Das dunkle Ma(h)l

Unentschlossen durchwühlte er die T-Shirts auf dem Grabbeltisch in Death & Eater, einem Laden, den er nach nur wenigen Minuten in der Nokturngasse gefunden hatte. Die meisten der Kleidungsstücke waren schwarz, ein paar grün und sehr wenige dunkel- oder blutrot. Scharlachrot kam ihm selbstverständlich nicht in Frage. Wenn er nur an die Farbe Gryffndors dachte, wurde ihm speiübel.
Er zog ein T-Shirt mit der Aufschrift „Tokio Hotel" und einem Foto von einer Gruppe Jungen und Mädchen hervor und begutachtete es eine Weile kritisch. Er nickte anerkennend. Die sahen richtig schön pöhse und dark aus.
Er suchte nach weiteren T-Shirts von der Gruppierung, fand aber nur noch eines in rot. Also begnügte er sich mit einem grünen Slytherin-T-Shirt und einem schwarzen Oberteil mit einem giftgrünen Dunklen Mal darauf.
Als er bezahlte, grinste er in sich hinein. Oh, wenn ihn seine lieben Gryffindorfreunde jetzt sehen würde…
Freunde – pah! Bald schon würde er andere, wahre Freunde haben. Doch noch war es nicht soweit, denn ein wenig fehlte noch zu seiner grandiosen Wandlung zu einem dunklen, „emotionalen" Harry.
Er nahm die grün und silbern gestreifte Plastiktüte entgegen, dankte dem Verkäufer und verließ das Bekleidungsgeschäft D&E wieder.

Als nächstes müsste seine lächerliche Brille weg, ebenso wie seine ungepflegte, strubbelige Haarmähne. Harry schüttelte sich bei der Erinnerung an seinem Anblick im Spiegel kurz. Mal sehen, was sich da machen ließ.

Eine Weile hüpfte er vergnügt umher, immer auf der Suche nach einem weiteren verlockenden Laden.

Schon nach wenigen Minuten stieß er einen kleinen Jubelschrei aus. Ein Gebäude mit dem Namen „Hansi's Piercing-Studio" war eben vor ihm aufgetaucht.
Leise summend ging er hinein, die Rechtschreibfehler auf dem großen Namensschild ignorierte er.
Das Zimmer, das er nun betrat, wirkte gar nicht so düster, wie es von außen den Anschein genommen hatte. Es wirkte ziemlich steril und war in kalten, hellen Farbtönen gehalten.
„Schön' gud'n Tach." Ein Mann trat urplötzlich aus einer Tür am anderen Ende des Raumes. Er allerdings sah tatsächlich genauso schäbig aus, wie die Fassade des Gebäudes hatte vermuten lassen und war zudem recht beleibt. Unter seinem grauen T-Shirt quellte eine beachtliche fleischfarbene Wulst heraus.
„Morgen", nuschelte Harry und lächelte kurz unsicher. „Sind Sie Hansi?"
Der Mann starrte ihn schweigend an, nickte dann aber knapp.
„Äh, ich will ein Piercing haben", rief Harry.
Hansi nickte. „Schoa, das hab ich mir gedacht, nä."
Schweigen. Harry räusperte sich. „Ähm, äh – machen Sie auch Tattoos?"
„Schoa, Tattoos mach' ich auch. Also, auch noch ein Tattoo, nä?"
„Genau!" Harry freute sich. Die Augen des Ladenbesitzers wurden mit einem Mal schmal.
„Bist du denn auch schon volljährich, meen Jung?"
„Nein", antwortete Harry prompt. Im nächsten Moment hätte er sich am liebsten geohrfeigt.
Doch Hansi reagierte anders, als Harry erwartet hatte: „Gud, sonst hädde ich das auch nich' gemacht. Wär ja auch sonst nich' dunkel und böse, nä? Na, dann komm' ma' mit…"
Harry freute sich wieder und dackelte Hansi hinterher.

