Mistress and Master of Disaster

1.

Sie haben 25 neue Nachrichten. Lisa konnte es nicht fassen – 25 neue Mails?! Dabei hatte sie doch gerade mal eine halbe Stunde eher Feierabend gemacht. Missmutig ließ sie ihre Tasche auf den Boden fallen, bevor sie nach der Maus griff und den Posteingang-Button drückte. Terminbestätigung... Zahlungsaufforderung... Interviewanfrage... Ach ja, ein neuer PR-Chef musste ganz dringend her. Darum konnte sie sich nicht auch noch kümmern. Wieso eigentlich PR-Chef? Wieso nicht wieder eine Chefin? Oh man, Mariella fehlte an allen Ecken und Enden! Markenuhren zu besonders günstigen Konditionen... Internetcasino... Och nö, und Schweinkram auch noch! Verärgert schnappte Lisa sich den Telefonhörer. „Ja, Plenske hier. Was muss man eigentlich tun, damit Sie in der EDV-Abteilung Ihren Job machen? Ich habe schon wieder das ganze Postfach voller Spim... Spum... Ja, von mir aus auch Spam... mir egal, wie die heißen. Gibt es denn keine Möglichkeit, das abzuschalten?... Die Kurzfassung bitte... Nein, natürlich möchte ich nicht Gefahr laufen, dass wichtige Geschäftsmails in dem Filter hängen bleiben... Ja, verstehe... Nein... Ja, okay, gut, machen Sie das." Entnervt legte Lisa auf. Das konnte doch echt nicht wahr sein. Dagegen konnte man sich also partout nicht schützen!

Master of Disaster sucht dich! Einfühlsamer Typ, diskret und offen… Lisa konnte nicht fassen, was sie da las. Versehentlich hatte sie die unerwünschte Mail geöffnet statt sie zu löschen. Zum Profil mit Bild stand da. Lisa zögerte – wie wohl jemand aussah, der auf einer Homepage, die man mit Suchbegriffen wie Parkplatzsex und diskrete Sofortkontakte finden konnte, ein Profil erstellt hatte? Das war bestimmt ein kleiner verzweifelter hässlicher Wurzelgnom… so wie sie selbst einer war, schoss es Lisa durch den Kopf. Nur ein Klick und ihre Vorstellung würde bestätigt, ermutigte sie sich. Pflupp, da ging das neue Fenster auch schon auf. Und was für eine Überraschung – da musste man sich registrieren. Alles kostenlos, 100 diskret und anonym! Lisa schüttelte den Kopf – nicht mit ihr! „Lisa, entschuldige, aber…", platzte David plötzlich in die Szenerie. Augenblicklich wurde Lisa feuerrot. Bei dem Versuch, die verräterischen Fenster auf ihrem Computerbildschirm zu schließen, wäre es dann auch noch beinahe zu einer Kaffeeflut gekommen. „Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte dir nur die Bewerbungsunterlagen für die PR-Stelle bringen. Ich habe schon einmal eine Vorauswahl getroffen", unterrichtete er seine Vorgesetzte und gute Freundin über den derzeitigen Stand seiner Arbeit. „Ähm, danke. Ich werfe gleich einen Blick darauf." Doch statt wie Lisa es erwartete zu gehen, setzte David sich vor ihren Schreibtisch. „Ich wollte noch einmal mit dir reden… wegen des Missverständnisses neulich… also, als du geglaubt hast, wir hätten… na du weißt schon, miteinander geschlafen… nach der Weihnachtsfeier…" – „Ja, David, ich bin im Bilde", unterbrach Lisa das hilflose Gestammel ihres Gegenübers sichtlich peinlich berührt. „Also, was ich noch sagen wollte", fing David sich wieder. „Ich… also, du bist keineswegs unattraktiv oder so." – „David, ich war betrunken und es war ein Missverständnis. Du bist mir keine Rechtfertigung schuldig", wiegelte Lisa das Gespräch ab. „Ich wollte ja nur, dass du weißt, dass… also, dass nicht dein Äußeres daran schuld ist, dass du und ich… also, ich ziehe es nicht deshalb nicht in Betracht." - „Wenn es nicht mein Äußeres ist, wieso ziehst du es dann nicht in Betracht?", wollte Lisa sich Gewissheit verschaffen. Nervös begann David seine Finger zu kneten. „Es ist… also, du scheinst mir wenig Erfahrung mit dem anderen Geschlecht zu haben." – „Und das ist verkehrt?", schlussfolgerte Lisa. „Es… es macht mir irgendwie Angst. Weißt du, für den schnellen Spaß ist es… wie soll ich sagen? Zu ernst." – „Und wenn es nicht um den schnellen Spaß geht?", drängte Lisa David dazu, Stellung zu beziehen. „Darum geht es mir nicht. Ich meine, ich bin jetzt erst einmal frei und will das auch genießen. Was ich dir eigentlich sagen will… also, Lisa, ich mag dich sehr gerne", seufzte David. „Als Freundin", fügte er eilig hinzu. „Aber mehr auch nicht. Ich will einfach, dass du dir keine Hoffnungen mehr machst, okay?" – „Ähm, okay", beeilte Lisa sich zu sagen. „Ich sollte dann wohl mal die Bewerbungen durchsehen, oder?" – „Ja, mach das", erwiderte David. Er stand auf und ging zur Tür. „Ich bin froh, dass wir das geklärt haben. Es ist nicht immer leicht, mit dir umzugehen… wegen deiner Gefühle für mich und so."

