27.

Lieber Bruno!

Ich weiß, du wolltest Abstand und ich war auch gerne bereit, dir diesen zu gewähren. Doch nun bist du schon drei Monate fort und hast dich nicht ein einziges Mal gemeldet. Ich möchte nur wissen, ob es dir gut geht.

Hier in Berlin ist alles beim alten. Nun ja, fast zumindest. Papa und Mama vermissen dich. Papa sagt zwar immer, dass er jetzt viel weniger reparieren muss, aber ich weiß, du fehlst ihm. Du fehlst uns allen – auch mir, deiner kleinen Schwester.

Wie gesagt, es ist mehr oder weniger alles beim alten. Kerima gehört immer noch Richard von Brahmberg und es sieht nicht so aus, als würden wir in den nächsten hundert Jahren etwas daran ändern können. Deine Schuhe sind eben schrecklich erfolgreich… Ich kotze nur ein wenig vor Neid.

Privat gebe es einige zu berichten, aber ich weiß nicht, wie du darauf reagierst, also fange ich mir den harmlosen Sachen an: Mariella schiebt eine Kugel. Nein, nicht beim Bowling. Sie ist schwanger! Ist das nicht schön? Sie und David werden Eltern. Okay, das mit der Kugel ist übertrieben – bisher sieht man nur einen kleinen Bauchansatz, aber immerhin. Das Kugel-Stadium kommt bestimmt auch bald. Ich freue mich wahnsinnig für die Beiden. Bei derartigen Neuigkeiten ist irgendwie klar, dass Kerima und die Übernahme in den Hintergrund rücken, oder? David hat sich verändert, seit er weiß, dass er Vater wird. Er ist übervorsorglich, wenn es um Mariella geht, aber gleichzeitig lässt er sich nicht mehr so schnell provozieren. Er ist nicht mehr so auf Kerima fokussiert. Klar, die Firma bedeutet uns allen viel, aber B-Style läuft gut und wenn sich ein Übernahmezeitpunkt bietet, werden wir den auch nutzen, aber wenn sich erstmal keiner bietet, ist das nicht das Ende der Welt.

Jürgen geht es auch gut. Er lässt grüßen. Sein Kiosk läuft rund und ist immer noch mein Lieblingstreffpunkt… unter anderem auch, weil es dort Schokolade gibt. Jürgen sagt immer: „Komm auf die dunkle Seite. Wir haben Kekse." Nun ja, so oder so ähnlich eben… *grins*

Hannah geht es auch gut. Sie designt weiterhin für B-Style – mit großem Erfolg wie bereits erwähnt. Sie spricht von sich immer als vom „einsamen Genie", weil sie im Moment keinen Lebensgefährten hat… Allerdings würde ich an ihrer Stelle einiges auch auf den Zeitmangel schieben. Sie ist eben unglaublich gefragt…

Tja, nun bleibt mir wohl nur noch von mir selbst zu berichten: Rokko und ich sind immer noch zusammen. Ich ziehe demnächst bei ihm ein – geplant ist das Unternehmen „Schnattchen verlässt das Nest" für nächstes Wochenende. Mama und Papa halten sich tapfer. Es würde ihnen nichts ausmachen, sagen sie immer. So kriegt Mama wenigstens ihr Nähzimmer (Mama hat noch nie genäht, wenn ich mich richtig erinnere *grins*), sagt Papa immer. Naja, ich bin ja nicht aus der Welt. Ich bin ja dann nur in Berlin.

Vor 14 Tagen waren Rokko und ich bei seiner Schwester zu Besuch. Amelie ist wirklich nett, das wusste ich ja schon, und ihr Ehemann auch. Rokko findet es unglaublich schade, dass er erstmal nur von der B-Style-Seite der Familie Onkel wird und nicht von seiner Seite der Familie aus. Amelies Buch über diese Eiskunstläuferin ist eingeschlagen wie eine Bombe. Rokkos Illustrationen sind aber auch zu schön. Wenn du willst, schicke ich dir ein Paket und stecke es mit rein.