Harry konnte nur noch staunen, als er die vielen Fotos an den Wänden im hinteren Raum sah. Menschen mit unheimlich vielen Tätowierungen und noch zahlreicheren Piercings waren darauf abgebildet. Das Erstaunlichste war: Nur die wenigsten bewegten sich.
Harry warf Hansi einen kurzen Blick zu und stellte fest, dass er damit beschäftigt war, irgendetwas aus einem schmuddeligen Schrank zu holen.
Also warf er einen genauen Blick auf eine Bilderserie, die Männer in dunklen Roben zeigte, die stolz ihre linken Arme präsentierten. Harry kniff die Augen zusammen, um die Tätowierungen auf den Unterarmen zu erkennen. Dann japste er erschrocken und zugleich ehrfürchtig auf.
„SIE haben den Todessern die Dunklen Male verpasst!"
Hansi drehte sich langsam um und kam mit einem stolzen und zugleich hinterlistigen Lächeln auf ihn zu. „Bist ja ganz schön plietsch. Willst du auch so ein Mal haben?"
Harry überlegte eine Weile. "Hm, nein. Noch nicht. Ich will erst mal lieber eine Schlange."
"Eine Schlange? Schoa, das lässt sich einrichten. Wo soll die schlange denn hin?"
„Auf den Rücken. Den ganzen Rücken."
„Und das Piercing, wo soll das hin?" Hansi betrachtete prüfend Harrys Gesicht, als suche er einen geeigneten Platz dafür.
„Ich will ganz viele Piercings! In die Augenbrauen, in die Nase, in die Unterlippe, in die Zunge..."

Einige Stunden später kam ein gebückt gehender Harry Potter aus "Hansi´s Piercing-Studio" heraus. Sein Gesicht war im wahrsten Sinne des Wortes zugepflastert, und sprechen geschweige denn essen wäre nun für eine geraume Zeit auch nicht möglich.
Doch das konnte Harry nicht davon abhalten, sich nach einem passenden Friseur umzusehen. Schließlich musste etwas mit seinem Haar passieren. Und zwar schleunigst!

Neben einem Schnellimbiss namens "Das Dunkle Mal" - Harry hatte die Zweideutigkeit dieses Namens leider nicht verstanden - fand er den perfekten Laden. „Ohne Anmeldung, nur 11 Sickel pro Haarschnitt. Magische Haarverlängerung kostenlos."
Harry grinste sein Spiegelbild in der Glastür an, schrie erschrocken auf, als er sein verunstaltetes Gesicht sah und drückte stattdessen lieber schnell die Türklinke herunter.
Sofort wurde er von einem Mann begrüßt, der aussah wie eine billige Version von Lucius Malfoy und daher eher Gilderoy Lockhart ähnelte.
„Hallo, Hübscher. Na, was kann ich denn für sie tun?" Luceroy zwinkerte ihm keck zu.
„Äh. Ich, also..." Harry griff wieder nach der Türklinke. „Ich habe mich verlaufen, ´tschuldigung!" Er riss die Tür auf und stürmte hinaus. Seine Haare würden warten müssen. Aber wenigstens sah der Rest an ihm jetzt schön böse aus.
Sein Blick fiel auf den Imbiss. Verdammt, er hatte Hunger! Ob er wohl doch etwas zu sich nehmen sollte, trotz der tuckernden Schmerzen in seinem Mund?
Er umrundete den Stand, bis er die Menütafel sehen konnte - und erstarrte. Ein dunkles Augenpaar starrte Harry an.
„Potter!?" Severus Snape stand in der Bude und brutzelte gerade ein paar Würstchen.
„Snape!?"
„Potter!"
„Snape! Oh, es tut so gut, Sie zu sehen! Sie müssen mich unbedingt zum Dunklen Lord bringen, so schnell wie möglich!"