Bis zur Mittagspause war Lisa mit den Bewerbungen beschäftigt. Die Entscheidung war aber auch zu schwierig – alle waren qualifiziert, hatten einen guten Ruf. Wenn sie die Entscheidung anhand des Bewerbungsfotos treffen müsste, würde sie wohl auf diesen Rokko Kowalski fallen. Der war irgendwie schnuckelig. Lisa ertappte sich sogar dabei, wie sie versuchte, sich vorzustellen, wie er ohne Schnurbart aussah. Damit sah er voll… voll porno aus – so würde Yvonne es wohl ausdrücken. Ach ja, Porno, diese dumme Spam-Mail, schoss es Lisa durch den Kopf. Die würde sie jetzt sofort in den Papierkorb verschieben. Entschlossen tätigte Lisa ein paar Handgriffe an ihrem Computer. Ob sie sich nicht doch das Profilfoto von diesem Master of Disaster ansehen sollte? Ja, genau. Sie würde sich diesen hässlichen Wurm ansehen und dann würde sie endlich Ruhe haben. Vielleicht würde sie sich dann nicht mehr so über diese unerwünschten Mails ärgern.

Benutzername? Öhm… Mistress of Disaster tippte Lisa ein. Geschlecht? Weiblich. Ort? Überall und nirgendwo. Lisa begann zu kichern. Wenn das nicht mal eine clevere Antwort war! Alter? Ein viertel Jahrhundert. Passwort: Passwort wiederholen: Und absenden.

Nervös trommelte Lisa auf ihrem Schreibtisch herum. Wo bloß die Bestätigung blieb? Sie haben Post. Ah, da war sie. Schnell auf den Link drücken und ab in diese verruchte Welt des… tja, das war dann wohl Cybersex…

Master of Disaster… der sah ja ganz passabel aus. Rundes Gesicht. Längere Haare. Freundliches Lächeln. Große, grüne Augen. Vorlieben? Nein, sie wollte ja nur das Bild sehen und nicht sein Profil auswendig lernen. Sie würde sich jetzt ausloggen und den Account einfach nie wieder öffnen. Dann würde er bestimmt bald gelöscht und niemand würde wissen, dass sie, die Mehrheitseignerin von Kerima Moda, sich auf solchen Internetseiten herumtrieb. Alle würden doch die falschen Schlüsse daraus ziehen – zu allererst David. Der würde doch glatt glauben, sie wollte so ihre Jungfräulichkeit loswerden, um für ihn interessanter zu sein.

„So, Feierabend", sprach Lisa mit sich selbst. Draußen war es schon lange dunkel und es war unter Garantie niemand mehr in der Firma. Seufzend wollte Lisa ihren Computer herunterfahren. Die Einladungen zum Vorstellungsgespräch würde sie einfach morgen in die Post geben. „Halt, einmal noch nach Mails gucken, damit das Postfach morgen nicht wieder auf allen Nähten platzt", ermahnte sie sich selbst. Lisa ließ sich wieder auf ihren Bürostuhl fallen und griff nach der Maus. „Sie haben eine neue Nachricht." Eine nur? Puh, noch mal Glück gehabt. Liebe Mistress of Disaster! Du scheinst ja zumindest vom Namen her, mein Gegenstück zu sein… Wie schade, dass du mein Profil zwar besucht, aber keine Nachricht hinterlassen hast. Überhaupt ist dein Profil ein wenig „suboptimal" erstellt. Wie siehst du aus? Was hast du für Interessen? Ich bin echt neugierig. Dein Master of Disaster. Oh nein, von wegen anonym und diskret. Jetzt wusste dieser Typ, dass sie sein Profil angesehen hatte. Die Nachricht sofort löschen, das würde das Problem beheben. Einfach alle eingehenden Mails von dieser… dieser Schweinkram-Seite ignorieren. Irgendwann würde sie wieder ihre Ruhe haben, sprach Lisa sich gut zu. Andererseits… die Mail wirkte doch sehr nett – kein „Lass uns poppen" oder „Wie groß sind deine Dinger?", sondern eine freundliche Aufforderung sich vorzustellen. Wieso sollte sie da nicht antworten? Nur ein einziges Mal – dann würde dieser Master of Disaster wissen, wer sie war und das war's dann. „Genauso", murmelte Lisa und dirigierte den Cursor auf den Antwort-Button.