Weißt du, ich beneide Rokko und Amelie um ihre geschwisterliche Beziehung zueinander. Sie telefonieren so oft und es liegt so viel Wärme in dem, was sie sich so erzählen. Ich wünschte, ich hätte so ein Verhältnis zu dir. Ich schätze aber, dafür hätten wir gemeinsam aufwachsen müssen. Übrigens habe ich jetzt auch ein Skype. Wenn du mich mal kontaktieren willst: Miss_Little_Disaster. Ja, ich weiß – nicht sonderlich einfallsreich.

Ansonsten hoffe ich natürlich, dass es dir gut geht, wo auch immer du gerade bist und was auch immer du gerade machst. Ich würde mich freuen, endlich einmal von dir zu hören.

Deine kleine Schwester Lisa.

Die Verfasserin dieser E-Mail griff nach der Maus und beförderte den Cursor auf den „Absenden"-Button. Sollte sie? War das nicht zu aufdringlich? Bruno wollte doch seine Ruhe und Abstand und… Er hatte sich eine kleine Ewigkeit nicht mehr gemeldet. Es war eine gute Idee, auf ihn zu zugehen, ermutigte Lisa sich.

Liebe Lisa!

Vielen Dank für deine liebe E-Mail. Drei Monate ist meine Abreise aus Berlin schon her? Boah, es kommt mir gar nicht so lange vor. Die Zeit vergeht hier wie im Flug.

Es ist unglaublich warm hier in Ungarn. Ich bin nicht mehr in Budapest – zumindest für den Sommer. Ich habe mich in der ungarischen Hauptstadt wirklich gut eingelebt. Ich hatte das Glück, an eine Schusterwerkstatt zu geraten, die genau meinen Arbeitsstil vertritt (kreatives Chaos eben *grins*). Ich wollte dort so viel lernen, doch der Meister dort meinte, es gäbe nichts mehr, was er mir noch beibringen könnte. Eingestellt hat er mich trotzdem. Anfänglich habe ich viele junge Leute ausgebildet. Jetzt hat das Unternehmen Sommerpause und wir tingeln mit unseren Produkten von einem Pullovermarkt zu anderen – auf Touri-Fang quasi. Es läuft gut, richtig gut. Wenn ich ehrlich bin, dann ist es genau das, was ich mir immer gewünscht habe. So reizvoll meine Aufgabe bei Kerima auch war: Das ist einfach nicht meine Welt gewesen. Heute kann ich ehrlich sagen, dass es eine wichtige Erfahrung war, aber nichts für mein ganzes Leben. Ich mag Ungarn – das Land, die Leute, meine Arbeit hier. Es ist warm – ein bisschen zu warm für meinen Geschmack, aber nichts ist perfekt, oder? Giulia, eine Kollegin von mir, ist aus der Gegend rund um den Balaton (da sind wir gerade) und wenn wir nichts gerade Schuhe an den Touristen bringen, dann zeigt sie mir die Gegend. Sie hat unglaublich viel Temperament – ein bisschen zu viel für mich alten Mann, glaube ich. Ich mag sie und ich glaube, so ganz unsympathisch bin ich ihr auch nicht.

Was die Neuigkeiten aus Berlin betrifft: Helga und Bernd fehlen mir auch – grüße sie von mir und sag ihnen, dass sie jederzeit herzlich Willkommen bei mir sind.

Kurz nach meiner Ankunft hier erreichten mich Nachrichten aus Kalehne – die Chemotherapie meiner Mama verursachte mehr Rückschläge als Fortschritte. Das hat mich sehr traurig gemacht. Ich melde mich regelmäßig bei ihr und laut ihr und Herrn Lehmann war das nur eine Art Phase. Im Moment geht es aufwärts mit ihr.

