Disclaimer: Nichts ist mir, alles gehört J. K. Rowling, etc., pp.


"Mein Arsch tut weh und Dumbledore hat mich nicht mehr lieb!"

Stumme Tränen der Verzweiflung liefen an Harrys Wangen herab. Noch immer stand ihm das blanke Entsetzen in seine smaragdgrünen Augen geschrieben und noch immer klammerten sich seine taub gewordenen Hände krampfhaft an dem zerknitterten Pergament fest. Eine fein geschwungene Schrift war darauf zu erkennen, und wenn man genauer hinsah, konnte man auch die Wörter und Sätze entziffern, die dem jungen Mann im abgedunkelten Zimmer die Tränen in die Augen getrieben hatten.

Ich denke nicht daran, dich da herauszuholen, Harry. Ich weiß, wie sehr du deine Verwandten hasst und wie leicht es dir fällt, Lügenmärchen zu erzählen.
Und selbst, falls du die Wahrheit sagen solltest, kannst du dir sicher sein, dass sie dich zumindest nicht totschlagen werden, dazu bist du zu kostbar, selbst für sie. Du musst in den Sommerferien bei deinen Verwandten bleiben, so ist es nun einmal. Du musst es akzeptieren, ob du willst oder nicht!

Gemeine Grüße, dein Dumbledore

PS: Es nützt nichts, mir weitere Briefe zu schreiben, denn ich fahre jetzt in den Urlaub. Vielleicht schicke ich dir eine Karte.

Harry schluchzte laut auf und ließ den herzlosen Brief zu Boden fallen. Er konnte einfach nicht mehr. Hier, in den Sommerferien, quälten ihn seine Verwandten und in Hogwarts stand er unter den Befehlen Albus Dumbledores, einem selbstsüchtigen und erbarmungslosen Monster. Wohin er auch sah oder ging: Er war gefangen.

Seine Beine quittierten den Versuch, vom Boden aufzustehen mit einem heftigen Ziehen und dumpfem Schmerz. Der junge Mann biss die Zähne zusammen. Auch sein Po brannte wie verrückt. Hätte er keine Hose getragen, wären all die Hämatome und roten Striemen sichtbar gewesen, die ihm sein erbarmungsloser Onkel zugefügt hatte. Es war alles einfach nur grausam!
Auch die Briefe seiner so genannten „besten Freunde" waren alles andere als aufbauend gewesen.

Hey Harry!
Reg dich ab, Alter. Dumbledore weiß schon, was gut für dich ist. Irgendwie wirst du es schon überleben.
Wir sehen uns dann wohl irgendwann in Hogwarts wieder.

Bis dann, Ron

Nach diesem Brief hatte er wenigstens noch die Hoffnung gehabt, dass Hermine ihm irgendwie hätte helfen können, doch Pustekuchen. Ihr Brief war ähnlich entmutigend gewesen.

Lieber Harry,

mir geht es sehr gut, ich bin gerade im Urlaub in Italien. Das Wetter ist herrlich und die Kultur der hier lebenden Hexen und Zauberer ist sehr faszinierend.
Mein Aufsatz fürs nächste Schuljahr wird sicher erste Sahne!

Deine Hermine

PS: Du weißt doch, dass du bei deinen Verwandten sicher bist. Du übertreibst bestimmt wieder total, wenn du sagst, sie „misshandeln" dich.
Dumbledore weiß was er tut, Harry, und du tätest gut daran, auf ihn zu hören.

Der einzige Trost Harrys war jetzt nur noch, dass er nie wieder solche schrecklichen Zeilen zu lesen würde bekommen können. Wieso? Das war ganz leicht zu erklären…

Wie alle anderen hatte sich auch seine Schneeeule Hedwig gegen ihn verschworen. Sie hatte mit lautem Gekreische darauf bestanden, dass Harry seinen „Freunden" Antworten schrieb. Sie hatte ihm einige Platzwunden mit ihrem spitzen Schnabel zugefügt und hätte ihn sicher tot gepickt, hätte Harry sie nicht in einem verzweifelten Akt der Selbsterhaltung mit seinem Geschichtsbuch erschlagen.

Harry hatte jetzt schon Angst, was seine Verwandten sagen würden, wenn sie den Vogel entdeckten, der jetzt tot und zersaust in der Ecke hinter seinem klapprigen Schreibtisch lag.
Doch darüber wollte er sich jetzt keine Gedanken mehr machen, denn es war schon nach acht Uhr, und für gewöhnlich saßen die Dursleys um diese Zeit vor dem Fernseher und ließen sich vom Abendprogramm berieseln.

Harry ließ sich seufzend auf das mit einem fleckigen Laken bespannte Bett fallen und schloss die schmerzenden Augen. Kissen oder eine Decke besaß er nicht, und so litt er nach nur wenigen Minuten nicht nur an den üblichen Qualen, sondern zusätzlich auch noch an Nackenschmerzen. Trotz seines Leides glitt er irgendwann in einen leichten, traumlosen Schlaf in dem er die Pein seines Lebens für eine Weile einfach vergessen konnte.

Harry erwachte mit dem Gefühl, nur wenige Stunden geschlafen zu haben und ein kurzer Blick auf seinen demolierten Wecker bestätigte den Verdacht. Es war halb eins.
Die wenigen Stunden Schlafs hatten eine merkwürdige, reinigende Wirkung auf seinen Geist gehabt. Plötzlich wusste er ganz genau, was er zu tun hatte: Abhauen!