Snape grinste in sich hinein. Unfassbar. Zunächst war es unfassbar, dass er selbst hier als Koch eines Schnellimbiss´ stand (Aber was tat man nicht alles für seine Dunkle Lordschaft). Noch unfassbarer allerdings war, dass der absurde Plan tatsächlich funktioniert hatte.
Die gefälschten Briefe von Dumbledore, Miss Granger und Ron Weasley, die niemand anders als Snape selbst verfasst hatte, die zudem noch mit einem Nervengift getränkt waren, waren tatsächlich genauso bei Potter - der seit dem letzten Schuljahr ohnehin sehr labil und daher beeinflussbar war - angekommen, wie er es beabsichtigt hatte. Ein nettes Nervengift war es, es erzeugte Halluzinationen und Veränderungen des Charakters. Es wirkte auch relativ lang, 24 Stunden, um genau zu sein.
Den raffinierten Plan an sich hatte er von diversen so genannten "Fanfiction-Archiven", in denen oft dokumentiert wurde, wie Potter bereitwillig zur dunklen Seite wechselte und diese als richtig empfand. Neben Geschichten, in denen er mit allen erdenklichen Charakteren schlafen durfte waren ihm diese fast die liebsten.
Snape frohlockte innerlich. Hach, wie ihn der Dunkle Lord belohnen würde!
Es war ihm allerdings schleierhaft, weshalb Potter aussah, als wäre er von einer Horde Hooligans verprügelt worden. Aber immerhin, er suchte Kontakt zu ihm, einem Todesser.
Jetzt bloß den Unnahbaren spielen...
„Weshalb sollte ich das tun?", flüsterte er kalt und rückte die Kochmütze zurecht. Potters Gesichtsausdruck wechselte beängstigend schnell von enthusiastisch zu ratlos und wieder zurück.
"Weil, weil... Ich habe einen Sinneswandel durchgemacht. Ganz plötzlich! Ich will Todesser werden, sofort! Jetzt!" Er begann tatsächlich wie ein Kind auf und ab zu hüpfen und wedelte mit ein paar Tüten von „Death & Eater" herum.
„Und Sie glauben also, ich würde sie einfach so zum Lord mitnehmen, hm?"
Harry Potter nickte eifrig. Snape grinste.
„Nun gut. Da sie noch nicht apparieren können, werden wir wohl Seit-an-Seit-apparieren. Dazu müssen Sie sich einfach nur gut an mir festhalten...wo immer Sie wollen." Während er aus der Tür aus der Bude hinaustrat schloss er genüsslich grinsend die Augen, in den Erinnerungen einer Fanfiction gefangen, in denen er Harry Potter nach allen Regeln des Kamasutras verführt hatte.
„Sir, können wir uns jetzt duzen, jetzt, wo ich auch Todesser werde?"
Er machte neben Potter halt und bot ihm seinen rechten Arm an. „Nein. Halten Sie sich jetzt gut fest."


Harry griff sich an die Brust, die sich immer noch wie zugeschnürt anfühlte und atmete hektisch. Apparieren war wirklich fürchterlich!
Doch was er jetzt sah, ließ seinen Atem ohnehin stocken.
Auf einem dunklen Thron aus dunklem Stein saß der Dunkle Lord. Und lächelte ihn an. Freundlich. Wie ein Vater seinen lang vermissten Sohn.
"Das hast du gut gemacht, Severus. Sehr gut. Ich werde dich reichlich belohnen. Und nun zu dir, Harry Potter..."
Harry richtete sich lächelnd auf und lief mit ausgebreiteten Armen auf Voldemort zu.
"Avada Kedavra!"
Noch im Laufen fiel er tot um, sein Gesicht immer noch zu einem Lächeln verzerrt, seine Arme noch immer weit von sich gestreckt.
„Hm, das war ja leicht", murmelte der Dunkle Lord und griff sich die Tüten aus seinem Lieblingsshop und warf einen Blick hinein. „Na, Severus, hast du Lust, wieder Modeberater für mich zu spielen? Welches von denen steht mir am besten?"