrieb und das leise Rascheln von Pergament.

Außerdem wurde ihr wieder bewusst, wie sehr sie die Schule vermisste, die ihr in den letzten beiden Jahrzehnten ein Zuhause gewesen war, ihre Kollegen, die ihr zum größten Teil die Familie ersetzt hatten, die sie nicht hatte und sie vermisste ihre Schüler.

Sie fragte sich, was aus ihnen allen nur werden sollte.

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Am nächsten Morgen hingen überall im Schloss die neuen Regeln für die Schüler aus. Minerva las sie stirnrunzelnd und schüttelte dann bedenklich den Kopf. Abgesehen davon, dass ihr die Regeln unnötig streng erschienen und sie nur über die davor vorgesehen Strafen mutmaßen konnte, ging es ihr gewaltig gegen den Strich, dass Snape – oder in diesem Fall Voldemort – den Schülern diktierte mit wem sie Umgang pflegen durften. Muggel, Schlammblüter, Blutsverräter, Halbmenschen und natürlich der Unerwünschte Nummer Eins Harry Potter, auf dessen Kopf eine Summe von 10.000 Galleonen ausgesetzt war.

Passend dazu hatte im Tagespropheten, den Minerva inzwischen widerstrebend wieder las, eine Beilage gelegen, die Minerva anhand des pinkfarbenen Papiers Umbridge zurechnete. Sie hatte den Titel getragen „Schlammblüter und die Gefahren, die sie für eine friedliche reinblütige Gesellschaft darstellen."

Minerva wurde schon schlecht als sie nur den Titel las, dennoch las sie dieses unsägliche Pamphlet aufmerksam durch. Es hatte keinen Sinn, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen und gerade sie musste sich ein Bild der aktuellen politischen Lage machen können. Zuviel hing von ihr ab.

Seit Pomona ihr die erste Fahndungsliste mit Septimas Namen darauf vorgelegt hatte, suchte sie sie jeden Morgen im Tagespropheten und las sie aufmerksam. Es beruhigte sie irgendwie dort immer wieder die gleichen vertrauten Namen zu lesen, nicht nur den von Septima, auch die vieler früherer Schüler, darunter Hermine Granger.

So lange diese Namen auf der Liste standen, tröstete sie sich, hatte das Ministerium sie nicht finden können. Dennoch war ihr bewusst, dass sich das Netz täglich enger um sie alle zusammenzog und mitunter hatte sie das Gefühl daran zu ersticken.