Er war sehr ruhig und konzentriert, als er seine wenigen Habseligkeiten in seinem Koffer verstaute, sich seinen Feuerblitz griff, einen frischen Bogen Pergaments hervorkramte und folgenden Abschiedsbrief an die Dursleys schrieb:

An Sackgesicht, Pferdefresse und Fettklops!

Ich lasse mich von euch nicht mehr demütigen! Ihr seid nicht mehr, als ein wertloser, stinkender Haufen!
Ich verschwinde von hier, und es hat keinen Sinn, nach mir zu suchen. Falls ihr mich irgendwann wieder seht, dann macht euch schon mal auf was gefasst!

Lebt schrecklich!

Ha, denen hatte er es fürs Erste gegeben!
Lächelnd und mit sich selbst hochzufrieden zückte er seinen Zauberstab und richtete ihn auf die geschlossene Zimmertür. Es war ihm in diesem Moment stinkegal, dass er noch minderjährig war und daher außerhalb der Schule nicht zaubern durfte.

„Alohomora", flüsterte er und das Schloss klickte leise zur Antwort. „Locomotor Koffer!" Sein Koffer hob gut einen Meter vom Boden ab und schwebte im Takt seines Zauberstabes. Harry grinste in sich hinein. Falls ihm jetzt einer der Dursleys über den Weg rennen würde, er würde sie erbarmungslos verhexen, bis sie nicht mehr wüssten, wo oben und unten war!
Doch sein Weg nach draußen verlief erstaunlich ereignislos, so dass er schon fast ein wenig enttäuscht war. Aber egal, jetzt hieß es, sich aufs Apparieren zu konzentrieren. Er hatte zwar noch keinen Unterricht gehabt, da er gerade erst den fünften Jahrgang absolviert hatte – aber er würde es schon schaffen!
Er schloss die Augen, hob seinen Zauberstab und Konzentrierte sich auf sein Ziel. Nach wenigen Minuten riss er die Augen wieder auf und sah – die Haustür des Ligusterwegs Nr. 4. Harry schnaubte. Na fein! Dann eben auf die umständliche Art!

Er schnallte sein Gepäck an seinen Besen, schwang sich auf dessen erwartungsvoll vibrierenden Stiel – etwas, das Harry leise aufjuchzen ließ – und stieß sich vom Boden ab. Ein Glück, dass es noch früh in der Nacht war, so konnte er immer noch sichergehen, weitgehend ungesehen an seinem unbestimmten Ziel anzukommen. Die Vorfreude prickelte in seiner Magengrube und als schließlich die frische Nachtluft um seine Ohren wehte, hätte er am liebsten freudig aufgeschrieen.

Während er so auf dem Besen durch die Luft brauste, machte er sich das allererste Mal Gedanken darüber, wohin er genau abhauen sollte. Er wollte nach London, so viel war klar. Denn dort befanden sich seine ganzen Moneten, und die würde er auf jeden Fall brauchen.
Der Flug war lang, und so hatte der „Goldjunge Gryffindors" genügend Zeit, um darüber nachzudenken.

Goldjunge Gryffindors…, dachte er und schnaubte verächtlich. Nein, danke!
Und schon hatte er einen tollen, raffinierten und unglaublich bösen Plan…

Der Morgen graute bereits, als er vor dem Tropfenden Kessel landete. Die Reise hatte also mehr Zeit beansprucht, als er gehofft hatte. Aber wenn er Glück hatte, würde er keinem von Dumbledores Schergen begegnen.
Er ließ seinen Koffer erneut vor sich herschweben, schulterte seinen Besen und betrat das schäbige Gasthaus.
Die verwunderten Zurufe des zahnlosen Wirtes ignorierte er geflissentlich, stattdessen spazierte er geschickt um die zahlreichen Tische herum, bis er die Tür zum kleinen Hinterhof aufstieß und erleichtert aufatmete. Die erste Hürde wäre geschafft!
Er tippte in der richtigen Reihenfolge gegen die Backsteine, die sich kurz darauf zu einem Torbogen formten.
Jetzt wurde es gefährlich, denn die Winkelgasse war bekannt dafür, dass sie von Dumbledores Männern belagert wurde.
Also huschte er so schnell er konnte zu einer großen Holzkiste mit Drachendünger – sein Koffer dicht auf seinen Fersen – hinter der er eine Weile in Deckung ging. Er schnupperte, ob die Luft rein war.
Als er nach einigen Minuten den Umstand berücksichtigte, dass sich seine Nase wenige Zentimeter über einer großen Ladung Lindwurmscheiße befand, und die Luft daher bereits so rein war, wie möglich, hüpfte er weiter zu einem nächsten provisorischen Schutzwall. Es handelte sich dabei um einen großen Metallbehälter, unter dem eine kleine Pfütze rötlichen Wassers heraussickerte. Harry schluckte. Das sah verdächtig nach Blut aus.
Diesmal überquerte er die schmale Straße zu seinem nächsten Schutzwall mit kleinen, vorsichtigen Trippelschritten.
Die Winkelgasse war sehr lang und verwinkelt. Einmal wäre er fast einem von Dumbledores Lakaien über den Weg gelaufen. Der Schweiß lief ihm bereits in Strömen und es dauerte fast eine ganze Stunde, ehe er die Gasse hinter sich gelassen hatte und er genau dort war, wo er hinwollte: In der Nokturngasse!
Ein plötzliches Gewitter zog auf und es blitzte und donnerte kurz. Dann klarte es wieder auf.
Harry zuckte mit den Schultern. Mit einem genauso plötzlich erscheinenden breiten Lächeln auf den Lippen verschwand er zwischen den dunklen Häusern, gespannt auf das, was ihn dort alles erwarten würde.