Es freut mich zu lesen, dass Mariella und David ein Kind kriegen. Für mich persönlich kann ich mir das ja so gar nicht vorstellen… ich meine, ich als Vater. Dafür müsste ich wohl selbst erstmal erwachsen werden *grins*.

Und nun zum unumgänglichen Teil dieser Mail: Du und Rokko. Nun, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mich nicht freut für euch. Das tut es definitiv und gleichzeitig breitet sich so ein seltsames Gefühl in mir aus. Zusammenziehen ist ein großer Schritt und ich hoffe sehr, er benimmt sich wie ein Gentleman. Nein, es ist keine Eifersucht, die sich in mir breit macht, mehr so ein Beschützerinstinkt und ich wage es kaum, ihn zuzulassen, weil… du weißt selbst, wie obsessiv ich sein kann. Von daher nur das: Frohen Umzug. Genieß die neue Freiheit und deine Beziehung und so. Ich wünsche dir und Rokko nur das Beste und ich hoffe, er weiß zu schätzen, was er an dir hat.

Ich habe sehr lange über das, was du über Amelie und Rokko geschrieben hast, nachgedacht. Richtig, wir sind nicht zusammen aufgewachsen und haben Erfahrungen gemacht, die andere Geschwister nicht machen. Gerade das sollte uns doch irgendwie zusammenschweißen, oder? Ich kann mir nicht erklären, wie der Kontakt zwischen uns so abreißen konnte. Ich schätze, ich habe es mit meinem Wunsch nach Abstand und Zeit zum Nachdenken (oder viel mehr zu-mir-selbst-finden) ein wenig gut gemeint. Ich freue mich, dass du mir deinen Skype-Namen gegeben hast. Ich lege mir gleich heute Abend auch einen zu und dann können wir auch Geschwister-Telefon-Sessions machen. Es würde mich freuen, wenn wir mal wieder reden könnten. Übrigens: Ich weiß, ich habe Helga und Bernd gerade virtuell nach Ungarn eingeladen und wenn ich so darüber nachdenke: Ich würde mich auch freuen, dich und Rokko hier zu begrüßen. Das hätte ich vielleicht gleich schreiben sollen. So hast du bestimmt gedacht, ich hätte immer noch ein Problem. Ich denke, ich habe es hinter mir gelesen. Ich wünschte, wir könnten eines von diesen Ex-Pärchen sein, die hinterher beste Freunde für immer sind…

Im Übrigen freue ich mich auch für Hannah und ihren Erfolg. Sie ist ein liebes Mädchen und findet ganz sicher auch einen Mann, der zu ihr passt… irgendwann findet sie die Zeit dafür schon und wenn nicht gibt es ja immer noch Internetportale. Ach ja, es gibt keinen Master of Disaster mehr in dieser Sex-Kontakte-Börse, über die wir uns kennengelernt haben. Es erschien mir irgendwie deplatziert, weiterhin dort zu sein – mal abgesehen davon, dass ich ohnehin nie ernsthafte Angebote gekommen habe *hüstel*. Außerdem glaube ich, dass es Giulia unglaublich enttäuschen würde, wenn sie so etwas erfahren würde. Bei aller Vorliebe für Mode: Sie ist ein bisschen altmodisch…

Ansonsten bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als dir viele liebe Grüße zu senden.

Dein großer Bruder Bruno

Lieber bester Freund-Bruder!

Du glaubst nicht, wie sehr mich deine Zeilen freuen. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder einmal mit dir zu sprechen und natürlich mehr von Giulia zu erfahren.

Du hast viel geschrieben, was mich sehr, sehr glücklich macht… aber auch nachdenklich – auf eine positive Weise. Ich wäre sehr gerne deine beste Ex-Freundin-Schwester – man muss ja auf die besonderen Umstände unserer Situation eingehen, ne? *grins*. Rokko lässt grüßen!

Hier in Berlin ist es auch warm, aber nicht wirklich heiß. Alles andere erzähle ich dir später persönlich.

Deine beste Freundin-Schwester Lisa